Flammenpferd - Susanne Kronenberg - ebook

Flammenpferd ebook

Susanne Kronenberg

0,0

Opis

Ein Feuer im Pferdestall ist ein Alptraum für jeden Pferdebesitzer, und Hella, die ihre Pläne vorantreibt, den Reiterhof der verstorbenen Schwester zu einer Reha-Klinik für Sportpferde auszubauen, ahnt nicht, dass sie den Hof und die Pferde in genau diese Gefahr bringt, als sie eine junge Frau als Pferdepflegerin einstellt. Kati ist einem Lusitanohengst, mit dem sie sich vom Schicksal verbunden fühlt, von Portugal bis nach Hameln gefolgt. Das Mädchen mit der ausgeprägten Neigung zum Zündeln ist aber nicht die einzige Bedrohung für Hella. Da ist auch noch die Studentin Swantje, die nicht allein ihre Diplomarbeit über die Altstadtsanierung nach Hameln geführt hat. Sie sucht nach den Unterlagen, mit denen Hellas Schwester Nelli eine Organisation von Medikamentenschiebern erpressen wollte. Katis irrsinniger Plan, den gesamten Hof in ein Flammenmeer zu verwandeln, würde auch die Papiere vernichten und damit Swantje und ihren Freund vor dem Gefängnis bewahren …

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Titel

Susanne Kronenberg

Flammenpferd

Der zweite Hella-Reincke-Krimi

Impressum

Alle Charaktere in diesem Kriminalroman sind frei erfunden.

Etwaige Ähnlichkeiten mit existierenden Personen und Handlungen

sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.

Besuchen Sie uns im Internet:

www.gmeiner-verlag.de

© 2005 – Gmeiner-Verlag GmbH

Im Ehnried 5, 88605 Meßkirch

Telefon 07575/2095-0

[email protected]

Alle Rechte vorbehalten

1. Auflage 2005

Lektorat: Claudia Senghaas, Kirchardt

Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart

unter Verwendung eines Fotos von pixelquelle.de

Gesetzt aus der 10/13 Punkt GV Garamond

ISBN 978-3-8392-3208-8

Bibliografische Information

der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese

Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet

über http://dnb.ddb.de abrufbar.

1

Ein Flattern der Fingerspitzen, ein zartes Hauchen, und der Funke wuchs unter ihren Händen zu einer Flamme und zu einem winzigen Feuer heran, das sie mit staubtrockenen Halmen und dürren Zweigen, die sie zuvor bereit gelegt hatte, am Leben hielt. Sie hockte im Schneidersitz auf dem blanken Lehm, und als sie sich nun vorbeugte und in die Glut pustete, flackerte die Flamme empor, und sie schob einen Ast hinein. Die Hitze brannte auf der nackten Haut, doch sie rückte nicht zurück, sondern legte Holz nach. Die Flammen züngelten um den Ast herum, bis sie einen Angriffspunkt fanden und sich in die Rinde hinein fraßen. Beißender Rauch stieg auf, und es roch nach verbranntem Harz. Sie liebte den stechenden Qualm und den scharfen Geruch von brennendem Eukalyptus. Andächtig schaute sie zu, wie die Flammen ein letztes Mal aufloderten und zusammenschmolzen, dann still versiegten und nichts übrig ließen als eine Hand voll rot glühender Asche.

Ihre Beine schmerzten vom langen Sitzen. Steifbeinig stand sie auf und streckte sich, dann klopfte sie sich Staub und Grashalme von den Shorts und den Waden. Mit den nackten Füßen kratzte sie ein wenig lose Erde zusammen und schob sie über die Asche, bis die Brandstelle nicht mehr zu erkennen war. Nur eine Vorsichtsmaßnahme, denn keiner der Betreuer würde sich die Mühe machen, durch das wuchernde Gestrüpp steil hinauf auf diese Anhöhe zu steigen, und die Mädchen waren allesamt zu träge, um sich zehn Schritte vom Haus zu entfernen. Einzig Benni könnte sie hier oben entdecken. Vermutlich würde er sie nicht einmal verraten. Aber sie hatte wenig Lust darauf, etwas mit Benni zu teilen, und auf keinen Fall den Ort, an dem sie Feuer machte.

Ihr geheimer Platz lag in einer flachen Senke, unmittelbar hinter der Kuppe. Neugierig kletterte sie auf die höchste Erhebung. Im Schutz der massigen Eukalyptusstämme schaute sie hinab. Der Reiterhof war aus der Mittagsstille erwacht. Drei Pferde wurden zu den Anbindebalken geführt, zwei Schimmel warteten dort bereits. Trotz der Entfernung erkannte sie das deutsche Mädchen, das die Gruppen ins Gelände führte, an den langen dunklen Haaren und der blauen Weste, die sie immer trug. Das Mädchen half einem Gast beim Satteln. Eine Bewegung lenkte ihren Blick zum lang gestreckten Wohnhaus, das den Stallgebäuden gegenüber lag. Das deutsche Paar, die Besitzer des Ferienhofes, kam die Veranda herunter und ging zum Wagen, einem Toyota. Beide stiegen ein, und der Wagen fuhr ruckelnd an. Wenn sie nach Faro fuhren, um neue Gäste abzuholen, wären sie für mindestens drei Stunden fort. Die Gruppe würde – wie jeden Nachmittag – für zwei Stunden ausreiten. Sie hatte freie Bahn für einen Besuch bei Fadista. Wenn man von Benni absah, aber der würde ihr keine Schwierigkeiten machen. So schnell sie konnte, lief sie den Hang hinunter und kümmerte sich nicht um die spitzen Steine, die ihr in die nackten Fußsohlen stachen.

2

„Wenn kurz hintereinander erst die Schwester tödlich verunglückt und dann zwei Freunde sterben, das steckt niemand so weg“, erklärte Jette ganz sachlich. Ihr fester Blick hatte etwas Beschwörendes. Mit einer Stimme, die keinen Widerspruch dulden wollte, fügte sie hinzu: „Denk endlich an dich, Hella. Nutz die Gelegenheit und gönn dir ein paar freie Tage.“

Die Angesprochene musste unwillkürlich lächeln. Sonst ließ sie sich von Bevormundungen aller Art schnell reizen, aber im Augenblick tat ihr Jettes hartnäckige Fürsorglichkeit erstaunlich gut. Im vergangenen Herbst waren schlimme Dinge geschehen, und die Erinnerungen daran machten ihr mehr zu schaffen, als sie sich eingestehen wollte. Nun versuchte Jette seit Tagen, sie zu einem Urlaub zu überreden. Aber so einfach konnte man nicht fort, wenn man zwölf Pensionspferde und vier eigene Pferde zu betreuen hatte und die Pläne vorantrieb, den Hof zu einem Reha-Zentrum für Sport- und Reitpferde auszubauen.

