Erzählungen - Jiří Gruša - ebook

Erzählungen ebook

Jiří Gruša

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Opis

Mit dem Band "Erzählungen" wird der 5. Band der zehnbändige Werkausgabe des Schriftstellers und Diplomaten Jiři Gruša in deutscher Sprache vorgelegt; eine tschechische Ausgabe erscheint parallel in Brno. Außer drei kleinen frühen Erzählungen, Jugendwerken, enthält der Band alle Erzählungen, die Gruša zwischen 1965 und 2009 schrieb. Die Erzählungen werden in chronologischer Reihenfolge abgedruckt nach den Daten der Publikation, die Texte aus dem Nachlass nach dem mutmaßlichen Datum der Entstehung. So ergibt sich ein Einblick in Grušas Entwicklung als Prosaist: Da sind kafkaeske Texte, die eine entfremdete Situation bringen, einen Helden in einer Welt, deren Regeln er nicht kennt, da sind aber auch Texte, die Erinnerungen an Kindheit und Jugend fast realistisch festhalten. Die Erzählungen bieten eine Spannweite, die überrascht und erfreut.

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GRUŠA • WERKAUSGABE BAND 4

JIŘÍ GRUŠA WERKAUSGABE DEUTSCHSPRACHIGE AUSGABEHERAUSGEGEBENVON HANS DIETER ZIMMERMANNUND DALIBOR DOBIÁŠ GESAMMELTE WERKEIN 10 BÄNDEN

Jiří Gruša

Erzählungen/Dramen

Mit einem Vorwort von Cornelius Hell

Die Herausgabe dieses Buches erfolgtemit freundlicher Unterstützung folgender Institutionen:

Der Verlag bedankt sich überdies sehr herzlich für die Übernahmeder Patenschaft durch Frau Ursula Albrecht und freut sich aufviele Leserinnen und Leser.

Wieser Verlag GmbH

A-9020 Klagenfurt/Celovec, 8.-Mai-Straße 12

Tel. + 43(0)463 37036, Fax + 43(0)463 37635

[email protected]

www.wieser-verlag.com

Copyright © dieser Ausgabe 2016 bei Wieser Verlag GmbH,Klagenfurt/Celovec

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat: Josef G. Pichler

ISBN 978-3-99047-041-1

Inhalt

Vorwort Jiří Gruša Erzähl-Spiele

Die Leseprobe

Verräter

Aus dem Roman »Fragebogen«

Identitätsfindung

Damengambit. Il ritorno d’Ulisse in Patria

Onkel Antons Mantel

Salamandra

Lebensversicherung

Schwerer Dienst in N.

Vögel zu Fuß

Sanfte Landung am Dirigentenpult

Leben in Wahrheit oder Lügen aus Liebe

Elsa

Bibliografie der ausgewählten Texte

Kommentar

Editorische Notiz

Vorwort Jiří Gruša Erzähl-Spiele

Die zwölf Erzählungen von Jiří Gruša bilden einen wichtigen Strang seines Werkes und sind durch ihre Erzähltechniken wie durch ihre Themen auf vielfältige Weise miteinander verbunden. Elf davon sind in den Jahrzehnten zwischen 1965 und 1986 entstanden, einige sind in der Tschechoslowakei legal, andere im Samisdat und in Exilzeitschriften erschienen und etliche ungedruckt geblieben. Lediglich drei Texte des vorliegenden Bandes konnte man bislang auf Deutsch lesen. Und nur die letzte Erzählung ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs entstanden.

