Gottes Gegenwart - Eilert Herms - ebook

Gottes Gegenwart ebook

Eilert Herms

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Opis

[The Presence of God. Sermons] In worship Christians celebrate the origins of their faith. This constitutes also the meaning of sermon: it reflects the present of faith in the light of the experience of the origins. This is the experience of the truth of the Gospel: The present life of the people is God's presence for the people, his community creating and reconciling care for them on which they can and should rely unconditionally. The professionalism of the sermon is its exemplary character. As expression of the self-reflection of the preacher on the origins of his faith it moves the listeners towards their own self-reflection on the origins of their faith. Through it they are not only connected with each other and the preacher but also with God, origin and goal of all human life.

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Eilert Herms

Gottes Gegenwart

Predigten

Eilert Herms, Dr. theol., Jahrgang 1940, ist Professor em. für Systematische Theologie an der Universität Tübingen. Er studierte Evangelische Theologie, Philosophie und Germanistik in Berlin, Mainz, Tübingen und Göttingen. 1979 wurde er zum ordentlichen Professor für Systematische Theologie nach München berufen, 1985 wechselte er in gleicher Funktion nach Mainz, 1995 nach Tübingen. Dort war er zugleich Direktor des Instituts für Ethik und von 2000 bis 2006 Dekan der Evangelisch-theologischen Fakultät.

Bibliographische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliographie; detaillierte bibliographische Daten sind im Internet über <http://dnb.dnb.de> abrufbar.

© 2015 by Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt.

Jede Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Gedruckt auf alterungsbeständigem Papier.

Cover: Kai-Michael Gustmann, Leipzig

Satz: Evangelische Verlagsanstalt GmbH, Leipzig

1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2016

ISBN 978-3-374-04404-7

www.eva-leipzig.de

Einladung

„Schmeckt und seht, wie freundlich der Herr ist. Kommt, denn es ist alles bereit!“ In dieser Einladung zum Mahl gipfelt der Gottesdienst. Dieser Band lädt ein zum Lesen von Predigten, die in Gottesdiensten gehalten und gehört wurden, also zu einem verkürzten Vergnügen – verkürzt um das Miterleben des Gottesdienstes und seiner Liturgie. Ist eine solche Einladung sinnvoll? Die Antwort setzt eine Besinnung auf Wesen und Aufgabe des Gottesdienstes und der Predigt voraus.

Der christliche Gottesdienst ist die ursprungs- und einsetzungsgemäße Feier des Christusgeschehens, der „christliche Kultus“. Durch ihn vergegenwärtigt sich der Ursprung und tragende Grund des christlichen Lebens, der christlichen Kultur oder des christlichen Ethos. Friedrich Schleiermacher nannte dies das „christliche Gesamtleben“: das Ganze des Zusammenlebens von Christen und Nichtchristen in der gemeinsamen Welt, das sich als die unübersehbare Fülle individuell variierter Teilnahme der Christen an den gemeinsamen Grundvollzügen christlichen Lebens manifestiert und – durch diese Teilnahme inspiriert – alle Bereiche ihres Zusammenlebens mit Glaubenden und Nichtglaubenden prägend durchwaltet.

Diese Kraft besitzt der christliche Gottesdienst, weil er in seiner ursprungs- und einsetzungsgemäßen Form eben die Feier des Christusgeschehens ist und als solche „Tod und Auferstehung des Herrn“ verkündigt (1. Kor. 11,26). Er bezeugt das Ereignis des österlichen Offenbargewordenseins der Wahrheit des am Kreuz vollendeten Lebenszeugnisses Jesu, das Paulus so beschrieben hat:

„Gott, der sprach, Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, der hat es in unseren Herzen Licht werden lassen, damit aufstrahle [eis phootismon] die Erkenntnis der Majestät Gottes auf dem Antlitz Christi [sc. des Gekreuzigten: E. H.].“ (2. Kor. 4,6)

Der feiernden Verkündigung und Bezeugung dieses Geschehens ist verheißen (Mt. 18,20; 28,20), dass sich durch sie das gefeierte und verkündigte Geschehen den Gliedern der feiernden Gemeinschaft und ihrer Umwelt (Apg. 2,1–41; 2. Petr. 1,19) selbst vergegenwärtigt: das Geschehen des Offenbarwerdens der Wahrheit des am Kreuz vollendeten Lebenszeugnisses Jesu, welches besagt: Die Lebensgegenwart der Menschen ist bereits Gottes Gegenwart für die Menschen.

Das Dauern der Lebensgegenwart von Menschen als geschaffener, innerweltlich-leibhafter Personen, das die gesamte Menschheitsgeschichte – und damit auch das Leben jedes Einzelnen – trägt und umspannt, ist in sich selbst die Manifestation des Wollens und Wirkens des Schöpfers, das unirritierbar darauf gerichtet ist, sich unserem geschaffenen Personsein zu offenbaren und gewiss zu machen als weltschaffender Gemeinschafts- und Versöhnungswille, dessen einziges Ziel unsere vollkommene, versöhnte Gemeinschaft mit ihm ist, also unsere Seligkeit in seinem ewigen Leben.