Der Termin im Hamelner Rathaus war in einer Viertelstunde erledigt gewesen, und anschließend hatte Hella mit wenigen Schritten den Weg zum Grünen Reiter und dem modernen Glasgebäude zurückgelegt, in dem die Touristeninformation untergebracht war. Im oberen Geschoss befand sich Jettes Büro, und Hella hatte die Freundin zur Mittagspause abgeholt. Nun saßen sie seit einer Dreiviertelstunde in der Pizzeria La Roma, einem der ältesten italienischen Restaurants in der Hamelner Altstadt, das beide seit der Schulzeit kannten. Damals hatten sie sich hier allerdings nicht getroffen. Zwar waren beide Schülerinnen des Viktoria-Luise-Gymnasiums gewesen, aber sie hatten unterschiedliche Klassen besucht und sich gegenseitig nicht zur Kenntnis genommen. Jette genoss die ausgedehnte Mittagspause. Sie konnte sich Zeit lassen bis zu einer Besprechung um zwei Uhr.

Hella lehnte sich zurück. Sie war müde. Die schummrige Beleuchtung der Nische passte zu ihrer Stimmung. Den Teller mit der halb gegessenen Pizza Italia hatte der Kellner abgeräumt. Trübsinnig rührte sie im Cappuccino. „Im letzten Urlaub war ich in Amerika. Dort kam mir die Idee mit der Reha-Klinik. Wenn ich gewusst hätte, was ich damit alles auslöse! Manchmal wünschte ich, ich wäre brav bei Simon in Wiesbaden geblieben. Dann hätte sich mein Leben nicht so radikal verändert.“ Sie ließ den Löffel los, der klappernd auf die Untertasse rutschte, und fügte stockend hinzu. „Und die anderen wären vielleicht noch am Leben.“

Jette griff nach ihrer Hand. Ihre Haut fühlte sich glatt und kühl an. „So ein Unsinn. Wie hättest du Nellis tödlichen Unfall verhindern sollen? Ihr Tod war ebenso tragisch wie der von Philipp. Er wollte seine Hündin aus dem Teich retten und ist dabei ertrunken. Und was Thies betrifft, weiß ich, dass du das anders siehst.“ Sie hielt seinen Selbstmord für den eindeutigen Beweis, dass er der Pferdemörder war.

„Mit meinem Chef ist alles geklärt“, verkündete sie dann mit einem zufriedenen Lächeln und wickelte sich eine lange rote Haarsträhne um die Fingerspitzen. „In der nächsten Woche habe ich Urlaub und könnte zusammen mit Maren die Stallarbeit übernehmen.“

Hella setzte die Tasse an und trank den Rest des Cappuccinos. Er war viel zu süß. Gegen ihre Gewohnheit hatte sie einen Löffel Zucker genommen. „Ich kann nicht zulassen, dass du deinen Urlaub für die Stallarbeit opferst.“

Jette ließ die Haarsträhne los. „Was heißt hier opfern? Ich freue mich darauf. Du weißt doch selbst, wie das ist, wenn man Tag für Tag mit Bürokram, Telefonieren und nervenden Diskussionen beschäftigt ist. Ständig will einer was. Ein paar Tage mit den Pferden sind für mich die reinste Erholung!“

Jette arbeitete mit Begeisterung für den Hamelner Fremdenverkehrsverein. Aber ab und zu sehnte sich jeder nach Abwechslung und Ruhe. Hinter Hella lagen genügend hektische Jahre im Büro, und sie wusste die morgendliche Ungestörtheit im Stall sehr zu schätzen. Als sie nun über die täglichen Arbeiten und den Ablauf im Stall sprachen, gewann sie ihre pragmatische Gemütslage zurück.

Allmählich hellte sich auch ihre Stimmung auf. Mit einem Lächeln sagte sie „Was Maren und die Pferde betrifft: von denen hast du kein endloses Palaver zu befürchten. Mit den Reitern sieht es schon anders aus.“

Jette strich sich die Haare über die Schulter zurück. „Mit den Leuten werde ich klar kommen, und auch mit der Stallarbeit. Mach dir darüber keine Gedanken. Maren kennt sich aus, und zur Not können wir dich über das Handy erreichen. Stell dir vor: in Portugal blühen die ersten Blumen.“

Von Frühling war in Hameln noch nichts zu spüren. Vorhin hatte es sogar geschneit und jeder Schritt hatte einen dunklen Abdruck auf dem Pflaster hinterlassen. Von dem norddeutschen Schmuddelwinter hatte Hella längst genug. Trotzdem zögerte sie noch immer das Angebot anzunehmen.

„Nelli hat in ihrem Leben keine Sekunde an Urlaub gedacht“, überlegte sie laut. „Und ich soll mich nach einem halben Jahr für eine Woche aus dem Staub machen? Und was ist mit dem Umbau?“ Der ehemalige Kälberstall war für Behandlungs- und Büroräume der Klinik vorgesehen. In zwei, drei Wochen sollten die Arbeiten beginnen, und die Planung war längst nicht abgeschlossen.

Jette ließ den Einwand nicht gelten. „Wozu hast du dieses tüchtige Architektenpaar engagiert? Überlass ihnen die Planung. Der Hof kommt ein paar Tage gut ohne dich aus.“ Sie griff nach dem Wasserglas, zögerte einen Augenblick und stellte das Glas wieder ab, ohne zu trinken. „Der Grund, warum du nicht fahren willst, ist ein anderer.“

„Und der wäre?“, fragte Hella wachsam.

Jette stellte ihre Vorliebe, das Innenleben anderer zu analysieren, bei einem gemütlichen Plausch gern unter Beweis. Meistens ging es um die Pferdebesitzer, die Hella das Leben mit ihren mehr oder weniger bezaubernden Marotten und drängenden Wünschen schwer machen konnten. Nun war Hella selbst in Jettes Fokus gerückt.

Jette beugte sich vor, und Hella fühlte sich aus den lebhaften grünen Augen gutmütig gemustert.

„Du fürchtest dich davor, mit dir und den Erinnerungen allein zu sein“, stellte die Freundin entschieden fest.

