Liebesinsel am Deich - Sigrid Hunold-Reime - ebook

Liebesinsel am Deich ebook

Sigrid Hunold-Reime

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Opis

September und Schietwetter an der Nordseeküste. Tomke Heinrich landet mit Karl, ihrer Sommerbekanntschaft, im Bett. Ein Fiasko. Tomke flüchtet in ihre Pension, doch der Tag hält eine weitere Überraschung für sie bereit: Tomkes Jugendfreundin Dörte steht vor der Tür und braucht Hilfe. Und da gibt es noch Dagmar, Dörtes jugendliche, lebenshungrige Mutter, die durch einen harmlosen Freundschaftsdienst ein Karussell aus Missverständnissen, Betrug, viel Geld und Liebe in Bewegung bringt …

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Sigrid Hunold-Reime

Liebesinsel

am Deich

Roman

Impressum

Ausgewählt von

Claudia Senghaas

Personen und Handlung sind frei erfunden.

Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2014 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 0 75 75 / 20 95 - 0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Herstellung: Julia Franze

E-Book: Mirjam Hecht

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von: © Fotolyse – Fotolia.com

ISBN 978-3-8392-4424-1

Prolog

Sie hatte das kleine Boot bereits am Vormittag auf Höhe der Liebesinsel festgemacht. Nun war es dunkel. Dazu diesig und für Anfang September viel zu kalt. Diese unfreundliche Witterung war ein Geschenk des Himmels. Es verlockte kaum zu einem Abendspaziergang. Das war gut so. Zuschauer konnte sie bei ihrem Unternehmen nicht gebrauchen.

Der Außenborder schnarrte leise. Sie setzte das Boot ohne Beleuchtung über. Selbst am Steg verzichtete sie darauf, ihre Taschenlampe einzuschalten. Sie kannte die winzige Naturschutzinsel gut. Wie oft war sie von der Surferbucht aus hier herübergeschwommen. Jung und übermütig und – nie allein.

Die morschen Stegplanken waren glitschig und zwangen sie zur Langsamkeit. Sie durfte auf keinen Fall ausrutschen. Ihr Gepäck könnte dabei ins Wasser fallen und ein paar Tage später ans Ufer getrieben und gefunden werden. Das würde Hilla ihr nie verzeihen.

Der Kater muss anständig begraben werden. Tief genug, um ihn vor den ewig gierigen Schnäbeln der Möwen zu schützen. Und – das war der Grund, aus dem sie diese nächtliche Exkursion unternahm, der Kater sollte einen ganz besonderen Platz für seine letzte Ruhestätte bekommen. Er sollte auf den Wasserskilift sehen können.

Sie schüttelte den Kopf über Hillas ungewöhnliche Bitte. Verrückt. Sicher, der Kater war eine sehr spezielle Ausgabe seiner Gattung. Das bunte Treiben der Wasserskifahrer hatte ihn mehr begeistert als tanzende Mäuse. Er hatte völlig fasziniert neben seinem Frauchen auf der Terrasse am Wasser gesessen und die mehr oder weniger geschickten Übungen der Wassersportler beobachtet. Jeden Sonntag, wenn sie sich mit Hilla dort zum Frühstück verabredet hatte, war der Kater dabei. Und nun sollte er mit Blick auf den Wasserskilift begraben werden. Als ob das noch wichtig wäre. Aber versprochen war versprochen. Um eine geeignete Stelle mit der gewünschten Aussicht zu finden, musste sie sich zur Spitze der kleinen Insel durchpirschen.

Sie setzte vorsichtig einen Fuß vor den anderen. Den Spaten benutzte sie als Gehstock. Der Sack war zu schwer, um ihn die ganze Zeit über der Schulter zu tragen. Sie zog ihn über das Dickicht neben sich her.

Ihre Augen hatten sich an die Dunkelheit gewöhnt, sie sah die beiden windschiefen Birken. Der Platz war ideal für ihre Zwecke. Von hier aus konnte man bei Tage einen Zipfel vom Wasserskilift erblicken und die Stelle wurde selten überspült.

Als sie den ersten Spatenstich setzte, freute sie sich, wie locker die Erde nachgab. Sie hatte befürchtet, wesentlich mehr Kraft aufbringen zu müssen. Beim nächsten beherzten Zustechen stieß sie mit dem Spaten auf einen Widerstand. Eine Baumwurzel, vermutete sie, und versuchte es ein wenig weiter rechts. Das gleiche Phänomen.

Sie schaltete die Taschenlampe an, beleuchtete den Erdboden und erblickte – einen Koffer. Von einer Sekunde zur anderen brach ihr der Schweiß aus. Warum war hier ein Koffer vergraben? Vor ihrem geistigen Auge erschien das Szenario eines grausamen Mordes. Zersägte Leichenteile! Sie sollte so schnell wie möglich von der Insel verschwinden. Aber sie war ein ungewöhnlich neugieriger Mensch und diese Eigenschaft siegte über ihre Angst. Sie buddelte den Koffer frei und zerrte ihn aus der Erde. Als sie den Inhalt im Scheinwerferlicht ihrer Taschenlampe betrachtete, fällte sie ohne zu zögern eine Entscheidung.

Sie bettete den Kater in das vorbereitete Grab und schaufelte es sorgsam zu. Dann schnappte sie den Koffer, hastete zum Steg und setzte wieder auf die Hookser Landzunge über. Sie zog das Boot so weit wie möglich ins Schilf. Sie würde es irgendwann holen. Es war nicht mehr wichtig. Auf dem Weg zu ihrem Auto begegnete ihr keine Menschenseele. Sie lächelte zufrieden. Manchmal zahlten sich kleine Freundschaftsdienste wirklich aus.

