Glühwein, Mord und Gloria - Manfred Baumann - ebook

Glühwein, Mord und Gloria ebook

Manfred Baumann

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Opis

Kommissar Merana verschluckt sich fast am Glühwein, als ihn die Nachricht ereilt: Johnny Lametta ist verschwunden, der Hauptdarsteller der Weihnachtskrimi-Komödie: »Lebkuchen, Leichen und Lametta«. Entführt? Ermordet? Oder doch nur Lampenfieber vor der Premiere? Lametta bleibt verschollen. Dafür taucht eine rätselhafte Botschaft auf. Und die versaut dem Salzburger Kommissar endgültig die Weihnachtsstimmung …

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Manfred Baumann

Glühwein, Mord und Gloria

Kriminelle Weihnachten

Impressum

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2016 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2016

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © markusspiske / photocase.de

Illustrationen: Simone Hölsch unter Verwendung von: © agrino – / © jennyzzz – fotolia.com; © Can Stock Photo Inc. / agrino / alexokokok / Ceresnak / jstan / PixelEmbargo / rudall30

ISBN 978-3-8392-5156-0

Haftungsausschluss

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Inhalt

Impressum

Haftungsausschluss

Lebkuchen, Leichen und Lametta

Nikolaus, du toter Mann

Frautragen

Glühwein, Mord und Gloria

Dreikönigsmord

Lesen Sie weiter …

Lebkuchen, Leichen und Lametta

»Gloooooria! Gloooooria!«

Der Jubelruf schallte aus 32 Kinderkehlen, flog über die schneeflockenbedeckten Köpfe der Besucher hinweg und stieg auf in den Nachthimmel, an dem zwischen dicken Wolkenbänken einzelne Sterne blinkten.

»Gloria! In excelsis Deo!«

Die wuchtigen spätgotischen Flügeltüren des alten Pfarrhofes von St. Barbara standen weit offen, bereit, den Strom der Theaterbesucher für die Premiere des Weihnachtsspiels aufzunehmen. Dicke Flocken tanzten durch die Nacht, legten sich auf Mützen und Mäntel, landeten auf kalten Nasen und geröteten Wangen, kuschelten sich an weiche Locken, die unter Pelzkappen hervorquollen. In den Augen der Premierenbesucher, die allesamt noch im Freien standen, spiegelten sich die zuckenden Lichterstreifen der ringsum aufgestellten Fackeln.

»Engel singen frohe Lieder, jubelnd ertönt ihr Lobgesang.«

Die Salzburger Chorknaben und Chormädchen säumten, zu beiden Seiten aufgereiht, den verschneiten Weg zum Eingang des Pfarrhofs. Die Kinder steckten in hellen Umhängen und hielten große brennende Kerzen in den Händen.

»Von den Bergen schallt es wider, nie ward gehört ein solcher Klang!«

Zu den engelgleichen Kinderstimmen gesellten sich nun auch noch die Schläge der alten Turmuhr. Und – ein Ruf der Überraschung flatterte durch die Reihen der Zuhörer – da blökte doch tatsächlich ein Schaf! Weihnachtlicher geht es fast nicht mehr, dachte Merana und hielt neugierig Ausschau nach dem Herdentier. Aber er konnte keines entdecken. Also wandte er seine Aufmerksamkeit wieder den singenden Kindern zu.

»Gloooooria! Gloooooria!«

Eine gute Stunde später war erneut dieser Ruf zu hören.

»Gloooooria!«

Aber dieses Mal eindeutig schwächer. Und der Ruf kam auch nicht aus 32 fröhlich gestimmten Kinderkehlen, sondern aus dem röchelnden Mund eines alten Mannes, der sich mit verzerrtem Gesicht und leicht verrutschter Perücke auf einem billigen Ledersofa krümmte, nachdem ihm das Whiskeyglas aus der Hand gefallen war.

»Gloooooria!«

Der Ruf galt auch nicht der Lobpreisung des himmlischen Herrn, sondern einer auf jung geschminkten Dame, die eben durch die Kulissentür ins Zimmer stürzte und dabei um ein Haar den Mini-Weihnachtsbaum neben dem Requisitenkamin vom Hocker fegte. Die Hereinstürmende konnte gerade noch mit einer schnellen Armbewegung den Absturz der girlandengeschmückten Plastikfichte verhindern. Wie dem Programmheft zu entnehmen war, hörte die quirlige Frau auf den Namen Wendelgard Hupfknecht, war von Beruf Handarbeitslehrerin und verkörperte auf der Bühne Miss Honeymouth. Und die hieß mit Vornamen Gloria.

