Karl R. Popper - Jürgen August Alt - ebook

Karl R. Popper ebook

Jürgen August Alt

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Opis

Karl Popper gehört zu den einflussreichsten Denkern des 20. Jahrhunderts. Im Zentrum seiner Philosophie, die unter dem Namen des kritischen Rationalismus Schule gemacht hat, steht die Frage, wie Erkenntnis überhaupt möglich ist, wenn uns kein Fundament zur Verfügung steht. Poppers Konsequenz lautet, dass wir statt sicheren Begründungen möglichst strenge Prüfungen unserer Hypothesen benötigen. Die Idee der Kritik liegt auch seiner Theorie der Offenen Gesellschaft zugrunde, mit der er in den siebziger Jahren zu einem Vordenker der Sozialdemokratie wurde.

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Alt, Jürgen August

Karl R. Popper

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Impressum

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E-Book ISBN: 978-3-593-40021-1

|8|Siglen

Diss

Zur Methodenfrage der Denkpsychologie, Dissertation, Universität Wien 1928 (unveröffentlicht)

GE

Die beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie (1930–1933), hg. v. Troels Eggers Hansen, Tübingen 1979

LdF

Logik der Forschung (Wien 1934; engl. 1959), Tübingen 19848

OG1–2

Die offene Gesellschaft und ihre Feinde, Bd. 1 u. 2 (engl. 1945; deutsch OG1: 1957, OG2: 1958), München 19754

FST

Facts, Standards and Truth: A Further Criticism of Relativism, Addendum, in: The Open Society and Its Enemies, vol. 2 (1961), London 19665

CuR

Conjectures and Refutations: The Growth of Scientific Knowledge (1963), London 19745

OE

Objektive Erkenntnis. Ein evolutionärer Entwurf (engl. 1972), Hamburg 19742

A

Ausgangspunkte. Meine intellektuelle Entwicklung (engl. 1974), Hamburg 1979

IuG

Das Ich und sein Gehirn; zus. m. J. C. Eccles (engl. 1977), München 1982

PS1–3

Postscript to the Logik of Scientific Discovery, ed. W. W. Bartley, III, Vol.1–3

|9|PS1: Realism and the Aim of Science, London 1983

PS2: The Open Universe: An Argument for Indeterminism, London 1982

PS3: Quantum Theory and the Schism in Physics, London 1982

AdS

Auf der Suche nach einer besseren Welt. Vorträge und Aufsätze aus dreißig Jahren, München 1984

WoP

A World of Propensities, Bristol 1990

ALP

Alles Leben ist Problemlösen, München 1994

|11|Einleitung

Vor etwa 2500 Jahren begannen einige Philosophen damit, über die menschliche Erkenntnis nachzudenken. Sie stießen dabei auf ein Problem, das seither viele Menschen – nicht nur Experten – beschäftigt:

Wie gewinnen wir Erkenntnisse, die völlig sicher sind – Erkenntnisse, auf die wir uns wirklich verlassen können? Wer das Problem so formuliert, macht sich auf die Suche nach Entdeckungsverfahren oder letzten Begründungen, mit deren Hilfe die Menschen unfehlbar die Wahrheit, d.h. richtige, bewiesene Erkenntnisse erreichen sollen.1 Ein solches Unternehmen mag verlockend sein, denn es kommt dem verbreiteten Streben nach Sicherheit entgegen.

Tatsächlich wurden im Laufe der Jahrhunderte auch verschiedene Vorschläge gemacht, wie es gelingen könnte, mit Sicherheit zur Wahrheit zu gelangen. Im ersten Kapitel werden wir einen solchen Vorschlag – und zwar einen empiristischen – näher kennenlernen und sehen, wie Popper damit umgeht.

Als Karl Popper in den zwanziger Jahren seine philosophischen Ansichten zu entwickeln begann, fand er in etwa die folgende Problemsituation vor:

|12|Die Wissenschaften, vor allem die Naturwissenschaften, schreiten scheinbar unaufhörlich fort. Es war für Popper offensichtlich, dass das Wissen über die Welt zugenommen hat und noch weiter zunimmt, dass echte Erkenntnisfortschritte zustandekommen.

