Evangelische Unternehmensethik - Sabine Behrendt - ebook

Evangelische Unternehmensethik ebook

Sabine Behrendt

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Opis

Im Mittelpunkt des Buchs steht die Frage, wie heute menschliches Leben im Medium des Unternehmens als geschöpfliches Leben erscheinen kann. Hierfür dienen neben biblischen Zeugnissen, Texten Martin Luthers und Arthur Richs sowie kirchlichen Schriften auch die ökonomischen Ethik-Theorien von Karl Homann, Peter Ulrich und Josef Wieland als Bezugspunkte. Außerdem werden exemplarisch die unternehmensethischen Profile dreier Firmen betrachtet. Die daraus gewonnenen Impulse für eine explorative Ethik geschöpflichen Lebens sind letztlich immer in der Unternehmenspraxis zu erproben, müssen sie sich doch im Unternehmensalltag als tragfähig erweisen.

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Im Mittelpunkt des Buchs steht die Frage, wie heute menschliches Leben im Medium des Unternehmens als geschöpfliches Leben erscheinen kann. Hierfür dienen neben biblischen Zeugnissen, Texten Martin Luthers und Arthur Richs sowie kirchlichen Schriften auch die ökonomischen Ethik-Theorien von Karl Homann, Peter Ulrich und Josef Wieland als Bezugspunkte. Außerdem werden exemplarisch die unternehmensethischen Profile dreier Firmen betrachtet. Die daraus gewonnenen Impulse für eine explorative Ethik geschöpflichen Lebens sind letztlich immer in der Unternehmenspraxis zu erproben, müssen sie sich doch im Unternehmensalltag als tragfähig erweisen.

Dr. Sabine Behrendt ist Pfarrerin der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern.

Ethik – Grundlagen und Handlungsfelder

Band 11

Sabine Behrendt

Evangelische Unternehmensethik

Theologische, kirchliche und ökonomische Impulse für eine explorative Ethik geschöpflichen Lebens

Verlag W. Kohlhammer

Für meine Großmutter Emmi

Zugl.: Erlangen-Nürnberg, Univ., Diss., 2013 u.d.T. „Grundzüge evangelischer Unternehmensethik. Auf der Suche nach Impulsen für eine Unternehmensethik als explorative Ethik des geschöpflichen Lebens.“

1. Auflage 2014

Alle Rechte vorbehalten © W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print: 978-3-17-026295-9

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-026296-6

epub:

978-3-17-026297-3

mobi:

978-3-17-026298-0

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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

1.1 (Unternehmens-)Ethik als explorative Ethik geschöpflichen Lebens

1.1.1 Konzept der explorativen (Unternehmens-)Ethik

1.1.2 Konsequenzen

1.1.3 Ziele

1.2 Begriff der Unternehmensethik

2 Unternehmensethik in Theologie und Kirche

2.1 Biblische Aspekte

2.1.1 Schöpfung

2.1.1.1 Biblische Aussagen

2.1.1.2 Impulse

2.1.2 Arbeit und Sabbat

2.1.2.1 Biblische Aussagen

2.1.2.2 Impulse

2.1.3 Arm und Reich

2.1.3.1 Biblische Aussagen

2.1.3.2 Impulse

2.1.4 Eigentum

2.1.4.1 Biblische Aussagen

2.1.4.2 Impulse

2.1.5 Freiheit von Sorge und Übermacht des Ökonomischen

2.1.5.1 Biblische Aussagen

2.1.5.2 Impulse

2.2 Martin Luther und die Rezeption seiner wirtschaftsethischen Aussagen

2.2.1 Luther als ökonomischer Gesprächspartner

2.2.2 Luthers ökonomisches Umfeld

2.2.3 Luthers wirtschaftsethischer Ansatz

2.2.3.1 Kurzübersicht der wirtschaftsethisch relevanten Texte

2.2.3.2 Theologische Bezugspunkte

2.2.3.3 Arbeit und Beruf

2.2.3.4 Handel und Eigentum

2.2.3.5 Geld und Finanzen

2.2.4 Impulse

2.3 Arthur Richs existential-theologische Wirtschaftsethik

2.3.1 Richs (wirtschafts-)ethische Urteilsfindung und -begründung

2.3.1.1 Grundlegendes

2.3.1.2 Sachgemäßes und Menschengerechtes

2.3.1.3 Maxime

2.3.2 Humanität aus Glauben, Hoffnung, Liebe

2.3.3 Richs existential-theologischer Ansatz

2.3.4 Aussagen zur Unternehmensethik

2.3.5 Impulse

2.4 Schriften der EKD

2.4.1 Gemeinwohl und Eigennutz (1991)

2.4.1.1 Aufbau und Inhalt

2.4.1.2 Impulse

2.4.2 Gerechte Teilhabe (2006)

2.4.2.1 Aufbau und Inhalt

2.4.2.2 Impulse

2.4.3 Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive (2008)

