Geld oder Leben? - Gisela Kaiser - ebook

Geld oder Leben? ebook

Gisela Kaiser

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Opis

"Geld ist nicht neutral, sondern wirkt auf uns und unsere Beziehungen. In unserem Alltag geht es andauernd um Geld. Die alles durchdringende Ökonomisierung unserer Gesellschaft hält auch vor Liebe, Familie und Freundschaft nicht inne: Wer investiert wie viel in wen? Was sind wir uns wert? Nur eine teure Hautcreme oder das neue, größere Auto? Mit Geld kann man Macht und Kontrolle in Partnerschaften ausüben. Sind Glück und Liebe käuflich? Sind reiche Menschen glücklicher? Wieso sind wir neidisch, geizig oder gierig? WIe wirken sich Schulden auf unseren Gemütszustand aus? Wie lehrt man seine Kinder den richtigen Umgang mit Geld? Gisela Kaiser untersucht diese und ähnliche Fragen, indem sie den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion gekonnt mit den höchst unterschiedlichen Aussagen ihrer zahlreichen Interviewpartner zum Thema Geld verbindet."

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GISELA KAISER

GELD

ODER

LEBEN?

Wie Geld unsere Beziehungen und Gefühle beeinflusst

Koehler Verlagsgesellschaft Hambug

Mitarbeit und Beratung: Barbara Strohschein

Ein Gesamtverzeichnis der lieferbaren Titel schicken wir Ihnen gerne zu.

Bitte senden Sie eine E-Mail mit Ihrer Adresse an:

[email protected]-books.de

Sie finden uns auch im Internet unter: www.koehler-books.de

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

ISBN 978-3-7822-1206-9

E-ISBN 978-3-7822-1149-9

Koehlers Verlagsgesellschaft, Hamburg

© 2014 by Maximilian Verlag, Hamburg

Ein Unternehmen der Tamm Media

Alle Rechte vorbehalten

Layout und Produktion: Inge Mellenthin

Für Stephan, Katharina und Sebastian

INHALT

Vorwort

Warum ich dieses Buch schreibe

I. Teil: Die Wirkung des Geldes auf Beziehungen

1.  Das Geld und ich

Ich arbeite und kaufe ein. Der Konsument in der freien Marktwirtschaft

Ich habe alle Freiheiten. Die Zumutung, sich entscheiden zu müssen

Die Ambivalenz in Sachen Geld: Ich brauche … ist mir egal!

Ich bin exklusiv! Die reichen Kunstsammler und die Gestylten

Ich bin besser als andere! Die Konkurrenz als Stachel

Wenn ich Geld ausgebe, werde ich anerkannt: Der Wunsch nach Prestige

Ich spare! Die vermeintliche Selbstgenügsamkeit

Warum soll ich etwas hergeben? Der Egoismus

Ich leide am Geld. Die Einsamkeit der Reichen und Schönen

Es ist nie genug. Narzissmus als Ursache für das Leiden

Resümee

2.  Reichtum, Moral und Ethik in Philosophie und Religion

Sinn und Unsinn des Geldes bei antiken Denkern

Glück und Moral: Die Philosophen der Neuzeit

Gottesglaube statt Geldanhäufung in den Weltreligionen

Armut und Reichtum als Widerspruch

Christentum, Islam, Buddhismus

Resümee

3.  Die Liebe und das Geld

Geld – ein heißes Eisen in Partnerschaften

Das Motiv, Partnerschaften einzugehen: Geld, Macht oder Liebe?

Die Vor- und Nachteile, reich zu heiraten

Geschlecht und Emanzipation: Moderne Beziehungen und alte Muster oder warum Geld für Männer etwas anderes bedeutet als für Frauen

Gründe und Anlässe für finanzielle Streitigkeiten: Wer zahlt wofür?

Aufwiegen und Abwägen: Was investiere ich in dich?

Die emotionale Währung der Liebe: Was bist du mir wert?

Auf- und Verteilen von vorhandenen Mitteln

Resümee

4.  Wie Geld Freundschaften beeinflusst

Was Freundschaft bedeutet

Freundschaft und unterschiedliche Besitzverhältnisse

Warum es für Reiche nicht einfach ist, Freundschaften zu schließen

Zahl du mal, alles Weitere mach ich dann ohne dich

Wie Freundschaften durch Geld ins Wanken geraten

Undank ist der Welten Lohn

Die Nachteile finanzieller Selbstlosigkeit

Resümee

5.  Die Familie als Keimzelle und Symptomträger von Problemen

Die Not von damals und die seelischen Nöte von heute

Armut und Reichtum: Leid, Scham und Stress in Familien

Lust und Last eines Familienerbes

Der Verlust der Kindheit

Der Preis des Reichtums: Eine Familie berichtet

Die Großeltern-Generation: Nöte, Krieg und Wiederaufbau

Die Nachkriegskinder-Generation: Hineinwachsen in den Wohlstand

Die Enkel-Generation: Reich sein in Zeiten der Finanzkrise

Kommunikation

Gefühle

Rollen

Resümee

II. Teil: Das Geld und die Gefühle in Beziehungen

1.  Angst und Verunsicherung durch die weltweite Finanzpolitik

2.  Gier: ein natürliches Gefühl?

Ein Film

Ein Roman

Ein Faktum

3.  Geiz und Reichtum: Verschwistert oder verschwägert?

4.  Neid

Neid im Laufe der Geschichte

5.  Schuld

6.  Geldmangel als Auslöser für Schamgefühle

Resümee

III. Teil: Über die Möglichkeit, mit und ohne Geld ein glückliches Leben zu führen

1.  Was ist Glück?.

2.  Armut und Reichtum als Indikator für Glück

3.  Wohlstand und der Sinn des Lebens

4.  Glück durch Geben und Fördern

5.  Vom Glück zu geben und zu schenken

6.  Wie wir mit und ohne Geld glücklich leben können

Resümee

Nachwort

Literatur

Danksagung

Über die Autorinnen

Ich weiß, dass mir nichts angehört

Als der Gedanke, der ungestört

Aus meiner Brust will fließen

Und jeder günstige Augenblick,

Den mich ein liebendes Geschick

Von Grund auf lässt genießen.

Johann Wolfgang von Goethe, Eigentum

Geld ist das letzte soziale Band in einer

individualisierten Gesellschaft,

das Einzige, was unsere Erwartungen nicht enttäuscht.

Aldo Haesler

Geld nichtet alle Werte, weil es außer sich selbst

keinen Wert anerkennt…

Geld ist aber auch die einzige Sache, die ihre Qualität

allein an der Quantität bemisst.

Es ist in sich Mittel und Zweck zugleich und ebnet alles ein.

Richard David Precht

VORWORT

Warum ich dieses Buch schreibe: Geld – ein Lebensthema

Alles Gute hatte seinen Ursprung im Geld, das zugleich alles Böse schuf.

Emile Zola, Das Geld

Zum Thema Geld sind gerade seit den beiden Wirtschaftskrisen des vergangenen Jahrzehnts, von denen uns die letzte noch immer fest im Griff hält, bemerkenswert viele Bücher veröffentlicht worden. In diesen wird meist untersucht, wie es dazu kommen konnte und was für Konsequenzen nun zu ziehen sind. Doch selten wird in ihnen ausgesprochen, wie der Umstand, Geld zu haben oder es nicht zu haben, uns und unsere Beziehungen beeinflusst.

Während meiner Kindheit, meiner Jugend und meines Studiums hat mich das Thema Geld nicht interessiert. Ich habe mir kaum Gedanken darüber gemacht. Ich hatte keine Geldsorgen, schwamm aber auch nicht im Geld. Das Geld für Reisen verdiente ich mir in den Semesterferien.

Als ich dann viele Jahre später von meinem Vater Anteile an einem mittelständischen Unternehmen überschrieben bekam, trat das Thema Geld plötzlich massiv in mein Leben. Die Beschäftigung mit Geld und auch Geldsorgen wurden meine ständigen Begleiter, ohne dass ich mir dessen bewusst war. Ich funktionierte einfach in dieser neuen Rolle.

Eines Tages, beim Mittagessen, machte meine Tochter die Bemerkung: Wir reden eigentlich beim Mittagessen und auch sonst fast nur immer über die Firma und über Geld. Irritiert stellte ich fest, dass das wirklich so war. Plötzlich wurde mir klar, wie ohnmächtig ich mich trotz meines Wohlstandes fühlte und dass meine ganze Familie vom Thema Geld unangemessen beherrscht wurde. In gewisser Weise war die Tatsache, dass meine Tochter diese provokante Aussage traf, auch meine Rettung, denn ich konnte mich jenseits meines tief verankerten Pflichtgefühls wieder auf das besinnen, was mir wirklich wichtig war: auf mein Interesse für Menschen, auf das, was sie tief im Inneren bewegt, auf das, was sie ausmacht und antreibt. Kurzum auf das, was mich vor meiner Rolle als Geschäftsfrau interessierte und ehemals auch zur Wahl meiner Studienfächer geführt hat.

