Fire Storm - Lauren St John - ebook

Fire Storm ebook

Lauren St John

0,0

Opis

Und wenn dich der Sieg das Leben kosten würde? Casey hat jetzt alles, was sie sich nur wünschen kann. Ruhm als erfolgreichster Nachwuchsstar im Vielseitigkeitsrennen und eine Freund, der sie liebt. Sie und ihre unkonventionelle Trainerin sind ein erfolgreiches, unzertrennliches Gespann. Oder etwa doch nicht? Casey und ihr "One Dollar Horse" Storm müssen noch einmal alles geben, um ihren wahren Platz im Leben zu finden.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 334

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Lauren St John

FIRE STORM

Roman

Aus dem Englischen von Christoph Renfer

Verlag Freies Geistesleben

Inhalt

Cover

Titel

Widmung

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Weitere Bücher

Impressum

Für Catherine Clarke,

die immer wieder das Unmögliche möglich macht.

Von ganzem Herzen und mit tausendfachem Dank.

I

In einem Eckstall des Reitzentrums White Oaks machte Casey Blue eine ebenso ungewöhnliche wie unliebsame Erfahrung: Sie war im Begriff, von einem tonnenschweren Pferd erdrückt zu werden. Aus unerfindlichen Gründen hatte es Lady Roxanne nicht in den Kram gepasst, gesattelt zu werden. Und nun machte sie ihrem Unmut Luft, indem sie versuchte, Casey gegen die Wand zu quetschen.

«Was war das denn?», stieß Casey keuchend hervor, nachdem sie sich aus ihrer misslichen Lage befreit hatte. Sie massierte ihre Rippen. «Gerade ladylike war das jedenfalls nicht!»

In den nächsten Wochen sollte sie erfahren, dass sie nur eine von vielen war, die sich regelmäßig so (oder auch weniger höflich) über Roxy äußerten. Doch davon wusste sie heute noch nichts. Sie glaubte vielmehr, dass sie unabsichtlich eine empfindliche Stelle an Roxys Flanke berührt haben musste oder dass Roxy sich in ihrem neuen Umfeld einfach unwohl fühlte.

Roxy, eine Stute mit 167 cm Stockmaß, war am Vortag in White Oaks angekommen, als Casey in London den Geburtstag ihres Vaters feierte. Für Casey war es besonders wichtig gewesen, gerade diesen Geburtstag mit ihrem Vater zu verbringen, war er doch erst vor Kurzem aus dem Gefängnis entlassen worden, wo er für eine Tat einsaß, die er nicht begangen hatte. Sie hatte ihre Trainerin Mrs Smith gebeten, sie während ihrer Abwesenheit im Reitzentrum zu vertreten, doch irgendetwas war schiefgelaufen, und als der Pferdetransporter mit Roxy vorfuhr, waren weder Mrs Smith noch Casey vor Ort gewesen, um Storms vorübergehenden Ersatz willkommen zu heißen. Kein Wunder also, dass Roxy nicht gerade bester Laune war.

Casey versuchte, das Pferd mit sanften Lauten zu beruhigen, während sie mit einer Hand nach dem Sattelgurt griff. Roxy legte die Ohren an, trippelte unruhig mit den Hinterbeinen und klappte mit den Zähnen. Sie machte damit unmissverständlich klar, dass jeder Versuch, den Gurt festzuziehen, schwerwiegende Folgen nach sich ziehen würde.

«Jetzt mach mal halb lang! Ich gebe ja zu, dass wir einen schlechten Start hatten. Aber ich verspreche dir, dass ich das wieder wettmachen werde», sagte Casey und führte die Stute in den Hof hinaus, wo sie nicht mehr befürchten musste, von Roxy zu einem Ziegelsteinsandwich verarbeitet zu werden. «Ich weiß, dass du nicht nur Schönes erlebt hast in deinem bisherigen Pferdeleben. Aber damit ist es vorbei hier. Ich gehöre zu den Guten. Du kannst ja Storm fragen.»

In dem Moment, als sie Storm, den Namen ihres Spitzenpferdes, aussprach, durchfuhr sie ein stechender Schmerz. Sie sah ihn drüben auf der Koppel friedlich mit seinen Freunden grasen. Aus der Ferne gesehen verschmolzen die anderen Pferde – lauter Braune und ein paar Füchse – ineinander. Nur Storms Silber – für Casey eine Kombination zwischen Blitz und Gewitterwolke – stach selbst an einem so grauen Tag wie heute aus der Gruppe heraus.

Normalerweise wäre er, so rasch er konnte, zum Gatter gekommen, um sie zu begrüßen – begierig nach einem Galoppausritt, Süßigkeiten oder einfach nur etwas Zuneigung. Doch heute genoss er seine Ferien, was Casey auch durchaus verstand. Es war knapp zwei Wochen her, dass sie kurz nacheinander die Badminton Horse Trials und das Kentucky Three-DayEvent gewonnen hatten und Casey als jüngste Doppelsiegerin seit Bestehen dieser namhaften Vielseitigkeitsprüfungen in die Geschichtsbücher eingegangen war.

Erst als das Frachtflugzeug der British Airways nach einem langen, anstrengenden Flug aus den USA auf dem Londoner Flughafen Stansted ausgerollt war, hatte Casey gemerkt, wie erschöpft sie war. Nur zwei Stunden nach ihrer Ankunft lag sie schon tief schlafend im Peach Tree Cottage in ihrem Bett, das sie in der Folge beinahe zwei Tage nicht verlassen sollte. Storm stand ihr in nichts nach. Die längste Zeit lag er auf der Seite und träumte wie ein Fohlen vor sich hin.

Nachdem Casey schließlich wieder aus ihrem Schlafzimmer aufgetaucht war, gönnte sie sich eine wohlverdiente Ruhepause. Zwölf wunderbare Tage lang stand sie spät auf, las Bücher und verbrachte Zeit mit ihrem Vater, den man inzwischen an seinem ehemaligen Arbeitsplatz, dem Half Moon Tailor Shop, wieder aufs Herzlichste aufgenommen hatte. Sein Chef, Ravi Singh, hatte nie an seiner Unschuld gezweifelt. Doch das Allerbeste für Casey waren die langen Strandspaziergänge und romantischen Picknicks, die sie mit Peter, Storms Hufschmied, der seit Kurzem auch ihr Freund, war, unternahm. Sie war so sehr in ihn verliebt, dass allein schon der Gedanke an ihn das Blut in ihren Venen zum Kochen brachte.

