GERAUBTE LIEBE - Dacia Maraini - ebook

GERAUBTE LIEBE ebook

Dacia Maraini

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Eine Mutter, die erlebt, wie ihr Mann die gemeinsame, lang ersehnte kleine Tochter zur Schönheitskönigin hochstilisiert. Eine junge Frau, deren nette Bekanntschaft aus dem Fitness-Studio sich zum rasenden Stalker entwickelt. Eine Journalistin, die auf Dienstreise von einem hilfsbereiten Herrn mitgenommen und missbraucht wird. Acht Geschichten von Frauen, deren Liebe oder Vertrauen in Männer enttäuscht wird und die doch nicht auf Hilfe hoffen dürfen, selbst wenn ihr Leben auf dem Spiel steht. Wie bereits in ihrem gefeierten Roman »Stimmen" beschreibt Dacia Maraini einfühlsam und mit großem Respekt vor dem individuellen Schicksal wie die gesellschaftlichen Strukturen das Verhalten der Männer begünstigen und Frauen wenig Raum für selbstbewusstes Handeln lassen.

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Dacia Maraini

GERAUBTE

LIEBE

Geschichten aus dem Italienischenvon Gudrun Jäger

Zum Buch

Eine Mutter, die erlebt, wie ihr Mann die gemeinsame, lang ersehnte kleine Tochter zur Schönheitskönigin hochstilisiert. Eine junge Frau, deren nette Bekanntschaft aus dem Fitness-Studio sich zum rasenden Stalker entwickelt. Eine Journalistin, die auf Dienstreise von einem hilfsbereiten Herrn mitgenommen und missbraucht wird. Acht Geschichten von Frauen, deren Liebe oder Vertrauen in Männer enttäuscht wird und die doch nicht auf Hilfe hoffen dürfen, selbst wenn ihr Leben auf dem Spiel steht. Wie bereits in ihrem gefeierten Roman »Stimmen« beschreibt Dacia Maraini einfühlsam und mit großem Respekt vor dem individuellen Schicksal, wie die gesellschaftlichen Strukturen das Verhalten der Männer begünstigen und Frauen wenig Raum für selbstbewusstes Handeln lassen.

Zur Autorin

Dacia Maraini (*1936), heute eine der wichtigsten Stimmen Italiens, begann sehr früh zu schreiben, nachdem ihre Familie aus dem japanischen Exil nach Süditalien zurückkehrte – in eine ihr fremde männerdominierte Kultur. Ihren Erstling »La vacanza« (»Tage im August«, erschienen 1963) schrieb Maraini mit 17 Jahren. Die streitbare Feministin hat neben Romanen und Kurzgeschichten auch Dramen, Gedichte und Essays verfasst, ein Theater von und für Frauen gegründet und zahlreiche Auszeichnungen erhalten, darunter den renommierten Premio Strega. 2011 war sie für den Man Booker International Prize nominiert.

