Maroni, Mord und Hallelujah - Manfred Baumann - ebook

Maroni, Mord und Hallelujah ebook

Manfred Baumann

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Opis

Weihnachten hat sich Kommissar Merana anders vorgestellt. Dass er mitten auf dem berühmten Salzburger Christkindlmarkt plötzlich dem Christkind gegenübersteht, passt ja noch ganz gut zur weihnachtlichen Idylle. Aber dass dieses Christkind mit einer Pistole auf ihn zielt, stört den Weihnachtsfrieden doch erheblich. Und schon ist der Kommissar unfreiwilliger Hauptdarsteller einer aberwitzigen Rallye durch das weihnachtliche Salzburg, mit grimmigen Schiachperchten und verschwundenen Erzengeldarstellern.

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Manfred Baumann

Maroni, Mord und Hallelujah

Kriminelle Weihnachten

Impressum

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © bit.it / photocase.de

Illustrationen: Simone Hölsch, unter Verwendung von: © Can Stock Photo Inc. / iaRada, © Can Stock Photo Inc. / Kamensky

ISBN 978-3-8392-4464-7

Maroni, Mord und Hallelujah

In dem Augenblick, als Martin Merana nach dem heißen Glühweinbecher griff, um mit seinen beiden Mitarbeitern Carola Salman und Otmar Braunberger anzustoßen, passierte zweierlei: Der Klang von Posaunen setzte ein, und es begann zu schneien. Das ist ja wie inszeniert!, dachte Merana. Die Bläser spielenLeise rieselt der Schnee,und der beginnt tatsächlich zu rieseln. Das fühlt sich an wie großes Weihnachtstheater. Er reckte das Gesicht zum Himmel, ließ die dicken Schneeflocken auf sein Gesicht gleiten, auf Stirn, Augen, Wangen, Nase. Er öffnete den Mund, spürte die kleinen weißen Schneekristalle, die sacht auf seiner Zunge landeten. Er fühlte sich um Jahrzehnte zurückversetzt, in seine Kindheit. Da hatte er es auch geliebt, sich die Flocken ins Gesicht tropfen zu lassen wie zarte, kitzelnde, erfrischende Küsse.

… freue dich,’s Christkind kommt bald.

Merana reckte den Hals. Er konnte nicht genau ausmachen, woher die Musik kam, das Gedränge rings um den Glühweinstand war zu dicht. Vermutlich waren die Musiker irgendwo unter den Dombögen postiert, vielleicht auch auf den Eingangsstufen der Kathedrale. Jedenfalls breitete sich der Klang der mehrstimmigen Bläserweise wie eine feine Decke über dem Platz aus. Merana hatte sich vor zwei Stunden gewundert, dass seine Stellvertreterin, Chefinspektorin Carola Salman, in sein Büro gekommen war, um ihn zu einem spontanen Besuch des Christkindlmarktes in der Salzburger Altstadt zu überreden. Das war sonst gar nicht ihre Art. Er hatte gezögert, hatte erwidert, wenn schon, dann wolle er lieber zum Adventmarkt nach Hellbrunn. Aber dann war auch noch Otmar Braunberger dazu gestoßen, der meinte: »In Hellbrunn bist du ohnehin oft genug, Martin, lass uns in die Stadt gehen!« Und so stand er eben jetzt mit seinen zwei engsten Mitarbeitern vor der Glühweinhütte in der Mitte des Domplatzes, eingepfercht zwischen Weihnachtsengeln, Krippenfiguren, Lichterketten, Christbaumkugeln, duftenden Bratwürsten und Tausenden Besuchern, mit tanzenden Schneeflocken vor den Augen, und lauschte den Klängen des Bläserquartetts, das nun den Anfang von Süßer die Glocken nie klingen intonierte. Das Lachen, das an sein linkes Ohr drang, klang auch süß. Es kam von zwei Italienerinnen, die hellauf glucksten und an ihren Gläsern mit ›Aperolpunsch‹ nippten. Dieses Gebräu war zur Zeit das absolute In-Getränk auf dem Salzburger Christkindlmarkt.

Wenn er sich recht erinnerte, dann gab es dieses vorweihnachtliche geschäftige Treiben rund um den Dom schon sehr lange. Und als hätte Abteilungsinspektor Otmar Braunberger Meranas Gedanken erraten, sagte er unvermittelt: »Was man bei den alten Weibern für schöne Sachen zu kaufen finden kann.« Der Kommissar wusste mit dieser Bemerkung seines Mitarbeiters nicht so recht etwas anzufangen. Auch die Chefinspektorin blickte leicht verwundert drein. »Keine Angst, Carola, das mit den alten Weibern ist keine Respektlosigkeit gegenüber der Damenwelt hier im weiten Rund, sondern ein Zitat aus dem 15. Jahrhundert.« Der Abteilungsinspektor lachte und hob seinen Glühweinbecher. Die Angesprochene verstand immer noch nicht, was Otmar Braunberger meinte. »Also gut, dann muss ich den beiden Chefermittlern eine kurze Einführung in die Geschichte des Salzburger Christkindlmarktes geben.« Bevor er dieses Vorhaben in die Tat umsetzte, wandte der Abteilungsinspektor sich kurz um und fragte den pausbäckigen Mann in der Glühweinhütte, ob er vielleicht ein kleines Bier haben könnte. Der Glühwein sei zwar sicher von edler Qualität, fügte Braunberger hinzu, und die raffinierte Gewürzmischung gewiss über alle Maßen zu loben, aber ein herzhaftes Hopfengetränk wäre ihm jetzt doch lieber. Der Pausbäckige grinste, langte unter die Schank, holte eine kleine Flasche hervor und reichte sie dem Polizisten. Der öffnete den Drehverschluss, nahm einen ausgiebigen Schluck und ließ im Ausatmen einen Ausdruck des Wohlwollens vernehmen.

