Feindberührung - Vera Albrecht - ebook

Feindberührung ebook

Vera Albrecht

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Opis

Sie sitzen in Bunkern, Kellern und Notunterkünften, sie wissen, der Krieg ist vorbei - und sie haben Angst. Die Nazipropaganda hat ihre Spuren hinterlassen. "Die Russen kommen!" Mehr als 60 Jahre nach dem Ende des Krieges erzählen Frauen, wie sie den Einmarsch der Roten Armee erlebten. Es sind die Mädchen einer Mittelschule in Berlin-Niederschöneweide, befragt von ihrer einstigen Mitschülerin Vera Albrecht. Sie sprechen von Befreiung, Hilfe, Achtung und Versöhnung, aber auch von Zwang, Konfiszierungen, Vergewaltigungen ... Aufschreckende und berührende Schicksale, unverzichtbare Zeugnisse erlebter Geschichte.

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Impressum

ISBN eBook 978-3-360-50036-6

ISBN Print 978-3-360-02156-4

© 2013 Verlag Das Neue Berlin, Berlin

Umschlaggestaltung: Verlag, unter Verwendung

eines Fotos aus dem Archiv des Berliner Verlags

Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH

Neue Grünstraße 18, 10179 Berlin

Die Bücher des Verlags Das Neue Berlin

erscheinen in der Eulenspiegel Verlagsgruppe.

www.eulenspiegel-verlagsgruppe.de

Vera Albrecht

Feind-

berührung

Die russischen Sieger in Berlin

Frauen

berichten

Das Neue Berlin

Was mir auf der Seele brennt

Nein, nein, nein, so ist das alles nicht gewesen, ich habe das ganz anders erlebt!

Geschichte ist ein Mosaik von Ereignissen, die jeder auf seine eigene Weise wahrnimmt und auf seine eigene Weise an die Nachkommenden weitergibt.

Achtundsechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs hat das Geschichtsbild noch immer weiße Flecken. Widersprüchliche Aussagen und Statistiken, zweifelhafte Angaben lagern sich in Schichten darüber, und bisweilen wird mir bange, was wir der Nachwelt hinterlassen. Vor lauter Massenvergewaltigungen ist nicht mehr zu erkennen, wer uns vom Faschismus befreit hat.

Durch die Medien geistern Berichte, Dokumentationen, beeindruckend, erschütternd, ja, aber wie oft ist es nur die halbe Wahrheit.

Ich beschloss, auf die Suche nach der Wahrheit zu gehen, dort, wo ich mitreden kann und befugt bin, weil ich nicht nur Zeuge, sondern auch Opfer jener Zeit wurde.

Ich wollte Frauen befragen, wie es denn bei ihnen war, als sie dem Feind begegneten. Ich dachte zunächst an meine frühere Schulklasse und verschickte einen Rundbrief an vierundzwanzig mir noch erreichbare einstige Mitschülerinnen, die bis 1943 die Mittelschule in Berlin-Niederschöneweide, Hasselwerder Straße, besucht hatten.

Mir schien die Wahl günstig, weil die Mädchen alle aus den Stadtbezirken Treptow und Köpenick kamen, also mitten im Hexenkessel saßen. Am 24. April 1945 hatte die 5. sowjetische Stoßarmee den Stadtteil Köpenick erreicht und stand an der Spree – gegenüber, am anderen Ufer, die deutsche Wehrmacht. Köpenick war also Kampfgebiet. Auf dem Schöneweider Marktplatz heulten die Stalin­orgeln.

Ich konzentriere mich auf diesen speziellen Kampfabschnitt in Oberschöneweide, und die meisten Berichte stammen somit aus diesem Gebiet.

Die Frauen haben mir ihre Geschichte erzählt, diktiert, selber geschrieben. Es sind schlichte, knappe Schilderungen des Erlebten, manche ergreifend, manche bedrückend, aufschlussreich alle, wertvoll und wichtig, weil ehrlich und in der Erinnerung der Frauen die Wahrheit bis ins Detail – Mosaiksteine, die helfen, damit wir den nach uns Kommenden ein wahrhaftes Bild des Vergangenen hinterlassen.