»Damengambit« ist die umfangreichste dieser Erzählungen überschrieben, und man kann die titelgebende Bezeichnung für eine häufig gespielte Schacheröffnung als Signal dafür lesen, wie sehr Jiří Gruša Erzählen als kunstvolles und kalkulierten Zügen folgendes Spiel versteht. In dieser Erzählung ist vor allem die Erotik ein raffiniertes Spiel, und damit auch die Figurenkonstellation: Die Protagonisten werden wie Schachfiguren bewegt, ihre Beziehungen haben etwas von einer Versuchsanordnung. Es geht um ein Spiel, nicht um Gefühle – »seine Gefühle sind so echt, dass sie nur noch langweilen«, sagt ein Protagonist über einen anderen. Zum Spiel gehören auch die Zitate: Sätze, die sich ein Liebhaber von einem anderen ausborgt, oder Anleihen aus dem Rotkäppchen-Märchen. Dennoch ist das Spiel – das Sex-Ritual – ernst, so ernst, dass die lächerliche Wirklichkeit ausgeblendet werden muss, denn »Lachen verdirbt das Ritual«. Was natürlich auch für das Erzählen gilt.

Das Spielfeld dieses Erzählens ist strukturiert durch Orts- und Zeitangaben. Beide sind ebenso präzise festgelegt wie systematisch verunklärt. Die Erzählungen spielen an einem ganz konkreten Ort, doch die Verkürzung des Ortsnamens auf seine Initiale wird geradezu obsessiv ausgestellt. Auch der Zeitpunkt wird immer wieder genau bestimmt, etwa durch Monatsangaben, doch die Jahreszahl wird ausgelassen. Diese systematischen Leerstellen verleihen dem genau verorteten und zu einer ganz bestimmten Zeit spielenden Geschehen eine abstrakte Modellhaftigkeit.

Neben dem kalkulierten In- und Gegeneinander von Präzision und Leerstellen bei den Orts- und Zeitangaben abstrahieren die in die Erzählungen integrierten Textsorten von den konkreten Ereignissen: Protokolle und Briefe verfremden die erzählten Handlungen, sie werden dem Leser nur indirekt zugänglich. Ein geradezu verschrobener Protokollstil (wie ihn in der österreichischen Literatur Albert Drach in vergleichbarer Weise literarisch produktiv gemacht hat), der mehr über die Protokollierenden sagt als über ihre Objekte, zwingt die Details in eine Logik und offenbart gerade dadurch den Wahnsinn des Ganzen, des »Systems«.

Unter den Vorfällen, die protokolliert werden, sticht der Suizid auffällig hervor. »Benda, heute ist es sieben Jahre her, dass du dich im Ambo der Cyrill-und-Method-Kirche erhängt hast«, lautet der erste Satz von »Damengambit«. Noch eine zweite Erzählung setzt den Suizid als Eröffnungssignal: Der erste Satz des Protokolls in »Die Leseprobe« (der nach einem kurzen Begleitbrief des Protokollführers zu stehen kommt) lautet: »Der Apotheker Dolus hat sich am Nachmittag des 25. Juni (nach Arbeitsschluss) bei sengender Hitze im Hinterraum der Apotheke ›Zur genauen Waage‹ erhängt.« Die umfangreichen und abschweifenden Erklärung der protokollierten Erforschung der Ursachen dieses Suizids können vor allem eines nicht wegsprechen: die Irritation der Überlebenden, die den Abgang des Apothekers als Verrat empfinden. »Wirklich, Hr. Dolus hat uns sozusagen auflaufen lassen«, konstatiert einer der Disputanten. In ähnlicher Weise wird auch Benda in »Damengambit« von einem Überlebenden angeklagt: »Špilar kletterte auf die Grabfaschine und fragte dich gleich, was du uns da angetan hast – du, Benda, ein ausgezeichneter Mitarbeiter!« Der Suizid erscheint als ein Verstoß gegen die Regeln, der aber nicht geahndet werden kann – gerade das ruft die hilflose Aggression der Überlebenden auf den Plan. Und es zeigt sich die Absurdität eines Lebens, das auf Rollen und Funktionen reduziert ist. In einem solchen Kontext eröffnet die Möglichkeit des Suizids für das Individuum einen Weg der Selbstbehauptung und wird zur wirkungsvollsten Drohung gegen die Gruppe. »Ich drohe ihnen damit, mich aufzuhängen«, sagt das namenlose Ich in dem kurzen Text »Aus dem Roman Fragebogen« – auch hier wieder als Anfangssatz ausgestellt – und bezieht seine (nicht nur) sexuelle Lust aus dem jedes Mal gleich und wie nach Regeln ablaufenden Ritual des Sich-Strangulierens.