Andererseits scheint die Suche nach einem Fundament der Erkenntnis bislang erfolglos gewesen zu sein. Zum Beispiel wurde die Idee, die Wissenschaft mit Hilfe induktiver Methoden auf unumstößliche Erfahrungen zu bauen, durch David Humes Kritik erschüttert (vgl. Kap. 1). Obwohl die Wissenschaft so beeindruckende Theorien entwickelt, die es uns ermöglichen, die Welt nicht nur besser zu verstehen, sondern auch zu verändern, existieren weder Methoden noch überzeugende Kriterien, die uns in die Lage versetzen, sichere Erkenntnisse zu produzieren bzw. die Wahrheit von Theorien zweifelsfrei festzustellen.

Außerdem hat sich herausgestellt, dass sogar die wohl erfolgreichste Theorie, diejenige Isaac Newtons (die klassische Physik), ihre Schwächen hat. Zweihundert Jahre konnte man glauben, sie sei absolut richtig; doch Einsteins Relativitätstheorie und die Quantenphysik zeigen, dass Newtons Theorie hypothetisch ist und nicht jeder Kritik standhält.

Angesichts dieser Situation formulierte Popper die folgende Frage:

Wie sind Erkenntnisfortschritte überhaupt möglich, wenn uns kein Fundament zur Verfügung steht, das uns Sicherheit gibt? Die Antwort auf diese Frage ist der Kerngedanke, die zentrale These der Philosophie Poppers, des kritischen Rationalismus: Wir benötigen kein Fundament, um Erkenntnisfortschritte zu machen. Entscheidend ist vielmehr|13|, dass wir die Theorien, die unsere Erfindungen, unsere hypothetischen Konstruktionen sind, möglichst strengen Prüfungen unterziehen.

Das Streben nach Sicherheit, die Suche nach einer wahrheitsverbürgenden Instanz, war ein Irrweg. Alle unsere Erkenntnisse haben den Status von Hypothesen. Dieser nach wie vor aktuelle Grundgedanke Poppers, der im ersten und zweiten Kapitel noch genauer herausgearbeitet wird, spielt in vielen Teilen seiner Philosophie eine wichtige Rolle.

Ein philosophisches Problem – so Popper – interessiert alle denkenden Menschen: nämlich die Welt zu verstehen, zu der wir und unser Wissen gehören. Wer eine philosophische Aufgabe so allgemein formuliert, muss sich nicht nur für alle wissenschaftlichen Disziplinen interessieren, die ja Beiträge zum Verstehen der Wirklichkeit leisten, sondern auch für Politik, Kunst und Religion sowie für Ideologien, die uns verheißen, die Wahrheit über die Welt gefunden zu haben. Tatsächlich verbrachte Popper sein Leben damit, Ideen zu einem besseren Verständnis der Welt vorzutragen. Sein umfangreiches Werk enthält Texte zur Wissenschaftstheorie, zur Mathematik, zur Physik, zur Psychologie, zur Biologie und zu weiteren Disziplinen. Andere Teile seines Schaffens handeln von der Ethik und der Theorie der Demokratie. Manche Arbeiten setzen sich mit Weltanschauungen (z. B. dem Marxismus) und verbreiteten Alltagsannahmen auseinander, denen viele Menschen mehr oder weniger blind folgen. Popper bemühte sich stets darum, Brücken zwischen Wissenschaft, Ethik, Politik und Kunst zu bauen. Leitgedanken, wie die eben erwähnte Kernthese der Popperschen Philosophie, halfen ihm dabei, die verschiedenen Bereiche seines Denkens zu verknüpfen. Manche seiner Ideen waren mehr, andere weniger erfolgreich. Poppers einflussreichste Leistungen sind vermutlich die fallibilistische |14|Erkenntnistheorie und die Beiträge zum politischen Liberalismus.