Ich begann, mich mit der Thematik Mensch und Geld eingehender auseinanderzusetzen, und fragte mich: Wie wirkt sich Geld auf uns und unsere Beziehungen aus? Mit welchen Gefühlen ist Geld verbunden?

Bei meinen Recherchen stellte ich fest, dass meine Fragen ein kaum erforschtes Gebiet betrafen. Es gibt kaum Untersuchungen, wenig empirische Studien. Ich begab mich offensichtlich auf ein Terrain, das bisher nicht wirklich »ausgeleuchtet« worden ist und zu wenig im Fokus öffentlicher Diskussionen steht. Doch warum? Liegt es daran, dass die meisten Menschen sich zu Fragen ihres Umgangs mit Geld nur ungern äußern? Ist der Zusammenhang Mensch und Geld in all seinen Facetten so selbstverständlich und ein so fester Bestandteil unseres Lebensalltags, dass er nicht extra hinterfragt und erforscht werden muss? Oder glaubt man, nicht viel darüber sagen zu können und zu müssen?

Fast alle gängigen ökonomischen Theorien, die sich mit dem Thema »Geld« beschäftigen, handeln Geld als neutrales Phänomen ab. Doch in dieser gängigen Betrachtungsweise spiegelt sich etwas wider, was wir auch in anderen Zusammenhängen kennen: Der Mensch spielt in seiner Ganzheitlichkeit, seinen Gefühlen, seiner Lebensgeschichte, seinen Fähigkeiten, seinen Stärken und Schwächen überhaupt keine Rolle. Er wird in den öffentlichen Diskursen als neutraler Faktor abgehandelt, als ob seine Kultur und seine Geschichte, die menschliche Gesellschaft per se eine unveränderliche wären.

Ich hingegen denke, dass gerade die menschlichen und zwischenmenschlichen Aspekte im Zusammenhang mit Geld von allergrößtem Interesse sind – für jeden Menschen. Denn Geld ist alles andere als ein neutraler Faktor. Im Gegenteil. Durch Geld und im Umgang mit ihm werden Wertigkeiten und auch Werte geschaffen, welche die menschliche Gemeinschaft bis in die kleinste Einheit, die Zweierbeziehung, hinein bestimmen.

Geld hat einen vielschichtigen sozialen wie auch symbolischen Gehalt und spielt in persönlichen Beziehungen eine sehr große Rolle. Geld und das kapitalistische System, das auf Profitmaximierung ausgerichtet ist, formen unsere Gesellschaft von außen mit ihren Marktkräften und beeinflussen auf diese Weise unser aller Seelenleben. Man braucht nur an so gängige Redewendungen wie: »Wer zahlt, schafft an«, »Es jemand mit Zins und Zinseszins heimzahlen«, »Geld regiert die Welt«, »Geld allein macht nicht glücklich« zu denken, um zu sehen, was an menschlichen Gefühlen und Beziehungen hinter ihnen steckt: Macht, Rache, Hilflosigkeit, Glück und Unglück.

Doch nicht nur über »Geld und Beziehungen« gibt es kaum Untersuchungen. Auch über die Verteilung von Reichtum, über Leben, Denken, Fühlen und Handeln von Menschen und ihren Bezug zu Geld ist es schwierig, klare Aussagen zu treffen. »Reichtum« scheint sich bis heute der wissenschaftlichen Forschung zu entziehen.1 Wirklich Reiche leben meist im Verborgenen und sprechen ungern über ihr Vermögen, sei es aus Angst, oder weil sie es satt haben, sich ständig dafür rechtfertigen zu müssen und gesellschaftlich an den Pranger gestellt zu werden.

Viele andere werden wiederum völlig zu Recht an den Pranger gestellt, weil sie dank ihres Geldes, das ihnen Macht und Sicherheit verleiht, Entscheidungen ohne Rücksichtnahme auf andere treffen und durchsetzen.

Arme Menschen wiederum hätten gerne mehr Geld, um sich genau diese Freiheit: Nein zu sagen und sich einem für sie unzumutbaren Anliegen zu entziehen, öfter »leisten« zu können.

Um mich dem komplexen Thema möglichst gut anzunähern, habe ich deshalb viele Zitate aus Büchern, Studien und Veröffentlichungen in meinen Text eingearbeitet, soweit sie für meine Fragestellungen relevant sind. Aber das Leben lehrt uns mehr als viele Bücher. Ich hatte das Privileg, mit vielen Menschen viele Gespräche über das Thema Geld führen zu dürfen, die mir allesamt offen und in sehr persönlicher Weise Auskunft gaben über ihre Lebensgeschichte, ihre Beziehungen untereinander und über ihr Verhältnis zum Geld. Alle Interviews und Gespräche haben mir gezeigt, dass es offenkundig viele Themen, Probleme und Fragen gibt, die viele Menschen auf ähnliche Weise beschäftigen: Wie gehe ich mit Geld um? Welche Rolle spielt Geld für mich und in meiner Familie? Welche Ängste, Freuden und Probleme sind mit Geld verbunden?

Mit den Recherchen und dem Schreiben dieses Buches fing eine neue und spannende Phase in meinem Leben an. Die vielen Jahre vorher erlebte und erlitt ich das Thema Geld. Nun begann ich, konstruktiv damit umzugehen und stellte zunächst mir und danach so gut wie all meinen Gesprächspartnern die folgenden, teilweise durchaus ketzerischen Fragen, um eine aussagekräftige Vergleichbarkeit zu erreichen:

1.  Hat der Umstand, über viel Geld und damit über eine größere Unabhängigkeit, mehr Freiheit und Luxus zu verfügen, bei Ihnen andererseits dazu geführt, dass Sie gleichzeitig oder zeitversetzt einen zunehmenden Verlust an Lebensqualität verspürt haben? Möglicherweise in Form von wachsender Unzufriedenheit, größerem psychischen Druck und/oder einem als unzureichend empfundenen Gefühlsleben?

2.  Glauben Sie, dass unsere kapitalistische Gesellschaft mit ihrer Orientierung auf maximale Gewinnoptimierung das menschliche Miteinander aus den Augen verliert und im Ernstfall zu mehr Gleichgültigkeit, Rücksichtslosigkeit untereinander wie auch zu einer emotionalen Verarmung des Einzelnen führt?

3.  Halten Sie es für möglich, dass es im Hinblick auf den Umgang mit Geld – dem Streben nach immer mehr Vermögen, mehr Besitz, mehr Statussymbolen, mehr Konsum – gar keine Unterschiede zwischen Superreichen, Reichen, Mittelstand und Vermögenslosen gibt? Und sich hinter diesem Streben nur die stets gleichen Gründe und Motive verbergen (Aufwertung des eigenen Ichs, geliebt werden wollen, Existenzangst, Geltungsbedürfnis usw.)? Der Unterschied also allein durch die Größe der jeweils zur Verfügung stehenden finanziellen Mittel bestimmt wird?

Die Antworten und konkreten Fallbeispiele habe ich danach vor dem Hintergrund theoretischer Bezüge und Vorgaben, wie zum Beispiel einer kleinen Kulturgeschichte des Geldes, interpretiert und analysiert. Ebenso wie ich zusätzlich noch Romane, Fernsehspiele, Filme, Artikel in Zeitungen und Frauen-Zeitschriften herangezogen habe, in denen diese und andere Fragestellungen zum Thema »Geld und Beziehungen« sehr oft auftauchen.

Bewusst habe ich meinen Fokus dabei stets auf das reale Leben gerichtet, nicht auf wissenschaftlich verklausulierte Untersuchungen. Ich wollte wissen, was all diese Medien zum Thema: Wie unsere Gesellschaft und jeder Einzelne von uns mit Geld umgehen, zu sagen haben und als Trends, Tendenzen und Ausschnitte der Wirklichkeit widerspiegeln.

Es kann daher durchaus sein, dass sich ein Leser in den vielen konkreten Beispielen, die ich im Buch bringe, wiedererkennt, ohne dass ich von ihm persönlich gesprochen habe. Diese Art von Identifikation ist durchaus beabsichtigt, hat aber lediglich damit zu tun, dass meine Fallbeispiele möglichst allgemeingültig und menschlich-alltäglich sein sollten. Viele Menschen haben in ihren Beziehungen mit den Gefühlen, die der Umgang mit Geld mit sich bringt, unweigerlich zu tun. Darüber hinaus sind wir alle geprägt durch die vielen Überlieferungen aus Geschichte, Religion und Philosophie, die allesamt unsere Geisteshaltungen zum Geld mit beeinflusst haben.