Mit dem Sex ist die zweite Fundamentalopposition angesprochen, in die sich Individuen in Jiří Grušas Erzählungen begeben; die Protokolle und Berichte darin fassen sie verbal quasi mit spitzen Fingern an, ohne dabei die Lust der schreibenden Voyeure ganz unterdrücken zu können. Diese Voyeure sind nur der Spezialfall jener allgegenwärtigen Beobachter, die in diesen Texten am Werk sind. Die perfekte Vivisektion dieses systematischen Beobachtens und Beobachtet-Werdens unternimmt die Erzählung »Verräter«, die in ihren Satzkaskaden erzähltechnisch perfekt jene Paranoia in Szene setzt, die sogar die normale Wahrnehmung des rapportierenden Ichs zerstört: »Aus ihrem Verhalten, sie verhalten sich so, als wäre ich da, kann ich schließen, dass ich auch da bin …«, konstatiert der Ich-Erzähler, der einer Situation ausgeliefert ist, in der jeder potenziell schuldig ist und unbedingt ein Verräter dingfest gemacht werden muss.

Diese Erzählung spiegelt vielleicht am direktesten die Zeit, in der sie entstanden ist, und die von der kommunistischen Diktatur geprägte Gesellschaft, auf die sie als Kunstwerk reagiert, wider. Latent sind jedoch alle Geheimhaltungs-Spiele und alle vorgeführten Bürokratie-Mechanismen auf diesen realexistierenden Surrealismus bezogen – im Fokus der privaten Verhältnisse oder der halböffentlichen Sphäre eines Vereins werden die gesamtgesellschaftlichen Zustände transparent. Oder umgekehrt betrachtet: Die Strategien der Geheimhaltung und der Furor einer sich verselbständigenden Bürokratie schlagen ihre Schneisen auch in die privatesten Beziehungen.

Die letzte der hier versammelten Erzählungen, Jahrzehnte später geschrieben, funktioniert allerdings deutlich anders. »Im Frühjahr war Genosse Stalin gestorben« – schon dieser erste Satz legt den Beginn des erzählten Geschehens klar auf das Jahr 1953 fest. Zudem spielt das Ganze in einer realen (und nicht durch Initialen unkenntlich gemachten) Topografie: »akovice, der KleË-See oder später erwähnte Orte wie Zdice, Dubina, Srch oder Severka sind auf der Landkarte zu finden. Dem entspricht, dass auch die Mechanismen und Normen der kommunistischen Gesellschaft nicht mehr in surrealistisch gefärbter Brechung gespiegelt, sondern in realistischen Details und teilweise im Prozess ihrer Entstehung vorgeführt werden: War zuvor die katholische Kirche in Gestalt des Pater Klopil Herr über die Theaterbühne und den Fußballplatz, hat ihn in der Gegenwart der Erzählung der kommunistische Staat in ein Arbeitslager verbracht und selbst eine viel totalere Kontrolle über Kunst, Sport und Gesellschaft übernommen. Liebe und Sex sind zwar auch hier ein wesentlicher Motor des Handlungsganges, werden aber vergleichsweise konventionell erzählt – nicht mehr als Spiel, sondern als Elemente des real vorgeführten Lebens.

Mit diesen fragmentarischen Beobachtungen sind nur ein paar Grundelemente der vielfältigen und mehrdimensionalen Erzählungen von Jiří Gruša angesprochen. Und zu einer weiteren Entdeckung in diesem Band, zu seinem einzigen Drama, das in knappsten Dialogen (Suizid-Drohung und Rotkäppchen-Anspielungen auch hier) eine groteske Familienbeziehung in Szene setzt, ist noch gar nichts gesagt. Aber Jiří Grušas Texte sprechen ja für sich selbst, keine Erklärung oder Interpretation soll sich vor sie stellen und den Zugang zu ihnen okkupieren. Es geht nur um die Lust, sich auf diese komplexen Erzählspiele einzulassen und sich damit auch in ein Gesellschaftssystem involvieren zu lassen, das Vergangenheit ist, dessen Auswirkung auf individuelle Biografien und kollektive Mentalitäten jedoch bis heute reichen.