© 2015

Verlag Silke Weniger, Gräfelfing/Hamburg

herausgegeben von Karen Nölle

Alle deutschsprachigen Rechte vorbehalten

aus dem Italienischen von Gudrun Jäger

Titel der Orginalausgabe: L’Amore rubato,

erschienen 2012 bei Rizzoli Libri

© 2012 RCS Libri S.p.A., Milano

© Autorenfoto: Agenzia Sintesi/VISUM

Lektorat Karen Nölle, Sophia Jungmann

Gestaltung und Satz Kathleen Bernsdorf

ISBN 978-3-942374-70-5

www.editionfuenf.de

Inhalt

Marina ist die Treppe runtergefallen

Das Mädchen Venezia

Der hilfsbereite Vergewaltiger

Chronik einer Gruppenvergewaltigung

Ale und das ungeborene Kind

Die heimliche Braut

Die Nacht der Eifersucht

Anna und ihr Moro

Stimmen zu Dacia Marainis »Geraubte Liebe«

MARINAIST DIE TREPPE RUNTERGEFALLEN

Gianni Lenti, ein junger Arzt, sitzt auf einem Hocker in der Notaufnahme. In der Hand hält er einen Plastikbecher mit Kaffee, in seinen Ohren stecken Kopfhörer, aus denen eine sanfte, exotisch anmutende Musik dringt. Gerade lauscht er einer seiner Lieblingsstellen, sie erinnert ihn an die Bilder von Gauguin, die er vor Kurzem erst in einer Ausstellung gesehen hat. Barfüßige Frauen mit Blumen im Haar, im Hintergrund blaue Pferde, Palmen mit großen wogenden Blättern, die er sich duftend und weich vorstellt.

Heute ist endlich einmal Zeit zum Durchatmen. Den ganzen Morgen über nur ein Schlaganfall. Zum Glück. Eigentlich könnte ich mir ein Eis holen, denkt er. Genau in dem Moment sieht er, wie sich die Glastür öffnet. Vor ihm steht ein junges Mädchen mit vorstehenden Wangenknochen und langen kastanienbraunen Haaren, das nun schleppend näher tritt, mit einem offenkundig gebrochenen Arm.

»Vorbei mit der Ruhe«, murmelt er und geht ihr entgegen. Was zum Teufel ist denn mit der passiert. Als ob ein Lastwagen sie überfahren hätte. Überall blaue Flecken, und der Arm baumelt ihr einfach so an der Seite.

»Sie behauptet, sie wäre die Treppe runtergefallen«, sagt Ada, die Krankenschwester, gereizt. »Kümmerst du dich um sie?«

»Was denn für eine Treppe?«

»Keine Ahnung. Sie sagt nichts. Außerdem hat niemand so genau nachgefragt, wie der Sturz passiert ist. Eine Unterschrift, der übliche Papierkram, das war’s.«

Doktor Gianni Lenti betrachtet das junge Mädchen aufmerksam. Ihm ist, als hätte er sie schon einmal gesehen.

»Waren Sie nicht schon einmal hier in der Notaufnahme, mit zwei gebrochenen Rippen und Würgemalen am Hals?«

Marina Savina – so der Name, der auf dem Aufnahmeformular steht – schüttelt energisch den Kopf. Aber sie kann dem Blick des Arztes nicht standhalten, er scheint zu sagen: Natürlich bist du das, ich erkenne dich doch wieder.

»Was ist passiert?«, schaut er sie weiter forschend an.

»Ich bin die Treppe hinuntergefallen«, antwortet sie, allerdings kaum hörbar, bockig und mit gesenktem Blick.

»Selbst wenn du aus dem Fenster gesprungen wärst«, beharrt er. »Wer hat dir den Arm gebrochen?«

Keine Antwort.

Der Doktor überantwortet sie der Kollegin für die Röntgenaufnahmen. In der Zwischenzeit bereitet er die Schienen und Bandagen für den Gipsverband vor. Marina Savina erträgt die Schmerzen tapfer. Sie beißt die Zähne zusammen und schaut zur Seite, als der Arzt ihren gebrochenen Arm in die Länge zieht, als er ihn mit den angefeuchteten Gipsbinden umwickelt, ihr an die blutige Nase fasst, um zu sehen, ob auch dort etwas gebrochen ist.

»An der Nase ist nichts«, sagt er freundlich, aber auch ungehalten. Er hat schon zu viele Frauen gesehen, die übersät mit blauen Flecken in die Notaufnahme kommen und behaupten, sie seien die Treppe runtergefallen.

»Ihr müsst euch mal was Originelleres einfallen lassen«, sagt er, als er sie zur Tür begleitet. Das magere Mädchen mit den weit aufgerissenen Augen erregt sein Mitgefühl. Aber vor allem beunruhigt ihn ihr Schweigen. Dieses Schweigen der Komplizenschaft oder der Angst, der Abwehr oder Kapitulation?