Geboren wurde Popper 1902 in Wien. Nachdem er vorzeitig das Gymnasium (ohne Abschluss) verlassen hatte, hörte er Vorlesungen an der Universität. Auffallend ist, dass er sich gleichzeitig mit Disziplinen auseinander setzte, zwischen denen es in der wissenschaftlichen Praxis kaum Berührungspunkte gibt, etwa mit Psychologie und Physik. 1922 begann Popper eine Lehre als Tischler und machte als Externer sein Abitur. Er studierte auch Kirchenmusik und bestand 1924 die Lehrerprüfung, die ihn berechtigte, an Primarschulen zu unterrichten. Weil keine Stelle frei war, arbeitete er ein Jahr als Horterzieher. 1925 erhielt Popper seine Zulassung als Student am Pädagogischen Institut der Stadt Wien, das von Karl und Charlotte Bühler geleitet wurde. Popper engagierte sich für die sozialdemokratisch inspirierte Reformpädagogik – er gehörte also zu den »Schulbolschewisten«, wie die Vertreter der christlich-sozialen Opposition zu sagen pflegten. Auch die »Erziehungs- und Schulorganisation der Katholiken Österreichs« lief Sturm gegen die reformpädagogischen Bestrebungen. Insbesondere das selbstorganisierte Lernen lehnten sie ab, weil sie die »Schulzucht« bedroht sahen. Es war gerade dieser Aspekt der Reformpädagogik, den Popper so überzeugend fand. 1928 promovierte er bei dem Psychologen Karl Bühler, und ab 1930 arbeitete er als Hauptschullehrer.

Sowohl seine Argumente zugunsten der »Arbeitsschule« als auch seine Auseinandersetzung mit dem Philosophen Moritz Schlick in der Dissertation zeigen, dass Popper zu diesem Zeitpunkt Thesen vertrat, die seine spätere Philosophie prägen. So kritisiert er beispielsweise die Assoziationspsychologie, die das Gedächtnis des Menschen (und anderer Lebewesen) als einen »Stoffbehälter, eine Art Zuber für den Wissensstoff« missversteht (Popper 1931). Popper argumentierte für eine, wie wir heute sagen, kognitive Lerntheorie. Während dieser Zeit |15|pflegte er Kontakte zu Mitgliedern des Wiener Kreises, der von Moritz Schlick (etwa 1923/24) gegründet wurde. Der logische Positivismus, den diese Philosophengruppe entwickelte, unterzog Popper einer gründlichen Kritik (Diss, GE, LdF); insbesondere hielt er es für falsch, nach einem Fundament der Erkenntnis zu suchen, auf dem wir unsere Theorien errichten können. Die Themen seiner Dissertation beschäftigten Popper bis zum Ende seines Lebens. Allerdings betrachtete er sie – etwa ab 1930 – nicht mehr aus der Perspektive eines (an Biologie interessierten) Psychologen, er vollzog vielmehr eine Wende zur Methodologie. Nun war er ein Philosoph, der Logik und Wissenschaftstheorie betrieb. Auf diese neue Orientierung folgte Anfang der sechziger Jahre ein Rückgriff auf die Evolutionstheorie, in deren Lichte er fortan die Probleme seiner Dissertation diskutierte – und viele, viele andere Probleme, die nach und nach sein Interesse weckten. Im Laufe dieser Zeit machte Popper Karriere. Er avancierte zu einem der einflussreichsten Philosophen unseres Jahrhunderts. 1937 quittierte er den Dienst als Lehrer und emigrierte mit seiner Frau nach Neuseeland, wo er an der Universität in Christchurch unterrichtete. 1946 wurde er außerordentlicher Professor an der London School of Economics, 1949 Professor für Logik und Wissenschaftstheorie an der Universität von London. Anfang der sechziger Jahre hielt Popper ein Referat in Heidelberg, das den so genannten Positivismusstreit in der deutschen Soziologie (vgl. Kap.10) auslöste. Im selben Jahrzehnt entwickelte sich eine heftige Auseinandersetzung über den Verlauf von Forschungsprozessen, insbesondere über die Rolle, die Widerlegungen in der Wissenschaft spielen und spielen sollen. Mitte der siebziger Jahre erreichte Poppers Philosophie der Politik nicht nur hierzulande die Parteien. Etliche Politiker liebäugelten mit dem kritischen Rationalismus.