Schon unsere Lebensgegenwart ist das Verwirklichtwerden dieses Zieles, also des für uns absoluten – unüberbietbar, zu höchst – Guten.1 Dieses „höchste Gut“ zieht den Glauben an, macht sich zum Gegenstand seines Strebens, orientiert und motiviert sein gesamtes Wollen und Wirken. So begründet es das christliche Leben, die christliche Kultur, das christliche Ethos. Gefeiert und verkündigt wird das Offenbar- und Gewisswerden dieses höchsten Gutes für uns Menschen durch das Christusgeschehen im Gottesdienst. Durch ihn vergegenwärtigt sich auch diese versöhnende Wahrheit über das Weltgeschehen; durch ihn wirkt sie selbst als tragender Grund des christlichen Lebens, der christlichen Kultur, des christlichen Ethos.

Unverzichtbarer, wesentlicher Teil des Gottesdienstes ist die Predigt. Und zwar ist sie derjenige ausgezeichnete Teil des Gottesdienstes, in dem dessen angedeuteter Gesamtsinn explizit zur Sprache zu bringen ist. Die dem Gottesdienst durch seinen österlichen Ursprung zugewiesene Funktion ist durch denselben Ursprung auch der Predigt zugewiesen. Als gegenwärtige Auslegung des Evangeliums jetzt-hier, also in unwiederholbarer, stets wechselnder und eben darin unverwechselbarer geschichtlicher Situiertheit, ist sie dazu bestimmt, Mittel der unverfügbar freien Selbstvergegenwärtigung der Wahrheit des Lebenszeugnisses Jesu für Ursprung und Ziel von Welt und Leben, also für das „höchste Gut“ der Menschen, zu sein. Das hat Konsequenzen für die Form der Predigt und ihren Inhalt.

1. Für die Form der Predigt gilt erstens: Sie reflektiert. Sie bringt – wie der Gottesdienst im Ganzen – durch Selbstbesinnung zu explizitem Bewusstsein und zur Sprache: das geschichtliche Heute des christlichen Lebens im Licht seines allsonntäglich gefeierten österlichen Ursprungs.

Zweitens hat die Predigt als opus, Werk, der individuellen Person, welche die ordentlich berufene, also ordinierte2 Inhaberin des Predigtamtes ist (als solche freilich nicht unbedingt zum Pfarramt ordiniert sein muss3), den Charakter eines exemplarischen Geschehens: Sie präsentiert der Gemeinde, in ihr, vor ihr und für sie, in sprachlicher Leibhaftigkeit eine individuelle Gestalt desjenigen Vollzugs von Selbstbesinnung, der auf seine Weise jedem Mitfeiernden zugemutet ist: selbst das eigene Heute des gemeinsamen Christseins zu reflektieren und zu explizitem Bewusstsein zu erheben. Die – in jedem Fall – professionelle Besonderheit der Predigt besteht darin, diese Besinnung in leibhafter Sprachlichkeit den Mitfeiernden so zu präsentieren, dass sie diese zu einem hörenden Mitvollzug einlädt, in welchem sie sich selber entdecken und ihre eigene Gegenwart als Gottes Gegenwart erfassen können.

Diesen anregend-exemplarischen Charakter gewinnt der Predigtvollzug nur, wenn er zwei Bedingungen erfüllt: Er muss seine Adressaten etwas spüren lassen vom persönlichen Ergriffensein der predigenden Person durch den Ursprung des Christseins (2. Petr. 1,17), etwas vom Eingetauchtsein ihres Heute in das Licht des Ursprungs und etwas von ihrer persönlichen Arbeit, im Licht des Ursprungs ihre eigene Lebensgegenwart als Gottes Gegenwart für sie explizit zu erfassen. Ferner muss er die Hörer spüren lassen, dass dem ins Predigtamt berufenen Individuum sein eigenes Heute als Exemplar des gemeinsamen Heute aller vor Augen steht, desjenigen Heute also, das als Gottes Gegenwart für die Menschen die Gemeinschaft der Christen und darüber hinaus aller Menschen umgreift und trägt. Es muss spürbar sein: Die individuell persönliche Gewissheit der Predigt (unter Umständen durchaus einschließlich der in ihr ausgesprochenen Gewissheit über das, was der Predigerin persönlich gewiss zweifelhaft ist) lebt im Gemeinschaftlichen, sie lebt aus dem, von dem und in dem, was alle umfasst: Gott, aus, von und in seinem Wollen und Wirken, das Welt und Leben auf vollendete und versöhnte ewige Gemeinschaft hin schafft und erhält.

