Leben des Benvenuto Cellini - Benvenuto Cellini - ebook

Leben des Benvenuto Cellini ebook

Benvenuto Cellini

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Opis

Benvenuto Cellini gilt als einer der großen Bildhauer der Nachantike und als ein typischer "uomo universale" der italienischen Renaissance. Nachdem sein Werk mehrere hundert Jahre nahezu vergessen war, wurde es zu Beginn des 19. Jahrhunderts neu entdeckt. Er wirkte an der Schwelle der Hochrenaissance zum Manierismus als Bildhauer, Goldschmied, Medailleur, aber auch als Schriftsteller und Musiker.

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Das Leben des Benvenuto Cellini

Benvenuto Cellini

Inhalt:

Benvenuto Cellini – Biografie

Das Leben des Benvenuto Cellini

Vorrede des italienischen Herausgebers

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Zweites Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Zwölftes Kapitel

Dreizehntes Kapitel

Drittes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Viertes Buch

Erstes Kapitel

Zweites Kapitel

Drittes Kapitel

Viertes Kapitel

Fünftes Kapitel

Sechstes Kapitel

Siebentes Kapitel

Achtes Kapitel

Neuntes Kapitel

Zehntes Kapitel

Elftes Kapitel

Anhang zur Lebensbeschreibung des Benvenuto Cellini bezüglich auf Sitten, Kunst und Technik

I. Vorwort

II. Gleichzeitige Künstler

III. Näherer Einfluss auf Cellini

IV. Kartone

1. Karton des Michelangelo

2. Karton des Leonardo da Vinci

V. Antike Zieraten

VI. Vorzügliches technisches Talent

VII. Zwei Abhandluungen über Goldschmiedearbeiten und Skulptur

VIII. Goldschmiedegeschäft

1. Kenntnis der Edelsteine

2. Fassen der Edelsteine

3. Niello

4. Filigran

5. Email

6. Getriebene Arbeit

7. Große Siegel

8. Münzen und Medaillen

9. Grosserie

IX. Skulptur

1. Erzguß

2. Marmorarbeit

X. Flüchtige Schilderung florentinischer Zustände

XI. Stammtafel des Hauses Medicis

XII. Schilderung Cellinis

XIII. Letzte Lebensjahre

XIV. Hinterlassene Werke

I. Goldschmiedearbeit

2. Plastische Arbeiten

3. Zeichnungen

XV. Hinterlassene Schriften

1. Lebensbeschreibung

2. Zwei Abhandlungen

3. Kleine Aufsätze

4. Poetische Versuche

5. Ungedruckte Papiere und Nachrichten

XVI. Über die Grundsätze, nach welchen man das Zeichnen erlernen soll

XVII. Über den Rangstreit der Skulptur und Malerei

Das Leben des Benvenuto Cellini

Jazzybee Verlag Jürgen Beck

Loschberg 9

86450 Altenmünster

ISBN: 9783849607357

www.jazzybee-verlag.de

[email protected]

Benvenuto Cellini – Biografie

Ital. Goldschmied und Bildhauer, geb. 3. Nov. 1500 in Florenz als Sohn des Architekten Giovanni C., gest. daselbst 13. Febr. 1571, sollte sich der Musik widmen, zeigte aber mehr Neigung für die Plastik und kam in seinem 13. Jahr zu dem Goldschmied Michelangelo di Viviano, später zu Marciano in die Lehre, führte aber bald wegen seiner Rauflust, seiner Unverträglichkeit und seines rastlosen Ehrgeizes ein unstetes Wanderleben zwischen Florenz und Rom, wo er 1523 längeren Aufenthalt nahm. Clemens VII. nahm ihn wegen seiner doppelten Fähigkeit als Goldschmied und Musikus in seine Dienste. In dieser Zeit übte sich C. auch im Stahlstempelschneiden, in der Treibarbeit, im Tauschieren und in der Kunst des Emaillierens. 1527 unterbrachen die kriegerischen Vorfälle in Rom seine Künstlertätigkeit; der Herzog von Bourbon, der die Stadt plündern ließ, soll nach Cellinis Behauptung, zu dessen Charaktereigenschaften auch große Prahlsucht gehörte, durch seine Büchsenkugel und der Prinz von Oranien durch einen seiner Kanonenschüsse gefallen sein. Dann hielt sich C. bald in Florenz, bald in Mantua, bald wieder in Rom auf, von wo er, eines Mordes mit Unrecht verdächtigt, auf kurze Zeit nach Neapel floh, bis Clemens VII. ihn wieder aufnahm. Dessen Nachfolger Paul IV. stellte ihn als Stempelschneider bei der Münze an. Eine zweite Flucht (nach Florenz) hatte einen wirklichen Mord, den er an einem ihm feindlichen Mailänder Goldschmied begangen, zum Grunde. C. wurde nun Münzmeister des Herzogs Alexander zu Florenz und vollendete hier eine Reihe trefflicher Münzen und Medaillen, bis ihn der Papst durch einen Ablassbrief wiedergewann. 1537 ging C. nach Frankreich an den Hof Franz' I., kehrte aber aus Heimweh bald wieder nach Rom zurück, wo er der Entwendung von Edelmetall aus dem päpstlichen Schatz angeklagt und zu lebenslänglicher Hast verurteilt, jedoch auf Fürsprache des Kardinals Ippolito d'Este nach 2 Jahren freigelassen wurde. Derselbe Kardinal soll ihn auch zur Modellierung des berühmten Salzgefäßes, das er später für König Franz I. von Frankreich in Gold ausführte, und das jetzt eine Zierde des kunsthistor. Hofmuseums in Wien ist (s. Tafel »Goldschmiedekunst«, Fig. 8), veranlaßt haben. 1540 ging C. wieder nach Frankreich, wo er im Dienste des Königs bis 1545 tätig war. Von seinen dort ausgeführten Arbeiten ist nur mit Sicherheit das kolossale Bronzerelief einer liegenden, von Tieren umgebenen nackten Frauengestalt, der sogen. Nymphe von Fontainebleau, für das dortige Schloss bestimmt, nachzuweisen (jetzt im Louvre zu Paris). Obwohl ihm Franz I. sehr gewogen war und ihm das Schloss Le Petit Nesle geschenkt haben soll, musste er doch 1545 den Intrigen seiner Gegner weichen. Vom Herzog Cosimo I. in Florenz freundlich aufgenommen, fertigte er für diesen 1550 die Statue des Perseus mit dem Medusenhaupt, eins seiner besten Werke in Erz, jetzt in der Loggia de' Lanzi zu Florenz. Hier versuchte er sich auch in Marmor und arbeitete eine Gruppe: Apollon und Hyacinth, und eine Statue des Narcissus. In den letzten Jahren seines Lebens, von denen seine Selbstbiographie schweigt, lebte C. mit der äußern Welt mehr in Frieden und trat 1558 selbst in den geistlichen Stand, den er aber bald wieder verließ, um noch im 60. Jahr zu heiraten. Er hinterließ bei seinem Tode zwei Töchter und einen Sohn. Von seinen Arbeiten in Silber und Gold ist wegen der Kostbarkeit des Stoffes wenig auf uns gekommen; die große Mehrzahl der ihm zugeschriebenen ist unecht. Im Escorial ist ein lebensgroßes Kruzifix in Marmor von vortrefflicher Arbeit, vermutlich dasjenige, das der Großherzog Cosimo erhielt, und das letzte Werk, dessen C. in seiner Biographie gedenkt. In keiner seiner Schöpfungen ist Cellinis Geist so kräftig ausgeprägt wie in seiner Selbstbiographie, mit der uns Deutsche zuerst Goethe durch seine Übersetzung bekannt machte (1803). Sie erschien in zahlreichen Ausgaben (zuerst 1728; später von Tassi: »Vita ed opere«, Flor. 1729; von Choulant, Leipz. 1833–35, 3 Bde.; von Guasti, Flor. 1891; von Bacci, Mail. 1900) und Übersetzungen bis in die neueste Zeit. Diese Lebensbeschreibung ist ebenso ausgezeichnet durch die heitere Unbefangenheit, mit der C. seine Tugenden wie seine Schwächen darstellt, wie durch die Lebendigkeit und Natürlichkeit der Sprache, leidet aber auch stark durch die Prahlerei des Autors. Seine »Trattati dell' oreficeria e della scultura« erschienen 1568. Sie wurden neu von Milanesi herausgegeben (Flor. 1856), übersetzt von Brinkmann (Leipz. 1867). Vgl. A. v. Reumont, Cellinis letzte Lebensjahre, in Raumers »Historischem Taschenbuch«, 1847; Derselbe, Beiträge zur italienischen Geschichte, Bd. 3 (Berl. 1854); I. Arneth, Studien über B. C. (Wien 1859); E. Plon, B. C., orfèvre, medailleur, sculpteur (Par. 1882, Nachtrag 1884); Mabellini, D elle rime di B. C. (Flor. 1885); Molinier, B. C. (Par. 1894).

