Das Mädchen und der Träumer - Dacia Maraini - ebook

Das Mädchen und der Träumer ebook

Dacia Maraini

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Opis

Ein überwältigender Roman über Verlust und Menschlichkeit, berührend und fesselnd. Träume sind Bruchstücke einer Wirklichkeit. Das weiß der Lehrer Nani Sapienza, als er von einem Mädchen träumt, das seiner verstorbenen Tochter ähnlich sieht. Nachdem er am Morgen danach von der vermissten Lucia im Radio hört, ist er überzeugt, dass sie ihm im Traum erschienen ist. Lucia ist spurlos verschwunden, und nach Wochen der vergeblichen Suche geben Polizei und Eltern auf. Nur Nani hört nicht mit seinen Schlussfolgerungen und besessenen Nachforschungen auf und zieht den Argwohn der Kleinstadt auf sich – aber seine Schüler der vierten Grundschulklasse, die nie genug von den wundersamen Erzählungen ihres Lehrers bekommen, bringt er zum Nachdenken. Die Suche nach Lucia wird bald zu einer Suche nach sich selbst.

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Dacia Maraini

Das Mädchen und der Träumer

Foto © Isolde Ohlbaum

Dacia Maraini,

geboren 1936 in Fiesole. Aufgewachsen in Japan und Sizilien.

Grande Dame der italienischen Literatur. Enge Freundschaft mit Alberto Moravia und Pier Paolo Pasolini.

Ausgezeichnet mit zahlreichen Preisen.

Ihre Bücher sind in zwanzig Sprachen übersetzt.

Zuletzt auf Deutsch erschienen: Die stumme Herzogin (2002), Bagheria. Eine Kindheit auf Sizilien (2002), Gefrorene Träume (2006).

Dacia Maraini

Das Mädchenund der Träumer

Roman

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

TransferBibliothek CXXX

Die Originalausgabe ist 2015 beim Verlag Rizzoli, Mailand, unter dem Titel La bambina e il sognatore erschienen.

© 2015 RCS Libri S.p.A./Milano

Umschlag: Bis Redaktionsschluss ist es dem Verlag nicht gelungen, den Rechteinhaber des Umschlagbildes ausfindig zu machen. Berechtigten Forderungen kommt der Verlag selbstverständlich nach.

© der deutschprachigen Ausgabe

FOLIO Verlag Wien • Bozen 2017

Alle Rechte vorbehalten

Grafische Gestaltung: Dall’O & Freunde

Druckvorbereitung: Typoplus, Frangart

Printed in Europe

ISBN 978-3-85256-715-0

www.folioverlag.com

E-Book ISBN 978-3-99037-065-0

Inhalt

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Kapitel 30

Kapitel 31

Kapitel 32

Kapitel 33

Kapitel 34

Kapitel 35

Kapitel 36

Kapitel 37

Kapitel 38

Kapitel 39

Kapitel 40

Kapitel 41

Kapitel 42

Kapitel 43

Kapitel 44

Kapitel 45

Kapitel 46

Kapitel 47

Kapitel 48

Kapitel 49

Kapitel 50

Kapitel 51

Kapitel 52

Kapitel 53

Kapitel 54

Kapitel 55

Kapitel 56

Kapitel 57

Kapitel 58

Kapitel 59

Kapitel 60

1

Ich haste durch eine nebelverhangene Straße. Ein scharfer Wind nimmt mir den Atem und lässt meine Augen tränen. Ich frage mich, wo ich bin und wohin ich gehe. Links neben mir erkenne ich eine baufällige Backsteinmauer, die mit Kletterpflanzen überwuchert ist. Das muss die Straße sein, die zu der Schule führt, an der ich Lehrer bin. Ich sehe kaum zwei Meter weit. Gegen diese Barriere aus Nebel und Wind komme ich nur mühsam an. Ich stoße beinahe mit einem Mädchen in einem roten Mäntelchen zusammen, das wie aus dem Nichts aufgetaucht ist. Ich möchte mich entschuldigen und dann weitergehen, aber irgendetwas an diesem Mädchen verwirrt mich. Ich bleibe stehen. Das rote Mäntelchen, der schmale blasse Hals, die zu einem unordentlichen Pferdeschwanz zusammengebundenen kastanienbraunen Haare, der leicht watschelnde Gang … Das ist doch meine Tochter! Ich rufe: „Martina!“ Das Mädchen bleibt auf dem Bürgersteig stehen und fährt ruckartig herum, als hätte ich einen Stein nach ihr geworfen.

Das Mädchen dreht den Kopf zu mir und lächelt, ihre Lippen bleiben starr. Das ist nicht Martina, denke ich enttäuscht, doch irgendetwas ist ähnlich, aber was? Natürlich, der Gang! Auch sie hat den „Entengang”, wie ich es scherzhaft nenne: die Fußspitzen leicht nach außen gedreht, mit sanft nach rechts und links schaukelnden Hüften. Die Farbe ihrer großen Augen ist schwer zu beschreiben, irgendetwas zwischen grün und blau. Alles an ihr wirkt herausfordernd und spöttisch. Aber warum? Sie hat den unschuldigen und doch entschlossenen Blick eines Mädchens, das sich schon für erwachsen hält. Eine Art Alice im Wunderland, denke ich, die durch Spiegel hindurchgehen kann und in tiefe Brunnen fällt.

Ich möchte sie begrüßen und einen gespielten Knicks andeuten, wie ich es morgens mit meiner Tochter machte, wenn sie in ihrem roten Bademantel neben mir auftauchte. Und ich betont höflich fragte: „Guten Morgen, gnädiges Fräulein, machen wir uns für die Schule fertig?” Aber als ich mich weit nach vorne beuge, sehe ich, wie sie mir wieder den Rücken zudreht und rasch weitergeht. Ihre braune Schultasche schlenkert hin und her und der Pferdeschwanz wippt hinter dem blassen Nacken auf und ab. Mein Herz beginnt schneller zu schlagen, eine überbordende Welle der Zärtlichkeit schnürt mir fast die Luft ab. Ich möchte ihr nachrennen, sie festhalten, sie fragen, wohin sie geht, wie sie heißt und warum sie so watschelt, genau wie meine Tochter, und sie doch nicht meine Tochter ist.

Mit einem Aufschrei schrecke ich aus dem Schlaf: Eine urplötzlich aufgetauchte schwarze Wolke hat das Mädchen verschluckt. Dort, wo sie eben noch dahingeschlendert ist, sind jetzt schwarze und weiße Vögel zu sehen, die umherflattern, aufgeregt hin und her laufen, sich im Kreis drehen und krächzende Laute von sich geben.

Ich stehe auf, stürze schlaftrunken ins Bad, halte die Handinnenflächen wie eine Schale unter den Wasserhahn am Waschbecken. Ich zucke zurück: Zuerst ist das Wasser kochend heiß, dann eiskalt. Bilde ich mir das ein oder ist die Mischbatterie kaputt? Ich hebe den Blick und schaue in den Spiegel. Ein hageres Männergesicht, noch halb im Traum, mit einem vor der Zeit ergrauten Bart, dunklen Ringen unter den Augen, verklebten kastanienbraunen Haaren, die Pupillen geweitet, als hätte ich die ganze Nacht nicht geschlafen.

Noch im Pyjama sprühe ich mir Rasierschaum ins Gesicht. Ich will den grauen Bart loswerden, vielleicht fühle ich mich dann jünger. Ich greife nach dem Rasierer, meine Hände zittern. Was ist heute nur los mit mir?

Ich schalte das Radio an und höre die Nachrichten. Eine melancholisch klingende Stimme spricht von Steuererhöhungen und Streiks. Ich höre nicht richtig zu, aber nach einer Weile erregt etwas meine Aufmerksamkeit. Nach den Sportnachrichten berichtet eine Frauenstimme von einem verschwundenen Mädchen.

„In Pozzobasso, einem Randbezirk der Stadt S., ist heute, am 2. Oktober, am frühen Morgen ein Mädchen spurlos verschwunden. Es war auf dem Weg zur nahe gelegenen Giuseppe-Mazzini-Schule. Es trug einen roten Mantel und weiße Gummistiefel. Die Mutter des Mädchens hat bereits Vermisstenanzeige erstattet.“

Ich sehe im Spiegel, wie der Schaum sich rot färbt. Ich habe mich geschnitten. Sofort werfe ich den Rasierer ins Waschbecken, wische mir rasch die Hände ab und greife nach dem kleinen Radio, das auf der Fensterbank steht, und presse es mir ans Ohr: noch mal! Verdammt, sag’s noch mal! Aber es hilft nichts. Die Stimme spricht jetzt über das schlechte Wetter, das im Anzug ist.