Ich danke all meinen Gesprächspartnern, die es mir ermöglicht haben, einen Blick auf ihre Einstellungen und ihr Seelenleben zu werfen, und dafür, dass sie oftmals über ihren eigenen Schatten gesprungen sind und sich auch mit unangenehmen Gefühlen auseinandergesetzt haben. Es ist vielleicht einfach, großzügig zu sein, wenn man wohlhabend ist. Aber ich habe in meinen Gesprächen wirkliche Helden des Alltags kennengelernt, und zwar diejenigen, die jeden Cent umdrehen müssen, trotzdem nicht den Mut verlieren und anderen großzügig geben können.

Denn meine These ist: Wie man mit seinen Gefühlen umgeht, so geht man auch mit Geld um! Und umgekehrt!

1   Eine Ausnahme sind die kanadische Journalistin Chrystia Freeland mit ihrem jüngst erschienenen Titel: Die Superreichen sowie der Autor und Soziologe Thomas Druyen mit seinem Buch: Goldkinder. Thomas Druyen ist einer der wenigen Forscher, die sich mit den Einstellungen der wirklich Vermögenden beschäftigen, gründete in Wien einen Lehrstuhl für Vermögensforschung an der privaten Sigmund Freud Universität. Auch er konstatiert, dass man sich an das »Forschungsobjekt« Reichtum der Reichen nur sehr vorsichtig und mit Diskretion heranwagen kann. Er hält es aber gesellschaftlich für von großer Bedeutung, herauszufinden, was die Vermögenden mit ihrem Geld machen, und hofft, über diese Art der Forschung auch einen positiven Einfluss nehmen zu können für den Umgang mit den Reichen.

I.TEIL

DIE WIRKUNG DES GELDES AUF BEZIEHUNGEN

Spätestens seit dem Mittelalter gibt es in den europäischen Gesellschaften fest verankerte Tabus, die insbesondere unseren Umgang mit Sexualität, Tod und Geld betreffen. Die Art und Weise der Tabuisierung mag sich im Laufe der Zeit zwar verändert und verlagert haben – je nachdem, worauf die Menschen in einer Kultur, in einer Epoche besonderen Wert legten und achtgaben, um ihre Gesellschaft zusammenzuhalten. Aber sie ist mitnichten nicht mehr wirksam oder gar aufgehoben.

Selbst im aufgeklärten 21. Jahrhundert bestehen nach wie vor Tabus bezüglich Sexualität, Tod und Geld.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das Thema Sexualität:

Die sexuelle Revolution und die Befreiung der Frau, die Ende der 60er-Jahre vor allem in Europa und den USA begonnen hatten, trugen dazu bei, dass das Tabu, über Sex zu reden, nicht mehr galt. Heute breiten sich Männer und Frauen äußerst freizügig, öffentlich über ihre Sexualpraktiken und sexuellen Vorlieben aus. Zahllose Bücher und Zeitschriften befassen sich mit diesen Themen. Autoren und Autorinnen sind umso erfolgreicher, je ungenierter sie sich darüber auslassen.2 Dennoch bezweifeln viele Sexualforscher, dass wir deshalb tatsächlich aufgeklärter und zwangloser mit unserer Sexualität umgehen und ein freieres und glücklicheres Sexleben haben. Stattdessen stellen sie die Frage, ob nicht nach wie vor eine riesengroße Kluft zwischen dem öffentlichen darüber Reden-Sehen-Hören und dem eigenen Erleben besteht. Zwischen fiktiver Realität und gelebter Praxis. Und ob, anders herum betrachtet, die ständige Thematisierung von Sex und die steigende Nachfrage nach erotischen und pornographischen Filmen, Romanen und vor allem Sexratgebern nicht ein Zeichen dafür sind, dass noch längst nicht alle sexuellen Unsicherheiten, Ängste und Hemmungen verschwunden sind.

Über den Tod, vor allem über das Sterben, wird heute dagegen nach wie vor angstvoll geschwiegen. Alter, Krankheit und Siechtum werden nun einmal mit dem Ende des Lebens verbunden, der Umgang damit fällt schwer. Sie passieren den anderen, nicht uns. Es wird so getan, als gäbe es die Tatsache »Tod« nicht. Man sieht gewohnheitsmäßig und unentwegt im Film und Fernsehen – hinsichtlich der medialen Öffentlichmachung bestehen durchaus Parallelen zur Sexualität –, wie Menschen getötet werden und töten, aber der eigene Tod wird ausgeblendet. Doch die Gründe dafür zu erforschen, ist nicht Thema dieses Buches, auch wenn hier enge Zusammenhänge bestehen.

Über Geld und die damit verbundenen Gefühle zu reden, ist ebenfalls verpönt. Zumindest kommt es in Deutschland einer Selbstentblößung gleich, über die eigenen finanziellen Verhältnisse reden zu müssen oder reden zu wollen. Nicht ohne Grund gilt hier das geflügelte Wort »Über Geld spricht man nicht«. In anderen Ländern jedoch, wie in den USA, wird gezeigter Reichtum als Indiz dafür angesehen, dass es sich lohnt, Leistung zu erbringen. Und dass es im Prinzip jeder vom Tellerwäscher zum Millionär schaffen kann, wenn er sich nur genügend anstrengt. Dabei spielt es keine Rolle, ob der amerikanische Traum für die große Masse der Menschen auch tatsächlich erreichbar ist.

Obwohl Geld zuerst einmal nichts anderes ist als bunt bedrucktes Papier, erwerben wir damit nicht nur materielle Güter. Wir benutzen und setzen es auch gezielt dazu ein, unsere Beziehungen zu anderen damit zu regeln. So können wir uns – um bei den zuvor genannten tabuisierten Themenfeldern zu bleiben – durchaus Sex und einen schönen Abend in angenehmer Gesellschaft kaufen. Ebenso wie wir uns zum Teil Gesundheit sowie ein längeres Leben erkaufen können.

Geld hat in all unseren Beziehungen mit anderen einen großen Stellenwert. Es steht dabei, je nachdem in welcher Menge wir über es verfügen und wofür wir es einsetzen, sowohl für alle guten wie auch schlechten Dinge im Leben – und sagt nicht zuletzt viel über die Beziehung aus, die wir zu uns selbst haben.

Zwischen dem altruistischen und dem selbstsüchtigen Umgang mit Geld, zwischen anderen geben und nehmen, Selbst- und Nächstenliebe, materiellen und ideellen Werten, Wünschen und Bedürfnissen liegt zwar ein weites Feld. Doch zwischen den Polen dieses Feldes spannt sich unser gesellschaftliches Miteinander auf. Es ist daher nur legitim zu fragen, welche Folgen es hat, wenn das Gleichgewicht zwischen den beiden Polen nicht mehr vorhanden ist, wenn Geld nur noch zur Befriedigung eigener Wünsche eingesetzt wird und jeden Aspekt des Lebens bis in unsere engsten Beziehungen hinein durchdringt und bestimmt.

Wer sich an diese Themen heranwagt, läuft Gefahr, Menschen zu verärgern und zu verletzen. Doch mit meinem Buch will ich weder das eine noch das andere. Vielmehr möchte ich Sie einladen, über die Wirkung des Geldes in Beziehungen und den sinnvollen Umgang mit Geld nachzudenken.

1.  Das Geld und ich

Ich arbeite und kaufe ein. Der Konsument in der freien Marktwirtschaft

Jeder Mensch ist als Teil einer Gesellschaft nicht nur Betroffener, sondern auch Handelnder. Von klein auf lernt und verinnerlicht er mehr oder weniger bewusst, was von ihm erwartet wird und wie er sich anderen gegenüber verhalten soll: in der Familie, im Kindergarten, in der Schule, im Beruf, also auf Schauplätzen, an denen gesellschaftliche Regeln, Werte und Forderungen weitergegeben und eingeübt werden.3 Diesen erlernten, verinnerlichten Erwartungen versuchen Menschen durch ihr Handeln, auch im Umgang mit Geld, zu entsprechen. In westlichen Industriestaaten bedeutet das heute vornehmlich: Sich durch Arbeiten, Kaufen, Konsumieren, Besitzen und mit den anderen zu konkurrieren, immer mit dem Ziel, sich Anerkennung und Achtung zu verschaffen, etwas Besonderes zu sein: Sei perfekt, passe dich an, sei aber immer besser als der andere, und funktioniere.