Das Leben des Benvenuto Cellini

Leben des Benvenuto Cellini florentinischen Goldschmieds und Bildhauers von ihm selbst geschrieben. Übersetzt und mit einem Anhange herausgegeben von Goethe

Vorrede des italienischen Herausgebers

Wenn umständliche Nachrichten von den Leben geschickter Künstler sich einer guten Aufnahme bei solchen Personen schmeicheln dürfen, welche die Künste lieben und treiben, dergleichen es in unsern gebildeten Zeiten viele gibt, so darf ich erwarten, daß man ein zweihundert Jahre versäumtes Unternehmen lobenswürdig finden werde: ich meine die Herausgabe der Lebensbeschreibung des trefflichen Benvenuto Cellini, eines der besten Zöglinge der florentinischen Schule. Eine solche Hoffnung belebt mich um so mehr, als man wenig von ihm in den bisherigen Kunstgeschichten erzählt findet, welche doch sonst mit großem Fleiße geschrieben und gesammelt sind.

Zu diesem Werte der Neuheit gesellt sich noch das höhere Verdienst einer besondern Urkundlichkeit: denn er schrieb diese Nachrichten selbst, in reifem Alter, mit besonderer Rücksicht auf Belehrung und Nutzen derjenigen, welche sich nach ihm den Künsten, die er auf einen so hohen Grad besaß, ergeben würden.

Dabei finden sich noch sehr viele Umstände, die auf wichtige Epochen der damaligen Zeitgeschichte Bezug haben, indem dieser Mann teils durch Ausübung seiner Kunst, teils durch fortdauernde Regsamkeit Gelegenheit fand, mit den berühmtesten Personen seines Jahrhunderts zu sprechen oder sonst in Verhältnisse zu kommen, wodurch dieses Werk um so viel bedeutender wird. Denn man hat schon oft bemerkt, daß sich der Menschen Art und wahrer Charakter aus geringen Handlungen und häuslichen Gesprächen besser fassen läßt als aus ihrem künstlichen Betragen bei feierlichen Auftritten oder aus der idealen Schilderung, welche die prächtigen Geschichtsbücher von ihnen darstellen. Dessenungeachtet ist nicht zu leugnen, daß unter diesen Erzählungen sich manches findet, das zum Nachteil anderer gereicht und keinen völligen Glauben verdienen dürfte. Nicht als wenn der Autor seine brennende Wahrheitsliebe hie und da verleugne, sondern weil er sich zuzeiten entweder von dem unbestimmten und oft betrügerischen Rufe oder von übereilten Vermutungen hinreißen läßt, wodurch er sich denn ohne seine Schuld betrogen haben mag.

Aber diese bösen Nachreden nicht allein könnten das Werk bei manchem verdächtig machen, sondern auch die unglaublichen Dinge, die er erzählt, möchten viel hierzu beitragen, wenn man nicht bedächte, daß er doch alles aus Überzeugung gesagt haben könne, indem er Träume oder leere Bilder einer kranken Einbildungskraft als wahre und wirkliche Gegenstände gesehen zu haben glaubte. Daher lassen sich die Geistererscheinungen wohl erklären, wenn er erzählt, daß bei den Beschwörungen betäubendes Räucherwerk gebraucht worden; ingleichen die Visionen, wo durch Krankheit, Unglück, lebhafte, schmerzliche Gedanken, am meisten aber durch Einsamkeit und eine unveränderte elende Lage des Körpers der Unterschied zwischen Wachen und Träumen völlig verschwinden konnte. Und möchte man nicht annehmen, daß ein Gleiches andern weisen und geehrten Menschen begegnet sei, auf deren Erzählung und Versicherung uns die Geschichtsbücher so manche berühmte Begebenheiten, welche den ewigen und unveränderlichen Gesetzen der Natur widersprechen, ernsthaft überliefert haben?

Sodann ersuche ich meine Leser, daß sie mich nicht verdammen, weil ich eine Schrift herausgebe, worin einige Handlungen, teils des Verfassers, teils seiner Zeitgenossen, erzählt sind, woran man ein böses Beispiel nehmen könnte. Vielmehr glaube ich, daß es nützlich sei, wenn jeder sobald als möglich sowohl mit den menschlichen Lastern als mit der menschlichen Tugend bekannt wird. Ein großer Teil der Klugheit besteht darin, wenn wir den Schaden vermeiden, der uns daher entspringt, wenn wir an die natürliche Güte des menschlichen Herzens glauben, die von einigen mit Unrecht angenommen wird. Besser ist es nach meiner Meinung, dieses gefährliche Zutrauen durch Betrachtung des Schadens, welchen andere erlitten haben, baldmöglichst los zu werden als abzuwarten, daß eine lange Erfahrung uns davon befreie.

Dieses leisten vorzüglich die wahren Geschichten, aus denen man lernt, daß die Menschen bösartig sind, wenn sie nicht irgendein Vorteil anders zu handeln bewegt. Ist nun diese Geschichte eine solche Meinung zu bestärken geschickt, so fürchte ich nicht, daß man mich, der ich sie bekannt mache, tadeln werde. Denn indem man so deutlich sieht, in welche Gefahr und Verdruß allzu offnes Reden, rauhe, gewaltsame Manieren und ein unversöhnlicher Haß, welche sämtlich unserm Verfasser nur allzu eigen waren, den Menschen hinführen können, so zweifle ich nicht, daß das Lesen dieses Buchs einer gelehrigen Jugend zur sittlichen Besserung dienen und ihr eine sanfte, gefällige Handelsweise, wodurch wir uns die Gunst der Menschen erwerben, empfehlen werde.

Ich habe genau, außer in einigen Perioden zu Anfang, die sich nicht wohl verstehen ließen, den Bau der Schreibart beibehalten, den ich im Manuskripte fand, ob er gleich an einigen Orten vom gewöhnlichen Gebrauche abweicht. Der Autor gesteht, daß ihm die Kenntnis der lateinischen Sprache mangle, durch welche man sich einen festen und sichern Stil zu eigen macht. Dessenungeachtet aber, wenn man einige geringe Nachlässigkeiten verzeiht, wird man ihm das Lob nicht versagen, daß er sich mit vieler Leichtigkeit und Lebhaftigkeit ausdrückt, und obgleich sein Stil sich keineswegs erhebt noch anstrengt, so scheint er sich doch von der gewöhnlichen Wohlredenheit der besten italienischen Schriftsteller nicht zu entfernen: ein eigner und natürlicher Vorzug der gemeinen florentinischen Redart, in welcher es unmöglich ist, roh und ungeschickt zu schreiben, da sie schon einige Jahrhunderte her durch Übereinstimmung aller übrigen Völker Italiens als eine ausgebildete und gefällige Sprache vor andern hervorgezogen und durch den Gebrauch in öffentlichen Schriften geadelt worden ist.

So viel glaubte ich nötig anzuzeigen, um mir leichter Euren Beifall zu erwerben. Lest und lebt glücklich!

Erstes Buch

Erstes Kapitel

Was den Autor bewogen, die Geschichte seines Lebens zu schreiben. – Ursprung der Stadt Florenz. – Nachricht von des Autors Familie und Verwandtschaft. – Ursache, warum er Benvenuto genannt worden. – Er zeigt einen frühen Geschmack für Nachbilden und Zeichnen, aber sein Vater unterrichtet ihn in der Musik. Aus Gefälligkeit, obgleich mit Widerstreben, lernt der Knabe die Flöte. – Sein Vater von Leo X. begünstigt. – Benvenuto kommt zu einem Juwelier und Goldschmied in die Lehre.

Alle Menschen, von welchem Stande sie auch seien, die etwas Tugendsames oder Tugendähnliches vollbracht haben, sollten, wenn sie sich wahrhaft guter Absichten bewußt sind, eigenhändig ihr Leben aufsetzen, jedoch nicht eher zu einer so schönen Unternehmung schreiten, als bis sie das Alter von vierzig Jahren erreicht haben.

Dieser Gedanke beschäftigt mich gegenwärtig, da ich im achtundfünfzigsten stehe und mich hier in Florenz mancher vergangenen Widerwärtigkeiten wohl erinnern mag, da mich nicht, wie sonst, böse Schicksale verfolgen und ich zugleich eine bessere Gesundheit und größere Heiterkeit des Geistes als in meinem ganzen übrigen Leben genieße.

Sehr lebhaft ist die Erinnerung manches Angenehmen und Guten, aber auch manches unschätzbaren Übels, das mich erschreckt, wenn ich zurücksehe, und mich zugleich mit Verwunderung erfüllt, wie ich zu einem solchen Alter habe gelangen können, in welchem ich so bequem durch die Gnade Gottes vorwärts gehe. Unter solchen Betrachtungen beschließe ich, mein Leben zu beschreiben.

Nun sollten zwar diejenigen, die bemüht waren, einiges Gute zu leisten und sich in der Welt zu zeigen, nur ihrer eigenen Tugenden erwähnen: denn deshalb werden sie als vorzügliche Menschen von andern anerkannt; weil man sich aber doch auch nach den Gesinnungen mehrerer zu richten hat, so kommt zum Anfange meiner Erzählung manches Eigne dieses Weltwesens vor, und zwar mag man gern vor allen Dingen jeden überzeugen, daß man von trefflichen Personen abstamme.