Dann präsentiert sich drittens in der Predigt die Freiheit der predigenden Person für die Freiheit ihrer Adressaten. Diese Freiheit beider ist jedoch nicht Freiheit pur und simpel, sondern immer schon durch Betroffenheit gebildete Freiheit. Die Predigt ist nicht ein Sinnprodukt, das im souveränen Zugriff gestalterischer Freiheit auf das Spielmaterial der überlieferten gottesdienstlichen Formen und Texte geschaffen wird, und zwar in der Absicht, die in diesem Predigtkunstwerk manifeste autonome Freiheit des Predigers vorzuführen, aus überliefertem Material neuen Sinn produzieren zu können und solche Freiheit auch ihren Adressaten zuzuspielen. Eine Vorführung solch sinnproduzierender Freiheit für die sinnproduzierende Freiheit ihrer Zuhörer ist die Predigt nicht. Vielmehr ist sie Vollzug und Manifestation derjenigen Freiheit der predigenden Person, welche dieser selbst in geschichtlicher Bestimmtheit, nämlich in durch die Wahrheit des Evangeliums ergriffener und gebildeter Gestalt, vorgegeben und zu einem dieser ihrer Vorgegeben- und Bestimmtheit angemessenen Umgang mit sich selbst aufgegeben ist, für die Freiheit ihrer gottesdienstlichen Adressaten, die diesen ebenfalls in der gleichen geschichtlichen Bestimmtheit und Gebildetheit vorgegeben und zu angemessenem Umgang mit sich selbst aufgegeben ist. Die Predigt ist Ausdruck derjenigen Freiheit der Predigerin und des Predigers,

- die durch den leibhaften Eigensinn des ursprungs- und einsetzungsgemäßen Vollzugs des Gottesdienstes, des ihm entsprechenden Feierraumes und der zu ihm gehörenden Texte und durch den Anspruch dieses Eigensinns auf angemessenes Entschlüsselt- und Erfasstwerden betroffen ist,

- die das Betroffensein durch diese Zumutung angenommen hat,

- die daraufhin des Wahrheitsgehaltes dieser übersprachlichen „Anrede“ durch das Überlieferte gewiss geworden und

- die durch das Widerfahrnis solcher Gewissheit gebildet worden und das heißt zu verantwortlicher Interaktionsfähigkeit gelangt ist.4

Die Freiheit der Predigerin und ihrer Adressaten ist die Freiheit von Christenmenschen: Freiheit auf dem Boden des servum arbitrium. Als Ausdruck solcher gebildeten und im Weitergebildetwerden begriffenen Freiheit richtet sich die Predigt an die in gleicher Weise gebildete und im Weitergebildetwerden begriffene Freiheit ihrer Adressaten.

Um die Freiheit seiner Zuhörer braucht sich der Prediger und die Predigerin also keine Sorgen zu machen. Diese Freiheit ist immer schon da, sie kann vom Prediger weder entfacht noch zum Stillstand gebracht werden. Seit Ostern und bis auf den heutigen Tag hat diese Freiheit schon immer ihren spontanen eigenen Umgang mit der Verkündigung gepflogen und wird das bis zum Jüngsten Tage tun. Auf diese Freiheit hat die Predigt überhaupt keinen Einfluss. Die autoritätsbewussteste Predigt bringt sie nicht zum Verschwinden und die „angebots“reichste, assertionenärmste (behauptunsgärmste) schafft sie nicht. Aber ernst zu nehmen hat die Predigt, dass die Freiheit ihrer Adressaten immer schon eine durch geschichtliche Betroffenheit gebildete ist – und zwar genau eine immer schon so oder so durch Betroffenheit vom Wahrheitsgehalt des christlichen Glaubens- und Offenbarungszeugnisses gebildete Freiheit.

Von Anfang an waren die Gestalten solcher Betroffenheit durch das überlieferte Zeugnis für die Wahrheit der Christusbotschaft und die Gestalten des aus solcher Betroffenheit resultierenden Gebildetseins verschieden. Heute sind sie dies in höchstem Maße. Das Spektrum umfasst nicht nur unterschiedlichste hochachtende und zustimmende sondern auch die verschiedensten verachtenden und ablehnenden Gewissheitslagen (soweit auch letztere explizit auf die Gestalt des überlieferten Zeugnisses bezogen sind). Das heißt: Heute ist unübersehbar manifest die Differenz zwischen der einen übersprachlich-institutionellen Gestalt der gottesdienstlichen Christusfeier und der Vielfalt der aus individueller Betroffenheit durch sie und ihre Verstehenszumutung erwachsenen Gewissheitsgestalten und Bildungsgestalten von Freiheit.

Wie ist mit dieser Vielfalt angemessen umzugehen? Jedenfalls ist die Differenz zwischen dieser Perspektivenvielfalt und dem einen Realen ernst zu nehmen, auf das die vielen Perspektiven sich richten: die eine Gestalt der ursprungs- und einsetzungsgemäßen Feier des Christusgeschehens. Deren Wirkung ist die Vielfalt der durch Betroffenheit gebildeten Perspektiven. Diese Wirkung ernst zu nehmen, kann nur heißen, die eine, diese Vielfalt begründende Gestalt nicht aufzulösen in eine den differenten Perspektiven nachlaufende, durch sie begründete Vielfalt von Gestalten. Vielmehr ist es dabei zu belassen, dass das inder-Welt-Sein dieser einen Gestalt der Feier von offenbar gewordener Lebenswahrheit diese Vielfalt freigesetzt hat. Nichts anderes als das in-der-Welt-Sein dieser einen Gestalt kann also die Vielfalt auch zusammenhalten und hält sie zusammen. Es sind ja nicht einfach vermeidbare Fehler von Menschen, die die Vielfalt von unterschiedlichen Perspektiven auf die eine verkündigende Feier des Christusgeschehens erzeugt haben. Somit kann diese Vielfalt auch nicht durch eine Praxis von Menschen, die solche Fehler vermeidet, zusammengehalten werden. Beides ist vielmehr Gottes Wirken. Wer wollte das bestreiten?