Selbst diesen Satz konnte Hella nicht übel nehmen. „Willst du damit behaupten, ich vergrabe mich in der Arbeit, um nicht nachdenken zu müssen?“

Jette nickte, und die rote Lockenmähne geriet in Bewegung. „So kommt es mir vor.“

Sie sah auf die Uhr. „Es ist gleich zwei. Ich muss los.“

Beide schwiegen, während sie auf die Rechnung warteten. Vermutlich liegt Jette mit ihrem Verdacht sogar richtig, überlegte Hella. Sie hasste dieses Gefühl der Beklemmung, das sich sofort einstellte. Urlaub bedeutete Zeit haben, und Zeit haben hieß, den Gedanken freien Lauf lassen zu müssen. Und dann würden sie kommen, die Erinnerungen, die Zweifel und die Selbstvorwürfe, und würden sich in ihrem Kopf festsetzen so wie abends vor dem Einschlafen, wenn sie einmal nicht bis zum Umfallen gearbeitet hatte.

Es schneite noch immer, als sie das Restaurant verließen. Die Schneeflocken fielen dicht und schwer, doch die Luft war mild. Der Schnee würde nicht lange liegen bleiben.

Schweigend gingen sie ein Stück die Baustraße hinauf. Vor dem Schaufenster eines Friseurladens blieb Jette stehen. „Soll ich mir die Haare abschneiden lassen? Was meinst du?“

Jettes dichte Locken waren ein Traum: sie fielen bis weit über die Schultern und glänzten feuerrot.

„Verrate mir hinterher, welcher Friseur das verbrochen hat, damit ich ihn aus der Stadt jagen kann“, sagte Hella entrüstet. Ihre dunkelbraunen Haare reichten ihr in sanften Wellen bis unter das Kinn. Bei Regen oder feuchter Luft, so wie jetzt, kräuselten sich die Haarspitzen auf und umrahmten ihr Gesicht.

„Ich werde nichts überstürzen“, versprach Jette und lächelte aufmunternd. „Flieg nach Portugal, Hella. Du wirst die Stille und die Landschaft genießen. Und stundenlang im Sattel sitzen. Stell dir nur vor, wie du auf einem schneeweißen Lusitano über leuchtende Blumenwiesen galoppierst!“

Hella lachte und konterte: „Das klingt verlockend poetisch!“

„Also ist es abgemacht. Ich rufe in Portugal an und teile mit, dass du kommst. Es wird dir dort gefallen, ich war nicht umsonst schon vier Mal auf dem Hof. Reiterlich sind die Klinghöfers zwar nicht unbedingt topp, aber sie haben gute Pferde und können traumhafte Ausritte organisieren. Um den Flug nach Faro werde ich mich auch kümmern. Himmel, ich bin spät dran.“

Sie stürzte davon. Hella blieb einen Augenblick stehen und sah Jettes hoher schmaler Gestalt nach, bis sie nach einer Biegung der Baustraße außer Sicht war. So ganz war sie noch nicht überzeugt. Drei Stunden später, als sie ihre Stute Melody aus dem Paddock führte, um mit ihr in der Reithalle zu arbeiten, stellte sich jedoch eine kribblige Vorfreude ein, begleitet von der wachsenden Gewissheit, dass ihr ein paar Urlaubstage helfen könnten, die Gedanken zu ordnen.

3

Der Reinckehof lag wenige Kilometer von der Altstadt entfernt am östlichen Ende der Stadt Hameln. Wenn der Nordostwind über den Deister strich und man aufmerksam lauschte, konnte man den Autoverkehr von der Bundesstraße nach Hannover hören und dazu das Rattern der Züge auf den parallel verlaufenden Bahngleisen. Im Sommer übertönte das Rauschen des Windes in den hohen Pappeln, die in einer langen Reihe das Ufer der Hamel säumten, die Geräusche der nahen Stadt. Die Hausweiden hinter dem Hof reichten bis in das Hameltal hinein, und die Sommerwiesen grenzten an das nördliche Ufer des schmalen und mäandernden Flüsschens, das zu den Regenzeiten in Frühjahr und Herbst ein beachtliches Hochwasser mitführen konnte. An diesem Freitagvormittag im späten Februar, als der Raureif die Sträucher und Baumkronen überzog und klirrender Frost die Ufer gefrieren ließ, verharrte das Tal in winterlicher Stille. Für Augenblicke erschien es ihr, als wäre sie niemals fort gewesen, als hätte es die Studienzeit in Hannover und die ehrgeizigen Jahre in Wiesbaden niemals gegeben. Doch die Wirklichkeit holte sie umgehend ein. Ihr neues Leben war kein romantischer Traum, sondern anstrengend und arbeitsreich. Trotzdem bereute sie ihren Entschluss nicht – meistens zumindest.

Wenn die Zweifel kamen und sie sich einsam fühlte, lenkte sie sich mit den vielfältigen Aufgaben im Haus und auf dem Hof ab. Melody und die drei Hengstfohlen sowie die Pensionspferde mussten versorgt und betreut werden. Sie hatte Pläne für die Reha-Klinik, und auch ihr Wiesbadener Büro hatte sie nicht aufgegeben. Die Gelegenheiten, unbequeme Gedanken in Arbeit zu ersticken, waren allgegenwärtig und hielten sie auch davon ab, sich bei Simon zu melden. Tagsüber fühlte sie sich hin und wieder vor einer nebelhaften Sehnsucht nach seiner Stimme und seiner ruhigen Sicht der Dinge bedrängt. Doch der Wunsch verflog wieder und sie sprachen immer seltener miteinander. Von Liebe war keine Rede mehr. Ihr Entschluss nach Hameln zu ziehen, war der Anfang vom Ende gewesen. Das Traurigste an der verlorenen Liebe war die Erkenntnis, dass es nicht wirklich schmerzte.

Und nun sollte sie dem Hof für eine Woche entfliehen? Die zarte Vorfreude hatte sich wieder eingestellt, als Hella am Abend zuvor ihr Gepäck zusammen gesucht und auf der Kommode bereit gelegt hatte. Nur die passende Reiselektüre fehlte ihr noch. Am nächsten Morgen sollte es sehr früh losgehen. Für diesen Abend war sie mit Maren und Jette verabredet, um die Arbeitsabläufe zu besprechen. Zwar kannte sich Maren, die bereits für Nelli gearbeitet hatte, mit allen Aufgaben aus, aber sie scheute sich vor jeder höheren Verantwortung und überließ Jette liebend gern das Kommando.