»Gloooooria!« Das erneute Röcheln verebbte kläglich, und Lord Albert Thistlebroom, Seniorchef der Rechtsanwaltskanzlei Thistlebroom, Thistlebroom & Hairybirch, dargestellt vom 47jährigen Eisenbahn-Fahrdienstleiter Isidor Wegner, rutschte endgültig von der Ledercouch, um bis zum Ende des zweiten Aktes den Bretterboden der Theaterbühne als Leiche zu zieren. Beim Anblick des toten Lords stieß Miss Honeymouth einen spitzen Schrei aus, sank händeringend in die Knie und warf sich hysterisch kreischend auf den theatralisch hingestreckten Fahrdienstleiter. Durch die Wucht ihres Spiels landete die Handarbeitslehrerin mit zu viel Schwung am knochigen Körper des ÖBB-Bediensteten. Der Tote stöhnte auf, was die Zuschauer zu einem an dieser Stelle von der Regie nicht vorgesehenen Lachen verleitete. Doch die Handarbeitslehrerin ließ sich von der unerwarteten Publikumsreaktion nicht aus ihrem darstellerischen Konzept bringen. Sie rang weiterhin verzweifelt die Hände, bedeckte die bedrohlich verrutschte Perücke des verblichenen Lords mit Küssen und warf dazwischen immer wieder einen Blick zur geöffneten Zimmertür, als erwarte sie jemanden. Ein weiteres kurzes Stöhnen drang an Meranas Ohr. Das kam allerdings nicht von der Bühne, sondern von seinem Begleiter, der mit säuerlicher Miene und verkrampften Händen seinen Glühweinbecher umschloss. Abteilungsinspektor Otmar Braunberger war vom dramatisch engagierten Spiel auf der Bühne offensichtlich wenig begeistert. Merana konnte es ihm nachfühlen. Ihm erging es ähnlich. Er schaute auf die Uhr. Wenn die angegebenen Zeiten im Programmheft nur halbwegs stimmten, dauerte es noch gut eine Viertelstunde, bis die Hauptspeise serviert wurde. Lammmedaillons mit Rotweinlinsen. Darauf freute sich der Kommissar. Er hob vorsichtig den Becher hoch, um kein störendes Geräusch zu verursachen, und prostete stumm seinem Begleiter zu. Der erwiderte die Aufforderung mit einem gequälten Lächeln, hob ebenfalls die Schale und nahm einen letzten Schluck des inzwischen längst kalt gewordenen Glühweins.

Kommissar Martin Merana, Leiter der Abteilung Mord/Gewaltverbrechen in der Bundespolizeidirektion Salzburg, hatte vor zwei Wochen seinen Mitarbeiter Otmar Braunberger um einen Freundschaftsdienst gebeten. Er möge ihn doch bitte zu einem Theater-Benefizabend begleiten. Normalerweise mied Merana weihnachtliche Veranstaltungen jeglicher Art. Und auch Theaterdarbietungen von noch so engagierten Laiengruppen gehörten nicht zu seinen bevorzugten Freizeitvergnügen. Aber Anfang Dezember war Bastian Rosner in Meranas Büro aufgetaucht, um ihn persönlich einzuladen. Bastian war nicht nur ein alter Schulfreund aus Meranas Pinzgauer Kindertagen, er hatte auch vor drei Jahren die Leitung der Pfarre St. Barbara im Süden der Stadt Salzburg übernommen. Davor war er viele Jahre als Missionar in Afrika im Einsatz gewesen. Seit Bastians Rückkehr hatte Merana losen Kontakt zum engagierten Kirchenmann gehalten. Und als ihm der ehemalige Schulfreund von seinem Projekt erzählte, wollte sich der Kommissar bei aller Aversion gegen vorweihnachtliche Spektakel der Einladung nicht entziehen. Denn Pfarrer Rosner tat alles, um Geld für die Unterbringung von Flüchtlingen im Pfarrheim zu sammeln. Als ihm die Mitglieder des Pfarrgemeinderats vorschlugen, einen Benefiz-Theaterabend mit weihnachtlichem Dinner zu veranstalten, hatte er zugesagt. Und so saß Martin Merana an diesem Sonntagabend an der Seite seines Freundes und Mitarbeiters Otmar Braunberger an einem der dicht besetzten Tische im Mehrzwecksaal des Pfarrhofs, der mit viel Liebe und großem Einsatz zu einem Theaterraum umgebaut worden war. Pfarrer Rosner hatte den Kommissar am »Prominententisch« platziert. Merana wäre lieber weiter hinten gesessen, aber er wollte die freundlich gemeinte Geste seines Jugendfreundes nicht ausschlagen. Mit Merana und dem Abteilungsinspektor saßen noch ein stadtbekannter Architekt und dessen jugendliche Gattin, der stellvertretende Chefredakteur einer Tageszeitung und die Ehefrau eines Stadtrates am Tisch. Ein weiterer Stuhl war inzwischen verwaist, denn Stadtrat Gotthelf Kreuzer hatte sich in der Pause nach dem ersten Akt verabschiedet. Eine dringend einberufene Fraktionssitzung halte ihn leider vom Vergnügen ab, dem Spiel weiter beizuwohnen, wie er mit Bedauern feststellte. Merana kannte Stadtrat Kreuzer von einigen öffentlichen Auftritten. Der etwas ungelenke, korpulente, aber wortgewandte Politiker ließ keine Gelegenheit aus, von der Vorbildfunktion der Ehe als Stütze der Familie und Säule des Staates zu schwärmen. Ähnliches hatte er auch heute von sich gegeben, als er nach Pfarrer Rosners Eröffnung um eine kurze Rede gebeten worden war und dabei auch die Grüße des bedauerlicherweise verhinderten Stadtoberhauptes überbrachte. Kreuzer hatte sich nicht einmal mehr Zeit genommen, von der Suppe zu kosten, die nach dem ersten Akt serviert worden war. »Leider, leider, die Pflicht ruft.« Seine Ehefrau, die am Tisch zurückblieb, hatte den flüchtig hingehauchten Abschiedskuss mit leicht angefressener Miene quittiert. Die Maronischaumsuppe mit Lebkuchennockerl schmeckte wunderbar und übertraf die Qualität des bisherigen Bühnenspiels um Längen. Darin waren sich der Kommissar und sein Abteilungsinspektor einig. Beide hatten von Anfang an keine allzu großen Erwartungen an den Tag gelegt. In jedem Fall war der Feuereifer der agierenden Laientruppe zu bewundern. Die Hobbyschauspieler hatten viel Freizeit investiert, um im Dienst einer guten Sache eine aufwendige Theaterproduktion auf die Beine zu stellen. Aber so gut das Engagement auch gemeint war, es konnte über eine schmerzliche Tatsache nicht hinwegtäuschen: Das ausgewählte Stück war einfach grottenschlecht! Merana hatte bereits ein ungutes Gefühl gehabt, als er vom Titel erfuhr. »Lebkuchen, Leichen und Lametta«. Lebkuchen mochte er, mit Leichen hatte er von Berufs wegen zu tun, aber Lametta war ihm ein Gräuel! Schon als Kind hatte der Kommissar dem silbrigen Weihnachtsschmuck nichts abgewinnen können. Ihm waren die glänzenden Fäden an den Christbaumästen immer wie hässliche Silberwürmer erschienen. Doch der Name bezog sich im Theaterstück gar nicht auf die vernickelten Metallfäden, sondern auf die Hauptfigur, Johnny Lametta, einen schnöseligen Privatdetektiv, zugleich herzensbrechender Womanizer, der nur Fälle übernahm, die sich während der Weihnachtszeit ereigneten. Und um einen solchen handelte es sich auch beim gegenwärtigen Spiel. Lady Eleonore Chatterwing liebte nicht nur Reitpferde, junge Männer und schnelle Autos, sie war auch erfolgreiche Produzentin von weltweit gehandelten Lebkuchen. »GAW« hieß das Unternehmen, »Gingerbread Around the World«. Eines Morgens fand die umtriebige Lady einen Drohbrief in ihrer Post. Sie bat den langjährigen Rechtsbeistand der Familie um Rat, Lord Albert, 19. Earl of Thistlebroom. Der wandte sich an Gloria Honeymouth. Die junge Dame war nicht nur sein Mündel, sondern auch die Assistentin von Johnny Lametta. So begann der weihnachtserprobte Privatschnüffler zu ermitteln, und das Spiel kam ins Rollen. Schon im ersten Akt hatte die Köchin dran glauben müssen. Sie war mit dem Kopf voran im Ofenrohr gefunden worden, einen Bratspieß im Rücken und einen halb aufgetauten Weihnachtskarpfen in den Händen. Und jetzt hatte auch noch der stets ergebene treue Rechtsbeistand der Familie Chatterwing das Zeitliche gesegnet. Offenbar war ihm der vom Privatsekretär der Lady verabreichte Whiskey nicht bekommen.