»Also, meine Lieben, dann darf ich kurz ausholen. Die alten Weiber, bei denen man schöne Sachen zu kaufen findet, wie es in einem überlieferten Lied heißt, bezieht sich auf die Standlerinnen des alten Tandlmarktes, der schon im Mittelalter hier rings um den Dom abgehalten wurde. Daraus wurde allmählich ein beliebter und viel besuchter Vorweihnachtsmarkt, der im 17. Jahrhundert in den Chroniken als Nikolaimarkt auftaucht.«

»Das heißt, der Markt hatte damals nicht das Christkind im Namen, sondern den Heiligen Nikolaus.«

Der Abteilungsinspektor prostete Merana zu. »Wunderbar kombiniert, Martin. Man merkt halt doch, dass du der Chef bist.« Er zwinkerte dem Kommissar zu und lachte feixend.

Der Chef der Salzburger Kriminalpolizei boxte seinem Abteilungsinspektor freundschaftlich gegen den Oberarm. »Verarschen kann ich mich selber. Und du musst mir auch nicht erzählen, dass viele Jahrhunderte lang der Nikolaustag, also der 6. Dezember beziehungsweise der Vorabend, der eigentliche Gabentag in der Weihnachtszeit war. Einander Geschenke am 24. und 25. Dezember zu überreichen, ist eine viel jüngere Tradition.«

Braunberger hob erneut anerkennend die Flasche, ersparte sich aber jegliche Bemerkung. Carola prostete mit. Sie hatte einen Aperolpunsch gewählt, Merana war lieber beim guten alten Glühwein geblieben. Inzwischen waren die Bläser in der Ferne bei Alle Jahre wieder angekommen. Der Schneefall nahm zu. Auf den schwarzen Locken der immer noch glucksenden Italienerinnen bildeten sich weiße Flockenkronen. Merana blickte sich um. Ein vielstimmiges fröhliches Geschnatter, untermalt von Posaunenklang und Lachen, drang an sein Ohr. Fast eine Million Besucher aus der ganzen Welt kam jedes Jahr hierher, um in das funkelnde Glitzerreich des berühmten Salzburger Christkindlmarktes einzutauchen. »Also Martin, auf einen weiterhin schönen Abend!« Seine Stellvertreterin hob erneut ihr Punschglas. Während sie behutsam einen Schluck nahm, richtete sie ihren Blick auf den Kommissar. Es blitzte kurz in den grauen Augen auf, und ein seltsames Lächeln stahl sich in ihr Gesicht. So kam es Merana zumindest vor. Aber vielleicht waren es auch nur die Lichter der hell erleuchteten Stände der Umgebung, die sich auf dem Gesicht der Chefinspektorin spiegelten. Merana spürte, wie ihm plötzlich warm wurde. Kam das vom Glühwein? Gut, dass er nicht mit dem Auto in die Stadt gefahren war. Er würde wohl auch für die Heimfahrt ein Taxi nehmen und seinen Wagen in der Polizeidirektion stehen lassen. Er blickte hoch. Obwohl es in dicken Flocken auf sie herabschneite, und man den Eindruck hatte, eine weiße Decke schwebe über ihnen, gab es trotzdem einen Sternenhimmel auszumachen. Über ihnen schimmerten die vielen Lichter der großen sternförmig gespannten Girlanden, die sich über den gesamten Markt zogen. Ein Lichtermeer vor der hell erleuchteten Fassade des Doms. Das ist so kitschig, dass es schon wieder schön ist, dachte Merana. Und die weißen Mauern der Festung Hohensalzburg, die in der Entfernung hoch über ihnen von Scheinwerfern bestrahlt aus dem Schneeflockennachthimmel geschält wurden, verstärkten noch den märchenhaften Eindruck. Merana löste seinen Blick von Lichterketten und Festungszinnen. Gut, beschloss er für sich, einen Becher Glühwein noch, dann ist Schluss. Noch ehe er seine Bestellung äußern konnte, drückte ihm seine Stellvertreterin schon die dampfende, frisch gefüllte Keramikschale in die Hand. Wieder konnte er dieses schwer zu deutende Lächeln in Carolas Blick erkennen. Das verwirrte ihn. Wenn er es nicht aufgrund ihrer über die Jahre gewachsenen Freundschaft besser wüsste, würde er annehmen, sie versuchte mit ihm zu flirten. Er beugte sich vor und drückte der Chefinspektorin einen Kuss auf die Wange. Dabei mussten sich seine Lippen durch ein paar Schneeflocken auf Carolas Haut ihren Weg bahnen. »Mille grazie für den alkoholischen Nachschub, Frau Kollegin. Diesen einen Becher noch, dann lass ich es für heute genug sein.«

Er nahm vorsichtig einen Schluck, verbrannte sich dennoch leicht die Zunge. Und noch einmal vermeinte er, dieses seltsame Lächeln in Carolas Augen wahrzunehmen. Doch er kam nicht dazu, sich weiter Gedanken darüber zu machen, denn er spürte plötzlich einen heftigen Stoß im Rücken. Er drehte sich um, und konnte mit der freien Hand gerade noch verhindern, dass ein Mann mit dunkler Jacke und Umhängetasche zu Boden stürzte.

»Hallo, was ist mit Ihnen los? Ist Ihnen schlecht?«

Der Mann stöhnte. Seine Beine gaben nach, und er sackte in den Schnee. Merana vermochte ihn nicht zu halten. Ein paar der Umstehenden hatten die Szene mitbekommen. Rufe des Erschreckens wurden laut.