Es gab noch eine Menge zu erledigen, unter anderem einige Telefongespräche mit Wiesbadener Kunden. Sie musste auch noch die Architekten von ihrer Abwesenheit in Kenntnis setzen. Trotzdem nahm Hella sich eine Stunde Zeit für ihre junge Stute. Auf dem gefrorenen Boden wäre nichts anderes möglich als ein zügiger Schritt, aber sie wollte Melody lieber einen ruhigen Ausritt gönnen, statt mit ihr wie so oft in den vergangenen Tagen in der Reithalle zu arbeiten.

Melody stand mitten im Auslauf und döste im Stehen mit langem Hals. Als sie Hellas Stimme hörte, hob sie den Kopf. Der gezackte weiße Stern und die schmale Schnippe auf der Nase zeichneten sich scharf vom dunkelbraunen Fell ab. Mit gespitzten Ohren kam sie eifrig näher. Anders als die Wallache, die sich die Zeit mit ruppigen Raufereien vertrieben und muntere Wettrennen quer durch den Auslauf vollführten, stand Melody wie so viele Stuten – ihrem lebhaften Temperament unter dem Sattel zum Trotz – die meiste Zeit gelangweilt herum. Von ihrer Reiterin erwartete sie ein ansprechendes Unterhaltungsprogramm. Hella war dankbar, dass Jette sich auch um Melody kümmern wollte, und wusste das Pferd in den besten Händen. Jette war eine erfahrene und umsichtige Reiterin.

Hella führte die Stute um den ehemaligen Kälberstall herum und zum überdachten Putzplatz vorn auf dem Hof. Dort strich sie kurz mit der Bürste über das blanke Fell. Mit ruhigen Handgriffen, wie es ihre Gewohnheit war, hatte sie rasch gesattelt und ritt durch das Hoftor. Melody schritt zielstrebig voran. Sie kannte den Weg, der ein Stück die Straße hinauf und unter der Eisenbahnbrücke hindurch zur bewaldeten Kuppe des Schweinebergs hinüber führte. Als sie einen Feldweg erreichten, wollte die Stute wie üblich antraben und tänzelte ungeduldig, als Hella sie zurück hielt. Hier zwischen den kahlen Ackerflächen war der ungeschützte Boden von glitzerndem Raureif überzogen und erschien Hella für ein höheres Tempo zu rutschig. Melody fügte sich und strebte im zügigen Schritt voran. Hella ritt bis zum Waldrand, lenkte die Stute in einem Bogen zwischen den Buchen hindurch und schlug wieder den Weg ein, auf dem sie gekommen waren. Am langen Zügel marschierte Melody weiter, und Hella genoss den weiten Blick in das Hameltal. Die Bahnlinie und das nebenan verlaufende breite Straßenband trennten das Flusstal von den Äckern und Feldern auf dem sanft aufschwingenden Hang des Schweinebergs. Gesäumt von einzelnen mächtigen Weidenbäumen, niedrigen Hecken und der Reihe der hoch aufstrebenden Pappeln, die sich hinter dem Reinckehof erhoben, schlängelte sich der schmale Fluss durch das gelblich blasse Weideland. Zu Hellas rechter Seite lag die Stadt. Die Konturen verschwammen im winterlichen Grau. Deutlich erkennbar waren nur die Wohnhäuser des Stadtrands, der sich im Lauf der Jahre immer dichter an den Reinckehof heran geschoben hatte. Ein Bussard, der bis zum letzten Moment auf einem Zaunpfahl ausharrte, bevor er sich lautlos in die Luft erhob, verleitete die junge Stute zu einem Sprung zur Seite. Das blieb unterwegs der einzige Zwischenfall, und sie erreichten die Hauptstraße ebenso gelassen und zufrieden, wie sie los gezogen waren.

Was dann geschah, ärgerte Hella zwar, aber sie dachte nicht weiter darüber nach. Wie hätte sie auch ahnen sollen, dass der hellblonde Mann in dem knallroten Jeep, der ihr hinter der Eisenbahnbrücke in viel zu hohem Tempo entgegen raste, in den folgenden Wochen eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielen würde? Der Fahrer gönnte Hella und der Stute keinen Blick, fuhr aber stur auf sie zu.

„Angeber!“, dachte Hella erschrocken und konnte die Stute mit einem Schenkeldruck gerade noch auf den Fußweg lenken, bevor der Wagen an ihnen vorbei jagte. Der Jeep stammte nicht aus Hameln. Schwarze Buchstaben auf gelbem Nummernschild, mehr war so schnell nicht zu erkennen gewesen. Viel später wurde ihr klar, dass diese Begegnung der Vorbote für alles Kommende gewesen war.

Nachdem sie Melody versorgt und zu ihrer Gruppe zurück gebracht hatte, ging sie zum Haus hinüber. Ein alter, aber glänzend polierter blauer Fiat parkte vor den flachen Treppenstufen, die zur Haustür hinauf führten. Ines Krüger hatte unterwegs eingekauft. Hella half dabei, die voll gepackten Körbe aus dem Kofferraum zu heben und in die Küche zu tragen, und musste sich anstrengen, um mit Ines Schritt zu halten. Alles was Ines tat, erledigte sie gezielt und zügig. Ihre Dynamik verdankte sie ausgedehnten Radtouren durch das Weserbergland und der Liebe zum Rallyefahren. Maren hatte den Kontakt vermittelt. Ihre Schwiegermutter kam zwei bis drei Mal in der Woche, kümmerte sich um das Haus und um die Wäsche und kochte für die anderen Tage vor. Hella war froh darüber. Bevor sie sich mit dem Haushalt plagte, mistete sie lieber die Pferdeställe aus.

Angelockt von den Düften, stand Blitz tapsig im Weg. Ines räumte die Lebensmittel in den Kühlschrank und lief dabei im Slalom um den Schäferhund herum. Sie fuhr sich mit den Fingerspitzen durch die Zentimeter kurzen Haare. „Hella, hast du etwas für die Post? Ich kann die Briefe auf dem Heimweg mitnehmen.“

„Nur einen Brief. Ich hole ihn.“

Hella ging in die Kammer im Erdgeschoss, in der sie das Schlafzimmer eingerichtet hatte. Der Umschlag lehnte an der Nachttischlampe. Sie hatte einige medizinische Geräte bestellt, bei denen mit einer monatelangen Lieferzeit zu rechnen war, und die Liste vor dem Einschlafen noch einmal durchgesehen. Als sie den Brief aufnahm, fiel ihr Blick auf die Kommode, auf der die Kleidungsstücke für den Urlaub bereit lagen. Sie hätte schwören können, dass sie den Ausdruck mit den Informationen zum Hof oben auf den Pass und den Umschlag mit dem Ticket gelegt hatte. Nun befand sich der Pass an oberster Stelle.