Konsequenz für die Predigt: Sie hat es dabei zu belassen, opus einer Freiheit zu sein, das vollzogen wird aus Betroffenheit durch den Eigensinn der geschichtlich vorgegebenen ursprungs- und einsetzungsgemäßen verkündigenden Feier der Christusoffenbarung und in Gebundenheit an ihren Wahrheitsgehalt, wie er der predigenden Person sichtbar und gewiss geworden ist – ein opus, das die beiden genannten Bedingungen seines exemplarischen Charakters erfüllt: Es ist die aktuelle Reflexion individueller Lebensgegenwart im Horizont des Gemeinschaftlichen (der gemeinsamen Feier des gemeinsamen Ursprungs des Christseins) und überlässt es dann dem Bildner aller menschlichen Freiheit, was dieser die Adressaten der Predigt in ihrer so oder so durch Betroffenheit gebildeten Freiheit an diesem opus erleben und sich von ihm aneignen lässt.

Wer ordentlich ins Predigtamt berufen ist, ist für die professionelle Erfüllung der genannten Formbedingungen der Predigt verantwortlich, aber nicht für ihren Erfolg. Vielmehr gehört es zur Professionalität der Führung des Predigtamtes, die durch Betroffenheit gebildete Freiheit ihrer Adressaten zu respektieren und nicht etwa selbst diese Freiheit vermehren, bilden und fördern, also selbst bestimmen zu wollen, welchen Erfolg die Predigt hat.

2. Aus dieser durch Ursprung und Funktion des Gottesdienstes geprägten Form der Predigt ergibt sich ihr Inhalt. Der ist stets derselbe in immer neuer Form (semper idem semper aliter): die durch die Individualität der predigenden Person geprägte Besinnung auf Züge des allen Gliedern der feiernden Gemeinschaft gemeinsamen Heute, im Lichte der gemeinsamen Feier des ebenfalls gemeinsamen Ursprungs des Christseins und der durch dieses Geschehen offenbar gewordenen Sicht auf Herkunft und Zukunft der Welt und des Lebens aller Menschen in Gottes allumfassender Gegenwart (Apg. 17,28).

Welche Züge des gemeinsamen Heute sind zu solcher Besinnung aufzugreifen? Das ist ebenfalls der Willkür des Predigers und der Predigerin entzogen. Auch diese Wahl ist an Vorgaben gebunden, die in der Natur der Sache liegen, und zwar an wenigstens zwei.

Erste Vorgabe: Zu thematisieren sind diejenigen Züge des gemeinsamen Heute, auf die die gemeinsame Feier der Christusoffenbarung an ihrem jeweiligen Ort im Kirchenjahr von sich aus verweist. Das sind vom ersten Advent bis zum Trinitatisfest Züge der aus der Christusoffenbarung stammenden christlichen Gewissheit selbst, und zwar in ihrem jeweiligen Verhältnis zum Ganzen des im Gemeinwesen lebendigen – also auch nichtchristlichen – Bestandes an zielwahlleitender (also ethosbasierender) Gewissheit über Ursprung und Bestimmung von Welt und Leben der Menschen. In der zweiten Hälfte des Kirchenjahres ist es der in der Letztzielorientierung des Glaubens vollzogene Dienst an der Realisierung des bonum commune und proprium – und zwar unter den jeweils heute geschichtlich realen Herausforderungen.

Zweite Vorgabe: Die Predigt hat diejenigen Züge in dem der Predigerin mit ihren Adressaten gemeinsamen Heute aufzugreifen, die ihnen gemeinsam nahe sind. Erst die Reflexion und Erfassung dieser ihnen durch persönliches Erleben vertrauten Herausforderungen ihres Heute im Lichte der Christusoffenbarung ermöglicht es ihnen allen, der Predigerin ebenso wie ihren Adressaten, auch auf die ihnen durch Bericht aus der Ferne bekannten, aber gleichwohl ihr Heute im globalen Zusammenleben real mit bestimmenden Züge angemessen zu reagieren – in jeweils undelegierbarer individueller Verantwortlichkeit und mit nachhaltiger Wirkung.