»Was ist denn mit dem los? Hat der zu viel gesoffen?«, kreischte eine Frau im orangefarbenen Anorak. Merana reichte Otmar seinen Becher und ging in die Hocke. Carola hatte sich ebenfalls hinuntergebeugt und versuchte, den Mann an der Jacke zu fassen, um ihm aufzuhelfen. Das Stöhnen wurde lauter. Die Chefinspektorin zog erschrocken die Hand zurück. Rote Flecken zeigten sich auf ihren Fingern.

»Blut. Der Mann ist schwer verletzt.« Nun war kein Lächeln mehr in ihrem Gesicht, nur Verwirrung. Merana richtete sich auf. Ist ein Arzt hier?, wollte er rufen, doch was er in diesem Augenblick sah, ließ ihn innehalten. Vor ihm stand das Christkind. Das wäre an sich noch nicht verwunderlich gewesen auf dem Salzburger Christkindlmarkt. Aber das Christkind hatte eine Pistole in der Hand. Und diese Pistole zielte auf den Kommissar.

»Gehen Sie von dem Mann weg!«, rief das Christkind. Die dunkle, fast rauchige Mezzosopranstimme passte so gar nicht zum goldenen Gewand, dem blondgelockten Haar und den weißen Engelsflügeln der Person. Merana hätte eine glockenhelle Stimme erwartet, mehr kindlich oder mädchenhaft.

»Zurück, oder ich schieße!« Die Mezzosopranstimme wechselte in eine höhere Lage.

Bin ich in einer total durchgeknallten Traumsequenz?, hallte es in Meranas vom Glühwein leicht diffusem Kopf. Sitze ich gleich schweißgebadet in meinem Bett, froh, dass alles nur ein Traum ist? Aber die Pistole in der Hand des Christkindes war echt. Daran bestand kein Zweifel. Eine Glock 20, Kaliber 10 Millimeter. Und die Waffe war auf ihn gerichtet. Das machte ihm Angst. Er spürte, wie sich in seinem Magen etwas zusammenschnürte wie ein schweres, nasses Bündel von Tannenzweigen.

»Komm, Martin, die meint es ernst.« Carola packte ihn am Arm und zog ihn zurück, weg von dem Mann, der immer noch röchelnd vor ihnen im Schnee kauerte. Merana konnte nicht fassen, was sich hier seinen Augen bot, mitten auf dem Salzburger Christkindlmarkt, über dessen lichterhell geschmückten Ständen weiterhin der Klang der Posaunen schwebte. Vom Himmel hoch, da komm ich her. Von dort kam diese merkwürdige Gestalt mit den großen Engelsflügeln sicher nicht. Die Frau im Christkindkostüm, die mit einem Revolver auf ihn zielte, wirkte total irdisch. Was machte sie hier? Was hatte sie mit dem verwundeten Mann auf dem Boden zu tun? Hatte sie ihn angeschossen? Die Gedanken in Meranas Kopf begannen sich zu drehen wie ein Engelskarussel, angetrieben von der aufsteigenden Hitze, entflammt durch Kerzen. Inzwischen waren auch die meisten der Umstehenden auf die absonderliche Szene aufmerksam geworden. Das aufgekratzte Geplauder erstarb allmählich. Alles starrte auf die Erscheinung im goldenen Gewand mit den Engelsflügeln, auf das Christkind, das mit weit nach vor gestreckten Armen eine Pistole in den Händen hielt.

»Is des iatzt a neuer Brauch da in Salzburg, von dem mia no nix wissen?«, rief ein dicklicher Mann in Trachtenjoppe, dem Akzent nach unzweifelhaft ein Bayer. Er machte einen entschlossenen Schritt auf das Christkind zu. »He du, Dirndl, willst uns du da für bled verkafa …?« Weiter kam der Bayer nicht, denn in diesem Augenblick erschallte ein vielstimmiges Halleee! Halleee! Hallehelluuujah! Eine Schar kleiner Gestalten stürmte aus der Gasse zwischen Glühweinhütte und Duftkerzenstand, gekleidet in bunte Joppen und Schaffelljacken, mit Hirtenstöcken und Musikinstrumenten. Es hat sich halt eröffnet das himmlische Tor!, sangen die Hirtenkinder und drückten den Leuten vor den Ständen kleine Päckchen in die Hände. Die Engalan, die kugalan ganz haufenweis hervor …! Gleich hinter den Hirtenkindern tauchten weitere Gestalten auf, riesig, zottelig, furchteinflößend, als wären sie einem Fantasyfilm entsprungen. Die Perchten aus dem Gasteinertal. Sie machten mit ihren umgeschnallten riesigen Kuhglocken einen Höllenlärm. Merana hatte gelesen, dass die finsteren Gestalten aus Gastein heute ihren Auftritt am Salzburger Christkindlmarkt hätten. Aber er hätte sich nicht träumen lassen, dass er plötzlich mitten unter ihnen war. Schellengeläute und wildes Rufen erfüllten den Platz, dazwischen gellte das Gekreische erschrockener Besucher, und die Kinder hüpften weiterhin fröhlich zwischen den Leuten herum und sangen Halleee! Halleee! Hallehelluuujahn!

