Glory - Lauren St John - ebook

Glory ebook

Lauren St John

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Opis

Eine extreme Herausforderung an Mut und Reitkunst führt zwei zusammen, die sich sonst nie begegnet wären: Alexandra aus England und Will aus Tennessee. Für beide hängt alles davon ab, das »Glory«, diesen 1200-Meilen-Marathonritt von Colorada nach Idaho, zu gewinnen. Aber es fällt ihnen immer schwerer, sich als Rivalen zu fühlen … Für die sechzehnjährige Alex, die von ihren Eltern als Erziehungsmaßnahme in ein Bootcamp am Rande der Rocky Mountains geschickt wird, gibt es nur einen Gedanken: Flucht – mit einem Pferd. Aber wie weiter? Zufällig hat ein junger Unternehmer das längste Distanzreiten aller Zeiten organisiert. Und das beginnt in Boulder | Colorado. Warum nicht das ganz große Risiko wagen? Den siebzehnjährigen Will dagegen hat die Aussicht auf das hohe Preisgeld angelockt, mit dem er die Operation seines Vaters bezahlen könnte. Und dann beginnt für diese zwei jüngsten Teilnehmer der enorm gefährliche, strapaziöse und doch so wunderbare Ritt durch atemberaubende Landschaften – gegen 297 Konkurrenten und gegeneinander.

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Lauren St John

GLORY

Das längste Pferderennen der Welt

Aus dem Englischen

von Eva Riekert

Verlag Freies Geistesleben

Im Andenken an Chiara Sanfilippo, die Pferde liebte und von dem Buch One Dollar Horse begeistert war.

Ich wurde in der Prärie geboren, wo der Wind freies Spiel hatte und das Licht der Sonne durch nichts verstellt wurde. Ich wurde geboren, wo es keine Gatter gab und jeder und alles frei atmen konnte. Dort möchte ich sterben, nicht hinter Mauern.

Ten Bears, Komantschenhäuptling

Prolog

Jonas B. Ellington war mit der schlimmsten Charaktereigenschaft geschlagen, die einen Geschäftsmann treffen kann: Er war ein Romantiker. Er hatte nur ein Semester Betriebswirtschaft in Harvard durchgehalten, wo ihm der einzige Dozent, der ihn nicht am liebsten erwürgt hätte, nahegelegt hatte, einen alternativen Berufsweg einzuschlagen − Malerei oder Schriftstellerei oder ersatzweise Landschaftsgärtnerei.

Doch Jonas hatte nichts dergleichen gemacht. Stattdessen hatte er die eintausend Dollar, die ihm sein Vater, ebenfalls ein Romantiker, vererbt hatte, investiert und einen preisgünstigen, umweltfreundlichen Fußbodenreiniger erfunden, den er bei sich in der Küche zusammengemixt hatte. Sein Argument war gewesen, dass die Menschen selbst in härtesten Zeiten den Boden aufwischen müssten und dass sie das Produkt am ehesten kaufen würden, wenn es billig wäre. Genauso wichtig war ihm Umweltfreundlichkeit. Jonas verbrachte jede freie Minute in der Natur, und alle, die nicht das ersehnte Lebensziel mit ihm teilten, den Planeten für zukünftige Generationen zu retten, waren ihm ein Rätsel.

Wie sich herausstellte, waren Millionen von Menschen seiner Meinung, wenn auch nicht im Hinblick auf Bäume und Tiere, so doch auf billigen Bodenreiniger. Da er keine Ehefrau hatte, die protestieren konnte, verwandelte Jonas seine Küche in eine provisorische Fabrik. Von dort war sein Green Power-Putzmittel-Unternehmen in ein stillgelegtes mexikanisches Restaurant umgezogen und inzwischen in einem riesigen Kornspeicher in Dinosaur in Colorado gelandet.

Jonas’ Geschäftssinn hatte sich nie weiterentwickelt, aber der Siebenundvierzigjährige hatte ein unfehlbares Händchen fürs Geldverdienen. Obwohl er für wohltätige Zwecke ein kleines Vermögen gespendet hatte, war er immer noch unzufrieden. Als er an einem Freitagnachmittag in seinem Büro saß, dachte er wehmütig an seinen Großvater, der seine Kindheit mit spannenden Geschichten aus dem Wilden Westen bereichert hatte. Sie hatten die Leidenschaft für wilde Mustangs geteilt.

Sein Großvater liebte es, Frank T. Hopkins zu zitieren, einen Reiter aus dem neunzehnten Jahrhundert, den viele für den größten Langstreckenreiter aller Zeiten hielten. «In der gesamten Pferderasse geht nichts über die Intelligenz von Mustangs. Diese Tiere waren über Generationen auf sich selbst gestellt. Sie mussten ihr Schicksal meistern oder umkommen. Die Tiere, die überlebten, waren von außergewöhnlicher Intelligenz.»

An Jonas’ Bürowand hing ein Ölgemälde, das Hopkins als Teilnehmer am sogenannten Längsten Rennen zeigte. Hopkins hatte behauptet, dass er im Jahre 1886 seinen Mustanghengst Joe von Galveston in Texas bis Rutland in Vermont geritten habe − eine Strecke von 1800 Meilen −, und zwar in nur 31 Tagen, 13 weniger als der zweitplatzierte Reiter.

Jonas kippte seinen Stuhl zurück und betrachtete das Bild. Darüber, ob Hopkins ein Hochstapler und Schwindler gewesen war, gingen die Meinungen auseinander. Es gab diejenigen, die überzeugt waren, dass er wohl kaum vierhundert Distanzrennen gewonnen hatte, ebenso wenig, wie er auf dem Mond gewesen war. So oder so, das kümmerte Jonas nicht. Ob aus dem Bereich der Mythen oder nicht, ihm gefiel die Vorstellung, dass Hopkins seinen Verstand und die Stärke und den feurigen Willen seines Mustangs gegen die Elemente gestemmt hatte.

Es klopfte an der Tür. Herein trat Wayne Turnbull, sein neuer Angestellter, ein dünner Mann mit beunruhigend ausgeprägter Stirnglatze.

«Spärlich bekleidete Berühmtheiten», murmelte Jonas vor sich hin.

Der Angestellte zuckte zusammen. «Sir?»

Jonas ließ seinen Stuhl mit einem Krachen nach vorne fallen. «Entschuldigung − Wayne, so heißt du doch? −, ich habe nur laut nachgedacht. Nicht über unbekleidete Popstars und Schauspielerinnen, muss ich schnell hinzufügen, sondern darüber, dass die Gesellschaft so besessen ist von untalentierten Möchtegern-Stars, die nur berühmt sind, weil sie in die Schlagzeilen gekommen sind. Manchmal wünsche ich mir die schlimmen alten Zeiten zurück − du weißt schon, den Wilden Westen. Ich meine nicht Revolverhelden und Überfälle, sondern den Geist des Wilden Westens.»

Der Angestellte horchte auf. Turnbull hatte selbst Gründe, sich immer mal wieder nach den Zeiten zu sehnen, als das Gesetz noch ein korrupter Sheriff mit Blechstern gewesen war. Er betrachtete seinen Boss mit wachsendem Interesse.

Jonas machte ein verträumtes Gesicht. Er deutete auf das Gemälde. «Nimm mal Frank Hopkins. Im neunzehnten Jahrhundert behauptete er, ein Pferd über 1800 Meilen quer durch die Vereinigten Staaten geritten zu haben − mit einem Tagesdurchschnitt von 57 Meilen. Keine historischen Quellen, daher ist es wahrscheinlich Unsinn, doch darum geht es nicht. Distanzreiten ist heutzutage ungeheuer beliebt, aber abgesehen von dem Shahzada, dem 250-Meilen-Ritt in Australien, liegt bei den meisten Rennen die längste Strecke bei rund 100 Meilen. Immer noch eine harte Herausforderung. Die Teilnehmer werden bis an ihre Grenzen gebracht. Trotzdem, mit den Anforderungen, denen die Reiter im Wilden Westen ausgesetzt waren, nicht zu vergleichen.»

Turnbull hasste Pferde. Seiner Erfahrung nach biss das eine Ende zu, das andere schlug aus und produzierte Mist, und der Mittelteil war sowohl gefährlich als auch unbequem. Dennoch, es konnte nicht schaden, den Spinnereien vom Boss nachzugeben. Man konnte doch nicht wissen, wann das mal zu einer Gehaltserhöhung führte.

«Wäre nicht schlecht, wenn jemand das Hopkins-Rennen wieder aufleben lassen würde, Sir. Auf der alten Strecke oder so.»

Er verstummte. Ein Diamantenfeuer flackerte in Jonas’ Augen auf. Als er zu sprechen begann, bebte seine Stimme regelrecht.