Ausgeruht und erholt (oder «neu hochgefahren», wie sie scherzhaft zu Peter sagte) war sie bereit für die neue Saison. Ihr größtes Ziel waren die Burghley Horse Trials im September. Mit einem Sieg bei diesem Wettbewerb würde sie gleich auch den Rolex Grand Slam gewinnen.

Der Kampf um dieses Triple im Vielseitigkeitsreiten war so hart, dass bisher nur eine Reiterin den Sonderpreis gewonnen hatte – Pippa Funnell im Jahre 2003. Ihre Leistung sollte als einzigartig und einmalig in die Geschichte eingehen, weil sie Badminton, Kentucky und Burghley zu einer Zeit für sich entschieden hatte, als der Geländeteil auch noch zwei Wegstrecken und ein Hindernisrennen umfasste. Selbst nach der Kürzung der Ausdauerprüfung um diese zwei Teile hatte bisher kein anderer das Triple geschafft. Drei Reiter, Andrew Hoy, William Fox-Pitt und Andrew Nicholson, waren immerhin nah daran gewesen.

Für Casey, die schon die aktuelle Version der Prüfung mit Dressur, Springen und Geländeritt als höchst anforderungsreich empfand, war Pippa eine Art Superheldin. Mit ihren siebzehn Jahren war sie noch Jahre vom Niveau einer Pippa Funnell entfernt, aber Wunder waren auch im Vielseitigkeitsreiten nicht auszuschließen, vor allem, wenn man über ein Pferd wie Storm Warning verfügte. Und Casey hatte ihr außerordentliches Talent mit den Siegen von Badminton und Kentucky ausreichend unter Beweis gestellt.

Leider musste sie nun aber auf Storm verzichten. Er benötigte dringend eine Ruhepause von sechs Wochen, bevor er das Training wieder aufnehmen konnte. Deshalb arbeitete sie jetzt mit Roxy. Eigentlich hatte Casey nach ihren Siegen in Badminton und Kentucky fest damit gerechnet, aus einer Reihe von Spitzenpferden auswählen zu können, um Storm vorübergehend zu ersetzen. Doch sie hatte nur eine Woche Zeit gehabt, sich darum zu kümmern, und die Angebote für ein geeignetes Pferd waren ausgeblieben.

Morag, die nüchterne und etwas schroffe Betriebsleiterin von White Oaks, zeigte kein Mitgefühl für Casey. «Was hast du denn erwartet? Klar, deine Leistungen in der vergangenen Saison waren umwerfend, Casey Blue, und dafür verdienst du Respekt. Aber wenn ich ein vielversprechendes Nachwuchspferd hätte, würde ich es um jeden Preis von dir und Mrs Smith fernhalten. Eure unkonventionellen – um nicht zu sagen abwegigen – Trainingsmethoden haben sich in der Vielseitigkeitsszene längst herumgesprochen.»

«So abwegig können sie nicht sein», protestierte Casey. «Unsere Erfolge sprechen für sich.»

«Stimmt. Aber ein Pferd ohne Zaumzeug über einen öffentlichen Strand galoppieren oder im Schwimmbecken einer Nachbarin herumplanschen zu lassen, ist nun einmal nicht jedermanns Sache. Und das waren noch eure harmloseren Experimente.»

Leider hatte Morag recht. Zwar hatte sonst niemand den Mut, es ihnen ins Gesicht zu sagen, aber die Sache war klar: Es kamen keine Angebote von gesunden Warmblütern mit beeindruckendem Leistungsausweis – was Mrs Smith allerdings nicht weiter aufregte, weil ihr von Anfang an ein Jungpferd vorgeschwebt hatte.

«Ideal wäre ein Pferd, das noch keine Turniererfahrung hat. Eine Herausforderung, an der wir wachsen können.»

Casey war gar nicht einverstanden.

«Was ich brauche, ist wohl eher ein Zwei- oder vielleicht sogar Drei-Sterne-Pferd mit einer anständigen Erfolgsquote im Springen und in der Dressur, damit ich mich die ganze Saison fit halten kann.»

«Und was soll dich dieses Wunderpferd lehren? Was willst du von solch einem Tier lernen? Darf ich dich daran erinnern, dass du nur ein einziges Pferd außer Storm geritten hast – nämlich Patchwork, von dem nicht wenige sagen würden, dass er zu drei Vierteln ein Maultier war. Deine Konkurrenten in der Vielseitigkeit haben mit Dutzenden von Pferden trainiert. Sie sind auch bei den verschiedensten Wettbewerben gestartet, bei Anfängerturnieren, Jagdritten und Amateurveranstaltungen. So verfeinern junge Reiter ihre Fähigkeiten und lernen etwas Pferdepsychologie.»

Casey, die sehr wohl wusste, dass ihr die Reiterfahrung abging, die selbst die Schwächsten in der Szene aufwiesen, widersprach ihr nicht.

Am folgenden Tag wollte ihr ein ehrgeiziges Paar zwei völlig ungeeignete Springpferde andrehen, die in White Oaks untergebracht waren.

Sie war schon am Rande der Verzweiflung gewesen, als ihr in einer E-Mail Lady Roxanne angeboten wurde, ein irisches Sportpferd, das schon ansehnliche Ergebnisse in den mittleren Leistungsklassen aufweisen konnte. Gemäß ihrer Besitzerin, Jennifer Stewart, verfügte die Stute über ein sehr großes Potenzial, das sie aber irgendwie nicht abrufen konnte. Sie flehte Casey an, es doch mit ihr zu versuchen. «Sie haben in Badminton und Kentucky gewonnen und gehören weltweit zu den besten jungen Reitern. Ich bin sicher, dass mein Pferd unter ihnen sein ganzes verborgenes Talent entfalten wird», schwärmte sie ihr in einer ihrer zahlreichen E-Mails vor.

In einer anderen Mail an Mrs Smith hatte sie Roxy als «begabt, aber nicht pflegeleicht»bezeichnet.

Das wiederum war nicht gerade nach Caseys Geschmack.

«Es hört sich irgendwie verdächtig an. Jennifer Stewart kommt bei mir wie eine Immobilienmaklerin rüber, die ein ganz gewöhnliches Objekt als ‹leicht renovierungsbedürftiges› Traumhaus verhökern will. Dann ziehst du ein und stellst fest, dass du dir eine elende Ruine angelacht hast.»