Das vermeintlich autonome Individuum, das Geld für sich ausgibt, ja, heute mit Geld machen kann, was es will, steht im Kreuzfeuer des Marktes. Es ist gezwungen, Geld zu verdienen und Geld auszugeben. Das Streben nach Geld und immer noch mehr Geld ist dabei zum Selbstzweck verkommen. Und wir scheinen vergessen zu haben, dass wir uns nicht nur über Dinge definieren, die wir uns kaufen können. Angesichts dieses »Zwanges« scheint es fraglich, inwiefern man noch von wirklicher Selbstbestimmtheit sprechen kann. Von diesem Druck kann sich kaum ein Mensch befreien.4

Das, was der Markt angeblich vom Menschen verlangt, geht zudem noch weit über den Zwang, Geld zu verdienen, um es wieder auszugeben, hinaus: Leistungsorientierung, Gewinnmaximierung und kontinuierliches Wirtschaftswachstum sind die genuin anmutenden Grundpfeiler unseres Wirtschaftssystems, in dem Menschen als »Wirtschaftsfaktoren« und »human resources«, als Humankapital, betrachtet werden. Doch Mitarbeiter sind weit mehr als ein wirtschaftlicher Faktor. Sie bestehen nicht nur aus ihrem Wissen und verschiedenen verwertbaren Fähigkeiten. Menschen sind, anthropologisch gesehen, offene Wesen, mit einer Lebensgeschichte, individuellen Bedürfnissen, Träumen, Hoffnungen und Begabungen. Die menschliche Vielfalt, jeder einzelne Mensch mit seinen Stärken und Schwächen, ist auf dem »Markt« aber nicht von Interesse, allenfalls unter dem Aspekt, wie seine Wünsche und Bedürfnisse mittels Werbung für den Konsum »angeteasert« und wirtschaftlich genutzt werden können. Die heutige Fragestellung lautet nicht mehr: Was kann der Markt, die Wirtschaft, für mich und die Gesellschaft tun? Sondern: Was kannst du und jeder Einzelne für die Wirtschaft tun? Wirtschaftswachstum und damit Geldvermehrung ist die neue Religion, das »Goldene Kalb«, das angebetet wird.

Im Kontext geltender Konsumstandards wird in der Arbeitswelt und in der Wirtschaft aber nicht darüber reflektiert, dass Menschen nicht nur auf den Einbahnstraßen des Konsums unterwegs sind und eben keine perfekt funktionierenden Leistungsträger sind. Menschen haben Fehler, sie scheitern, werden alt, verlieren dadurch an Attraktivität und Leistungsfähigkeit, und »….bald schon wird ihr Bemühen, einen Beitrag zur Steigerung des Bruttosozialproduktes zu leisten, der Frage weichen, was sie selber sich leisten können, ja, sich selbst zu leisten geradewegs schuldig sind«.5

Mit diesen kritischen Anmerkungen will ich keineswegs die Chancen und Vorteile der Arbeitswelt außer Acht lassen, die Menschen heute im Vergleich zu früher haben. Dennoch ist es mir wichtig, auf diese Reduktionen hinzuweisen, die in unserem Arbeitsalltag so selbstverständlich geworden sind. Auch die Frage, ob es uns in ideeller, emotionaler Hinsicht – nicht in materieller – wirklich besser geht als früher, muss in diesem Zusammenhang erlaubt sein. Denn immer mehr Untersuchungen zeigen, dass die psychischen Belastungen und Erkrankungen im Beruf seit zwanzig Jahren rapide ansteigen. Und auch der DAK-Gesundheitsreport 2009, der sich mit »Doping am Arbeitsplatz« zur Steigerung der Leistungsfähigkeit befasst, sowie der im August 2013 veröffentlichte AOK Report zeigen, dass immer mehr Arbeitnehmer in Deutschland zu Alkohol und anderen aufputschenden Mitteln greifen, um den Arbeitsalltag überstehen zu können.

Ich habe alle Freiheiten: Die Zumutung, sich entscheiden zu müssen

Aus einer Reihe von alltäglichen Bemerkungen lässt sich ersehen, wie Menschen sich in Beziehung zu Geld setzen, warum sie wofür Geld ausgeben oder nicht ausgeben wollen.

»Wenn ich immer im selben Kleid erscheine, dann denken die Leute, ich verdiene nicht genug Geld. Und außerdem muss ich immer gut aussehen. Sonst kriege ich Stress.« Eine 33-jährige Direktionsassistentin, die im Vorzimmer des Chefs Klienten empfängt.

»Ich find es richtig toll, mit meiner Freundin am Sonnabend durch die Boutiquen zu ziehen und zu shoppen. Papa hat nichts dagegen. Mit tausend Euro Taschengeld im Monat, no problem.« Ein 15-jähriger Teenager aus einer wohlhabenden Familie.

»Wenn ich früher in der DDR ins Geschäft ging, um Orangen zu kaufen, hieß es immer: ›Gibt es nicht‹. So war es auch mit Seidenstrümpfen, Klopapier und Kaffee. Als ich dann das erste Mal in ein Westkaufhaus kam, war ich völlig erschlagen: Da gab es alles und das auch noch im Überfluss. Ich wusste gar nicht, was ich mit mir anfangen sollte. So viele Waren – für wen?« Eine 50-jährige Wissenschaftlerin aus der ehemaligen DDR.

»Ich weiß gar nicht, wofür ich Geld ausgeben soll. Ja gut, für Essen und Getränke und die Miete. Aber sonst? Ich habe alles. Mir geht die Lust am Einkaufen einfach ab. Es widert mich geradezu an. Und wenn ich mal ein neues Jackett kaufen muss, um nach außen hin entsprechend meiner Stellung auftreten zu können, bin ich froh, wenn ich wieder aus dem Geschäft draußen bin.« Ein 65-jähriger Direktor eines Institutes für Geschichte der Neuzeit.

Die unendlich vielen Möglichkeiten des Konsumierens in unserer marktwirtschaftlich orientierten Gesellschaft wecken unentwegt Bedürfnisse und versetzen den einzelnen Menschen in die Lage, sich täglich neu entscheiden zu können und zu müssen. Kaufe ich dies oder jenes? Oder gar nichts? Spare ich, oder spare ich nicht? Ist mein Geld bald nichts mehr wert, und kaufe ich mir deshalb jetzt nicht besser ein neues Auto?

Selbst für diejenigen, die nicht unbedingt konsumieren wollen, ist das Konsumieren zu einem Zwang geworden. Es entspricht den Notwendigkeiten unserer Marktwirtschaft: ohne Konsum – kein Verbrauch, ohne Verbrauch – keine Produktion und ohne Produktion – kein Mehrwert, kein Gewinn – und damit für den Arbeitenden keine Verbesserung des Lebensstandards, keine sichtbar erbrachte Leistung, keine Anerkennung.

In den vier vorangegangenen Beispielen wird das Geldausgeben jeweils unterschiedlich bewertet. Im ersten Fall dient es dazu, etwas zu kaufen, um den Erwartungen anderer zu entsprechen. Im zweiten dient Geldausgeben dem eigenen Lustgewinn und der Befriedigung von Wünschen. Im dritten Fall verunsichert das Warenangebot. Und im letzten wird das Geldausgeben verweigert und ist mit Unlustgefühlen wie auch mit der sozialen Verpflichtung, modisch repräsentabel auftreten zu müssen, verbunden.

In allen Fällen geht es aber keineswegs nur darum, eigenen Wünschen und Bedürfnissen zu entsprechen, sondern um viel mehr. Es geht um den sozialen Rahmen, in dem das Geldausgeben stattfindet, um das eigene Selbstverständnis und die Wirkung, die wir auf andere haben. Wem möchten wir durch den Besitz welcher Konsumgüter etwas zeigen und warum? Stehen vielleicht tiefer liegende Bedürfnisse hinter dem Wunsch, etwas zu kaufen? Etwa das Anliegen zu zeigen, was man sich selbst und anderen wert ist? Mit anderen Worten: Inwiefern erschafft die Wirtschaft erst unsere Wünsche und Bedürfnisse, die sie dann mit immer neuen Produkten in einer nach oben hin offenen Endlosspirale zu befriedigen sucht?

Genügten unseren Vorfahren noch ein voller Magen, ein Dach oder eine Höhle über dem Kopf und ein Feuer, um sich zufrieden zu fühlen und in Frieden beheimatet zu sein, lässt sich bei uns in Mitteleuropa der als normal geltende Lebensstandard längst nicht mehr auf die bloße Befriedigung der Grundbedürfnisse eingrenzen.