2.4.3.1 Aufbau und Inhalt

2.4.3.2 Impulse

2.4.4 Für eine Zukunft in Solidarität und Gerechtigkeit (1997)

2.4.4.1 Aufbau und Inhalt

2.4.4.2 Impulse

3 Unternehmensethik in der Ökonomik

3.1 Karl Homann und die ethische Relevanz der staatlichen Ordnung

3.1.1 Gesellschaftstheoretische und methodologische Perspektiven

3.1.1.1 Funktional differenzierte Gesellschaft

3.1.1.2 Ökonomischer Imperialismus

3.1.1.3 Aspekte der Konstitutionenökonomie

3.1.1.4 Spieltheorie, Dilemmasituation und Homo oeconomicus

3.1.2 Grundidee der Ordnungsethik Homanns

3.1.2.1 Ordnungsethische Wirtschaftsethik

3.1.2.2 Unternehmensethik als integraler Bestandteil

3.1.3 Impulse

3.2 Peter Ulrich und die kommunikative Integration der Ethik

3.2.1 Gesellschaftstheoretische und methodologische Perspektiven

3.2.1.1 Große Transformation

3.2.1.2 Vernunftethik

3.2.1.3 Diskursethische Aspekte

3.2.2 Theorie der Integrativen Wirtschafts- und Unternehmensethik

3.2.2.1 Integrative Wirtschaftsethik

3.2.2.2 Integrative Unternehmensethik

3.2.3 Impulse

3.3 Josef Wieland und die Bedeutung der Governancestrukturen

3.3.1 Gesellschaftstheoretische und methodologische Perspektiven

3.3.1.1 Globalisierung und ihre Konsequenzen

3.3.1.2 Systemtheoretische Aspekte

3.3.1.3 Aspekte der Neuen Institutionenökonomik

3.3.1.4 Anwendungsbezug

3.3.1.5 Tugendethische Wurzeln

3.3.2 Theorie der Governanceethik

3.3.2.1 Grundidee der Governanceethik

3.3.2.2 Besondere Bedeutung der Organisationen

3.3.2.3 Moralische und ethische Aspekte

3.3.3 Impulse

4 Unternehmensethik in Unternehmen

4.1 Grundlegendes

4.1.1 Unternehmen als Orte der Mitteilung, Erkundung und Erprobung

4.1.2 Unternehmen und Werte

4.1.3 Auswahl der Unternehmen

4.1.4 Methodik

4.2 TeamBank AG und easyCredit

4.2.1 Über das Unternehmen

4.2.2 Unternehmensethik in der Mitteilung und Erprobung

4.2.2.1 Wurzeln

4.2.2.2 Leitbild und Werte

4.2.2.3 Engagement und Sponsoring

4.2.2.4 Implementierung

4.2.2.5 Controlling

4.2.3 Impulse

4.3 Diehl Stiftung & Co. KG

4.3.1 Über das Unternehmen

4.3.2 Unternehmensethik in der Mitteilung und Erprobung

4.3.2.1 Wurzeln

4.3.2.2 Allgemeine Geschäftsgrundsätze

4.3.2.3 Leitbild

4.3.2.4 Nachhaltigkeit

4.3.2.5 Implementierung

4.3.2.6 Controlling

4.3.3 Impulse

4.4 PUMA SE

4.4.1 Über das Unternehmen

4.4.2 Unternehmensethik in der Mitteilung und Erprobung

4.4.2.1 Wurzeln

4.4.2.2 Leitbild – PUMAVision

4.4.2.3 Implementierung und Controlling

4.4.3 Impulse

5 Ausblick – Unternehmensethik im Vollzug

A Gesprächsnotizen

A.1 TeamBank AG

A.2 Diehl Stiftung und Co. KG

A.3 PUMA SE

Literaturverzeichnis

Vorwort

Die Wurzeln dieses Buchs liegen dort, wo sich Unternehmensethik täglich aufs Neue erweisen muss – in der Praxis des Unternehmensalltags.