Hoffentlich dreht die Frau mit der Pistole jetzt nicht durch. Wenn die ihre Nerven wegschmeißt und in diesem undurchsichtigen Tumult zu schießen anfängt, dann gibt das ein Massaker. Meranas Angst wuchs. Das Bündel nasser sticheliger Tannenzweige in seinem Magen schwoll an, blähte sich auf. Er spürte seinen Herzschlag im Hals. Die Hirtenkinder und die Zottelperchten drängten die Menschen auf dem Platz auseinander, schoben sich weiterhin mit Gesang und Gebrüll zwischen die Leute. Auch Merana und Carola wurden von einem Zweimeterwesen mit weiß-braunem Fell und beeindruckend mächtigen gedrehten Hörnern auf dem Kopf gegen die Frontwand der Glühweinhütte gedrückt. Der gesamte Auftritt dauerte keine halbe Minute, dann war die wilde Schar schon an ihnen vorbei und stapfte weiter in Richtung Franziskanerkirche. Die Besucher an der Glühweinhütte waren ganz benommen vom eben erlebten Spektaktel. Die Italienerinnen hatten sich erschrocken beim breitschultrigen Bayern untergehakt. Sie zitterten am ganzen Leib.

»Wo ist die Frau mit der Waffe?«

Merana sah sich um. Das Christkind war weg! Keine Spur von der Blondgelockten mit der Glock 20. Und zu seiner totalen Verwunderung musste der Kommissar feststellen: Auch der verletzte Mann war verschwunden!

»Habt ihr etwas gesehen?« Merana musste schreien, um den Lärmpegel rings um sie zu übertönen. Alle riefen durcheinander. Carola und Otmar schüttelten die Köpfe, blickten hektisch nach allen Seiten. »Das darf es doch nicht geben. Wo ist die Frau hin? Und was ist mit dem Verletzten?«

Im zertrampelten Schnee lag nur mehr die Umhängetasche, die der Verwundete bei sich gehabt hatte. Merana bückte sich danach. Neben der Tasche entdeckte er eine kleine Papiertüte. Er hob die Tasche auf. Sie war aus schwarzem Stoff. Auf der Vorderseite prangte ein großes Peace-Zeichen in schrillem Rot. In der Tasche fand er einige Folder mit der Ankündigung zu einem Adventsingen und fünf kleine Kugeln in Silberpapier.

»Mozartkugeln.«

»Das sind dieselben wie in den Päckchen der Hirtenkinder.« Carola deutete auf das kleine Präsent, das ihr eines der vorbeistürmenden Kinder in die Hand gedrückt hatte. Eine Einladung zum Adventsingen, samt Tannenzweig und Original Salzburger Mozartkugel.

»Und da sind Maroni drin.« Otmar Braunberger hatte die Papiertüte, die neben der Tasche gelegen war, geöffnet. Merana starrte in die Gesichter seiner Mitarbeiter. Sie waren ähnlich verwirrt wie er selbst. Was war hier eben passiert? Ein Mann war gegen ihn gestürzt, zusammengebrochen, offenbar schwer verletzt. Keine zwei Sekunden später stand plötzlich eine Frau im Christkindkostüm vor ihnen, bewaffnet mit einer Glock 20 Halbautomatik. Und wer weiß, was die Kostümierte mit dem einschreitenden Mann aus Bayern angerichtet hätte, wären nicht gleich darauf wild gewordene Hirtenkinder und Perchten über den Platz gestürmt. Und nun waren alle verschwunden: Zottelperchten, Kinder und vor allem der Verwundete und das bewaffnete Christkind.

»Ich kümmere mich um Verstärkung. Wir müssen die Verrückte einfangen.« Otmar hatte schon sein Handy gezückt. Merana nickte. Sie mussten die Frau finden, die Waffe sicherstellen. Aber die Frage, die ihn mindestens genauso beschäftigte: Wer war der schwer verletzte Mann, und wo war er hingekommen?

»Komm, Carola. Wir suchen den Maronistand auf. Vielleicht kann sich jemand an den Mann mit der Umhängetasche erinnern.« Er rannte los, die Chefinspektorin folgte ihm. Sich am Maronistand zu erkundigen, war nur ein schwacher Versuch, Licht in diesen rätselhaften Vorfall zu bekommen, aber sie mussten etwas unternehmen. Die Tüte mit den gebratenen Kastanien konnte auch jemand anderer verloren haben. Es war schwierig, sich einen Weg durch die Massen der Besucher zu bahnen. Allerlei Gerüche erreichten Meranas Nase: Punscharomen, der Duft von Würsten und gebrannten Mandeln. Eine Frau im Pelzmantel versperrte dem Kommissar den Weg. Sie hielt mit leuchtendem Gesicht zwei große mundgeblasene Glaskugeln hoch, Christbaumschmuck von besonders feiner Ausführung, die sie eben an einem der Kunsthandwerksstände erworben hatte. Sie kreischte auf, als Merana keine fünf Zentimeter vor ihr abbremste. Vor Schreck öffnete sie die linke Hand, ließ das rote Band los. Merana tauchte ab in die Hocke und konnte die Glaskugel gerade noch auffangen, bevor sie auf dem Boden zerbarst. Die Frau war völlig verdattert, stotterte ein »Thank you, Sir« mit britischem Akzent heraus, als der Kommissar ihr die Kugel samt Band wieder in die Hand legte. Dann stürmte er weiter. Carola war ihm bereits einige Meter voraus. Sie erreichten die Dombögen, umkurvten einen Mann mit Trachtenhut, der einen zusammengeschnürten Christbaum durch die Menge balancierte, wandten ihre Schritte nach links und drängten sich durch eine Gruppe kichernder Asiaten. Was soll das bedeuten? intonierten nun die Posaunen vor der Kathedrale, die Melodie eines alten Weihnachtsliedes aus Schlesien. Ja, was soll das alles bedeuten?, fragte sich auch Merana, als sie endlich beim Maronibrater ankamen. Doch zu dem schaufelbewehrten Mann durchzukommen, der mit routinierten Bewegungen Papiertüten mit gerösteten Kastanien füllte, war nicht einfach. An die 20 Personen standen dichtgedrängt vor dem heißen Ofen. Die Unmutsäußerungen, die Merana und der Chefinspektorin entgegen schlugen, waren vielsprachig: salzburgisch, wienerisch, sächsisch, tschechisch, japanisch. Doch die beiden Ermittler hatten keine Zeit, sich um Völkerverständigung zu kümmern.