In unserer heutigen mitteleuropäischen Konsumgesellschaft sind vielmehr das physische Überleben: – Nahrung, Wärme und Schutz – für die allermeisten Menschen gewährleistet. Unser Konsum lässt sich so gesehen längst nicht mehr auf die Befriedigung basaler Bedürfnisse reduzieren. Er geht darüber weit hinaus. Tatsächlich wollen wir nicht mehr einfach nur ein Dach über dem Kopf haben, wir wollen ein eigenes Haus. Wir wollen nicht nur genug zu essen haben, sondern jederzeit Nahrungsmittel aus allen Teilen der Erde genießen können. Erdbeeren und Ananas im Winter. Nicht nur einfaches Rindfleisch, sondern ein Stück Wagyu-Filet, Hummer und Austern statt einer simplen Forelle. Wir möchten nicht einfach nur ein Auto, wir wollen einen Porsche.

Der Gebrauch und Verbrauch von Konsumgütern hat schon lange eine Art symbolischer Bedeutung angenommen, seitdem »sich im Zuge der Industrialisierung und der mit ihr verbundenen wirtschaftlichen Prosperität für immer mehr Gruppen ein Zugang zu Gütern, die eine Befriedigung über den lebensnotwenigen Bedarf hinaus ermöglichen« eröffnet hat. Doch: »Mit zunehmender Sättigung der sogenannten Grundbedürfnisse kommt es zu einer Steigerung statusbedingten Konsums.«6

Durch neue Produkte, Wirtschaftswachstum und steigendes Einkommen verändern sich unsere Bedürfnisse. Hohe, erlebnis- und genussorientierte Konsumstandards etablieren sich, da sich immer mehr Menschen nach außen hin wirkende Statussymbole leisten können. Selbst wenn Menschen aufgrund von Arbeitslosigkeit über so gut wie kein Geld mehr verfügen: Der neue Fernseher muss her, ein neues Kleid muss gekauft werden – nur damit der Selbstwert nicht noch weiter auf den Nullpunkt sinkt.

Aber auch reiche Menschen sind von dem Phänomen, die ihrem Vermögen entsprechenden Statussymbole um jeden Preis vorzuweisen, nicht ausgenommen. So erzählte mir der Vermögensberater eines Geldinstituts, der Familien ab einem Vermögen von 20 Millionen betreut, dass es bei seinen Kunden gang und gäbe sei, einen eigenen Reitstall und eine Yacht zu unterhalten. Das koste natürlich, bei einer Yacht müsse man pro Jahr mit circa 10 Prozent des Anschaffungswertes rechnen. Oft würden sich dann Verarmungsängste bei seinen Klienten einstellen, wenn sie jährlich Unterhaltskosten von 3 Millionen bei nur 2 Millionen Einnahmen aufbringen müssen. Aber die Yacht oder etwas anderes werde trotzdem nicht verkauft.

Dass sich Menschen über alle Einkommensklassen hinweg immer mehr über die zu ihrem Besitzstand gehörigen Statussymbole definieren und repräsentieren, ist so evident, dass sich die Frage stellt: Warum so viel Geld ausgeben für ein bisschen Anerkennung? Viele Menschen laufen unter anderem wegen dieses »mehr Schein als Sein« sogar in eine Schuldenfalle, wie anhand der steigenden Konsumentenkredite in Deutschland ab den 70er-Jahren erschließbar wird. Konsumenten werden auch dazu erzogen: »Kaufe heute, zahle morgen« oder wie mit dem Bankslogan: »Wir machen den Weg frei!« Hier tritt eine Veränderung des Kaufverhaltens zu Tage, die dem früher vorherrschenden Wirtschaftsethos vollkommen zuwiderläuft. Früher gaben die privaten Haushalte nur das Geld aus, das sie de facto besaßen, wodurch es eine genaue Relation gab zwischen dem, was verdient wurde, und dem, was für Konsum ausgegeben wurde. Der Rest wurde gespart und auf die berühmte »hohe Kante« gelegt, sei es für schlechte Zeiten, für die nachkommende Generation oder für irgendetwas Besonderes, von dem man träumte und das man sich irgendwann einmal leisten wollte.

Doch inzwischen ist die Kreditaufnahme von Privathaushalten zu einer Selbstverständlichkeit geworden und korrespondiert mit der Einstellung, zu keiner Zeit auf Konsum verzichten zu müssen. Eine Einstellung, die vom kapitalistischen System geradezu gewollt und gefördert wird. So werden mit immer neuen Kreditformen die entsprechenden Möglichkeiten, sich zu verschulden, nicht nur geschaffen, sondern auch beworben, denn ohne den ständigen Konsum aller käme es in der Wirtschaft zu Absatz- und Umsatzeinbrüchen.

Schulden in den privaten, öffentlichen wie auch staatlichen Haushalten sind ein probates Mittel geworden, um den Kreislauf des Geldes aufrecht zu erhalten. Das Bewusstsein, dass mit Schuldenmachen auch Haftung und das Versprechen auf Rückzahlung verbunden sind, ist dagegen immer mehr verloren gegangen.

Dass wir dennoch an unseren hohen Konsumstandards festhalten, liegt daran, dass wir über Statussymbole unsere gesellschaftliche Stellung verdeutlichen und soziales Ansehen gewinnen. Jedes Absenken des Standards wird daher als Verlust sozialer Wertschätzung betrachtet, mit dem sowohl Ängste als auch Selbstwertkrisen verbunden sind.

Die Möglichkeiten, sich als Konsument frei entscheiden zu können, erweisen sich damit gleichzeitig als großer Druck, dem verinnerlichten gesellschaftlichen Anspruch: Jemand und etwas zu sein, genügen zu müssen. Aber warum, ließe sich an dieser Stelle fragen. Ist der Mensch sich selbst etwa nicht genug?

Die Ambivalenz in Sachen Geld: Ich brauche … ist mir egal!

»Neulich hat mich meine Mutter gefragt, warum ich so sauer bin. Erst wollte ich es ihr nicht sagen, aber sie hat so gebohrt. Ich hab ihr dann gesagt, dass ich es scheiße finde, kein iPad zu haben. Alle anderen aus der Klasse haben eins. Sie hat nur gesagt: ›Dann kauf dir doch eins.‹ Und ich hab gesagt: ›Kann ich nicht, wovon denn?‹ Sie hat mit den Schultern gezuckt.« Ein 16-jähriges Mädchen, das in einem Elitegymnasium ein Stipendium hat.7

»Jedes Mal, wenn ich mir diese teure Hautcreme wieder kaufen muss, habe ich ein schlechtes Gewissen. 85 Euro nur für Creme … dabei haben wir nicht mehr als 500 Euro Haushaltsgeld im Monat. Aber mein Mann hat neulich wieder so eine dumme Bemerkung gemacht, dass ich auch nicht gerade jünger werde und mit meinen Stirnfalten wirklich mal was machen könnte.« Eine 43-jährige Angestellte, Ehefrau und Mutter.

»Einmal in der Woche gehe ich putzen bei einem Professor und seiner Frau. Sie sind sehr nett und auch ziemlich großzügig, Dabei weiß ich, so dicke haben sie es nicht, mit drei erwachsenen Kindern. Aber der Professor hat kein Portemonnaie. Und das Geld fällt ihm einfach aus der Hosentasche. Ich sammle jedes Mal Cent-Stücke vom Boden oder aus den Sofaritzen, ja sogar mal einen 10 Euro-Schein. Ihm scheint Geld ziemlich egal zu sein. Für mich sind 10 Euro schon viel Geld.« Eine 34-jährige, als Reisekauffrau ausgebildete, arbeitslose Haushaltshilfe.

»Ich kann mich wirklich nicht beklagen, dass ich kein Geld hätte. Mein Mann ist mehrfacher Millionär. Aber es ist mir zuwider, für eine Handtasche von Prada tausend Euro oder mehr auszugeben. Wir hatten zuhause früher, mit fünf Geschwistern in der Familie, nicht einmal Taschengeld bekommen. Und dann soll ich, nur um auf einer Party anzugeben, mir so eine Tasche kaufen oder einen Fummel, der 2.000 Euro kostet? Das ist es mir nicht wert.« Die 60-jährige Frau eines Unternehmers, die als ausgebildete Lehrerin nicht berufstätig ist.

Geld hat verschiedene, vor allem ambivalente Bedeutungen im Leben jedes einzelnen Menschen. Es ist Mittel zum Zweck, sich Sicherheit, Anerkennung und Prestige zu verschaffen. Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite kann Geldausgeben auch mit innerer Abwehr und Gleichgültigkeit besetzt sein. Insbesondere Männer, die in festen Anstellungen sind, genug verdienen und nicht um Geld »kämpfen« müssen wie auch Intellektuelle, denen alles andere wichtiger ist als Geld, kümmern sich weder um eine sparsame Haushaltsführung noch um die herumfliegenden Cents in ihrer Hosentasche.