»Wie kommst du jetzt nach Hause?«, fragt er besorgt. Aber sie antwortet nicht. Er blickt ihr nach, wie sie mit dem Arm in der Schlinge über den bevölkerten Bürgersteig läuft, die ärmliche Tasche aus Kunstleder in der gesunden Hand. Sie geht langsam, ein wenig unbeholfen, wie ein schüchternes und dennoch stolzes Kind, denkt der Arzt, während sie sich langsam in der Menge verliert.

Ungefähr einen Monat später sitzt Doktor Gianni Lenti am Fenster und klagt über die Hitze. Von einem Tag auf den anderen ist es Sommer geworden, die Luft ist schwül und schweißgeschwängert. Wieder hat er die Kopfhörer im Ohr, hört er jene Musik der entfernten Südseeinseln, die ihn so sehr an Gauguins Bilder erinnert. Er ist so müde, dass er kaum in der Lage ist, seinen Lieblingsstellen zu lauschen. An diesem Morgen gab es zwei Autounfälle mit gebrochenen Beinen und zertrümmerten Becken, einen Schlaganfall, zwei Herzinfarkte und drei Fälle von Altersdemenz.

»Heute ist einiges los«, sagt er mit Blick zur Tür der Notaufnahme, die sich nun öffnet und mit einer dumpfen Klage von selbst wieder ins Schloss fällt. Gerade als er versucht, sich ganz auf die hawaiianische Musik zu konzentrieren, und an eine wogende blaue Palme denkt, an der gelbe Früchte voller Tautropfen hängen, sieht er ein Mädchen mit blutender Nase hereinhumpeln.

»Verdammt!«, sagt er halblaut. Das ist doch die mit dem gebrochenen Arm, die letzten Monat schon einmal hier war. Ihr Arm steckt nicht mehr im Gips, sondern hängt ein wenig steif an der Seite. Sie hinkt auffällig, und ihr Gesicht ist übersät mit Blutergüssen. Aus der Nase, die sie mit einem hellblauen Taschentuch abtupft, rinnt reichlich Blut.

»Bist du wieder die Treppe runtergefallen?«, fragt er scherzend und angriffslustig zugleich.

Das Mädchen verzieht ihre blau angelaufenen Lippen zu einem Lächeln.

»Sieh einer an, du kannst ja sogar lachen. Komm, gib’s schon zu, dein Vater schlägt dich«, sagt er, als er sie nun beim Arm nimmt und in den Behandlungsraum führt. Aber sie antwortet nicht, hüllt sich in ihr verstocktes und beschämtes Schweigen.

»Meinetwegen, selbst schuld, wenn du mir nichts sagen willst … Komm, lass mal sehen.« Mit einer scheuen Geste schiebt das Mädchen die rosa Bluse beiseite, auf der entblößten Schulter werden Striemen sichtbar, und der Hals ist voll blauer Male. Mit einer Mischung aus Mitleid und Rührung betrachtet der Arzt das ausgewaschene Unterhemdchen mit den Schweißrändern unter den Achseln.

»Wer hat dich so zugerichtet? Du musst reden. Du kannst nicht schon wieder behaupten, du wärst die Treppe runtergefallen. Das glaubt dir doch keiner. Warum redest du nicht?«

Das Mädchen wirft ihm einen scheuen, aber auch wütenden Blick zu. Als wolle sie ihm sagen, er solle still sein, sich nicht einmischen, das alles gehe ihn nichts an.

Doktor Lenti zuckt resigniert mit den Schultern. Er nimmt sie am Arm und führt sie, sehr behutsam, zum Fenster. Er wagt nicht, sie zu bitten, das Unterhemd auszuziehen. Ganz offensichtlich hat sie darunter nichts an. Also schiebt er nur den Träger beiseite und schaut sich eine Blessur an der Schulter an. Behutsam greift er mit der Pinzette ein Stück Gaze, taucht sie in eine rostfarbene Flüssigkeit und betupft damit die Wunde.