Kapitel 1

Horumersiel, Anfang September an einem Mittwochabend

Tomke und der Mann mit Hund

Die Tür zum Schlafraum ist einen Spalt breit geöffnet. Der durchfallende Lichtschein der Nachttischlampe beleuchtet den Wohnbereich nur notdürftig. Das muss reichen. Tomke ertastet auf der Kochzeile ihre Hose. Sie scheint ein Knäuel ohne Anfang und Ende zu sein. Ungeduldig heruntergezerrt und achtlos hingeworfen. Nicht nervös werden, befiehlt sich Tomke. Sonst bekommt sie Hose, Slip und Strümpfe niemals auseinandergetüddelt.

Sie horcht nach nebenan. Kein Mucks von ihm zu hören. Sehr gut. Sie will verschwunden sein, bevor er aufwacht und Fragen stellt. Was er mit Sicherheit tun wird. Aber Tomke ist noch viel zu verwirrt, um ihm Rede und Antwort stehen zu können.

Sie konzentriert sich und schafft das Kunststück, geräuschlos in Slip und Hose zu steigen. Als sie behutsam den Reißverschluss hochzieht, merkt sie, dass sie den Slip verkehrt herum anhat. Egal. Sie muss nur noch ihre Bluse finden und dann nichts wie raus hier. Vorsichtig tastet sie die Sitzfläche der Eckbank ab. Dabei streift ihre Hand etwas kühles Feuchtes. Instinktiv fährt sie zurück. Dabei weiß Tomke, was sie gerade berührt hat. Tinas Schnauze. Die Jack-Russell-Hündin springt von der Bank, stellt sich neben Tomke und presst sich gegen ihre Beine.

Tomke zuckt lakonisch mit den Schultern. Brauchst mich nicht so anzuschmusen, denkt sie. Ich fühle mich auch beschissen. Weglaufen ist nicht die feine Art. Aber glaub mir, das ist für alle Beteiligten besser so.

Dabei hatte der Abend so wunderbar begonnen. Hier in der gemütlichen Sitzecke im Wohnwagen. Mit der Entwicklung hätte Tomke im Traum nicht gerechnet. Karl und sie. Eine Bettgeschichte. Niemals! Sie hatte sich freundschaftlich zu ihm hingezogen gefühlt. Rein freundschaftlich. Sie hatte seine Gegenwart genossen und war neben ihm zur Ruhe gekommen. Dieses entspannte Miteinander hatten sie sich nun gründlich verdorben. Durch einen Augenblick der Schwäche und Unachtsamkeit. Sie hatte plötzlich nur aus Sehnsucht bestanden, und dieses Gefühl hatte sie völlig enthemmt. Sie wollte Nähe, war begierig, Karls Haut an ihrer zu spüren. Ihre Erregung war auf ihn übergesprungen. Aber der Sinnesrausch reichte nur bis in die Schlafkabine. Die Ernüchterung war wie ein Schlag ins Gesicht.

Tomke bückt sich und schiebt den Hund sanft zur Seite. Ihre Hand streift dabei den feinen Stoff ihrer Bluse. Der BH ist darin verschlungen. Tomke schnappt beides und richtet sich auf. In dem Augenblick geht die Deckenbeleuchtung an. Karl steht in der geöffneten Schiebetür. Er ist noch immer nackt.

»Das glaube ich jetzt nicht«, stößt er hervor und greift nach einem Handtuch. Ohne Tomke aus den Augen zu lassen, knotet er es sich geschickt um die Hüften.

»Du wolltest einfach so gehen?«

Tomke streift sich hastig die Bluse über und tritt verlegen von einem Fuß zum anderen.

»Ertappt«, gibt sie kleinlaut zu.

Karls Gesichtsmuskulatur bewegt sich in Richtung Lächeln. Es sieht künstlich aus.

»Das machen in den Filmen doch immer nur die miesen Kerle. Hättest du mir wenigstens ein Kärtchen mit ›ich rufe dich an‹ dagelassen?«

Tomke starrt auf das heruntergelassene Rollo am Heckfenster. Auf dem sandfarbenen Untergrund tummeln sich blaue Seesterne und ulkige Tintenfische.

»Was ist los?«, hört sie Karl leise fragen.

Tomke bläst ihre Wangen mit Luft auf und pustet sie heftig wieder aus, sodass ihre nachgewachsenen, rötlich gefärbten Ponyhaare nach oben fliegen.

»Karl, hör zu. Weglaufen ist feige. Bestimmt kein feiner Zug. Aber ich muss erst einmal an die frische Luft. Wir reden, aber – aus uns wird kein Paar.«

»Das weißt du so plötzlich? Wir kennen uns seit einem halben Jahr und haben uns immer besser verstanden. Ich dachte, wir hätten uns ineinander verliebt und nun haben wir – das erste Mal miteinander geschlafen.«

Tomkes grüne Augen verdunkeln sich und sie nickt traurig.