Popper gehörte durchaus zu den streitbaren Philosophen. Er hielt gerne, vor allem im fortgeschrittenen Alter, Vorträge und |16|gab auch Interviews, die aktuelle politsche Fragen betrafen, wie das Spiegel-Gespräch »Kriege führen für den Frieden« (ALP).

Dieses Buch bietet eine problemorientierte Einführung in die Philosophie Poppers – das heißt, dass ich mich darum bemühe, die jeweiligen Probleme deutlich zu machen, auf die Popper mit seinen Hypothesen versuchsweise antwortet. Darüber hinaus möchte ich auf einige praktische Konsequenzen hinweisen, auch auf solche, die manchmal »existenziell« genannt werden. Ich erörtere also noch einmal die Frage, inwieweit der kritische Rationalismus ein plausibles Modell für das individuelle Leben, den Entwurf für eine Lebensweise darstellt.2 Aus diesem Grund berücksichtige ich nicht nur Probleme der Ethik, sondern auch so genannte Sinnfragen und Aspekte der Religionsphilosophie, die zwar in Poppers Werk gelegentlich auftauchen, aber nicht ausgearbeitet sind. Das gilt auch für Poppers in Umrissen erkennbare Theorie der Kunst.

Die Idee der Vernunft scheint – ebenso wie der Fortschrittsgedanke – für viele Zeitgenossen nicht mehr sonderlich attraktiv zu sein. Relativistische Ansichten sind weit verbreitet. Da Popper zeit seines Lebens die Vernunft, zumindest seine Version der Vernunft, verteidigt und jeden Relativismus scharf kritisiert hat, sind seine diesbezüglichen Thesen vielleicht auch eine Provokation für etliche Leser und Leserinnen. Ob Poppers Argumente ausreichen, um die verschiedenen Spielarten des Relativismus zu erschüttern, müssen natürlich die Leser entscheiden. Jedenfalls werde ich mir Mühe geben, die für diese Problematik relevanten Aussagen möglichst klar herauszustellen.

In dieser Einführung berücksichtige ich auch Poppers veröffentlichte |17|Frühschriften, also die vor der Logik der Forschung entstandenen Arbeiten, und seine unveröffentlichte Dissertation, ferner einige weniger bekannte Texte wie Facts, Standards and Truth, die mehr Beachtung verdient hätten.

|18|1 Erkenntnis

Erkenntnisprozesse beginnen mit Hypothesen, die Erfahrungen erst möglich machen. Erfahrungen können Anlässe sein, um neue, vorläufige Hypothesen zu erfinden. Vor allem in den Wissenschaften werden sie so formuliert, dass sie leicht zu kritisieren, am besten sogar widerlegbar sind. Für die Qualität der Hypothesen spricht, wenn sie den kritischen Prüfungen Stand halten. Es gibt kein Fundament der Erkenntnis, kein Verfahren und keine Instanz, die uns mit Sicherheit zur Wahrheit führen. Auch gut bewährte Theorien haben den Status von Hypothesen.