»Hier hinterm Ohr, da ist auch noch etwas. Womit hat er dich geschlagen?«, fragt er sie, wohl wissend, dass er keine Antwort bekommen wird. »Eine Bestie, eine echte Bestie, und du hast nicht den Mut, ihn anzuzeigen. Aber diesmal mache ich das für dich«, empört sich Doktor Lenti, der viel lieber dem sanften Wellenrauschen seiner Musik gelauscht hätte, als sich mit diesem Mädchen zu beschäftigen, das anscheinend weder sehen noch hören will.

Er betrachtet das kleine, unschuldige, abweisende Gesicht. Eine senkrechte Falte teilt ihre Stirn in zwei Hälften. Wie eine Narbe verläuft sie genau zwischen den Augen hindurch, vom Haaransatz bis hinunter zur Nase. Sie ist das einzige Anzeichen für den Kummer, der das Mädchen erfüllt. Ansonsten erscheint ihr Gesicht glatt und undurchdringlich wie das eines Kindes.

Der Doktor beobachtet sie leicht genervt, obgleich er die Tapferkeit bewundert, mit der sie die schmerzhafte Behandlung aushält. Aus ihrem kleinen verschlossenen Mund dringt kein einziger Klagelaut. Er ist jetzt mit dem Reinigen der Wunden fertig. Nimmt sich aus einem Metallkästchen einige Pflaster und schickt sich an, die Wunden abzudecken.

»Zum Glück musste ich nicht nähen. Aber du hast überall blaue Flecken. Hier, ich gebe dir eine Salbe. Trag sie auf, heute Abend, wenn du zu Hause bist.«

Die Nähe ihres Körpers weckt in ihm ein merkwürdiges Gefühl von Zärtlichkeit. Beschützerinstinkt, denkt er. Wie bei einer Tochter. Komisch, dass dieser kleine geschändete Körper keine unangenehmen Gerüche nach Schweiß oder Schmutz verströmt. Sie muss arm, aber dennoch gepflegt sein, sagt sich Doktor Lenti, als er einen leichten Duft von Seife und Minze wahrnimmt.

»Und was ist das?«, sagt er, als er ihr Haar am Kinn beiseite streift. Noch eine Wunde, die er übersehen hat.

»Die muss aber genäht werden. Warte … ich betäube dir die Stelle, aber es wird trotzdem ein bisschen wehtun, schaffst du das?«

Das Mädchen dreht den Kopf zur Seite und presst die Lippen aufeinander.

Der Doktor versucht, behutsam vorzugehen, doch das starrköpfige Mädchen macht ihn ganz nervös. Die Nadel will nicht in ihre Haut eindringen, und er schwitzt, schwitzt bei dem Versuch, ihr so wenig wie möglich wehzutun. Sie hält die Luft an. Er spürt, wie seine Finger in den Plastikhandschuhen unkontrolliert verrutschen. Es kommt ihm vor, als ob die Nadel lebendig wäre und ihm wie eine wild gewordene Schlange entwischte. An einem Punkt rutscht sie ihm ganz aus den Fingern. Er muss eine neue nehmen. Verärgert zieht er die Handschuhe aus, trocknet sich die Stirn mit einem Stück Verbandsmull, hält die Hände unter den Wasserhahn, stülpt sich ein frisches Paar Handschuhe über und beginnt von Neuem zu nähen, während sie still und unbeweglich auf dem Drehhocker sitzen bleibt.

»So, das hätten wir geschafft«, sagt der Doktor schließlich und fährt sich mit dem Ellbogen über die schweißnasse Stirn. Er bemerkt, wie sie ihm einen herausfordernden, ironischen Blick zuwirft. Sie ist blass und angespannt, aber ihre Augen blitzen.

»Du kannst dich wieder anziehen«, sagt er, als er sich am Waschbecken Hände und Gesicht wäscht.

Das Mädchen erhebt sich, zieht die Bluse an, immer noch schweigend, und geht zur Tür.

»Nicht mal ein Dankeschön!«, ruft er ihr laut hinterher.

Von Weitem sieht er sie daraufhin einen lächerlichen Knicks machen, so wie es kleine Mädchen tun, wenn sie einem Priester begegnen.