»Genau das ist der Punkt. Unsere Körper passen nicht zueinander.«

Karl stößt ein trockenes Lachen hervor: »Ich glaube, ich habe mich jetzt verhört. Was redest du da für einen Unsinn? Wie willst du das nach dem ersten Mal beurteilen? Schon mal daran gedacht, auch Männer haben Lampenfieber. Wir sind doch keine Teenager mehr, die Punkte für das Liebesspiel vergeben.«

»Richtig! Wir sind erwachsen. Deshalb kenne ich meinen Körper mittlerweile gut – und den Mann, der dazu passt. Du kannst mir glauben, es ist besser, wenn wir hier und jetzt einen Schlussstrich ziehen.«

»Nein, nicht so zwischen Tür und Angel. Lass uns ein Glas Wein trinken.«

Karl hat sich seinen Bademantel hinter der Tür hervorgeholt und angezogen.

»Nee, auf keinen Fall mehr Alkohol. Ich habe Badegäste und muss morgen früh raus.«

»Gut, keinen Alkohol. Vielleicht besser so. Dann koche ich uns einen Tee. Komm, nun setz dich. Bitte. Nur für einen Moment. Lass uns miteinander reden.«

Als Tomke nicht reagiert, dirigiert er sie wie eine Marionette zur Eckbank und zwingt sie mit sanfter Gewalt sich zu setzen. Sie lässt es widerwillig geschehen. Tina springt auf die Sitzbank und setzt sich neben sie. Als müsse sie Tomke bewachen, während Karl sich an der winzigen Küchenzeile zu schaffen macht. Er lässt Wasser in einen Topf laufen, zündet eine Gasflamme an und stellt den Topf darauf.

Tomke unterdrückt einen Seufzer und lehnt ihren Kopf an die Wohnwagenwand. Genau deshalb wollte sie heimlich verschwinden. Miteinander reden. Klasse. In diesem verwirrten Gemütszustand macht man schneller Zugeständnisse, als man denken kann. Nur um ohne Streit mit einem Rest von Harmonie zu entkommen. Und schwups sitzt man in der Falle. Miteinander reden. Was soll sie mit Karl bereden? Okay, sie könnte ihm die Wahrheit sagen und ihre Lebensgeschichte erzählen. Damit er ihre Reaktion nachempfinden kann und sie nicht als exzentrische Zicke in Erinnerung behält. Tomke schüttelt kaum merklich den Kopf. Nein, dieser Versuchung wird sie widerstehen. Dafür bräuchte sie viel Zeit und vor allem klare Gedankengänge. Außerdem hat sie Zweifel, ob dieser Seelenstriptease der Mühe wert ist und das Ziel erreicht: nämlich Karls Verständnis. In Tomkes Vergangenheit gibt es ein paar Brocken, die nicht leicht zu schlucken sind.

Sie sollte aufstehen und verschwinden. Das Gefühlschaos ist heute Abend nicht mehr zu entwirren, wenn überhaupt. Aber Tomke steht nicht auf. Sie stopft ihren BH in die Handtasche und bleibt sitzen. Nur auf einen Tee, spricht sie sich Mut zu. So viel Anstand muss sein. Das hat Karl verdient. Er ist bestechend freundlich geblieben. Obwohl sie seine Fähigkeiten als Liebhaber in Frage gestellt hat. Immerhin hätte sein gekränktes Männerego ein Gegenfeuer eröffnen können. Er hätte zum Beispiel auf die einsetzende Schwerkraft ihrer Brüste hinweisen können. Dass der Anblick ihres nicht mehr makellosen Körpers seine Begierde in Grenzen gehalten hätte und er sonst viel potenter wäre. Nein, Karl geht nicht unter die Gürtellinie. Er will mit ihr reden. Er möchte sie verstehen.

Dabei ist Karl aufgewühlt. Er ist dermaßen konzentriert mit der Teezubereitung beschäftigt, als brühe er zum ersten Mal welchen auf. Seine sonst weich fließenden Bewegungen wirken eckig und erinnern an die eines Roboters. Eindeutig. Es geht ihm beschissen. Am liebsten würde Tomke zu ihm gehen und ihn in den Arm nehmen und sagen: Dumm gelaufen. Lass uns diesen Abend vergessen. Aber für eine freundschaftliche Umarmung ist jetzt der denkbar schlechteste Zeitpunkt.

»Karl. Es tut mir leid. Echt.«

Er wendet ihr weiterhin den Rücken zu.

»Weil – weil ich dich wirklich sehr mag«, stammelt Tomke unbeholfen.

Er dreht sich ruckartig zu ihr um und sieht sie durchdringend an. »Und warum dann dieses Drama? Warum versuchen wir es nicht miteinander?«

Tomke weicht seinem brennenden Blick aus. Schlicht und einfach Erfahrungswerte, hätte sie antworten können. Glaub mir. Es ist besser so. Aber Tomke hält den Mund. Sie hat gerade das Gefühl, jedes weitere Wort der Klärung vergrößert das Missverständnis zwischen ihnen nur.

Karl stellt gefüllte Teepötte auf den Tisch und setzt sich an das andere Ende der Eckbank. Sie trinken den Tee beide ohne Milch und Zucker. Bedächtig, Schluck für Schluck. Ein Augenblick des Verschnaufens.

Tomke betrachtet seine Hände. Sie sind feingliederig und gepflegt. Tomke steht auf schöne Männerhände. Karl ist überhaupt ein gutaussehender Mann. Kräftig, aber nicht dick. Sein Haar noch voll. Ganz kurz geschnitten und fast weiß. Das bildet einen attraktiven Kontrast zu seiner gebräunten Haut. Tomke blickt auf ihre eigenen Hände. Sie sind hell und mit Sommersprossen übersät. Der empfindliche Teint einer Rothaarigen. Für Spaziergänge am Strand braucht sie einen Sonnenblocker.