Cornelius Hell

Die Leseprobe

Lieber Mitbruder,

endlich kann ich dir das Protokoll der letzten Sitzung schicken, ergänzt (vergib mir die Dreistigkeit) um eigene Anmerkungen, Beschreibungen und Erklärungen, die keinen Anspruch auf Vollständigkeit erheben und die ich natürlich für Vereinszwecke weglasse. Wie könnte ich gegenüber einem anderen als Dir behaupten, dass alles so gewesen ist, wie ich es beschrieben habe! – Sicher, außer den angeführten Ansprachen, denn diese wurden mitstenographiert.

Der Protokollführer

Der Apotheker Dolus hat sich am Nachmittag des 25. Juni (nach Arbeitsschluss) bei sengender Hitze im Hinterraum der Apotheke »Zur genauen Waage« erhängt; neben dem Strang – er verwendete sehr geschickt die Gardinenschnüre beider Fenster – trug er noch eine Bastschlinge um den Hals, die auf seiner Brust ein sehr sorgfältig ausgeschnittenes Stück Pappe mit der Aufschrift: Ich bin unschuldig befestigte. Pappe und Bast gehörten zu einem Karton mit Schuhen, die sich Dolus zu diesem Zweck gekauft und das erste Mal angezogen hatte. Der Schnitt in der linken Hand des Apothekers (der zwar die Sehne freigelegt, nicht aber die Arterie durchtrennt hatte) zeugt wohl davon, dass der erfolgreichen Selbsttötung noch das Bemühen vorausging, auf eine andere, weniger aufwändige Art aus dem Leben zu scheiden.

Die Öffentlichkeit in *** betrachtete jedoch auch jene aufwändigere Todesart als sinnlos, protzig, ja, fast provokant, trotz allem aber gab es auch Funktionäre, die Dolus’ Abgang als nicht sehr nette, gerade mitten in der Saison getimte Überraschung betrachteten. Der Mutwillen des Apothekers störte ihren Arbeitsplan auf das Gröbste, und sie hatten bisher angenommen, Dolus gehöre zu denjenigen, auf die Verlass war. Außerdem kam es zu diesem Vorfall ausgerechnet in der Zeit der Feierlichkeiten zum vierzigjährigen Bestehen der Theatergesellschaft LUTOBOR (Laienspielgruppe in ***), und gerade der Herr Apotheker war in der laufenden Amtsperiode einer der Kontrolleure der Konten, über deren Stand er der für den 28. Juni einberufenen Mitgliederversammlung berichten sollte.

Die Direktion des Vereins LUTOBOR, die aufgrund dieses unerwarteten Umstands gezwungen war, noch zu einer vorbereitenden Sitzung zusammenzukommen, beschloss, weil sie keine andere Wahl hatte, den Bericht des Kontrolleurs wegzulassen, somit blieben von den fünf Tagesordnungspunkten noch vier in der Abfolge: Tätigkeitsbericht, Bericht des Geschäftsführers, Bericht der Revisoren (besser: der restlichen verbliebenen) und freie Vorschläge.