»Herr Kommissar!«, rief der Mann mit der Maronischaufel aufgeregt, als Merana es bis zu ihm geschafft hatte. Trotz der Hitze, die der Maroniofen ausstrahlte, trug der Maronibrater eine rote Zipfelmütze. »Guat, dass Sie daherkommen, schauen S’ amoi!« Der Mann fasste in die große Tasche seiner blauen Schürze und hielt dem Kommissar einen länglichen dunklen Gegenstand vors Gesicht, in der Größe eines Handy. Aber das war kein Handy. Das war eindeutig das Stangenmagazin einer Glock-Pistole, passend für 15 Patronen. Merana war verwirrt.

»Woher kennen Sie mich?«, fragte er den Mann hinter dem Maroniofen überrascht. Der starrte ihn kurz an, dann schaute er auf die Chefinspektorin, die sich eben an einer Frau im gelben Anorak vorbeigedrängt hatte. »Woher ich Sie kenne …?« Carola wurde unwirsch. »Das spielt doch jetzt keine Rolle. Wahrscheinlich aus der Zeitung. Wo haben Sie dieses Magazin her?«

Der Zipfelmützenträger griff sich an den Kopf. »Genau, aus der Zeitung kenn i Eahna. Von irgend so einem Mord …« Dann rief er laut: »Dieses Glumpert da hat die Gundi verloren, als sie vor drei Minuten an meinem Stand vorbeig’rauscht ist wia a Raketenengel.«

»Welche Gundi?« Merana spähte schnell nach allen Seiten. Ringsum nur Leute, dichtgedrängt, mit neugierigen Gesichtern. Das vielsprachige Fluchen hatte aufgehört, die Verwunderung über die überraschend dargebotene Szene am Maronistand war ringsum gewachsen. »Ja die Silberberger Gundi, unser Christkindlmarkt-Christkindl. Die hat doch heuer des Casting gwonnen. Des war ein super Finale, sag i Eahna. Die Gundi und zwei andere, die eine aus St. Gilgen, die andere direkt aus der Stadt …«

Merana machte eine energische Handbewegung. Was ihn jetzt garantiert nicht interessierte, waren Klatschgeschichten über Castingausscheidungen am Christkindlmarkt.

»In welche Richtung ist diese Gundi gelaufen?«

Der Mann fuchtelte mit der Hand. »I woaß net genau. Da umi, Richtung Residenzplatz. Aber ob sie dann zum Mozartplatz weiter is oder nach links zum Alten Markt hab i nimmer gsehn.« Merana wandte sich an die Leute hinter ihm. »Hat von Ihnen jemand etwas gesehen? Haben Sie die Frau bemerkt, die in einem Christkindkostüm hier vorbeigerannt ist?« Er blickte in verdutzte japanische Gesichter, registrierte geschüttelte einheimische Köpfe. Carola fischte ihr Handy aus der Tasche. »Ich verständige Otmar, der soll die Kollegen informieren. Sie sollen die Suche ausdehnen: Alter Markt Richtung Getreidegasse, und Mozartplatz Richtung Kaigasse und Salzachufer.«

Merana zückte ein Taschentuch, nahm dem Maronibrater das Magazin ab und wickelte es ein. Dann hielt er ihm die mitgebrachte Umhängetasche unter die Nase. »War vorhin ein Mann an Ihrem Stand, der diese Tasche bei sich trug?«

Der Angesprochene nickte, ein Leuchten schlich über sein stoppelbärtiges Gesicht.

»Klar! Die g’hört dem Raphael vom Adventsingen. Der kauft immer bei mir Maroni. Vor einer halben Stunde war er da. Mia ham noch a bissl diskutiert, ob es heuer bei die Besucherzahlen auch wieder einen neuen Rekord …«

»Sie meinen den Raphael Weiser?« Carola hatte ihr Telefonat beendet und mischte sich ins Gespräch. »Der beim Echten Salzburger Adventsingen den Erzengel Gabriel spielt?«

»Aber nein!« Der Mann schüttelte heftig den Kopf, die Zipfelmütze wackelte bedrohlich. »Sie ham ja keine Ahnung nicht! Dort ist der Raphael ja heuer gar nicht mehr. Der hat doch die Seite gewechselt. Der ist jetzt bei der Konkurrenz, beim Ganz Echten Salzburger Ad­ventsingen. Darum streiten die Adventsinger heuer noch mehr als sonst, weil der Raphael sozusagen ein Abtrünniger geworden ist.«

Dieser Zwist war Merana bekannt. Jedes Jahr im Advent das selbe Theater. Zwei einander befetzende Veranstalter beim weihnachtlichen Spiel um Frieden und Harmonie.

»Haben Sie den Raphael Weiser danach noch einmal gesehen?«

»Naa, der war ja schon auf dem Weg zur Vorstellung, der hat doch glei Auftritt.«

Nein, dachte Merana, der wird heute wohl nicht mehr auftreten. Der läuft mit einer blutenden Wunde durch das sich immer wilder gebärdende Schneetreiben. Falls er überhaupt noch laufen konnte. Carola Salmann blickte ihren Chef an.