«Wayne, du bist ein Genie. Ein totales Genie. Wir lassen das Rennen wieder aufleben. Nicht ganz so wie im Original. Das wäre nicht romantisch genug. Galveston und Alabama haben zwar ihre Reize, aber es sind große Ballungsräume. Für unser Rennen entwickeln wir eine Route, die durch das Herz des Wilden Westen führt − von Colorado nach Oregon durch Wyoming und Idaho.»

Jonas befragte kurz seinen Laptop. «1200 Meilen. Das klingt doch nach einem anständigen Rennen. Was meinst du, Wayne? Green Power könnte als Sponsor auftreten. Wir bieten einen Anreiz, der der Herausforderung gerecht wird. Eine goldene Schnalle, auf der Hopkins auf einem Mustang als Emblem abgebildet ist, plus 100.000Dollar. Nein, besser 250.000. Und zwar alles für den Sieger.»

Turnbull lief das Wasser im Mund zusammen. Eine glatte Viertelmillion für ein Pferderennen. Der Boss war eindeutig übergeschnappt.

«Ich würde einen Cheforganisator benötigen, Wayne. Eine rechte Hand. Hast du zufällig Erfahrung mit der Organisation von Events?»

Turnbull nahm sich kurz Zeit, um zu überlegen. Immerhin hatte er den schiefgegangenen Überfall auf den Juwelierladen durchgeplant, der ihm einen längeren Aufenthalt im Staatsgefängnis von Colorado eingebracht hatte. Aber nicht seine mangelhafte Federführung war daran schuld gewesen. Es hatte an der unerwarteten Blödheit des Fluchtfahrers gelegen, der den Autoschlüssel in einen Gully hatte fallen lassen, als sie abzuhauen versuchten. Wenn das nicht gewesen wäre, hätte sein sorgfältig ausgearbeiteter Plan dazu geführt, dass er jetzt an einem Strand sitzen und Cocktails schlürfen würde.

«Um genau zu sein …»

«Du bist angeheuert, Wayne. Ehe das Jahr um ist, stellen wir das Rennen auf die Beine. Wir haben jetzt Mai. Wir könnten den Oktober anpeilen, den Scheitelpunkt zwischen Herbst und Winter. Dann spielt das Wetter auch eine Rolle.»

«Gute Idee, Sir. Nichts geht über Hochwasser, Schnee und Stürme, um die Spreu vom Weizen beziehungsweise die Männer von den Grünschnäbeln zu trennen.»

«Und die Frauen von den Mädchen, Wayne. Wir leben im einundzwanzigsten Jahrhundert und es geht darum, den Besten oder die Beste zu finden. Es gibt genauso viele begabte Reiterinnen wie Reiter. Wahrscheinlich sogar mehr. Ich will außerdem, dass sich auch Teenager angesprochen fühlen − die Art von Jugendlichen, die dazu beigetragen haben, unser Land zu formen. Zu vielen unserer Teenager fehlt es heutzutage an Zielen. Sie haben nur ihre Handys und das Internet im Kopf. Die Natur kennen sie höchstens von ihrem Bildschirmschoner. Sie müssen mal richtig wachgerüttelt werden. Bei unserem Rennen hat jeder Jugendliche über sechzehn die Chance, sich hervorzutun.»

Sein blasses Gesicht glühte. «Wie sollen wir es nennen? Ein großes Rennen braucht einen großen Namen.»

«Der Green Power-Langstreckenritt?», schlug Turnbull vor. Sprache war nun mal einfach nicht sein Ding.

Jonas’ Blick fiel auf die winzige Flagge der Vereinigten Staaten, die aus einem Becher auf seinem Schreibtisch ragte. ‹Old Glory›, wie sie genannt wurde, ‹die Ruhmreiche›. «Weswegen nehmen die Menschen an Rennen teil, Wayne?»

«Geld», war Turnbulls prompte Antwort.

Jonas runzelte die Stirn. «Nein, Wayne. Pferde, Menschen und sogar Huskys machen es um des Ruhmes willen. Sie möchten die Ziellinie überqueren in dem Bewusstsein, dass sie mit jeder Faser gekämpft haben und die Besten der Besten sind.»

«Das Ruhmreiche – das Glory. Klingt nicht schlecht, Sir.»

Der verträumte Ausdruck erschien wieder auf Jonas’ Gesicht. «Dann also das Glory.»

1

Reitstall Dovecote, Surrey, England

An einem stürmischen Septembernachmittag, der so leuchtend wie eine frisch geprägte Münze war, galoppierte eine junge Reiterin im Teenageralter auf ein Hindernis zu. Alexandra Blakewood bewegte ihr achtes Pferd an diesem Tag, dennoch verriet kein Anzeichen ihres Körpers, dass sie auch nur im Geringsten erschöpft war. Sie hob sich leicht im Sattel, während der dunkelbraune Vollblüter mit viel Luft zwischen Huf und Hindernis den Sprung nahm und auf das nächste Hindernis zu galoppierte.

Das war sonst der Zeitpunkt, an dem alle außer Clare, der Besitzerin und Cheftrainerin des Reitstalls, die Kontrolle über ihn verloren. Alex hingegen konnte das Pferd mit einer Reihe von halben Paraden im Tempo zurücknehmen, damit es den Oxer sprang, sie wiederholte diesen Vorgang bei den beiden nächsten Hindernissen, obwohl das Pferd versuchte, zwischen ihnen hindurchzuschießen, und konnte den Parcours mit nur einer abgeworfenen Stange beenden. Sie parierte es durch zum Schritt und tätschelte und lobte es. Dabei hatte sie ein so breites Grinsen aufgesetzt, dass jeder hätte meinen können, sie hätte gerade bei der Olympiade gewonnen.

Sie reitet wie ein Engel, gestand sich Clare widerwillig ein, die sehr wohl wusste, dass Alex in jeder weiteren Beziehung alles andere als ein solcher war. Im Reitstall Dovecote war Alex eine Musterschülerin, begierig darauf (fast verzweifelt begierig, dachte Clare bisweilen) zu lernen. Immer fleißig und die einzige Fünfzehnjährige, die sie kannte, die auch nur im Entferntesten talentiert oder einsatzbereit genug war, um jeden Sonntag freiwillig mit sieben oder acht Pferden zu arbeiten, ob es nun regnete oder die Sonne schien. Sie drückte sich auch nicht vor schwierigen Pferden. Im Gegenteil, zu ihnen fühlte sie sich am meisten hingezogen.

Doch Alex hatte die Neigung, zu waghalsig zu reiten und zu große Risiken einzugehen. Wenn man sie ermahnte, wurde sie bockig. Aber sie achtete darauf, niemals ausfallend zu werden. Denn sie wusste, dass Clare nach dem Null-Toleranz-Grundsatz verfuhr, was Unverschämtheiten oder patzige Antworten anging. Die kurzen Auseinandersetzungen zwischen Alex und ihrer Mutter, die Clare mitbekommen hatte, sagten ihr, dass sich Alex zu Hause wohl nicht so zusammenriss. Im Gegenteil. Clare hatte das Gefühl, dass sich im Pritchard/​Blakewood-Haushalt Ärger anstaute, der sich eines Tages mit Orkanstärke entladen würde.

«Ich verstehe gar nicht, warum sich MrsPriestly über ihn aufregt», sagte Alex, als sie aufs Gatter zugeritten kam. «Er springt doch traumhaft. Sie sollte vielleicht lieber einen alten Gaul reiten. Ich persönlich mag Pferde mit ein bisschen Feuer.»

Clare versteckte ihr Lächeln hinter einem Stirnrunzeln. «Es besteht ein Unterschied zwischen einem feurigen Pferd, das gerne springt, und einem, das für sich und seine Reiter zum Risiko wird. Außerdem wird er im Springen nie besser, wenn du nicht mehr Seitwärtsgänge mit ihm übst. Die entscheidenden Muskeln sind bei ihm nicht genügend ausgebildet. Was deinen Sitz bei dem letzten Sprung angeht …»

«Schon, aber …»

Alex kam nicht weiter. Der Jaguar ihres Stiefvaters, Farbe Wintergold, kam auf den Parkplatz gebraust und blieb mit quietschenden Reifen auf dem Kies stehen. Ihr Stiefvater stürzte aus dem Fahrzeug, gefolgt von ihrer Mutter.

«Ich glaube, sie suchen nach dir», begann Clare, aber Alex hörte sie nicht mehr. Sie galoppierte in die entgegengesetzte Richtung davon und näherte sich dem ersten Hindernis mit gefährlicher Geschwindigkeit.

Der Orkan, den Clare vorausgeahnt hatte, brach also gerade los.