»Trotzdem meine ich«, sagte Fr. Maternová, »dass wir mit dieser Notmaßnahme die wichtigste Frage unserer Besprechung nicht geklärt haben, denn laut Vereinbarung mit Hrn. Dolus war der Tag der Mitgliederversammlung gleichzeitig der Tag, an dem unser Freund versprach, das Manuskript eines Trauerspiels abzugeben, dessen Aufführung, wie wir uns geeinigt hatten, den Höhepunkt der Feierlichkeiten zum Bestehen von LUTOBOR bilden sollte.«

Hr. Čerych: » Wirklich, Hr. Dolus hat uns sozusagen auflaufen lassen. Dabei hatte er doch so viele andere Möglichkeiten, und dann hing er, bis er anfing zu stinken.«

»Na ja – und die Kinder aus meiner Gruppe sind schon im Stimmbruch …« (Hr. Wohanka, Lehrer und Ltr. des Kinderensembles).

In *** hält zwar ein Schnellzug pro Tag, dann aber fährt dieser weiter als Personenzug nach ***, der gesamte Streckenabschnitt führt durch einen Kessel, der allgemein als Erholungsgebiet mit dem geringsten, sogar amtlich berechneten Prozentsatz an Niederschlägen gilt; auch so aber leben hier viele Bürger von Geburt an, was in gewisser Weise günstig ist, vor allem wenn es doch regnet.

»Sie haben recht« (es spricht Dr. Krsek), aber der Gestank ist doch eine mehr oder weniger physiologische Gesetzmäßigkeit. Lebewesen auf einer gewissen Bedrohungsstufe … entschuldigen Sie, … machen sich nun mal ein. Auch der Samen ergießt sich. So ist das nun mal, es kommt einfach zu einem unwillkürlichen Rettungsversuch. Auch der Hase, bitteschön, weiß, dass ein Fuchs das frisst, was riecht. Und wenn er nun mal in Bedrängnis gerät, entspannen sich bei ihm die entsprechenden Muskeln … Aber das Trauerspiel sollten wir doch, vielleicht nur aus Pietät, zumindest durchblättern?«

Fr. Maternová, die Herren Čerych, Wohanka und Krsek, hatten bisher, obwohl sie wie immer in den Vereinsräumen verhandelten, noch nicht vorgeschlagen, an der Frontseite des Hauses ein schwarzes Banner aufzuhängen, wenngleich sich dazu nun eine günstige Gelegenheit bot und das Aufhängen eines Banners eine der Formen war, in der LUTOBOR der Stadt seine Aktivitäten kundtat. Auch wenn die Gelegenheit verlockend war, siegte bei allen Anwesenden der moralische Gesichtspunkt, d. h., man war der Ansicht, das Banner würde eigentlich bedeuten, das Pompöse an Dolus’ Akt zu billigen. Dr. Krsek, der tagsüber acht Stunden lang den Hauptvereinsraum zusammen mit dem Alkoven als Praxis nutzte, machte die tagende Direktion erneut darauf aufmerksam (er sagte: »ja, die moralischen Umstände«), wobei er auch bemerkte, dass er es dankbar quittieren würde, wenn die Teilnehmer möglichst auf das Rauchen verzichteten. Fr. Maternová stimmte dem, auch wenn ihre Klimakteriumsbeschwerden eine regelmäßige Nikotindosis geradezu einforderten, ohne Einwände zu. Wahrscheinlich waren alle sehr bewegt.

Hr. Wohanka: »Leider muss ich wieder feststellen, dass die Jungen in meiner Gruppe im Stimmbruch sind – und das ist mit der Aussicht auf eine Platzierung beim Bezirksfestival doch ein ernstes Erfolgshindernis. Letztes Jahr ist nicht dieses Jahr, und auch aus künstlerischer Sicht ist es nicht möglich, die ausgelassenen Stimmpartien durch Tanzeinlagen zu ersetzen.«

Hr. Čerych: »Geben wir offen zu, dass auch wir unseren Anteil an dieser verflixten Sache haben. Es war einfach leichtsinnig, eine solch wichtige Aufgabe Hrn. Dolus zu übertragen. Auch in der Satzung haben wir für eine solche Betrauung keine entsprechende Grundlage gefunden, nun, und jetzt dürfen wir auslöffeln, was wir uns eingebrockt haben. Warum hat man nicht auf unser bewährtes Repertoire zurückgegriffen?«