Du bist wirklich eigenartig, denkt Doktor Gianni Lenti. Doch kaum ist sie gegangen, nimmt er das Aufnahmeformular zur Hand: Marina Savina, achtzehn Jahre alt. Verheiratet. Wenn man sie so sieht, zierlich, zart und dünn, würde man sie auf höchstens vierzehn schätzen.

Wenn sie verheiratet ist, muss der Ehemann der Schläger sein, sagt er sich und schreibt schnell einen Untersuchungsbericht.

»… kommt schon zum dritten Mal zur Behandlung von Platzwunden in die Notaufnahme. Die vorgenannte Marina Savina behauptet, die Treppe hinuntergefallen zu sein. Doch wir sind der Ansicht, dass sie geschlagen wird …«

Na ja, mal schauen, was passiert, sagt sich Gianni Lenti, als er schnellen Schritts zum Café gegenüber dem Krankenhaus läuft. Er braucht unbedingt etwas, das ihn aufbaut. Noch einen Espresso? Das wäre heute schon der dritte. Vielleicht einen Cognac. Oder sogar ein Panino. Wenn er es sich recht überlegt, hat er seit gestern Abend nichts mehr gegessen. Vielleicht ist ja sogar ein Wurstbrötchen drin!

Am Tag darauf klingelt eine schüchterne Sozialarbeiterin an der Wohnungstür des Ehepaars Savina und verlangt nach Marina. Ein junger Mann in hellblauem Hemd und roter Krawatte öffnet die Tür und blickt sie neugierig an.

»Sie wünschen?«, fragt er freundlich.

»Mein Name ist Angela Toro. Ich bin Sozialarbeiterin und komme wegen einer Anzeige.«

»Einer Anzeige?«

»Die Anzeige kommt von der Notaufnahme, wo Frau Savina mehrfach wegen Verletzungen infolge von Schlägen behandelt worden ist. Es handelt sich dabei um Ihre Frau, nicht wahr?«

»Schläge? Ich bitte Sie, reden Sie nicht über Dinge, von denen Sie keine Ahnung haben. Meine Frau leidet an Epilepsie und neigt dazu, zu stürzen, wo sie geht und steht. Sie war deswegen bereits in Behandlung, aber wie das so ist, seit einigen Monaten will sie ihre Medikamente nicht mehr nehmen und hat seitdem häufig Anfälle. Aber bitte, treten Sie doch ein, darf ich Ihnen einen Kaffee anbieten?«

Die junge und noch unerfahrene Sozialarbeiterin schaut sich überrascht um. Dies ist sicher nicht die Wohnung eines Unholds, wie sie sie erwartet hat. Vielmehr ist sie sauber und gepflegt, wenn auch klein. Das Wohnzimmer ist mit einer ockerfarbenen Kunstledergarnitur eingerichtet. Am Ende des Raumes erblickt man hinter einem halb zugezogenen Vorhang eine Kochnische. Auf der anderen Seite ist die Tür zum Schlafzimmer leicht angelehnt. Keinerlei Anzeichen von Verwahrlosung. Und der Hausherr, der verdächtigte Ehemann, sitzt ihr artig gegenüber, die braungebrannten Hände auf den Knien, in seinem jungen und hübschen Gesicht zeichnet sich ein höfliches und gewinnendes Lächeln ab.

»Ihre Frau hat gesagt, sie sei die Treppe hinuntergefallen, aber ich sehe hier keine Treppe.«

»Stimmt schon, wir wohnen im Parterre.« Der junge Mann wirft den Kopf nach hinten und lacht, als hätte er den komischsten Witz aller Zeiten gehört.