Meine erste Begegnung mit Fragestellungen der Wirtschafts- und insbesondere der Unternehmensethik machte ich noch während des Theologietudiums im Rahmen eines vierwöchigen Industriepraktikums.1 Nach dem zweiten Examen entschied ich mich dafür, die Möglichkeit des kirchlich geförderten Spezialvikariats im Arbeitsfeld Wirtschaft wahrzunehmen. Für zwölf Monate arbeitete ich 2007/2008 in verschiedenen Bereichen eines großen Industrieunternehmens mit Sitz in Nürnberg. Hier begegneten mir die Menschen stets als aufgeschlossene Gesprächspartner mit vielfältigem Interesse an religiösen Themen und Fragestellungen. Umgekehrt erhielt ich als Pfarrerin aber auch tiefergehende Einblicke in unternehmensrelevante Topoi, wie betriebsinterne Abläufe, personalpolitische Konflike oder konzernweite Strategieplanungen. Ich merkte, dass für die betroffenen Menschen bei alledem immer wieder die Suche nach einem tragfähigen Ethos im Unternehmensalltag von Bedeutung war. Mitarbeiter, Vorgesetzte oder Betriebsrat rangen gerade in Konfliktsituationen um eine ethisch vertretbare Entscheidung. So begann ich mich eingehender mit den Fragestellungen der Unternehmensethik auseinanderzusetzen und sie unter theologischer Perspektive zu betrachten. Ich wollte mich auf die Suche manchen nach einer Ethik, die gerade in der gelebten Praxis dem von Gott geschenkten geschöpflichen Leben entspricht.

Dass aus den persönlichen Erfahrungen meiner Arbeit in der Wirtschaft schließlich ein Forschungsprojekt wurde, verdanke ich der Unterstützung ganz unterschiedlicher Menschen, denen ich an dieser Stelle meinen Dank aussprechen möchte. Meinem Doktorvater Prof. em. Dr. Hans G. Ulrich danke ich dafür, dass er dieses Forschungsprojekt von Anbeginn an mit großem Interesse begleitete und mir stets den nötigen Freiraum und das nötige Vertrauen schenkte, um es zum Abschluss zu bringen. Meinem Zweitkorrektor Prof. apl. Dr. Johannes Rehm bin ich für die stets offenen und weiterführenden Gespräche sowie seine Hilfe bei der Veröffentlichung dieses Buches sehr dankbar. Ebenso danke ich den drei Firmen und ihren Vertretern, die sich bereit erklärt haben, dieses Projekt zu unterstützen und mir meine zahlreichen Fragen zu beantworten.

Die Evangelisch-Lutherische Kirche in Bayern hat durch ein gewährtes Promotionsstipendium während der Zeit des Schreibens sowie durch einen Druckkostenzuschuss am Ende dieses Projekt in finanzieller Hinsicht entscheidend unterstützt, und so gilt an dieser Stelle auch ihr mein besonderer Dank. Für einen Beitrag zu den Druckkosten bin ich außerdem der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche in Deutschland, dem Pfarrer- und Pfarrerinnenverein in der Evang.-Luth. Kirche in Bayern, der Ilse und Dr. Alexander Mayer-Stiftung sowie der Dorothea und Dr. Richard Zantner-Busch-Stiftung zu Dank verpflichtet. Herrn Jürgen Schneider, Herrn Florian Specker und Frau Janina Schüle vom Kohlhammer-Verlag danke ich für die angenehme verlegerische Betreuung.