Dr. Krsek: »Das ist so wie mit dem Fletschern; schon fünf Jahre mache ich darauf aufmerksam, dass nicht nur für die Gesundheit als Ganzes, sondern auch für die kreative Kraft die Art der Nahrungsaufnahme entscheidend ist. Jeden Bissen muss man mindestens fünf Minuten kauen, auf der Zunge und dem Gaumen herumwälzen, damit alle Nährstoffe restlos aufgesaugt werden!«

»Nehmen Sie nur beispielsweise, wie so ein Löwenzahn Ende Herbst stirbt (Anm. Fr. Maternová) und er das Gefühl hat, dass ihn etwas wegbläst (fuh, fuh), so ein Passus! Das kann man nachfühlen. Wirklich – warum haben wir nicht auf das bewährte Repertoire zurückgegriffen?«

Hr. Čerych: »Nun, Hr. Dolus hat uns, wie ich gesagt habe, auflaufen lassen, die Schauspieler hätten wir, doch das Drama – das Drama fehlt!«

Wegen der ungewöhnlichen Wohnungsnot beschränkten sich die Räumlichkeiten des LUTOBOR auf das Wartezimmer, die Praxis, den Alkoven und den Probenraum, wobei die Direktion normalerweise in der Praxis saß und nur Hr. Čerych am Ende jeder Sitzung in den Alkoven ging, um den Hektographen in Gang zu setzen, auf dem die Sitzungsprotokolle vervielfältigt wurden, um möglichst kurz den Mitgliedern mitzuteilen, was man ihnen mitteilen musste; nur der Jahresbericht erschien in Druckfassung in einem Sonderheft, auf dessen Umschlag die Losung des LUTOBOR stand:

Hilf – bewähre dich.

Als Hr. Čerych um Erlaubnis bat, sein Jackett ablegen zu dürfen, wurde sich die gesamte Direktion bewusst (zwar noch unklar, aber eine leise Ahnung gab es schon), dass die Sitzung wahrscheinlich weitergehen würde, und zwar über das üblicherweise hohe Maß hinaus.

Dr. Krsek: »Ich lege der geschätzten Direktion anheim nachzudenken, ob es nicht am besten wäre, zur gründlichen Durchführung der Mitgliederversammlung nach der Tagesordnung vorzugehen. Wir hören gegenseitig unsere Erkenntnisse, d. h., wir hören uns an, wie wem nach Hrn. Dolus’ kompliziertem Versagen die Aufgabe an sich erscheint, und dann beurteilen wir, ob die uns für die Mitgliederversammlung zugeteilten Aufgaben in allem der eben eingetretenen Situation entsprechen.«

Fr. Maternová: »Sicher. Eine solche Lösung bietet sich geradezu an. Ich würde also mit dem Bericht des Geschäftsführers beginnen, und nach den Beiträgen der Revisoren würde ich mit den freien Vorschlägen schließen.«

(Da es keine Einwände gibt, geht die Sitzung zu Punkt eins über.)

Bericht des Geschäftsführers

(Einige Anmerkungen zum Bericht des Geschäftsführers für die Mitgliederversammlung – durch Dr. Krsek)