«Was fehlt dir bei uns, Alex?», fragte ihr Stiefvater. «Sag es mir. Ich würde es nämlich gerne wissen. In diesem Jahr haben wir dir schon ein zweites iPhone gekauft, nachdem du das erste in die Badewanne hast fallen lassen, ganz zu schweigen von dem neuen Laptop und einem ganzen Schrank voller Reitklamotten. Außerdem waren wir auf Urlaub in Devon und in der Toskana und haben fürchterlich viel Schulgeld für dich ausgegeben.»

Trotz wiederholter Ermahnungen, so etwas sein zu lassen, hatte Alex die Füße auf den Sessel gezogen. Sie presste das Gesicht an die Knie, um ein Gähnen zu unterdrücken. Ihr karamellfarbenes Haar, lang und zerzaust, war noch feucht von ihrem Reithelm. Auseinandersetzungen mit ihren Eltern liefen immer nach demselben Muster ab. Ihre zunächst eindeutig aufgebrachten Eltern bemühten sich immer, vernünftig zu klingen. Warum sie getan habe, was auch immer es gerade war, wollten sie jedes Mal wissen.

Die Lehrer an ihrer letzten Schule waren bemerkenswert tolerant gewesen. Alex hatte immer wieder geschwänzt und ihre Klausurbögen mit Pferden vollgezeichnet − ohne größere Folgen. Vonseiten der Schule zumindest. Mit ihren Eltern war es ganz anders. Alex war ja bereit einzusehen, dass es im Hinblick auf Schulnoten nicht unbedingt der geeignete Weg war, Vielseitigkeitspferde auf Testbögen zu malen, aber sie fand, dass ihre Mutter über ihr Schwänzen hinwegsehen und auf der anderen Seite hätte anerkennen können, dass Alex weder heimlich rauchte noch sich mit Jungen traf oder Schlimmeres; sie hatte sich schließlich nur mit einem Buch in eine Abstellkammer verkrochen. Stattdessen hatte ihre Mutter überall im Haus Broschüren über die katastrophalen Auswirkungen von Drogenkonsum herumliegen lassen.

In Alex’ jetziger Schule hatte man keinen Sinn für Humor. Die Schulleiterin war nach ihrer letzten Eskapade ausgerastet. Alex selbst hatte ihren Trick ziemlich genial gefunden. Als an der Schule eine neue Sportlehrerin anfing, hatte sich Alex überlegt, dass diese nie merken würde, dass sie fehlte, wenn sie von Anfang an nicht erschien. Da sie Musik und den Theaterkurs sowieso schon schwänzte, bedeutete das, dass sie an mehreren Tagen eine oder ein paar Stunden mit zwei Pferden auf einer Koppel zubringen konnte. Sie hatte mitbekommen, wie Clare jemandem erzählt hatte, dass diese Pferde einem Banker-Ehepaar gehörten, das lange arbeitete und selten Zeit hatte, die Tiere zu bewegen.

Zunächst hatte sie sich nur unter einen Baum gesetzt oder, wenn es regnete, in einen Stall, und hatte gelesen, aber im Lauf des Schuljahrs war sie dazu übergegangen, diverse Techniken im Pferdeflüstern an ihnen auszuprobieren und sie ohne Sattel zu reiten. Das hatte wunderbar geklappt bis zum vorigen Freitag, als die Besitzerin der Pferde unerwartet aufgetaucht war. Alex hatte ihr entwischen können, aber ihre Schuluniform hatte sie verraten. Die Schulleitung hatte nicht lange gebraucht, um die Missetäterin ausfindig zu machen. Das Resultat war der jetzige Krach.

«Ich weiß, dass ihr mich liebt», sagte Alex gelangweilt. «Und ich weiß, dass ich alles habe, was ich mir je wünschen könnte − abgesehen von dem, was ich mir am meisten wünsche, ein Pferd −, und natürlich seid ihr die besten Eltern der Welt, bla-bla-bla.»

«Nun werde nicht unverschämt», sagte ihr Stiefvater. «Was soll das, mich gegen dich aufzubringen und deine Mutter zu verletzen?»

Wie immer hatte Alex das Gefühl, sich selbst aus der Ferne zu beobachten, als würde sie in ein Goldfischaquarium starren. Was sie sah, war ein schlankes Mädchen in schwarzer Reithose und einem weiten grauen V-Ausschnitt-Pullover, das in Abwehrhaltung in einem Zimmer saß, das direkt aus Country Living stammen konnte: vollgestopft mit weißen Möbeln, riesigen Blumenarrangements in Vasen und kunstvoll verteilten Läufern und Gemälden. Alles war so sauber, dass sich die Putzfrau, die einmal pro Woche kam, vier Stunden lang ausdenken musste, was sie machen könnte.

Natalie, ihre Mutter, und Jeremy, seit zwei Jahren ihr Stiefvater, saßen starr vor Erbitterung auf dem Sofa. Jeremy, der eine Größe in der Versicherungsbranche war, hatte seine Version von lässigen Wochenendklamotten an − gebügelte Jeans, Nadelstreifenhemd und hochglanzpolierte schwarze Schuhe.

«Tut mir leid», sagte Alex. «Was wollt ihr noch hören? Ich habe mich doch schon tausend Mal entschuldigt. Woher sollte ich wissen, dass sich die Besitzerin des Pferdes den Knöchel verstauchen würde, als sie hinter mir her lief? Es tut mir leid, dass sie sich verletzt hat, aber das konnte ich nun wirklich nicht vorhersehen.»

«Das nicht, aber du hättest von Anfang an nicht in ihr Grundstück eindringen und ihr Pferd reiten dürfen», sagte Jeremy. «Du hättest dich auf die Schule konzentrieren sollen wie alle anderen. Wenn ich ihren Mann nicht aus dem Golfclub kennen würde, hätten wir jetzt womöglich eine Klage am Hals.»

Ihre Mutter sah sie verzweifelt an. «Warum tust du so was, Liebling?»

Alex starrte durchs Fenster in den parkartigen Garten, in dem jeder Quadratzentimeter durchgestylt war. Ja, warum tat sie so was? Die Wahrheit war, sie wusste es selbst nicht. Teilweise, um zu verbergen, wie schüchtern sie war und wie unwohl sie sich in ihrer eigenen Haut fühlte. Sie hatte nie richtig das Gefühl gehabt, dazuzupassen, und dieses Gefühl war nach der Scheidung ihrer Eltern schlimmer geworden.

Wenn sie schwänzte, um mit Pferden zusammen zu sein, bekam sie zwar Ärger, aber das Entscheidende war, dass sie sich eine Weile weniger einsam fühlte. Kurze Zeit fühlte sie sich so, wie sie sich eben nur in der Nähe von Pferden fühlte. Von innen her warm. Gebraucht. Wertvoll.

Und eine Weile fühlte sie sich auch weniger frustriert, was gut war, denn die stetig glimmende Wut, die als Schwelbrand angefangen hatte, als sich ihr Vater vor vier Jahren davongemacht hatte, wütete inzwischen wie ein Waldbrand. Und dass ihre Mutter zuerst geweint und getobt und kurz darauf ihre Hochzeit mit Jeremy geplant hatte, war auch nicht gerade hilfreich gewesen.

Alex hatte sich allmählich in sich selbst zurückgezogen. Ihre Schulzeugnisse sprachen von einem klugen, aber verschlossenen Teenager, der sich mehr bemühen müsse. Ihre Eltern regten sich darüber auf, dass sie so abweisend sei. So kalt. Dass Dinge, die ihr wichtig sein sollten, sie nicht berührten, wie zum Beispiel Prüfungen. Und dass ihr unwichtige Dinge wie Pferde zu sehr am Herzen lagen.

Als ob irgendwas wichtiger sein konnte als Pferde.

«Antworte deiner Mutter», befahl Jeremy. «Warum tust du das? Schließlich bist du fast sechzehn. Höchste Zeit, erwachsen zu werden. Warum machst du dauernd Ärger?»

Alex zuckte die Schultern. «Aus Spaß.»

Jeremy sprang auf. Seine schwarzen Haare sträubten sich. «Tja, dann wollen wir mal sehen, wie spaßig du es findest, wenn wir deine Reitstunden sperren. Ab sofort hast du drei Monate Hausarrest. Nein, es hat keinen Zweck, dich an deine Mutter zu wenden. Sie und ich haben das bereits besprochen. Du kommst uns nicht in die Nähe einer Reitschule, bis du lernst, dich zu benehmen.»

Alex fing zu zittern an. «Nein, bitte, alles, nur das nicht. Ich erledige alle Arbeiten im Haushalt und lerne jedes Wochenende stundenlang. Ich leg mich krumm, damit ich in allen Prüfungen Einsen bekomme. Ich muss einfach reiten. Sonst sterbe ich.»