Ich heiße Benvenuto Cellini. Meinen Vater nannte man Meister Johann, meinen Großvater Andreas, meinen Urgroßvater Christoph Cellini. Meine Mutter war Madonna Elisabetha, Stephan Granaccis Tochter. Ich stamme also väterlicher- und mütterlicherseits von florentinischen Bürgern ab.

Man findet in den Chroniken unserer alten glaubwürdigen Florentiner, daß Florenz nach dem Muster der schönen Stadt Rom gebaut gewesen. Davon zeugen die Überbleibsel eines Koliseum und öffentlicher Bäder, welche letzte sich zunächst beim heiligen Kreuz befinden. Der alte Markt war ehemals das Kapitol; die Rotonde steht noch ganz, sie ward als Tempel des Mars erbaut und ist jetzt unserm heiligen Johannes gewidmet. Man schenkt also gern jener Meinung Glauben, obgleich diese Gebäude viel kleiner als die römischen sind.

Julius Caesar und einige römische Edelleute sollen nach Eroberung von Fiesole eine Stadt in der Nähe des Arno gebaut und jeder über sich genommen haben, eines der ansehnlichen Gebäude zu errichten.

Unter den ersten und tapfersten Hauptleuten befand sich Florin von Cellino, der seinen Namen von einem Kastell herschrieb, das zwei Miglien von Monte Fiascone entfernt ist. Dieser hatte sein Lager unter Fiesole geschlagen, an dem Orte, wo gegenwärtig Florenz liegt; denn der Platz nahe an dem Flusse war dem Heere sehr bequem. Nun sagten Soldaten und andere, die mit dem Hauptmann zu tun hatten: Lasset uns nach Florenz gehen! teils weil er den Namen Florino führte, teils weil der Ort seines Lagers von Natur die größte Menge von Blumen hervorbrachte.

Daher gefiel auch dieser schöne Name Julius Caesarn, als er die Stadt gründete. Eine Benennung von Blumen abzuleiten, schien eine gute Vorbedeutung, und auf diese Weise wurde sie Florenz genannt. Wobei der Feldherr zugleich seinen tapfern Hauptmann begünstigte, dem er um so mehr geneigt war, als er ihn von geringem Stande heraufgehoben und selbst einen so trefflichen Mann aus ihm gebildet hatte.

Wenn aber die gelehrten Untersucher und Entdecker solcher Namensverwandtschaften behaupten wollen: die Stadt habe zuerst Fluenz geheißen, weil sie am Flusse Arno liege, so kann man einer solchen Meinung nicht beitreten; denn bei Rom fließt die Tiber, bei Ferrara der Po, bei Lyon die Rhone, bei Paris die Seine vorbei, und alle diese Städte sind aus verschiedenen Ursachen verschieden benannt. Daher finden wir eine größere Wahrscheinlichkeit, daß unsere Stadt ihren Namen von jenem tugendsamen Manne herschreibe.

Weiter finden wir unsere Cellinis auch in Ravenna, einer Stadt, die viel älter als Florenz ist, und zwar sind es dort vornehme Edelleute. Gleichfalls gibt es ihrer in Pisa, und ich habe denselben Namen in vielen Städten der Christenheit gefunden; auch in unserm Lande sind noch einige Häuser übrig geblieben.

Meistens waren diese Männer den Waffen ergeben, und noch ist es nicht lange, daß ein unbärtiger Jüngling namens Lukas Cellini einen geübten und tapfern Soldaten bekämpfte, der schon mehrmals in den Schranken gefochten hatte und Franziskus von Vicorati hieß. Diesen überwand Lukas durch eigne Tapferkeit und brachte ihn um. Sein Mut setzte die ganze Welt in Erstaunen, da man gerade das Gegenteil erwartete. Und so darf ich mich wohl rühmen, daß ich von braven Männern abstamme.

Auf welche Weise nun auch ich meinem Hause durch meine Kunst einige Ehre verschafft habe, das freilich nach unserer heutigen Denkart und aus mancherlei Ursachen nicht gar zu viel bedeuten will, werde ich an seinem Ort erzählen. Ja, ich glaube, daß es rühmlicher ist, in geringem Zustande geboren zu sein und eine Familie ehrenvoll zu gründen, als einem hohen Stamm durch schlechte Aufführung Schande zu machen. Zuerst also will ich erzählen, wie es Gott gefallen, mich auf die Welt kommen zu lassen.

Meine Vorfahren wohnten in Val d'Ambra und lebten daselbst bei vielen Besitzungen wie kleine Herren. Sie waren alle den Waffen ergeben und die tapfersten Leute.

Es geschah aber, daß einer ihrer Söhne, namens Christoph, einen großen Streit mit einigen Nachbarn und Freunden anfing, so daß von einer sowohl als der andern Seite die Häupter der Familien sich der Sache annehmen mußten; denn sie sahen wohl, das Feuer sei von solcher Gewalt, daß beide Häuser dadurch hätten können völlig aufgezehrt werden. Dieses betrachteten die Ältesten und wurden einig, sowohl gedachten Christoph als den andern Urheber des Streites wegzuschaffen. Jene schickten den Ihrigen nach Siena, die Unsrigen versetzten Christoph nach Florenz und kauften ihm ein kleines Haus in der Straße Chiara, des Klosters Sankt Ursula, und verschiedene gute Besitzungen an der Brücke Rifredi. Er heiratete in Florenz und hatte Söhne und Töchter; diese stattete er aus, und jene teilten sich in das übrige.

Nach dem Tode des Vaters fiel die Wohnung in der Straße Chiara mit einigen andern wenigen Dingen an einen der Söhne, der Andreas hieß; auch dieser verheiratete sich und zeugte vier Söhne. Den ersten nannte man Hieronymus, den zweiten Bartholomäus, den dritten Johannes, der mein Vater ward, und den vierten Franziskus.

Andreas Cellini, mein Großvater, verstand sich genugsam auf die Weise der Baukunst, die in jenen Zeiten üblich war, und lebte von dieser Beschäftigung. Johannes, mein Vater, legte sich besonders darauf, und weil Vitruv unter anderm behauptet, daß man, um diese Kunst recht auszuüben, nicht allein gut zeichnen, sondern auch etwas Musik verstehen müsse, so fing Johannes, nachdem er sich zum guten Zeichner gebildet hatte, auch die Musik zu studieren an, und lernte, nächst den Grundsätzen, sehr gut Viole und Flöte spielen. Dabei ging er, weil er sehr fleißig war, wenig aus dem Hause.

Sein Wandnachbar, Stephan Granacci, hatte mehrere Töchter, alle von großer Schönheit, worunter nach Gottes Willen Johannes eine besonders bemerkte, die Elisabeth hieß und ihm so wohl gefiel, daß er sie zur Frau verlangte.

Diese Verbindung war leicht zu schließen, denn beide Väter kannten sich wegen der nahen Nachbarschaft sehr gut, und beiden schien die Sache vorteilhaft. Zuerst also beschlossen die guten Alten die Heirat, dann fingen sie an, vom Heiratsgute zu sprechen, wobei zwischen ihnen einiger Streit entstand. Endlich sagte Andreas zu Stephan: Johann, mein Sohn, ist der trefflichste Jüngling von Florenz und Italien, und wenn ich ihn hätte längst verheiraten wollen, so könnte ich wohl eine größere Mitgift erlangt haben, als unseresgleichen in Florenz finden mögen. Stephan versetzte: Auf deine tausend Gründe antworte ich nur, daß ich an fünf Töchter und fast ebensoviel Söhne zu denken habe. Meine Rechnung ist gemacht, und mehr kann ich nicht geben.

Johann hatte indes eine Zeitlang heimlich zugehört; er trat unvermutet hervor und sagte: Ich verlange, ich liebe das Mädchen und nicht ihr Geld. Wehe dem Manne, der sich an der Mitgift seiner Frau erholen will! Habt Ihr nicht gerühmt, daß ich so geschickt sei? sollte ich nun diese Frau nicht erhalten und ihr verschaffen können, was sie bedarf, wodurch zugleich Euer Wunsch befriedigt würde? Aber wißt nur, das Mädchen soll mein sein, und die Aussteuer mag Euer bleiben.

Darüber ward Andreas Cellini, ein etwas wunderlicher Mann, einigermaßen böse; doch in wenigen Tagen führte Johann seine Geliebte nach Hause und verlangte keine weitere Mitgift.

So erfreuten sie sich ihrer heiligen Liebe achtzehn Jahre, mit dem größten Verlangen, Kinder zu besitzen. Nach Verlauf dieser Zeit gebar sie zwei tote Knaben, woran die Ungeschicklichkeit der Ärzte schuld war. Als sie zunächst wieder guter Hoffnung ward, brachte sie eine Tochter zur Welt, welche man Cosa nannte, nach der Mutter meines Vaters.

Zwei Jahre darauf befand sie sich wieder in gesegneten Umständen, und als die Gelüste, denen sie, wie andere Frauen in solchen Fällen, ausgesetzt war, völlig mit jenen übereinstimmten, die sie in der vorigen Schwangerschaft empfunden, so glaubten alle, es würde wieder ein Mädchen werden, und waren schon übereingekommen, sie Reparata zu nennen, um das Andenken ihrer Großmutter zu erneuern.