»Ich erinnere daran, dass man von den Folgen der Tat von Hrn. Dolus ausgehen muss, denn mit diesen musste der Hr. Apotheker als gebildeter Mensch (er gehörte zusammen mit Ihnen allen zu meiner Kundschaft!) rechnen. Ich schlage deshalb vor, kurz zur Orientierung das Manuskript durchzublättern, das ich bei der Leichenschau fand, und nach der Beurteilung der Ernsthaftigkeit oder der Mängelbehaftetheit des Textes (ob dieser der Satzung widerspricht oder nicht) Maßnahmen zu ergreifen. Wie Sie selbstverständlich schon bemerkt haben, gehe ich der Sache auf den Grund und lasse den Tätigkeitsbericht unberücksichtigt … allerdings tue ich dies aus der Überzeugung heraus, dass es darin zu keinen Änderungen kommen kann, dass es sich höchstens um einige kleine stilistische Änderungen handeln wird, auf die wir uns sowieso nicht früher einigen können, ehe das ganze Verfahren gelaufen ist. Um jedoch nicht bei einem oberflächlichen Mitgefühl zu bleiben, sondern um gerecht und dabei kompromisslos vorzugehen, fühle ich mich verpflichtet, noch bevor ich Hrn. Dolus’ erhaltenes Manuskript dem geschätzten Direktorium vorlege, noch einmal die Zusammenhänge anzuführen: Es handelt sich um einen Selbstmord, d. h. um die durchdachte Zerstörung des eigenen Lebens, vollzogen im Vollbesitz der Sinne und aus freiem Willen. Ich muss niemandem von Ihnen versichern, dass solch eine Tat eigentlich sträflich ist, sowohl aus der Sicht des Vereins als auch aus der Sicht der Eigenverantwortung des Genannten, und dass wir sämtliche Anstrengungen aufwenden müssen, die sich am meisten anbiedernde Auslegung zu vermeiden, nämlich dass wir es mit böser Absicht zu tun haben, mit einer Intrige oder Betrug oder gar mit einer List. Dass sich eine solche Auslegung anbietet, davon zeugen schließlich am deutlichsten die Merkmale, die bis ins kleinste Detail denen entsprechen, die die Medizin beschreibt: – hervorgetretene Augen, Samenerguss, zu Kopfe gestiegenes Blut, eine Verletzung der Halsarterien usw. … ebenso die Defäkation, von der ich bereits sprach. Das Manuskript trägt den Titel Fürst Lutobor, es zählt in etwa achtundvierzig Seiten.«

Unter dem Jackett von Hrn. Čerych ist ein khakifarbenes Hemd zu sehen; Hr. Čerych vergisst an sich immer irgendeinen Teil seiner Uniform (im Winter zumeist den Kapuzenschal – aber ohne Abzeichen); dies erweckt fast den Verdacht, dass er so einen hohen Grad von Stolz auf seinen Beruf zum Ausdruck bringt. In *** ist er in seinem Fach jedoch die höchstgestellte Person, denn weil sein Wachtrupp eine abgetrennte Einheit ist, trifft er nur bei Dienstreisen auf seine höhergestellten Vorgesetzten. Trotzdem bittet er darum, das Schiebefenster zu öffnen; er ist der Ansicht, auch wenn die Sonne nicht direkt brenne, so bewirke dieser vorabendliche Abglanz eine Atmosphäre, in der man nur schwer atmen könne.

Hr. Wohanka: »Achtundvierzig Seiten sind so etwa fünfundsiebzig Minuten reine Zeit, was bedeutet, dass, auch wenn das Manuskript in groben Zügen beendet wäre, man zumindest noch einen Prolog und einen Epilog einfügen müsse, ebenso auch ein paar Lieder. Doch glauben Sie mir, auch für die Regie ist das ein harter Brocken. Höchstens – höchstens, wenn man die Vorstellung für Erwachsene mit einem Volksfest verbinden würde.«

Dr. Krsek (nach einem Hüsteln) zog die Mappe mit dem Fürst Lutobor aus seiner Instrumententasche und legte sie auf den Praxistisch; auch Fr. Maternová empfahl, angeregt durch das Beispiel von Hrn. Čerych, alle mögen sich doch Marscherleichterung verschaffen: – schließlich kam auch noch der Kaffee gelegen. Doch ging ihm die Überzeugung voraus, dass es aufgrund der fortgeschrittenen Zeit fast angebracht sei, Licht zu machen, damit sie sich nicht die Augen verdarben; Hr. Wohanka drehte auf Anraten von Dr. Krsek den Schalter des Spiegelreflektors, der über dem Tisch hing – was er so kommentierte, wenn das Licht zu grell sei, werde man eine andere Lösung finden.