Vera Albrecht

Kascha

In den ersten Maitagen 1945. Agnes rannte in klappernden Jesuslatschen die Gartenwege entlang zum »Spreeschloss« und schwenkte dabei die Aluminiumkanne mit dem eingeritzten Namen in der Hand. Wie ein Lauffeuer hatte sich in der Laubenkolonie die Kunde verbreitet, an der Baumschulenweger Fähre teilt der Russe Essen aus. Als Agnes jedoch am Spreeufer ankam – kein Russe, keine Gulaschkanone mehr. Enttäuscht drehte Agnes eine kleine Runde auf dem Kopfsteinpflaster vor dem Bootssteg, den Blick zu Boden gerichtet, als würde doch noch etwas Essbares aus den Steinen wachsen. Indes kam ein kleiner, rundlicher Russe gemächlichen Schritts aus dem Gartenrestaurant von Otto Hühne und sprach sie auf Deutsch an. Agnes klagte ihm ihr Missgeschick, denn sie hatte ja keine Angst vor den Russen, hatte sie als Befreier erwartet. »Kannst mitkommen, Mädel, ich weiß, wo es Essen gibt«, sagte der Rotarmist in ostpreußischem Tonfall. Agnes trottete hinter ihm her bis zu Zielinskis ehemaligem Tante-Emma-Laden an der Ecke Nalepastraße, dann ging es nach links, nicht weit, bis zu einer Laube auf der rechten Seite, die ihren Eingang an der Hinterfront hatte.

»Bisschen warten«, sagte der Rotarmist kurz, drückte Agnes auf einen blaulackierten Stuhl am Küchentisch und verschwand.

Bisschen warten dauerte wirklich nicht lange. Nacheinander drängten mehrere Soldaten und Offiziere in die Laube, einer schleppte einen kleinen Essenkübel und stellte ihn auf dem Schemel am Herd ab. Natürlich interessierten sich die Männer für das junge Mädchen und sparten nicht mit neugierigen Blicken. Der kleine Dicke klärte die Lage schnell, langte nach einem Schöpflöffel, der am Haken über dem Kohleherd hing, kellte einen Pamps in die Milchkanne, randvoll, und schob sie Agnes über den Küchentisch zu. »So, Mädel, nun geh!« In diesem Augenblick packte einer der Offiziere Agnes fest am Oberarm, zog sie vom Stuhl hoch, redete auf sie ein und führte sie in den Nebenraum. Agnes verstand ihn nicht, wusste nicht, was er von ihr wollte. Erst als er die Tür schloss und sie auf die Kissen der unteren Etage eines Doppelstockbettes schubste, da kapierte sie, was die Stunde geschlagen hatte – eine Stunde, die sie sich trotz ihrer zahlreichen Verehrer immer für den einen aufheben wollte, den sie mehr als alle anderen mochte. Für diese Milchkanne voller Kascha zahlte Agnes nun einen viel zu hohen, schmachvollen Preis …

Wenn sie später daran zurückdachte, an ihre Arglosigkeit und Naivität – immerhin war sie achtzehn gewesen –, dann kam es ihr so vor, als hätte nicht sie das Unfassbare erlebt, nein, sie stand außer sich, sah in der Erinnerung ein fremdes Mädchen da auf dem Bette liegen.

Der Kascha war vorzüglich, mit viel Büchsenfleisch, Agnes’ ausgehungerter Vater aß bedächtig, Löffel für Löffel, kostete jeden Bissen aus. Agnes jedoch, den Tränen nahe, würgte und würgte, als sei ihr der Hals zugewachsen.