Werden diese beiden Vorgaben beachtet, hat jeder Gottesdienst als ganzer jeweils sein einheitliches Thema, auf das alle Vollzüge und Texte bezogen sind und das in der Predigt explizit zur Sprache kommt. Die „Themapredigt“ ist nicht eine Sondergattung neben der „Textpredigt“, sondern jede Predigt ist Themapredigt, nämlich Predigt über das jeweilige Thema des Gottesdienstes als ganzen, wie es in all seinen Texten angesprochen wird. Es ist zu erwarten, dass der Text, über den zu predigen vorgeschlagen ist, durch die von ihm intendierte Sache (res) dieses Gesamtthema des Gottesdienstes fokussiert. Ist das nicht der Fall, muss ein anderer Text gewählt werden, der diese Anforderung erfüllt. Weil faktisch das Thema des Gottesdienstes im Ganzen auch Thema der Predigt ist, kann auch der Gottesdienst selbst und seine wesentlichen Teile selbst Thema der Predigt werden.

Soweit die Predigt den thematischen Nukleus des Gottesdienstes artikuliert, darf auch daran festgehalten werden, zum Lesen von Predigten einzuladen, die in Gottesdiensten zu hören waren. Auch als gelesene erfüllen sie ihre Aufgabe und Funktion: auf die invariante Aufgabe und Funktion des Gottesdienstes im Ganzen zu verweisen, die ihm durch seinen Ursprung gestellt ist: das christliche Leben in seinem Jetzt-hier mit seinen heutigen Herausforderungen zu erfassen – und zwar im Lichte seines Ursprungs, des österlichen Offenbarwerdens des über den Tod hinausreichenden Ziels von Welt und Leben der Menschen, um es als eigene Lebensgegenwart in Gottes Gegenwart anzunehmen und zu meistern.

Diese den vorliegenden Band eröffnende „Einladung“ ergänzt (und widerruft nicht etwa) die am Anfang des vorangegangenen Predigtbandes „In Wahrheit leben“ ausgesprochene. Was veranlasst diese Ergänzung? Antwort: Als jemandem, der zur „empirischen Wende“ der evangelischen Theologie seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts selbst etwas beigetragen hat, scheint mir dennoch manches von dem, was im Verfolgen dieser Wende zu Wesen und Aufgabe des Gottesdienstes und der Predigt gesagt, geschrieben und auch in die Praxis umgesetzt worden ist und wird, nicht sachgemäß zu sein.

Ich danke der Evangelischen Landeskirche Württembergs, die das Erscheinen dieses bandes großzügig ermöglicht hat.

Tübingen, Pfingsten 2015               Eilert Herms

Inhalt

Cover

Titel

Über den Autor

Impressum

Einladung

1. Vollkommene Freude

2. Scheidung – des Neuen vom Alten

3. Der Gott, der Wunder tut

4. Freude an Gott – konkret und praktisch

5. Salz der Erde, Licht der Welt

6. Gott hat sich gezeigt

7. Epiphanias – Anbruch des Tags aus dem Dunkel der Nacht

8. Gott – da, schon ehe wir’s wissen

9. Gericht: Gottes offenbarende und bewahrende Nähe

10. Gegenwart: Gottes Gabe und Wort

11. Abendmahl und Taufe: Lebensempfang und Lebenshingabe

12. Segen – Verheißung für das Gottesvolk und seine Glieder

13. Geist – der Unfreiheit und der Freiheit

14. Geld und Heil

15. Erlösung – welcher sind wir bedürftig?

16. Gnade von Gott – Recht von Menschen

17. Vollmächtiges Zeugnis: in Gott über Gott die Wahrheit sagen

18. Taufe – Bekenntnis zur Vorgegebenheit des Lebens und der Wahrheit

19. Gefordert: Liebe

20. Engel – Geschöpfe als Werkzeug Gottes

21. Jetzt-hier im Thronsaal Gottes

22. Das Ganze christlicher Lebenskunst: Hoffnung, Geduld, Gebet

Fußnoten

1. Vollkommene Freude5

Liebe Brautleute, liebe Hochzeitsgemeinde,

die Ehe ist ein weltlich Ding. Aber die Welt selbst – in ihrer ganzen Weite und mit allem Drum und Dran – ist ein geistliches Ding, nämlich Gottes gute, zur Versöhnung und Vollendung bestimmte Schöpfung. Darum ist auch die Ehe als ein weltlich Ding zugleich ein geistliches Ding, eine den Menschen von ihrem Schöpfer gestellte Aufgabe; eine Aufgabe, die im Vertrauen auf die großartige Verheißung, die Gott ihr mitgegeben hat, und im treuen Hören auf seine Weisung in Angriff genommen werden kann und soll.

Nun ist nach unserer christlichen Überzeugung der gute Wille Gottes mit seiner Schöpfung erst durch die Erscheinung und durch das Zeugnis unseres Herrn Jesus Christus ganz verständlich und klar geworden. Und darum ist es gut, dass es ein Wort Jesu ist, das euren gemeinsamen Lebensweg begleiten soll. Es steht im 15. Kapitel des Johannesevangeliums und lautet:

Bleibt in meiner Liebe, damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.