Der Abteilungsinspektor stieß den Kommissar an und deutete mit dem Kinn zur Bühne. Dort schluchzte Gloria Honeymouth nach wie vor herzzerreißend über dem Körper des bewegungslos daliegenden Eisenbahners. Ihre Augen wanderten dabei immer wieder zur halb geöffneten Kulissentür. Aber niemand erschien. Einige Zuschauer wurden allmählich unruhig, denn außer Schluchzen und verzweifeltes über den Körper Beugen passierte schon seit Minuten nichts. Selbst der Tote hielt es nicht mehr aus. Er drehte kurz den Kopf und äugte zur Tür. Schließlich erhob sich die Assistentin von Johnny Lametta und näherte sich der Kulissentür. Sie blickte nach draußen. Im selben Augenblick senkte sich der Vorhang. Ein deutlich wahrnehmbares Aufatmen machte sich unter den Besuchern breit. Sessel wurden gerückt. Heiterkeit flackerte auf, der Geräuschpegel schwoll an. Alle freuten sich auf die Lammmedaillons. Für Vegetarier hatten die Helferinnen der nahe gelegenen Haushaltsschule Gemüselasagne vorbereitet. Merana kontrollierte die Uhr. Der zweite Akt hatte um zehn Minuten früher geendet, als angegeben. Auch die Musiker waren offenbar nicht darauf vorbereitet gewesen. Der Saxofonist musste erst seine Noten suchen, um zusammen mit dem kahlköpfigen Pianisten und der dunkelhäutigen Frau am Kontrabass die Besucher während der Pause mit jazzigen Arrangements bekannter Weihnachtslieder zu erfreuen.

»Martin, kannst du bitte kurz hinter die Bühne kommen?«

Pfarrer Rosner stand an ihrem Tisch. Der Kommissar hatte ihn gar nicht kommen gesehen. Die Miene des Priesters war besorgt. Es brauchte gar nicht den Spürsinn von erfahrenen Kriminalisten, um mitzubekommen, dass irgendetwas im Spiel auf der Bühne nicht gestimmt hatte. Was war passiert? Merana und Braunberger erhoben sich von den Stühlen. Der Abteilungsinspektor warf noch einen sehnsüchtigen Blick auf die nach Rosmarin duftenden Lammstücke, die eben serviert wurden. Dann folgten die beiden Polizisten dem Kirchenmann hinter die Bühne.

Dort trafen sie auf die erregt durcheinander schnatternde Schar der Mitwirkenden. Zwischen Requisiten, Schminkspiegeln, Kostümen und zu Sitzen umfunktionierten Bierkisten debattierten auf engstem Raum vier weibliche und fünf männliche Darsteller, ein Techniker und eine Souffleuse.

»Was ist passiert?« Beim Eintreffen der beiden Polizisten verstummte das Geschnatter.