»Wie ist es dann passiert, dass sich Ihre Frau den Arm gebrochen hat?«

»Mir wäre es ja lieber, sie würde ganz zu Hause bleiben und nur in meiner Begleitung vor die Tür gehen. Aber Marina ist unruhig. Sie geht gern alleine raus, während ich auf der Arbeit bin. Sie bummelt gern durch die Stadt. Dann kriegt sie einen Anfall und stürzt. Sie prallt dabei leicht gegen irgendeine scharfe Kante oder einen Pfosten. Einmal ist sie fast von einem Auto überfahren worden. Als man sie nach Hause brachte, war sie immer noch ohnmächtig. Stellen Sie sich vor, sie lag da, mitten auf der Straße, ist einfach so auf dem Zebrastreifen umgefallen.«

Die junge Sozialarbeiterin, die anfangs kämpferisch und voller Entschlossenheit war, beginnt sich zu fragen, ob sie sich nicht vielleicht geirrt hat. Dieser überaus freundliche und zurückhaltende junge Mann mit dem offenen und ehrlichen Gesicht kann doch unmöglich der Schläger sein, als den der junge Doktor Gianni Lenti ihn verdächtigt. Wenn Marina Savina wirklich Epileptikerin ist, kann es durchaus sein, dass sie manchmal auf der Straße stürzt und sich verletzt.

»Warum hat Ihre Frau denn nicht gesagt, dass sie an Epilepsie leidet? Sie hat jedes Mal behauptet, sie sei die Treppe hinuntergefallen«, beharrt Angela Toro, jedoch ohne innere Überzeugung, inzwischen will sie nur ihre Aufgabe pflichtgemäß erfüllen.

Sie blickt gebannt in das gewinnende Gesicht des jungen Mannes, der sie mit freundlichen, fast schon zärtlichen Augen anlächelt. Sie sieht die schmalen, braungebrannten Hände, die sich nun heben, um sich gegen eine böse Unterstellung zu verteidigen, sieht, wie er eine ernste Miene aufsetzt und dreinblickt wie einer, der ehrlich beleidigt ist, weil er zu Unrecht verdächtigt wird.

»Marina ist eine wundervolle Frau, ich liebe sie sehr. Aber sie ist bockig wie eine Ziege. Sie will nicht zugeben, dass sie alleine nicht zurechtkommt. Sie lässt sich das Ausgehen nicht verbieten. Ich verbiete es ihr jedenfalls nicht, auch wenn ich mir ständig Sorgen mache. Jedes Mal kommt sie nach Hause voller Pflaster und Gipsverbände. Aber was soll ich tun, sie an der Heizung festbinden? Ich hatte mal eine Mitschülerin, die wir Stehaufmädchen nannten, weil sie ständig hinfiel und sich wie ein Stehaufmännchen immer ganz schnell wieder auf die Beine stellte. Wissen Sie, ihr Vater hat sie immer an der Heizung festgebunden, wenn er die Wohnung verließ. Damit sie nicht weglaufen konnte, verstehen Sie? Damit sie sich nicht verletzte. Aber so weit will ich nicht gehen. Ich sperre sie nicht ein, nicht einmal in der Wohnung. Soll sie doch weglaufen! Dann muss sie eben aufpassen. Finden Sie nicht auch?«

Der schöne junge Mann ist so überzeugend, dass sich die schüchterne Sozialarbeiterin Angela Toro fast schuldig fühlt, ihn verdächtigt zu haben. Diese Marina muss wirklich ein Dickkopf sein. Warum muss sie auch aus dem Haus gehen, wenn sie dann bloß immer hinfällt und sich verletzt?

»Aber wir wollen auch nicht übertreiben«, fährt er mit einschmeichelnder Stimme fort, »in den vier Jahren, die wir verheiratet sind, war sie höchstens zwei-, dreimal in der Notaufnahme.«

»Dreimal, sagt Doktor Gianni Lenti, der dort arbeitet.«

»Na ja, so viel ist das auch nicht, wenn man bedenkt, dass sie täglich unterwegs ist und einige Kilometer zurücklegt. Sie kommt und geht, und sie fällt ja auch nicht jeden Tag hin.«

»Ja, da haben Sie sicher Recht. Ich werde das dem Doktor ausrichten. Ich werde es auch der Polizei sagen, die mich zu Ihnen geschickt hat.«