1.1 Induktion, Abgrenzung und Falsifizierbarkeit

Poppers Antwort auf die Frage, wie Erkenntnisfortschritte ohne Fundament zustandekommen, ist eng mit seinen Lösungsvorschlägen für zwei weitere Probleme verknüpft, die er in den zwischen 1930 und 1933 entstandenen Schriften als die »beiden Grundprobleme der Erkenntnistheorie« (GE) bezeichnet: das Abgrenzungs- und das Induktionsproblem. Um den Zusammenhang dieser Probleme zu verstehen, müssen wir |19|berücksichtigen, dass der Vorschlag, Theorien induktiv zu rechtfertigen, letztlich eine positive Antwort auf die Frage darstellt, wie sichere Erkenntnisse zu erreichen sind. Theorien sollen durch Erfahrungen, durch verallgemeinerbare Erfahrungen, belegt werden. Der englische Empirist Francis Bacon (1561–1626) zum Beispiel stellte sich die Aufgabe, »dem Geiste einen neuen und sicheren Weg« zu ebnen.3 Für ihn sind bestimmte Erfahrungen bzw. Sinneswahrnehmungen eine zuverlässige Quelle, aus der wir die richtigen Kenntnisse schöpfen können – und zwar mit Hilfe der Induktion.

Es ist sehr wichtig, zwei mit dem Induktionsproblem verknüpfte Fragen zu unterscheiden: 1. Gewinnen wir Erkenntnisse, indem wir Erfahrungen verallgemeinern? Diese Frage bezieht sich nicht auf ein Verfahren der Rechtfertigung von Theorien, sondern auf tatsächlich ablaufende Prozesse bei der Entstehung von Erkenntnissen, also auf die Funktionsweise des Gehirns. 2. Lassen sich Theorien induktiv rechtfertigen, absichern, indem wir auf Erfahrungen verweisen bzw. auf Aussagen, mit denen wir bestimmte Beobachtungen festhalten? Vorläufig beschäftigt uns nur diese zweite Frage. David Hume (1711–1776) legte eine folgenreiche Analyse dieses Problems vor, die nicht nur Kant, sondern auch Popper, Bertrand Russell und die Positivisten des »Wiener Kreises« tief beeindruckt hat. Hume kommt zu einem negativen Ergebnis; es gibt keine induktive Rechtfertigung: »... alle Folgerungen aus der Erfahrung setzen als ihre Grundlage voraus, daß die Zukunft der Vergangenheit ähnlich sei und daß ähnliche Kräfte mit ähnlichen Sinnesqualitäten verbunden sein werden«4 . Wir müssen also – so formuliert es Popper in einer seiner frühen Arbeiten – |20|bei jedem Induktionsversuch die hypothetische Voraussetzung machen, »daß es allgemeine Sachverhalte, daß es Gesetzmäßigkeiten gibt« (GE 35). Unsere Erkenntnistätigkeit beginnt mit Hypothesen, die die Erfahrungen erst ermöglichen. Aber wenn Humes Analyse zutrifft, wenn Theorien nicht durch Erfahrungen, etwa durch kontrollierte Beobachtungen gerechtfertigt werden können – worin unterscheidet sich dann die Wissenschaft von anderen Unternehmungen, etwa der Metaphysik, der Kunst, der Religion? Damit sind wir beim Abgrenzungsproblem angelangt.

Poppers Lösungsvorschlag läuft im Grunde darauf hinaus, solche Aussagen als »wissenschaftlich« zu betrachten, die Erkenntnisfortschritte begünstigen, die korrigierbar sind. Unsere Vermutungen sollen nach Möglichkeit so formuliert werden, dass sie widerlegbar (falsifizierbar) sind, dass sie – so Popper in der Logik der Forschung – an der Erfahrung scheitern können. Widerlegbar sind die wissenschaftlichen Hypothesen deshalb, weil sie das Auftreten bestimmter Ereignisse verbieten.

Die Falsifizierbarkeit ist eine logische Angelegenheit, eine Beziehung zwischen Sätzen, nämlich den Sätzen der zur Prüfung anstehenden Theorie und den Prüfsätzen, mit denen wir – hypothesengeleitet – Erfahrungen (Ereignisse, Beobachtungen) formulieren, die die Theorie ausschließt.