Dies Wort spricht punktgenau das Ereignis des heutigen Tages an – den Anfang einer christlichen Ehe. Und zwar zunächst einfach deshalb, weil es vom „Bleiben“ spricht. Denn eben darum geht es ja, wenn zwei Menschen heiraten: Sie wollen beieinander bleiben, sie bekunden öffentlich, dass es dabei bleiben soll und sie bitten darum, dass es dabei bleiben möge. Jede Eheschließung bezeugt: Es gibt kein gelingendes menschliches Leben, wenn es kein Bleiben gibt. Erfüllung finden wir Menschen nur, indem wir eine Bleibe finden. Zwar wissen wir, was der Hebräerbrief ausspricht und was wir als ergreifenden Chorsatz aus Johannes Brahms’ Deutschem Requiem kennen: „Wir haben hier keine bleibende Stadt, sondern die zukünftige suchen wir“ (Hebr. 13,14). Das ist kein negativer Satz, sondern ein positiver Ausdruck der Zukunftsoffenheit, die sicher eine der Quellen für die Bereitschaft unserer christlichen Kultur ist, sich auf Neues einzulassen, und für die Dynamik, mit der jede junge Generation im Einflussbereich des Christentums zu neuen Ufern aufbricht. Aber: Der dynamische Wandel selbst ist davon abhängig, dass es in Natur, Gesellschaft und persönlichen Beziehungen Bleibendes gibt. Innovatives Handeln ist nur möglich, wenn die Sterne nicht vom Himmel fallen, wenn das Recht Recht bleibt, wenn es dauerhafte, tragfähige und belastbare, persönliche Beziehungen in Familie und Freundschaft gibt. Und Innovation unterscheidet sich von blinder Betriebsamkeit nur dann, wenn sie solide Resultate hat. Deren Dauerhaftigkeit ist zwar immer nur eine relative, aber dennoch auch stets schon Gleichnis und Hinweis auf das, was in Wahrheit unvergänglich ist. Das gilt in vorderster Linie vom Bleiben in der Ehe.

Und dieses Bleiben soll sein: ein Bleiben in der Liebe. Das ist nun endlich das Stichwort, auf das alle warten; und wir befänden uns hier sicher in einer zutiefst frustrierenden Veranstaltung, wenn diesem Stichwort in ihr nicht auch gebührender Raum gegeben würde. Und das völlig zu Recht. Denn wozu leben Menschen, wenn nicht um die Liebe zu erfahren und zu genießen! Aber ein Versuch, dies in Worten weiter auszumalen, müsste scheitern, weil Liebe, nach der wir uns als Lebenserfüllung sehnen, mehr ist als hier in Worten erreicht und ausgeschöpft werden kann; und es ist außerdem auch überflüssig, weil die Liebe, nach der wir uns als Lebenserfüllung sehnen, jedem einzelnen von uns aufgrund seiner eigenen Erfahrung innerlich mit einer Genauigkeit gegenwärtig ist, die von keiner Beschreibung erreicht oder übertroffen wird. Und nicht nur genau sind unsere Vorstellungen von der Liebe, sondern auch lebendig und kräftig. Sie bewegen uns. Sie entrücken und zerstreuen jeden von uns in glückliche oder wehmütige Lagen seines Lebens, sobald wir ihnen nur ein wenig nachhängen.

Und mit dieser Entrückung und Zerstreuung unserer Herzen durch das Stichwort „Liebe“ konkurriert das Wort des Johannesevangeliums keineswegs. Im Gegenteil, es bejaht sie und fördert sie. Und dies durch einen kleinen Wink, der sie vor Enge schützt und in der ganzen Weite des Erinnerns und Erwartens von „Liebe“ erhält. Dieser Wink besteht darin, dass das Evangelium uns und euch nicht zuruft: „Bleibt in eurer Liebe!“, sondern: „Bleibt in meiner Liebe!“

Was das heißt, wird durch den vorangehenden Satz ganz klar. Jesus sagt seinen Jüngern zum Abschied „Wie mich der Vater geliebt hat, so habe auch ich euch geliebt. Bleibt in meiner Liebe!“ Uns allen und heute besonders euch, liebes Brautpaar, ruft Jesus also nicht zu: Liebt euch, liebt euch, liebt euch! Um des ewigen Heiles willen: Liebt euch! Nein, er spricht nicht von Liebe, die von euch und uns gefordert ist, sondern er spricht von Liebe, die wir schon empfangen haben. Menschen können sich überhaupt nur lieben, und Eheleute können sich nur zu einem gemeinsamen Weg in wechselseitiger Liebe verbinden und versprechen, weil sie schon vorher, also in der Tat schon vor der Ehe, geliebt sind.

Und zwar zunächst von Menschen, von vielen verschiedenen Menschen und auf mannigfache und unterschiedliche Weise: von Menschen, die in Schule, Studium und Berufsausbildung Freunde geworden sind; dann von den vielen Menschen, die zu einer verzweigten Verwandtschaft gehören: Großeltern, Tanten und Onkeln, Vettern und Cousinen; und im engsten Kreis von Geschwistern – ja auf jeden Fall auch von diesen, wenn auch oft auf etwas komplizierte und vertrackte Weise – und last but not least von ihren Eltern.

Allerdings tritt gerade an diesem Beispiel auch die Begrenztheit aller Liebe, die wir von Menschen erfahren, an den Tag: Gewiss ist alle Liebe von Eltern zu ihren Kindern ehrlich darauf aus, die Kinder in ihrer Eigenart anzuerkennen, sie so zu nehmen, wie sie sind. Aber können Eltern in ihrer menschlichen Beschränktheit anders, als schließlich doch ihre Ängste und Hoffnungen, ihre Vorlieben und Erwartungen an das geliebte Jungvolk heranzutragen und ihnen mehr oder weniger sanft, deutlich oder heimlich zuzumuten, eben diesen an sie herangetragenen Erwartungen zu entsprechen – bei Strafe eines mehr oder weniger drastischen Liebesentzugs? Und so steht es mit aller Liebe, die wir von Menschen erfahren: Als menschliche Liebe ist sie stets eine begrenzte Liebe, verbunden mit menschlichen Erwartungen und folglich in sich selbst auch enttäuschbar. Diese Liebe gibt uns nicht ganz frei, und sie befähigt uns daher auch nicht, andere ganz zu lieben.

Mit dieser vollkommenen und unbegrenzten Liebe werden wir nicht von anderen Geschöpfen geliebt, sondern nur vom Schöpfer selbst. Daran erinnert uns das Evangelium: Seit Adam und Eva haben Menschen von anderen Menschen Liebe erfahren und sind dadurch mehr oder weniger frei geworden, andere Menschen zu lieben. Aber erst, indem Menschen die Liebe Jesu erfahren haben, haben sie in der Geschichte selbst erfahren, wie, von welcher Art, von welcher Vollkommenheit diese Liebe des Schöpfers zu seinen Geschöpfen ist, die absolute Vorbehaltlosigkeit dieser Liebe, ihre absolute Enttäuschungsfestigkeit. Und erst durch die Erfahrung dieser Liebe sind sie auch selbst ganz frei geworden, andere zunehmend enttäuschungsfrei zu lieben. Enttäuschungsfeste und darum befreiende Liebe – die gibt es nur da, wo wir die großartige Einladung Jesu nicht vergessen und annehmen: „Bleibt in meiner Liebe!“ Dann wird sich der Rest von selbst finden.

Worin besteht dieser Rest? Offenbar ist eine richtige Antwort hierauf schon in dem vorhin verlesenen Matthäustext enthalten: Wenn ihr in meiner Liebe bleibt, dann könnt ihr andere Menschen so vollkommen lieben, wie der Schöpfer seine Geschöpfe liebt, indem er seine Sonne aufgehen lässt über Gerechte und Ungerechte. Bleibt in meiner Liebe, dann seid auch ihr fähig und frei, einander so zu lieben. Das ist völlig richtig. Aber die großartige Pointe des Johanneswortes ist, dass es einen Schritt weitergeht: „Bleibt in meiner Liebe! Damit meine Freude in euch sei und eure Freude vollkommen werde.“

Das heißt nichts anderes als: Wer die Zumutung bzw. Einladung annimmt, Fuß zu fassen in der in Jesu Person und Leben erfahrbar gewordenen Liebe Gottes, der wird nicht leer ausgehen. Denn der fasst damit Fuß in der Einstellung Gottes des Schöpfers zur Welt, in seiner bedingungslosen Liebe zur Schöpfung. In dieser aber gründet auch Gottes vollkommene Freude an seiner Schöpfung. Wer der Einladung Jesu folgt, in Gottes Liebe zur Welt Fuß fasst und in ihr bleibt, in dem greift sie dann auch Platz und in dem bleibt die Freude des Schöpfers über seine Schöpfung.

Mit dem Stichwort „Freude“ ist es nun wie mit dem Stichwort „Liebe“. Wir kennen das damit Gemeinte schon alle aus eigener Erfahrung: Freude setzt Liebe voraus. Wer sich freut, freut sich darüber, dass etwas, jemand, ein Ereignis, eine Situation, die ihn anzieht und die er daher liebt, nun wirklich real da, wirklich eingetreten und gegenwärtig ist. In der Freude schmecken wir die Gegenwart dessen, was wir lieben, nach dem wir uns nun nicht mehr sehnen müssen, sondern das so da ist, dass wir uns ihm ganz hingeben, es genießen können. Liebe und Freude gehören zusammen. Unsere Fähigkeit, zu lieben und uns zu freuen, wachsen und schrumpfen im Gleichschritt. Wer nicht erfahren hat, geliebt zu sein, kann nicht lieben, wer nicht erfahren hat, dass man sich über ihn freut, der kann sich über nichts freuen. Wer nur die stets begrenzte Liebe von Menschen erfahren hat, der kann nur begrenzt lieben und sich daher auch nur begrenzt freuen: Wer jedoch unter dem Eindruck Jesu die vollkommene Liebe des Schöpfers erfahren hat, der kann auch über diese Grenzen seiner eigenen Enttäuschbarkeit hinaus lieben, und das heißt: der kann sich grenzenlos freuen.