»Möchten Sie noch Kaffee? Ich habe auch ein paar Pralinen, sehr lecker, wollen Sie nicht eine kosten? Die sind aus Brüssel, schauen Sie. Sehen aus wie Muscheln. Die Belgier verstehen was von feinen Pralinen … bitte schön, probieren Sie nur eine.«

Zaghaft steckt sich Angela Toro eine Praline in den Mund und sieht, wie der Mann sie dankbar anlächelt, fast verschmitzt. Sie kann nicht anders, als freundlich zurückzulächeln und ihm für diese liebenswürdige Geste zu danken.

»Wo ist denn Ihre Frau in diesem Moment?«, fragt die Sozialarbeiterin, als sie aufsteht, um sich zu verabschieden.

»Marina? Sie ist sicher ausgegangen. Wie Sie sehen, halte ich sie jedenfalls nicht fest. Bestimmt macht sie Einkäufe. Sie geht sehr gern einkaufen. Mit ihrem Einkaufsfimmel treibt sie mich noch in die Armut«, antwortet er lachend.

Die Sozialarbeiterin meint, in seiner Stimme einen falschen Tonfall wahrzunehmen, als würde er schauspielern. Doch sie verdrängt diesen Gedanken, er erscheint ihr unangebracht. Ein Ehemann, der seine Frau derartig liebt!

Der Mann scheint es plötzlich eilig zu haben, auch wenn er versucht, es nicht zu zeigen. Höflich begleitet er sie zur Wohnungstür und harrt dort aus, bis sie in ihren Fiat 600 gestiegen ist, den sie an der Straßenecke geparkt hat. Er winkt ihr noch einmal zu, ehe er die Tür mit einem Fußtritt zuschlägt.

»Blöde Schnüfflerin!«, ruft er verärgert, als er die Balkontür öffnet, um seine Frau, die dort draußen auf dem Boden kauert, am Arm in die Wohnung zu zerren. Marina weiß schon, was sie jetzt erwartet, sie duckt sich und hält die Arme schützend vor den Kopf.

»Hast du mich angezeigt, verfluchte Schlampe!«

»Nein, wirklich nicht, das war der Arzt!«

»Du hättest sagen sollen, dass du Epileptikerin bist. Das hab ich dir schon tausendmal gesagt. Aber du hörst ja nicht. Warum erzählst du was von Treppen, wo wir doch gar keine haben?«

Marina beißt die Zähne zusammen in Erwartung der Schläge, die ihr Mann bei einem Wutanfall gewöhnlich austeilt. Aber diesmal scheint er es sich anders zu überlegen. Nachdem er kräftig vom Balkon gespuckt hat, nachdem er einmal tief durchgeatmet und sich mit den Fingern durch die Haare gestrichen hat, geht er mit offenen Armen auf sie zu, auf den Lippen ein zärtliches Lächeln.

»Komm her, mein Kind! Du weißt, dass ich dich gernhabe. Du bist mein Ein und Alles. Ich werde dich nie wieder schlagen, ich verspreche es. Und beim nächsten Mal verarzte ich dich einfach selbst. Du gehst mir nicht mehr in die Notaufnahme. Die spinnen dort doch alle. Dämliche Idioten! Ist doch alles ganz einfach: Wir kaufen ein Fläschchen Desinfektionsmittel. Dann noch Verbandszeug, ein bisschen Mull und … na ja, wenn’s sein muss, auch Nadel und Faden. Ich weiß, wie das geht … Komm her, mein Kind, komm in meine Arme. Wir beide, du und ich, wir sind doch eins, stimmt’s? Ich liebe dich, und du liebst mich. Niemand kann uns trennen. Hab ich dich nicht deshalb geheiratet? Klar, wir haben wenig Geld, aber was macht das schon? Es reicht doch zum Leben, oder? Komm in meine Arme, mein Liebling. Du bist der einzige Mensch auf der Welt, der mich je geliebt hat. Du weißt ja, dass ich mit sieben meine Mutter verloren habe. Umgebracht von meinem Vater, ich hab’s dir ja schon oft erzählt. Vor meinen Augen, dieses Schwein, dieser Verbrecher … Er war lange im Gefängnis, und dann … keine Ahnung, einfach abgehauen. Ich bin ganz allein auf der Welt, verstehst du, mutterseelenallein. Wenn du auch noch gehst, was soll ich dann machen? Versprich mir, dass du immer bei mir bleibst, versprich es, Liebling!«