Sie nahm die Bestellung an sich und kehrte in die Küche zurück. „Entschuldige, Ines. Warst du vorhin in meiner Kammer?“

Ines schüttelte energisch den Kopf. „Ich bin eben erst ins Haus gekommen. Was ist los?“

„Ich habe den Verdacht, dass jemand an meinen Sachen war.“

„Das würde mich nicht wundern“, entgegnete Ines spitzfindig. „Die Haustür war wie so oft nicht abgeschlossen. Ich warte auf den Tag, an dem ich hier herein komme, und es ist alles ausgeräumt. Unser blinder Hundegreis wird das nicht verhindern können.“

Ich sollte mir wirklich angewöhnen abzuschließen, dachte Hella. Sie stieg die knarrenden Treppenstufen hinauf bis ins obere Geschoss. Blitz trottete ihr ein Stück hinterher, bis er auf halber Strecke die Lust verlor und sich im ersten Stock auf dem Läufer niederließ. Nach kurzem Zögern betrat sie das Dachzimmer, das zuletzt von Thies bewohnt worden war. Ein unglücklicher Ort. Hier waren nach schweren Krankheiten erst die Mutter und wenige Jahre später der Vater gestorben, und aus einem der Fenster hatte sich Thies in den Tod gestürzt. Alle seine Sachen waren noch da, unberührt und verstaubt. Die Rahmen mit den vergilbten Zeitungsartikeln über seine frühen Erfolge als Springreiter, an einem Wandhaken eine Trense mit zerrissenem Zügel, zwei alte Longe mit zerbrochenen Karabinern, die er zum Reparieren mitgenommen hatte, und neben der Tür ein Bücherregal. Er hatte nicht viele Bücher besessen, doch zu den wenigen Bänden gehörten die Standardwerke der Reiterei. Sie entschied sich für die Klassische Reitkunst von Alois Podhajsky in einer Ausgabe von 1965, die er in einem Antiquariat aufgetrieben haben mochte. Da sie nun alles beisammen hatte, wollte sie sofort packen. Die Reisetasche, mit der sie im Sommer auf den Hof gekommen war, hatte sie schon vor Monaten auf den Dachboden gebracht. Die Tür zum Dachboden klemmte, und Hella musste kräftig dagegen drücken, um sie zu öffnen. Sie tastete nach dem Lichtschalter. Einige alte Möbel standen vor der einen und ein Stapel Kisten vor der anderen Giebelwand. Hella steuerte einen Schrank an, in dem schon die Eltern selten gebrauchte Dinge aufbewahrt hatten, und nahm die Tasche heraus. Sie wollte wieder nach unten gehen, als ihr im Lichtschein etwas Sonderbares auffiel. Da waren Fußspuren, Abdrücke glatter Sohlen, und auf den staubigen Bodendielen verwischt, aber eindeutig zu erkennen. Sie führten in gerade Linie auf die gegenüber liegende Giebelwand zu. Hella folgte ihnen bis zu den Kisten und stellte fest, dass die verstaubten Pappdeckel mit Fingerabdrücken übersät waren. Kein Zweifel, irgendjemand hatte die Kartons durchsucht, in denen, wie Hella mit einer hastigen Überprüfung fest stellte, der Familienbesitz mehrerer Generationen eingelagert war. Alles Mögliche befand sich darunter. Ein von Motten zerlöcherter Pelzmantel ebenso wie ihr eigenes abgegriffenes Spielzeug, das sie mit einem Anflug von Wehmut in die Hände nahm. Ob aus den Kartons etwas fehlte, war unmöglich fest zu stellen. Ebenso wenig ließ sich die Frage beantworten, wer hier oben herum geschnüffelt hatte. Und wann. Es konnte Wochen her sein. Oder stand es womöglich im Zusammenhang mit ihrer Vermutung, dass sich vor wenigen Stunden jemand in ihrem Zimmer aufgehalten hatte? Sie würde Jette und Maren dringend ans Herz legen, das Haus rund um die Uhr verschlossen zu halten.

4

Ein warmer Wind blies ihr den Sprühregen entgegen, als sie die Flughafenhalle verließ und sich auf dem Vorplatz nach dem blauen Geländewagen umschaute, der sie abholen sollte. Jettes Vorhersage traf zu. Die feuchte Luft duftete verführerisch nach Frühling. Vielleicht fand der Winter nie den Weg bis nach Faro, keinesfalls stellte sich hier der norddeutsche Winter mit allen seinen Unwägbarkeiten ein. In Hameln war am frühen Morgen ein Eisregen nieder gegangen und hatte die Straßen in einer dicken Schicht überfroren. Dem Taxifahrer war auf dem kurzen Stück bis zum Bahnhof eine Verwünschung nach der anderen eingefallen, während er den Wagen im Schneckentempo vorwärts lenkte. Auf die letzte Minute war sie, mit dem schweren Gepäck in der Hand, zum Gleis hinauf gehastet, um dort frierend und unruhig eine drei viertel Stunde auf die S-Bahn zu warten, die sie nach Hannover-Langenhagen bringen sollte. Ihre Sorge, das Flugzeug zu verpassen, hatte sich als unbegründet herausgestellt. Alle Flüge starteten mit Verspätung, und für Stunden blieb unklar, ob das Flugzeug nach Faro überhaupt abheben würde. Aber nun war sie endlich angekommen, zwar erst am Nachmittag und viele Stunden später als geplant, trotzdem war von ihren Gastgebern keine Spur zu sehen. Sie nahm die Reisetasche auf, an der als verabredetes Zeichen die Reitkappe baumelte, und wollte gerade einen Stand ansteuern, um einen Kaffee zu trinken und zu telefonieren, als ihr ein Mann mit weiten Schritten entgegen eilte. Er mochte Mitte fünfzig sein, mit vollen weißen Haaren und einer schlanken Figur. Seine braun gebrannten Arme ließen darauf schließen, dass er kein Tourist war, sondern seit längerem im Süden lebte, und sein Deutsch hatte einen eindeutig bayerischen Zungenschlag.

„Bedaure, dass Sie warten mussten!“ Er reichte ihr die Hand und griff dabei kräftig zu. „Ich bin Bernd Klinghöfer. Willkommen in Portugal!“

„Sie mussten ja auf mich warten“, erwiderte Hella.