Ich setze mich auf den Rand der Badewanne und versuche mich an den genauen Wortlaut zu erinnern: Ein Mädchen ist verschwunden, nur wenige Meter von seinem Zuhause in der kleinen Stadt S. entfernt, auf dem Weg in die Giuseppe-Mazzini-Schule, meine Schule, wo es nie angekommen ist. Die Mutter hat sofort Vermisstenanzeige erstattet.

Mir bleibt der Mund offen stehen. Der Traum war eindeutig. Das Mädchen trug einen roten Mantel, die weißen Stiefel waren mir nicht aufgefallen, aber vielleicht waren sie durch den Nebel nicht zu erkennen gewesen. Der blasse Schwanenhals, der wippende Pferdeschwanz, der watschelnde Gang, all das sehe ich noch deutlich vor mir. Ich kann mich auch an das bleiche Gesicht erinnern, das sich zu mir umgedreht hat, an die großen traurigen Augen, an den kleinen hübschen Mund, an die Oberlippe, die etwas über die Unterlippe ragte, was ihr einen entschlossenen, gleichzeitig aber auch kindlich unsicheren Ausdruck verliehen hatte. Wie spät war es, als ich diesen so realistischen Traum gehabt hatte? Vier Uhr morgens, fünf? Auf alle Fälle musste es gewesen sein, bevor sie zur Schule ging. Wie war es möglich, das Mädchen im Traum so deutlich auf dem Schulweg zu sehen, wenn sie das Haus noch gar nicht verlassen hatte? Jetzt ist es zehn und ich muss mich beeilen, denn um elf beginnt mein Unterricht. Quatsch, ich habe doch seit drei Tagen Fieber und bin krankgeschrieben.

Richtig, ich muss zu Hause bleiben, eingesperrt wie in einem Käfig, und mir Sorgen um einen Traum machen, der nichts zu bedeuten hat. Ein junger Rabe sitzt auf meiner Schulter, flüstert mir ständig etwas ins Ohr und behauptet, er sei mein Schutzengel. Das glaubt er tatsächlich. Doch für mich ist er nichts als ein geschwätziger, besserwisserischer Vogel, der mir auf die Nerven geht. Er macht mir Vorwürfe, weil ich mich noch immer nicht von dieser Vorahnung lösen kann.

Reg dich nicht auf, das war nur ein Traum. Das weiß ich, es war nur ein Traum, aber wenn dir im Anschluss klar wird, dass auf dieser Nachricht deines Unterbewusstseins der Stempel der Realität aufgedruckt ist, dann darf das schon beunruhigend sein. Aber wer sagt dir eigentlich, dass das die Realität ist? Du meinst, ich habe diese Nachricht im Radio auch nur geträumt? Der Druck auf meiner Schulter wird stärker. Ich verziehe vor Schmerzen das Gesicht. Ich weiß genau, was der Rabe will. Ich soll an mir zweifeln. Aber das wird ihm nicht gelingen. Die Stimme im Radio war klar und deutlich. Und ich habe die Nachricht mit meinen eigenen Ohren gehört. Ich bilde mir das nicht ein.

Ich schalte das Radio wieder an und suche nach anderen Sendern, doch nirgendwo ist das verschwundene Mädchen ein Thema. Ich schalte den Fernseher ein, schalte von einer Hausfrauensendung zu einer hitzigen Diskussion zwischen zwei Politikern, der eine schüttelt empört den Kopf, während der andere etwas zu erklären versucht, und schalte dann wieder aus. Vielleicht später in den Regionalnachrichten, sage ich mir. Dann rufe ich die Schule an, aber niemand geht ans Telefon.

Du hast den Tod deiner Tochter immer noch nicht überwunden, lass die Sache doch einfach auf sich beruhen, krächzt mir der Vogel ins Ohr. Auf sich beruhen lassen? Ein Mädchen verschwindet auf dem Schulweg, auf dem Weg zu meiner Schule, und ich soll mir keine Sorgen machen? Aber verstehst du nicht, dass du dir das alles nur einbildest? Das Mädchen gibt es gar nicht, die Stimme gibt es nicht, die Realität gibt es nicht und dich auch nicht. Merkst du nicht, dass du dich lächerlich machst?

Ich beginne an mir zu zweifeln. Habe ich etwas falsch verstanden? Vielleicht ist es tatsächlich so, wie der Vogel es mir suggeriert. Ich bilde mir etwas ein, bin im Fieberwahn, habe den Tod meiner Tochter noch nicht überwunden und sehe Gespenster, sehe überall Mädchen, die in Gefahr sind. Ich bin ein Vater mit einem Trauma, sage ich mir, ein am Boden zerstörter Vater, ein Vater, der sich Dinge einbildet, die es gar nicht gibt. Muss ich mir Sorgen machen? Und plötzlich fällt mir ein, dass im Traum auch weiße Vögel um den Kopf des Mädchens geflattert sind. Möwen vielleicht? Was hat das alles zu bedeuten? Das Gesicht habe ich genau gesehen: lächelnd und ein wenig wehmütig, gelassen und doch irgendwie beunruhigt, gleichzeitig schön und merkwürdig entstellt.

Mir dreht sich alles. Ich brauche ein heißes Bad, das hilft manchmal, um die Gedanken zu ordnen. Ich setze mich auf den Rand der Wanne, halb rasiert, ein Pflaster auf dem Kinn. Während das Wasser einläuft, denke ich nach. Seit drei Tagen habe ich Fieber. Mir tun die Knochen weh, mein Mund ist ausgetrocknet, ich habe keinen Appetit, mir ist schlecht und ich bin müde. Die Schule hat einen Arzt geschickt, der meinte, es ginge auch ohne Antibiotika.

„Das ist ein Virus, in fünf Tagen sind Sie wieder auf dem Posten. Bleiben Sie zu Hause, trinken Sie viel und ruhen Sie sich aus.“

„Und die Zeitung?“

„Sie sollten das Haus möglichst nicht verlassen. Haben Sie niemanden, der für Sie einkaufen kann?“

„Nein, ich lebe allein.“

„Dann rufen Sie doch im Supermarkt an und lassen Sie sich Tee und Zwieback liefern.“

„Gut, dann bleibe ich eben zu Hause, lese und trinke Tee.“

Soweit die Theorie. Tatsächlich aber fühle ich mich seit drei Tagen wie ein Gefangener in den eigenen vier Wänden. Ich lese abwechselnd in mehreren Büchern, die sich mit dem Italien der Misswirtschaft und der Mafia beschäftigen und worüber ich mich mächtig aufrege, aber auch in meinen geliebten Klassikern in der mausgrauen Taschenbuchausgabe, die mein Vater als Jugendlicher gekauft und mir hinterlassen hat.

Ich stehe auf und bewege mich wie ein Automat zum Bücherregal im Wohnzimmer. Wie von selbst wandert die Hand nach rechts oben, wo die englischen Bücher stehen, und zieht „Alice im Wunderland“ von Lewis Carroll heraus, die Ausgabe mit Illustrationen von John Tenniel. Ein Buch, das ich seit meinem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr angerührt habe. Warum gerade „Alice“? Als ich im Traum das Mädchen auf der Straße gesehen hatte, gab ich ihr den Namen „kleine Alice“ und zwar in dem Moment, als sie gerade im Begriff war, im Erdboden zu versinken. Der Name ist mir in Erinnerung geblieben, ohne ihn jemals ausgesprochen zu haben, genau wie der rote Mantel und dieser wippende Pferdeschwanz mit dem rosa Band.

Diese Parallelen sind so merkwürdig, dass ich der Sache auf den Grund gehen möchte. Mit dem Buch in der Hand schalte ich das Radio wieder ein. Ich hoffe, dass sie den genauen Zeitpunkt nennen, an dem das Mädchen das Haus verlassen hat, wie es heißt, wo sie hin wollte. Sie sei auf dem Weg zur Mazzini-Schule gewesen, hatte es in der ersten Meldung geheißen, allerdings nicht in einem überregionalen Sender, sondern auf Radio Disperazione, den ich manchmal wegen der Regionalnachrichten höre. Keine Ahnung, warum sie diesem Sender einen solch merkwürdigen Namen gegeben haben, „Radio Verzweiflung“. Die Protagonisten sind junge Leute, das weiß ich vom Friseur, die einen Kellerraum gemietet haben, um mit dem „Mut der Verzweiflung“ Radio zu machen. Ohne Geld, ohne große technische Ausrüstung, ohne fremde Hilfe, nur mit dem brennenden Wunsch, etwas zu bewegen. Zusammen mit guten Freunden und vielen Helfern haben sie einen Sender auf die Beine gestellt, der in der kleinen Stadt S. gerne gehört wird. Manchmal läuft alles rund, manchmal allerdings geht es auch zu wie auf einem schlingernden Schiff in schwerer See. Sie informieren über lokale Angelegenheiten, halten sich mit Bewertungen zurück, sind immer up to date, präzise und schnörkellos. Gerade berichten sie über ein Reinigungsmittel, das bei zahlreichen Hausfrauen in Pozzobasso entzündliche Reaktionen der Haut an Händen und Armen ausgelöst hat. Ich drehe den Ton etwas leiser, schalte aber nicht ganz aus.