Zu danken habe ich auch vielen Personen aus meinem privaten und kirchengemeindlichen Umfeld, die mich bei der Entstehung der Dissertation auf unterschiedliche Weise unterstützt haben. Den Menschen der Kirchengemeinden Altenthann und Röthenbach an der Pegnitz, in denen ich während der Doktoratszeit als Gemeindepfarrerin tätig war, bin ich dankbar für ihr interessiertes Nachfragen und ihr Verständnis in arbeitsintensiven Wochen. Danken möchte ich aber auch meinen Freunden, insbesondere Steffi Krauß, Anja Klein, Martina Huber und Norbert Ehrensperger mit Familie, sowie meinem ehemaligen Mentor Günter Kohler. Sie alle waren mir nicht nur wertvolle fachliche Gesprächspartner, sondern fanden gerade auch in Durststrecken die richtigen Worte. Nicht zuletzt gilt mein Dank meiner Familie. Meinen Eltern Irmtraud und Wolfgang Weingärtner danke ich dafür, dass sie meinen Lebens- und Ausbildungsweg die ganze Zeit über uneingeschränkt förderten und liebevoll begleiteten. Ebenso gilt mein Dank meinem Paten Gerhard Moritz für sein Interesse und seine Unterstützung. Mein Bruder Christian war mir immer ein zuverlässiger Gesprächspartner in allen Lebenslagen, und so bin ich ihm nicht nur für manch guten Gedanken dankbar, sondern auch dafür, dass er mich im rechten Moment an das Leben außerhalb von Arbeit und Dissertation erinnerte. Ganz besonderer Dank gilt meinem Mann Michael, der die Entstehung dieses Forschungsprojekts vorbehaltlos mittrug und dafür immer wieder seine eigenen Interessen hintanstellte. Durch seine stete Geduld und seine vielfältige Unterstützung, nicht zuletzt in technischer Hinsicht, war es möglich, die Dissertation zu einem guten Abschluss zu bringen.

Sabine Behrendt Rückersdorf, im Mai 2014

1 Eine wissenschaftliche Betrachtung dazu findet sich bei Pelikan (2009).

Kapitel 1

Einleitung

1.1 (Unternehmens-)Ethik als explorative Ethik geschöpflichen Lebens

1.1.1 Konzept der explorativen (Unternehmens-)Ethik

Bevor hier irgendwelche Aussagen über das Handeln von Unternehmen, über unternehmensethische Leitsätze oder Wirtschafts- und Unternehmensethik getroffen werden können, ist dort zu beginnen, worauf all dies immer nur Antwort sein kann. Ausgangspunkt aller folgenden Aussagen ist das Wort, das in Jesus Christus lebendig wurde und an das der göttliche Geist gebunden bleibt.1 Gerade die protestantische Theologie hat stets die Bedeutung des Wortes Gottes betont und ihm Vorrang vor allem anderen gegeben.2 Erst aufgrund des göttlichen Angesprochenseins kann der Mensch antworten. Es geht dem Glauben, also dem Eintreten in die Geschichte Gottes und dem darin stattfindenden Handeln, voraus. Das menschliche Leben ist immer schon geschöpfliches Leben.

Dies hat nicht zuletzt Konsequenzen für das Verständnis einer christlichen Ethik. Wie im Ansatz des Erlanger Theologen Hans G. Ulrich deutlich wird, geht es in ihr darum, zu erkennen und zu verstehen, was dem Menschen von seinem Schöpfer mitgeteilt ist.3 Sie gibt Zeugnis von der Hoffnung, die in Jesus Christus erschienen und im Geist lebendig ist,4 und ist damit selbst Praxis geschöpflichen Lebens. Sie ist kein Akt des Auswählens oder Rechtfertigens menschlicher Handlungen und darf auch „nicht darauf reduziert werden, Vorstellungen oder Theorien von den für Christen gültigen Lebensverhältnissen zu entwickeln. Vielmehr stellt die christliche Ethik ein Urteilen und Erkennen dar, das immer zugleich Hören und Wahrnehmen ist.“5. Es geht in ihr darum, die menschliche Existenzform des geschöpflichen Lebens in allen Bereichen, in denen sie sich zu bewähren hat, zu reflektieren und darin zu bezeugen. Denn das menschliche Leben ist davon gekennzeichnet, in seinem Verlauf erkundet zu werden, wobei es schon immer im Handeln Gottes und seiner Geschichte mit den Menschen beschlossenes Leben ist.6 Der erfahrbare und erkennbare Lebenskontext des einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes steht im Fokus. Die Frage lautet deshalb nicht, wie man leben solle, sondern: „Wie leben Geschöpfe, als die wir uns entdecken dürfen?“7 Und: „Wie bleiben wir in der Existenzform der Geschöpfe, wie ist zu erproben, zu erkunden und mitzuteilen, was es heißt, Geschöpf zu sein?“8 Christlicher Ethik kommt demzufolge eine explorative Aufgabe zu, innerhalb der conditio humana nach Unterscheidungen zu suchen, was den Menschen Mensch sein lässt und was nicht.9 Sie ist „explorative Rechenschaft vom geschöpflichen Leben“.10 In ihr werden die Dialektik des Empfangens und Handelns sowie die damit verbundene, fortwährende Suche und das Verstehen geschöpflicher Existenz sichtbar.