Ihre Trainerin schüttelte verwundert den Kopf. «Ich wünschte, du könntest dich selbst hören. Bist du jenes Mädchen, das vor weniger als drei Jahren einem Abdecker für einen müden Dollar ein Knochengerüst von einem Gaul abgekauft und es zu einem der besten Vielseitigkeitspferde dieses Landes gemacht hat? Jetzt rümpfst du die Nase über eine reinrassige, wettkampferfahrene Stute, nur weil sie von ihrer Besitzerin als ‹nicht gerade pflegeleicht› beschrieben wird.»

«Sie verharmlosen. Stewart hat sie unverblümt als ‹nicht pflegeleicht› bezeichnet», wandte Casey ein, wohl wissend, dass sie auf verlorenem Posten stand. Und Mrs Smith hatte ja nicht völlig unrecht. Eine Stute, die noch nicht ganz ‹fertig› war, konnte sich als durchaus interessanter und lehrreicher Partner herausstellen und sie außerdem davon ablenken, dass sie für eine Weile auf Storm verzichten musste.

«Sie haben wie immer recht. Ich muss mit mehr Pferden Erfahrungen sammeln, und mit Lady Roxanne bietet sich für mich die ideale Gelegenheit, ein Pferd, das ein ganz anderes Temperament hat als Storm, von Grund auf kennenzulernen und zu verstehen. Wenn ich es mir richtig überlege, kann ich es kaum erwarten, mit Roxy zu trainieren.»

Casey erinnerte sich an diese Worte, als sie Lady Roxanne jetzt zum Anbindepfosten in den Hof führte. Sie trat einen Schritt zurück, um ihr neues Pferd zu bewundern. Die karamellfarbene Stute hatte eine glänzende schwarze Mähne und leuchtende, intelligente Augen. Wenn sie nicht gerade finster dreinblickte oder um sich schnappte, war sie ein wirklich hübsches Pferd.

Von ihrem neuen Umfeld abgelenkt, stand Roxy ganz ruhig da, selbst als Casey den Sattel richtete. Die Stute wirkte völlig gelassen. Casey entspannte sich. Die Quetschepisode von eben war wohl eine einmalige Entgleisung gewesen. Sie griff nach dem Sattelgurt, um ihn festzuziehen.

«Autsch!»

Ihr Schrei war so laut, dass er die Vögel in den umstehenden Bäumen aufscheuchte. Roxy hatte mit den Zähnen in ihren linken Arm gekniffen. Casey wand sich vor Schmerz.

Während sie leise vor sich hin fluchte und die gerötete Haut massierte, stellte sie erstaunt fest, dass Roxy die Ohren aufgestellt hatte und scheinbar unbeteiligt in die Ferne blickte, als wäre das wimmernde Mädchen neben ihr nichts als eine totgeklatschte Fliege.

Casey blickte sich im Hof um und war erleichtert, dass niemand Zeuge dieser peinlichen Szene geworden war. Die Reitlehrer besuchten gerade einen Schulungskurs, und die Stallmädchen hatte Morag zu einer Pferdeshow mitgenommen. Verärgert sah Casey auf die Uhr. Wo in aller Welt mochte wohl Mrs Smith stecken? Ihre Trainerin war gestern wegen einer geheimnisvollen Besorgung nach Brighton gefahren und jetzt war sie schon anderthalb Stunden verspätet. Dabei hatten sie sich zum ersten Training nach der Pause verabredet und mussten mit einem nicht gerade pflegeleichten Pferd fertigwerden. Casey hatte geduldig gewartet, doch schließlich überkam sie die Lust, ihre neue Stute auf eigene Faust aus dem Stall zu holen.

Wenn Mrs Smith eine normale Trainerin gewesen wäre, hätte sie sie anrufen können, doch Mrs Smith verabscheute Mobiltelefone. Sie weigerte sich sogar, jenes zu benutzen, das ihr Casey auf ihrer Rückreise aus den USA gekauft hatte. Also war Casey ganz allein mit Lady Roxanne, die ihrem Namen keinerlei Ehre machte.

In der Hoffnung, ihr neues Pferd zu beeindrucken, erklärte sie Roxy eindringlich aber freundlich, dass Beißen, Treten und Gegen-die-Stallwand-Quetschen in White Oaks absolut tabu waren. Doch die Stute schenkte ihr keine Beachtung. Vorsichtig hob Casey ein Sattelblatt und legte ihre Hand behutsam auf den Sattelgurt. Keine Reaktion. Doch als sie sich vorbeugte, um ihn anzuziehen, ließ Roxy ihren Kopf blitzartig herumschnellen und biss so herzhaft in Caseys Hinterteil, dass diese laut schreiend einen großen Satz in die Luft machte.

Ein schallendes Lachen ließ Roxy und Casey erstarren. Mit zusammengekniffenen Augen blickte Casey zum Stall hinüber, wo im Halbdunkel ein Mann gegen die Wand gelehnt stand. Sie konnte kaum glauben, dass sie ihn nicht schon vorher bemerkt hatte, wo er doch nur ein paar Meter von ihr entfernt war. Doch mit seinem schwarzen Poloshirt, der dunkelbraunen Reithose und den hohen schwarzen Stiefeln war er im Schatten des Stallgebäudes wirklich schlecht zu sehen.

Gemächlich streckte er sich und trat ins Licht. Casey verschlug es den Atem. Er war etwa fünf Zentimeter kleiner als Peter und so strohblond wie ihr Freund pechschwarz war, aber er hatte ein Aussehen, das man in einem Teenager-Magazin als «hammermäßig»bezeichnet hätte.

«Wenn du ihr beim nächsten Mal eine Karotte gibst, wird sie so überrascht sein, dass sie sich sofort beruhigt», sagte er freundlich. «Natürlich wird sie weiter versuchen, nach dir zu schnappen, aber wenn du ihr auch dann wieder eine Karotte gibst, wird sie schnell lernen, eine negative zu einer positiven Erfahrung zu machen.»

Was er sagte, ergab Sinn, doch langsam wurde Casey wütend. Sie ließ sich von einem dahergelaufenen jungen Mann doch nicht sagen, was sie zu tun hatte. Schon gar nicht, wenn er noch dazu gut aussah und sie von Schmerzen gequält wurde. «Ach so?», sagte sie unterkühlt.