Es kommt kaum noch Wasser aus dem Hahn. Auch das ist seltsam, aber heute Morgen kommt mir alles seltsam vor. Während ich warte bis die Wanne voll ist, schlage ich das Buch auf und lese, wie Alice über eine sattgrüne englische Wiese läuft. Und ich frage mich, ob es die Langeweile ist, die Alice aus dem Haus treibt, wie Diakon Charles Dodgson, alias Lewis Carroll, andeutet, oder ob sie vor ihrer Hochzeitsfeier flüchtet, von der sie nichts wissen will, wie uns der Regisseur Tim Burton zu verstehen gibt. Seinen Film habe ich kürzlich im Fernsehen gesehen. Lauf, Alice, lauf weg vor diesem langweiligen und dämlichen jungen Mann, der dein Ehemann werden soll, den du nicht einmal kennst und der dir nicht das Geringste bedeutet! Aber Alice ist eine wohlerzogene junge Frau und lehnt den Antrag nicht ab, sondern sagt höflich: „Lieber Verlobter, ich fürchte, ich bin noch nicht bereit für eine Hochzeit.“ Und dann läuft sie davon, über Wiesen und Felder, in zu engen Schuhen aus weißem Satin, die überall drücken. Wie schafft sie es, bei all den Wurzeln, die aus der Erde ragen, nicht zu stolpern? Warum fällt sie nicht in die Erdlöcher der Murmeltiere? Warum stößt sie nicht gegen die spitzen Steine, die zwischen den vom Tau noch feuchten Grasbüscheln hervorstehen?

Aber die Alice aus dem Film ist zwanzig, während sie in Carrolls Buch siebeneinhalb ist. Warum hat Tim Burton sie älter gemacht? Bei ihm sehen wir eine Heranwachsende, der die Eltern, wie im 19. Jahrhundert üblich, einen Ehemann ausgesucht haben. Und Alice ergreift die Flucht, überwindet alle Hindernisse, bis sie sich schließlich am Rand einer Wiese erschöpft gegen einen mächtigen Baumstamm lehnt und das tiefe Loch im Boden neben ihren Füßen erst nicht erkennt. Dann beugt sie sich nach vorne, um zu sehen, wohin dieses Loch führt. Der Rand ist glitschig und ein Fuß rutscht hinein. Ihr geschmeidiger Körper, mit dem sie mit Leichtigkeit alle Hindernisse, Steine und Wurzeln überwunden hat, verliert jetzt das Gleichgewicht, sie überschlägt sich und fällt kopfüber in das Erdloch, dessen Grund sie nicht erkennen kann. Sie rast auf einen unbekannten düsteren Ort zu, die Mitte einer neuen kleinen Welt, die ihr Angst macht. Eine erstaunliche und unerwartete Verwandlung. War das der Ursprung meines Traums?

Weswegen ich an Alice gedacht und weswegen ich sie mit dem verschwundenen Mädchen aus Pozzobasso in Verbindung gebracht habe, kann ich nicht genau sagen. Als leidenschaftlicher Leser leide ich bisweilen an überbordender Fantasie. Ich knüpfe spontane Verbindungen zwischen berühmten Personen der Weltliteratur und dem realen Leben. Zum Beispiel habe ich mir gerade Alices Verschwinden im Erdtunnel vorgestellt, aber diese Vision wurde sofort von dem Bild des jungen Beamten aus „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ überlagert. „Manchmal ist der Mensch leidenschaftlich in das Leiden verliebt“, schreibt Dostojewski.

Diese merkwürdige Verbindung zwischen Alices Reise in die Tiefen der Erde und den „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“ würde ich gerne besser verstehen. Wird die Welt des Anstands und der guten Manieren, in der eine wohlerzogene junge Frau wie Alice lebt, durch das Abtauchen in die Tiefe zu etwas Undefinierbarem und Unvorhersehbarem? Ähnlich wie die bürgerliche Welt des anonymen Protagonisten im Roman des russischen Schriftstellers? Ich möchte mehr über diese „dunklen Zonen des Bewusstseins“ wissen, wie Dostojewski es nennt, wo alles möglich ist und die Welt auf dem Kopf steht. Wo man in der Zeit vor- und zurückgehen kann. Wo man so groß werden kann, dass man sich den Kopf an der Decke anstößt oder so klein, dass man in einem Mauseloch verschwinden kann.

Aber das verschwundene Mädchen ist nicht zwanzig Jahre alt und flieht auch nicht vor einer ungewollten Ehe. Und jetzt? Zurück in die Gegenwart, zu meinem fiebernden Körper, zu meinem realistischen Traum, den ich unmittelbar vor dem Aufwachen hatte, und zu der Stimme im Radio, die vom Verschwinden des Mädchens im roten Mantel berichtete, in der kleinen Stadt, in der ich lebe, in dem Viertel, in dem ich unterrichte. Ich muss unbedingt wissen, wann genau das Mädchen verschwunden ist! Wie ist ihr Name? Es macht mich nervös, dass ich ihren Namen nicht kenne, als ob ich ihn mir ausgedacht und wieder vergessen hätte. Nur wenn ich ihren Namen kenne, bin ich sicher, dass es sie gibt. Den Traum hatte ich frühmorgens vor fünf. Das bedeutet, ich habe im Traum die Realität vorausgesehen. Eine Prophezeiung?

Jetzt bleib doch mal bei den Fakten, du bist kein Prophet, du bist nur ein Vater, der seit dem Tod seiner Tochter keine Ruhe mehr findet und immer noch von ihr träumt und sie in anderen Mädchen wiedererkennt. Schluss damit! Wach endlich auf! Dieses Mädchen hast du im Traum gesehen, auf einer Straße, die du unter Tausenden Straßen erkennen würdest, weil sie die Straße zu der Schule ist, an der du unterrichtest. Aber warum bin ich dann genau in dem Moment aufgewacht, als ich mit ihr sprechen wollte? Nimm es, wie es ist. Es gibt keine Vorahnungen oder Prophezeiungen, es gibt nur Zufälle.

Wieder verfolgt mich die drängende krächzende Stimme des Vogels. Am liebsten würde ich mir die Ohren zuhalten, aber hören würde ich sie trotzdem.

Ich drehe das Radio voll auf, stelle es auf das Regal und lege mich in die Wanne. Sobald ich mich im heißen Wasser ausstrecke, geht es mir besser, meine strapazierten Nerven entspannen sich. Ich bleibe ganz still liegen und starre an die Decke. Dort entdecke ich das Bild einer riesigen Spinne. Wie kommt das denn dahin? Sie sieht unheimlich aus, hat aber auch etwas kindlich Naives. Wenn ich den Kopf schief lege und die Spinne von der Seite ansehe, hat sie etwas von einer Krake. Aus einem anderen Blickwinkel ähnelt sie eher einem Tausendfüßler: Ein Dutzend schwarze haarige Beine, die sich im wabernden Dunst langsam auf meinen nackten Körper zuzubewegen scheinen. Besser nicht weiter über dieses Bild nachdenken, sage ich mir.

Ich frage mich, ob die Spinne schon da war, als wir das Haus gekauft haben. Das Bild ist nicht von mir und meiner Frau wäre es nie in den Sinn gekommen, eine Spinne an die Decke zu malen. Erst nach einem nervenzerfetzenden Streit mit Anita in eben diesem Badezimmer, ist sie mir das erste Mal aufgefallen. Und auch damals ließ ich mich, nachdem sie die Tür hinter sich zugeschlagen hatte, ins heiße Wasser sinken, mit dem Bauch nach oben, über und über mit Schaum bedeckt. Nur die Nase und die Augen waren frei.

Zunächst hatte ich die Spinne für das Produkt meiner gedemütigten Fantasie gehalten. Ich war tief deprimiert, fühlte mich schuldig für all die schrecklichen Dinge, die ich eigentlich gar nicht hatte sagen wollen. Auch damals schwebte das schwarze Insekt über meinem Kopf und meinen wirren Gedanken.