In der Lebenswirklichkeit zum Tragen kommt dies in Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen Medien menschlicher Existenz, wie beispielsweise der Technik oder eben auch der Wirtschaft. Dabei darf jedes Medium menschlicher Existenz immer nur als Medium, nie aber als deren Verwirklichung verstanden werden.11

Es geht nicht darum, „der Wirtschaft sozusagen humanitäre Zielsetzungen von außen zur Realisierung zuzuweisen, sondern ihre impliziten Voraussetzungen so zu denken, daß darin der Mensch derjenige bleiben kann, den Gottes Ökonomie hervorbringt und trägt“.12 Dementsprechend kann wirtschaftliches Handeln dem Menschen nicht als Mittel zum „guten Leben“ oder anderen teleologischen Utopien dienen, da hierdurch die menschliche Existenz den ökonomischen Rationalitäten unterworfen wäre. Vielmehr kommt der Wirtschaft die Aufgabe zu, für bestimmte Güter zu sorgen und damit im Sinne der geschöpflichen Existenz Ort der gemeinsamen Sorge für das Leben zu sein.13 Das christliche Ethos tritt hier der ökonomischen Logik gegenüber.14

Folglich hat die Wirtschaftsethik eben diese kategorialen Differenzen festzuhalten und „die kritische Kraft zu gebrauchen, um zu erproben, was Wirtschaften für den Menschen heißt“.15 Von ihr ist also nicht die Frage nach dem ethischen Sinn von Ökonomie zu beantworten, und sie dient auch nicht dazu, die ökonomischen Ziele „gut“ zu erreichen, sondern sie hat aufzuzeigen, wie die menschliche Existenz im Medium der Ökonomie erprobt werden kann.

Soll dieser explorative Ansatz der (Wirtschafts-)Ethik auf die Unternehmensethik hin konkretisiert werden,16 so darf im Folgenden nicht nach der ethischen Legitimierung oder Verwirklichung ökonomischer Realitäten eines Unternehmens gefragt werden. Vielmehr zielt eine explorative Unternehmensethik darauf, dass das Handeln von, in und durch Unternehmen als gemeinsame Sorge für das Leben in dem Geschaffen-Werden bleibt, das Menschen als Geschöpfe an der göttlichen Geschichte teilhaben lässt.17 Dies umfasst die Frage, wie menschliches Leben im Kontext unternehmerischen Handelns als geschöpfliches erscheint. Damit kann Unternehmensethik im Anschluss an den Ansatz Ulrichs hier als „explorative Rechenschaft vom geschöpflichen Leben“18im Medium des Unternehmens (und im Gegenüber dazu) verstanden werden.

1.1.2 Konsequenzen

Ulrich mahnt jedoch an, dass in der Diskussion um die Wirtschaftsethik zwar häufig „eine allgemeine oder universelle Moral oder auch eine entsprechende Frage nach dem guten Leben thematisiert wird, nicht aber die nach der menschlichen Existenzform.“19 Dies scheint auch auf die Unternehmensethik zuzutreffen. Dementsprechend soll hier der Versuch unternommen werden, die menschliche Existenzform der Geschöpflichkeit in den Fokus der Aufmerksamkeit zu stellen und im Sinne der explorativen Ethik zur Basis jeglicher Überlegungen zur Unternehmensethik zu machen. Es geht darum, in der spannungsvollen Auseinandersetzung mit der Wirklichkeit Antworten auf die Frage zu suchen, wie wir im Medium von Unternehmen oder im Gegenüber dazu in der Existenzform der Geschöpfe bleiben und als solche leben können.20 Dazu ist es, wie oben bereits festgestellt, nicht nur notwendig zu urteilen, sondern immer auch zu hören und wahrzunehmen. Da das Hören und Wahrnehmen des Wortes Gottes sich auf ganz unterschiedliche Quellen beziehen kann, ist zunächst nach diesen zu fragen und eine Auswahl festzulegen.