Anfangs forderte Popper noch ein strenges Abgrenzungskriterium, später erweiterte er sein Kriterium der Falsifizierbarkeit zum Kriterium der Kritisierbarkeit (LdF 254). Das ursprüngliche Kriterium sollte vor allem eine »Trennungslinie« (Popper) zwischen metaphysischen und wissenschaftlichen Aussagen ziehen. Tatsächlich verlaufen die Grenzen zwischen metaphysischen (also unwiderlegbaren) Thesen und wissenschaftlichen |21|(also widerlegbaren) Thesen eher fließend.5 Schließlich sind die Theorien der Wissenschaft aus metaphysischen Entwürfen hervorgegangen. Wir können – und sollen – uns aber darum bemühen, metaphysische Ansichten so zu formulieren, dass sie überprüfbar werden, Unwiderlegbarkeit ist keine Stärke, sondern eine Schwäche.

1.2 Poppers Auseinandersetzung mit dem logischen Positivismus

Die Thesen Poppers werden vielleicht noch deutlicher, wenn wir sie mit einigen Auffassungen der Positivisten des »Wiener Kreises« vergleichen. Diese bemühten sich darum, eine Erfahrungsbasis ausfindig zu machen, die von der Kritik Humes nicht getroffen wird. Sie vertraten – im Großen und Ganzen – die Auffassung, alle wissenschaftlichen Aussagen müssten auf Aussagen über »Gegebenes« zurückführbar sein. Hinter einem solchen Unternehmen verbirgt sich natürlich der Gedanke, man könne irrtumsfrei auf dem »Gegebenen«, das zweifelsfrei da ist, Theoriengebäude errichten. Insofern lässt sich auch der Positivismus als ein Vorhaben begreifen, das noch in der Tradition des erkenntnistheoretischen Fundamentalismus steht. Andererseits wurde von den Vertretern des »Wiener Kreises« sehr bald erkannt, dass es »keine absoluten Anfangssätze für den Aufbau der Wissenschaft« gibt.6

|22|Nach Rudolf Carnap handelt es sich bei den »Anfangssätzen« um so genannte »Protokollsätze«, in denen Wahrnehmungserlebnisse, die »Gegebenes« betreffen, festgehalten werden.

Popper dagegen vertritt in seiner Logik der Forschung kurz gesagt den folgenden Standpunkt: Wir brauchen, wenn wir Theorien an der Erfahrung scheitern lassen wollen, Sätze, die zu Prüfzwecken verwendet werden können. Popper geht (wie z. B. Carnap) davon aus, dass Theorien in Sätze gefasst sind, die wiederum nur mit Hilfe von Sätzen, zu denen logische Beziehungen bestehen, überprüft werden können. Als Prüfsätze kommen solche Sätze infrage, die denjenigen Sätzen widersprechen, die aus der zur Prüfung anstehenden Theorie abgeleitet sind. Diese »Basissätze« haben die Form singulärer Es-gibt-Sätze. Die Es-gibt-Sätze beschreiben Ereignisse, deren Auftreten die zu prüfende Theorie verbietet. Die Basissätze teilen uns also nicht irgendwelche Erlebnisse mit; sie beziehen sich auf objektive Ereignisse. Wie alle Hypothesen überschreiten aber auch die Basissätze unsere Erfahrung. Deshalb kann es sich bei diesen Basissätzen nicht um bloße Protokolle von Beobachtungen oder theoriefreien Erfahrungen handeln. Ein konventionelles Moment tritt bei der Festsetzung der Basissätze unvermeidlich auf. Die Basissätze sind relativ, nicht absolut, denn »jeder Basissatz kann neuerdings durch die Deduktion anderer Basissätze überprüft werden ... Dieses Verfahren findet niemals ein ›natürliches‹ Ende.« (LdF 69)

Demgegenüber behauptet Moritz Schlick (1881–1932) in seinen Vorlesungen aus den dreißiger Jahren, einzelne, beobachtbare Tatsachen bildeten die Grundlage wissenschaftlicher Systeme. Singuläre Sätze, also Sätze über die einzelnen Tatsachen, sind nach seiner Überzeugung die »Quelle, das Fundament, auf dem unsere ganze Wissenschaft ruht«,7 während für |23|Popper unsere Erkenntnistätigkeit von Theorien und Problemen, die wir mit Hilfe von Theorien bestimmen, ausgeht.