Dass die Spinne ihre Opfer lähmt, habe ich bei einer der Unterrichtsvorbereitungen gelesen. Beim Unterrichten mache ich gerne einmal einen Umweg. An diesem Tag erklärte ich meinen Schülern die Milchstraße und beim Anblick einer bestimmten Sternenkonstellation, die einem Spinnennetz ähnelte, schweifte ich ab und beschrieb ihnen, wie die Spinne ihre Beute erlegt. Das Netz ist klebrig, elastisch und so fein gesponnen, dass viele Opfer es gar nicht bemerken und darin hängenbleiben, noch bevor sie reagieren können. Die Spinne kommt nicht gleich. Sie wartet ab, bis die Kräfte des Opfers, im verzweifelten Versuch sich zu befreien, erschöpft sind. Dann umgarnt sie die Beute systematisch mit hauchdünnen Fäden und Speichel und verwandelt sie in eine kleine Mumie. Und wenn der Speichel getrocknet und der Körper tot, aber noch warm ist, erst dann verzehrt die Spinne ihre Beute.

Als das Wasser nur noch lauwarm ist, steige ich aus der Wanne. Ich habe nasse Haare und komme mir vor, als wolle mich die Spinne in ihr klebriges Netz einwickeln. Ich hülle mich in meinen smaragdgrünen Bademantel, den mir Anita geschenkt hat und der schwach nach Lavendel duftet. Dann greife ich erneut nach dem Rasierer und im Spiegel fällt mir ein Haarbüschel unter dem Kinn auf. Aber statt die Haare wegzurasieren, schneidet die Klinge ins Fleisch und es fängt wieder an zu bluten. Ich ärgere mich über die stumpfe Klinge und nehme mir vor, mir einen neuen Rasierer zu kaufen. Seit Monaten nehme ich mir das vor. Ich habe sogar einen Elektrorasierer, ein Geschenk meines Schwiegervaters, aber den habe ich noch nicht einmal ausgepackt, geschweige denn benutzt. Ob aus Antipathie gegenüber meinem Schwiegervater oder weil ich überzeugt bin, dass ein Elektrorasierer nicht gründlich genug ist, weiß ich nicht. Ich habe bestimmt zehn Nassrasierer und irgendwo sogar noch ein Päckchen Wechselklingen. Ich weiß nur nicht wo.

2

Ich behalte das Radio auf dem Regal im Auge und, obwohl ich nicht wirklich zuhöre, achte ich auf den Klang der Stimme des Moderators. Wenn es um Verbrechen geht, ist die Stimmlage meist höher. Irgendwann werden sie wieder über das verschwundene Mädchen berichten. Ich will mehr wissen und ziehe mich rasch an, um mir eine Zeitung zu kaufen. Aber dann fällt mir wieder ein, dass ich hohes Fieber habe und das Haus nicht verlassen darf. Wenn mich jemand aus der Schule sehen würde, wäre ich geliefert. Ich wechsle den Sender. Eine Stimme spricht über Fußball und Rezepte. Ich suche weiter, nehme das Radio mit in die Küche und putze grüne Bohnen. Da habe ich wenigstens eine Beschäftigung. Ich könnte auch Tests korrigieren oder mich auf den Unterricht vorbereiten, aber im Augenblick fehlt mir die Lust dazu. Ich habe glasige Augen vom Fieber.

Die Bohnen erinnern mich an meine Frau Anita. Seitdem ich alleine lebe, ertappe ich mich dabei, wie ich ihre Gesten im Haushalt imitiere. Die Sorgfalt, mit der sie den Tisch deckte, den Schwung, mit dem sie die Nudeln ins kochende Wasser warf, ihre präzisen Bewegungen beim Zwiebelschneiden, bevor sie sie in Öl anbriet, die Technik, mit der sie ein Ei aufschlug, nur ein kurzes Antippen am Pfannenrand, all das ist mir ebenso vertraut wie weit weg. Bei den Bohnen nahm sie immer drei auf einmal in die Hand, rückte sie mit dem Daumen zurecht, nahm dann die Schere in die andere Hand und entfernte die Enden mit einem geübten Schnitt, drehte die Bohnen um und machte das gleiche mit den Spitzen, schnell und geschickt wie ein Taschenspieler. Ich versuche es genauso zu machen, aber es gelingt mir nicht.

Anita ist ausgezogen. Sie hat sich mir gegenüber gesetzt und ohne Umschweife gesagt: „Nani, ganz ehrlich, ich halte es nicht mehr aus. Auch wenn ich dich noch immer sehr gern habe. Wahrscheinlich liebe ich dich sogar noch, aber ich muss hier weg. Das geht nicht gegen dich persönlich, aber ich kann in diesem Haus nicht mehr leben. Ich liebe keinen anderen, wenn du das wissen willst. Gut, es gibt jemanden, mit dem ich hin und wieder ausgehe. Aber ich kann nicht an einem Ort leben, an dem mich alles an Martina erinnert und an dem wir nicht miteinander reden können, ohne uns zu streiten.“

Ich war wie vor den Kopf geschlagen, außerstande zu antworten. Starr wie ein Felsblock saß ich vor ihr. Ich war wie paralysiert, ohne jedes Gefühl. So muss sich ein Stein fühlen, wenn er eine Lawine auf ihrem Weg ins Tal auf sich zurasen sieht. Er kann sich nicht bewegen, sich nicht retten. Er muss die Lawine aushalten, die ihn wahrscheinlich mit sich reißen und zerschmettern wird. Die gewaltige Masse wird ihn zerstören, aber er kann nicht fliehen, sich nicht beschweren, nicht einmal beten. Er kann es nur hinnehmen. Das ist sein Schicksal.

„Seitdem Martina tot ist, fühle ich mich hier nicht mehr zu Hause. Alles ist mir fremd geworden, selbst du. Das ist nicht deine Schuld, ich mag dich sehr, Nani, du bist mein Leben und vielleicht kommen wir auch wieder zusammen, aber im Augenblick halte ich das nicht aus.“

Sie sprach leise und ihr Tonfall war freundlich. Sie hielt meine Hand fest umklammert. Ihre Hände waren warm und leicht wie eine Feder. Meine eiskalt und schwer, als wären sie aus Marmor. Ich weiß nicht, ob sie auf eine Antwort wartete. Aber zumindest eine Geste wäre ich ihr schuldig gewesen. Doch ich blieb stumm, unfähig, auch nur ein einziges Wort zu sagen. Ich blickte in ihre wachen, glänzenden Augen, die noch voller Liebe waren. Doch die beiden Falten rechts und links von ihren Lippen verrieten ihre Entschlossenheit. Nichts mehr zu machen, dachte ich. Nein. In Wirklichkeit dachte ich gar nichts. Ich ließ es einfach über mich ergehen. Der primitive, aggressive Teil in mir schrie nach Gewalt, wollte sie am Hals packen und so lange zudrücken, bis sie keine Luft mehr bekam. Aber ich wollte nicht ihren Tod, sondern ihr Leben an meiner Seite. Und hatte ich als guter Demokrat nicht gelernt, das Bedürfnis der Frauen nach Selbstbestimmung zu akzeptieren? Ich senkte resigniert den Blick. Sie lächelte mich so zärtlich an, dass ich sie am liebsten geküsst hätte. Aber kann man eine Frau küssen, die einem gerade gesagt hat, dass sie einen nicht mehr erträgt?

Während ich die Bohnen ins Wasser werfe, auf Anitas Art und Weise, mit einer fließenden Armbewegung, achtsam, damit ich mich nicht verbrenne, bemerke ich, dass die Stimme im Radio den Tonfall verändert hat. Ich drehe lauter. Es geht wieder um das verschwundene Mädchen. Die Stimme der Sprecherin hat etwas Stolzes, als wolle sie sagen: Hier ist eine sensationelle Nachricht für euch, liebe Hörer, dargeboten von meiner wunderbaren Stimme, so mitfühlend, dass euch die Tragödie vorkommt, als hättet ihr sie selbst erlebt.

„Wieder ist ein Kind verschwunden, ein unschuldiges Wesen. Denn was sonst ist ein gutgläubiges kleines Mädchen, das frühmorgens mit seinem Ranzen auf dem Rücken in die Schule geht?“

Im Traum hatte es keinen Ranzen gegeben, sondern eine braune Schultasche, die sie hin und her schlenkerte.