Klinghöfer lächelte breit. „Kein Problem, hier unten im Süden lernt man Geduld. Außerdem war es eine gute Gelegenheit, einige Besorgungen zu machen und das reparierte Sattelzeug abzuholen.“

Er packte den Koffer und hastete einer Reihe parkender Wagen entgegen. Hella sog tief die frische milde Luft ein, und als sie ihm folgte und in einen bis zu den Türen mit Schlammspritzern bedeckten Geländewagen stieg, auf dessen breiter Rückbank sich ein Dressursattel und einige Trensen und Halfter neben zwei Kartons voller Lebensmittel drängten, stellte sich endlich dieses freudige Kribbeln ein, das zu jedem Start in den Urlaub gehörte. Sie beschloss, sich die kommenden Tage nicht durch düstere Gedanken verderben zu lassen; weder durch Erinnerungen, noch durch Fragen über den unbekannten Besucher des Dachbodens. Klinghöfer trommelte mit den Fingerspitzen aufs Lenkrad und murmelte etwas urbayerisches Deftiges, als ein betagter Lastwagen erst die Ausfahrt versperrte, um dem Toyota danach in Schrittgeschwindigkeit voran zu kriechen. Das mit der Geduld war wohl ein Spruch für die Touristen, der das Klischee vom langmütigen Südländer bedienen sollte, überlegte Hella belustigt. Oder Klinghöfer hatte die Gelassenheit noch nicht verinnerlicht, obwohl er, wie er beim Einsteigen stolz berichtet hatte, seit über fünfzehn Jahren im Alentejo lebte. Zum Glück bog der Lastwagen ab, bevor Klinghöfer zu einem waghalsigen Überholmanöver ansetzen konnte.

„Ich soll herzlich von Jette grüßen“, sagte sie, nachdem sie den Flughafen hinter sich gelassen hatten und auf eine Schnellstraße abgebogen waren. Klinghöfer trat aufs Gas und schaltete in den höchsten Gang.

„Danke“, erwiderte er, ohne den Blick von der Straße zu nehmen. „Jette ist einer unserer liebsten Gäste. Schade, dass sie nicht mitgekommen ist.“

„Sie hat meine Aufgaben zu Hause übernommen“, erklärte Hella.

Er warf ihr einen schnellen Blick zu. „Ich erinnere mich. Sie hat mir von Ihrem Pensionsstall erzählt.“

Sie redeten eine Weile über die Unterschiede in der Pferdehaltung zwischen Deutschland und Portugal, bis das Gespräch verebbte und Hella, schläfrig geworden, auf die bergige und grasgrüne, von Korkeichenwäldern und Viehweiden geprägte Landschaft hinaus schaute, die ebenso stetig einsamer wurde wie die Straßen schmaler. Nach anderthalb Stunden, als es bereits dämmerte, quälte sich der Wagen im zweiten Gang über eine ausgewaschene Schotterstraße. In einige Senken stand das Wasser knietief und zwang Klinghöfer zur Schrittgeschwindigkeit, während der Schlamm zu beiden Seiten des Wagens hoch aufspritzte. In den vergangenen Tagen hätte es heftiger geregnet als sonst zu dieser Jahreszeit, erklärte ihr Gastgeber und fügte mit einem aufmunternden Lächeln hinzu: „Aber der Wetterbericht hat uns viel Sonne versprochen. In einer Viertelstunde sind wir am Ziel.“

Inzwischen war es stockdunkel, und im Licht der Scheinwerfer war kaum mehr zu erkennen als die von Schlaglöchern übersäte Piste. Müde lehnte sich Hella in den Sitz. Sie hatte genug von der Schaukelei und ihr knurrte der Magen. Endlich zeigten sich in der Ferne ein paar Lichter, und im Näherkommen erahnte man die Umrisse eines Gehöfts. „Ist es das?“

Klinghöfer schüttelte den Kopf. „Noch nicht. Das sind unsere deutschen Nachbarn.“

Er ließ die Fensterscheibe herunter und streckte den Arm aus, um einen Mann heran zu winken, der bei einer Gruppe Jugendlicher stand, die im Schein einer Laterne vor dem Haus herum lungerten. Der Mann zögerte, schlenderte dann zum Wagen herüber, als hätte er alle Zeit der Welt.

Die jungen Leute, überwiegend Mädchen, soweit Hella erkennen konnte, riefen ein paar unflätige Bemerkungen herüber.

„Hallo Nachbar“, grüßte der Mann und bückte seine schlaksige Gestalt zum Fenster herunter. Hella begrüßte er mit einem höflichen Nicken.

Klinghöfers Stimme klang angespannt. „Hören Sie, neulich hat sich wieder eins ihrer Mädchen bei mir herumgetrieben. Meine Frau und ich waren mit dem Wagen unterwegs, mussten aber umkehren, weil wir etwas vergessen hatten. Wir erwischten sie im Pferdestall.“

Das Lächeln des Mannes wirkte gelangweilt. „Sie mag die Viecher eben ...“

Klinghöfer unterbrach ihn zornig. „Sie mag vor allem den Hengst, den wir aus schlechten Händen übernommen haben. Das Pferd ist kein Schmusepony! Machen Sie ihr das klar.“

Das fade Lächeln verschwand. „Okay, okay, ich sage es Kati. Sie wissen doch, wie schwierig unsere Mädchen sind. Übrigens war Benni bei uns und ... „

„Ich verlange, dass Sie meinen Sohn umgehend fortschicken“, fuhr Klinghöfer heftig dazwischen. „Er hat bei Ihnen nichts zu suchen. Und reden Sie mit dem Mädchen!“

Er gab Gas, und der Wagen ruckelte voran. Klinghöfer wandte sich mit einem entschuldigenden Lächeln an Hella. „Diese Kati ist wie ein Bumerang. Jagt man sie auf der einen Seite davon, schleicht sie sich von rückwärts wieder an. Eine giftige kleine Klette, das ist sie!“

Er schloss das Fenster und ließ den Wagen im zweiten Gang über die Straße rumpeln, die man nur noch als ausgefahrenen Feldweg bezeichnen konnte.