Nun begab sichs, daß sie in der Nacht nach Allerheiligen niederkam, um vier und ein halb Uhr im Jahr fünfzehnhundert. Die Hebamme, welcher bekannt war, daß man im Hause ein Mädchen erwartete, reinigte die Kreatur und wickelte sie in das schönste weiße Zeug; dann ging sie, stille, stille, zu Johann, meinem Vater, und sagte: Ich bringe Euch ein schönes Geschenk, das Ihr nicht erwartet.

Mein Vater, der ein Philosoph war, ging auf und nieder und sagte: Was mir Gott gibt, ist mir lieb! und als er die Tücher auseinanderlegte, sähe er den unerwarteten Sohn. Er schlug die alten Hände zusammen, hub sie und die Augen gen Himmel und sagte: Herr, ich danke dir von ganzem Herzen! dieser ist mir sehr lieb, er sei willkommen! Alle gegenwärtigen Personen fragten ihn freudig, wie ich heißen solle? Johannes aber antwortete ihnen nur: Er sei willkommen (ben venuto)! Daher entschlossen sie sich, mir diesen Namen in der heiligen Taufe zu geben, und ich lebte mit Gottes Gnade weiter fort.

Noch war Andreas Cellini, mein Großvater, am Leben, als ich etwa drei Jahr alt sein mochte, er aber stand im hundertsten. Man hatte eines Tages die Röhre einer Wasserleitung verändert, und es war ein großer Skorpion, ohne daß ihn jemand bemerkte, heraus und unter ein Brett gekrochen. Als ich ihn erblickte, lief ich drauf los und haschte ihn. Der Skorpion war so groß, daß, wie ich ihn in meiner kleinen Hand hielt, auf der einen Seite der Schwanz, auf der andern die beiden Zangen zu sehen waren. Sie sagen, ich sei eilig zu dem Alten gelaufen und habe gerufen: Seht, lieber Großvater, mein schönes Krebschen! Der gute Alte, der sogleich das Tier für einen Skorpion erkannte, wäre fast für Schrecken und Besorgnis des Todes gewesen; er verlangte das Tier mit den äußersten Liebkosungen. Aber ich drückte es nur desto fester, weinte und wollte es nicht hergeben. Mein Vater lief auf das Geschrei herzu und wußte sich vor Angst nicht zu helfen, denn er fürchtete, das giftige Tier werde mich töten. Indessen erblickte er eine Schere, begütigte mich und schnitt dem Tiere den Schwanz und die Zangen ab, und nach überstandener Gefahr hielt er diese Begebenheit für ein gutes Zeichen.

Ungefähr in meinem fünften Jahr befand sich mein Vater in einem kleinen Gewölbe unsers Hauses, wo man gewaschen hatte und wo ein gutes Feuer von eichnen Kohlen übrig geblieben war; er hatte eine Geige in der Hand und sang und spielte um das Feuer, denn es war sehr kalt. Zufälligerweise erblickte er mitten in der stärksten Glut ein Tierchen wie eine Eidechse, das sich in diesen lebhaften Flammen ergötzte. Er merkte gleich, was es war, ließ mich und meine Schwester rufen, zeigte uns Kindern das Tier und gab mir eine tüchtige Ohrfeige. Als ich darüber heftig zu weinen anfing, suchte er mich aufs freundlichste zu besänftigen und sagte: Lieber Sohn! ich schlage dich nicht, weil du etwas Übles begangen hast, vielmehr daß du dich dieser Eidechse erinnerst, die du im Feuer siehst. Das ist ein Salamander, wie man, soviel ich weiß, noch keinen gesehen hat. Er küßte mich darauf und gab mir einige Pfennige.

Mein Vater fing an, mich die Flöte zu lehren, und unterwies mich im Singen; aber ungeachtet meines zarten Alters, in welchem die kleinen Kinder sich an einem Pfeifchen und anderm solchen Spielzeuge ergötzen, mißfiel mirs unsäglich, und ich sang und blies nur aus Gehorsam. Mein Vater machte zu selbiger Zeit wundersame Orgeln mit hölzernen Pfeifen, Klaviere, so schön und gut, als man sie damals nur sehen konnte, Violen, Lauten und Harfen auf das beste.

Er war auch in der Kriegsbaukunst erfahren und verfertigte mancherlei Werkzeuge, als: Modelle zu Brücken, Mühlen und andre Maschinen; er arbeitete wundersam in Elfenbein und war der erste, der in dieser Kunst etwas leistete. Aber da er sich in meine nachherige Mutter verliebt hatte, mochte er sich mehr als billig mit der Flöte beschäftigen und ward von den Ratspfeifern ersucht, mit ihnen zu blasen. So trieb er es eine Weile zu seinem Vergnügen, bis sie ihn endlich festhielten, anstellten und unter ihre Gesellschaft aufnahmen.

Lorenz Medicis und Peter, sein Sohn, die ihm sehr günstig waren, sahen nicht gern, daß er, indem er sich ganz der Musik ergab, seine übrigen Fähigkeiten und seine Kunst vernachlässigte, und entfernten ihn von gedachter Stelle. Mein Vater nahm es sehr übel, er glaubte, man tue ihm das größte Unrecht.

Nun begab er sich wieder zur Kunst und machte einen Spiegel, ungefähr eine Elle im Durchmesser, von Knochen und Elfenbein; Figuren und Laubwerk waren sehr zierlich und wohlgezeichnet. Das Ganze hatte er wie ein Rad gebildet; in der Mitte befand sich der Spiegel, ringsherum waren sieben Rundungen angebracht und in solchen die sieben Tugenden, aus Elfenbein und schwarzen Knochen geschnitten. Sowohl der Spiegel als die Tugenden hingen im Gleichgewicht, so daß, wenn man das Rad drehte, sich die Figuren bewegten: denn sie hatten ein Gegengewicht, das sie grad hielte; und da mein Vater einige Kenntnis der lateinischen Sprache besaß, setzte er einen Vers umher, welcher sagte, daß bei allen Umwälzungen des Glücksrads die Tugend immer aufrecht bleibe:

Rota sum: semper, quoquo me verto, stat virtus.

Nachher ward ihm bald sein Platz unter den Ratspfeifern wiedergegeben. Damals, vor der Zeit meiner Geburt, wurden zu diesen Leuten lauter geehrte Handwerker genommen; einige davon arbeiteten Wolle und Seide im großen, daher verschmähte mein Vater auch nicht, sich zu ihnen zu gesellen, und der größte Wunsch, den er in der Welt für mich hegte, war, daß ich ein großer Musikus werden möchte. Dagegen war mirs äußerst unangenehm, wenn er mir davon erzählte und mir versicherte: wenn ich nur wollte, könnte ich der erste Mensch in der Welt werden.

Wie gesagt, war mein Vater ein treuer und verbundener Diener des Hauses Medicis, und da Peter vertrieben wurde (1494), vertraute er meinem Vater viele Dinge von großer Bedeutung. Als nun darauf Peter Soderini Gonfaloniere ward (1498) und mein Vater unter den Ratspfeifern sein Amt forttat, erfuhr diese Magistratsperson, wie geschickt der Mann überhaupt sei, und bediente sich seiner zum Kriegsbaumeister in bedeutenden Fällen. Um diese Zeit ließ mein Vater mich schon vor dem Rate mit den andern Musikern den Diskant blasen, und da ich noch so jung und zart war, trug mich ein Ratsdiener auf dem Arme. Soderini fand Vergnügen, sich mit mir abzugeben und mich schwätzen zu lassen; er gab mir Zuckerwerk und sagte zu meinem Vater: Meister Johann, lehre ihn neben der Musik auch die beiden andern schönen Künste. Mein Vater antwortete: Er soll keine andere Kunst treiben als Blasen und Komponieren, und auf diesem Wege, wenn ihm Gott das Leben läßt, hoffe ich, ihn zum ersten Mann in der Welt zu machen. Darauf sagte einer von den alten Herren: Tue nur ja, was der Gonfaloniere sagt; denn warum sollte er nichts anders als ein guter Musikus werden?

So ging eine Zeit vorbei, bis die Medicis zurückkamen (1512). Der Kardinal, der nachher Papst Leo wurde, begegnete meinem Vater sehr freundlich. Aus dem Wappen am mediceischen Palast hatte man die Kugeln genommen, sobald die Familie vertrieben war, und das Wappen der Gemeine, ein rotes Kreuz, dagegen in das Feld malen lassen. Als die Medicis zurückkehrten, ward das Kreuz wieder ausgekratzt, die roten Kugeln kamen wieder hinein, und das goldne Feld ward vortrefflich ausstaffiert.

Wenige Tage nachher starb Papst Julius II. (1513), der Kardinal Medicis ging nach Rom und ward, gegen alles Vermuten, zum Papst erwählt. Er ließ meinen Vater zu sich rufen, und wohl hätte dieser getan, wenn er mitgegangen wäre; denn er verlor seine Stelle im Palast, sobald Jakob Salviati Gonfaloniere geworden war.