„Verschwunden ist sie auf dem kurzen Weg von zu Hause in die Schule. Wer weiß, wo du jetzt bist, du armes Ding! Wäre ein Unfall gewesen, hätte man sie längst gefunden, aber es gibt keinerlei Spuren von ihr. Die Polizei durchkämmt die Gegend mit Spürhunden. Wie kann es sein, dass unsere Kinder nicht einmal mehr alleine in als sicher geltenden Gegenden auf die Straße gehen können? Die Straße, in der Lucia Treggiani lebt, liegt nicht in einem Problemviertel, sondern in einer idyllischen Vorstadt, naturnah, unweit des Friedhofs. Hier stehen Ein- und Zweifamilienhäuser sowie höchstens viergeschossige Gebäude mit Mietwohnungen. In unmittelbarer Nähe der Schule befindet sich eine Kirche, die von Jung und Alt gerne besucht wird. Der dortige Priester Don Antonio ist bekannt für sein karitatives Engagement und hat für jeden ein offenes Ohr. Wie kann ein unschuldiges kleines Mädchen einfach verschwinden, ohne dass es irgendjemand bemerkt hätte? Die Mutter bittet inständig um Ihre Mithilfe. Jeder noch so kleine Hinweis kann der Polizei wertvolle Informationen bei ihrer Recherche liefern. Lassen wir sie jetzt selbst zu Wort kommen: ‚Meine Tochter Lucia trägt einen roten Mantel und weiße Gummistiefel.‘“ Die Mutter ist per Telefon zugeschaltet und man hört, wie sie weint: „Sie hat schulterlanges kastanienbraunes Haar, das mit einem rosa Band zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden ist, und hat eine braune Schultasche dabei. Ich flehe Sie an, helfen Sie mir, bitte!“

Die Stimme der jungen Mutter, die sich mit eindringlichen Worten an die Bewohner der kleinen Stadt S. wendet, klingt melodiös, als ob sie singen würde. Ein verzweifelter Gesang. Im Anschluss kommt die gekünstelt emotionale Kommentatorin wieder zu Wort. Die Polizei wird ihren Suchradius mit der Hundestaffel ausdehnen. Das Mädchen ist punkt acht Uhr von zu Hause in Richtung Schule aufgebrochen, aber dort nie angekommen. Die Lehrerin, Sarina Pavone, bestätigt, dass Lucia von keinem Mitschüler gesehen worden ist. Auch die Stimme von Signora Pavone klingt mitfühlend, doch ganz und gar nicht melodisch.

Die Mutter hat von der braunen Schultasche gesprochen. Genau wie in meinem Traum. Zu viele Zufälle, zu viele Übereinstimmungen. Martina war acht und das verschwundene Mädchen ist acht. Martina trug oft einen roten Mantel, der übrigens noch immer in ihrem Schrank mit den weißen Türen hängt, auf die ich blaue Schwäne gemalt habe, und auch das Mädchen in meinem Traum trug einen roten Mantel.

Deine Tochter ist an Leukämie gestorben!, dringt die krächzende Stimme des Vogels auf meiner Schulter in mein Ohr. Ich weiß, ich weiß, aber trotzdem ähneln sich die beiden. Zugegeben, im Traum ähneln sich alle kleinen Mädchen. Aber ich habe geträumt, dass sie vor mir herläuft, mit nach außen gestellten Füßen, im Watschelgang, genau wie Martina. Aber dieser Lucia geht es gut, sie geht zur Schule, sie ist nicht krank, wie deine Tochter. Aber sie war da, auf dem Weg zur Schule, vielleicht war es ja auch meine Tochter, vielleicht auch nicht, vielleicht war es Alice, die in die verkehrte Welt eingetaucht ist. Eins ist sicher: Das Mädchen in meinem Traum war flink, ging ein wenig schwankend und hatte einen Pferdeschwanz, der auf und ab wippte. Und der Mantel war genau der gleiche wie der deiner Tochter, was? Ja, woher weißt du das? Du bist wie immer in einer deiner Geschichten verschwunden: Es ist doch klar, dass wir es mit Rotkäppchen zu tun haben, das im Wald verschwindet und vom bösen Wolf gefressen wird. Rede doch keinen Unsinn, ich habe sie im Traum gesehen, genau dieses Mädchen, und nicht Rotkäppchen auf dem Weg zur Großmutter. Ein Mädchen aus Fleisch und Blut auf dem Weg zur Schule, meiner Schule.

Die Diskussionen mit diesem gefiederten Quälgeist zermürben mich. Aber wenn ich alleine bin, lassen sie sich nicht vermeiden. Wir sprechen die ganze Zeit miteinander. Zeigt sich darin das unterschwellige Bedürfnis, einen Gesprächspartner zu haben? Möglich. Geh mir nicht auf die Nerven, sage ich mit einer Handbewegung, als wolle ich eine Fliege verscheuchen. Und wie immer verschwindet er, ich spüre seinen Missmut.

Soll ich nicht doch eine Zeitung kaufen? Ich muss doch nur zur Straßenecke an der Via Generale Cadorna. Es dauert bestimmt nicht lange. Der Vogel schweigt und ich ziehe mir rasch feste Schuhe und die Daunenjacke mit der Kapuze an. Dann wickele ich mir den Alpakaschal um den Hals, den mir Anita vor Jahren geschenkt hat, und verlasse das Haus.

Draußen trete ich als erstes in Hundescheiße. Ich fluche und versuche den Schuh im hohen Gras sauber zu machen, das unter einer großen Platane wächst. Dort bemerke ich ein Loch, das von unzähligen Ameisen bevölkert wird. Ich habe das Gefühl, als würde das Loch immer größer werden und ich könnte hineinfallen. In panischer Angst lehne ich mich gegen den Baumstamm, aber dann wird mir klar, dass mir nur schwindlig ist. Wahrscheinlich hat mich das Fieber geschwächt, dazu noch die Eiseskälte. Ich ziehe die Kapuze tiefer, aber gegen den schneidenden Wind, der sich in jede Ritze beißt, ist das nur ein schwacher Schutz. Ich atme tief durch, löse mich von der Platane und gehe auf den Kiosk zu. Ich kaufe die Lokalzeitung, dort werde ich sicher einen Bericht finden, dann eile ich nach Hause zurück.

Ich suche nach einem Foto des Mädchens, aber es gibt keines. Natürlich, wie dumm von mir: Die Nachricht im Radio stammt von heute Morgen, wie soll das in einer Zeitung stehen, die gestern Nacht schon gedruckt wurde? Einen Bericht gibt es natürlich erst morgen. Durch das Fieber habe ich mein Zeitgefühl verloren.

Ich schalte das Radio wieder an und achte auf die neuen Entwicklungen, während ich die Arbeiten meiner Schüler zur Hand nehme und auf dem Küchentisch ordne. Seitdem Martina tot ist und Anita mich verlassen hat, kommt mir das Haus riesig vor. Und es macht seltsame Geräusche, die es vorher nicht gemacht hat. Wenn ich mit lauter Stimme etwas sage, hallt es von den Wänden wider. Aber sind Echos nicht typisch für eine Berglandschaft? Bestimmt nicht in einem Haus aus Stein?

Dieses leere Haus ist erfüllt von quälenden Streitereien und Schmerzen. Ich fühle mich hier nicht wohl. Auch der Traum von gestern Nacht gefällt mir gar nicht. Er hat etwas Monströses. Ich träumte von einem Mädchen in einem roten Mantel auf einer mir wohlbekannten Straße, die dann im Nichts verschwand und nur wenige Stunden später hörte ich im Radio, dass am Morgen nach dem Traum ein achtjähriges Mädchen in einem roten Mantel auf dem kurzen Weg von zu Hause in die Schule verschwunden ist. „Was hat das zu bedeuten? Was hat das zu bedeuten?“, schreie ich und schlage mit der Faust auf den Tisch.

Ich bin kein Prophet, ich bin kein Wahrsager, ich habe keine übersinnlichen Kräfte, ich bin nur ein einsamer, verzweifelter Mann, der seine Tochter und seine Frau verloren hat.

Die eine war Opfer einer grausamen Krankheit und ist gegangen, ohne es zu wollen, die andere wollte nicht bleiben, weil sie ihren Ehemann nicht mehr erträgt und nicht mehr an dem Ort leben kann, an dem sie alles an ihre Tochter erinnert. Verständlich. Aber gleichermaßen auch unverständlich. Meine gute Erziehung suggeriert mir, die Realität zu akzeptieren, meine selbstzerstörerischen Instinkte zu kontrollieren und im Zaum zu halten. Aber etwas in mir wehrt sich, verschafft sich Gehör, schreit auf. Und plötzlich muss ich lachen, denn ich sehe mich selbst vor mir, wie ich den Mund aufreiße und meine Zähne blecke, das Gesicht von einer wallenden Mähne umgeben wie der Löwe von Metro-Goldwyn-Meyer aus den Filmen meiner Kindheit.