Wie sieht das aus – grenzenlose Freude? Erlaubt mir, dass ich nun zum Schluss doch noch etwas sentimental werde. Denn was grenzenlose Freude ist, lässt sich sicher an vielen Lebensbereichen zeigen, aber ich will es hier heute einmal am Weihnachtsfest verdeutlichen:

Da gibt es zunächst die Freude der Kinder. Die kann umwerfend sein. Mich selbst hat einmal als Kind eine solche Freude fast umgehauen: In der Weihnachtszeit war das Spazierengehen in der Stadt ein Fest. Die Schaufenster waren voll von den schönsten Geschenken, die ich endlos bestaunen konnte, obwohl klar war, dass fast alles jenseits der Möglichkeiten unseres „Weihnachtsmannes“ lag. Das galt besonders für die elektrische Eisenbahn von Märklin, Spur H 0. Eines schönen Weihnachtsfestes bekam wenigstens ein naher Freund eine. Das war schon ein Fortschritt. Jetzt konnte man wenigstens gelegentlich selbst mit einem solchen Wunderwerk spielen. Und eines noch schöneren Weihnachtstages – ich traute meinen Augen nicht – lag sie unter dem Weihnachtsbaum, tatsächlich, für mich: Märklin, Spur HO. Mir blieb fast die Luft weg vor Freude. So können sich Kinder an Weihnachten freuen.

Dann ist da die Freude der Eltern über die Kinder und deren Freude. Alle Anstrengungen der Festvorbereitungen sind vergessen, wenn Mutter und Vater sehen, wie sich die Kinder über das Fest und über die Gaben freuen. Es ist die Freude darüber, die Eltern von Kindern zu sein, die sich so freuen können und darin zeigen, wie toll sie das Leben finden und wie sehr sie es lieben.

Schließlich aber, eines Tages, sind die Kinder weg, aus dem Haus. Was bietet das Weihnachtsfest dann noch zum freuen? Nichts als die Wahrheit der Weihnachtsbotschaft, in der Bibel und in den herrlichen Weihnachtsliedern, die von „der großen Freude“ spricht, die „allem Volke“, allen Menschen widerfahren soll, nämlich von der Freude darüber, dass Gott selbst unser Fleisch und Blut angenommen, sich ganz mit uns identifiziert hat, und davon, dass diese große Freude erst der Anfang der grenzenlosen Freude ist, die in der völligen Gemeinschaft mit Gott im ewigen Leben auf uns wartet, und von der die letzte Strophe des Liedes „Nun singet und seid froh“ so herrlich singt, wo es heißt:

Wo ist der Freudenort? / Nirgendwo denn dort, / wo die Engel singen mit den Heilgen all / und die Psalmen klingen im hohen Himmelssaal. / Eia, wärn wir da / eia, wärn wir da.

Liebes Brautpaar, Ihr habt Euch als Kinder zu Weihnachten gefreut. Von der Braut weiß ich es dank eigenen Dabeigewesenseins, vom Bräutigam kraft pastoraler Tiefeneinsicht. Diese Weihnachtsfreude habt ihr nun hinter euch. Jetzt seid ihr ein Ehepaar, dem verheißen ist, dass es sich als Elternpaar über die Freude seiner Kinder freuen soll, und – dass es schließlich auch dieses Stadium der Elternfreude über die Kinder überwindet und zu der vollkommen Freude hingelangt, die uns schon auf Erden erreichbar ist, nämlich zur Freude über die Wahrheit der Botschaft von derjenigen grenzenlosen Freude, die in unserer wahren Heimat – bei Gott im ewigen Leben – auf uns wartet. Viele Ehepaare vor euch haben das durchgemacht und erfahren. Nun seid ihr dran. Macht euch auf den Weg. Und dabei: Gott befohlen!

Amen.

Fußnoten

Einladung

1

Eindrückliche Hinweise darauf, dass unser jetziges Leben bereits der Anfang (das „initium“) unseres ewigen Lebens in der Teilhabe an Gottes eigener Seligkeit ist, finden sich bei Luther: WA 10 I/​1, 503,19ff.; 207,23–209,9; 18, 785, 19.

2

Hierzu vgl. „Ordnungsgemäß berufen“. Eine Empfehlung der Bischofskonferenz der VELKD zur Berufung zu Wortverkündigung und Sakramentsverwaltung nach evangelischem Verständnis, in: Texte aus der VELKD 136/​2006.

3

Hierzu vgl. Eilert Herms, Das Amt der Kirche und die ordnungsgemäße Berufung zur Wahrnehmung des Amtes der Kirche im Auftrag und Namen der Kirche, in: Ders., Kirche – Geschöpf und Werkzeug des Evangeliums, Tübingen 2010, 194–206.

4

Dazu vgl. den aus der Arbeit der Kammer für Theologie der EKD stammenden Text: Hans-Chrisstian Knuth (Hg.), Von der Freiheit. Besinnung auf einen Grundbegriff des Christentums, Hannover 2001.

1. Vollkommene Freude

5

Traugottesdienst am 18. Oktober 2003, Dorfkirche Bödigheim, Joh. 15,9b.11.