Innerhalb des »Wiener Kreises« war es vor allem Otto Neurath, der den hypothetischen Status der Prüfsätze betonte, jener »Protokollsätze« also, die einfache Erfahrungen bzw. Beobachtungen festhalten. Doch auch Neurath hielt an der Auffassung fest, dass die Wissenschaft eine Basis braucht, eben eine Erfahrungsbasis. Weil aber die Theorien unsere Erfahrungen überschreiten, weil – so Popper – allgemeine Sätze mehr aussagen, als empirisch überprüft werden kann, neigten die Positivisten dazu, solche Sätze mit Argwohn zu betrachten. Aber gerade die wohl wichtigsten Bestandteile vieler Wissenschaften, die Gesetzeshypothesen nämlich, bestehen doch aus solchen Sätzen. Tatsächlich sieht Neuraths Entwurf einer empirischen Soziologie vor, auf alle Aussagen zu verzichten, die sich nicht auf beobachtbares Verhalten beziehen. Die positivistische Auffassung ist also mit Festlegungen verbunden, die im Interesse der Wissenschaft nicht akzeptiert werden können. Zu diesem Ergebnis gelangt Popper bereits in der (unveröffentlichten) Dissertation aus dem Jahre 1928. Dort verteidigt er die Auffassung seines Lehrers Karl Bühler gegen die physikalistische Position von Schlick, die dieser in seiner 1918 erschienenen Erkenntnislehre entwickelt hatte (Popper benutzt die 2. Auflage von 1925).

Schlicks Buch ist das vielleicht wichtigste Werk des frühen logischen Positivismus. Die darin vertretene physikalistische Auffassung bedeutete natürlich eine Herausforderung für den Bühlerschen »Pluralismus der Aspekte«. Bühler brachte Die Krise der Psychologie – so der Titel seines berühmten Buches – mit verschiedenen methodologischen (und ontologischen) Festlegungen seiner Fachkollegen in Zusammenhang. Die Behavioristen beispielsweise waren Bühler zufolge diejenigen, die nur den »Verhaltensaspekt« berücksichtigten. Die Introspektion, über deren Stellenwert damals eine heftige Diskussion entbrannt war, betrachteten sie nicht als eine sinnvolle Methode |24|der Psychologie. Dagegen wollte Bühler zeigen, dass »die Erlebnisse, das sinnvolle Benehmen der Lebewesen und ihre Korrelationen mit den Gebilden des objektiven Geistes« zum »Ausgangsgegenstand« der Psychologie gehören müssen.8 Bühlers Absicht war dabei, die Psychologie aus der »Krise« zu führen. Den eigenen Neigungen entsprechend, konzentrierte er sich in seinen Überlegungen vornehmlich auf die Sprachpsychologie. Popper stellt sich in der Dissertation die Aufgabe, »die wichtigsten methodologischen Ergebnisse Bühlers auf die Denkpsychologie zu übertragen« (Diss V). Um diese Aufgabe aber leisten zu können, muss Popper sich mit der Arbeit von Schlick auseinandersetzen. Aus der Sicht Schlicks hängt die Erkenntnis psychischer Vorgänge davon ab, ob es gelingt, »die introspektive Psychologie in eine physiologische, naturwissenschaftliche, in letzter Linie in eine Physik der Gehirnvorgänge, überzuführen«.9 Die Möglichkeit einer solchen Reduktion muss nach Schlick postuliert werden; wer das nicht tut, verzichtet darauf, das Psychische überhaupt zu erkennen. Erkenntnisfortschritte fallen aus der Perspektive Schlicks also mit Reduktionen zusammen. Auch Popper betont, dass eine gelungene Reduktion – etwa die Reduktion der Chemie auf die Physik – in der Tat einen gewaltigen Erkenntnisfortschritt bedeutet. Es ist daher auch angebracht, immer wieder Reduktionsversuche anzustellen. Doch »wäre es verfehlt, daraus ohne weiteres die methodologische Konsequenz zu ziehen, daß sich die ganze wissenschaftliche Arbeit auf die Reduktion einstellen müsse: im Gegenteil« (Diss 16). Zunächst sollte nach Poppers Ansicht die zu reduzierende Wissenschaft ausgebaut werden.