Agnes, geboren 1927

Die Fahne

In der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 hatte die Rote Armee den Stadtteil Köpenick und den Bunker in der Nalepastraße erreicht, die abgekämpften Soldaten begannen sich einzuquartieren, die Kabinen sollten geräumt werden. Am Ende des östlichen Ganges hatte sich der Kommandeur niedergelassen, ich setzte meine damals noch spärlichen Russischkenntnisse ein und verhalf dazu, dass er entschied: Frauen und Kinder müssen nicht hinaus ins Gefechtsfeuer, sondern dürfen in den Kabinen des westlichen Ganges die Nacht verbringen. Und er fügte die Mahnung an, die Türen fest geschlossen zu halten, da er nicht für jeden seiner Leute garantieren könne.

Nachdem wir die Nacht in der vollgepferchten Kabine wie die Ölsardinen in der Büchse, je drei Mädchen in jedem der Doppelstockbetten, schlaflos zugebracht hatten, mussten wir am nächsten Morgen, vorbei an den müden und düster blickenden Rotarmisten, hinaus in den Kugelregen, der von deutscher Seite her über die Spree kam. Es trieb uns in alle Himmelsrichtungen – außer nach Westen, wo der Kampf tobte. Ich landete in einem Keller in der Oberschöneweider Westendstraße, wo nichts weiter passierte, als dass Rotarmisten barsch nach Uhren fragten.

Als ich nach zwei Tagen, an denen auf dem Marktplatz die Stalinorgeln gefeuert hatten, wieder aus dem Keller ans Licht kroch und nach Hause rannte, fand ich unsere Laubenkolonie verwüstet vor, eben wie ein Kampfgebiet, die Front war über sie hinweggegangen. Das Häuschen unseres Nachbarn Masanek hatte ein Panzer angefahren, durch unseren Garten zog sich ein Schützengraben, abgestützt mit den großen Türen der Vereinslaube.

Es gab keine Zäune mehr, in Butzkys Garten – ein Biwak mit Panjewagen und Pferden, alle Fahrräder waren geklaut – von den Deutschen zur Flucht? Von den Russen?

Direkt vor unserer Laube hielt ein sowjetischer Panzer, dessen Spuren noch vor wenigen Jahren im Zementweg zu sehen waren. Im Garten stand ein weiterer Panzer. Der Kommandant reichte meinem Vater einen Napf mit warmem Essen vom Turm herunter. Unsere Sachen aus dem Erdloch waren weg, dafür fanden wir alle möglichen ­Dinge, die uns nicht gehörten – Pelzjacke, Stiefel, Bettwäsche … Auf dem Ofen in der Stube gab es in einem Strohhut ein Stück Speck und Kascha. An der Nähmaschine hantierte bei Kerzenlicht ein Rotarmist und war sehr erstaunt, als mein Vater kam und das elektrische Licht einschaltete – tatsächlich, es funktionierte noch. Im Keller hatten sich auf den Kartoffelkisten müde Soldaten einquartiert. Vermutlich war einer von ihnen vor seinem Spiegelbild in der Fensterscheibe erschrocken und hatte darauf gezielt – der Einschuss ist heute noch sichtbar. Auch in der Vereinslaube quartierte sich eine Gruppe ­Rotarmisten für ein paar Tage ein.

Mein Vater hatte sich vor mir auf den Weg nach Hause gemacht. Als ich eintraf, fand ich auf dem Schlafsessel in der kleinen Stube einen offenbar versprengten deutschen Soldaten, der schlief da wie ein Toter, und ich weckte ihn nicht. Wer weiß, was aus ihm geworden ist.

Bevor die Rote Armee den Bunker besetzte, hieß es, die Stubenrauch- und die Treskowbrücke würden gesprengt, wer in die Stadt fliehen wolle, müsse sofort gehen. Etliche gingen, die meisten blieben. Welch ein Wahnsinn, die Brücken zu sprengen! Das hielt die Rote Armee nicht auf! Im Handumdrehen war neben der Baumschulenweger Fähre eine Pontonbrücke über die Spree errichtet, darüber rollten die Panzer und der Nachschub im Kampf um Berlin – durch das Gartenrestaurant »Spreeschloss« und zwischen zwei Weiden hindurch, von denen heute nur noch ein trauriger Torso am Ufer steht. Davon wissen wahrscheinlich die wenigsten von denen, die jetzt dort ihre Parzellen haben. Damals aber stauten sich an der Pontonbrücke Sportboote, die sich spreeaufwärts losgerissen hatten, und aufgedunsene Leichen schaukelten auf dem Wasser.