«Sei nicht albern, Alex», fuhr ihre Mutter sie an. «Außerdem bleibt uns keine Wahl. Clare hat kurz mit mir gesprochen, als du deine Tasche aus der Sattelkammer geholt hast. Du bist in Dovecote leider nicht mehr willkommen nach dem, was du dir da geleistet hast − auf MrsPriestlys Vollblüter davonzupreschen. Clare war gezwungen, eine Stunde abzusagen, weil sie hinter dir her musste. Sie lässt sich von keinem ihrer Schüler das Wohl ihrer Pferde und den Ruf ihrer Reitschule gefährden, selbst wenn du eine der begabtesten bist.»

«Und da ist noch was.» Jeremy übertönte Alex’ Protestgejammer. «Da du wieder mal bewiesen hast, dass man sich nicht auf dich verlassen kann, nehmen wir dich nächstes Wochenende nicht nach Paris mit. Und wir lassen dich auch nicht allein im Haus. Du kommst zu Rich und Barbara. Es könnte dir Schlimmeres passieren, als dir mal anzusehen, wie sich ihre Töchter Chloe und Tiffany benehmen, und du könntest versuchen, ihnen nachzueifern.»

Alex konnte kaum an sich halten, um nicht loszuschreien. Rich war ebenfalls ein großer Fisch im Versicherungswesen und er und seine Plastik-Frau mit ihren geklonten Töchtern, die alle drei glänzten, als hätte man sie mit Abrazzo geschrubbt und von Geburt an mit nichts als Biomilch und Honig ernährt, waren die langweiligsten Menschen des Universums.

Aber als es ihr nicht gelang, ihre Eltern zum Einlenken zu bewegen, weder in Bezug auf Paris noch auf die Reitstunden, stürmte Alex in ihr Zimmer, wo sie über eine Stunde lang heulte. Auf Frankreich konnte sie verzichten, aber Pferde waren ihr Ein und Alles. Sie waren das Erste, an das sie am Morgen, und das Letzte, an das sie am Abend dachte.

Für Alex gab es keinen Zweifel: Ihre Mutter und Jeremy, alle beide, hatten ihr Leben ruiniert. Indem sie ihr nahmen, was sie am meisten liebte, hatten sie das Beste zerstört, das ihr je begegnet war.

Sie setzte sich auf und wischte sich die Tränen am Ärmel ab.

Dann zog sie ihren Laptop unter ihrem Kopfkissen hervor. Summend leuchtete der Bildschirm auf und warf einen blauen Schein auf ihr Bett. Alex lächelte, als sie Facebook aufrief. Sie würde dafür sorgen, dass es ihren Eltern leidtat. Mann, würde es ihnen leidtun.

2

«The Beeches», Virginia Water, Surrey

Als es zum siebzehnten Mal an der Haustür klingelte, wurde Alex von Panik ergriffen, so sehr, dass sie sich fragte, ob sie vielleicht hyperventilierte.

Ihr Plan war gewesen, sich an ihren Eltern zu rächen, indem sie eine Party schmiss, solange diese in Paris waren. Sie hatten einen ganzen Schrank voller alkoholischer Getränke. Daraus wollte sie mit Fruchtsaft, Kirschen und einer Dose Pfirsichen eine gigantische Bowle mixen. Sie hatte Plastikbecher und ein paar Tüten Chips gekauft und eine Playlist zusammengestellt. Sobald Rich und Barbara und ihre widerlichen Töchter schlafen würden, wollte sie sich um die Ecke zu ihrem Haus davonmachen, die Lichter anknipsen und ihre Gäste begrüßen. Falls überhaupt welche kamen.

Die ganze Woche hatte sie befürchtet, dass die Party ein Reinfall werden könnte. Sie hatte nur wenige Freunde. Wer sollte denn schon aufkreuzen? Bis Donnerstag hatte sie erst drei Zusagen auf ihre Facebook-Einladung. Eine kam von einem Jungen, der schrecklich unter Schuppen litt, zwei von Mädchen aus ihrer alten Schule, an die sie sich kaum erinnerte. Ein paar der beliebteren Mitschülerinnen hatten zu ihrer Überraschung geantwortet, sie würden kommen, wenn sie Zeit hätten, aber insgesamt gab es kaum Reaktionen auf ihre Einladung.

Alex war jedoch nicht so enttäuscht, wie sie gedacht hatte. Sie hatte nämlich schon kalte Füße bekommen. Was, wenn die Party aus dem Ruder lief? An jenem Abend postete sie noch eine Nachricht über Facebook, diesmal mit dem Inhalt, dass die Party wegen unvorhergesehener Umstände verschoben werden müsse. «Verschoben» klang besser als «abgesagt». So konnte sie zumindest ihr Gesicht wahren.

Ihre Wut darüber, dass Jeremy und ihre Mutter ihr das Reiten untersagt und ihre Beziehung zu Clare und dem Dovecote Reitstall kaputt gemacht hatten, war um keinen Deut schwächer geworden. Wenn überhaupt, war sie zum GAU angeschwollen. Aber die Realistin in ihr wusste nur zu gut, dass sie erheblich größere Chancen hatte, sie umzustimmen, wenn sie sich eine Zeit lang engelsgleich verhielt, statt wie ein Monster zu handeln.

Samstagmorgen waren ihre Mutter und ihr Stiefvater nach Paris aufgebrochen, ohne sich richtig von ihr zu verabschieden. Alex war gezwungen, einen qualvollen Tag mit Rich und Barbara und ihren Töchtern zu verbringen. Unter ihrem mustergültigen Deckmantel waren Chloe und Tiffany zwei kleine Hexen. Sie hatten die ganze Zeit damit verbracht, durchtriebene Sticheleien auf sie abzulassen und das mit einer überschwänglichen Freundlichkeit zu kaschieren. Vor Dankbarkeit hätte sie heulen können, als die ganze Familie um Punkt zehn Uhr abends zu Bett ging.

Da sie nicht schlafen konnte, loggte sich Alex in Facebook ein. Was sie sah, überwältigte sie. Die Einladung zur Party, die sie eigentlich abgesagt hatte, hatte inzwischen 82 Zusagen. Das war an sich schon beunruhigend, vor allem da ihre zweite Nachricht, mit der sie die Party aufgeschoben hatte, anscheinend verschwunden war. Aber das wirklich Beunruhigende war, wie viele Leute versprachen, sich um elf Uhr nachts vor ihrem Haus treffen. «Das wird der HAMMER!!!», schrieb ein Junge, von dem sie noch nie gehört hatte.

Übelkeit überkam sie. Sie sprang aus dem Bett, schlüpfte in ihre Jeans und einen Pullover, schnappte sich ihren Hausschlüssel und schlich nach unten. Zum Glück war der dicke Golden Retriever von Rich und Barbara so mit Leckerli vollgestopft, dass er sich kaum rührte, als sie in die Nacht hinaustrat.

Voller Schrecken malte sie sich aus, dass sie Horden von randalierenden Nachtschwärmern vor ihrem Haus antreffen würde, doch zu ihrer Erleichterung lag das Haus ungestört da. Ruhige Schatten fielen auf den Rasen. Sie kramte gerade den Schlüssel aus der Hosentasche, als ein Auto ankam. Eine Frau, die eindeutig schon betrunken war, stakste den Gartenweg entlang.

«Sieht ja nicht gerade nach ’ner Party aus. Sind wir zu früh dran oder was ist los?» Ohne eine Antwort abzuwarten, schrie sie in Richtung Auto: «Dominic, ist das auch die richtige Adresse? Hier ist tote Hose.»

«Es gibt keine Party.» Die Angst verlieh Alex Bestimmtheit. «Sie ist abgesagt worden. Verschwindet also vom Grundstück, sonst rufe ich die Polizei. Das ist widerrechtliches Betreten.»

«Entspann dich», sagte die Frau und hielt die Hände hoch, als wolle sie einen Schlag abwehren. «Bleib locker. Ich geh ja schon, aber du solltest lieber chillen.»

Der Motor heulte auf und das Auto raste davon.

Alex war so entnervt, dass sie eine ganze Minute brauchte, um aufzuschließen. Als sie drin war, stand sie einen Augenblick da und bedeckte ihr Gesicht mit den Händen. Sie hatte einen riesigen Fehler gemacht, die Party in Facebook zu stellen, aber anscheinend war es ja noch mal gut gegangen. Nie wieder würde sie so was Blödes machen. Was hätte nicht alles passieren können. Die Leute hätten das Haus womöglich zerlegt.

Aufgewühlt ging sie in die Küche und stellte den Kessel auf. Sie würde sich Kaffee machen, alle, die ihre Absage nicht mitbekommen hatten, fortschicken und wieder zu Rich und Barbara zurückkehren. Immer noch besser, als mit ihren Gedanken allein zu sein.