Die Logik ist die Freundin der Ironie, sie wird sogar aus ihr gespeist: Ohne Ironie hat die Logik keinen Bestand. Aber die Logik, wie ich sie kenne, hat den Gefühlen, die sich auf mich stürzen wie hungrige Flöhe, nur wenig entgegenzusetzen. Und deshalb hat auch die Ironie gegen die penetranten Plagegeister keine Chance und resigniert. Zurück bleiben schmerzende Bisswunden. Ich tue immer so, als sei ich ein rationaler Mensch, der seine Gefühle im Griff hat, aber vor allem seine Instinkte, wie der Vogel auf meiner Schulter sagt. Du hast gelernt, deine Gefühle zu sublimieren, oder? Und jetzt werde ich von ihnen überrollt, gelähmt, erschüttert, sie ekeln mich an, ich bin wie betäubt. Es gibt Vormittage wie diesen, an denen ich den Eindruck habe, dass mir alles entgleitet und ich in eine Falle tappe, aus der ich nicht mehr herauskomme.

„Die kleine Lucia Treggiani trug einen roten Mantel. Jeder, der sie gesehen hat, möge bitte die folgende Nummer anrufen.“ Die schmeichelnde Stimme der Radiosprecherin ist wieder zu hören. Ich habe sie noch nie gesehen, aber ich stelle mir vor, dass sie frisch vom Friseur kommt und ihre Lippen aufgespritzt sind, dass sie einen Plastikbecher in der Hand hält und auf ihren High Heels in die Technikkabine geht, um mit dem Toningenieur zu plaudern, während die Werbung läuft. Dann setzt sie sich wieder an den mit grünem Stoff bezogenen Tisch, stellt den Kaffeebecher ab, trinkt einen Schluck, bemerkt, dass der Kaffee kalt ist und nach Plastik schmeckt. Sie kräuselt die Nase, schaut auf den Monitor und fragt mit samtweicher Stimme: „Machen wir weiter?“

Mir ist die Moderatorin dieses Privatsenders instinktiv unsympathisch. Es ist nicht dieser Lokalsender der jungen Leute aus dem Viertel, nicht Radio Disperazione, sondern ein überregionaler Sender. Diese unterkühlte Frauenstimme präsentiert die Nachrichten distanziert und engagiert zugleich. Mit ihren hohlen Phrasen will sie Mitleid erregen, wahrscheinlich mit dem Hintergedanken, die Einschaltquoten zu erhöhen und sich damit das Wohlwollen des Intendanten zu sichern.

Weißt du, wie ungerecht du bist?, bohrt der penetrante Vogel nach, der mich nicht aus den Augen lässt. Ich kenne sie zwar nicht, aber mir ist ihre Stimme unsympathisch. Aber ihre Arbeit macht sie seriös, sie berichtet nichts Falsches, sie ist gradlinig und präzise, so wie es sein muss. Aber irgendwie auch falsch, entgegne ich, dabei blicke ich auf die Flügel des Federviehs auf meiner Schulter. Auch wenn er mir einzureden versucht, er sei mein Schutzengel, hat er wenig Engelhaftes an sich. Er tut so, als wolle er mich beschützen, aber er treibt mich zur Verzweiflung. Er will mich tot sehen. Vielleicht sind Schutzengel so: Sie wollen, dass du genauso wirst wie sie, gewichtslose tote Körper, mit Flügeln, aber ohne fleischliche Gelüste.

Die scheinheilige Radiostimme spricht noch immer von der kleinen Lucia, die heute Morgen auf ihrem Schulweg verschwunden ist. Aber sie berichtet nicht nur die Fakten, sondern versieht sie mit heuchlerischen Kommentaren. Ihre Art macht mich wütend.

Du bist wirklich überkritisch, um Himmels willen, hörst du nicht, dass sie über die Eltern der Kleinen spricht? Genau, wer sind sie eigentlich, diese Treggianis, die ein achtjähriges Kind alleine in die Schule gehen lassen? Nun ja, wir sind doch nicht im Krieg, oder? Wir sprechen von einem Provinzstädtchen und wenn ein kleines Mädchen nicht mehr alleine die paar Hundert Meter in die Schule gehen kann, dann sind wir wirklich im Krieg, meinst du nicht auch? Das sind wir nicht, aber trotzdem. Wie kann es sein, dass in Europa jedes Jahr fast hundert Kinder verschwinden, meist aus kleinen Städten in der Provinz? Jetzt hör dir doch mal an, was die Eltern sagen, das ist bestimmt interessant. Die Stimme dieser Frau ist mir unsympathisch, ich wette, sie hat aufgespritzte Lippen. Was spielt das denn für eine Rolle? Hör einfach mal zu.

„Lucia Treggianis Vater ist als Lastwagenfahrer ständig unterwegs und nur selten zu Hause. Heute Morgen hat er bei Sonnenaufgang das Haus verlassen und wird nicht vor 21 Uhr zurück sein. Er fährt einen meerblauen Lkw.“

Jemand der „meerblau“ sagt, muss aufgespritzte Lippen haben. Jetzt hör aber auf, das ist sicher eine hübsche Frau mit glänzenden Augen und professioneller Sprecherausbildung, hörst du nicht, wie sie artikuliert? Genau, sie artikuliert, das klingt unerträglich, als würde sie für etwas Reklame machen. Nein, das ist eine Journalistin. Na ja, bei diesen Privatsendern besteht da wohl kaum ein Unterschied. Was ist jetzt mit dem Vater? Während ich mit dem Vogel diskutiere, höre ich der Sprecherin zu und speichere gleichzeitig die Infos.

Der Vater, Giovanni Treggiani, ist Lkw-Fahrer und transportiert Waren überall in Italien. Er wohnt mit seiner Frau Carmela am Stadtrand von S. Eine glückliche kleine Familie, sagen die Nachbarn, freundliche, hilfsbereite Leute. Auch wenn die Treggianis in der letzten Zeit finanziell kürzer treten mussten, Giovannis Firma war in Konkurs gegangen, aber er machte sich selbstständig, ernsthafte Probleme hatten sie nicht. Carmela stammt aus Kalabrien und arbeitet zu Hause als Schneiderin. Sie hat der Journalistin das Hochzeitskleid gezeigt, das sie für ihre Tochter Lucia genäht hat.

Heiliger Strohsack, hast du das gehört? Wie kommt jemand auf die Idee, ein Hochzeitskleid für ein Kind zu nähen, das noch zur Schule geht, einen Pferdeschwanz hat und die Bücher in einer braunen Ledertasche herumschleppt?

3

Heute gehe ich früh aus dem Haus, das Fieber ist fast weg. Ich kaufe alle relevanten Zeitungen. Das Foto der kleinen Lucia prangt überall. Einige Zeitungen haben es auf dem Titelblatt, andere auf der Nachrichtenseite. Je länger ich das Foto betrachte, desto mehr ähnelt das Mädchen meiner Tochter, so wie sie mir in meinen Träumen erscheint. Wenn ich sie vor meinem inneren Auge sehe, dann lebt sie und spricht mit mir, so klar und vertrauensvoll, wie ich sie in Erinnerung habe. Oft schlendern wir nebeneinander zur Schule, wie früher, wenn Anita schon vor uns das Haus verließ, um zur Arbeit bei Gericht zu gehen. Ich träume, dass ich Martina an der Hand halte und ihr zuhöre. Meine Tochter war ein kluges und nachdenkliches Kind: „Weißt du, Papa, dass die Zeit wie ein Gummiband ist? Wenn man auf etwas wartet, dann wird sie länger, aber wenn es dir gut geht und du sie am liebsten anhalten würdest, dann zieht sie sich zusammen. Ist das nicht komisch?“ Die Kinder von heute können sich so gut ausdrücken. Wenn ich da an meine Kindheit denke … „Papa, warum lässt Gott Bomben auf Kinder fallen? Gott ist doch gut?“

Ich bin stolz auf ihr Talent zur Reflexion und ich bestärke sie darin. Ohne zu wissen, dass der Tod schon seinen Schatten auf ihr kleines kluges Köpfchen geworfen und seine Hand nach ihr ausgestreckt hat. Die Hand Gottes oder der Klammergriff der Krankheit? Wenn Gott gut ist, warum lässt er dann unschuldige Kinder sterben? Wieder ihre eindringliche Stimme. Ich weiß nicht, ob Gott gut ist, Martina, vielleicht will er sich nicht einmischen, er will, dass die Menschen frei und nach ihrem Gewissen handeln können. Aber ich bin frei, Papa, und ich will nicht sterben, wo ist da die Freiheit? Ich weiß es nicht, mein Schatz, vielleicht sieht Gott einfach zu und kommt und geht wie der Wind.

In letzter Zeit träume ich oft von der Zeit im Krankenhaus, wo sie sich mit drei anderen leukämiekranken Kindern das Zimmer geteilt hat: kahle Schädel, blasse Haut, vor Schmerz geweitete Augen und schwerer Atem.