Marina drückt ihn an sich und schließt die Augen. Auch sie ist allein. Vater und Mutter sind bei einem Unfall ums Leben gekommen, als sie klein war. Sie wuchs bei einer strengen und hartherzigen Großmutter auf, die vor einigen Jahren gestorben ist. Geschwister hat sie keine, nur einen Cousin, den sie jedoch aus den Augen verloren hat.

»Ich liebe dich, Marina«, sagt er und vergräbt seinen Kopf in ihrer Brust. Er meint es ehrlich, Marina weiß das. Auch wenn die Liebe ihn nicht daran hindern wird, sie ab und zu zu schlagen.

»Sag mir, dass du mich liebst, Marina, sag es mir! Du musst es mir sagen. Ich verspreche dir auch, dass ich dir nicht mehr wehtun werde. Nie wieder, nie! Ich schwör’s dir. Sag mir, dass du mich nie verlässt. Los, sag es!«

»Ich verspreche es dir«, antwortet Marina ein wenig mechanisch. Und er küsst sie ganz zärtlich, so zärtlich, dass sich Marina ein weiteres Mal erweichen lässt. Er hat versprochen, dass er mich nicht mehr schlägt, er hat es mir versprochen, sagt sie sich. Und ich glaube ihm, es ist das letzte Mal, dass ich ihm glaube, aber ich glaube ihm.

Und sie gibt sich den Küssen ihres jungen, hübschen und ach so zärtlichen Ehemannes hin.

DAS MÄDCHEN VENEZIA

Ein Mädchen mit dem Namen Venezia. Die Eltern hatten es sich so sehr gewünscht. Von dem Tag an, als sie vor dem Standesbeamten die Ringe getauscht hatten, hatten sie es probiert. Sie hatten so viele Untersuchungen über sich ergehen lassen, waren bei so vielen Ärzten gewesen. Dabei war herausgekommen, dass seine Spermien schwach waren, fast ohne Lebenskraft. Ihre Energie reichte zwar aus, um sich auf den Weg zur Eizelle zu machen, doch wenn sie ans Ziel kamen, gelang es ihnen nicht, in die Zelle einzudringen. Sie verkümmerten vor dem Tor zum Leben.

Nach jahrelangen vergeblichen Versuchen und horrenden Ausgaben hatten der schöne Ottavio und die großherzige Letizia ihren Kinderwunsch aufgegeben und fortan ein eintöniges Eheleben geführt, dem es an Überraschungen fehlte. Er war Angestellter einer kleinen Eheanbahnungsagentur, sie Grundschullehrerin an einer Privatschule.

»Ich vermittle Eheschließungen«, lachte er, als er das Paradox erkannte, »und kann selbst nicht Vater werden. Ich ermutige Leute zum Heiraten, indem ich ihnen erkläre, wie schön es ist, eine Familie zu gründen und viele Kinder zu haben, und bin selbst unfruchtbar und kalt wie ein Krokodil.«

Seine Frau versuchte ihn zu trösten, indem sie ihm vor Augen hielt, dass Kinder immer auch Probleme machten und Geld kosteten, und von Letzterem hätten sie ja nicht gerade viel. Doch er blieb untröstlich. Schließlich wurde er Meister in der Berechnung ihrer fruchtbaren Tage und widmete sich, sobald sie herannahten, verbissen dem Körper seiner Frau, weil er hoffte, früher oder später doch noch sein Ziel zu erreichen.