»Der Engelbert ist verschwunden!«

Engelbert? Damit war offenbar Engelbert Fadmann gemeint. Der schmächtige Landesbeamte spielte die Hauptrolle. Er war zu Beginn des zweiten Aktes noch als Johnny Lametta auf der Bühne gestanden, hatte den zwielichtigen Privatsekretär von Lady Chatterwing verhört. Offenbar war er es gewesen, den die verzweifelt über den toten Lord gebeugte Gloria Honeymouth erwartet hatte.

»Was heißt, er ist verschwunden? Wohin?«

In der nächsten Sekunde setzte das wilde Durcheinander wieder ein. Jeder wollte seine Sicht des rätselhaften Vorfalles mitteilen. Ein lautes Scheppern war zu vernehmen. Das unterbrach kurz das Geschnatter. Monika Fürnkranz, die tote Köchin mit dem Bratspieß im Rücken, hatte mit weit ausholender Armbewegung einen der Schminkspiegel zu Boden befördert. Das Klirren war wohl bis in den Zuschauerraum gedrungen, aber dort hatte es keiner mitbekommen. Die Mischung aus munteren Tischgesprächen und den flotten Klängen einer schwungvollen Version von Jingle Bells übertönte alles.

Pfarrer Rosner schlug vor, in einen der beiden Seminarräume zu wechseln, die im Nebengebäude lagen. Dort war es zwar kalt, aber man hatte mehr Platz. Der gesamte Theatertrupp, einschließlich der beiden Polizisten, übersiedelte ins Nebenhaus. Das weiterhin aufgeregte Stimmengewirr war nur schwer einzudämmen, aber mithilfe des ruhig und dennoch energisch agierenden Pfarrers gelang es schließlich, den Ablauf zu rekonstruieren. Wie alle anderen Darsteller war auch Engelbert Fadmann vor Beginn der Premiere hochgradig nervös gewesen. Diesen Eindruck hatte der Landesbeamte auch auf der Bühne nicht zu kaschieren vermocht. Laut Regieanweisung sollte der Privatdetektiv vor allem durch cooles Auftreten bestechen. Aber der zappelige Fadmann hatte zweimal sein Stichwort vergessen und war zudem einmal zu früh in die Szene geplatzt. Nur der Geistesgegenwart von Gerhild Mayer in der Rolle von Lady Chatterwing war es zu verdanken, dass die Zuschauer den Fauxpas kaum bemerkten. Nachdem Fadmann seine Verhörszene zu Beginn des zweiten Aktes halbwegs fehlerfrei absolviert hatte, wandte er sich an die Souffleuse Pamela Grünbaum, die in der rechten Kulissengasse stand. Er wolle sich kurz die Beine vertreten, teilte er mit. Das würde seiner Nervosität gut tun. Außerdem könne er draußen besser den Rest seines Textes memorieren. Die Souffleuse hatte nichts dagegen einzuwenden. Immerhin blieben dem Landesbeamten gut 20 Minuten Zeit, ehe er gegen Ende des Aktes wieder auf die Bühne musste, um seine Assistentin neben der Leiche des toten Lord Thistlebroom zu entdecken. Aber Engelbert Fadmann war nicht mehr zurück gekommen.

Merana und sein Abteilungsinspektor blickten einander an. Braunberger rechnete nach. »Das heißt also, Herr Fadmann verließ gegen 21.10 Uhr den Raum hinter der Bühne und ging nach draußen ins Freie.«

Pamela Grünbaum, im Zivilberuf Zahnarzthelferin, nickte. Gerhild Mayer und Wendelgard Hupfknecht, die sich zu dieser Zeit ebenfalls hinter der Bühne aufhielten, bestätigten die Angaben der Souffleuse.

»War sonst jemand von Ihnen im Freien?«

Ein junger Mann mit dunklem Teint und schwarzem Schnurrbart hob die Hand.

»Ja, ich.« Saleh Ansary wohnte seit zwei Monaten mit seiner Familie im Pfarrhof. Der studierte Informatiker aus Afghanistan sprach einigermaßen gut Deutsch. Deshalb hatte Pfarrer Rosner ihn eingeladen, bei der Theateraufführung mitzuwirken. Er spielte Ramesh Bluespice, den zwielichtigen Privatsekretär von Lady Chatterwing, der sich aber gegen Ende des Stücks als eingeschleuster CIA Agent erweisen sollte.

»Ich bin gegangen hinaus, weil Engelbert nicht wieder gekommen, und Pamela mich hat gebeten, nachzuschauen. Bin gelaufen, habe gerufen Namen, aber nicht gesehen Engelbert. Musste kehren zurück, um auf der Bühne dem Lord zu servieren den Whiskey.«

»Ich war die ganze Zeit im Saal nahe der Eingangstür«, ergänzte der Pfarrer. »Als ich bemerkte, dass Engelbert nicht auf der Bühne erschien, bin ich außen herum gelaufen, um hinter den Bühnenbereich zu kommen. Aber auch ich habe ihn draußen nicht entdeckt. Ich bin dann von hinten rein ins Gebäude und gab Anweisung, den Vorhang zu schließen.«

Merana und Braunberger blickten in die Runde der Theaterleute. Sie wirkten aufgescheucht wie eine Schar Hühner, die sich vor dem Fuchs fürchtete.

»Wir werden Taschenlampen organisieren und in kleinen Truppen die Umgebung absuchen. Vielleicht ist Herrn Fadmann nur übel geworden, vielleicht ist er bei den winterlichen Verhältnissen ausgerutscht, Opfer eins Sturzes geworden. Abteilungsinspektor Braunberger wird die Suche koordinieren.« Alle nickten betreten.

Der Pfarrer erklärte das weitere Vorgehen. »Ich werde den Musikern und der Küche Bescheid geben. Man soll das Dessert vorziehen. Wenn wir Engelbert nicht innerhalb einer halben Stunde gefunden haben, müssen wir die Veranstaltung abbrechen.«

Merana wandte sich wieder an die versammelte Gruppe. »Möchte jemand etwas hinzufügen? Gibt es von Ihnen noch irgendeine Vermutung zum Hergang dieses rätselhaften Verschwindens?«

Alle schwiegen, die meisten schüttelten den Kopf. Wendelgard Hupfknecht starrte mit versteinertem Gesicht auf Gerhild Mayer. Den beiden Polizisten war der Blick nicht entgangen.

»Frau Hupfknecht, möchten Sie etwas sagen, das uns vielleicht weiter hilft?«

Die Handarbeitslehrerin zuckte zusammen, fühlte sich offenbar ertappt. Sie schüttelte mürrisch den Kopf. Sie steckte immer noch im silberfarbenen Cocktailkleid, das Gloria Honeymouth im zweiten Akt trug. Es erinnerte Merana an einen zerknüllten Haufen von Lamettafäden. Seine Großmutter hatte in seiner Kindheit den Weihnachtsbaum immer mit Strohsternen, Lebkuchen und Bauernäpfeln geschmückt, wie das auf dem Land so üblich war. Doch in der Nachbarschaft gab es durchaus den einen oder anderen Christbaum zu entdecken, der aussah, als hätte jemand im Vollrausch wahllos bündelweise Lametta auf die Äste geknallt. Einen ähnlichen Eindruck erweckte das Bühnenkleid der Detektiv-Assistentin.

»Frau Hupfknecht?«

Anstelle der Handarbeitslehrerin meldete sich Gerhild Mayer: »Nun spuck es schon aus, Wendelgard. Was du sagen willst, ist sicher gegen mich gerichtet.«

Wendelgard Hupfknecht schoss von ihrem Stuhl hoch. »Ganz genau, Gerhild. Wenn Engelbert etwas zugestoßen ist, dann ist das ganz alleine deine Schuld. Er ist eine zarte Seele, aber davon versteht eine so unsensible Frau wie du nichts. Engelbert hat es sich sehr zu Herzen genommen, dass du nach der Generalprobe gelästert hast, er bringe im dritten Akt bei eurem Schlussdialog ständig die Stichworte durcheinander. Das war gemein. Ich weiß, warum du das gesagt hast. Weil du nicht ertragen konntest, dass Engelbert ausdrücklich den Entwurf meiner Kostüme gelobt hat und über deine Beleuchtungsaktion kein einziges Wort verlor.«

Gerhild Mayer arbeitete in der Verwaltung der Salzburger Festspiele. Durch ihre Beziehungen hatte die Laientruppe einige Scheinwerfer aus dem Fundus der Festspiele gratis zur Verfügung gestellt bekommen. Lady Chatterwing warf sich in Positur, stemmte ihre Hände in die Seiten ihrer Reiterjacke. »Ich habe nicht gelästert, verehrte Wendelgard, sondern nur eine professionelle Feststellung angebracht, wie das unter Bühnenkollegen üblich ist.«

Noch ehe die Handarbeitslehrerin erneut aufbrausen konnte, bremste sie ihr Ehemann ein, Ferdinand Hupfknecht. Der gelernte Heizungsmonteur war Bühnenbildner und Beleuchter in Personalunion.

»Beruhige dich, Wendelgard. Gerhilds Bemerkung gegenüber Engelbert war wirklich harmlos. Und außerdem bringt uns dieser Disput jetzt nicht weiter.«

Das Lamettakostüm platzte fast aus den Nähten, als die Handarbeitslehrerin den Arm ihres Ehemannes wegstieß. Gloria Honeymouth ließ sich nicht einbremsen.

»Wage es ja nicht, dich auf ihre Seite zu stellen, Ferdinand! Nur weil sie für deine dämlichen Beleuchtungsschienen ein paar mickrige Scheinwerfer angekarrt hat, kann sie sich nicht alles herausnehmen!«

Lady Chatterwings Stimme nahm den Klang von klirrenden Eiswürfeln an. »Und außerdem, meine Liebe, war Engelbert gar nicht beleidigt. Er hat mich gestern Abend sogar extra zu Hause besucht. Wir sind den Dialog aus dem dritten Akt so lange durchgegangen, bis jeder Übergang saß.«

Die Cocktailkleidträgerin wirbelte herum, sie rang nach Luft. »Engelbert bei dir zu Hause? Nie und nimmer! Das hättest du wohl gerne. Das hätte er mir nie angetan! … Ich meine, das wäre völlig unter seiner Würde … Was bildest du dir ein?«

Sie hob die Hände, ihre Finger wurden zu Krallen. Noch ehe der Pfarrer und die beiden Polizisten reagieren konnten, mischte sich die ermordete Köchin ein, Monika Fürnkranz. Die wackere Metzgermeisterin warf ihren stattlichen Körper zwischen die beiden zankenden Frauen. Isidor Wegner, der 19. Earl of Thistlebroom, fühlte sich bemüßigt, Gerhild Mayer zuzustimmen, während die Zahnarzthelferin sich eher auf die Seite der Handarbeitslehrerin schlug. Pfarrer Bastian Rosner schickte ein kurzes Stoßgebet in Richtung Zimmerdecke. Die beiden Polizisten bereuten nicht zum ersten Mal, dass sie an diesem Abend nicht zu Hause geblieben waren. Heute war der dritte Adventsonntag. In der weihnachtlich glitzernden Stadt schneite es. Dicke, weiche Flockenpracht legte sich behutsam auf all die Kirchen, Konzerthäuser, Theaterräume, Schulgebäude, Festspielhallen, in denen harmonisch gestimmte Menschen einer der unzähligen Salzburger Adventveranstaltungen beiwohnten. Allerorts wurde von Friede und Freude gesungen. An allen Stätten herrschte Eintracht und Harmonie. Und der Chef der Salzburger Mordkommission stand mit seinem wichtigsten Mitarbeiter im schlecht geheizten Seminarraum eines Pfarrhofs und erlebte Krieg! Zickenkrieg! Furien, die sich gegenseitig in die Haare gerieten. Und zu allem Überfluss war auch noch ein laienschauspielender Landesbeamter wie vom Erdboden verschluckt!

Johnny Lametta war verschwunden!

Das klang wie der billige Titel eines Groschenromans. Merana wünschte sich weit weg. Plötzlich blökte ein Schaf. Irritiert hielten die zankenden Theaterleute inne. Ferdinand Hupfknecht zog mit einem verlegenen Lächeln sein Handy aus der Tasche. Das Blöken wurde lauter.

»Du mit einem dämlichen Klingelton!«, fauchte Gattin Wendelgard und strich sich die Silberfäden ihres Kleides glatt.

Merana erkannte das Blöken. Er hatte es schon vorhin während des Gesangs der Kinder vor dem Eingang zum Pfarrhof wahrgenommen.

Hupfknecht aktivierte das Display. Er stieß einen leisen Schrei aus.

»Es ist eine Nachricht von Engelbert.«

»Lesen Sie vor!« Meranas Stimme war laut geworden. Das Staunen im Gesicht des Heizungsmonteurs wuchs.

»Es ist nur ein Wort, das hier steht: HILFE.«

Im Hauptgebäude schoben sich die 150 spendenfreudigen Besucher die letzten Stücke des köstlichen Lammfleisches in die immer noch hungrigen Münder. Es tat gut zu wissen, dass man mit jedem Bissen, den man verschlang, mit jeder Sekunde, die man dem Theaterspiel lauschte, mit jedem Schluck Glühwein, den man genoss, mit jedem Lebkuchenstück, das man in sich hineinschob, den armen Menschen half, die unter schrecklichen Umständen aus ihrer Heimat fliehen mussten, und nun hier Zuflucht gefunden hatten. Einige der Flüchtlinge saßen sogar mitten unter ihnen, an einem eigenen Tisch. Charity war eine wunderbare Gelegenheit, das eigene mulmige Gefühl zu beruhigen, weil es einem um so vieles besser ging als diesen armen Teufeln. Und gerade zur Weihnachtszeit wärmte einem die eigene spendable Hilfsbereitschaft das Herz noch mehr. Das Dessert wurde serviert. Die Combo hatte bereits zur Wiederholung des Weihnachtsliedermedleys angestimmt, denn man war nicht auf eine derart lange Unterbrechung vorbereitet.

»Hilfe?« Handarbeitslehrerin Wendelgard Hupfknecht hatte als Erste auf die Nachricht reagiert. »Es ist ihm etwas zugestoßen. Der arme Engelbert!«

Merana hatte sich das Handy reichen lassen. Er probierte, die Nummer zurückzurufen, von der die Nachricht eingelangt war. Es meldete sich nur die Stimme der Mobilbox. Auch zwei weitere Versuche brachten keinen Erfolg. Wendelgard Hupfknecht war immer noch aufgebracht.

»Was bedeutet das, wenn Engelbert nur eine kurze Nachricht abschicken konnte, und nun nicht mehr antwortet? Nichts Gutes. Ein Unfall. Eine Entführung! Ein schreckliches Verbrechen! Etwas Grauenvolles ist passiert, ich fühle es!« Ihre Stimme kippte ins Kreischen.

»Vielleicht war da so ein mohammedanisches Terrorkommando am Werk!« Nun legte sich auch der ÖBB-Fahrdienstleiter ins Zeug und lieferte seine Theorie. »Diese IS-Muselmanen dulden nicht, dass wir christliche Menschen in unserer christlichen Heimat unser christliches Weihnachtsfest feiern!«

»Oder es war einer von diesen glatt geschorenen Nazi-Fanatikern!« Die mollige Metzgermeisterin krempelte die Ärmel ihrer blutbefleckten Theaterschürze hoch, als wolle sie eigenhändig den nächsten Glatzköpfigen erwürgen. »Diesen Rechtsextremen passt es nicht, dass wir uns für die armen Flüchtlinge einsetzen!«

Merana und Braunberger hoben nahezu gleichzeitig die Hände.

»Ruhe! Bitte keine abenteuerlichen Schlussfolgerungen! Vielleicht hat alles eine ganz simple Erklärung.« Der 19. Earl of Thistlebroom wollte seiner Terrorkommandotheorie offenbar noch etwas hinzufügen, aber Meranas Handbewegung schnitt ihm das Wort ab.