Doch der junge Mann grinste nur und wischte sich eine blonde Haarsträhne aus der Stirn, um dann zu sagen: «Aber das weißt du bestimmt alles schon. Du hättest nicht geschafft, was du geschafft hast, und schon gar nicht mit einem so brillanten und gleichzeitig komplizierten Pferd wie Storm Warning, wenn du nicht außerordentlich gut mit Tieren kommunizieren könntest.»

Casey fühlte sich sogleich schlecht, weil sie sich derart über eine Kleinigkeit geärgert hatte, zumal der junge Mann ihr offensichtlich nur hatte helfen wollen. Außerdem war ihr jeder Mensch, der Storm mit Lob eindeckte, sympathisch. Lächelnd gab sie zurück: «So weit würde ich nicht gehen. Bei Roxy jedenfalls habe ich mit meiner Pferdeflüsterei bisher noch gar nichts erreicht.»

«Möchtest du es nicht mit dem Karottentrick versuchen?»

Casey wusste nicht so recht. Ihr Arm und ihre rechte Hinterbacke taten ihr höllisch weh, und sie hatte keine Lust, nochmals angeknabbert zu werden. Dennoch sagte sie: «Klar, warum nicht?»

Als sich Roxy wieder mit gefletschten Zähnen zu ihr umdrehte, steckte Casey ihr kurzerhand eine Karotte ins Maul. Nun war die Stute zu sehr mit dem Kauen der Karotte beschäftigt, um an den Sattelgurt auch nur zu denken. Mit zwei weiteren Karotten schaffte es Casey problemlos, den Gurt festzuzurren.

«Brauchst du Hilfe?»

Casey zögerte. Die Aufstiegshilfe stand auf der anderen Seite des Hofs. Roxy war endlich bereit. Vielleicht war es besser, jetzt aufzusitzen, wo die Stute ruhig war. «Ja … äh … gerne.»

Als sich der unbekannte Besucher bückte, um ihr mit verschränkten Händen beim Aufsteigen zu helfen, streifte er mit seinem Bizeps leicht Caseys Brust. Urplötzlich fühlte sie sich zu ihm hingezogen, und gleichzeitig überkam sie ein unerklärlicher Anflug von Angst und Schuld. Der Konflikt dieser Gefühle brachte sie derart aus dem Konzept, dass sie beinahe auf der anderen Seite von Roxy wieder hinuntergerutscht wäre.

«Mach dir bloß keine Gedanken. Das hier ist meine erste Reitstunde», sagte sie scherzhaft, während sie sich, puterrot angelaufen, wieder in den Sattel zurückkämpfte.

«War ganz allein mein Fehler», sagte er charmant. «Habe wohl meine eigene Kraft falsch eingeschätzt. Dich jedenfalls würde niemand für einen Amateur halten, Casey Blue, von wegen erster Reitstunde …»

Casey nahm die Zügel auf. Jetzt, da sie von oben auf ihn hinuntersehen konnte, hatte sie die Situation wieder eher im Griff. Außerdem kam ihr der Besucher irgendwie bekannt vor. «Du scheinst meinen Namen zu kennen. Würde es dir etwas ausmachen, mir zu sagen, wie du heißt?»

«Entschuldige, ich habe wohl heute meine guten Manieren zu Hause vergessen. Ich heiße Kyle. Freut mich, dich endlich kennenzulernen. Ich habe es mir schon längst gewünscht», sagte er in einem Ton, als hätte er seit Monaten an nichts anderes gedacht.

«Warum?», entfuhr es Casey.

Grinsend gab er zurück: «Warum nicht? Du bist schließlich die heißeste junge Reiterin im ganzen Land.»

Als er ihr die Hand entgegenstreckte, sagte ihr ein sechster Sinn, dass ihr der Kontakt mit diesem Jungen nichts Gutes bringen würde. Mit aller Kraft riss sie ihren Blick von seinen dunkelblauen Augen los und ließ ihn zum Gatter in der Ferne schweifen. Wo bloß Mrs Smith stecken mochte?

Unterkühlt antwortete sie: «Das bin ich bestimmt nicht. Aber trotzdem vielen Dank. Bist du Vielseitigkeitsreiter?»

«Was denkst du bloß? Dafür bin ich nicht mutig genug. Auf dem Boden fühle ich mich viel besser und riskiere keine Knochenbrüche. Ich coache ein bisschen.»

Jetzt endlich fiel der Groschen. Casey verbarg ihre Überraschung, indem sie ihrer unruhigen Stute erlaubte, ein paar Schritte nach vorne zu machen. Sie hätte sein Kompliment erwidern und ihm sagen können: «Ich weiß, wer du bist. Du bist der heißeste Trainer von Großbritannien. Aber irgendetwas an seiner selbstbewussten Schulterhaltung sagte ihr, dass ihm das längst klar war. Im vergangenen Oktober war er als bisher jüngster Kandidat für die Auszeichnung Golden Horseshoe Instructor of the Year nominiert worden, hatte sich dann aber nach einer umstrittenen Schlussentscheidung mit dem zweiten Platz zufrieden geben müssen. Danach kursierten in der Vielseitigkeitsszene wilde Gerüchte über die Vergabe des Titels. Da der Gewinner mit einem der Jury-Mitglieder verwandt war, ging man allgemein davon aus, der Ausgang des Verfahrens sei manipuliert und Kyle um den Titel betrogen worden.

Casey brachte Roxy wieder zum Stehen. «Bist du Kyle West?»

Immer noch grinsend, gab er zurück: «Ja, ich glaube, so steht’s in meinem Personalausweis.» «Trainierst du hier jemanden?»

Er kam ihr einen Schritt entgegen, wischte sich wieder das blonde Haar aus der Stirn und blickte zu ihr hinauf: «Nö, ich bin hergekommen, um dich zu treffen.»

«Mich?»

«Ja, ich würde mich gerne mit dir unterhalten, wenn du nichts dagegen hast.»

Casey platzte beinahe vor Neugier, doch sie ließ sich nichts anmerken. «Kein Problem, wenn’s dir nichts ausmacht, eine Stunde oder so zu warten. Du hast bestimmt gesehen, dass Roxy und ich gerade dabei sind, uns gegenseitig kennenzulernen, und Mrs Smith, meine Trainerin, die eigentlich längst hier sein sollte, ist es nicht.»

Kyle lief neben ihnen her, als sie aus dem Hof ritten. «Kein Problem. Passt es für dich, wenn ich dir bei der Arbeit ein bisschen zusehe? Aber bitte, ich will mich nicht aufdrängen.»