Offenbar hatte er das Gefühl, Hella eine Erklärung schuldig zu sein. „Gemeinhin kommen wir gut mit den Leuten aus. Mit diesen Kindern weiß in Deutschland keiner mehr etwas anzufangen. Es sind solche, bei denen – wie soll ich sagen als Bayer – bei denen Hopfen und Malz verloren ist. Niemand will sie haben, und hier werden sie nur geduldet, weil weit und breit kein Portugiese lebt, der sich an ihnen stören könnte.“

Hella hatte von verschiedenen Projekten dieser Art gehört. Mal wurden als hoffnungslos kriminell geltende Jugendliche zu Segeltörns ins Mittelmeer geschickt, oder sie brachen zu einer Abenteuerreise nach Südamerika auf. Dabei hatte sie sich immer gefragt, ob es den braven Kindern gegenüber nicht ungerecht war, wenn andere für ihr schlechtes Benehmen mit einer Reise belohnt wurden. Die Verbannung in diese verlassene Gegend mochte einem jungen Menschen allerdings nicht unbedingt als erstrebenswert erscheinen. Schlimmes konnten die Jugendlichen hier kaum anstellen. Es sei denn, sie brachen in Klinghöfers Reiterhof ein.

„Und nun haben Sie auf Ihrem Hof Ärger mit den jungen Leuten?“, fragte sie in eine Pause hinein.

Klinghöfer schüttelte den Kopf. „Im Allgemeinen nicht. Es liegen anderthalb Kilometer zwischen beiden Höfen, und zum Laufen sind die Kinder zu träge. Nur dieses eine Mädchen macht eine Ausnahme. Immer wieder schleicht sie um den Hengst herum.“

„Wissen Sie Näheres über diese Kati?“

„Sie meinen, warum man das Mädchen hierher nach Portugal abgeschoben hat?“, fragte er und hielt den Blick aufmerksam auf die Schotterpiste gerichtet. „Ich weiß nur das wenige, was mein Sohn mir erzählt hat. Die beiden haben sich angefreundet – was mir keinesfalls recht ist. Offenbar kommt sie aus gut betuchten Verhältnissen. Der Vater soll ein hoher Polizeibeamter sein, und die Mutter betreibt eine Reihe von Modegeschäften. Aber was sie angestellt hat? Keine Ahnung. Ihr Spitzname mag ein Hinweis sein. Man nennt sie die Kokel-Kati.“

„Eine Brandstifterin?“, fragte Hella erschrocken.

„Wie gesagt, genaueres weiß ich nicht“, erklärte Klinghöfer. „Aber es ist Grund genug, sie vom Hof fern zu halten. Abgesehen davon, dass der Hengst sie in Gefahr bringen könnte.“

Mit einem geübtem Griff ins Lenkrad wich er einem tiefen Schlagloch aus und steuerte den Wagen dicht an den Straßenrand. Die Scheinwerfer leuchteten ins Nichts. Wie tief der Abgrund dahinter war, konnte sie nicht einmal ahnen.

Er wechselte das Thema und erzählte von dem Lusitano, den seine Frau vor kurzem von einem Stierkämpfer übernommen hatte. „Die meisten Leute hier gehen ordentlich mit ihren Pferden um. Doch dieser Mann ist bekannt dafür, dass er seine Pferde hart anfasst. Lusitanos haben einen gutmütigen Charakter, aber wenn sich das Mädchen zu dem Hengst in die Box schleicht und einfach nur lieb ist, wittert er möglicherweise die Chance, endlich einmal selbst das Sagen zu haben. Ein Tier von fünfhundert Kilo Gewicht. Mit vier flinken Hufen und scharfen Zähnen! Soll ich dieses Risiko eingehen?“

Hella griff an den Türrahmen, um einen heftigen Rumpler abzufangen. „Ohne Respekt vor dem Menschen geht nichts. Aber wer möchte ein Pferd, das aus Angst gehorcht?“

Klinghöfer pflichtete ihr bei und erklärte im Lehrmeisterton: „Wir alle wollen ein Pferd, das nicht aus Furcht vor Strafe gehorcht, sondern aufgrund von Vertrauen. Es soll Respekt und Freude am Miteinander mit uns haben und angenehm und freundlich im Umgang sein. Doch mit diesem Hengst, der schlechte Erfahrungen gemacht hat, funktioniert das nicht von heute auf morgen.“

Hellas Neugier war geweckt und sie fragte nach Einzelheiten. Aber Klinghöfer zeigte sich plötzlich wenig gesprächig. „Er ist schön, unser Fadista“, sagte er nur. „Gleich sind wir am Ziel. Sehen Sie!“

In der Ferne waren hell erleuchtete Fenster zu erkennen. Kurz darauf hielt der Wagen vor einem flachen weißen Gebäude mit vielen Fenstern zur Hofseite. Ein pummeliger Labrador trottete heran, begrüßte erst seinen Herrn und beschnupperte, mit freundlicher Herablassung, den neuen Gast. Hella klopfte den breiten schwarzen Rücken und folgte Klinghöfer ins Haus. Eine warme Dusche, ein gutes Essen mit einem Glas Wein und einen Plausch mit den anderen Reitgästen, die abends am Kamin zusammen saßen, wie Klinghöfer erzählt hatte, das waren ihre Wünsche für die nächsten Stunden. Sie wollte den Urlaub in vollen Zügen genießen. Und am Morgen würde sie diesen Lusitanohengst kennen lernen, einen Kastanienbraunen namens Fadista.

5

„Der Name bedeutet Fadosänger“, erklärte Uschi Klinghöfer. „Also ein Sänger todtrauriger Lieder. Ziemlich passend für dieses Pferd.“

Sie überragte Hella um einen Kopf, und ihr sehniger Körper strahlte Energie und Ausdauer aus. Hella fragte sich, wie Uschi ausgerechnet an einen Sohn wie Benni geraten war, ein schlaksiges und verdruckstes Kerlchen mit kahl geschorenem Kopf. Der Junge war Hella im Frühstückszimmer aufgefallen, weil er beim Abräumen so ungeschickt mit dem Geschirr hantierte. Benni sei nicht unbedingt helle, meinte ein Reitgast, und Uschi und Bernd schwebten angeblich in ständiger Sorge darüber, was aus dem Jungen einmal werden sollte.