„Papa, glaubst du, ich werde sterben?“

„Aber nein, Martina, wir werden noch viele Jahre miteinander verbringen, du musst schließlich auf mich achten, wenn ich alt bin, und mir die Augen schließen, wenn ich gestorben bin.“

„Die Krankenschwester sagt, dass ich nicht mehr viel wachsen werde, wenn ich die Krankheit überstehe.“

„Dummes Geschwätz, hör nicht auf sie.“

„Wann kommt Mama?“

„Mama ist noch bei der Arbeit, das weißt du doch, aber ich habe von der Schule die Erlaubnis bekommen, dich zu besuchen. Sie kommt morgen, nach deiner Operation.“

„Was würde sie sagen, wenn sie jetzt da wäre?“

„Dass du stark bist und dass es schon mehr als diese Krankheit braucht, um dich aus dem Leben zu vertreiben.“

Träume sind wie Wolken, flüchtig und unbeständig.

Die Zeitungen haben sofort das Spektakuläre dieses Vermisstenfalls entdeckt und ausgeschlachtet: ein zartes kleines Mädchen mit ebenmäßigem Gesicht und unschuldigen Augen, ein bescheidenes Häuschen am Stadtrand, ein verwilderter Garten, ein verrostetes Eisentor. Viel Geld gibt es dort nicht zu holen. Ein Erpressungsmotiv für eine mögliche Entführung ist damit ausgeschlossen, die Mutter ist Schneiderin, der Vater Lkw-Fahrer. Die Mütter der Stadt sind alarmiert: Kann man sein Kind noch allein in die Schule gehen lassen? Auf einer belebten Straße, einer Strecke, die nur einige Hundert Meter lang ist?

Das Wort „Pädophilie“ macht die Runde. Papa, was bedeutet pädophil? Das ist jemand, der Kinder liebt. Und was ist schlecht daran, Kinder zu lieben? Das ist keine schöne Liebe, nichts Freundliches, sondern etwas Gewalttätiges. Und was bedeutet gewalttätig? Erinnerst du dich an Rotkäppchen? Natürlich, das Mädchen, das mit einem Körbchen voller Würste und Äpfel zu seiner Großmutter geht. An Würste und Äpfel erinnere ich mich nicht, hast du das auf einem Bild gesehen? Und was macht der Wolf mit dem Mädchen? Er frisst es mit Haut und Haaren, aber dann kommt der Jäger und schneidet es aus dem Bauch des Tieres heraus und das Mädchen und die Großmutter kehren nach Hause zurück und sind glücklich und zufrieden. Genauso, Martina: Ein kluges Mädchen lässt sich nicht vom Wolf fressen.

Die Mutter, das schreiben sie jedenfalls in der Zeitung, hat Lucia mit einem Kuss an der Haustür verabschiedet, sie aber nicht bis ans Tor gebracht. Warum? Die Nachbarin, eine gewisse Virginia Pella, hat es zufällig beobachtet und der Polizei außerdem berichtet, dass Carmela wütend die Tür zugeschlagen hätte. In dem Artikel reiten sie auf dem Adjektiv „wütend“ herum, als ob die Mutter stinksauer gewesen wäre und ihre Tochter am liebsten zum Teufel geschickt hätte.

Was kann man daraus schließen? Vielleicht hat sie das Mädchen umgebracht?, mutmaßt der Vogel, der wieder auf meiner Schulter Platz genommen hat. Was zum Teufel redest du denn da, Mütter bringen doch nicht ihre Kinder um! Aber das passiert doch ständig. Hast du nicht von der Mutter gelesen, die ihren siebenjährigen Sohn mit den eigenen Händen erwürgt, ihn dann ins Auto geladen und in einen Graben geworfen hat? Stimmt, er hat recht. Manchmal bringen Mütter ihre Kinder um. Aber bringen sie damit nicht auch sich selbst um? An deiner Stelle würde ich lieber den Mund halten. Du hast eine morbide Fantasie, vermische nicht die Geschichte deiner Tochter, die an Leukämie gestorben ist, mit der des vermissten Mädchens, das verwirrt dich nur. Aber ich habe von ihr geträumt, sie sah genauso aus wie auf den Fotos und sie ähnelte meiner Tochter! Deine Tochter ist tot, wann wirst du das endlich akzeptieren? Tot und begraben und wenn du sie in deinen Gedanken immer wieder ans Licht zerrst, dann tut das weh. Deine Tochter liegt auf dem Friedhof und dieses Mädchen ist vielleicht nur in den Wald gegangen, um Beeren zu sammeln und wird in ein paar Tagen wieder auftauchen.

Ich schalte das Radio an. Die Nachbarin beharrt auf ihrer Aussage. Offensichtlich mag sie Carmela Treggiani nicht. Sie wiederholt immer wieder, dass Carmela sich nach unten gebeugt, das Kind geküsst und dann die Haustür hinter ihr zugeschlagen hat. Und dass das Mädchen den Gartenweg entlang gerannt ist, das Hoftor aufgestoßen hat und dann alleine losgegangen ist, ganz offensichtlich beleidigt.

„Aber sie hat die Haustür zugemacht?“, fragt die Journalistin.

„Nein, zugeschlagen.“

Aber das ist nicht alles. Aus dem gleichen Fenster, aus dem sie das Ganze beobachtete, sah sie ebenfalls, wie das Mädchen mit einem jungen Mann in Jeans sprach, der so strahlend lächelte, als ob er „künstliche Zähne hätte“.

„Woher wussten Sie, dass es künstliche Zähne waren?“

„Das sieht man am Glanz, die eigenen sind viel stumpfer.“

„Und wohin ist das Mädchen gegangen?“

„Wie immer, in Richtung Schule.“

„Und wo ist die Schule?“

„Auf der linken Seite, in der Nähe der Kirche Santa Lucia.“

„Haben Sie noch etwas gesehen? Ist die Mutter im Haus geblieben oder ist sie weggegangen?“

„Das weiß ich nicht.“

„Aber Sie sind sicher, dass das Mädchen in Richtung Schule gegangen ist?“

„Ganz sicher.“

„Und bis wohin haben Sie sie beobachtet?“

„Nur ein paar Schritte, dann bin ich in die Küche gegangen.“

„Aber wenn Sie in die Küche gegangen sind, wie konnten Sie dann wissen, dass sie mit einem jungen Mann in Jeans gesprochen hat?“

„Auf dem Weg in die Küche habe ich mich noch mal umgedreht und einen Mann gesehen, der sich Lucia genähert, sie angelächelt und väterlich getan hat.“

„Hat er ihr etwas angeboten? Bonbons zum Beispiel?“, die Journalistin lässt nicht locker.

„Nein, ich glaube nicht. Er hat sich zu ihr nach unten gebeugt und sie mit diesen strahlenden Zähnen angelächelt.“

„Und welchen Eindruck machte das Mädchen?“

„Lebhaft, wie immer.“

„Lucia war ein lebhaftes Kind?“

„Ja, immer in Bewegung. Wie oft ist ihr Ball beim Spielen in meinen Garten geflogen. Dann ist sie über die Beete getrampelt und hat die zarten Pflänzchen zertreten. Und wenn ich dann mit ihr geschimpft habe, hat sie sich verbeugt und gesagt: ‚Entschuldigung, Signora Virginia, ich habe aus Versehen vorbei geschossen und hole mir jetzt meinen Ball zurück. Ich bemühe mich, nichts zu zertrampeln.‘ Das war natürlich gelogen.“

„Das hat sie genau so gesagt?“

„Oh ja, sie sprach fast druckreif, die kleine Lucia.“

„Lucia, wie die Namenspatronin der Kirche?“

„Ja, sie wurde in dieser Kirche getauft und die Mutter hat sie der heiligen Lucia anvertraut. Ehrlich gesagt, mich ekelt diese Heiligenfigur an, diese leeren Augenhöhlen und dann der Teller, auf dem ihre Augäpfel liegen, die einen direkt anzustarren scheinen.“

„Und das Mädchen? Wissen Sie, ob sie von diesen Augen auf dem Teller eingeschüchtert war?“

„Kann ich mir nicht vorstellen, sie ging regelmäßig dort in die Kirche. Sie war sogar mit Don Antonio befreundet, diesem seltsamen jungen Priester mit Jeans und T-Shirt, der Fußball spielt, Gel in den Haaren hat und ständig am Essen ist. Und dann diese Blähungen …“

„Blähungen? Sie kennen ihn? Haben Sie mit ihm zu tun?“

„Nun ja, hin und wieder. Ich koche öfter für ihn und die Armenküche.“

„Sie haben gerade gesagt, dass Sie einen Mann in Jeans gesehen haben, der mit dem Mädchen gesprochen hat: Wie sah er aus? Könnte es Don Antonio gewesen sein, der Priester, der außerhalb der Kirche Jeans trägt?“

„Ach was! Don Antonio ist schlaksig und dürr. Der Typ mit dem Hyänenlächeln war klein, hatte einen dicken Bauch und bewegte sich, als würden ihm die Füße weh tun.“

Was für ein skurriles Interview. Was hatte dieser Mann mit den glänzenden Zähnen und dem Hyänenlächeln zu bedeuten? Dieser Mann, der womöglich eine Frau ist, schließlich konnte man durch die Kapuze das Gesicht nicht sehen. Was wollte Virginia Pella damit andeuten?