«Passt für mich», sagte Casey, nicht ahnend, dass nach diesen drei gedankenlos hingeworfenen Worten nichts mehr sein würde wie vorher.

2

Es war ein heller und freundlicher Tag, auch wenn die Wolkenbänke tief hingen. Umgeben von Blumenwiesen, weidenden Schafen und den fünfhundert Jahre alten Eichen, denen das White Oaks Equestrian Centre seinen Namen verdankte, sah der Reitplatz am heutigen Morgen einladender aus als je zuvor. Dennoch entschied sich Casey für die Halle, weil sie mehr Privatsphäre bot.

Vielleicht wunderte sich Kyle darüber. Aber er sagte kein Wort. Ohne zu fragen, ließ er sich auf der Holztribüne nieder, die für die Winterturniere erstellt worden war, und blieb dort so ruhig und regungslos sitzen, dass er beinahe unsichtbar wirkte.

Anfangs fühlte sich Casey durch seine Anwesenheit verunsichert, doch schon bald überwog die Freude, endlich wieder im Sattel eines willigen Pferdes zu sitzen. Jennifer Stewart hatte nicht übertrieben. Roxy hatte jede Menge Talent. Die Hinterhand musste entschieden noch aktiviert werden, aber sonst bewegte sich die Stute sehr gut. Abgesehen von den Schwierigkeiten beim Satteln gab es nur noch eine kurze Aufregung, als Casey einen Abwurf abwenden musste, weil Roxy im Übermut einmal leicht bockte.

Je länger das Training dauerte, desto selbstbewusster wurde Casey. Sie fand auch Gefallen daran, dass Kyle sehen konnte, wie gut sie ritt, und dass sie dabei war, eine Beziehung zu Roxy aufzubauen. Damit konnte sie die peinliche Szene im Hof wiedergutmachen. Gleichzeitig fühlte es sich seltsam an, ein anderes Pferd als Storm zu reiten. Roxy hatte weder Storms Kraft noch seine Durchlässigkeit und war nicht in der Lage, ihre Gedanken zu lesen, aber sie reagierte gut, und Casey spürte, dass Roxy ein authentisches Pferd war. Dass sie auch eine gute Springerin war, stellte sie unter Beweis, indem sie locker eine Reihe von steilen Hindernissen meisterte, als sei sie bei einer Springkonkurrenz. Casey konnte kaum glauben, dass es sich dabei um dasselbe Pferd handelte, das vor ein paar Minuten noch nach ihr geschnappt hatte.

Kyle seinerseits hüllte sich in Schweigen. Er saß etwas vornübergebeugt und mit leicht gerunzelter Stirn da. Wenn er seinen Kopf drehte, um Caseys Vorankommen zu verfolgen, erstrahlte sein blondes Haar im goldenen Licht. Casey entging nicht, dass er ab und zu auf sein Handy schielte, doch jedes Mal, wenn sie vor ihm vorbeiritt, hatte er sich wieder ihr zugewendet.

«Irgendwelche Anregungen?», rief Casey, als sie Roxy wieder Schritt gehen ließ.

«Super, ganz große Klasse. Klar, es gibt immer ein paar Dinge, die sich verbessern lassen, aber die sind so klitzeklein, dass sie nicht der Rede wert sind.»

Casey hielt vor ihm an und hakte nach: «Schieß los, was sind das für klitzekleine Dinge?»

«Wie gesagt, nicht der Rede wert.»

«Dann kann ich sie auch leicht loswerden. Bitte, worum geht’s?»

«Es ist … äh … die Sache mit deinem Fuß. Tust du das immer?»

«Welche Sache mit meinem Fuß?»

«Dass du im Steigbügel deinen Fuß immer nach außen drückst, gegen den kleinen Zeh?»

Zum zweiten Mal an diesem Tag kam sich Casey wie eine Anfängerin vor. «Was? Nein … äh … nicht dass ich wüsste. Sieht es so aus, als würde ich das tun?»

Er zuckte die Schultern. «Du spürst es vielleicht gar nicht, aber glaub mir, du machst es. Am Boden ist es auch kaum bemerkbar. Aber beim Springen destabilisiert es deinen Unterschenkel. Nicht gerade vorteilhaft für den Cottesmore Leap in Burghley.»

Casey kannte dieses Hindernis gut. Sie hatte es bei der letztjährigen Fernsehübertragung genau studiert. Es handelte sich dabei um das größte Vielseitigkeitshindernis der Welt, das nicht nur enorm hoch war, sondern auch noch aus einem furchterregend tiefen und breiten Graben bestand. Viele Reiter machten beim Abschreiten des Parcours einen großen Bogen um diesen Sprung, um nicht schon vor dem Start das Nervenflattern zu kriegen.

«Kein Problem, das kriegen wir schon hin. Jetzt stell dich mal in den Steigbügeln auf und suche dein Gleichgewicht. Merkst du, wie dein Gewicht automatisch nach innen drängt? Jetzt versuch’s auch mal im Schritt, im Trab und im Galopp. Ja, gut. Das sieht schon viel besser aus. Fühlt es sich nicht auch besser an?»

«Doch», sagte Casey. Sie wollte ihm nicht gestehen, dass ihre Trainerin Mrs Smith sie in den drei Jahren ihrer Zusammenarbeit niemals auf diesen anscheinend kritischen Fehler hingewiesen hatte.

«Versuch’s doch mal mit dem Oxer. Mal schauen, ob’s funktioniert.»

Casey sprang den Oxer und schloss gleich noch einen Steilsprung an. Der Unterschied war frappierend. Sie fühlte sich viel verbundener mit dem Pferd und auch sicherer. Auch das Pferd schien sich bei den Sprüngen viel wohler zu fühlen.

Kyle applaudierte ihr. «Du bist wirklich ein Naturtalent. Die meisten meiner Schüler brauchen Wochen, um eine solche Änderung umzusetzen.»

Casey blieb vor ihm stehen. «Sonst noch was? Du hast von ein paar kleinen Sachen gesprochen.»

Mit einem Lachen antwortete er: «Oh nein, das reicht für einen Tag. Es ist mir ohnehin peinlich, dass ich es überhaupt angesprochen habe. Du hast Badminton und Kentucky gewonnen. Du brauchst bestimmt keine Tipps von mir. Nein, echt jetzt, ich bin ein großer Fan von dir, Casey.»

Casey lief rot an. «Danke. Und wenn du mich noch zehn Minuten aushältst, können wir jetzt noch miteinander reden, so wie du es gewünscht hast.»