Nun bestimmte ich mich, ein Goldschmied zu werden, und lernte zum Teil diese Kunst, zum Teil mußte ich viel, gegen meinen Willen, blasen. Ich bat meinen Vater, er möchte mich nur gewisse Stunden des Tages zeichnen lassen, die übrige Zeit wollte ich Musik machen, wenn er es beföhle. Darauf sagte er zu mir: So hast du denn kein Vergnügen am Blasen? Ich sagte: Nein! Denn diese Kunst schien mir zu niedrig gegen jene, die ich im Sinne hatte.

Mein guter Vater geriet darüber in Verzweiflung und tat mich in die Werkstatt des Vaters des Kavalier Bandinello, der Michelagnolo hieß, trefflich in seiner Kunst war, aber von geringer Geburt, denn er war der Sohn eines Kohlenhändlers. Ich sage das nicht, um den Bandinello zu schelten, der sein Haus zuerst gegründet hat. Wäre er nur auf dem rechten Wege dazu gelangt! Doch wie es zugegangen ist, davon hab ich nichts zu reden. Nur einige Tage blieb ich daselbst, als mein Vater mich wieder wegnahm; denn er konnte nicht leben, ohne mich immer um sich zu haben, und so mußte ich wider Willen blasen, bis ich funfzehn Jahr alt war. Wollte ich die sonderbaren Begebenheiten erzählen, die ich bis zu diesem Alter erlebt, und die Lebensgefahren, in welchen ich mich befunden, so würde sich der Leser gewiß verwundern.

Als ich funfzehn Jahr alt war, begab ich mich, wider den Willen meines Vaters, in die Werkstatt eines Goldschmiedes, der Antonio Sandro hieß. Er war ein trefflicher Arbeiter, stolz und frei in seinen Handlungen. Mein Vater wollte nicht, daß er mir Geld gäbe, wie es andere Unternehmer tun, damit ich, bei meiner freiwilligen Neigung zur Kunst, auch zeichnen könnte, wann es mir gefiele. Das war mir sehr angenehm, und mein redlicher Meister hatte große Freude daran. Er erzog einen einzigen, natürlichen Sohn bei sich, dem er manches auftrug, um mich zu schonen. Meine Neigung war so groß, daß ich in wenig Monaten die besten Gesellen einholte und auch einigen Vorteil von meinen Arbeiten zog. Dessenungeachtet verfehlte ich nicht, meinem Vater zuliebe bald auf der Flöte, bald auf dem Hörnchen zu blasen, und sooft er mich hörte, fielen ihm unter vielen Seufzern die Tränen aus den Augen. Ich tat mein möglichstes zu seiner Zufriedenheit und stellte mich, als wenn ich auch großes Vergnügen dabei empfände.

Zweites Kapitel

Der Autor sieht seinen Bruder in einem Gefecht beinahe erschlagen und nimmt seine Partei; daraus entspringen einige unangenehme Vorfälle, und er wird deshalb von Florenz verbannt. – Er begibt sich nach Siena und von da nach Bologna, wo er in der Kunst, auf der Flöte zu blasen, zunimmt, mehr aber noch in der Profession des Goldschmieds. – Streit zwischen seinem Vater und Pierino, einem Tonkünstler; trauriges Ende des letztern. – Der Autor begibt sich nach Pisa und geht bei einem dortigen Goldschmied in Arbeit. – Er kommt krank nach Florenz zurück. – Nach seiner Genesung tritt er bei seinem alten Meister Marcone in Arbeit.

Ich hatte einen Bruder, der zwei Jahre jünger als ich und sehr kühn und heftig war. Er galt nachher für einen der besten Soldaten, die in der Schule des vortrefflichen Herrn Johannes von Medicis, Vater des Herzogs Cosmus, gebildet wurden. Dieser Knabe war ungefähr vierzehn Jahr alt und bekam eines Sonntags zwei Stunden vor Nacht zwischen den Toren San Gallo und Pinti mit einem Menschen von zwanzig Jahren Händel, forderte ihn auf den Degen, setzte ihm tapfer zu und wollte nicht ablassen, ob er ihn gleich schon übel verwundet hatte. Viele Leute sahen zu, und unter ihnen mehrere Verwandte des jungen Menschen. Da diese merkten, daß die Sache übel ging, griffen sie nach Steinen, trafen meinen armen Bruder an den Kopf, daß er für tot zur Erden fiel. Zufällig kam ich auch in die Gegend, ohne Freunde und ohne Waffen; ich hatte meinem Bruder aus allen Kräften zugerufen, er solle sich zurückziehen. Als er fiel, nahm ich seinen Degen und hielt mich, in seiner Nähe, gegen viele Degen und Steine. Einige tapfere Soldaten kamen mir zu Hülfe und befreiten mich von der Wut der Gegner. Ich trug meinen Bruder für tot nach Hause; mit vieler Mühe ward er wieder zu sich selbst gebracht und geheilt. Die Herren Achte verbannten unsere Gegner auf einige Jahre und uns auf sechs Monate zehn Miglien von der Stadt. So schieden wir von unserm armen Vater, der uns seinen Segen gab, da er uns kein Geld geben konnte.

Ich ging nach Siena zu einem braven Manne, der Meister Francesco Castoro hieß. Ich war vorher schon einmal bei ihm gewesen, denn ich war meinem Vater entlaufen und hatte dort gearbeitet; nun erkannte er mich wieder, gab mir zu tun und freies Quartier, solange ich in Siena blieb, wo ich mich mit meinem Bruder mehrere Monate aufhielt.

Sodann ließ uns der Kardinal Medicis, der nachher Papst Clemens ward, auf die Bitte meines Vaters wieder nach Florenz zurückkehren. Ein gewisser Schüler meines Vaters sagte aus böser Absicht zum Kardinal: er solle mich doch nach Bologna schicken, damit ich dort von einem geschickten Meister das Blasen in Vollkommenheit lernen möchte. Der Kardinal versprach meinem Vater, mir Empfehlungsschreiben zu geben; mein Vater wünschte nichts Besseres, und ich ging gerne, aus Verlangen, die Welt zu sehen.

In Bologna gab ich mich zu einem in die Lehre, der Meister Herkules der Pfeifer hieß. Ich fing an, Geld zu verdienen, nahm zugleich täglich meine Lektionen in der Musik, und in kurzer Zeit brachte ich es weit genug in dem verfluchten Blasen. Aber weit mehr Vorteil zog ich von der Goldschmiedekunst; denn da mir der Kardinal keine Hülfe reichte, begab ich mich in das Haus eines Bologneser Miniaturmalers, der Scipio Cavalletti hieß, ich zeichnete und arbeitete für einen Juden und gewann genug dabei.

Nach sechs Monaten kehrte ich nach Florenz zurück, worüber der ehemalige Schüler meines Vaters, Peter der Pfeifer, sehr verdrießlich war; aber ich ging doch meinem Vater zuliebe in sein Haus und blies mit seinem Bruder Hieronymus auf der Flöte und dem Hörnchen. Eines Tages kam mein Vater hin, um uns zu hören; er hatte große Freude an mir und sagte: Ich will doch einen großen Musikus aus dir machen, zum Trotz eines jeden, der mich daran zu verhindern denkt. Darauf antwortete Peter: Weit mehr Ehre und Nutzen wird Euer Benvenuto davon haben, wenn er sich auf die Goldschmiedekunst legt, als von dieser Pfeiferei. Das war nun freilich wahr gesprochen, aber es verdroß meinen Vater um desto mehr, je mehr er sahe, daß ich auch derselben Meinung war, und sagte sehr zornig zu Petern: Ich wußte wohl, daß du der seist, der sich meinem so erwünschten Zwecke entgegensetzt. Durch dich habe ich meine Stelle im Palast verloren, mit solchem Undank hast du meine große Wohltat belohnt, dir hab ich sie verschafft, mir hast du sie entzogen. Aber merke diese prophetischen Worte: nicht Jahre und Monate, nur wenig Wochen werden vorbeigehen, und du wirst wegen deines schändlichen Undanks umkommen. Darauf antwortete Peter: Meister Johann, viele Menschen werden im Alter schwach und kindisch, wie es Euch auch geht; man muß Euch nichts übelnehmen, denn Ihr habt ja alles verschenkt und nicht bedacht, daß Eure Kinder etwas nötig haben dürften. Ich denke, das Gegenteil zu tun und meinen Söhnen so viel zu hinterlassen, daß sie den Euern allenfalls zu Hülfe kommen können.

Darauf antwortete mein Vater: Kein schlechter Baum bringt gute Früchte hervor, und ich sage dir: da du bös bist, werden deine Söhne arm und Narren werden und werden bei meinen braven und reichen Söhnen in Dienste gehn.