Der Tee ist getrunken. Was nun? Tomke spürt Karls Blick auf sich gerichtet. Er wartet. Sie ist ihm noch eine Antwort schuldig.

»Was sollten wir versuchen?«, wiederholt Tomke seine letzte Frage, obwohl sie genau verstanden hat, worauf er hinauswill.

»Stell dich nicht dumm. Das passt nicht zu dir«, ist Karls prompte Reaktion. »Wir verstehen uns prächtig. Den ganzen Sommer über. Und du willst nach dem ersten Mal Sex alles über den Haufen werfen. Einfach abhauen. Nur weil du keinen – keinen Orgasmus hattest. Für die Einstellung fehlen mir die Worte. So hätte ich dich nicht eingeschätzt.«

Tomke spürt, wie die Haut in ihrem Gesicht zu brennen beginnt, als hätte sie es ungeschützt in die Sonne gehalten. Bleib bloß ruhig, beschwört sie sich. Und fang jetzt um Himmels willen nicht an zu heulen. Dabei sitzen die Tränen ganz vorn. Sie bräuchte nur die Schleusen aufzumachen.

Das hier ist für sie ein einziges, schreckliches Déjà-vu. Damals, da war sie jung. Sehr jung. Noch keine zwanzig und völlig unerfahren. Das Gespräch hat auch am Esstisch stattgefunden. In ihrer schönen, neu eingerichteten Küche in der Deichstraße. Sie war gerade ein halbes Jahr verheiratet und hatte versucht, mit Gerold über ihr Eheproblem zu reden. Dabei hatte die schwarze Erika ihr längst erklärt: »Mädchen, das liegt nicht an dir. Dein Kerl bekommt keinen hoch, weil er Angst hat oder impotent ist.« Erika hatte ihr ein paar Handgriffe verraten, um Gerolds Lust nachzuhelfen. Das ging nach hinten los. Gerold nahm ihre Annäherungsversuche nicht als Schützenhilfe wahr. Im Gegenteil. Er fühlte sich angegriffen und drehte den Spieß um. Er bezeichnete Tomke als notgeil. Ob sie nur noch die Vögelei im Kopf hätte? Das wäre widerlich. Die harten Vorwürfe verfehlten nicht ihre Wirkung. Tomke schämte sich entsetzlich und hielt den Mund.

Das ist über 30 Jahre her. Aber die Erinnerung macht sie noch immer wütend. Sie hat damals keinen Grund gehabt, sich zu schämen. Sie hat sich nach einer Umarmung gesehnt. Ein Verlangen, das sie nicht einmal in Worte fassen konnte. Sie hatte keinen blassen Schimmer vom Beischlaf. Sie war jungfräulich in die Ehe gegangen. Und wäre es bis zum heutigen Tag geblieben, wenn sie sich nicht zu helfen gewusst hätte. Das Ende vom Lied war ein toter Ehemann.

Tomke sieht hoch und Karl in die Augen. Er hat schöne graue. Und er hat keine Ahnung, in welches Wespennest er gestochen hat. Wie sollte er auch? Er hat bislang nur die patente Tomke Heinrich kennengelernt. Die ihr Leben im Griff hat. Zwei erwachsene Kinder, eine nette Pension und einen wunderbaren Humor. Und nun sucht genau diese Frau nach dem ersten missglückten Geschlechtsverkehr das Weite. Als würde der Wert einer Beziehung nur von der Harmonie im Bett abhängig sein.

»Nein, natürlich geht es nicht um einen Orgasmus haben oder nicht. Aber mein Bauchgefühl sagt mir, wir beide geben kein Liebespaar ab.«

»Und warum hat dein Bauchgefühl heute Abend versagt? Du hast angefangen mich zu küssen und du wolltest mehr!«

Jetzt glühen seine Augen und man kann in dem sanften Grau grüne Pünktchen erkennen. Karl ist tief gekränkt, auch wenn er sich die größte Mühe gibt, es sich nicht anmerken zu lassen. Tomke zieht ihre Schultern hoch und lässt sie wieder fallen. Sie würde ihm gerne eine Antwort, eine Erklärung geben, die ihm helfen könnte. Sie lässt ihren Blick durch den Innenraum des Wohnwagens wandern. Als könne sie hier eine Lösung finden. Sie betrachtet die leuchtend gelbe Urkunde, die am Kühlschrank klebt. Für den besten Briefträger von Hannover-Ricklingen. Über Tomkes Gesicht huscht der Ansatz eines Lächelns. Das war Karl mit Sicherheit. Noch einer von der Sorte, der auch einmal einen Brief mitnahm, wenn der Versender gerade keine Briefmarke im Haus hatte. Neben dem Kühlschrank hat Karl ein Flaschenregal aus Holz eingebaut. Für seine geliebten schottischen Whiskys. Single Malt. Karl kann beim Verkosten richtig ins Schwärmen kommen. Er hat mehrmals versucht, Tomke das Geschmackserlebnis näherzubringen. Vergebene Liebesmühe. Tomke hat beim sogenannten Abgang nie etwas Blumiges, Fruchtiges oder gar Schokoladiges herausschmecken können. Er brannte ihr in der Kehle und ließ nur torfigen Rauch zurück.

Tomkes Blick wandert weiter und bleibt an dem prächtigen Blumenstrauß in der Waschecke stehen. Den hat Karl ihr heute Abend geschenkt. Tomke starrt auf die Blumen und murmelt: »Ich kann dir sagen, warum mein Bauchgefühl versagt hat: Schuld sind deine Blumen.«

»Die Blumen?«, wiederholt Karl irritiert und folgt Tomkes Blick, als wolle er sich vergewissern, ob dort immer noch die gleichen stehen.

»Ja, genau die! Peperoni und cremefarbene Ranunkeln. Dazu deine Worte: Diese Blumenkombination ist wie du. Du bist scharf und temperamentvoll wie rote Peperoni und sanft und einfühlsam wie diese zartfarbenen Ranunkeln. Das hat mich umgehauen. So etwas hat noch nie jemand zu mir gesagt und ich habe mich komplett verstanden gefühlt. Du warst plötzlich so sinnlich und erotisch. Es hat geprickelt und …«

»Danke für die Vergangenheitsform.«

»Ach Karl, wir hätten Freunde bleiben sollen.«

»Wieso hätten? Dann bleiben wir halt Freunde.«

Tomke sieht ihn zweifelnd an: »Irgendwie habe ich Schiss, dass wir uns das heute versiebt haben.«

»Meine Güte, sei doch nicht so theatralisch.«

»Doch, das bin ich. Weil ich mich gerade so fühle.«

Tomke schlängelt sich hinter der Eckbank hervor und steht auf. Karl bleibt sitzen. Er schüttelt nur den Kopf und starrt auf die Tischplatte. Tina schubst ihn auffordernd an. Die schlaue Hündin hat die ganze Zeit exakt zwischen Tomke und Karl gesessen. Nun soll ihr Herrchen ihrer Meinung nach etwas unternehmen, um Tomke aufzuhalten. Tut er aber nicht.

»Ich rufe dich an«, verspricht Tomke, um überhaupt etwas zum Abschied zu sagen und auch, weil es der Wahrheit entspricht. Sie wird ihn anrufen. Karl zeigt keinerlei Reaktion. Er hebt nicht einmal den Blick. Tomke steht schon draußen vor dem Wohnwagen auf der Fußbank, als Tina von der Bank springt und sich in die Tür stellt. Sie sieht Tomke mit diesem flehenden Hundeblick an, der Gletscher zum Schmelzen bringen könnte. Tomke muss hart schlucken und streichelt Tina über den Nacken. »Wir sehen uns wieder. Fest versprochen!«, flüstert sie rau. Sie schiebt den Hund sanft zurück und drückt die Tür zu.

Kapitel 2

Tomke und ihr Vorsatz: Nie wieder!

Der Himmel ist bedeckt. Die Luft milchig. Eine Nacht ohne Mond und Sterne. Das hätte ihr zu denken geben sollen. Dazu ist es für Anfang September viel zu kühl.

Der Campingplatz wirkt wie leergefegt. Die Camper haben sich verkrochen und sitzen in ihren mobilen Wohnzimmern. Das gedämpfte Licht hinter den kleinen Fenstern wirkt anheimelnd gemütlich.

Blödsinn, holt Tomke sich von dem Romantiktrip. Das redet man sich schnell ein, wenn man draußen steht. Nun bilde dir bloß nicht ein, dass in jedem Caravan glückliche Menschen sitzen, Händchen halten oder sich in den Armen liegen. Die schauen in die Glotze und schlafen vor Langeweile ein. Immerhin gibt es kein Haus auf Rädern ohne eine korrekt ausgerichtete Satellitenschüssel.

Tomke schließt ihr Fahrradschloss auf. Zeit, um nach Hause zu fahren. Sie wirft einen letzten Blick auf Karls Wohnwagen. Sie wird das hier draußen vermissen. Schon verrückt, dabei steht kaum tausend Meter entfernt ihre schmucke Frühstückspension. Aber so dicht am Meer zwischen Wohnwagen und Zelten kann Tomke ihre Alltagsprobleme weit hinter sich lassen. Das ist wie im Urlaub sein. Eine ganz neue Erfahrung für sie. Vor allem in der Hochsaison bei laufendem Pensionsbetrieb. In der Zeit erinnern sie nur die schwärmerischen Ausflugsberichte ihrer Gäste, wie nah sie am Meer wohnt. In einer traumhaften Umgebung zum Spazierengehen und Radfahren. Wie oft hat Tomke sich vorgenommen, auch einmal wieder vor den Deich zu gehen. Einfach so. Es ist bei dem Vorsatz geblieben. Bis zu diesem Sommer.

Karl fiel ihr von Anfang an auf. Ende April, als sie ihre Pension wieder eröffnet hat. Er spazierte regelmäßig an ihrem Haus vorbei. Immer zu den gleichen Zeiten. Und er ging unten auf der Straße, nicht auf der Deichkrone wie die meisten Touristen. Den Blick hielt er gesenkt. Ein Mann mit Hund, sortierte Tomke ihn ein. Einer, der in Gedanken versunken Gassirunden dreht.

Sie begegnete ihm persönlich, als sie am Briefkasten stand. Vergebens hielt sie nach einem Hund Ausschau. Ihre offensichtliche Neugier löste das erste Gespräch zwischen ihnen aus. Karl erzählte ihr, dass sein Hund vor einigen Wochen gestorben sei. Und für einen neuen wäre er noch nicht bereit. Die Macht der Gewohnheit ließ ihn weiterhin seine Runden drehen. Seine Offenheit hat bei Tomke sofort ein Türchen geöffnet. Sie war auch nicht bereit für einen neuen. Allerdings meinte sie damit keinen Hund.

Von dem Tag an wechselte sie mit Karl immer wieder ein paar Worte. Unverbindliches Geplauder. Angenehm leicht. Tomke fühlte sich in seiner Gegenwart wohl. Sie ertappte sich, ganz bewusst zu Karls Vorbeigeh-Zeiten aus dem Haus zu gehen. Und eines Tages hatte Karl einen Hund dabei. Die Jack-Russell-Hündin Tina. Als Tomke in deren kluge dunkle Augen sah, war das Liebe auf dem ersten Blick. Karl hatte die Hündin kurzfristig in Pflege nehmen müssen, weil sein Sohn beruflich für ein paar Monate nach Shanghai musste. Erstens hatte Tina Einreiseverbot und zweitens, selbst wenn es ginge, hätte Karls Sohn seinem kleinstadtgewohnten Hund keinen Aufenthalt in der quirligen Millionenmetropole zugemutet.

Tina war mit ihrer Zwangsunterbringung überhaupt nicht einverstanden. Sie trauerte ihrem Herrchen hinterher und machte Karl das Leben schwer. Nur zu Tomke hatte sie sofort einen besonderen Draht. Das war unübersehbar und Karl nutzte das als Begründung, Tomke zu gemeinsamen Spaziergängen einzuladen. Und sie nahm die Einladung an. Immerhin hatte sie dafür eine Rechtfertigung, die völlig unverfänglich und einleuchtend war: Tina. Seitdem holten die beiden Tomke fast jeden Tag für eine Runde ab.

Karl blieb mit seinem Wohnwagen auf dem Campingplatz in Schillig. Den ganzen Sommer über. Dabei hatte er andere Pläne gehabt. Karl war mit 58 Jahren in Pension geschickt worden. Er empfand das als großes Glück. Endlich konnte er reisen. Sein Traumziel waren die Highlands von Schottland. Genauer gesagt die zahlreichen Destillen, um dort seine geliebten Whiskys vor Ort zu verkosten.

Tomke setzt sich auf ihr Rad und radelt entschlossen Richtung Deichtor. Schluss. Sie braucht nicht weiter über das Dreiergespann nachzudenken. Die ausgedehnten Spaziergänge mit Karl und Tina gehören der Vergangenheit an, auch wenn sie ihr noch so fehlen werden. Da macht sie sich keine Illusionen. Die entspannte, warme Stimmung zwischen ihnen ist verdorben. Von nun an würden sie sich belauern. Und alles nur, weil ihre Instinkte versagt haben.

Die hätten sie bereits heute Morgen in Alarmbereitschaft versetzen müssen: Tomke Heinrich! Das wird nicht dein Tag. Pass auf. Bleib am besten allein zu Hause und geh abends früh ins Bett!

Spätestens als sie das Jeversche Wochenblatt aufgeschlagen hat, hätte der Alarm klingeln müssen. Wer strahlte ihr da auf Seite zwei entgegen? Paul. Es wurde groß und breit über das hundertjährige Jubiläum des Boßelvereins Carolinensiel berichtet. Pauls Verdienste als allseits beliebter Bahnweiser wurden besonders hervorgehoben. Er hatte auf dem Foto seinen Arm um die Schultern einer blonden Frau gelegt. Seiner Ehefrau. Sie sah sympathisch aus. Tomke hat sie nie gesehen, nie sehen wollen. Obwohl sie zehn Jahre mit Paul zusammen gewesen war. Zusammen. Pah, das mit dem Zusammensein war einzig und allein Wunschdenken, und zwar von ihrer Seite. Dieses Jahr, Anfang April hat Paul ihre Traumblase zerplatzen lassen. Dieser Trennungsschnitt hat Tomke kalt erwischt. Gerade noch hatte sie Hochzeitsglocken läuten gehört. Sie war sogar in die Krummhörn gereist, um den Pilsumer Leuchtturm als Trauungsort zu erkunden. Und Paul hatte sie stillschweigend gewähren lassen. Wie immer. Erst nach ihrer Rückkehr hatte er zum ersten Mal Farbe bekannt.

»Tomke, ich wollte dich nie belügen. Das musst du mir glauben. Aber als die erste Lüge raus war, hat sie immer neue hinter sich hergezogen. Du hast dich so sehr auf unsere gemeinsame Zukunft gefreut. Das wollte ich nicht zerstören. Du warst so glücklich. Ich habe mir vor jedem Treffen vorgenommen, mit dir zu sprechen. Ich habe es immer wieder verschoben. Tomke, ich kann meine Frau nicht verlassen. Verstehst du? Ich kann sie nicht allein lassen. Sie würde ohne mich nicht zurechtkommen. Ich würde mich immer verantwortlich und schuldig fühlen. Aber ich möchte dich nicht verlieren. Können wir nicht weiter wie …«

Mehr konnte er nicht mehr vorbringen. Denn das war der Augenblick, in dem Tomke ihn rausgeschmissen hat.