Voller Selbstvertrauen trieb sie Roxy zu einem Galopp an. Elegant meisterte die Stute den Steilsprung und drehte zum Oxer ab. Dann stellte sie die Ohren auf und legte plötzlich an Tempo zu. Doch im allerletzten Moment trat sie auf die Bremse.

Casey wurde mit zappelnden Armen und Beinen nach vorn katapultiert, als sei sie aus einem Kanonenrohr abgefeuert worden. Für einen kurzen Augenblick sah sie, wie Kyle sich in Zeitlupe in ihre Richtung bewegte, und sie hatte gerade noch Zeit, sich innerlich anzuspannen, bevor sie bäuchlings im Staub landete – wie ein Frosch, den man aus großer Höhe auf den Boden geklatscht hatte. Minutenlang rang sie nur noch nach Atem, alles tat ihr weh, vor allem ihre Rippen und die Bissstellen an Arm und Gesäß. Aber am meisten schmerzte sie die Erniedrigung.

Kyle kam mit Roxy herbeigeeilt und half ihr auf die Füße.

«Irgendwelche Ratschläge?», fragte Casey, als sie ihre Stimme schließlich wiedergefunden hatte.

Grinsend gab ihr Kyle zur Antwort: «Besteige nie ein Pferd, das dich am Boden nicht akzeptiert hat.»

Nachdem sie Roxy in den Stall gebracht hatte und von dieser glücklicherweise nicht malträtiert worden war, begleitete Casey Kyle auf den Parkplatz.

«Es tut mir leid, dass du dir das mit ansehen musstest. Mir jedenfalls ist es oberpeinlich.»

Kyle musste lachen. «Stell dich doch nicht so an. So was kann dem allerbesten Reiter passieren. Klar, unsere Miss Roxy ist keine einfache Dame. Aber wenn es jemand gibt, der sie in den Griff bekommen kann, dann bist bestimmt du es.»

Casey blieb stehen. «Ich würde deinen Optimismus liebend gern teilen. Aber verrätst du mir jetzt, was du mit mir besprechen willst?»

Er blickte zu Boden. Seine langen, dunklen Wimpern warfen einen Schatten auf seine Wangen. «Ich … äh … weiß nicht so recht, ob es eine gute Idee ist. Weißt du, ich bin wegen eines Gerüchts hier, das nicht verstummen will …»

«Ein Gerücht?»

«In der Szene wird gemunkelt, dass Mrs Smith an einen Rücktritt denkt. Kann gut sein, dass du es anmaßend findest, aber ich wollte dich fragen, ob du mir vielleicht die Ehre erweisen würdest, dich trainieren zu dürfen. Du hast die riesengroße Chance, dieses Jahr die Burghley Horse Trials zu gewinnen, und ich möchte der Trainer sein, der dich darauf vorbereitet.»

Casey war wie betäubt. «Ich hatte keine Ahnung, was du mir sagen wolltest. Aber das hätte ich zuallerletzt erwartet. Es schmeichelt mir zwar, dass du mich trainieren willst, aber ich muss dir sagen, dass du völlig schief liegst. Mrs Smith wird wegen ihres Alters immer wieder falsch eingeschätzt, aber wenn du sie näher kennen würdest, wäre auch dir klar, dass sie mit ihren über sechzig Jahren mehr Intelligenz, Kraft, Energie und Jugendlichkeit mitbringt als die meisten Zwanzigjährigen …»

Sie wurde vom Rattern eines um die Ecke kurvenden Busses übertönt, der mit zischender Druckluft vor dem Reitzentrum zum Stehen kam.

«Sie ist kerngesund und denkt nicht im Traum daran, das Handtuch zu werfen …»

Klappernd öffnete sich die Tür des Busses, und Mrs Smith trat heraus. Als sie ihren rechten Fuß auf die Straße setzte, schien er kurz nachzugeben, woraufhin sie einen Augenblick lang taumelte, bevor sie sich schließlich doch noch auffangen konnte. Ihr Gesicht war kreideweiß, und jedes einzelne ihrer dreiundsechzig Jahre war ihr anzusehen. Ihre normalerweise faltenfreie indische Baumwollbluse und die Hose waren zerknittert, und Casey hatte das Gefühl, dass Mrs Smith sich in der leichten Brise über den Fahrweg kämpfen musste.

«Guten Morgen allerseits», rief sie ihnen munter zu. «Bitte entschuldige meine Verspätung, Casey. Öffentlicher Verkehr, nimmer mehr!»

Kyle wandte sich ab, um sein waldgrünes MG-Cabrio zu entriegeln. Sein Gesichtsausdruck sprach Bände. «Okay, Casey, ich bin dann mal weg. Ich lasse dich jetzt in Ruhe.»Dann drückte er ihr eine Visitenkarte in die Hand. «Es war mir ein Vergnügen. Ruf mich an, wenn du mich brauchst.»

Casey wich seinem Blick aus. «Werde ich nicht tun, aber danke.»

Vielleicht bildete sie es sich nur ein, aber als sie ihre Trainerin umarmte, kam sie ihr abgemagert, um nicht zu sagen zerbrechlich vor.

«Wer war das denn?», fragte Mrs Smith, als der schnittige MG vom Parkplatz fuhr.

Casey hielt sich die Ohren zu, um sie vor dem aufheulenden Motorenlärm des durch die Allee davonbrausenden Sportwagens zu schützen.

«Ach niemand Wichtiges.»

3

Mit acht Jahren hatte Casey beschlossen, Vielseitigkeitsreiterin zu werden. Sie erinnerte sich noch genau an diesen Augenblick. Sie lag auf dem schäbigen alten Sofa bei ihrem Vater zu Hause, 414 Redwing Towers, einem Sozialwohnungskomplex in East London, und war gerade dabei, zum x-ten Mal ihren Lieblingspferderoman zu verschlingen. Von der Küche her drang der verlockende Duft des bevorstehenden vegetarischen Abendessens zu ihr herüber. In der Ecke knisterte ein kleiner Fernseher leise vor sich hin.

«Fünf Minuten bis zum Start, Casey», rief ihr Vater, was so viel bedeutete wie: Buch hinlegen und Tisch decken. Doch Casey machte keine Anstalten, mit dem Lesen aufzuhören. Sie war mitten in der spannendsten Passage des Romans. Auch wenn sie den Ausgang der Geschichte kannte und genau wusste, dass das Fohlen vor dem scheinbar sicheren Tod gerettet wird, schlug ihr das Herz bis zum Hals.