Sie nahm gerade die Milch aus dem Kühlschrank, als es klingelte. Alex versuchte es zu überhören, aber wer immer das war, drückte so dauerhaft auf den Klingelknopf, dass Alex schnell reagieren musste, ehe das Klingeln die ganze Nachbarschaft weckte. Zu ihrer Überraschung waren es die beiden Mitschülerinnen, die noch nicht gewusst hatten, ob sie Zeit hätten.

«Wo ist denn die Party?», fragte Gemma und sah sich im Wohnzimmer um, als ob sie erwartete, dass die Leute hinter dem Sofa hervorspringen und «Überraschung!» schreien würden.

«Ich, äh, hab sie doch abgesagt.»

Gemma machte ein enttäuschtes Gesicht. «Abgesagt? Hast du eine Ahnung, wie viele Lügen ich erzählen musste, um herzukommen? Hast du eine Ahnung, wie kompliziert das war? Hast du eine Ahnung, was ich für Ärger kriege, wenn meine Eltern das rausfinden?»

Isabella, die Alex’ Unbehagen spürte, meldete sich zu Wort. «Hey, Gemma, mach keinen Stress. Die Nacht ist noch jung. Warum machen wir nicht selbst Party?»

Ehe Alex etwas einwenden konnte, schob Isabella sie in die Küche. «Hast du Jäger und Red Bull? Ich hab Bock auf einen Turbojäger. Oder Sex on the Beach. Sag bloß, du hast noch nie davon gehört. Wenn du die Zutaten hast, zeig ich dir, wie man das mixt. Ist gaaaanz lecker.»

Alex hatte noch nie im Leben Alkohol getrunken und hatte auch nicht vor, jetzt damit anzufangen, aber da sie gerne Eindruck schinden wollte, öffnete sie das Fach, in dem ihre Eltern diverse Weinflaschen und härtere Sachen aufbewahrten. Angestachelt von Isabella kippte sie eine Flasche Wodka, einen halben Liter Pfirsichschnaps und zwei Tüten Orangen- und Cranberrysaft in eine Schüssel. Währenddessen hatte Gemma das Soundsystem und Alex’ Playlist entdeckt und drehte den Ton so laut auf, dass Alex schreien musste, um verstanden zu werden.

Als Alex Cocktailkirschen in den Mix schnitt, klingelte es erneut. Ehe sie eingreifen konnte, machte Isabella auf. Vier gut aussehende Teenager traten in die Küche, Jungen und Mädchen. Sie waren ihr fremd, aber Alex konnte den Mut nicht aufbringen, sie zum Gehen aufzufordern, vor allem, da Gemma offensichtlich begeistert war, sie zu sehen.

Sie versteckte ihre Schüchternheit hinter einem lässig hingeworfenen «Hey, was geht? Kann ich euch einen Sex on the Beach anbieten?» und verteilte Plastikbecher mit Drinks und Teller mit Chips. Zum Glück waren die Neuankömmlinge höflich und freundlich. Nach einer Weile fiel die Anspannung von Alex ab. Irgendwie war es sehr erwachsen, sechs Partygäste zu bewirten, die alle lachten und Spaß hatten.

Dann klingelte es wieder.

Das war jetzt zwei Stunden her. Nachdem Alex die Tür zum x-ten Mal geöffnet hatte, lief ihr der Schweiß in Strömen den Rücken hinunter. Sie erkannte ihr Haus kaum noch wieder. Es wimmelte von Leuten, die sie nicht kannte. Jemand hatte Rotwein auf dem gehüteten weißen Sofa ihrer Mutter verschüttet, und der Teppich war ein Kaleidoskop aus Schokolade, Chipskrümeln und zerbrochenem Glas. Vom oberen Stock konnte sie Gekreische und dumpfe Schläge hören. Es klang, als ob jemand Möbel verrückte.

Vor der Haustür standen vier Jugendliche in Kapuzenshirts. Ihre Augen glitzerten. Alex versuchte die Tür zuzuschlagen, aber der Größte stellte den Stiefel dazwischen. Sie drängten sich an ihr vorbei, als sei sie gar nicht da.

«Ihr könnt nicht reinkommen!», rief Alex. «Die Party ist vorbei. Ihr müsst bitte gehen.»

«Sagt wer?», knurrte einer von ihnen. «Wenn du keinen Spaß haben willst, Kleine, dann lauf heim zu Mummy.»

Sie wollte ihnen gerade nachlaufen, als ihr Blick auf etwas fiel. Etwas Albtraumhaftes, das ihr Kopf erst mal gar nicht wahrhaben wollte. Angestrahlt von der Straßenbeleuchtung strömten Unmengen von Teenagern wie Zombies auf ihr Haus zu. Überall standen Autos herum, einige parkten auf dem Rasen. Zwei Mädchen hatten eine Auseinandersetzung mit einem Nachbarn, der im Morgenmantel war. Während Alex noch fassungslos an der Tür stand, schob sich eine Gruppe von sechs oder acht Kids an ihr vorbei, die klirrende Tüten mit Getränken trugen.

Sie wollte sie anschreien, ihnen befehlen, ihr Haus zu verlassen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Gelähmt vor Entsetzen, hatte sie keine Ahnung, wie sie die Invasion stoppen sollte. Ihre Mutter und Jeremy würden erst am Sonntagabend zurückkommen. Sie konnte zu Rich und Barbara laufen und Hilfe holen, was jedoch bedeutete, dass sie ihr Haus eine Weile in den Händen von Vandalen lassen musste. Dann würde wahrscheinlich alles noch mehr aus dem Ruder laufen. Ihr blieb nur, die Polizei zu holen und sich den Folgen zu stellen.

Doch kaum hatte dieser Gedanke in ihrem Kopf Gestalt angenommen, gellte der hohe Heulton von Sirenen durch die Nacht, fast unmittelbar gefolgt von dem Suchscheinwerfer und dem hämmernden Surren eines Polizeihubschraubers über ihr.

Alex sackten die Knie ein und sie sank auf die Türschwelle und barg den Kopf in den Händen. Das war das Ende ihres normalen Lebens.

3

Alex erwartete lautstarke Auseinandersetzungen und Hausarrest bis ans Ende ihrer Tage. Mit dem Gegenteil hatte sie nicht gerechnet. Ihre Eltern sagten praktisch kein Wort, während sie durch das ganze Chaos in ihrem Haus gingen. Unbewegt hörten sie sich ihre tränenreichen Erklärungen an. Irgendwann sagte ihr Stiefvater mit ruhiger Stimme, die fast unheimlich klang: «Verstehst du eigentlich, was hier passiert ist, Alex? Was du angestellt hast? Was das kostet? Wie viel gestohlen oder kaputt gemacht worden ist? Und es geht nicht einfach nur um die Kosten. Die Erinnerungsstücke, die weggekommen sind, wie der Ehering deiner Großmutter, sind unersetzlich.»

Alex schluchzte auf. «Es tut mir leid, Jeremy. Mum, es tut mir so unendlich leid. Wenn ihr mir verzeiht, mache ich nie wieder so etwas. Ihr müsst mir glauben, nichts von all dem war meine Absicht. Ich habe versucht, einzuschreiten. Ich hab die Einladung auf Facebook gelöscht, aber so viele hatten sie bereits gelesen und es allen, die sie kannten, weitergesagt.»

Ihre Mutter wirkte wie geistesabwesend. Sie hörte nur halb zu. Das machte Alex mehr Angst, als es alle Vorwürfe getan hätten. «Ja, Liebes, ich weiß. Natürlich hast du es nicht absichtlich gemacht. Das machst du nie. Immer ist jemand anders schuld. Aber keine Sorge. Irgendwie wird es dadurch leichter, eine harte Entscheidung zu treffen.»

«Was für eine harte Entscheidung?»

«Zerbrich dir nicht den Kopf darüber», sagte Jeremy.

«Was meint ihr, Mum? Was für eine harte Entscheidung?»

Ihre Mutter massierte sich die Schläfen. «Können wir das auf später verschieben, Alex? Ich habe Kopfschmerzen.»

In der Nacht war es Alex unmöglich zu schlafen, nicht nur, weil jeder Atemzug ihre Lungen mit dem abgestandenen Geruch nach Erbrochenem füllte − ein Überbleibsel der Party. Der Gestank schien in die Teppichfasern eingedrungen zu sein, und weder wiederholtes Putzen noch Raumspray konnten etwas dagegen ausrichten. Immer wieder fiel ihr die Bemerkung ihrer Mutter bezüglich einer harten Entscheidung ein. Was meinte sie damit? Hatten sie vor, sie in psychiatrische Behandlung zu schicken, oder wollten sie ihr nur bis ans Ende ihrer Tage das Reiten verbieten?