So eilten wir aus dem Hause, und es fielen noch manche heftige Worte. Ich nahm die Partie meines Vaters und sagte im Herausgehen zu ihm: wenn er mich bei der Zeichenkunst ließe, so wollte ich ihn an dem unartigen Menschen rächen. Er sagte darauf: Lieber Sohn! ich bin auch ein guter Zeichner gewesen und habe es mir in meinem Leben sauer werden lassen; willst du nun nicht, um deinen Vater, der dich gezeugt und erzogen und den Grund zu so vieler Geschicklichkeit gelegt hat, manchmal zu erquicken, die Flöte und das allerliebste Hörnchen in die Hand nehmen? Darauf sagte ich: aus Liebe zu ihm wollte ichs gerne tun. Der gute Vater versetzte: mit solchen Geschicklichkeiten und Tugenden würde man sich am sichersten an seinen Feinden rächen. Kein ganzer Monat war vorbei, und Pierino hatte in seinem Hause ein Gewölbe machen lassen und war mit mehrern Freunden in einem Zimmer über dem Gewölbe, sprach über meinen Vater, seinen Meister, und scherzte über die Drohung, daß er zugrunde gehen solle. Kaum war es gesagt, so fiel das Gewölbe ein, entweder weil es schlecht angelegt war, oder durch Gottes Schickung, der die Frevler bestraft. Er fiel hinunter, und die Steine und Ziegeln des Gewölbes, die mit ihm hinabstürzten, zerbrachen ihm beide Beine; aber alle, die mit ihm waren, blieben auf dem Rand des Gewölbes, und niemand tat sich ein Leid. Sie waren erstaunt und verwundert genug, besonders da sie sich erinnerten, wie er kurz vorher gespottet hatte. Sobald mein Vater das erfuhr, eilte er zu ihm und sagte, in Gegenwart seines Vaters: Piero, mein lieber Schüler, wie betrübt mich dein Unfall! Aber erinnerst du dich, wie ich dich vor kurzem warnte? Und so wird auch das, was ich von deinen und meinen Söhnen gesagt habe, wahr werden. Bald darauf starb der undankbare Piero an dieser Krankheit; er hinterließ ein liederliches Weib und einen Sohn, der einige Jahre nachher in Rom mich um Almosen ansprach. Ich gab sie ihm, denn es ist in meiner Natur, und erinnerte mich mit Tränen an den glücklichen Zustand Pierinos, zur Zeit, da mein Vater zu ihm die prophetischen Worte gesagt hatte. Ich fuhr fort, der Goldschmiedekunst mich zu ergeben, und stand meinem Vater mit meinem Verdienste bei. Mein Bruder Cecchino mußte anfangs Lateinisch lernen: denn wie der Vater aus mir den größten Tonkünstler bilden wollte, so sollte mein Bruder, der jüngere, ein gelehrter Jurist werden; nun konnte er aber in uns beiden die natürliche Neigung nicht zwingen, ich legte mich aufs Zeichnen, und mein Bruder, der von schöner und angenehmer Gestalt war, neigte sich ganz zu den Waffen. Einst kam er aus der Schule des Herrn Johann von Medicis nach Hause, wo ich mich eben nicht befand, und weil er sehr schlecht mit Kleidern versehen war, bewegte er unsere Schwestern, daß sie ihm ein ganz neues Kleid gaben, das ich mir hatte machen lassen. Denn außerdem, daß ich meinem Vater und meinen guten Schwestern durch meinen Fleiß beistand, hatte ich mir auch ein hübsches, ansehnliches Kleid angeschafft. Ich kam und fand mich hintergangen und beraubt, mein Bruder hatte sich davongemacht, und ich setzte meinen Vater zur Rede, warum er mir so großes Unrecht geschehen ließe, da ich doch so gerne arbeitete, um ihm beizustehen. Darauf antwortete er mir: ich sei sein guter Sohn; was ich glaubte verloren zu haben, würde mir Gewinst bringen; es sei nötig, es sei Gottes Gebot, daß derjenige, der etwas besitzt, dem Bedürftigen gebe, und wenn ich dieses Unrecht aus Liebe zu ihm ertrüge, so würde Gott meine Wohlfahrt auf alle Weise vermehren. Ich antwortete meinem armen, bekümmerten Vater wie ein Knabe ohne Erfahrung, nahm einen armseligen Rest von Kleidern und Geld und ging grade zu einem Stadttor hinaus, und da ich nicht wußte, welches Tor nach Rom führte, befand ich mich in Lucca. Von da ging ich nach Pisa (ich mochte ungefähr sechzehn Jahr alt sein) und blieb auf der mittelsten Brücke, wo sie es ›zum Fischstein‹ nennen, bei einer Goldschmiedwerkstatt stehen und sah mit Aufmerksamkeit auf das, was der Meister machte. Er fragte: wer ich sei und was ich gelernt hätte? Darauf antwortete ich: daß ich ein wenig in seiner Kunst arbeitete. Er hieß mich hereinkommen und gab mir gleich etwas zu tun, wobei er sagte: Dein gutes Ansehn überzeugt mich, daß du ein wackrer Mensch bist; und so gab er mir Gold, Silber und Juwelen hin. Abends führte er mich in sein Haus, wo er mit einer schönen Frau und einigen Kindern wohl eingerichtet lebte. Nun erinnerte ich mich der Betrübnis, die mein Vater wohl empfinden mochte, und schrieb ihm, daß ich in dem Hause eines sehr guten Mannes aufgenommen sei und mit ihm große und schöne Arbeit verfertige; er möchte sich beruhigen: ich suche was zu lernen und hoffe, mit meiner Geschicklichkeit ihm bald Nutzen und Ehre zu bringen. Geschwind antwortete er mir: Mein lieber Sohn! meine Liebe zu dir ist so groß, daß ich, wenn es nur schicklich wäre, mich gleich aufgemacht hätte, zu dir zu kommen; denn gewiß, mir ist es, als wenn ich des Lichts dieser Augen beraubt wäre, daß ich dich nicht täglich sehe und zum Guten ermahnen kann. Diese Antwort fiel in die Hände meines Meisters; er las sie heimlich und gestand es mir dann mit diesen Worten: Wahrlich, mein Benvenuto, dein gutes Ansehn betrog mich nicht! Ein Brief deines Vaters, der ein recht braver Mann sein muß, gibt dir das beste Zeugnis; rechne, als wenn du in deinem Hause und bei deinem Vater seist. Ich ging nun, den Gottesacker von Pisa zu besehen, und fand dort besonders antike Sarkophagen von Marmor und an vielen Orten der Stadt noch mehr Altertümer, an denen ich mich, sobald ich in der Werkstatt frei hatte, beständig übte. Mein Meister faßte darüber große Liebe zu mir, besuchte mich oft auf meiner Kammer und sah mit Freuden, daß ich meine Stunden so gut anwendete. Das Jahr, das ich dort blieb, nahm ich sehr zu, arbeitete in Gold und Silber schöne und bedeutende Sachen, die meine Lust, weiter vorwärtszugehn, immer vermehrten. Indessen schrieb mir mein Vater auf das liebreichste, ich möchte doch wieder zu ihm kommen; dabei ermahnte er mich in allen Briefen, daß ich doch das Blasen nicht unterlassen sollte, das er mich mit so großer Mühe gelehrt hätte. Darüber verging mir die Lust, jemals wieder zu ihm zurückzukehren, dergestalt haßte ich das abscheuliche Blasen, und wirklich, ich glaubte das Jahr in Pisa im Paradiese zu sein, wo ich niemals Musik machte. Am Ende des Jahrs fand mein Meister Ursache, nach Florenz zu reisen, um einige Gold- und Silberabgänge zu verkaufen, und weil mich in der bösen Luft ein kleines Fieber angewandelt hatte, so ging ich mit ihm nach meiner Vaterstadt, wo ihn mein Vater insgeheim und auf das inständigste bat, mich nicht wieder nach Pisa zu führen. So blieb ich krank zurück und mußte ungefähr zwei Monate das Bette hüten. Mein Vater sorgte für mich mit großer Liebe und sagte immer, es schienen ihm tausend Jahre, bis ich gesund wäre, damit er mich wieder könnte blasen hören. Als er nun zugleich den Finger an meinem Puls hatte (denn er verstand sich ein wenig auf die Medizin und auf die lateinische Sprache), so fühlte er, daß in meinem Blute, da ich vom Blasen hörte, die größte Bewegung entstand, und er ging ganz bekümmert und mit Tränen von mir. Da ich nun sein großes Herzeleid sah, sagte ich zu einer meiner Schwestern, sie sollte mir eine Flöte bringen, und ob ich gleich ein anhaltendes Fieber hatte, so machte mir doch dies Instrument, das keine große Anstrengung erfordert, nicht die mindeste Beschwerlichkeit; ich blies mit so glücklicher Disposition der Finger und der Zunge, daß mein Vater, der eben unvermutet hereintrat, mich tausendmal segnete und mich versicherte, daß ich in der Zeit, die ich auswärts gewesen, unendlich gewonnen habe; er bat mich, daß ich vorwärtsgehen und ein so schönes Talent nicht vernachlässigen solle. Als ich nun wieder gesund war, kehrte ich zu meinem braven Marcone, dem Goldschmied, zurück, und mit dem, was er mir zu verdienen gab, unterstützte ich meinen Vater und mein Haus.