Die Befriedigung durch Kaufen und Konsumieren, der Widerwille dagegen, viel Geld auszugeben, und die Gleichgültigkeit gegenüber Besitz haben sich in all meinen Gesprächen als die drei wesentlichen Einstellungen gegenüber Geld herauskristallisiert. Welche der drei Positionen der Einzelne heute einnimmt, hängt dabei stark von seiner Lebensgeschichte ab. Die ältere Generation, die noch den Krieg und damit Leid, Armut und Verzicht erlebt hat oder in der Nachkriegssituation groß geworden ist, gründet ihr Selbstwertgefühl weit weniger auf Geldausgeben als vielmehr auf Geldsparen. Im Deutschland der Nachkriegsjahre wurde gespart. Sparen galt als Tugend und Pflicht.

Der Widerwille, viel Geld für Konsum auszugeben, hängt dagegen meist mit einer kritischen Sicht auf unsere durchökonomisierte Welt und dem Glauben zusammen, dass wir durch unsere Art mit Geld umzugehen, letztendlich unsere Erde zugrunde richten und den eigentlichen Sinn des Lebens verkennen. Menschen, die dieser Ansicht sind, verweigern den Konsum daher soweit als möglich und setzen ihre Prioritäten meist auf ein erfülltes Familien- und Liebesleben. Im Extremfall werden sie sogar zu Aussteigern.

Nikolaus und Anne, beide dreißig Jahre alt, haben sich vor zwei Jahren bei einer Ausbildung zum Bergführer kennen und lieben gelernt. Aus den oben genannten Gründen haben sie sich schon bald dazu entschlossen, ein möglichst naturnahes und einfaches Leben zu führen.

Nun leben sie mit ihrer einjährigen Tochter Sofie in einem umgebauten Heustadel im Allgäu inmitten von Wiesen und Feldern, nahe eines Baches, aus dem sie auch das Wasser, das sie benötigen, mit Eimern schöpfen.

Auf die Toilette gehen sie zu einem in der Nähe gelegenen, von Freunden bewohnten Bauernhof.

Sie kochen auf einem alten Eisenofen, ernähren sich von selbst angebautem biologischen Obst, Gemüse und Getreide, und ab und zu gibt es ein Ei von ihren frei laufenden Hühnern. Natürlich ist es in ihrem Stadel, den sie mit gewalkter Schafwolle vor Windzug und Kälte isoliert haben, vor allem im Winter nicht immer angenehm. Aber die gute Luft, die Nähe zur Natur und zu sich selbst, ihre Gemeinschaft und der Blick in den weiten Sternenhimmel entschädigen sie für vieles.

Sie fühlen sich, wie sie sagen, eins mit sich und der Natur und sind froh, dieses einfache Leben jenseits des Geldes gewählt zu haben. Insgesamt kommen sie mit fünftausend Euro im Jahr aus, die sie sich mit geführten Wanderungen verdienen.

Doch selbst Aussteiger können sich dem kapitalistischen Gesellschaftssystem nicht völlig entziehen. Wir alle leben heute – zumindest in den hochindustrialisierten Staaten – in einer Zeit der von Konsumzwängen geprägten Pseudoindividualisierung, die beabsichtigt/unbeabsichtigt zu einer Destabilisierung des Selbstwertes bei vielen Menschen führt, die hinter ihrer kühlen Fassade um psychische Integrität und Balance ringen.8 Denn meiner Meinung nach wird eine »wahre« und gesunde Individualisierung nur durch ein Miteinander, gesamtgesellschaftliche Werte, Empathie und Verantwortung für andere konstituiert, nicht durch rücksichtsloses egoistisches Geldscheffeln und permanentes Konsumieren. Doch was bedeutet das genau? Und was passiert, wenn unser Wirtschaftssystem genau diese Art von Individualisierung torpediert, weil sie der unentwegten Geldvermehrung und dem Konsum abträglich ist, und sie stattdessen neu zu definieren und zu regeln versucht?

Durch Konsumieren können individuelle Selbstbestätigung wie auch Selbstwertbestimmung durchaus schnell erfahren werden: Der Kauf und das Zur-Schau-Stellen von Konsumgütern verschafft dem Käufer nicht nur das Gefühl unmittelbarer Kaufbefriedigung. Der Käufer glaubt, durch seinen Kauf auch den Eindruck, den er bei seinen Mitmenschen hinterlässt, auf positive Weise verändern oder bestimmen zu können. So will er sich zum Beispiel als zu einer Gruppe dazugehörig zeigen oder anderen seinen gesellschaftlichen Aufstieg demonstrieren. Fast alle Waren, die man kaufen kann, bewirken deshalb, dass man sich gut und besser fühlt, sobald man sie besitzt: Kleider, Autos, Einrichtungsgegenstände, Kunstwerke, Schmuck usw.

Kleider machen Leute, heißt es zu Recht. Aber stellen wir uns einmal vor, dass wir alle ohne Kleider und all die anderen Dinge, die wir uns kaufen können, nackt in einer Reihe stehen: Was würde dann jeden Einzelnen von uns ausmachen? Womit könnten wir uns noch von anderen unterscheiden? Allenfalls durch unser Wissen und unsere Fähigkeiten. Und worauf würde sich dann unser Selbstwertgefühl gründen, wenn nichts Äußerliches mehr auf unsere materiellen Ressourcen und unseren gesellschaftlichen Status schließen ließe?

Nahezu jeder Mensch möchte heutzutage einem bestimmten Image entsprechen, durch das er Zugehörigkeit zu einem bestimmten Lebensstil oder einer Statusgruppe ausweisen kann. Selbst diejenigen, die sich in den von mir erwähnten Beispielen dem Imagezwang entziehen und dem Konsum verweigern, spiegeln dies in ihrem Protest und dem Wunsch, sich von der Gruppe der Konsumierenden abzugrenzen, wider.

Halten wir also fest: Geld- und Gütergebrauch dienen vordergründig der Selbstverwirklichung, wodurch sie zur Bildung einer Pseudoidentität beitragen. Sie dokumentieren zugleich eine bestimmte Gruppenzugehörigkeit und damit einen Unterschied zu anderen Gruppen, von denen man sich abheben möchte.

»Die Statussymbole, mit denen man sich umgibt, geben einen Hinweis darauf, welche gesellschaftliche Position man einnehmen möchte. In einer fest gefügten Gesellschaft, wie der ständischen des Mittelalters, sind die Statussymbole unmittelbar mit einer gesellschaftlichen Position verknüpft. In der durchlässigen Konsumgesellschaft sind Statussymbole dagegen prinzipiell für jedermann frei verfügbar. Nicht mehr die durch Geburt zugeschriebene oder durch Leistung erworbene Position ist ausschlaggebend, der Status wird in der Hauptsache von den Objekten repräsentiert, die man besitzt. Prestige ist also käuflich. Der gesellschaftliche Aufsteiger etwa wird sich mit Statussymbolen umgeben, die ihn aus seiner Herkunftsgruppe herausheben und zugleich mit der Gruppe, zu der er sich Zutritt erhofft, assoziiert sind.«9

Das lässt sich unterstreichen durch den Satz von M. Binswanger: »Das Bedürfnis, andere Menschen mit Hilfe von Statussymbolen zu beeindrucken, ist das wichtigste Bedürfnis, welches den Konsum auch in einer gesättigten Wirtschaft vorantreibt.«10

Ich bin exklusiv! Die reichen Kunstsammler und die Gestylten

Bevor ich auf die seelischen Auswirkungen des Konsumierens eingehe, möchte ich einen kleinen Ausflug in die Welt der individuellen Vorlieben der Reichen machen. Denn gerade hier zeigt sich in zugespitzter Form deutlich, wie sich Konsum und Gier mit dem Ziel, etwas »ganz Besonderes« zu sein, verbinden.

Bekanntlich gibt es eine Reihe von Gütern, die nur in sehr begrenztem Umfang vorhanden sind und sich gerade deshalb als Statussymbole besonders gut eignen, wie etwa Häuser und Wohnungen in einer bestimmten Lage, teure Autos und vor allem: Bilder berühmter Künstler. Mit dem Erwerb dieser Dinge, die nur für eine kleinere Gruppe von Menschen erschwinglich sind, kann man sich von der Masse der übrigen Bevölkerung abheben und demonstriert seinen besonderen Status, seinen Reichtum und seine eigene Bedeutung nach außen oder innerhalb seiner sozialen Gruppe.

Gleichgültig, ob es sich um Bauunternehmer aus Miami, Industrielle aus Südamerika oder um reiche Russen handelt, es gibt weltweit ungefähr 500 Menschen, die in großem Stil zeitgenössische Kunst sammeln.