Alex zog sich das Kissen über den Kopf. Was sie auch vorhatten, es konnte nichts Gutes sein. Sie musste versuchen, es abzuwenden. Morgen würde sie neu anfangen. Ganz von vorne. Nie mehr schwänzen. Sie würde das Haus auf Händen und Knien von oben bis unten schrubben, wenn es sein musste. Sie würde nur noch lernen und sich an die Spitze der Klasse arbeiten. Sie würde alles tun, wenn es nur bedeutete, dass sie wieder reiten durfte.

Der Schlaf überkam sie wie eine Meereswoge. So tief stürzte sie ins Schlafkoma, dass sich alles in ihr weigerte, an die Oberfläche gezerrt zu werden. Erst als sie wortwörtlich geschüttelt wurde und Licht durch ihr Zimmer strömte, schlug sie schließlich die Augen auf. Mit verschwommenem Blick versuchte sie aus dem schlau zu werden, was sie sah. Jeremy und zwei Fremde starrten auf sie herunter. Mit einem Schrei setzte sie sich im Bett auf.

Ihre Mutter trat ins Zimmer. Wie Jeremy war sie fertig angezogen, obwohl die Uhr zeigte, dass es erst 3:32 morgens war. «Keine Angst, Alex», sagte sie beruhigend. «Diese Leute sind hier, um dir zu helfen.»

«Mir zu helfen?» Alex versuchte abzuschütteln, was ganz eindeutig ein Albtraum war. Der Mann und die Frau trugen identische weiße T-Shirts, Jeanshemden und Chinos. Sie lächelten. Der Mann hatte die Hände in den Taschen, als könne nichts natürlicher oder normaler sein, als mitten in der Nacht wie ein etwas dickliches Model aus einem Lands’ End-Katalog im Zimmer eines Teenagers zu stehen.

«Diese netten Leute sind von Camp Renew in den Vereinigten Staaten», sagte Jeremy. Seine Stimme war heiter, als würde er ihr von einer neuen Versicherungspolice erzählen. «Das hier ist Sue-Ellen, und der gewichtige Kerl dort ist Ken. Camp Renew ist eine tolle Einrichtung, Alex.»

«Jaaah, das iiist es», stimmte Sue-Ellen ein, deren amerikanischer Akzent sich wie Kaugummi zog. «Wart’s ab, bis du unser Anwesen am Rocky Mountain National Park in Colorado siehst. Es ist wiiirklich wunderbaaar. Zwanzigtausend Hektar wilde Natur. Es gibt dort Berglöwen und Bären. Hast du dir jemals vorstellen können, einen freilebenden Grizzly zu sehen, Alexandra?»

«Ich hab das Gefühl, kopfüber in ein Kaninchenloch gefallen zu sein», sagte Alex. «Könnte mich bitte mal jemand aufwecken? Was machen diese Verrückten in meinem Zimmer?»

Ken erstarrte kurz, aber sein Lächeln veränderte sich nicht. «Das ist das Erste, was du in Camp Renew lernen wirst − keine Schimpfwörter. Strike Cartwright − das ist der Warden, unser Leiter − ist da ganz rigoros.»

Alex bekam es allmählich mit der Angst zu tun. Sie versuchte sich einzureden, dass sie noch schlief. Wenn sie aufwachen würde, wäre alles wieder wie immer. Sie sprang aus dem Bett. Die vier Erwachsenen wichen zurück, als wäre sie vom Ebola-Virus infiziert.

Alex hielt verwirrt inne. «Sag doch was, Mum! Was geht hier vor sich? Du machst mir Angst.»

Ihre Mutter sah im Lampenlicht bleich und angespannt aus. «Liebling, ich weiß, das kommt jetzt als Schock, aber Camp Renew ist ein ganz besonderer Ort. In einer der überwältigend schönsten Gegenden der Vereinigten Staaten. Es wird dir gefallen, ganz bestimmt. Sie haben eine außergewöhnlich hohe Erfolgsrate mit schwierigen Teens. Es gibt wunderbare Berichte über Umerziehungen.»

Alex wurde es kalt. «O mein Gott, darum geht es also? Ihr wollt mich in so ein Bootcamp schicken wie das, über das wir einen Dokumentarfilm im Fernsehen gesehen haben?»

«Camp Renew ist kein Bootcamp», sagte Jeremy. «Es ist ein Internat mit Therapieangeboten. Das ist was ganz anderes.»

«Ganz geee-nau», stimmte ihm Sue-Ellen zu. «Wir bieten Teenagern die Gelegenheit, zu ihrem höheren Ich zu finden, indem wir Therapien, körperliche Herausforderungen und engen Kontakt mit der wunderbaren Natur bieten.»

«Das kann ja wohl nicht Ihr Ernst sein? Mum, meint sie das ernst?» Ihre Mutter vermied es, sie anzusehen, doch Alex starrte sie so beharrlich an, dass sie schließlich aufblickte. «Für wie lange genau habt ihr zwei geplant, mich fortzuschicken?»

Jeremy sah auf seine Uhr. «Alex, du bist wieder da, ehe du dich’s richtig versiehst. Betrachte es einfach als Gelegenheit, ein anderes Land zu erleben. Jetzt müssen wir uns aber leider beeilen, denn du musst nach Heathrow, um einen Morgenflug zu erreichen. Du hast fünfzehn Minuten, um zu packen, und dann geht’s los. Ken und Sue fahren dich hin. Alex, es tut mir leid, dass es so weit kommen musste, aber Camp Renew hat den Ruf, Wunder zu vollbringen, und eines Tages wirst du uns dankbar sein.»

«Du glaubst im Ernst, dass ich dir dafür dankbar bin, dass du mir um drei Uhr morgens Beavis und Butthead auf den Hals hetzt, damit sie mich über den Atlantik in ein Teenagergefängnis schleppen?»

«Liebling, so ist es doch gar nicht», wandte ihre Mutter ein. «Deine Fantasie geht mal wieder mit dir durch. Es gibt dort Kletter- und Kajakkurse. Und sie machen auch Reitausflüge in die Berge. Dagegen würde ich mich an deiner Stelle nicht wehren, denn es findet in einer geregelten Umgebung statt, in der Disziplin und gutes Benehmen vorrangig sind.»

Einen Augenblick lang sah sich Alex auf einem Mustang durch die Wildnis galoppieren, doch dann wurde ihr klar, dass ihre Eltern sie nicht mitten in der Nacht von zwei Idioten abtransportieren lassen würden, wenn sie vorhatten, sie in ein Ferienlager zu schicken.

Ken klopfte auf seine Uhr. «Leute, wir müssen Dampf machen. Der Flieger wartet bestimmt nicht auf uns.»

Sue-Ellen sah sich im Zimmer um. «Wo, sagten Sie, haben Sie den Koffer hingestellt, MrsPritchard?»

Alex machte einen Satz zur Tür, doch Ken stellte sich ihr in den Weg und drückte die Tür mit seiner riesigen Pranke zu.

«ICH GEH DA NICHT MIT UND IHR KÖNNT MICH NICHT DAZU ZWINGEN!», schrie Alex ihre Eltern an.

«Das ist normal», sagte Sue-Ellen. «Solche Reaktionen kommen häufig vor. Wenn Alexandra zurückkommt, wird sie wie ausgewechselt sein. Durch und durch geheilt.»

Alex rannte zu ihrer Mutter und umschlang sie mit den Armen. «Mum, bitte, tu mir das nicht an. Ich weiß, dass ich Mist gebaut habe und es tut mir leid. Ich mache das bis an mein Lebensende bei euch gut, du wirst schon sehen. Ich helfe bei der Hausarbeit und lerne jede Stunde, die ich wach bin. Du wirst stolz auf mich sein.»

Ihrer Mutter traten Tränen in die Augen. Sie sah Jeremy hilflos an. «Tun wir wirklich das Richtige, Liebling? Vielleicht sollten wir ihr eine zweite Chance geben.»

«Eine zweite Chance? Eher wohl die fünfzigste. Nein, Nat, was Alexandra braucht, ist liebevolle Strenge. Camp Renew wird uns unsere Tochter zurückgeben.»

Alex sah von Jeremy zu ihrer Mutter. Sie redeten über sie, als sei sie ein Möbelstück, das sie in ein anderes Zimmer umräumen wollten. Sie löste sich von ihrer Mutter und machte erneut einen Satz auf die Tür zu, aber ohne Erfolg. Ken stand bewegungslos wie ein Baum davor.

Alex’ Herz fühlte sich wie betäubt an, aber ihr Verstand war plötzlich scharf und klar. Was er auch sein musste, wenn sie dieses Abenteuer überleben wollte. Sie wandte sich an ihre Mutter. «Ich gehe, wenn ich Pluto mitnehmen darf.»