»Tatsache ist, auf Herrn Hupfknechts Mobiltelefon ist eine Nachricht eingegangen, die lautet HILFE. Abgeschickt wurde sie offensichtlich von Engelbert Fadmanns Handy. Dieser Spur werden wir jetzt nachgehen.«

Die beiden Kriminalisten verteilten die Aufgaben. Der Großteil der Theaterleute sollte, aufgeteilt in Zweiergruppen, die unmittelbare Umgebung absuchen. Ferdinand Hupfknecht würde für Taschenlampen sorgen. Abteilungsinspektor Braunberger würde sich um die Handyortung kümmern. Merana wollte zusammen mit Pfarrer Rosner die persönlichen Sachen von Engelbert Fadmann in der Garderobe durchsuchen, vielleicht fand sich ein Hinweis, der ihnen half, Licht in die mysteriöse Angelegenheit zu bringen.

»Ich komme mit«, entschied Lady Chatterwing in Gestalt der Festspielverwaltungsmitarbeiterin Gerhild Mayer. »Ich kann Ihnen dabei sicher helfen. Immerhin bin ich mit Engelbert sehr vertraut.«

Doch sie hatte die Rechnung ohne Gloria Honeymouth gemacht. »Das könnte dir so passen, Gerhild! Wenn jemand Engelberts Persönlichkeit wahrhaftig kennt, dann bin ich es!« Pfarrer Rosner wollte protestieren, aber der Kommissar wehrte ab. »Okay, Sie kommen beide mit!« Das Gezicke ging ihm auf den Geist. Er wollte keine Zeit verlieren. Vielleicht konnten die beiden tatsächlich eine Hilfe sein, wenn sie schon dem Landesbeamten so nahe standen, wie sie behaupteten. Außerdem hatte er auf diese Weise die beiden Streithennen besser unter Kontrolle. Auf einen weiteren Mord abseits der Bühne konnte er verzichten.

Auf dem Weg zum Hauptgebäude wandte sich Merana an den Pfarrer. »Hatte Herr Fadmann sein Handy überhaupt bei sich? Störte das nicht auf der Bühne?«

Noch ehe Bastian Rosner antworten konnte, mischte sich Wendelgard Hupfknecht ein.

»Engelbert braucht das Handy als Requisit am Ende des zweiten Aktes. Johnny Lametta ruft damit den unehelichen Sohn von Lady Chatterwing an, um ihm eine Falle zu stellen. Denn der ist in einen Skandal verwickelt. Der internationale Lebkuchenhandel dient in Wahrheit nur als Tarnung für den Verkauf von Mikrochips mit geheimen Daten, die in den Backwerken versteckt sind.«

Merana ließ deutlich hörbares Knurren vernehmen. Mikrochips in Lebkuchen! Spionagematerial im Weihnachtsgebäck! Ihn fröstelte. Wenn im Verschwinden des Hauptdarstellers etwas Gutes steckte, dann in jedem Fall die Tatsache, dass der Kommissar sich diesen Bühnen-Schwachsinn nicht mehr bis zum Ende anschauen musste.

Fadmanns persönliche Sachen lagen, zusammen mit den Kleidungsstücken der übrigen Mitwirkenden, im Büro des Pfarrers, das kurzfristig als Garderobe herhalten musste. In Mantel, Hose und Jacke fanden sie nichts Auffälliges. In einer schmalen Umhängetasche entdeckten sie den Führerschein, einen Reiseführer über Madeira und die Brieftasche.

»Engelbert plant, im April auf Madeira Urlaub zu machen. Das erzählte er mir gestern, als wir bei mir zu Hause den dritten Akt durchgingen.« Wendelgard Hupfknecht fixierte ihre Konkurrentin mit eisigem Blick. Offenbar hatte Johnny Lametta ihr nichts von seinen Reiseplänen verraten.

Merana zog eine kleine bebilderte Karte aus Engelbert Fadmanns Brieftasche. Romantikgasthof Hummelberger. »Hat Herr Fadmann Ihnen gegenüber einmal dieses Gasthaus erwähnt?« Er zeigte den Mini-Folder in die Runde. Die beiden Frauen belauerten einander, ob die jeweils andere etwas darüber wüsste. Schließlich schüttelten beide den Kopf, erleichtert, dass auch die Konkurrentin keine Ahnung hatte.

»Ich war dort einmal zum Essen eingeladen«, bemerkte der Pfarrer. »Im Anschluss an eine Trauung. Aber Engelbert hat mir gegenüber das Gasthaus nie erwähnt.«

Merana drehte die Karte um. Jemand hatte ein paar Ziffern auf die Rückseite gekritzelt. 304/309.

»Sagen Ihnen diese Zahlen etwas?«

Die beiden Frauen verneinten. »Könnten das Zimmernummern sein?«, fragte Bastian Rosner. Daran hatte Merana auch schon gedacht.

»Ich fahre dorthin«, entschied der Kommissar.

»Ich komme mit!«, kam es fast zeitgleich aus dem Mund der beiden Hobbyschauspielerinnen.

Merana schnaubte kurz auf. »Meinetwegen. Aber ziehen Sie sich vorher um. Oder wollen Sie weiter so herumlaufen? In Lametta-Fummel und adeligem Reitkostüm?«

Während die beiden Frauen sich im Pfarrbüro umzogen, ließ sich der Kommissar in aller Eile von seinem Jugendfreund über die beteiligten Personen informieren.