Nach dem ausgiebigen Sonntagsfrühstück mit den anderen Reitgästen, einem jungen Paar aus Österreich und zwei Freundinnen Anfang vierzig, die dem Familienalltag entflohen waren, hatte Hella sich von Uschi Klinghöfer zu einem Rundgang über den Hof einladen lassen. Nun standen sie vor einem robust gezimmerten Unterstand, dem ein enger Paddock vorgelagert war. Nebeneinander lehnten sie am hohen Holzzaun. Auf der Innenseite des Paddocks war ein Elektrozaun gezogen, und die Stromschläge tickten hörbar. Der Hengst hielt sich im Zentrum des Paddocks auf. Die gespannte Haltung spiegelte sein Unbehagen ebenso wieder wie die angelegten Ohren. Der lange und für einen Lusitano typische aufgewölbte Schädel ließ das Tier aggressiver wirken, als es jedem deutschen Warmblüter möglich gewesen wäre. Sein muskulöser, hoch aufgesetzter Hals wirkte dank des ausgeprägten Hengstkamms außerordentlich wuchtig, hielt sich aber im harmonischen Gleichgewicht zu dem kurzen breiten Rücken und der mächtigen gespaltenen Kruppe. Ein Pferd, wie von einem barocken Denkmal herab gestiegen, und aller geballten Muskelkraft und den markanten Linien zum Trotz frei von jeglicher Grobheit. Die ganze Pracht steckte in einem flammend roten und glänzenden Fell und wurde gekrönt von einer wallenden pechschwarzen Mähne, einen üppigen schwarzen Schweif und dunklen kräftigen Beinen. Ein Traum von einem Hengst. Wenn er nur eine Spur freundlicher aus den herrlichen großen Augen geschaut hätte.

„Wie bist du an einen solchen Schatz gekommen?“, fragte Hella beeindruckt. Gleich zu Beginn des gemeinsamen Abends, der in fröhlicher Runde am Kamin geendet hatte, waren alle Gäste und das Ehepaar Klinghöfer auch mit Hella zum Du übergegangen.

„Normalerweise kommt man an ein Pferd von solcher Qualität und Abstammung nicht ran“, erklärte Uschi. „Und wenn, könnte man es nicht bezahlen. In diesem Fall war es anders. Der Vorbesitzer hatte ein Problem mit Fadista. Er wäre blamiert, wenn ein anderer Reiter mit einem geläuterten Fadista in der Arena auftreten würde. Nur deshalb hat er mir den Hengst überlassen. Mich kennt in der Stierkampfszene keiner, und so ist das Pferd aus dem Blickwinkel der Konkurrenz verschwunden. Ihm wäre es Recht, wenn ich Fadista so bald wie möglich nach Deutschland verkaufen könnte.“

„Welches Problem hatte der Mann mit Fadista?“

Uschi grinste. „Ein erhebliches Problem für einen Reiter: Fadista ließ ihn nicht aufsitzen.“

Der Hengst stampfte mit dem Huf auf, um die Fliegen zu vertreiben. Seine Beine glichen Säulen.

„Und wie ergeht es dir?“, fragte Hella.

„Mich lässt er in den Sattel“, erwiderte Uschi stolz und fügte bescheidener hinzu, dass ihre bisherigen Versuche eher mit dem Ritt auf einem Vulkan als mit solider Dressurarbeit zu vergleichen wären.

Hella war wie gefangen von dem Anblick. Dem Hengst schien es nicht zu behagen, so unverblümt angestarrt zu werden. Ärgerlich legte die Ohren noch eine Spur enger an den Hals und schüttelte drohend die üppige Mähne. Dabei kam der kurze Strick ins Schlenkern. Er war in den spanischen Kappzaum eingehängt, der den schmalen Nasenrücken umschloss.

Uschi bemühte sich um eine Erklärung. „Vor der Serreta hat er Respekt.“

Damit war der eiserne Bügel gemeint, der über dem Nasenrücken des Pferdes lag. Hella hatte einmal eine besonders scharfe Serreta in den Händen gehalten und erinnerte sich mit Grausen an die gezackten Metallspitzen auf der Unterseite, die dem Menschen die Gewalt über das Tier verleihen sollten.

„Geht es nicht ohne das?“, fragte sie mit Befremdung.

Uschis Lächeln blieb freundlich. „Die Serreta mag auf dich übertrieben wirken. Aber glaube mir, mit Fadista kann man im Augenblick nicht anders umgehen. Natürlich ist es mein erstes Ziel, davon weg zu kommen.“

„Aber du lässt den Kappzaum doch nicht die ganze Zeit drauf“, fragte Hella entsetzt.

„Ich schnalle ihn locker“, beeilte sich Uschi zu erklären. „Er stört Fadista beim Fressen nicht.“

Sie befürchtete, den Hengst nicht mehr aufzäumen zu können, wenn der Kappzaum erst einmal abgenommen war. Hella riss sich zusammen und schluckte weitere Bemerkungen herunter. Andere Länder, andere Sitten, dachte sie und nahm sich vor, Uschi in den nächsten Tagen bei der Arbeit mit Fadista zu beobachten und sich ihr eigenes Urteil zu bilden.

„Komm, ich zeige dir dein Pferd für den Ausritt“, sagte Uschi.

Gegen die Kraft und Stärke des Hengstes wirkten die Reitpferde, die auf einer Hangweide dicht am Hof standen und Uschi und Hella gelassen entgegen blickten, so brav und bieder wie Pferde eben sein mussten, die sich tagtäglich auf neue Reiter einstellen und diese sicher und zuverlässig durch die portugiesische Landschaft tragen sollten. Alle Pferde waren gepflegt und in guter Verfassung und ihre Hufe, wie Hella mit einem prüfenden Blick feststellen konnte, korrekt beschlagen. Die kräftigen Gestalten und konvex gebogenen Köpfe wiesen sie allesamt als Lusitanos aus. Hella zählte fünf Schimmel, einen Fuchs, zwei Braune und einen hochbeinigen schmalen Lehmfalben, der einen dunklen Aalstrich über dem Rücken und schwarze Zebrastreifen auf den Vorderbeinen trug. Es war eine Stute und das einzige Pferd, das sich unwillig abwandte, als die Frauen näher kamen.

„Bonita ist unleidlich mit Menschen und Pferden“, erklärte Uschi, „aber unter einem erfahrenen Reiter sehr angenehm. Willst du sie reiten?“

„Warum nicht“, sagte Hella mit einem abschätzenden Blick auf die hoch gewachsene Stute, die ihr missachtend die gelbe Kruppe zugewandt hatte. „Wann reiten wir?“

„Wir treffen uns in einer Stunde vor der Sattelkammer. Heute werde ich den Ausritt führen. Melia ist nach Faro gefahren.“

„Hoffentlich verfährt sie sich nicht“, meinte Hella in Erinnerung an den vergangenen Abend, als zur Sprache gekommen war, dass sich das Mädchen aus der Lüneburger Heide im Umgang mit den Gästen und Pferden als zuverlässig und gewissenhaft erwiesen hatte, ihre mangelhaften Ortskenntnisse aber dafür sorgten, dass die Ausritte bisweilen eine gute Stunde länger dauerten.