Popper bringt hier einen Gedanken ins Spiel, den er in seiner |25|Spätphilosophie (ohne auf die Dissertation hinzuweisen) in einem evolutionstheoretischen Kontext verwendet. Selbstverständlich wachsen die Schwierigkeiten für einen erfolgreichen Reduktionsversuch, wenn wir die zu reduzierende Wissenschaft ausbauen – aber genau dies will Popper mit seinem Vorschlag ja erreichen: Eine Reduktion, die (ganz oder teilweise) gelingt, obwohl alle Argumente, die für Emergenz sprechen, bedacht wurden, wäre ein großer Erfolg. Aber auch aus einem fehlgeschlagenen Versuch, eine entwickelte Disziplin auf eine andere, grundlegendere zu reduzieren, kann man Popper zufolge viel lernen; denn ein solcher Versuch führt zu neuen Problemen und daher auch zu neuen Problemlösungsversuchen. Das Auftreten neuer – unerwarteter – Probleme nach gescheiterten (oder nur partiell gelungenen) Reduktionsversuchen sollte, das betont Popper gerade in späteren Arbeiten mit Nachdruck, die Wissenschaftler nicht davon abhalten, Reduktionen zu probieren. Denn neue Probleme forcieren den Erkenntnisfortschritt. Sowohl eine a priori eingenommene antireduktionistische als auch eine reduktionistische Auffassung engen den schöpferischen Prozess der Theorienkonstruktion ein. Es ist jedenfalls noch zu früh, meint Popper in seiner Dissertation (Diss 42), sich für Schlicks »Weltbild von imponierender Einfachheit und Geschlossenheit« zu entscheiden. Popper befürchtet, dass eine dogmatische Festlegung der wissenschaftlichen Arbeit auf eine bestimmte (reduktionistische oder antireduktionistische) Position zur Ausgrenzung von Problemen führt. Schlicks geschlossenes Weltbild, auch wenn es uns imponieren mag, könnte zu einfach sein. Popper schöpft den Verdacht, dass das physikalistische Programm – entgegen den Verlautbarungen der logischen Positivisten (wie etwa Carnap)– doch mit ontologischen Festsetzungen einhergeht, die den Spielraum beim Erfinden von Theorien zu sehr einengen. Die Welt ist letztlich einfach – das scheint die globale ontologische These der Positivisten zu sein. Entsprechend sind auch, wie |26|Schlick betont, die »Grundlagen alles Wissens ... einfach ... sie sind selbständig, selbstgenügsam da«.10 Mit seiner frühen Kritik macht Popper u.a. darauf aufmerksam, dass die Welt sowie die Grundlagen des Wissens auch komplex sein könnten.

1.3 Trilemmata

Selbst die besten Theorien, etwa die Theorien Newtons und Einsteins, sind Hypothesen, die bislang unseren kritischen Prüfungen mehr oder weniger standgehalten haben – dieser Auffassung Poppers können wir uns noch auf einem anderen Weg nähern. In einer seiner frühen Arbeiten (GE) setzt sich Popper mit den Philosophen Jakob Friedrich Fries (1773–1843) und Leonard Nelson (1882–1927) auseinander. Beide beschäftigten sich mit dem Problem der Begründung von Aussagen. Es sieht ja zunächst so aus, als sei es eine Tugend, alle Aussagen zu begründen. Wer nicht einfach ein Dogma akzeptieren will, muss sich – so scheint es – auf das Geschäft der Begründung einlassen. Dabei entsteht aber das folgende Problem: Für jede