«Casey Bluuee, wo bist duu?», sang ihr Vater.

«Gleich», gab sie zurück, ohne den Blick vom Buch zu lösen. Zwei Kapitel später klappte sie es widerwillig zu und sprang vom Sofa, um gleich von einem anderen Pferd in den Bann gezogen zu werden. Diesmal war es eines, das über den TV-Schirm flimmerte. Noch nie hatte sie ein derart fittes Pferd gesehen, und auch sein Reiter war in bestechender Form. Sie galoppierten über einen von Zuschauern gesäumten Parcours – wie verschmolzen in Kraft und Eleganz. Jetzt baute sich vor ihnen ein kolossales Hindernis auf. Das Pferd übersprang es scheinbar mühelos.

Casey setzte sich wieder auf das Sofa.

Als ihr Vater mit zwei Tellern dampfender Lasagne aus der Küche kam, wollte er gerade den Mund öffnen, um sie zurechtzuweisen. Doch dann sah er, was sie fesselte. Caseys Mutter war gestorben, als sie gerade zwei Jahre alt war, und seither waren Pferde ihr Ein und Alles: Pferde in Büchern und im Fernsehen, Polizeipferde auf der Straße, ja selbst die Klepper und Ponys eines heruntergekommenen Reiterhofs in der Nähe. Roland war dieser Pferdeliebe gegenüber wohlwollend eingestellt. Er holte Besteck und Servietten und setzte sich neben sie.

«Was läuft denn gerade? Super, das ist ein Zusammenschnitt der Badminton Horse Trials. Ich kenne mich ja nicht besonders gut aus, aber ich glaube, das ist einer der härtesten Sportwettkämpfe der Welt. Vor allem wegen der furchterregenden Hindernisse. Schau mal, da ist gerade so eines. Sind die jetzt echt über ein Haus gesprungen? Oh mein Gott, diesen Baumstamm haben sie berührt. Ich hab schon gedacht, jetzt stürzen sie.»

«Ich auch», stieß Casey hervor.

«Ich glaube aber, für Badminton müssen Pferd und Reiter extrem vielseitig sein, denn sie werden in Dressur – eine Art Pferdeballett – Geländeritt und Springen geprüft.»

«Wow, da braucht man ja ein Pferd mit Flügeln.»

«Genau.»

Als hätten sie ihnen zugehört, flogen Pferd und Reiterin über ein hohes Gatter, doch das Gelände auf der anderen Seite war nicht flach, sondern fiel steil ab. Der Aufnahmewinkel der Fernsehkamera ließ den Sprung selbstmörderisch erscheinen. Die beiden stürzten im freien Fall in die Tiefe.

«Wenn das nur gut geht», sagte Roland Blue.

Doch nicht nur schaffte das Pferd den Sprung, sondern es landete auch unbeschadet und sauber mit aufgestellten Ohren am Fuß der abschüssigen Böschung. Sofort preschte es weiter und stellte dabei auch noch frech den Schweif auf. Die Reiterin, bei der es sich, wie Casey später erfuhr, um Lucinda Green handelte, unterwegs zu einem ihrer sechs Badminton-Siege, tätschelte das Pferd voller Begeisterung und mit einem breiten Grinsen.

Casey war so überwältigt, dass ihr für ein paar Minuten die Sprache wegblieb. Als sie schließlich den Mund öffnete, sagte sie mit einer Überzeugung, die nur von einem achtjährigen Mädchen kommen konnte, das die harte Realität des Lebens ganz ohne Geld und Beziehungen noch nicht kennengelernt hatte: «Eines Tages wirst du mich so reiten sehen.»

Knapp ein Jahrzehnt später war dieser Tag gekommen. Als sie jetzt in der Küche des Peach Tree Cottage saß und auf dem Laptop ihre Fanpost sortierte, fragte sich Casey, ob sie wohl aufgegeben und eine weniger harte Laufbahn ergriffen hätte, wenn ihr bewusst gewesen wäre, was alles auf sie zukommen würde. Vielleicht hätte sie Kunst studieren oder Tierarzthelferin werden sollen?

Noch während sie darüber nachgrübelte, fiel ihr Blick auf ein am Kühlschrank hängendes Foto. Es zeigte sie selbst als strahlendes dreizehnjähriges Mädchen in einer Reithose aus dem Secondhandladen und einem T-Shirt mit der Aufschrift Hope Lane Riding School. Sie musste lachen, als sie an die Zeit zurückdachte. Das Bild zeigte, dass Pferde schon damals ihre ganze Leidenschaft gewesen waren – und dies noch vor ihrer Zeit als Freiwillige auf dem heruntergekommenen Reiterhof in Hackney, der scherzhaft Hopeless Lane genannt wurde. Doch später war aus Leidenschaft Lebensinhalt geworden. Nachdem sie zusammen mit ihrem Vater den abgemagerten und völlig verstörten Storm vor dem sicheren Tod beim Abdecker gerettet hatte, war ihr Schicksal besiegelt. Von jenem Tag an wusste sie, dass für sie das Leben nur Sinn machen würde, wenn es sich um ihr geliebtes Silberpferd drehte.

Drei Jahre später hatte sie alles erreicht, was sie sich erträumt hatte – und noch viel mehr dazu. Sie hatte zwei der renommiertesten Turniere der Welt gewonnen und war innerhalb von sechs Monaten von tiefer Armut in einen verhältnismäßigen Wohlstand katapultiert worden. Zu Beginn ihrer Zeit in der Vielseitigkeitsszene waren sie und Mrs Smith in einer Klapperkiste von einem Transporter unterwegs gewesen, mit dem normalerweise drei zottelige Esel durch die Gegend gekarrt wurden. Ihre Reitklamotten stammten aus dem Secondhandladen, und das schlecht sitzende Sattelzeug musste sie sich von der Hopeless Lane ausborgen.

Jetzt lieferten ihre großzügigen Sponsoren fast jeden Tag sorgsam in Zellophan verpackte Reitkleider, glänzende Stiefel, erstklassiges Sattelzeug und nur das allerbeste Pferdefutter. Gerade heute Morgen hatte ihr ein Unternehmen per E-Mail einen luxuriösen Pferdetransporter angeboten, auf dem ihr Name prangen würde. Casey, die bisher im anständigen, aber einfachen Pferdetransporter von White Oaks durch die Gegend gefahren wurde, war außer sich gewesen vor Freude. Ohne Mrs Smith, ihre inoffizielle Managerin und Trainerin, zu fragen, hatte sie die Mail postwendend mit den Worten: Ja! Ja! Ja! Danke! Danke! Danke! zurückgeschickt.