Diesen scheint es nicht mehr zu genügen, einfach »nur« reich zu sein. Wer etwas auf sich hält und auch intellektuell und kulturell dazugehören will, legt sich eine private Kunstsammlung oder gleich sein eigenes Kunstmuseum zu – und damit ein anderes Lebensgefühl. Um die raren Spitzenwerke, die auf Jahre hin vorbestellt sind, wird unter den Multi-Millionären ein erbitterter Kampf geführt. Denn das Sammeln von Kunst stellt in der Gruppe der Superreichen den sozialen Aufstieg vom »langweiligen« Millionär zum angesehenen Kunstmäzen dar.

Ein konkretes Beispiel dazu: »Wer auf sich hält unter uns Reichen, versucht, sich eine Kunstsammlung oder gleich ein Privatmuseum zu errichten«, meint die 60-jährige New Yorkerin Jane, Witwe eines Bauunternehmers. Für ihr neues Hobby nimmt sie einiges in Kauf: Sie buhlt sogar mit ihren reichen Konkurrenten um die Gunst der Galeristen, um an eines der raren Meisterwerke zu kommen. Ihr genügt es nicht mehr, ihren unglaublich teuren Schmuck und ihre Kleidergröße Zero auf Wohltätigkeitsempfängen zu präsentieren. Wie viele ihrer reichen Bekannten baut sie mit Hilfe einer professionellen Kunstberaterin eine eigene Sammlung auf. Dafürscheut sie keine Kosten und Mühen. Um bei einem der angesagten Dinners in einer der angesagten Galerien andere Sammler auszustechen, schickt sie schon mal ein paar Blumenbouquets für 2.000 Dollar vorbei. »Wenn ich ein bestimmtes Kunstwerk nicht bekomme, heule ich schon mal vor Wut«, sagt sie.

Die Gier der Sammler, die durch die weltweite Finanzkrise noch verstärkt wurde, spült Künstler an die teure Oberfläche, deren Werke in ein paar Jahren vielleicht nur noch so viel wert sind wie die Leinwand, auf die sie gemalt wurden.

Dennoch fliegt jedes Jahr kurz vor Weihnachten alles, was Rang und Namen hat, mit seinen Privatjets nach Amerika zur »Miami Beach Art« und im Frühsommer zur »Art Basel«. Und unter dem Jahr werden zahlreiche Kunstmessen und Galerien besucht, um an begehrte Bilder und Installationen zu kommen. Die Galerien, die angesagte Künstler wie Luc Tuymans, Jeff Koons oder Gerhard Richter verkaufen, können sich vor der großen Nachfrage nach ihren Millionen Dollar teuren Bildern gar nicht mehr retten. »Auf zehn Werke der großen zeitgenössischen Künstler haben wir 200 Anfragen von Sammlern«, äußert sich ein angesehener Galerist.

Zwischen den Messebesuchen und Empfängen genießt man die lauen Abende und Nächte in schicken Restaurants, bei Partys am Meer oder in einem der weißen Art-Deco Wolkenkratzer mit einem Glas Champagner in der Hand. Zu dieser Zeit öffnen die Privatsammler dort nach Vorankündigung ihre Wohnungen, die voller Kunstwerke sind.

Ich selbst war in Privathäusern, wo sogar die Wände der Kinderzimmer mit moderner teurer Kunst gepflastert waren. Ganz lässig sitzen die Kinder der Familie am Eingang und führen Strichlisten, damit nicht zu viele Besucher das Haus stürmen. Die erfolgreichen Eltern sitzen in ihrem Garten an einer Lagune und plaudern angeregt mit ihren meist fremden Gästen und bewirten diese mit Bagels, Orangensaft und Kaffee. Eine andere Sammler-Familie, die ursprünglich aus Kuba stammt, hatte ihr riesiges modernes Haus fast ausgeräumt, um für ihre unzähligen Kunstwerke Platz zu schaffen. Am Eingang bekommt man einen Grundriss des Hauses in die Hand gedrückt, in dem die Hängung und Lage der Kunstwerke eingezeichnet sind. Sogar die winzigen Zimmer der Hausangestellten, in denen nur ein Blechspind, ein Bett und ein Stuhl standen, waren überall mit Zeichnungen bestückt.

Durch das viele Geld, das die Betreffenden für Kunst ausgeben, zeigen sie: Schaut her, wer ich bin! In jeder Ecke meines Hauses zeige ich mein Geld und meinen Kunstverstand. In Europa ist diese Art der Zurschaustellung noch selten. Aber in Amerika öffnen die Reichen ganz selbstverständlich ihre Häuser, um Interessierten stolz die Kunst, die sie sammeln, zu zeigen.

Doch nicht nur das Sammeln von Kunst ist ein Mittel, um sich von anderen abzuheben. Auch die Neigung, sich selbst zu einer Mode-Ikone zu stilisieren, ist ein Weg, durch Konsum das Besondere an sich herauszustellen und zu einer bestimmten Gruppe zu gehören, gerade wenn man nicht über sehr viel Geld verfügt.

Charlotte versucht, ihren Freundinnen und allen anderen Frauen in Sachen Mode und Stil immer einen Schritt voraus zu sein. Deshalb hat sie die trendigsten Modejournale der Welt abonniert. Es ist ihr wichtig, schöner und schicker als alle anderen zu sein, die sie kennt. Darauf ist sie extrem stolz. Konsumentscheidungen trifft sie schnell, sicher und mit schwarzer Kreditkarte. Es scheint, dass die Lektüre der amerikanischen und französischen Vogue »ein inneres ästhetisches Selbstkonzept« unbewusst vorprogrammiert. Charlotte arbeitet in der Marketing-Abteilung einer großen Hotelkette. Nichts ist ihr wichtiger als ihr Aussehen, in das sie investiert wie in ein nobles Gut. Sie kauft nur die teuersten Parfüms und Cremes, macht regelmäßig Diäten, um mit ihren 1,80 m in Kleidergröße 36 zu passen. Sie geht dreimal in der Woche zum Sport, um geschmeidig und fit zu bleiben und um der Schwerkraft entgegenzuwirken. Falten werden, seitdem sie dreißig ist, mit Botox und Fillern ausgemerzt. Die teuren Kollektionen der teuren Designer werden nach einer Saison weggegeben. Stolz ist sie auch darauf, dass es nur sehr selten Frauen gibt, die so groß und schlank sind wie sie. Frauen, die zehn Zentimeter kleiner sind und Größe 38 tragen, bezeichnet sie als »mollig«. Charlottes wirkliches, wahres Gesicht werden ihre Freunde und Bekannten nie sehen, denn es ist immer geschminkt. Ihr Seelenzustand »blitzt nur kurz auf«, wenn sie zu müde ist oder zu erschöpft, um eine Maske aufzusetzen.

Charlotte ist ein gutes Beispiel für die heute weitverbreitete Pseudoindividualisierung, bei der die eigentliche Person hinter einer perfekt aufgebauten Fassade aus Geld und Statussymbolen zurücktritt. Doch was steckt hinter dieser Fassade? Nach dem, was mir Charlotte über sich erzählt hat, ist sie eine extrem unsichere Frau, die in ihrer Kindheit von ihrer Mutter wie eine Puppe schön gekleidet wurde, damit diese stolz auf sie sein konnte. Sobald Charlotte sich weigerte, bekam sie den Missmut der Mutter zu spüren, die Charlotte brauchte, um sich selbst durch die schöne Tochter aufzuwerten. Charlotte ist bis jetzt in diesem System, das ihr ihre Mutter vorgab, gefangen und muss deshalb ständig ihr Aussehen kontrollieren. Ihre dauernden Anstrengungen, durch den Kauf stylischer Kleidung perfekt zu sein, gründen eigentlich auf dem Gefühl, »fehlerhaft« zu sein: So wie ich bin, bin ich nicht in Ordnung. Dass Menschen, die sich ständig anderen gegenüber profilieren müssen, extrem anstrengend sind, ist ihr nicht bewusst. Sie ist dem Druck, den ihre Mutter auf sie ausgeübt hat, nie wirklich ausgewichen. Für ihre Mutter galt nur: Sei schön und erfolgreich! Und nach diesem Prinzip richtet Charlotte nun mit viel Aufwand, Kraft und Geld ihr Leben aus.

Ich bin besser als andere! Konkurrenz als Stachel

Nicht nur das »Etwas-gelten-Wollen« spielt eine Rolle für die Menschen, die sich mit Geld den Wunsch nach Anerkennung erfüllen können. Wie heißt es in einer alltäglichen Redewendung: »Konkurrenz belebt das Geschäft.« Sie belebt aber nicht nur das Geschäft, sie feuert einen Menschen auch an und setzt ihn gleichzeitig unter Stress. Vor allem, wenn es ums Geldverdienen und Geldmachen geht. Denn: Wer am meisten Geld macht und darin besser ist als alle anderen, ist der Sieger.