Als ich das erste Mal über die Pontons nach Baumschulenweg ging, lagen im Plänterwald gleich unter den ersten Bäumen am Ufer noch zwei gefallene deutsche Soldaten. Hier gefallene Rotarmisten waren von den eigenen Leuten schon an Ort und Stelle unter die Erde gebracht worden. Überall wölbten sich kleine Erdhügel. Erst später wurden die toten Kämpfer nach Treptow umgebettet.

Über diese Pontonbrücke sind dann in umgekehrter Richtung Kolonnen besiegter Wehrmachtssoldaten ostwärts in die Gefangenschaft gezogen …

Im Bootshaus »Markomannia« hatte eine Außenstelle des Stabes der Roten Armee ihren Standort. Von dort kam an einem der ersten Maitage der Offizier Leonid ­Leonow aus Leningrad mit einem Soldaten in unsere Laube, der schleppte in einem Sack rotes Inlett und weißes Leinen sowie blaue Tuchstücke und warf alles auf den Küchentisch. Daraus sollte bis zum Morgen eine amerikanische Fahne entstehen. Leonow gab die Anweisungen. Wir rissen und schnitten den Stoff in Streifen, ich setzte mich an unsere alte Singer und strampelte die ganze Nacht, nähte und nähte die Streifen zusammen, während die drei Männer – die beiden Russen und mein Vater – emsig die Sterne ausschnippelten, sie schnippelten und schnippelten Sterne, achtundvierzig Sterne aus weißem Tuch, die ich dann auf das blaue Viereck nähte … Nein, es müssen doppelt so viele Sterne gewesen sein, denn sie mussten ja auch auf die Rückseite. Im Morgengrauen jedenfalls war das Kunstwerk aus Stars und Stripes fix und fertig. Weiß der Himmel, dachte ich damals, wofür die amerikanische Fahne von der Roten Armee gebraucht wird!

Als ich in den achtziger Jahren das damalige Kapitulationsmuseum in Karlshorst besuchte und den Saal betrat, in dem Keitel die Kapitulation Deutschlands unterschrieben hatte, stutzte ich unter den Fahnen an der Stirnseite: Die amerikanische kam mir sehr bekannt vor; das waren doch meine Nähte, meine Kappnähte, mit denen ich die roten und weißen Streifen damals zusammengenäht hatte!

Ich wandte mich an den Leiter des Museums, einen sowjetischen Oberstleutnant, erzählte ihm die Geschichte und erkundigte mich, ob es nicht Unterlagen über die Herkunft dieser Fahne gäbe, nannte ihm auch den Namen jenes Leningrader Offiziers. Der Mann zeigte kein besonderes Interesse an Nachforschungen, beauftragte aber schließlich einen Grischa, die Fahne herunterzuholen. Grischa kam mit einer Leiter und führte den Befehl aus. Beim genauen Anschauen war mir klar: Das blaue Stoffstück mit den Sternen war nachträglich aufgenäht, und ich konnte auch »meine« Sterne nicht erkennen. Das mochte den Grund haben, dass im Jahre 1959 Alaska und Hawaii in den amerikanischen Staatenbund aufgenommen wurden und die Anzahl der Sterne auf der Flagge sich seit Kriegsende somit verändert hatte. Aber wozu musste diese historische Fahne korrigiert werden? Das wollte mir nicht in den Kopf. Während ich noch rätselte und das Tuch in meinen Händen ganz genau betrachtete, trat eine junge Frau auf mich zu, fragte mich aus und wollte mich dazu bewegen, fürs schwedische Fernsehen zu posieren, die Kamera schussbereit.

Bloß nicht! Wusste ich denn sicher, dass dies »meine« Fahne war?