Es passte also alles in ihrem Leben, zumal sie neben ihren sportlichen Erfolgen auch einen Freund hatte, der sie liebte, ganz zu schweigen von dem schmucken kleinen Landhaus und den ausgezeichneten Trainingsanlagen in White Oaks.

Aber tief in ihrem Inneren war sie trotzdem nicht glücklich.

Irgendetwas stimmte nicht. Irgendetwas wurmte sie. Die Küche war immer ihr liebster Aufenthaltsort im Peach Tree Cottage gewesen, denn hier war es besonders gemütlich und oft duftete es herrlich nach frischem Apfelkuchen. Heute Nachmittag jedoch wirkte alles düster und kalt. Casey wusste nicht so recht, ob es mit Kyles Besuch zusammenhing. Er hatte sie verunsichert und ihre Nerven strapaziert. Vielleicht aber war es auch etwas ganz anderes. Was auch immer es sein mochte, es fühlte sich nicht gut an.

Sie blickte auf den Bildschirm ihres Laptops. Sie hatte 181 ungelesene E-Mails in ihrem Posteingang. Die meisten stammten von jungen Fans, die sie mit ihren Erfolgen inspiriert hatte. Einige waren so schmeichelhaft, dass sie beinahe errötete. Bei den restlichen E-Mails handelte es sich vor allem um Anfragen von potenziellen Sponsoren und Journalisten. Lauter gute Nachrichten, die sie eigentlich glücklich und zufrieden stimmen sollten. Weshalb also dieses Unbehagen?

Casey knallte den Deckel ihres Computers zu und schob den Stuhl zurück. Dann trat sie aus dem Haus, schloss die Küchentür hinter sich ab und lief querfeldein zu Storm. Kyle war an allem schuld. Hätte er sie nicht mit dem Gerücht aufgeschreckt, Mrs Smith würde sich demnächst zurückziehen, wäre sie jetzt noch genauso entspannt und ruhig wie heute Morgen beim Aufstehen.

Doch so hatte sie Mrs Smith gleich nach ihrer Ankunft, kaum dass sie ihre Tasche abgestellt und einen Chai-Tee getrunken hatte, mit der Frage konfrontiert, ob sie wirklich im Sinne habe, sich aus gesundheitlichen Gründen aus dem Sport zurückzuziehen. Wie nicht anders von ihr zu erwarten war, brach Mrs Smith in schallendes Gelächter aus.

«Meine Liebe, muss ich wirklich meine guten alten Gewohnheiten über Bord werfen und anfangen, dickes Make-up aufzutragen? Ich sehe anscheinend viel schlechter aus, als ich mich fühle.»

Casey war genervt. «Können Sie nicht wenigstens einmal ernsthaft auf eine Frage antworten? In den vergangenen Monaten haben Sie häufig über Kopfschmerzen geklagt und müde und angeschlagen gewirkt. Und in Kentucky gab es Tage, da haben Sie richtig krank ausgesehen.»

Mrs Smith blickte sie ungläubig an. «Soll das ein Witz sein? In Kentucky hat mir einfach die Bruthitze zugesetzt. In der Sahara wäre es vergleichsweise kühl gewesen. Außerdem waren wir Opfer einer Erpressung. Was die Müdigkeit angeht, so konntest du dir nach Kentucky eine Pause gönnen. Ganz im Gegensatz zu mir. Kaum war ich aus dem Flugzeug gestiegen, habe ich weitergearbeitet – trotz Jetlag. In den letzten zwei Wochen habe ich mit Sponsoren verhandelt, mich mit den Medien herumgeschlagen und dir ein Ersatzpferd beschafft. Darf ich dich daran erinnern, dass ich für meine 63 Jahre noch recht fit bin? Was glaubst du denn, wer ich bin? Superwoman?»

Sie hatte natürlich recht, aber Casey ließ nicht locker. «Heißt das jetzt, dass Sie an Ihren Rücktritt denken?»

«Willst du denn, dass ich das Handtuch werfe? Geht es dir vielleicht darum? Denkst du, ich sei hinüber und reif fürs Altersheim?»

«Das ist lächerlich», sagte Casey. «Ich habe selten so etwas Abwegiges gehört. Ich habe mir nur Sorgen darüber gemacht, dass Sie sich vielleicht überarbeitet haben. Sie, Dad und Peter sind die wichtigsten Menschen, die ich habe auf dieser Welt. Ihre Gesundheit bedeutet mir mehr als jedes noch so wichtige Turnier, Burghley eingeschlossen. Versprechen Sie mir, dass Sie nichts vor mir verbergen, falls Sie einmal krank werden sollten. Versprechen Sie mir, dass Sie es mir sagen, auch wenn Sie nur einen leichten Schnupfen haben.»

Mrs Smith umarmte sie. «Meine Liebe, du und Storm, ihr seid meine Welt, eine wunderbare Welt. Ich gebe dir mein Wort, dass ich es dir sagen werde, falls es für mich zu anstrengend wird, dich zu trainieren. Aber nichts liegt mir ferner, als an einen Rücktritt zu denken, das kann ich dir versichern. Und ich verspreche dir, dass ich im September in Burghley sein werde, um dich gewinnen zu sehen. Und jetzt erzähl mir von Lady Roxanne. Wie bist du heute Morgen mit ihr zurechtgekommen?»

Storm wartete auf der Weide in der Nähe des Gatters. Er war hungrig. Als er Casey sah, wieherte er freudig. Während sie ihn in den Stall führte, versuchte Casey die beunruhigende Tatsache zu verdrängen, dass Mrs Smith heute Nachmittag zwei Stunden in ihrem Zimmer verschwunden war, obwohl sie zuvor so hartnäckig beteuert hatte, es gehe ihr gut. Angeblich wollte sie Recherchen über neue Trainingsübungen für die nächsten Wochen anstellen, doch als Casey an ihrem Zimmer vorbeiging, war kein Ton zu hören gewesen, was sie zu dem Schluss kommen ließ, dass Mrs Smith sich schlafen gelegt hatte.

Plötzlich schob sich ein Bild des gut aussehenden, jungen Kyle vor Caseys inneres Auge. Seine Ausstrahlung und Energie standen in krassem Kontrast zu dem Bild, das Mrs Smith