«Ma’am, in Camp Renew gilt der Grundsatz ‹keine Haustiere›. Warden Cartwright würde nie einwilligen.»

Natalie Pritchard zog einen kleinen Bären unter der Bettdecke hervor. «Das ist Pluto. Alex hat ihn, seit sie ein Baby war. Ohne ihn fährt sie nie weg, nicht mal in die Ferien.»

«In Camp Renew lernt man, sich von Babykram zu verabschieden», machte Sue-Ellen geltend.

Zu Alex’ Überraschung zeigte sich ein störrischer Ausdruck auf dem Gesicht ihrer Mutter. «Das mag ja sein, aber der Bär fällt nicht in diese Kategorie. Er ist ein Familienerbstück, wenn Sie so wollen, das Alex von meiner verstorbenen Mutter geschenkt bekommen hat.»

«Herrgott noch mal, es gibt doch wohl wichtigere Dinge, über die man sich Sorgen machen muss, als ein dämlicher Teddy», sagte Jeremy, der die Geduld verlor. «Ich sehe ja ein, dass Sie und Ken hier die Experten sind, Sue-Ellen, aber ehrlich gesagt, wenn ein Plüschtier Alex entgegenkommender macht und dazu beiträgt, dass Sie drei den Flug erreichen, dann bin ich zumindest dafür.»

Sue-Ellens Gesicht war eine freundliche Maske. «Wie Sie wünschen, Sir. Es ist nur so, die Erfahrung hat uns gelehrt, dass problematische Teenager Plüschtiere oft als Versteck für Drogen und andere unerlaubte Gegenstände benutzen.»

«Solche Probleme hat Alex nicht», fuhr Natalie sie an. «Aber untersuchen Sie den Teddy gerne, wenn Sie zusätzlich sichergehen wollen. So, soll ich jetzt den Koffer holen?»

4

Das Bigger Burger Café, Chattanooga, Tennessee

«Was darf ’s heute denn sein − Elefant oder Gorilla?», fragte Will Greyton, der für den verschwitzten, fettleibigen Mann, der sich über die Theke lehnte, sein bestes Kundenservice-Lächeln aufgesetzt hatte.

«Was ist größer?»

«Meinen Sie in echt oder im Bigger Burger?»

«Du riskierst ’ne ganz schöne Lippe, Junge. ’türlich mein ich die Burger-Bude hier. Welcher ist der Supergroße?»

«Alle unsere Burger sind supergroß, Sir, aber der Elefant ist vierstöckig mit extra Bacon, während der Gorilla nur ein Triple ist.»

«Perfekt, den nehm ich.»

«Den Gorilla?»

«Nein, den Elefant, Dummbacke. Willst du mich veräppeln, Junge? Soll ich nach dem Filialleiter rufen lassen?»

«Nein, Sir, bitte nicht. Ich hab den Job hier nötig. Möchten Sie auch die Jumbo-Fritten? Dazu gibt’s einen Shake zum halben Preis.»

«Ja, die Fritten und den Flamingo-Milchshake. Mit Erdbeergeschmack, nehme ich an? Weil Flamingos doch rosa sind, oder? Ist der auch supergroß?»

«Ja, wenn sie den Flamingo Supremo nehmen, der kostet aber fünfzig Cent extra.»

«So ein Wucher! Was ist da denn drin? Zermahlene Rubine? So wie die Preise steigen, muss ich bald ’ne Hypothek auf mein Haus aufnehmen, um mir was zu essen zu kaufen. Okay, gib mir zwei Supremos. Und meine Frau will Fisch und Chips. Was ist größer, Killerwal oder Blauwal?»

Nach so einem Tag voller Hin und Her über Burger in verschiedenen Tiergrößen hatte der siebzehnjährige Will oft das Gefühl, dass ihm sein Verstand, der aus ihm einen Einser-Schüler an der Chattanooga Highschool gemacht hatte, allmählich zu Brei wurde. Stunde um Stunde starben seine grauen Zellen mehr ab.

Noch vor einem Jahr war sein Traum, an die Universität von Tennessee in Knoxville zu gehen und Tiermedizin zu studieren, nicht nur eine Möglichkeit, sondern unabdingbar gewesen. Als er sechzehn war, war sein Leben noch ein Spaziergang gewesen. Er hatte manchmal ein schlechtes Gewissen gehabt, wie leicht ihm alles zufiel. Mit Ausnahme dessen, dass er mit nur drei Jahren seine Mutter an einen bösartigen Tumor verloren hatte, hatte er ein märchenhaftes Leben gehabt. Als begabter Schüler und Sportler war er mit einer Auszeichnung nach der anderen durch die Schule gesegelt.

Ihm wurde nahegelegt, sich statt für die Wissenschaften für eine Sportlerlaufbahn zu entscheiden, weil er auf diesem Gebiet so vielversprechend war, aber diesen Widerstreit gab es für Will nie. Wenn er Tierarzt werden wollte, brauchte er die besten Noten, die er erreichen konnte, und darauf richtete sich zum Ärger seines Leichtathletik-Trainers sein Hauptaugenmerk.

Abgesehen davon hatte ihn der Schulsport nie besonders interessiert. Die einzige sportliche Betätigung, für die er sich anstrengte, war Reiten, und zwar weniger um des Reitens selbst willen, sondern wegen seiner Leidenschaft für Pferde − vor allem für die graue Stute, die ihm seine Großeltern zum fünfzehnten Geburtstag geschenkt hatten. Sie war ein Halbaraber, aber sein Großvater hatte sie für den lächerlichen Preis von einhundert Dollar bekommen, denn sie war ein «Unfall». Ein Hengst einfacher Abstammung war in eine Koppel voller Stuten eines preisgekrönten Arabergestüts eingebrochen und Shiraz war das Ergebnis gewesen. Die Besitzer waren so entsetzt über das mickrige, missgestaltete Fohlen ihrer besten Stute gewesen, dass sie es bei erster Gelegenheit abgestoßen hatten.

Ursprünglich hatte sie ein ansässiger Rancher für hundertfünfzig Dollar erworben. Er hatte sie zugeritten und zum Zusammentreiben von Vieh genommen. Ihr Aussehen war mit zunehmendem Alter nicht ansehnlicher geworden, aber anfangs hatten sich seine Cowboys um sie gestritten, weil sie zehn Stunden lang arbeiten konnte, ohne ins Schwitzen zu kommen.

Dann bildete sich eine Besonderheit heraus. Nach und nach hatte sie jeden Cowboy krankenhausreif gemacht. Es schien nie absichtlich zu sein; nach außen hin war sie willig und zugänglich. Aber das Ergebnis war immer das gleiche. Bei einem steilen Abstieg stolperte sie, und eine Minute später gab es ein gebrochenes Schlüsselbein. Sie galoppierte zu nah an einem Baum vorbei und das Bein des Reiters wurde zerschmettert. Einmal machte sie eine zu scharfe Wendung vor einer Schlucht und warf den Reiter beinahe über die Felskante. Sein Sturz wurde von einem Dornenbusch aufgehalten, in dem eine Klapperschlange schlief. Er hatte Glück gehabt, mit dem Leben davongekommen zu sein.

Dem Rancher tat es leid, sich von seinem besten Pferd trennen zu müssen, aber die Cowboys waren nicht davon abzubringen, dass ein Fluch auf ihr lag. Entweder die Männer oder das Pferd. Er verkaufte Shiraz für dreihundert Dollar an eine Gesellschaft, die Querfeldeinritte für Touristen veranstaltete. Dort kannte man ihre Geschichte nicht und schätzte sich glücklich über den Erwerb. Aber schon während des ersten Monats landeten drei Gäste im Krankenhaus. Niemals schien es an der Stute zu liegen, aber sie war der gemeinsame Nenner eines jeden Unfalls.

Da er nicht riskieren wollte, verklagt und in den Ruin getrieben zu werden, verkaufte sie der Besitzer von Paradise Rides für einhundert Dollar an den Freund eines Freundes: Wills Großvater. Den geringen Preis begründete er damit, dass seine Gäste sie für «hässlich» und «gemeingefährlich» hielten.

Solange Will zurückdenken konnte, hatte er sich immer ein eigenes Pferd gewünscht. Als sein Großvater Shiraz aus der Scheune führte und sagte, sie sei sein Geschenk zum fünfzehnten Geburtstag, hatte er vor Glück fast geweint. In seinen Augen war sie das schönste Pferd auf Erden.

Andere sahen in Shiraz das traurige Mängelexemplar einer Stute: sehnig, mit struppiger Mähne und wenig empfehlenswerten Charaktereigenschaften. Will jedoch sah nur ihre kühnen, intelligenten Augen, die feine dunkle Haut am Maul und die langen schrägen Muskeln, die verrieten, dass sie die Ausdauer ihrer Araber-Mutter geerbt hatte. Dank ihrer kräftigen, geraden Beine und perfekt gewinkelten Fesseln und Sprunggelenke war sie in allen Gangarten geschmeidig und raumgreifend. Welche Fehler sie auch immer haben mochte, Faulheit gehörte nicht dazu. Sie fraß auch gerne. Nichts konnte sie davon abhalten.

Jemandem wie Will war Shiraz noch nie begegnet. Von Geburt an war sie wie eine Maschine behandelt worden. Keiner hatte sie je geliebt oder geschätzt. Anfangs war sie verdutzt über den Jungen, der sie da besuchen kam, immer mit etwas zum Knabbern, und über die Ruhe und Freundlichkeit, die er ausstrahlte. Obwohl er groß war, saß er leicht im Sattel und hatte samtene Hände. Sie hatte ihn ein paar Mal auf die Probe gestellt, aber als sie merkte, dass keine Strafe folgte und dass er höchstens noch geduldiger mit ihr umging als zuvor, hatte sie mit einer Hingabe und Treue reagiert, die mit jedem Tag tiefer wurde.

Die beiden wurden bald unzertrennlich. Jeden Freitagabend fuhren Will und sein Vater hinaus auf die Farm seiner Großeltern in den Appalachen. Am Samstag nach dem Frühstück belud Will Shiraz immer mit Proviant, einem Schlafsack und einem uralten Zelt und dann verbrachten sie zusammen zwei herrliche Tage und erkundeten die Berge. In den Schulferien zog Will für die gesamte Zeit zu seinen Großeltern. Er packte Vorräte in seinen Rucksack und dann verschwanden er und Shiraz oft mehrere Tage am Stück. Einmal waren sie eine ganze Woche unterwegs.

Dann waren seine Großeltern nacheinander innerhalb eines Monats gestorben, zuerst Grandpa, der friedlich einschlief, und Gran kaum drei Wochen nach ihm, angeblich an den Komplikationen nach einem Sturz, aber in Wirklichkeit, wie es Wills Vater formulierte, weil sie ein Leben ohne ihren Henry nicht wollte. Will hatte sich vorzustellen versucht, jemanden so sehr zu lieben, dass er den Gedanken nicht ertragen könnte, auch nur einen Atemzug ohne ihn zu tun, aber diesen inneren Sprung schaffte er nicht.

In der Schule hatte schon die eine oder andere ein Auge auf ihn geworfen, aber die wenigen Mädchen, mit denen es sogar zu einem Date gekommen war, verloren das Interesse, sobald sie herausfanden, wie viel Zeit er mit Lernen verbrachte. Dabei hatte er hübsche Mädchen kennengelernt, kluge Mädchen und auch Mädchen, die klug und hübsch waren und Pferde mochten, aber er hatte nie eine kennengelernt, die seine Welt zum Stehen brachte.

Während er im Bigger Burger Fett aus der Fritteuse kratzte, bezweifelte er, dass ihm das jemals passieren würde.

Der Tod seiner Großeltern war das erste einer Reihe von Ereignissen gewesen, die ihn dahin gebracht hatten, wo er jetzt war. Als Nächstes ging das Eisenwarengeschäft, in dem sein Vater über dreißig Jahre gearbeitet hatte, in Konkurs. Len Greyton war mit seinen fünfundfünfzig Jahren fit und hatte Jahrzehnte als Geschäftsführer hinter sich, aber er fand keine Arbeit mehr, nicht mal als Fensterputzer.

Innerhalb von Monaten trafen Mahnungen der Hypothekengesellschaft ein, und Len blieb nichts übrig, als an das Geld zu gehen, das er über Jahre mühevoll angespart hatte, damit Will eines Tages Tierarzt werden könnte. Will hatte mit allen Mitteln versucht, seinen Vater davon zu überzeugen, dass es keine Rolle spielte, dass es viele andere Möglichkeiten gäbe, beruflich mit Tieren zu arbeiten, aber Len war am Boden zerstört. Er hielt sich für einen Versager. Sein Selbstwertgefühl, das schon schwach genug war, sank weiter, vor allem, als Will gezwungen war, die Schule zu verlassen und einen Job bei Bigger Burger anzutreten, damit sie ihre Rechnungen bezahlen konnten. Len war bedrückt und voller Sorgen und seine Gesundheit begann darunter zu leiden.

Für Will, der es immer als das Allerbeste in seinem Leben empfunden hatte, einen Vater zu haben, der auch sein bester Freund war, war es qualvoll zu sehen, wie der stolze Mann, den er liebte, vor seinen Augen verfiel. Er betete immer wieder um ein Wunder. Er oder sein Vater würden eine bessere Stelle finden und irgendwie würde vielleicht alles in Ordnung kommen.

In dem schmuddeligen Umkleideraum hinten im Bigger Burger stach Will die Zeituhr für seinen Feierabend und wechselte von der orange-blaufarbenen Uniform in Jeans, ein Flanellhemd, Cowboystiefel und braune Lederleggins. Er brauchte zehn Minuten für die Fahrt von der Stadtmitte zu dem Haus eines alten Freundes seines Vaters.

Shiraz wartete schon am Gatter des Feldes auf ihn. Will verspürte eine Mischung aus Zuneigung und Schuldgefühlen, als er sie sah. Schuldgefühle, weil er sie von einem Leben im Überfluss auf der weitläufigen Farm seiner Großeltern hatte wegholen müssen − Land, das seiner Familie seit Generationen gehört hatte und jetzt von einem Konzern aufgekauft worden war, mit einem magerem Gewinn, den Bank und Finanzamt gleich verschlungen hatten. Jetzt stand Shiraz auf einem tausend Quadratmeter großen mickrigen Stück Weideland in einer heruntergekommenen Gegend am Rande der Stadt. Will versorgte sie mit dem besten Heu und Zusatzfutter, das er sich leisten konnte, aber an der Umgebung und dem Umstand, dass sie dort allein war, konnte er nichts ändern.

«Du sehnst dich wohl genauso nach den Bergen wie ich, was, Mädchen?», murmelte Will, als ihm Shiraz den Kopf an die Brust drückte und bebend aufseufzte. «Keine Sorge. Wir müssen eine Weile gute Miene zum bösen Spiel machen, aber irgendwann, bald, baue ich uns ein neues Leben auf und dann gehen wir wieder auf Abenteuer, du und ich.»

Will hatte keine große Hoffnung, dass sich in absehbarer Zukunft ein neues Leben auftun würde, trotzdem redete er es sich, Shiraz und seinem Vater fast täglich ein. Vielleicht würde sich ja eine positive Aussicht ergeben, wenn er es nur oft genug sagte.

Jetzt erst mal hatte er dringendere Anliegen, wie zum Beispiel Shiraz zu trainieren. Zurzeit hatte er zwei Möglichkeiten. Entweder ritt er mit ihr durch die Nachbarschaft, bis er zu dem Park mit fünf Meilen Reitwegen und Hügeln kam, oder, wenn er früh genug aufstand, konnte er auf einem örtlichen Sportplatz Intervalltraining mit ihr machen. Der Park war die bessere Wahl in Bezug auf schöne Umgebung und Hügel, aber um dorthin zu gelangen, musste man an vielen Gärten vorbei mit vielen bellenden, knurrenden Hunden. Und nicht alle waren angekettet oder hinter Zäunen. Ihre Besitzer waren auch nicht besser. Einmal war er fast durchbohrt worden von einem Jungen, der seine neue Armbrust an einer armen Krähe ausprobierte.

Eigentlich musste schon viel passieren, damit Shiraz scheute, aber in letzter Zeit waren ihre Nerven hart auf die Probe gestellt worden. Als er sie an diesem Abend sattelte, versuchte sich Will zu entscheiden, ob er das Spießrutenlaufen vorbei an den beiden Rhodesian Ridgebacks in Carter Street wagen oder die arme, gelangweilte Shiraz den achten Tag in Folge auf dem Sportplatz reiten sollte. Er bemühte sich immer, die Arbeit mit ihr interessant zu gestalten, indem er Intervalltraining mit Reittechniken abwechselte, die er sich in stundenlanger Arbeit angelesen oder online auf Videos gesehen hatte, aber all das reichte niemals für ein durchtrainiertes, intelligentes Pferd wie Shiraz, ein Pferd mit Fantasie.

Er schwang sich auf ihren Rücken und ritt die Auffahrt entlang. Gerade beugte er sich herunter, um das Tor zu öffnen, als er einen Ruf hörte. Tyler, der ehemalige Kollege seines Vaters, kam über den Rasen.

«Hallo, Will, wie geht’s?»