Stefan Doernberg, der als Rotarmist am 8. Juli 1945 den Auftrag hatte, mit Major Popow aus dem Funkhaus in der Masurenallee ein intaktes Tonbandgerät nach Karlshorst zum Stab der 5. Stoßarmee und des Stadtkommandanten zu schaffen, schreibt in seinen Erinnerungen im Buch »Fronteinsatz«: »Über Lichtenberg gelangten wir nach Friedrichsfelde, wo die Straßen geräumt waren, sie wirkten wie gefegt. Hinterm S-Bahnhof schwang sich ein hölzerner Triumphbogen über die Straße, an dem nicht nur das rote Banner der Sowjetunion, sondern auch die Fahnen Frankreichs, Großbritanniens und der USA flatterten …«

Vielleicht ist die Fahne in jenem Museum wirklich nicht meine?

Die von mir genähte ist womöglich an diesem Triumphbogen gelandet?

Ich werde es wohl niemals erfahren, und ist das überhaupt so wichtig?

Wichtig nur für mich allein, in Erinnerung an die Nacht Anfang Mai 1945, als zwei Russen in Uniform der Roten Armee und zwei Deutsche – Feinde also – in der winzigen Küche einer Laube Am Freibad, unweit der Spree, fieberhaft gemeinsam werkelten, um bis zum Morgen eine große amerikanische Fahne herzustellen.

Auf der Kommandantur

Nachdem die Waffen schwiegen, sorgten die Verantwortlichen der Roten Armee umgehend dafür, das Leben wieder in halbwegs normale Bahnen zu lenken. Bei uns in Schöneweide, in Berlin, wurden Trupps arbeitsfähiger junger Frauen zusammengestellt, die unter anderem Schützengräben und Bunkerlöcher in der Wuhlheide zuschippen und Ordnung schaffen mussten. Trupp Martini war immer in Bewegung. In unserer Köpenicker Laubenkolonie trommelte man arbeitsfähige ältere Männer zusammen und schickte sie zum Kartoffelholen gen Osten.

Nach zwei Wochen kam Irmas Vater wieder … mit einem Bart wie ein Strauchräuber und einem Sack voll Kartoffeln.

Vater Groß von Neuland wurde abkommandiert zum Brotbacken und übernahm den Bäckerladen Wittig in der Schöneweider Großstraße.

Auch das kulturelle Leben kam in Gang. Auf der Freilichtbühne in der Wuhlheide traten Ensembles auf, Irma bekam eine weiße Binde mit der Aufschrift »Kontrolle« um den linken Oberarm und musste dafür sorgen, dass das gemischte Publikum – Deutsche und Rotarmisten – nicht etwa durchs Gebüsch schlüpfte und sich ohne Eintrittsgeld den Kunstgenuss verschaffte und sich auch sonst gesittet benahm. Das war gar nicht einfach, und es gab hin und wieder eine Kabbelei.

So auch nach jener Abendvorstellung, als es schon dämmerte. Irma verspätete sich, schwang sich aufs Fahrrad und geriet in die Sperrstunde. Bisher hatte sie kontrolliert, jetzt wurde sie kontrolliert. Zwei Rotarmisten mit roten Armbinden hielten sie an. Sie musste absteigen, redete und redete, verwies auf ihre weiße Armbinde, aber es half nichts, sie wurde zur Kommandantur abgeführt. Die befand sich im Gemeindehaus gegenüber der Christuskirche.

Ein Diensthabender nahm ihre Personalien auf, und sie landete im Keller auf harter Holzbank. Bald begann sie in ihrem dünnen Chiffonblüschen zu frieren und machte laut ihrer Empörung Luft. Da steckte Aljoscha, ein blutjunger, hochgewachsener Rotarmist mit Stupsnase, den Kopf zur Tür herein, und Irma probte den Aufstand. Aljoscha nahm sie am Arm und führte sie in einen großen Raum im oberen Stockwerk. Irma erinnerte sich, hier hatte Pfarrer Rasenberger beim Konfirmandenunterricht von seinen Gymnasiastenstreichen erzählt: »Da oben hängt ’ne Unterhose!« Generationen von Konfirmanden kannten die Geschichte.