»Otmar hat 20 Kollegen angefordert, die treffen gleich ein. Er koordinert die Suche. Was machen wir, Martin? Was schlägst du vor?«

»Wir suchen den angeschossenen Erzengel.«

»Was?« Der Aufschrei wurde begleitet von einem Scheppern. Dem erschrockenen Maronibrater war die Metallschaufel aus der Hand gefallen. Seine Augen waren weit aufgerissen. »Angeschossen? … Aber doch net der Raphael, oder?« Merana hatte keine Zeit für Erklärungen. »Komm, Carola.« Er drängte sich durch die Umstehenden, die verblüfft, aber nicht mehr unfreundlich, rasch eine Gasse bildeten.

»Auf, zum Echten Salzburger Adventsingen!« Abrupt bremste er ab. Der schmale, aber voll durchtrainierte Körper seiner Stellvertreterin knallte gegen seinen Rücken.

»Entschuldige, Carola! Jetzt hätte ich es fast durcheinander gebracht. Wir müssen nicht zum Echten sondern zum Ganz Echten Salzburger Adventsingen.« Er setzte sich wieder in Bewegung. Echtes, Ganz Echtes … wer konnte das schon auseinander halten. Aber im Grund war es egal, beide Veranstaltungen lagen von hier aus gesehen in derselben Richtung. Wieder war es nicht so einfach, vorwärts zu kommen. Es war Freitagabend, und die Altstadt war gerammelt voll mit Menschen. Keiner wollte sich diesen winterlich verschneiten Glitzerabend samt Christkindlmarktambiente entgehen lassen. Erneut drehte sich der Gedankenkreisel in Meranas Kopf. Das darf doch alles nicht wahr sein!, hämmerte es in seinem Schädel. Er hatte sich einen geruhsamen Adventabend erwartet, ein paar nette Stunden mit den beiden von ihm geschätzten Kollegen. Eine lockere Plauderei am Glühweinstand, ein wenig die Atmosphäre genießen. Vor zwei Wochen hatten sie, wie immer vor Weihnachten, ihre Wichtel-Geschenke-Adressaten gezogen. Er hatte dieses Mal Carola erwischt. Im vergangenen Jahr war es der Chef gewesen. Und er hatte beim Wichtelziehen mit seinen Mitarbeitern noch gescherzt, dass nun wieder die für Kriminalisten langweiligen Tage anfingen. Wo allenfalls Taschendiebe und Christbaumstehler auf Beutetour waren. Aber erfahrungsgemäß kein Verbrechen passierte, das eine Ermittlertruppe ihres Kalibers brauchte. Und jetzt rannte er mit seiner Kollegin durchs nächtliche Schneegestöber und suchte einen angeschossenen Erzengel! Und irgendwo unter den vielen Menschen, die zwischen Lichterketten, Punsch und Glühwein ihren Spaß hatten, irrte auch noch ein Christkind herum. In der Hand eine Knarre. Einfach absurd.

»Herr Kommissar! Warten Sie!«

Der Ruf ereilte sie knapp vor dem Ausgang in Richtung Franziskanerkirche. Merana und Carola drehten sich um. Aus dem Flockenvorhang des Schneetreibens schälten sich die Umrisse von zwei uniformierten Beamten. Das Licht, das von den Girlanden über ihnen und von den Verkaufsbuden der Christkindlmarkthütten auf sie fiel, tauchte die beiden Gestalten in einen nahezu überirdischen Schein. Der ältere von beiden tippte sich mit der Hand an die verschneite Dienstkappe, als sie den Kommissar und die Chefinspektorin erreicht hatten. Merana kannte die beiden Kollegen vom Sehen. Sie waren von der Polizeiinspektion Rathaus, die gleich in der Nähe lag. Aus dem Funkgerät des Jüngeren ertönten abgehackte Kommandos. Merana erkannte zwischendurch Otmars Stimme, der offenbar mit den einzelnen Suchtrupps in Verbindung stand.

»Herr Kommissar, wir waren zufällig in der Nähe, Kontrollrundgang am Kapitelplatz, als uns die Anweisung unseres Dienststellenleiters erreichte.« Gartlberger heißt der ältere Kollege, fiel Merana plötzlich ein. Der Mann war etwas mehr außer Atem als der jüngere. Der streckte ihnen die geöffnete Hand hin. Mit der anderen deutete er nach hinten zu einer der Verkaufshütten, die handgeschnitzte Krippenfiguren aus Lindenholz anbot. »Dort hat eben ein Mädchen das hier vom Boden aus dem Schnee aufgehoben.« Auf der ausgestreckten Hand des Beamten lag ein kleines unförmiges Gebilde in Silber und Blau. Merana nahm den Gegenstand in die Hand. Das Objekt war allem Anschein nach eine Mozartkugel, ziemlich flach gedrückt. Offenbar war jemand auf die Schokoladensüßigkeit getreten. Das leicht deformierte Konterfei des Komponisten auf der silbrigen Hülle war von einem dicken roten Fleck überzogen. Merana tupfte mit dem Zeigefinger dagegen, nahm etwas von der Farbe auf und steckte die Fingerkuppe in den Mund. Kein Zweifel, das war Blut.