»Engelbert Fadmann, 41, Beamter der Salzburger Landesregierung. Wenn mich nicht alles täuscht, ist er im Umweltreferat tätig. Überaus korrekt, aber schüchtern. Seit zwei Jahren im Pfarrgemeinderat. Agiert auch dort eher zurückhaltend.«

»Läuft da irgendetwas mit einer der beiden Frauen?«

Der Pfarrer lächelte. »Ich kann mir das schwer vorstellen. Ich halte das eher für ein Wunschdenken der beiden Damen. Die Ehe der Hupfknechts scheint nicht die allerbeste zu sein. Wendelgard ist eine heillose Romantikerin, die immer noch Ausschau nach ihrem Märchenprinzen hält. Ihr Mann Ferdinand füllt diese Rolle garantiert nicht aus, der ist eher der Kategorie nüchterner Realist zuzuordnen. Aber Wendelgard ist eine gute und geschickte Lehrerin. Sie hat alle unsere Kostüme entworfen und selbst geschneidert. Gerhild Mayer gehört nicht dem Pfarrgemeinderat an, singt aber regelmäßig im Kirchenchor. Sportlich. Immer lösungsorientiert. Gelegentlich resolut. Seit zwei Jahren geschieden.«

»Und die anderen aus dem Theater-Team?« Doch der Pfarrer kam nicht mehr dazu, die Frage zu beantworten, denn die beiden Frauen waren fertig und bereit aufzubrechen.

Sie fuhren zu viert in Meranas Wagen. Der Kommissar saß am Steuer. Der »Romantikgasthof Hummelberger« lag im Norden. Merana wählte die Route durch die Innenstadt. Der Schneefall hatte aufgehört. Am größten Teil des Himmels glitzerten die Sterne, nur einige schmale Wolkenstreifen zeigten sich am Firmament. Die Stadt war hell erleuchtet. Die von Scheinwerfern bestrahlten Mauern der Festung hoch über der Dächerlandschaft trugen helle Schneehauben so wie auch die Kuppeln und Türme der Kirchen, die Giebel der Häuser. Salzburg präsentierte sich als märchenhafte Weihnachtskulisse. An der Kreuzung beim Landestheater musste Merana anhalten, obwohl die Ampel Grün zeigte. Die Straße war voll von Menschen, die in großen Trauben über die Fahrbahn eilten, ohne auf den Verkehr zu achten. Gleich zwei Adventveranstaltungen waren in der näheren Umgebung zu Ende gegangen. Hunderte Besucher strömten ins Freie. Die einen kamen vom Weihnachtskonzert aus der Dreifaltigkeitskirche und überquerten den Makartplatz in Richtung Salzach. Der andere Teil zog die Schwarzstraße herauf. Diese Menschen hatten sich im Großen Saal des Mozarteums bei einem Chorabend mit Hirtenspiel weihnachtlich einstimmen lassen. Mit den vielen anderen Besuchern, die heute Abend auf der anderen Seite der Salzach adventliche Veranstaltungen genossen hatten, waren im Augenblick gut und gern einige tausend Leute in der Stadt unterwegs.

Merana drückte auf die Hupe. Er hatte es eilig. Die Masse an Leuten, die Horde an Einheimischen und Touristen, die sich ausgerechnet jetzt auf den Straßen tummelten, war nicht dazu angetan, seine Laune zu verbessern. Er schnaubte.

In Salzburg stiegen einander die Veranstalter von vorweihnachtlichen Events alljährlich gegenseitig auf die Füße. Es wimmelte nur so von Adventsingen, Hirtenspielen, Turmblasereien, Chordarbietungen, Weihnachtskantaten jeglicher Art. Die einen trumpften im großen Stil mit klassischem Orchester auf, die andern gaben sich schlichter in Begleitung von Volksmusikensembles, und einige scheuten auch nicht davor zurück, ihre Besinnlichkeitsattacken im musikantenstadl­schrecklichen Schlagersound auf die Bühne zu hieven. Warum musste bei all diesen kerzenlichtschwangeren Spektakeln, die jedes Jahr über Salzburg hereinbrachen, der Pfarrer von St. Barbara auch noch eines draufsetzen? Und ausgerechnet ein Krimi-Weihnachts-Dinner mit trottelhaftem Inhalt? Aber weil das so war, musste der Chef der Salzburger Kripo am späten Sonntagabend auf den schneeglatten Straßen quer durch die Stadt gondeln, um nach einem lampenfiebernden Landesbeamten zu suchen, der auf der Bühne einen coolen Mörderjäger abgab und auf den idiotischen Namen Johnny Lametta hörte!

Was habe ich in meinem früheren Leben nur verbrochen?, fragte sich der Kommissar und drückte zornig auf die Hupe. Er glaubte zwar nicht an Wiedergeburt. Aber falls es diese doch gab, dann musste er früher einmal ein ganz Schlimmer gewesen sein. Ein Meuchelmörder, Mädchenschänder oder zumindest Finanzbeamter. Anders war die Strafe nicht zu erklären, die an diesem Abend über ihn hereinbrach. Und zu allem Überfluss winkten ihm jetzt auch noch zwei Japanerinnen zu, auf deren Köpfen Rentierhauben mit blinkenden Nasen schaukelten. Merana war es egal, wie viele Verluste es in der Statistik der heurigen Besucherzahlen der Stadt Salzburg geben würde, er stieg wild entschlossen aufs Gaspedal, komme, was da wolle. Aber bis auf einen achtlos auf der Fahrbahn verlorenen Lederhandschuh, den er auf Höhe Christuskirche überfuhr, gab es erstaunlicherweise bei seiner rasanten Fahrt keine Opfer zu beklagen.

Last Christmas I gave you my heart. But the very next day you gave it away …