Verantwortlich! Was für ein feiges Gefasel. Verantwortung hatte er ihr gegenüber auch. Zehn Jahre waren kein Pappenstiel. Tomke hat sich tief gedemütigt gefühlt. Wie doof musste man eigentlich sein, eine Hochzeitsfeier vorzubereiten, wenn der Zukünftige anderweitig verheiratet ist und Wochenenden und Feiertage treu und brav bei seiner rechtens Angetrauten verbringt? Tomke hat einmal einen Report Ich bin die Geliebte Ihres Mannes gelesen. Darin stand, dass Frauen manchmal ihr Leben lang mit einem verheirateten Mann zusammenbleiben, ihren kompletten Zeitplan auf dieses Schattendasein einstellen. Sie leben nur auf die wenigen Treffen mit »ihrem« Mann hin. Sonntage und Feiertage müssen sie allein verbringen. Ihren eigenen Bekanntenkreis vernachlässigen sie oder geben ihn ganz auf, weil sie nicht über ihre »Ehe« reden dürfen. Irgendwann kann die beste Freundin diese stur gelebte Scheinwelt nicht mehr nachvollziehen. So beginnen sie zu schweigen, und ihre Isolation ist damit besiegelt. Sie machen sich völlig von den Zuwendungshäppchen ihres Geliebten abhängig. Das waren keine Einzelfälle. Es soll sogar ein Club der Geliebten existieren. Dort tauschen sich die Frauen anonym aus und spenden sich gegenseitig Trost. Waren die nun alle nur doof? Ganz bestimmt nicht.

In so eine Falle rutscht man Stück für Stück, ohne sie als solche zu realisieren. Am Anfang spürt man eine scheinbare Überlegenheit. Man setzt sich über spießige Beziehungszwänge hinweg. Einzig der gemeinsam erlebte Augenblick zählt. Alles andere ist bedeutungslos. Bis man mehr will und ganz langsam den Selbstbetrug begreift. Dann ist es meist zu spät. Sie haben sich in der bittersüßen Liebe längst verloren. Mit Sicherheit hat keine der Frauen vorgehabt, in so einer Sackgasse zu enden. Sie hätten es sich vorab nicht einmal vorstellen können und gutgemeinte Warnungen in den Wind geschlagen. Aber: »Schiet passeert«, murmelt Tomke. Sie ist mittlerweile froh, dass sie entgegen aller Vernunft ihre Hochzeit mit Paul vorbereitet hat. Sonst hätte er ihr niemals reinen Wein eingeschenkt und Tomke hätte in diesen Lebenslang-Geliebten-Club eintreten können.

Nachdem Tomke wieder allein war, ohne Paul und ihre Zukunftsträumereien, hat sie ihre Pension wieder eröffnet. Und sie hat auf Anhieb eine gute Saison gehabt. Damit war nach drei Jahren Pause nicht unbedingt zu rechnen gewesen. Es geht wieder vorwärts. Sie hat ihr Leben im Griff.

Dachte sie. Aber als sie heute Morgen das Foto sah. Paul erschien neben seiner Frau ehrlich glücklich zu sein. Die beiden wirkten so harmonisch. Das hat höllisch wehgetan. Tomke hätte mal eben in ihren Tee heulen können. Sie hat sich zusammengerissen und es bei feuchten Augen belassen. Sie weiß, wie sie aussieht, wenn sie die Schotten richtig aufmacht. Wie frisch gewürgt. Stundenlang danach. Und auf besorgte Nachfragen ihrer Badegäste konnte sie verzichten. Zumal aktuell einer von ihnen Psychologe ist. Der hätte ihr womöglich eine Gratisstunde auf seiner Yogamatte angeboten.

Nein. Tomke hatte die Zeitung umgedreht und war aufgestanden. Sie hatte sich in ihre vertrauten Handgriffe geflüchtet und wie jeden Morgen das Frühstücksbüfett vorbereitet. Und nachdem ihre Gäste sich in alle Winde verstreut hatten, das Haus leer war, hatte sie Fenster geputzt. Im Erdgeschoss einmal rundherum. Mit jeder blanken Scheibe ging es ihr besser. Diese kreisenden Bewegungen und der schnell sichtbare Erfolg haben sie schon immer beruhigt. Fenster putzen und Kuchenbacken. Das hat sie auch getan. Sie hat ihren ganz speziellen Teekuchen gebacken. Als der Vanilleduft das ganze Haus eroberte und Tomke von dem warmen, wattigen Teig probierte, war die Welt wieder in Ordnung. Eine sehr wackelige Ordnung mit dünner Oberfläche, an der man nicht kratzen durfte. Wie verletzt sie war, hat sie erst in Karls Wohnwagen zu spüren gekriegt.

Warum musste er ihr auch ausgerechnet heute zum ersten Mal Blumen schenken? Und was für welche. Dazu seine einfühlenden Worte. Als hätte er sie durch und durch verstanden. Für sein feines Gespür standen bei Tomke Türen und Fenster weit geöffnet. Es versetzte sie in einen wunderbaren Schwebezustand und ließ sie alle Vorsicht vergessen. Dabei weiß sie genau, dass Karl sich in sie verguckt hat und sie ihn auf der Freundschaftslinie halten muss. Das ergab bislang nie Konflikte. Karl machte keine Anstalten, eine Grenze zu überschreiten, und von Tomkes Seite aus bestand in der Hinsicht keine Gefahr. Obwohl Karl ein gutaussehender Mann ist, hat die Prise Pfeffer gefehlt. Das Quäntchen, um die Luft zwischen ihnen in Erotik zu verwandeln.