»Hat das Mädchen beobachtet, wer die Kugel verloren hat?« Die beiden Beamten schüttelten den Kopf. Der jüngere so heftig, dass ihm eine kleine Schneelawine vom Kappenrand ins Gesicht rutschte. »Nein, hat sie nicht. Wir wollten noch die Standler befragen, aber da haben wir Sie und die Chefinspektorin gesehen.« Es knackte im Funkgerät. Eine Stimme, die Merana nicht kannte, beorderte alle Einsatzkräfte zum Mozartplatz. »Das ist unser Dienststellenleiter, wir müssen weiter.« Merana nickte und bedankte sich bei den Kollegen. Vielleicht hatten Otmar und die übrigen Einsatzkräfte eine Spur vom pistolenschwingenden Christkind. Sie würden sich wieder auf die Suche nach dem verletzten Erzengel machen. Die blutverschmierte Mozartkugel bestärkte die Zuversicht, dass der Mann hier mit großer Wahrscheinlichkeit vorbeigekommen war. Merana wollte die plattgedrückte Süßigkeit in ein weiteres Taschentuch wickeln, als ihm auf der Rückseite etwas auffiel.

»Wofür würdest du das halten, Carola?« Er rückte näher an eine der Laternen, damit sie mehr Licht hatten. Die Chefinspektorin wischte behutsam die Schneeflocken ab, die sich auf die zerdrückte Kugel in Meranas Hand gelegt hatten.

»Schaut aus wie aufgemalte Buchstaben …«

»Ja, das könnte ein A sein … und das eventuell ein L …« Er rückte noch näher an die Laterne, versuchte mit der anderen Hand, die Silberfolie der zerquetschten Schokoladenkugel halbwegs in die ursprüngliche Form zu bringen.

»Nein, Carola, das ist kein L. Das schaut eher aus wie ein C.« Er blickte sie an. Die Chefinspektorin zuckte mit den Schultern. Sie konnte sich offenbar keinen Reim darauf machen. Merana auch nicht. »Wieso schreibt jemand ein A und ein C auf eine Mozartkugel?« Die Ratlosigkeit in Carola Salmans Gesicht glich jener in seinem eigenen. »Und warum trägt ausgerechnet ein Erzengel-Darsteller diese Kugel bei sich?« Erzengel-Darsteller! Merana spähte auf seine Uhr. Die Unterbrechung durch die beiden Beamten hatte sie mehr als fünf Minuten gekostet. Sie mussten weiter. Schnell. Er steckte die deformierte Mozartkugel vorsichtig in die Tasche und drängte sich rasch durch die dichten Besucherreihen. Die Chefinspektorin versuchte, ihm auf den Fersen zu bleiben. Sie passierten die Franziskanerkirche. Im dichten Schneetreiben war kaum das Eingangstor zu erkennen.

Merana versuchte, die Absurdität, die dieser Verfolgungsjagd zugrunde lag, aus seinen Gedanken zu verdrängen. Er wollte sich darauf konzentrieren, was er beobachtet hatte und was an spärlichen Fakten vorlag. Ein Mann war vor ihren Augen zusammengebrochen. Der Mann blutete, war verletzt. Er hatte eine Tasche bei sich. Diese war vom Maronibrater als Eigentum von Raphael Weiser identifiziert worden. Und der war Darsteller des Erzengels Gabriel. Sollte tatsächlich der Streit der Adventsingen-Betreiber hinter den rätselhaften Vorgängen stecken? Das Christkind als Auftragskiller, um den abtrünnigen Erzengel, der übergelaufen war, zu bestrafen? Merana konnte sich das beim besten Willen nicht vorstellen. Aber er kannte auch die Hintergründe nicht gut genug. Er wusste nur, es gab einerseits das Echte Salzburger Adventsingen und dazu das Ganz Echte Salzburger Adventsingen. Und jeder Veranstalter behauptete für sich, das einzig wahre und traditionelle Adventsingen in Salzburg auf die Bühne zu bringen. Der Konkurrenzdruck war offenbar groß. Zumindest die Schlagzeilen in den Medien unterstrichen diesen Eindruck. Dabei waren das bei Weitem nicht die einzigen Adventveranstaltungen in Salzburg. Manchmal hatte man den Eindruck, es gebe gefühlte 1000 solcher Events in der Vorweihnachtszeit. Kein Konzertsaal, keine Theaterbühne, kein Kirchenraum, kein Pfarrsaal, kein Schulfoyer, wo sich nicht Adventsänger, Hirtendarsteller oder Weihnachtschöre tummelten. Und die Besucher wurden großteils busweise herangekarrt. Sicher kein schlechtes Geschäft.

Sie erreichten die Statue des ›Wilden Mannes‹ auf dem Max Reinhardt Platz. Carola blieb abrupt stehen, sie atmete heftig.

»Ich muss kurz verschnaufen, Martin.« Merana wunderte sich. Seine Stellvertreterin hatte normalerweise eine ausgezeichnete Kondition. Vielleicht hatte ihr die vor Kurzem überstandene Grippe doch mehr zugesetzt, als sie zugeben wollte. An der Einfassung des Brunnens mit der Statue lehnte ein junger bärtiger Mann, der im dichten Schneetreiben mit klammen Fingern auf einer Gitarre zupfte. Dazu sang er mit krächzender Stimme.

Bald ist heilige Nacht

Chor der Engel erwacht

Stimm in das Singen mit ein:

Freue dich am schönen Schein!

Der Melodie nach könnte das Leise rieselt der Schnee sein, vermutete Merana, die zweite oder dritte Strophe. Aber so falsch hatte er schon lange niemanden mehr singen gehört. Da würde jeder auch noch so wohlgesinnte Engel Reißaus nehmen.

»Geht schon wieder. Komm weiter.« Carola klopfte dem Kommissar auf die Schulter.

Sie erreichten den Veranstaltungsort, zeigten den Leuten am Eingang ihre Dienstausweise. Als sie im Foyer zu den Stufen der Aufgänge eilten, setzte im Inneren des Saales deutlich hörbar die Musik ein. Ein Mann kam ihnen entgegen. Merana kannte ihn. Das war einer der Veranstalter. Er konnte sich nur nie merken, ob vom Echten oder vom Ganz Echten Salzburger Adventsingen.