4

Allein zu Hause. Ein weiterer Tag ist vergangen und ich habe immer noch Arbeiten zu korrigieren, kann mich aber nicht konzentrieren. Ich denke an dieses aberwitzige Interview. An die Mutter der kleinen Lucia, die Hochzeitskleider näht. An den Lkw fahrenden Vater. An das Mädchen im Traum, die aussah, als ob sie mir etwas Wichtiges sagen wollte, aber dann doch schwieg. Ein unlösbares Rätsel. Mir kommt ein Gedicht von Sandro Penna in den Kopf.

„Ich liebte alles auf der Welt und hatte doch nur mein weißes Notizbuch unter der Sonne.“ Ich habe nur diese Schulhefte, die mit großen, krakeligen Buchstaben beschrieben sind.

Am liebsten würde ich ein paar Jahrhunderte schlafen. Nicht richtig sterben, das wäre zu brutal, sondern einfach nur schlafen und dann lebendiger denn je erwachen und mich neugierig umschauen. Wäre das nicht schön? Willst du als Skelett zwischen anderen Skeletten wieder aufwachen? Red doch keinen Unsinn, du komischer Vogel, ich will nur schlafen und dann aufwachen und ein anderer sein, zufriedener als der, der ich heute bin. Denk lieber an die Korrektur der Arbeiten, die du schon seit Tagen vor dir her schiebst.

Und da sitze ich nun mit den roten und blauen Stiften. Aber statt zu korrigieren, zeichne ich eine Skizze des Klassenraums. Jahrgangsstufe vier, Sezione A. Die zerkratzte Tür, die nicht mehr richtig schließt. Die Wand links vom Pult, an der die große Europakarte hängt. Rechts zwei Fenster, breiter als hoch, mit den verzogenen Rollläden, die immer halb geschlossen sind, weil sie sich nicht mehr bewegen lassen. Die schmalen Lamellen sind von der Feuchtigkeit aufgequollen und haben sich ineinander verhakt. Ganz hinten, dem Pult gegenüber, sind zahlreiche Haken in der Wand, an denen die Schüler ihre Jacken aufhängen können. Und schließlich das Pult selbst, das aus Brettern zusammengenagelt ist, es wackelt und ich muss jeden Morgen ein paar gefaltete Zettel unter die beiden Seitenteile schieben, damit es gerade steht. Das Kastanienholz ist zwar gestrichen, aber die Farbe ist abgeblättert und die Oberfläche zerkratzt. Rechts steht die Mineralwasserflasche, daneben ein Plastikbecher, den der Schuldiener regelmäßig austauscht. An der Wand hinter dem Pult hängt das mit Staub überzogene Kruzifix. Der Holzstuhl mit der Rücklehne, an der zwei Streben fehlen, ist leer.

Wo ist der Lehrer? Wo ist Nani Sapienza? Fragst du mich das? Nein, ich frage diesen armen Christus, der mit weit geöffneten Armen einfach nur so da hängt. Warum müssen wir einen gequälten Körper anbeten, warum können wir uns stattdessen nicht einen gutaussehenden jungen Mann aussuchen, der mit nackten Füßen über den See Genezareth geht?

In die erste Reihe zeichne ich den kleinen Settimino, einen zwergenhaften Jungen mit widerspenstigen Haaren, dem ein Lkw aus roter und schwarzer Tinte über den Hals wandert. Daneben Mariuccio, der immer Nägel, Schnüre, Kekse, Schokolade, Kürbiskerne und Karamellbonbons in der Schultasche hat. Außerdem Tatiana, ein schüchternes, aber aufmerksames und fleißiges Mädchen mit einer Brille mit dicken Gläsern und bis zum Hals zugeknöpfter Strickjacke, das immer freundlich lächelt. Dann die wuselige Giovanna, für jeden Spaß zu haben und ein Bücherwurm. Weiter geht’s mit dem breitschultrigen Ahmed mit dem düsteren Gesicht und den schwarzen glänzenden Augen. Daneben die zerbrechlich wirkende Jasmin mit dem geheimnisvollen Lächeln, eine gute Schülerin, die sich aber gerne hinter den anderen versteckt.

Der Stift bewegt sich wie von selbst über das Papier. Es macht mir Spaß, ein Bild von meiner Klasse zu malen. Jetzt zeichne ich Giovanni, der einen Kopf größer ist als alle anderen. Blond, hübsches Gesicht, nicht besonders intelligent und faul, aber ein guter Fußballer. Neben ihm Michelina, pummelig, dichte rote Haare, kleine stechende Augen und eine wohlklingende tiefe Stimme, eine gute Vorleserin. Mit Sicherheit die Klügste in der Klasse. Fabrizio, der Klassenclown, der gerne blöde Witze erzählt, aber fleißig lernt und manchmal überraschende Ideen hat. Daneben Alessia, unsere Diva, die sich wie ein Filmstar schminkt und schwarz lackierte Fingernägel hat. Sie ist die beste in Mathe und alle anderen lassen sich von ihr die Hausaufgaben erklären.

Dahinter ist noch eine Bankreihe, insgesamt habe ich sechzehn Schüler in der Klasse, aber einige scheinen nur in die Schule zu gehen, um zu schlafen oder möglichst nicht bemerkt zu werden. Sie schreiben die Hausaufgaben ab, verstecken sich hinter den guten Schülern und passen sich an die Mehrheit an. Wie Schafe. Manche sind richtig nett, wie der kleine Adriano, der immer in Tränen ausbricht, wenn ich ihn nach vorne zum Pult rufe, oder die unsichere Denise, die mich mit einer Mischung aus Angst und Vertrauen ansieht, wenn sie ihren Namen hört. Und Bruna mit den langen blonden Haaren, die den Tick hat, sich die Hände mit Desinfektionsmittel einzusprühen. Sie hat immer zwei Fläschchen in ihren Schürzentaschen. Dann Marco, der am liebsten unsichtbar wäre, damit ich ihn nicht aufrufe.

Als Letztes zeichne ich den fast schon erwachsen wirkenden Francesco Basile, ein chaotischer, aber kluger Junge, der alles und alle infrage stellt, immer bereit, sich auf einen fliegenden Teppich zu setzen, um in ferne Welten zu entfliehen. Er hat eine blühende Fantasie, wenn er spricht, glänzen seine dunklen Augen, seine Art zu reden hat etwas von einem Erwachsenen. Er ist drei Jahre älter als die anderen. Ich weiß nicht, warum er ein paarmal sitzengeblieben ist, warum er Schwierigkeiten in der Schule hatte. Auf ihn kann ich mich verlassen, auch wenn er den Bogen manchmal überspannt. Dann ist er unberechenbar. Aber er verstellt sich nicht, kommt stets zum Punkt und hat fast immer recht.

Sechzehn Kinder, denen ich den Zugang zur Sprache, zum Wissen und zum Nachdenken vermitteln will.

Jetzt tu doch nicht so, flüstert mir der Vogel zu, der immer da ist, wenn ich ins Sinnieren komme. Du bist nur ein am Boden zerstörter Lehrer, zerbrechlich und verletzt, was willst du denen denn beibringen? Willst du mich beleidigen? Nein, ich mache mich über dich lustig. Du bist eine Qual. Ich versuche den Vogel abzuschütteln, aber er scheint sich zwischen Hals und Schulter seinen Platz erobert zu haben, von wo er mich beobachten und kritisieren kann. Dort hat er sich eingerichtet, offensichtlich nicht willens wegzufliegen.

An manche Schüler komme ich einfach nicht heran, mein Unterricht langweilt sie zu Tode.

Und das ist deine Schuld. Du musst mehr motivieren, selbstsicherer und konsequenter sein, die Widerspenstigen unter Kontrolle bringen, nur mit den Intelligenten und Willigen arbeiten. Merkst du nicht, dass du unsicher und verwirrt bist, wie ein aus dem Nest gefallener Vogel? Ehrlich gesagt, ich sehe hier nur einen Vogel und das bin nicht ich.

Ich höre Flügel flattern. Dieser Vogel, der sich für einen Adler hält und dabei nicht mehr ist als ein dummes Huhn, will mich demütigen.