Aber heute war sie schwer angeschlagen und Karls liebevoller Aufmerksamkeit ausgeliefert. Als er neben ihr saß, spürte sie seine körperliche Anziehungskraft. Sie konnte nicht anders. Sie hat ihm ihr Gesicht zugewandt, ihn geküsst. Karl hat ihre Annäherung erwidert und sie auch geküsst. Ganz zart und behutsam. Viele kleine Küsse. Jede Berührung von ihm hat sie mehr in Flammen gesetzt und sie wollte einen tiefen Kuss. Als Karl anfing, ihren Nacken zu massieren, waren bei ihr die letzten Sicherungen durchgebrannt. Sie wollte Sex. Jetzt und hier.

Ihre ungezügelte Leidenschaft muss Karl erschreckt, wenn nicht sogar abgestoßen haben. Da braucht er ihr nichts von ein bisschen Lampenfieber zu erzählen. Von wegen miteinander geschlafen. Seine Erektion hat knapp gereicht, um in sie einzudringen. Dieser Quickie hat Tomke schlagartig ernüchtert.

Um die Situation mit Humor und Leichtigkeit zu nehmen, schleppt sie zu viel Altlast mit sich herum. Negative aus ihrer Ehe mit Gerold und wunderbare mit Paul. Genau das ist das Thema. Seine Umarmungen sitzen ihr zu sehr in den Knochen. Das hätte sie spätestens heute Morgen begreifen müssen. Paul ist noch immer das Maß ihrer Sehnsüchte. Sie stellt Vergleiche an. Und solange sie das tut, wird kein anderer Mann eine Chance haben. Das hat Karl wirklich nicht verdient.

Tomke ist am Deichtor angekommen. Sie hält an und steigt vom Rad. Sie kann noch nicht nach Hause. Nicht mit dem Tumult im Kopf.

Sie schließt ihr Rad an und läuft zurück. Quer über die Wiese bis an den Sandstrand der Schillighörn. Es ist Flut. Das Wasser rauscht in seiner vertrauten Melodie an das Ufer. Es ist diesig. Kein blinkendes Seelicht durchdringt die dicke Brühe. Aber auch bei klarer Sicht könnte man nur noch den Leuchtturm vom Wangerooge sehen. Alle anderen Leuchtfeuer sind nach und nach außer Betrieb genommen worden. Tomke vermisst vor allem den vom Minsener Oog. Der leuchtet schon lange nicht mehr. Zu ihm hat sie gern herübergeschaut und an die Sage von der Meerjungfrau gedacht. Ihre Lieblingsgeschichte aus Kindertagen. Vielleicht, weil es das einzige Märchen war, das ihr Vater ihr erzählt hat.

Tomke vergräbt ihre Hände in den Jackentaschen und denkt an Karls Worte. Lass uns Freunde bleiben. Freundschaft. Das ist leicht gesagt und lebt sich verdammt schwer, wenn man Frau und Mann ist und der eine für den anderen mehr empfindet. Dieses Ungleichgewicht ist dünnes Eis, auf das sie im Leben nicht wieder gehen wird. Die Erfahrung hat sie hinter sich. Sie hat damals geglaubt, Freundschaft könnte als Basis für ihre Ehe funktionieren. Ohne eine sexuelle Verbindung und ohne Besitzansprüche. Gerold und sie. Fast drei Jahrzehnte lang. Nun war er seit knapp drei Jahren tot. Nur weil er sich nicht an ihren Pakt gehalten hat. Er wollte alles verraten. Ihre Familie zerstören. Menschen, die ahnungslos waren, den Boden unter den Füßen wegziehen. Nach all den Jahren wollte er sich rächen.

Schritte kommen näher. Aus dem Dunst wird die Silhouette zweier Menschen sichtbar. Ein Paar. Schon älter. Sie haben ein flottes Tempo drauf. Es zeigt, sie sind ausgedehnte Spaziergänge gewohnt. Tomke sieht ihnen hinterher, bis der Meeresnebel sie wieder verschluckt.

In ihrer Jackentasche vibriert es. Tomke schreckt zusammen. So tief in Gedanken versunken, hätte sie um Haaresbreite aufgeschrien. Sie holt ihr Handy hervor. Auf dem Display steht: Ein Anruf in Abwesenheit. Eine unbekannte Nummer. Tomke zieht ihre Stirn in Falten. Die Pension ist voll belegt. Sie lässt das Handy wieder in der Jackentasche verschwinden. Für einen höflichen Austausch mit einem potentiellen Badegast hat sie keine Nerven.

Erneutes Surren. Tomke ignoriert es. Soll derjenige auf ihre Mailbox quatschen. Einen Augenblick Stille. Dann versucht der Unbekannte ein drittes Mal sein Glück. Oder ist es nicht der Gleiche? Vielleicht ruft eines ihrer Kinder an. Juliane oder Torben? Tomke kramt das Handy erneut hervor. Nein, es war der gleiche unbekannte Anrufer. Tomke seufzt. In Ordnung. So viel Ausdauer muss belohnt werden. Sie ruft zurück.

»Moin. Hier ist Tomke Heinrich.«

»Gott sei Dank, du bist doch da. Ich bin es. Dörte.«

Tomke starrt in den lichterlosen Horizont und dann wieder auf das kleine, leuchtende Teil in ihrer Hand. Zögernd hält sie es wieder ans Ohr.

»Dörte Friedrichs?«, wiederholt sie sicherheitshalber, um keiner Verwechslung aufzusitzen.

»Ja«, haucht die Frau am anderen Ende. »Ist lange her, nicht wahr.«

»Verdammt lange«, bestätigt ihr Tomke. »Genauer gesagt, acht Jahre!«