Der Mann kannte ihn offenbar auch. »Herr Kommissar!« Seine Stimme überschlug sich ein wenig. »Was bin ich froh, dass die Polizei schon da ist! Das ging ja schnell. Wir haben gerade erst angerufen.«

»Wie angerufen? Warum?«

»Ja weil sie hier irgendwo durchs Haus irrt!«

»Wer?«

»Na die Gundula vom Christkindlmarkt. Habe ich doch am Telefon erklärt. Und sie hat eine Pistole.«

Carola hob die Hand. »Ich verständige sofort Otmar.«

Merana blickte sein Gegenüber an. »Hat diese Gundula gesagt, was sie will?«

Der Veranstalter schluckte heftig. Seine Stimme zitterte. »Ich weiß es nicht genau. Sie richtete dauernd die Pistole auf mich. Hat mir gedroht, sie würde sofort schießen, wenn ihr irgend jemand folgen sollte. Ich habe sie gefragt, was sie hier will. Und dann hat sie etwas sehr Merkwürdiges gesagt …«

Die Augen des Mannes wurden groß, Schrecken machte sich in den Pupillen breit, als stünde die Christkinddarstellerin noch immer mit angelegter Waffe vor ihm.

»Wenn ich es richtig verstanden habe, Herr Kommissar, dann murmelte sie etwas wie Ich muss die Sache mit dem Erzengel zu Ende bringen.«

Was sollte das heißen? Ein Schwall von Fragen formierte sich in Meranas Hirn.

Die Sache mit dem Erzengel zu Ende bringen …? Welche Sache? Was steckte dahinter? Eine persönliche Angelegenheit zwischen Gundula Silberberger und Raphael Weiser? Oder zog da jemand im Hintergrund an unsichtbaren Fäden? Jemand, dem es nicht passte, dass der Erzengeldarsteller die Fronten gewechselt hatte? Wie viel wusste der Mann, der da vor ihm stand? Egal, ob das nun der Veranstalter des Echten oder des Ganz Echten Salzburger Adventsingens war. Doch es blieb keine Zeit für Fragen. Und keine für Antworten. Es galt jetzt zuallererst, das amoklaufende Christkind einzufangen.

»Wo ist sie hin, diese Gundula?«

Der Mann im Trachtenanzug zuckte hilflos mit den Schultern. »Ich weiß es nicht. Sie hat mir befohlen, mich umzudrehen und die Augen zu schließen. Als ich mich dann doch nachzuschauen traute, war sie verschwunden. Einfach in Luft aufgelöst. Als sei sie tatsächlich das Christkind.«

Merana starrte den Mann an, fragte sich, ob der noch alle Sinne in der richtigen Reihenfolge beisammen hätte, oder ob das ständige Andachtsjodeln dessen Wahrnehmung vernebelte. In Luft aufgelöst.

»Daraufhin habe ich sofort die Polizei verständigt, und kaum hatte ich das Handy eingesteckt, sind Sie schon aufgetaucht. Respekt, Herr Kommissar. Dass die Salzburger Polizei schnell zur Stelle ist, weiß man ja. Aber das riecht verdammt nach Weltrekord. Übrigens, ich kenne da jemand aus der Guiness-Redaktion. Besucht jedes Jahr unsere Veranstaltung. Mit dem könnte ich da einmal reden …«

Merana schnaubte wie ein Stier. Wovon quatschte der Trachtentyp da? Guinessbuch, Weltrekord! War dem Kerl die Dramatik der Situation nicht klar? Diese Gundula lief hier mit einer geladenen Waffe herum!

»Die Kollegen treffen gleich ein.« Carola Salman steckte ihr Handy ein.

»Was ist mit Ihrem Erzengeldarsteller?« Die Chefinspektorin wandte sich an den Veranstalter. Der schaute sie mit großen Augen an. »Was soll mit dem sein? Der muss gleich auf die Bühne. Auftritt mit der ersten Gruppe der Hirtenkinder.«

Was faselte der Kerl jetzt wieder daher? Auftritt? Meranas Stimme schwoll an. »Aber der Mann kann doch nicht auf die Bühne, der ist schwer verwundet.«

»Verwundet?«

Die Augen des Veranstalters wurden noch eine Spur größer. »Aber davon weiß ich ja gar nichts.«

In Meranas Kopf tauchte ein Bild auf. Die Kulisse des Adventspiels. Ein wankender verletzter Erzengel, der pflichtbewusst seine vertragliche Mission erfüllt und mit Hirtenkindern auf die Bühne stolpert. Aus einer Seitengasse tritt Gundula Silberberger mit hoch erhobener Glock 20. Ein großer Saal voll mit Menschen. In der Szenerie Sänger, Musiker, Schauspieler, Kinder …

»Wir müssen auf die Bühne!« Der Trachtenanzugträger hielt den Kommissar zurück. »Sie können doch nicht einfach in die Vorstellung platzen. Das gibt eine Panik!«

»Komm, Martin!« Carola fasste Merana am Arm. »Wir versuchen es hinter der Bühne. Ich kenne mich hier aus. Vielleicht erwischen wir ihn noch vor dem Auftritt.«

Sie lief voran. Der Kommissar folgte ihr, drehte im Laufen noch einmal den Kopf zum Eingang. Wo blieben nur die Kollegen?

Heißa Buama, steht’s gschwind auf, es will Tag schon werden!, ertönte es vom Bühnenraum, als sie sich der linken hinteren Kulissengasse näherten.

Tummelts euch fei hurtig drauf …