Mathias Binswanger zitiert in seinem Buch »Die Tretmühlen des Glücks« den amerikanischen Hedgefonds-Manager James Cramer: »Gute Fonds-Manager vergleichen sich immer untereinander. Als ich bei Cramer Berkowitz arbeitete, schaute ich jeden Tag, wie erfolgreich die anderen Fonds-Manager waren, und ich konnte es nicht ertragen, von ihnen geschlagen zu werden. Ich wurde wahnsinnig, wenn Richie Freeman von Smith Barney Aggressive Growth oder Paul Wick an einem Tag mehr Gewinn machten als ich. Ich verfolgte ihr Abschneiden, so wie man im Sport seinen Gegner während eines wichtigen Spiels beobachtet. Ich war nicht zufrieden damit, wenn ich Gewinne erzielte. Meine Gegner mussten verlieren, damit es ein wirklich guter Tagfür mich war. Gewannen hingegen die anderen und verlor ich selbst, dann musste ich die Tränen zurückhalten.«11

Empirische Umfragen in den USA unterstreichen die hohe Bedeutung, die das relative Einkommen im Leben von vielen hat schon 1991: »Bei einer Umfrage … gaben 46% der Befragten an, dass sie in Zukunft zu den Spitzenverdienern (den reichsten 6%) gehören wollten, die im Durchschnitt 250.000 Dollar im Jahr verdienten. Und weitere 49% gaben an, dass sie zumindest zu den Gutverdienenden gehören wollten… Nur 15% der Befragten waren zufrieden damit, in Zukunft zur Mittelklasse zu gehören.«12

Ein Großteil der Menschheit besitzt natürlich nicht die finanziellen Ressourcen, um an einem Wettbewerb mit Statussymbolen ab einer Größenordnung von 250.000 Dollar teilzunehmen. Doch letztendlich geht es in jeder Einkommensklasse darum, sich von anderen, in der gleichen Liga Mitspielenden zu unterscheiden, indem man sie übertrumpft und überflügelt. Das gilt auch für die amerikanischen Kunstsammler. Auch für sie wird der eigene Konsum immer mehr zur Vergleichsgröße mit anderen Reichen und kann damit zu einer erstrangigen Quelle für Unzufriedenheit und Neid werden. In Amerika geht man meiner Erfahrung nach nur lockerer und entspannter mit seinem Reichtum um.

Dank den gesteigerten Möglichkeiten eines großen Vermögens, den eigenen Status zu zeigen, weitet sich die exklusive Konsumpraxis zu einem äußerst exklusiven Lifestyle aus. Im Prinzip geht es aber auch hier immer nur darum, besser, schöner und interessanter dazustehen als die anderen – oder zumindest nicht schlechter.

Die relevanten anderen, die Gruppe von Menschen, die man beeindrucken möchte und von denen man sich zugleich abheben will, sind dabei meist Freunde oder Bekannte gleich hohen Vermögensstandes. Auf das Thema Neid werde ich später noch eingehen. Hier nur so viel dazu: Wir neigen dazu, uns mit den Menschen zu vergleichen, mit denen wir die meiste Zeit verbringen, und das sind in der Regel Freunde oder Arbeitskollegen, die einen ähnlichen sozialen und beruflichen Hintergrund haben wie wir. Auch in Zeiten der Globalisierung wird sich ein Arbeiter, ein Arzt oder Manager, was sein Gehalt anbelangt, an seinen Kollegen orientieren oder an Menschen, die in ähnlichen Bereichen in anderen Firmen arbeiten, nicht aber an der Verdiensthöhe eines vergleichbaren Jobs in China.

»Die Grundlage des ganzen Wettbewerbs um Status bildet das Einkommen, denn ohne entsprechend zu verdienen, kann man auch keine Statusgüter erwerben. Also versuchen die Menschen auf dem Arbeitsmarkt, ihren Status durch entsprechende Karriereschritte zu verbessern. Wenn man einen Job mit hohem Prestige und entsprechend hohem Einkommen hat, dann macht das ungeheuren Eindruck, und der Neid der Umgebung ist einem bereits sicher. Man muss schon sehr attraktiv oder sehr berühmt sein, damit man bei seiner Umgebung die gleiche Wirkung erzielt. Und das Einkommen selbst wird dabei zunehmend zum Statussymbol.«13

Wenn ich Geld ausgebe, werde ich anerkannt: Der Wunsch nach Prestige

Wie ambivalent und konfliktträchtig die Bedürfnisbefriedigung zur Sicherung von Ansehen und Anerkennung ist, zeigen ein paar alltägliche Beispiele:

Karin ist dreiundzwanzig und arbeitet als Verkäuferin in einem Kaufhaus. An freien Samstagen zieht sie mit ihrer Freundin los, um einzukaufen. Bei »Hennes & Mauritz« ersteht sie eine neue Jacke, ein Kleid, eine Handtasche, Unterwäsche und Schmuck. Dann geht es weiter in eine teure Parfümerie. Für mehr als hundert Euro kauft sie Makeup, Lippenstift und eine Tagescreme.

Insgesamt hat sie an diesem Tag vierhundert Euro ausgegeben. Als ihre Mutter sie am Sonntag fragt, ob sie ein Geburtstagsgeschenk für ihre Tante besorgt hat, zuckt Karin die Schultern: Kein Geld. Sie stellt fest, dass sie ihr Konto weit über den Dispo-Kredit überzogen hat. Eine Familienkrise bahnt sich an, doch Karin besteht darauf, dass es in ihrem Job nicht anders geht, als »gut auszusehen«. Dafür brauche sie eben Klamotten und Schminke. Doch die Sachen, die sie gekauft hat, liegen in einer Ecke im Schrank. Sie gefallen ihr nicht mehr.

Auch solche Beispiele sind nicht selten: Tanja, 30 Jahre alt, Tochter aus reichem Hause, hat grenzenlos Geld zur Verfügung. Sie stylt sich mit den Attributen einer Punkerin, ohne eine zu sein. Ihr Aussehen ist eher ein Protest gegen die elegante Mutter.

Sie hat keine Lust, ihr Studium zu beenden, sondern hauptsächlich Langeweile. An vielen Nachmittagen geht sie in der Innenstadt von einer teuren Boutique zur anderen. Schnell sind zweitausend Euro ausgegeben. Zu Hause wirft sie die Tüten in den Schrank, der schon überquillt. Sie selbst läuft in einer Punk-Aufmachung herum und legt wenig Wert auf gutes Aussehen. Auf die Frage ihres Vaters, ob sie sich zum Abendessen mit Freunden der Familie nicht einmal hübsch anziehen möchte, bemerkt sie schnippisch: »Auch das noch! Mutter sieht doch schon aus wie eine feine Superdame.«

Der Erwartungsdruck von außen erzeugt Konsumzwang, wie im nächsten Fall deutlich wird: Herr F. ist im mittleren Management tätig. Da er drei Kinder hat, die auf eine Privatschule gehen, verfügt er nicht über so viel Geld wie sein unverheirateter Vorgesetzter. Eines Tages, als Herr F. mit seinem alten BMW in die Firmengarage fährt, kreuzt sein Chef seinen Weg. Noch am Vormittag bittet der Chef Herrn F. in sein Büro. Er macht Herrn F. auf eine sehr abwertende Weise klar, dass er »mit dieser alten Kiste wohl keine Kundenbesuche machen« will? Da es auch andere Kommunikationsschwierigkeiten mit dem Chef gibt, und Herr F. befürchtet, dass womöglich sein Stuhl wackelt, entschließt er sich, einen Kredit für einen neuen Wagen aufzunehmen. Ihm ist das Gespräch mit dem Chef sehr unangenehm, er hat Angst vor Sanktionen und fürchtet sich vor der Kündigung. Er braucht diesen Job, und zudem ist er nicht mehr der Jüngste. Doch mit dem Kauf eines neues Mercedes ist es nicht getan … die Konflikte halten an.

Karin versucht, sich durch Kleider und Kosmetik anzupassen und »gut auszusehen«, und läuft in die Schuldenfalle, ohne dass eine wirkliche Befriedigung eintritt.

Tanja verschafft sich durch Einkäufe einen Kick und kompensiert ihre Langeweile. Gut auszusehen ist für sie nicht wichtig. Doch durch Konsumieren löst sie ihre Probleme nicht, sondern verdrängt sie nur.

Herr F. gibt klein bei aus Angst und begibt sich damit in neue, andere Konflikte, mit seiner Frau zum Beispiel, die seine Anpassung an die Forderungen des Chefs nicht nachvollziehen kann und ihn für einen »Schwächling« hält. In allen hier genannten Beispielen hätten andere Lösungen gefunden werden können, die natürlich wiederum in anderer Weise konfliktträchtig sein können und deshalb gescheut werden: