Klara und die Brüder - G. S. Friebel - darmowy ebook

Klara und die Brüder ebook

G. S. Friebel

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Opis

Heimatroman von G. S. Friebel Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten. Nach dem Tod der Mutter versucht die gerade 18-jährige Klara, die kleine Familie aus sich selbst und drei Brüdern zusammenzuhalten. Doch da zeigen sich ungeahnte Schwierigkeiten. Obwohl das Mädchen die Lehre abbricht und bis zum Umfallen arbeitet, danken die Brüder es ihr nicht und gehen eigene Wege, werfen sie sogar aus dem elterlichen Haus hinaus. Klara ist verzweifelt. Erst als sie eine Stellung annimmt, bei der sie sich um zwei fremde Kinder kümmern muss, kommt etwas Lebensfreude auf. Aber sie hat Angst, vom Leben wieder enttäuscht zu werden.

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G. S. Friebel

Klara und die Brüder

Cassiopeiapress Heimatroman

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Klara und die Brüder

Heimatroman von G. S. Friebel

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 110 Taschenbuchseiten.

 

Nach dem Tod der Mutter versucht die gerade 18-jährige Klara, die kleine Familie aus sich selbst und drei Brüdern zusammenzuhalten. Doch da zeigen sich ungeahnte Schwierigkeiten. Obwohl das Mädchen die Lehre abbricht und bis zum Umfallen arbeitet, danken die Brüder es ihr nicht und gehen eigene Wege, werfen sie sogar aus dem elterlichen Haus hinaus. Klara ist verzweifelt. Erst als sie eine Stellung annimmt, bei der sie sich um zwei fremde Kinder kümmern muss, kommt etwas Lebensfreude auf. Aber sie hat Angst, vom Leben wieder enttäuscht zu werden.

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker

© by Author

© Cover: Nach Motiven von Pixabay, 2018

© dieser Ausgabe 2018 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

1

Klara Löb stand schluchzend am Türpfosten gelehnt. Die Tränen liefen ihr über das weiße Gesicht. Ihre Schultern zuckten und bebten.

Der Blick war umflort.

Nur verschwommen sah sie die Umwelt.

Eine graue Regenwand hatte sich vor die Berge geschoben. Das Tal schien zu dampfen. Doch das war nur der Regen. In der Nacht war er angefangen.

Jetzt sah man nichts von der Lieblichkeit der Bergwelt, um derentwillen so viele Fremde hierher kamen.

Sie konnte und wollte es noch immer nicht glauben. War denn das Leben jetzt nicht so sinnlos geworden? So schrecklich erbarmungswürdig? Der Boden war ihr unter den Füßen fortgerissen worden.

Was sollte sie tun?

Was denn?

Sie konnte ruhig ihr Leid in die Welt hinausschreien, es würde nur als Echo zu ihr zurückkommen.

Wenn man so verstört ist, dann ist jeder Trost einfach sinnlos geworden.

Ihr Verstand sagte: Du kannst nicht so stehenbleiben, du musst etwas tun. Gleich werden sie kommen. Begreif doch endlich, die Tränen helfen dir auch nicht weiter. Du musst jetzt stark sein.

Die verarbeiteten Hände zogen das zerknüllte Taschentuch aus der Schürze. Das Gesicht wirkte jetzt aufgedunsen und verquollen.

Klara wischte sich mit einer entschlossenen Geste die Tränen fort.

»Sie sollen mich nicht so sehen«, murmelte sie verzweifelt in ihr Taschentuch. »Ich muss es ihnen beweisen, wir …«

Im Gang ertönten Schritte.

Hastig steckte sie das Taschentuch fort. Es war nur Werner, ihr Bruder. Sechzehn Jahre alt.

»Sie kommen den Berg hinauf«, sagte er mit rauer Stimme.

Er befand sich im Stimmbruch, fühlte sich überhaupt recht unglücklich, weil die Hosen zu kurz und die Glieder zu lang waren.

Man hatte nie Geld gehabt, und jetzt erst recht nicht. In aller Eile hatte die Schwester aus den Sachen des toten Vaters für die Brüder etwas Dunkles geschneidert. Auch das hatte sie die Mutter gelehrt. Niemals etwas fortzuwerfen. Man konnte es immer wieder gebrauchen.

Die Mutter!

Kaum dachte sie dieses Wort, da fühlte sie wieder den Kloß in der Kehle.

»Hole Elmar und Gören«, sagte sie mit herber Stimme.

»Sie sind in der Scheune, sie mögen nicht ins Haus kommen«, sagte der Bruder.

»Bald ist alles vorbei.«

»Ja!«

Werner blickte die Schwester mit gerunzelter Stirn an.

»Ich werde kein Knecht«, sagte er mit böser Stimme. »Ich nicht. Lieber laufe ich fort. Die Dickwänste da unten im Ort können nicht einfach über uns bestimmen. Die nicht! Ich werde mich zu wehren wissen.«

»Werner, ich flehe dich an, man könnte dich hören. Denk doch an die Mutter.«

Er war böse und sehr zornig.

Klara fürchtete sich vor diesem halbfertigen Burschen. Sie war ja auch erst achtzehn. Zart von Figur. Körperlich würde sie nie etwas gegen den jüngeren Bruder ausrichten können.

»Ich nicht«, sagte er noch einmal mit rotem Kopf.

Sie legte eine Hand auf seine Schulter.

»Flenn doch nicht so«, schimpfte er die Schwester aus.

Ihre Lippen zitterten so, dass sie keine Antwort geben konnte.

Dann waren die Schritte zu hören. Sie kamen aus dem Dorf.

Die Nachbarn waren auch dabei.

Sie standen vor der Tür. Die Mütze in der Hand. Schließlich wusste man, wie man sich in so einer Lage verhalten musste.

»Tja, Klara, dann ist es ja wohl soweit. Dann wollen wir mal.«

Der Pfarrer stand keuchend hinter der Männergruppe. Das Steigen hatte ihn ganz außer Puste gebracht. Ja, hier oben, da gab es noch keinen breiten Weg. Man musste alles auf dem Buckel runter ins Tal schaffen. Sogar die Toten!

Aus der Regenwolke drang jetzt das dünne Glöckchen aus dem Dorf.

»Komm!«

Werner ging voran, stumm und mit einer bösen Falte zwischen den dunklen Augen.

Als Klara in die ärmliche Stube trat, fiel ihr Blick gleich auf die Frau im Sarg.

Die Mutter!

Wie dünn, wie verhärmt und müde sah sie aus. Keine schöne Tote. Sie hatte ausgelitten.

2

Die Buben schlangen das Essen in sich hinein. Dabei sahen sie unverwandt die Schwester an. So etwas wie eine Bedrohung ging von ihnen aus.

Sie richtete den Blick auf die Buben.

Zum ersten Male stellte sie sich die Frage: Mein Gott, was soll aus ihnen werden? Sie können doch nicht allein da oben bleiben. Nein, das geht wirklich nicht. Was hat vorhin der Werner gesagt: »Ich werde kein Knecht.«

Für Sekunden schloss sie die Augen.

Sie kannte doch auch das Gesetz, das hier waltete. Wenn Kinder übrigblieben, dann wurden sie in der Regel auf die reichen Höfe verteilt. Früher nannte man sie Ziehkinder, zahlte sogar auch einen kleinen Betrag, wenn es besonders kleine Kinder waren, die noch nicht zur Arbeit angehalten werden konnten. Sie hatten dann wirklich kein schönes Leben. Aber immer noch besser, als in ein Heim zu müssen.

Die Zeiten hatten sich natürlich geändert, aber das Verteilen war noch normal. Ins Heim sollten sie nicht. Der Bürgermeister sprach auch davon.

»Dann werden die Kinder getrennt. Nein, das wollen wir nicht. So bleiben sie im Tal und können sich jederzeit sehen. Das Haus müssen wir so lange verschließen und die Kühe verkaufen wir. Du musst sehen, Klara, das ist die beste Lösung für alle.«

Es war das Beste für die Bauern, denn so erhielten sie billige Arbeitskräfte. Anträge lagen auch schon genug vor, besonders auf den Werner und Elmar. Aber auch Gören war mit zwölf schon ein kräftiger Bursche.

»Klara, du kannst dann zurück in dein Hotel und deine Lehre beenden. Wir sorgen inzwischen für deine Brüder, wie es sich gehört. Und sobald einer in der Lage ist, selbst den Hof zu übernehmen, kann er ihn nehmen.«

Klara dachte, das hört sich so einfach an. Doch bis dahin ist von dem Haus nicht mehr viel da, und wenn man dann auch noch das Vieh verkaufen muss, dann muss man gleich mit vielen Schulden anfangen. Das schafft man einfach nicht. Lohn erhalten sie doch nicht. Es sind doch noch Kinder. Außerdem bekommen sie ja freie Unterkunft und Kleidung gestellt.

Plötzlich verstand sie den Werner.

Seinen Hass auf die Obrigkeit.

»Gibt es denn keine andere Möglichkeit?«, fragte sie mit leiser Stimme.

»Nein, es sei denn, aus der Verwandtschaft kommt jemand, der die Kinder erzieht. Wie gesagt, eine volljährige Person muss oben auf dem Hof wohnen, dann hat alles seine Ordnung. Ich bin der Bürgermeister. Ich kenne mich mit den Gesetzen aus, musst du wissen.«

Klara sagte: »Wir haben keine Verwandten.«

»Eben!«

Da meldete sich der Werner.

»Die Klara ist volljährig. Sie ist achtzehn vorbei. Das ist auch eine Verwandte.«

Alle Augen richteten sich auf den Buben. Seine schwarzen Augen waren unergründlich.

Die Schwester verspürte einen Stich im Herzen.

»Du kannst oben bleiben, Dann müssen wir nicht fort«, sagte der Bruder hart.

Schweigen in der Runde.

»Hast der Mutter nicht immer gesagt, dass du eines Tages wieder raufziehen willst?«

Sein Blick war jetzt lauernd.

»Ja«, sagte sie schwach. »Aber meine Lehre, ich meine doch, wenn man genug Geld hat, dann ...«

»Jetzt«, sagte Werner. »Jetzt, nicht später. Was haben wir davon, wenn du es später tust?«

Der Bürgermeister sah die Großbauern an. Sie schüttelten unmerklich den Kopf.

»Bub, das kannst doch nicht wirklich von deiner Schwester verlangen. Sie müsste ja dann die Lehre abbrechen. Geh, und dann ist sie ja auch so zart: Das schafft sie nimmer, jetzt da oben den Haushalt und die Wirtschaft zu führen. Das ist Männerarbeit, verstehst du, Werner?«

»Doch«, sagte er stur. »Das kann sie wohl. Die Mutter hat es auch gekonnt. Da hat niemand gesagt, das ist Männerarbeit. Und ich helf ihr auch dabei, der Elmar und der Gören auch. Ich werde nicht Knecht bei euch.«

Der Druck war wieder da.

Klara war totenblass geworden.

Alle Augen richteten sich auf das Mädchen.

Sie war jung und zu verstört, um zu verstehen, was in diesem Augenblick hier vorging.

Dass man den Leichenschmaus ausrichtete, ohne Geld zu verlangen, das hätte ihr zeigen müssen, dass man die Lösung des Bürgermeisters wollte.

Aber sie dachte in ihrer Not, wenn ich es nicht tu, was der Bruder sagt, dann wird mich das ganze Dorf verachten. Sie werden mich hassen und mich egoistisch nennen. Ich denke ja auch nur an mich. Aber nur, weil ich dort glücklich bin, weil ich dort gebraucht werde. Weil sie nicht mit mir schimpfen. Dort verdiene ich mein Geld, bin frei.

Wie ein kleiner, zorniger Bulle stand Werner vor ihr.

»Wir gehören zusammen. Ich kann es nicht zulassen, dass sie Gören und Elmar holen gehen. Lieber tu ich mir was an. Ich will das nicht.«

Da war der Wille des jungen Mädchens gebrochen. Ängstlich starrte sie ihn an.

»Wenn es geht, dann bleibe ich daheim«, sagte sie mit leiser Stimme..

Der Bürgermeister wollte noch vieles sagen, aber der Werner drängte die Schwester nach draußen.

»Wir haben noch einen weiten Weg zum Hof. Wir müssen jetzt gehen.«

Da zogen nun die vier Waisen fort.

Der Wirt stand am Fenster.

»Und was ist jetzt?«

»Nix«, knurrte der Bürgermeister.

»Verdammt, der Bub würde mir zupass gekommen. Ich brauche eine Hilfe und kriege sie nicht. Das geht doch nicht. Kann man denn von Gesetz wegen das zulassen?«

»Die Klara ist volljährig, wir können ihr nix reinreden. Wir können nur etwas unternehmen, wenn sie es nicht schafft. Wenn die Buben sozusagen verlottern. Dann kann ich als Gemeindevorsteher eingreifen. Und wie mir scheint, schafft sie es nimmer. Dazu ist sie viel zu schwach. Die Mutter hat sich doch auch zu Tode gerackert. Wir werden ein Auge auf die Löb-Kinder halten. Was sind denn ein paar Wochen? Dann wird sie aufgeben, und wir können die Buben unter uns verteilen, wie wir es vorhatten.« .

Also wartete das Dorf auf seine Chance.

3

Klara war mit dem Bub nach Mellau gefahren. Nur ungern ließ man das bescheidene und freundliche Mädchen ziehen. Doch unter diesen Umständen mussten sie wohl den Vertrag mit ihr lösen.

»Wenn Sie es sich anders überlegt haben, dann kommen Sie nur wieder, Klara. Wir nehmen Sie immer gern auf. Das wissen Sie doch.«

»Danke«, stammelte sie und nahm das Geld entgegen, das ihr zustand.

Dieses Gefühl, ich kann ja wiederkommen, machte sie ein wenig froh.

Doch als sie die Sachen packte, noch einmal aus ihrem Stübchenfenster blickte, da überfiel sie doch so etwas wie Schwermut. Sie hätte gemeint, ihr eigenes Leben aufbauen zu können. Und nun musste sie wieder ins Elternhaus zurück. Dort kannte sie nur Angst und Schrecken. Und jetzt kam noch so vieles hinzu. Die Mutter war nicht mehr da. Bei ihr konnte sie keinen Schutz mehr finden.

Als sie sich auf dem Heimweg befand, sagte sie sich, ich bin jetzt erwachsen. Ich muss meine Geschwister zu anständigen Menschen erziehen. Wenn Mutter mich jetzt sehen kann, dann wird sie bestimmt froh sein, dass alles so gelaufen ist. Ich glaube, ich wäre nicht froh geworden, wenn die Geschwister vom Hof hätten fort müssen.

Auch sagte sich das junge Mädchen: Sie sind noch jung und ich kann sie formen. Die Mutter hatte zwar immer behauptet, sie hätten den Charakter des Vaters geerbt. Aber dieser war doch nicht mehr da, er konnte sie nicht mehr quälen, und die Buben auch nicht mehr beeinflussen.

»Ich muss es schaffen«, flüsterte sie leise vor sich hin. »Ich weiß, das ganze Dorf wird darauf achten. Sie werden meine Brüder beobachten, ich muss es einfach schaffen.«

Mit dem Koffer und der Tasche war der Anstieg zum Hof recht beschwerlich. Immer wieder musste sie stehenbleiben und Atem schöpfen. Jetzt würde sie auch wieder die Taschen voller Lebensmittel raufschaffen müssen. Wie zu ihrer Schulzeit. Wie gut konnte sie sich noch daran erinnern! Andere Höfe, die so hoch lagen, hatten sich längst ein Auto angeschafft. Da konnte die Bäuerin einmal die Woche einen Großeinkauf vornehmen. Überhaupt war mit einem Auto alles viel leichter.

Über eine Stunde brauchte sie für den Anstieg. Dann war sie oben. Von den Buben keine Spur. Sie war am frühen Morgen gleich fortgegangen, um den Bus zu erwischen. Das Geschirr stand noch immer auf dem Tisch. Die Betten waren nicht gemacht. Auch im Schuppen und in der Scheune waren die Brüder nicht anzutreffen. Dabei hatte sie ihnen gesagt, dass sie mit dem Holzhacken anfangen müssten.

Zermürbt brachte sie ihre Sachen in die kleine Kammer und band sich dann gleich die Schürze um.

Alles wirkte noch recht seltsam in diesem Haus. Der Schatten der Mutter war noch immer vorhanden.

Klara sagte sich, wenn die Kühe runter von der Alm sind, dann gibt es noch mehr Arbeit für uns. Wir müssen sie uns teilen, und außerdem muss ich zusehen, wie wir zu Geld kommen. Ein Glück, das Ersparte ist ja da. Ich habe es jeden Monat der Mutter gebracht. Jetzt können wir es nicht für die Fremdenstuben gebrauchen. Aber es ist doch ein schwacher Trost. Geld beruhigt.

Klara wusste nicht mehr, wie viel sie gemeinsam gespart hatten: In der Schlafkammer hinter dem blauen Schrank hatten sie ein Versteck gefunden. Nicht mal der Vater hatte etwas von diesem heimlichen Schatz gewusst. Klara und die Mutter waren zu unerfahren gewesen und wussten nicht, dass auf einer Bank das Geld besser aufgehoben war und man außerdem auch noch Zinsen für sein Geld bekam.

Sie grübelte weiter. In zwei Jahren war auch der Werner achtzehn, bis dahin würde er hin und wieder kleine Arbeiten annehmen müssen. Sonst würde man nicht über die Runden kommen. Die kleine Waisenrente war nur ein Tropfen auf den heißen Stein. Es war also wichtig, wenn sie zuerst das Geld nachzählte. Das Geld wollte sie als Notgroschen halten.

Die Buben waren noch immer nicht da. Sie wollte ihnen von dem Geld nichts erzählen. Etwas hielt sie davon ab. Was, das konnte sie auch nicht sagen.

Sie ging in die Schlafkammer der Mutter. Dort war die Schachtel. Sie selbst hatte sie in Mellau gekauft. Eine hübsche Schachtel. Sogar mit einem kleinen Schloss versehen. Den Schlüssel hielt die Mutter im Uhrkasten versteckt.

Ja, dort war er auch noch immer. Als sie aber jetzt den Kasten aus dem Versteck zog, da wunderte sie sich ein wenig darüber, dass er so leicht war. Mit zittrigen Händen öffnete sie ihn, und dann sah sie es. Er war vollkommen leer. Im ersten Augenblick war sie wie vor den Kopf geschlagen.

»Nein«, gurgelte sie hervor.

Fieberhaft suchte sie nun hinter dem Schrank. Aber es hatte ja nichts herausfallen können. Unmöglich. Die Schachtel war ja verschlossen gewesen.

Klara dachte verstört nach.

Hatte die Mutter es vielleicht gebraucht? Aber dann hätte sie ihr doch davon erzählt. Sie hatten doch keine Heimlichkeiten voreinander gehabt. Nein, das war einfach unmöglich. Und in letzter Zeit hatte sie den Hof ja auch gar nicht mehr verlassen. Also musste sie das Geld woanders versteckt haben? Aber warum nur? Warum?

Verzweifelt suchte sie nun das ganze Zimmer ab. Aber so sehr sie auch suchte, sie wusste die ganze Zeit, ich finde es doch nicht. Das Geld ist fort!

Erschöpft fiel sie auf das Bett und stöhnte leise vor sich hin.

»O mein Gott, lass es nicht wahr sein. Ich flehe dich an. Ich brauche es doch so nötig. Wir haben doch sonst kein Erspartes mehr. Womit soll ich denn jetzt wirtschaften?«

Die Tränen liefen ihr über das Gesicht.

»Wo ist das Geld? Wo? Wo? Sag es mir doch! Bitte, ich flehe dich an.«

In ihrer Verzweiflung bemerkte sie gar nicht den Schatten am Fenster.

Es war Werner!

Er starrte in die Kammer und sah die Schwester dort auf dem Bett liegen. Neben sich die leere Schachtel. Grimmig dachte er, ich bin froh, dass ich das Geld zufällig gefunden habe. Das Geld kriegt sie nicht. Es ist nicht viel, aber für den Anfang wird es reichen.

Er entfernte sich lautlos.

Klara wusste nicht, wie lange sie so verzweifelt dort gelegen hatte. Die Sonne ging langsam unter. Sie musste sich um das Abendbrot kümmern.

Polternd stürmten Gören und Elmar ins Haus.

Sie schlich sich in die Küche.

»Was? Schon wieder Kartoffeln? Das ist ja nicht zum Aushalten«, knurrten die Buben.

»Wir haben nix anderes«, sagte sie gequält.

»Die Mutter hat nicht nur Kartoffeln gehabt«, sagte Gören ärgerlich.

Werner kam in die Küche und setzte sich schweigend an den Tisch.

»Wir müssen miteinander reden. Nach dem Essen«, sagte die Schwester leise.

»Ich will noch raus«, murrte Gören.