Drittes Kapitel

Peter Torrigiani, ein italienischer Bildhauer, kommt nach Florenz und sucht junge Künstler für den König von England. – Der Autor wird mit ihm bekannt und wirft einen Haß auf ihn. – Der Autor befleißigt sich, nach den Kartonen von Michelagnolo und Leonard da Vinci zu studieren. – Um sich in seiner Kunst zu vervollkommnen, geht er nach Rom, begleitet von einem jungen Gesellen, namens Tasso. – Er findet in dieser Hauptstadt große Aufmunterung sowie mancherlei Abenteuer. – Nach zwei Jahren kehrt er nach Florenz zurück, wo er seine Kunst mit gutem Erfolg treibt. – Seine Mitkünstler werden eifersüchtig über seine Geschicklichkeit. – Streit zwischen ihm und Gherardo Guasconti. – Verfolgt, weil er seinen Gegner geschlagen und verwundet, kleidet er sich in eine Mönchskutte und flieht nach Rom.

Zu dieser Zeit kam ein Bildhauer nach Florenz, der Peter Torrigiani hieß. Er hatte sich lange in England aufgehalten und besuchte täglich meinen Meister, zu dem er große Freundschaft hegte. Da er meine Zeichnungen und meine Arbeiten angesehen hatte, sagte er: Ich bin zurückgekommen, um so viel junge Leute als möglich anzuwerben, und da ich eine große Arbeit für meinen König zu machen habe, so will ich mir besonders meine Florentiner zu Gehülfen nehmen. Deine Arbeiten und deine Zeichnungen sind mehr eines Bildhauers als eines Goldschmieds, und da ich große Werke von Erz zu machen habe, so sollst du bei mir zugleich geschickt und reich werden. Es war dieser Mann von der schönsten Gestalt und von dem kühnsten Betragen: er sah eher einem großen Soldaten als einem Bildhauer ähnlich; seine entschiedenen Gebärden, seine klingende Stimme, das Runzeln seiner Augbraunen hätten auch einen braven Mann erschrecken können, und alle Tage sprach er von seinen Händeln mit den Bestien, den Engländern. So kam er auch einmal auf Michelagnolo Buonarroti zu reden, und zwar bei Gelegenheit einer Zeichnung, die ich nach dem Karton dieses göttlichsten Mannes gemacht hatte. Dieser Karton war das erste Werk, in welchem Michelagnolo sein erstaunliches Talent zeigte; er hatte ihn in die Wette mit Leonard da Vinci gemacht, der einen andern in die Arbeit nahm. Beide waren für das Zimmer des Konseils im Palast der Signorie bestimmt; sie stellten einige Begebenheiten der Belagerung von Pisa vor, durch welche die Florentiner die Stadt eroberten. Der treffliche Leonard da Vinci hatte ein Treffen der Reiterei unternommen, dabei einige Fahnen erobert wurden, so göttlich gemacht, als man sichs nur vorstellen kann. Michelagnolo dagegen hatte eine Menge Fußvolk vorgestellt, die bei dem heißen Wetter sich im Arno badeten; der Augenblick war gewählt, wie unverhofft das Zeichen zur Schlacht gegeben wird und diese nackten Völker schnell nach den Waffen rennen: so schön und vortrefflich waren die Stellungen und Gebärden, daß man weder von Alten noch Neuen ein Werk gesehen hatte, das auf diesen hohen und herrlichen Grad gelangt wäre. So war auch die Arbeit des großen Leonard höchst schön und wunderbar. Es hingen diese Kartone, einer in dem Palast der Medicis, einer in dem Saale des Papstes, und solange sie ausgestellt blieben, waren sie die Schule der Welt. Denn obgleich der göttliche Michelagnolo die große Kapelle des Papstes Julius malte, so erreichte er doch nicht zur Hälfte die Vortrefflichkeit dieses ersten Werks, und sein Talent erhob sich niemals zur Stärke dieser früheren Studien wieder. Um nun wieder auf Peter Torrigiani zu kommen, der meine Zeichnung in der Hand hatte und sagte: Dieser Buonarroti und ich gingen als Knaben in die Kirche [Santa Maria] del Carmine, um in der Kapelle des Masaccio zu studieren, und Buonarroti hatte die Art, alle zu foppen, die dort zeichneten. Eines Tages machte er sich unter andern auch an mich, und es verdroß mich mehr als sonst; ich ballte die Faust und schlug ihn so heftig auf die Nase, daß ich Knochen und Knorpel so mürbe fühlte, als wenn es eine Oblate gewesen wäre, und so habe ich ihn für sein ganzes Leben gezeichnet. Diese Worte erregten in mir einen solchen Haß, da ich die Arbeiten dieses unvergleichlichen Mannes vor Augen hatte, daß ich, weit entfernt, mit Torrigiani nach England zu gehen, ihn nicht wieder ansehen mochte. Und so fuhr ich fort, mich nach der schönen Manier des Michelagnolo zu bilden, von der ich mich niemals getrennt habe, und zu gleicher Zeit ging ich mit einem liebenswürdigen jungen Menschen um, zu dem ich die größte Freundschaft faßte. Er war von meinem Alter, gleichfalls ein Goldschmied und der Sohn des trefflichen Malers Filippo di Fra Filippo. Wir liebten uns so sehr, daß wir uns weder Tags noch Nachts trennen konnten; sein Haus war voller schöner Studien, die sein Vater nach den römischen Altertümern gezeichnet hatte, die in mehreren Büchern aufbewahrt wurden. Von diesen Dingen war ich ganz hingerissen, und fast zwei Jahre arbeiteten wir zusammen. Alsdann machte ich eine erhabene Arbeit in Silber, so groß wie eine kleine Kindshand; sie diente zum Schloß für einen Mannsgürtel, wie man sie damals zu tragen pflegte. Es war auf demselben, nach antiker Art, eine Verwicklung von Blättern, Kindern und artigen Masken zu sehen. Ich machte diese Arbeit in der Werkstatt eines Francesco Salimbene, und die Gilde der Goldschmiede, der sie vorgezeigt wurde, erklärte mich für den geschicktesten Gesellen.

Zu der Zeit entzweite ich mich wieder mit meinem Vater über das Blasen, und ein gewisser Holzschneider, den man Tasso nannte, hatte sich auch mit seiner Mutter überworfen. Ich sagte zu ihm: Wenn du nur der Mensch wärst, anstatt vieler Worte etwas zu unternehmen! Er antwortete mir: Hätte ich nur so viel Geld, um nach Rom zu kommen, so wollte ich nicht einmal umkehren, um meine armselige Werkstatt zu verschließen. Darauf sagte ich: wenn ihn weiter nichts hindere, so hätte ich so viel bei mir, als wir beide bis Rom brauchten.

Da wir so im Gehen zusammen sprachen, fanden wir uns unvermutet am Tore St. Peter Gattolini. Darauf sagte ich: Mein Tasso, das ist göttliche Schickung, daß wir, ohne daran zu denken, an dies Tor gekommen sind! Nun, da ich hier bin, ist mirs, als wenn ich schon die Hälfte des Weges zurückgelegt hätte. Wir gingen weiter und sprachen zusammen: Was werden unsere Alten diesen Abend sagen? Dann nahmen wir uns vor, nicht weiter daran zu denken, bis wir nach Rom gekommen wären, banden unsre Schurzfelle auf den Rücken und gingen stillschweigend bis nach Siena.

Tasso hatte sich wund gegangen, wollte nicht weiter und bat mich, daß ich ihm Geld borgen sollte, um wieder zurückzukehren; ich antwortete: Daran hättest du denken sollen, ehe du von Hause weggingst. Ich habe nur noch so viel, um nach Rom zu kommen; kannst du zu Fuße nicht fort, so ist da ein Pferd, das zurück nach Rom geht, zu haben, und du hast keine weitere Entschuldigung. Ich mietete das Pferd, und da er mir nicht antwortete, ritt ich gegen das römische Tor zu. Als er mich entschlossen sah, kam er murrend und hinkend hinter mir drein. Am Tore wartete ich mitleidig auf ihn, nahm ihn hinter mich und sagte zu ihm: Was würden morgen unsere Freunde von uns sagen, wenn wir den Entschluß, nach Rom zu gehen, nicht weiter als Siena hätten festhalten können? Er gab mir recht, und weil er ein froher Mensch war, fing er an zu lachen und zu singen, und so kamen wir immer lachend und singend nach Rom.