Hier liegt wohl zunächst nichts näher als die biblischen Aussagen zu befragen. Sie geben auf verschiedene Weise Zeugnis von unserer geschöpflichen Existenz. Darüber hinaus äußern sie sich zum erfahrbaren und erkennbaren Lebenskontext des einzelnen Menschen als Geschöpf Gottes und somit auch zu den Themen, die in Bezug auf unternehmerisches Handeln relevant sind. Ähnlich verhält es sich mit den Aussagen der protestantischen21 Theologiegeschichte und Kirche zu unternehmerischem Handeln und zur Unternehmensethik. Die hier behandelten Ansätze argumentieren zwar nicht immer explizit im Sinne einer explorativen Ethik geschöpflichen Lebens, doch ist es ihnen allen eigen, dass sie in ihren Überlegungen über die reine Festlegung moralischer Regeln hinausgehen.22 Stattdessen stellen sie gerade die biblischen Aussagen und die geschöpfliche Existenz des Menschen in den Mittelpunkt ihrer Ausführungen und versuchen der Frage nachzugehen, was es heißt, daraus zu leben. Somit sind sie Beispiele für die Suche danach, die menschliche Lebenswirklichkeit im Medium des Unternehmens als geschöpfliche kenntlich werden zu lassen, und können hier wichtige Impulse geben.

Doch darüber hinaus muss auch nach den institutionellen Formen des Mediums Unternehmen gefragt werden, denn christliche Ethik ist eine Ethik der guten Werke, die in der christlichen Hoffnung gründen und den Nächsten erreichen sollen. Doch eben diese guten Werke brauchen einen Ort, der sie trägt und an dem sie konkret werden können. „Mit den Institutionen geht es um [solche] adressierbare Orte des guten und gerechten Tuns.“23 Die institutionellen Formen unternehmerischen Handelns dienen also dazu, das, was Unternehmen für die beteiligten Menschen und mit ihnen leisten, wahrzunehmen und zu artikulieren. „Die institutionelle Form des Wirtschaftens schließt ein, dass es ein gemeinsames Sorgen um etwas Bestimmtes, um die Lebensmittel gibt und dass sich das Wirtschaften nicht als bloßer ‚Kultus‘ verselbständigt, der sich um nichts mehr dreht“24 als um sich selbst.

Eine wissenschaftliche Auseinandersetzung mit eben diesen institutionellen Formen unternehmerischen Handelns findet sich insbesondere in Überlegungen und Theorien aus dem Kontext der Ökonomik. Deshalb darf im Folgenden nicht darauf verzichtet werden, auch diese bei der Suche nach Impulsen für ein geschöpfliches Leben im Medium von Unternehmen einzubeziehen. Ziel soll dabei nicht die Herausarbeitung allgemeiner moralischer Aussagen und Standpunkte zu unternehmerischem Handeln sein. Vielmehr geht es darum, auch in ökonomischen Aussagen über institutionelle Formen unternehmerischen Handelns Impulse für eine Unternehmensethik im Sinne dessen, was es heißt, als Geschöpfe zu leben, zu entdecken. Die Ansätze sollen also durch die Brille einer Ethik geschöpflichen Lebens betrachtet werden.

Schließlich erscheint es unerlässlich, auch die unternehmerische Praxis selbst zu erkunden. Hierfür können vor allem die von einzelnen Unternehmen verfassten Texte in Form von ethischen Leitlinien oder Kodizes als Anknüpfungspunkt dienen. Die Frage, inwiefern die Geschöpflichkeit des Menschen darin mitgeteilt wird, steht genauso im Mittelpunkt wie die Erprobung dieses Ethos. Auf intersubjektiv-nachvollziehbare Weise sollen die unternehmensethischen Profile der analysierten Unternehmen betrachtet und daraus weitere Impulse für eine Unternehmensethik im Sinne einer Ethik geschöpflichen Lebens gewonnen werden. Die in den vorhergehenden Kapiteln festgehaltenen Aspekte können jeweils als „Hör-Hilfe“ dienen und gegebenenfalls an der einen oder anderen Stelle auch darüber hinausweisen.