Ich zählte neunzehn Jahre, wie das Jahrhundert, und begab mich gleich in die Werkstatt eines Meisters, der Firenzuola di Lombardia hieß und in Gefäßen und großen Arbeiten höchst geschickt war. Ich zeigte ihm das Modell des Schlosses, das ich gearbeitet hatte; es gefiel ihm außerordentlich, und er sagte zu einem Florentiner Gesellen, der schon einige Jahre bei ihm stand: Das ist ein Florentiner, ders versteht, und du bist einer von denen, die's nicht verstehen. Ich erkannte darauf den Menschen und wollte ihn grüßen, denn wir hatten ehemals oft miteinander gezeichnet und waren viel miteinander umgegangen; er aber, höchst mißvergnügt über die Worte seines Meisters, behauptete, mich nicht zu kennen noch etwas von mir zu wissen. Ich antwortete ihm mit Verdruß: O Gianotto! ehemals mein Hausfreund, mit dem ich da und da zusammen gezeichnet, auf dessen Landhaus ich gegessen und getrunken habe, ich brauche dein Zeugnis nicht bei diesem braven Manne, deinem Meister, und hoffe, daß meine Hände ohne deinen Beistand beweisen sollen, wer ich bin. Hierauf wendete sich Firenzuola, der ein lebhafter und wackrer Mann war, zu seinem Gesellen und sagte: Schlechter Mensch! schämst du dich nicht, einem alten Freund und Bekannten so zu begegnen? Und mit eben der Lebhaftigkeit wendete er sich zu mir und sagte: Komm herein und tue, wie du gesagt hast! Deine Hände mögen sprechen, wer du bist. Und sogleich gab er mir eine schöne Silberarbeit für einen Kardinal zu machen. Es war ein Kästchen nach dem porphyrnen Sarg vor der Türe der Rotonde. Was ich von dem Meinen dazu tat und womit ich die Arbeit bereicherte, die Menge schöner kleiner Masken, erfreuten meinen Meister höchlich, der das Werk überall zeigte und sich rühmte, daß ein solches aus seiner Werkstatt ausgegangen sei. Das Kästchen war ungefähr eine halbe Elle groß und eingerichtet, das Salzfaß bei Tafel aufzunehmen.

Das war mein erster Verdienst in Rom. Einen Teil schickte ich meinem Vater, von dem andern lebte ich, indessen ich nach den Altertümern studierte. Endlich, da mir das Geld ausging, war ich genötigt, mich wieder an die Arbeit zu begeben. Tasso aber, mein Geselle, kehrte bald nach Florenz zurück.

Da meine neue Arbeit geendigt war, kam mich die Lust an, zu einem andern Meister zu gehen. Ein gewisser Mailänder, Paul Arsago, hatte mich an sich gezogen. Darüber fing Firenzuola mit ihm große Händel an und sagte ihm in meiner Gegenwart beleidigende Worte. Ich nahm mich meines neuen Meisters an und versetzte, daß ich frei geboren sei und auch frei leben wolle; ich habe mich nicht über ihn und er sich nicht über mich zu beklagen, vielmehr habe er mir noch einiges herauszuzahlen, und als ein freier Arbeiter wolle ich hingehen, wohin es mir gefiele, weil ich dadurch niemand ein Leid täte. Auch mein neuer Meister sagte ungefähr dasselbe und versicherte, daß er mich nicht verleitet habe, und daß es ihm angenehm sein werde, wenn ich zu meinem ersten Meister zurückginge. Auf das sagte ich: ich wollte niemanden schaden; ich hätte meine angefangenen Arbeiten geendigt, würde immer nur mir selbst und niemand anders angehören, und wer mich brauchte, möchte mit mir übereinkommen.

Ich habe nichts mehr mit dir zu tun, versetzte Firenzuola, du sollst mir nicht mehr unter die Augen kommen! Da erinnerte ich ihn an mein Geld, worauf er mir spöttisch antwortete. Aber ich versetzte: Hab ich Stahl und Eisen gebraucht, um deine Arbeiten zu machen, so sollen sie mir auch zu meinem Lohn verhelfen. Als ich so sprach, blieb ein alter Mann am Laden stehen, der Meister Antonio von San Marino hieß, der erste, vortrefflichste Goldschmied von Rom und Meister des Firenzuola; er hörte meine Gründe an, gab mir recht und verlangte, daß Firenzuola mich bezahlen solle.

Man stritt sich lebhaft, denn Firenzuola, ein weit besserer Fechter als Goldschmied, wollte nicht nachgeben; doch zuletzt fand die Vernunft ihren Platz, und meine Festigkeit verschaffte mir Recht: er bezahlte mich, und in der Folge erneuerten wir unsere Freundschaft. Er bat mich sogar, bei ihm Gevatter zu stehn.

Unter meinem neuen Meister verdiente ich genug und schickte den größten Teil meinem guten Vater. Dessenungeachtet lag dieser mir immer an, nach Florenz zurückzukehren, und am Ende von zwei Jahren tat ich ihm seinen Willen. Ich arbeitete wieder bei Salimbene, verdiente viel und suchte immer zu lernen; ich erneuerte meinen Umgang mit Francesco di Filippo, und ob mir gleich das verwünschte Blasen viel Zeit verdarb, so unterließ ich doch nicht, gewisse Stunden des Tags und der Nacht zu studieren.

Ich machte damals ein silbernes Herzschloß – so nannte man einen Gürtel, drei Finger breit, den die Bräute zu tragen pflegten; er war in halberhobener Arbeit gemacht und einige runde Figuren dazwischen, und ob ich gleich äußerst schlecht bezahlt ward, so war mir doch die Ehre, die ich dadurch erlangte, unschätzbar.

Indessen hatte ich bei verschiedenen Meistern gearbeitet und sehr wohldenkende Männer, wie zum Beispiel Marcone, darunter gefunden. Andere hatten einen sehr guten Namen und bevorteilten mich aufs äußerste. Sobald ich es merkte, machte ich mich von ihnen los und hütete mich vor diesen Räubern. Als ich nun fortfuhr zu arbeiten und zu gewinnen, besonders da ein Meister, Sogliani genannt, freundlich seine Werkstatt mit mir teilte, waren jene gehässigen Leute neidisch, und da sie drei große Werkstätten und viel zu tun hatten, druckten sie mich auf alle mögliche Weise. Ich beklagte mich darüber gegen einen Freund und sagte: es sollte ihnen genug sein, daß sie mich unter dem Schein der Güte beraubt hätten. Sie erfuhren es wieder und schwuren, ich sollte meine Worte bereuen; ich aber, der ich nicht wußte, was die Furcht für eine Farbe hatte, achtete ihre Drohungen nicht. Eines Tages trat ich an den Laden des einen: er hatte mich gerufen und wollte mich schelten und gegen mich großtun; dagegen sagte ich: sie möchten sichs selbst zuschreiben, denn ich hätte von ihren Handlungen gesprochen, wie sie wären.

Indessen da ich so sprach, paßte ein Vetter, den sie wahrscheinlich angestiftet hatten, heimtückisch auf, als ein Maultier mit Ziegeln vorbeigetrieben wurde, und schob mir den Korb so auf den Leib, daß mir sehr wehe geschah. Schnell kehrte ich mich um, sah, daß er lachte, und schlug ihn mit der Faust so tüchtig auf den Schlaf, daß er für tot zur Erden fiel. Dann rief ich seinen Vettern zu: So behandelt man feige Spitzbuben euresgleichen! und da sie Miene machten, so viel ihrer waren, auf mich zu fallen, zog ich in der Wut ein Messer und rief: Kömmt einer zum Laden heraus, so laufe der andere zum Beichtvater, denn der Arzt soll hier nichts zu tun kriegen. Sie erschraken hierüber so sehr, daß keiner von der Stelle ging.

Als ich weg war, liefen Väter und Söhne zu dem Collegio der Achte und klagten: ich habe sie mit bewaffneter Hand angefallen, das in Florenz unerhört sei. Die Herren Achte ließen mich rufen und machten mich tüchtig herunter, sowohl weil ich in der Jacke gelaufen kam, da die andern Mäntel umgenommen hatten, als weil die Herren schon zu Hause einzeln durch meine Gegner eingenommen waren, welches ich, als ein unerfahrner Knabe, versäumt hatte, der ich mich auf mein vollkommenes Recht verließ.

Ich sagte, daß ich, aufgebracht durch die große Beleidigung, dem Gherardo nur eine Ohrfeige gegeben hätte und deshalb keinen so heftigen Ausputzer verdiente.

Kaum ließ mich Prinzivalle della Stufa, der von den Achten war, das Wort Ohrfeige aussprechen, so rief er: Keine Ohrfeige, einen Faustschlag hast du ihm gegeben! Er zog darauf die Glocke, schickte uns alle hinaus und sprach, wie ich nachher vernahm, zu meinen Gunsten. Betrachtet, sagte er, Ihr Herren, die Einfalt dieses armen Menschen: er klagt sich an, eine Ohrfeige gegeben zu haben, da seine Gegner nur von einem Faustschlag reden. Eine Ohrfeige auf dem neuen Markt kostet fünfundzwanzig Scudi, ein Faustschlag wenig oder nichts. Er ist ein braver Junge und erhält sein Haus durch anhaltende Arbeit. Wollte der Himmel, es gäbe viel solche in unserer Stadt!

Es waren aber einige unter den Rotkappen durch Bitten und falsche Vorstellungen meiner Feinde bewegt, auch ohnedies von ihrer Partei, die mich gern ins Gefängnis geschickt und mir eine starke Strafe auferlegt hätten; aber der gute Prinzivalle gewann die Oberhand und verurteilte mich, vier Maß Mehl als Almosen in ein Kloster zu geben. Man ließ uns wieder hereinkommen; er verbot mir, bei Strafe ihrer Ungnade, nicht zu reden und meine Buße sogleich zu erlegen. Sie wiederholten ihren derben Verweis und schickten uns zum Aktuarius; ich aber murmelte immer vor mich hin: Ohrfeige! keinen Faustschlag! so daß die Achte über mich lachen mußten. Der Aktuarius befahl uns, daß wir einander Bürgschaft leisten sollten. So gingen die andern frei aus, und mich allein verdammten sie