1.1.3 Ziele

Ziel ist also grundlegend die Reflexion der menschlichen Existenzform des geschöpflichen Lebens im Bereich von Unternehmen anhand verschiedener Quellen. Es soll der Versuch unternommen werden, verschiedene Impulse herauszuarbeiten, die deutlich machen, wie wir im Medium Unternehmen und im Gegenüber dazu in der Existenzform der Geschöpfe bleiben. Dies umfasst sowohl die Frage, wie die mit unternehmerischem Handeln verbundenen Aspekte, wie Arbeit, Freiheit oder Eigentum, im Sinne einer geschöpflichen Existenz gelebt werden können. Aber auch die Frage, welche institutionellen Formen dafür möglich oder notwendig sind, ist von Bedeutung. Ein Blick auf die Versuche von Unternehmen, dies vor Ort zu erproben, erscheint darüber hinaus ebenso unerlässlich. Allerdings kann dieses grundlegende Ziel nur mithilfe eines umfassenden Überblicks erreicht werden. Dafür sollen die wichtigsten aktuellen theologischen und ökonomischen Beiträge für eine heutige Unternehmensethik jeweils zusammengefasst dargestellt werden.25 Der Fokus liegt dabei auf deren Aussagen zum Thema Unternehmensethik. Die Überblickstexte bilden schließlich die Basis für die Suche nach Impulsen für eine Unternehmensethik im Sinne einer Ethik des geschöpflichen Lebens.

1.2 Begriff der Unternehmensethik

Zum besseren Verständnis und zur genaueren Abgrenzung sei hier kurz auf den Begriff der Unternehmensethik eingegangen. Generell lässt sich sagen, dass sie in Bezug auf den Gesamtbereich der Wirtschaftsethik die Mesoebene markiert.26 Die übergeordnete Ebene ist die der Ordnungsethik. Hier geht es vor allem um Fragen, die das Wirtschaftssystem als eigene Größe betreffen, also die Gestaltung einer marktwirtschaftlichen Rahmenordnung. Ihre Akteure sind dementsprechend der Staat und die Politik, die mittels Gesetze die Wirtschaftsordnung eines Landes gestalten. Moralische Ansprüche kommen aber auch auf einer der Unternehmensethik untergeordneten Ebene, nämlich der Individualethik, zum Tragen. Hier geht es um das Handeln jedes Wirtschaftsakteurs „gegenüber sich selbst sowie gegenüber den Mitmenschen und der natürlichen Umwelt“.27 Dieses orientiert sich in erster Linie an den je individuellen Wertvorstellungen. Zwischen den beiden Ebenen der Ordnungs- und der Individualethik liegt die Unternehmensethik. Sie behandelt Fragen, die Unternehmen als eigenständige moralische Akteure28 betreffen. Dabei kann sie einerseits Ansatzpunkt sein, um gewährte Freiheiten oder mögliche Defizite einer Rahmenordnung zu füllen. Andererseits bietet sie aber auch Raum für individuelle Entscheidungen des Einzelnen im Rahmen ihrer organisatorischen Strukturvorgaben. Bereits daran wird deutlich, dass diese drei Ebenen nie gänzlich getrennt voneinander betrachtet werden können, sondern sich immer wieder berühren, überschneiden und beeinflussen. In den folgenden Ausführungen dürfen deshalb weder die Meta- noch die Mikroebenen der Ordnungs- und Individualethik ausgeblendet werden. Dennoch liegt der Fokus in erster Linie auf der Unternehmensethik, denn im Unternehmen treffen strukturelle Vorgaben wie auch individuelles Verhalten konkret aufeinander. Hier wird die Suche nach einer Ethik, die die menschliche Existenz in ihrer Geschöpflichkeit ernst nimmt, konkret.

1 Dementsprechend kommen im Aufbau dieser Arbeit vor allem anderen die biblischen Aussagen zu Wort.

2 Hier sei nicht nur auf die Betonung des sola scriptura bei Luther verwiesen, sondern auch auf die vielfache Auseinandersetzung mit dem Thema, wie beispielsweise jüngst die Aufsatzsammlung in Ebner (2011).

3 Vgl. Ulrich (1990a) und insbes. Ulrich (2007). Damit gibt es keinen Ort außerhalb des Ethos, von dem aus eine Handlung als moralisch gut oder böse zu beurteilen wäre, wie beispielsweise in der Systemtheorie Luhmanns, der Moral keinen eigenen systemischen Kontext unterstellt. Vgl. Ulrich (2010a), S. 212–216; vgl. auch 3.3.

4Ulrich verweist in diesem Zusammenhang auf 1 Petr 3,15: „Heiligt aber den Herrn Christus in euren Herzen. Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist.“

5Ulrich (1990a), S. 408.

6Ulrich verweist in diesem Zusammenhang auf Röm 12,2.: „Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes.“ Es geht also nicht um die Begründung eines Ethos, sondern die theoretische Ausrichtung ist auf die „in seiner (zu beschreibenden und erzählenden) Genese gerichtet.“ (Ulrich (2010a), S. 221.)

7Ulrich (2007), S. 171.

8 Ders. (2007), S. 41. Zur geschöpflichen Existenz gehören im Anschluss an die theologische Tradition laut Ulrich die drei „Orte der bestimmten und begründeten Hoffnung in der Erwartung des Wirkens Gottes: Die Kirche ist der Ort der Erwartung des rettenden und urteilenden Wortes Gottes, die Oeconomia ist der Ort der Erwartung des menschlichen Werdens, die Politia ist der Ort der Erwartung des von Gott gesetzten Friedens in der Gerechtigkeit.“ (Ders. (2007), S. 243. Im Original teilw. kursiv gedruckt.) Alle drei Orte oder Existenzformen sind in der Frage, wie das menschliche Leben als geschöpfliches erscheint, stets eingeschlossen.

9 Vgl. Ulrich (2010a), S. 215f.

10Ulrich (2007), S. 40.

11 Vgl. Ders. (2007), S. 474; 526. Dies widerspricht einem systemtheoretischen Ansatz (vgl. 3.3.1.2), wie ihn beispielsweise Eilert Herms vertritt (vgl.Herms (2008b)). Wolfgang Leyk hingegen spricht von einer transdifferenten Kooperation von Ethik und Wirtschaft und grenzt sich wie Ulrich von einem systemtheoretischen Verständnis ab. (Vgl. Leyk (2009). Zum Konzept der Transdifferenz vgl. dort insbes. S. 20-22.)

12Ulrich (1991), S. 57. Zum Unterschied von Gottes Ökonomie und menschlicher Ökonomie vgl.Ulrich (2007), S. 390.

13 Es geht in der Ökonomie also immer um die gemeinsame Sorge für, nicht aber um die Sorge um das Leben.

14 Die häufig problematisierten Spannungen im Verhältnis von ökonomischer und ethischer Logik sind somit nicht auf deren Gegensatz zurückzuführen, sondern liegen in einer undifferenzierten Vermischung der beiden begründet.

15 Ders. (2007), S. 523. Im Original teilw. kursiv gedruckt.

16 Vgl. auch Ulrich (2010b). Zum Verhältnis von Wirtschafts-, Unternehmens- und Individualethik vgl. 1.2.

17 Voraussetzung hierfür ist, dass sich Unternehmen als (kollektive) Akteure verstehen und als solche ansprechen lassen. Zu Unternehmen als kollektive Akteure vgl. den Ansatz Josef Wielands (3.3.1.5).

18Ulrich (2007), S. 40.

19 Ders. (2007), S. 503.

20 Dabei zielt die Suche hier nicht auf absolute Antworten ab. Vielmehr sollen eben die Antworten festgehalten werden, die sich im Rahmen dieser Suche ergeben. Die Suche selbst muss jedoch immer wieder aufs Neue beginnen.

21 Der katholische Kontext soll hier nicht explizit aufgegriffen werden, ist aber an verschiedenen Stellen im Folgenden doch implizit präsent.

22 Es geht ihnen um „mehr“ als beispielsweise eine reine Tugendethik.

23 Ders. (2007), S. 32. Als Ethik der guten Werke grenzt sich christliche Ethik von jeder Form des Utopismus, der nach dem immer Besseren strebt, ab.

24 Ders. (2007), S. 526.

25 Es handelt sich allerdings nicht um einen umfassenden historischen Abriss aller unternehmensethischen Ansätze. Für einen historischen Überblick der Wirtschaftsethik allgemein sei auf das Buch von Bernd Noll verwiesen: Noll (2010).

26 Vgl. Noll (2002), S. 35–38, ähnlich auch Dietzfelbinger (2008), S. 28-31.

27Noll (2002), S. 36.

28 Zum Verständnis des Unternehmens als kollektiven Akteur vgl. den Ansatz von Josef Wieland in 3.3.2.2.

Kapitel 2

Unternehmensethik in Theologie und Kirche

Wie eingangs festgehalten, sollen zunächst verschiedene unternehmensethische Aspekte aus Theologie und Kirche näher betrachtet werden. Dabei erhebt die Darstellung keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Vielmehr will sie auf die wichtigsten Aspekte und Impulse aufmerksam machen, die aus evangelisch-lutherischer Tradition1 stammen und direkt oder indirekt für die heutige unternehmensethische Diskussion aus Sicht einer Ethik geschöpflichen Lebens relevant sind.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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