»Wir sollten unter uns einen Vorleser wählen.«

Dr. Krsek dankte für das Vertrauen und übernahm diese Ehrenfunktion von den Akklamanten, er versprach, alles in seinen Kräften Stehende gern zu tun, er schickte jedoch voraus, er sei in dieser Richtung keineswegs ausgebildet, somit bitte er gleichzeitig gegebenenfalls um Nachsicht oder man möge ihn austauschen, wenn die Tagenden seine Wahl als inakzeptabel betrachteten.

»Meinen Sie denn, dass ich eventuell besser stimmlich geeignet bin? In meinen Zischlauten hat die Befehlstechnik bereits das Ihrige getan.« (Hr. Čerych)

Es wird stiller.

Dr. Krsek nach einer kurzen Pause:

Fürst Lutobor

Die öffentliche Aufführung des Werkes ohne Einwilligung des Autors (Hrn. Arnoπt Dolus, Apotheker in ***) ist nicht erlaubt.

Eine düstere, verblasste Dekoration.

Nachdem sich der Vorhang gehoben hat (auf diesem ist ein Volksfest nach einer erfolgreichen Ernte abgebildet), sitzt ein Arzt am Praxistisch. Auf dem Tisch ist eine geöffnete Arzttasche zu sehen, aus der eine Spritze a tire-tête hervorragt. Über der Tür hinter dem Rücken des Arztes eine Aufschrift – Hilf, bewähre dich. Entlang der Fenster eine andere Aufschrift, die jemanden aufruft, zusammen mit jemandem ständig irgendwohin zu gehen. Eine Mutter im Klimakterium – eine Zwergin – sitzt in der Nähe des Tisches und durchsticht sorgfältig und mechanisch ihren Dutt mit einer Haarnadel. Von den übrigen Requisiten sind lediglich ein mit gewachstem Leinentuch bezogenes Kanapee, das in Reichweite des Praxistisches steht, ein Arzneischrank und darüber ein Bild, eine mehr als ungeschickte, amateurhafte Kopie von Rembrandts »Die Anatomie des Dr. Tulp« genauer zu sehen. Der Kapitän (auf dem Kanapee) legt das Jackett ab, darunter kommt ein khakifarbenes Hemd zum Vorschein. Der Lehrer (auf einem Drehstuhl) wirkt zerknirscht. Wenn man Bilder aufhängt, so müssen diese nicht unbedingt etwas abbilden, sie müssen jedoch »wie lebendig« wirken. Alle Personen dürfen nur von einem einzigen Schauspieler gespielt werden – mit Ausnahme des frei baumelnden Fürsten.

Mutter (schluchzt): Also haben sie uns Fürst Lutobor erschlagen.

Lehrer: Ach was, ich dachte, er hat sich erhängt?

Kapitän: Nun, das stimmt, warum hätte er sich nicht erhängen sollen, er hing, bis er zu stinken anfing.

Doktor: So ist das nun mal, Lebewesen auf einer gewissen Bedrohungsstufe … entschuldigen Sie, … machen sich nun mal ein.

Mutter (hält sich die Ohren zu).

Fürst Lutobor (immer gedämpft): Und einer schreitet immer weiter und einer schreitet immer weiter aus …

Dr. Krsek hätte weiter vorgelesen, wenn er nicht einen mahnenden Blick zu Fr. Maternová hätte schicken müssen, die wie ganz selbstverständlich eine Haarnadel aus ihrer Kopfpracht hervorzog und sich eine Zigarette anzündete; Dr. Krsek nutzte wohl eben dies dazu, um zu japsen, was seiner Stimme den von allen erwarteten Bruch verlieh und eine wichtige Pause ankündigte, in der Zeit sein würde, das Erlebnis beginnender Entrüstung voll auszukosten.

»Sieh mal einer an (Hr. Wohanka), was für ein unsinniges, primitives Geschwätz?« (Und Hr. Čerych schloss sich ihm an mit den Worten:) »Es scheint, der Volksgesundheit wäre es zuträglich, wenn einige notwendige Opfer vorher ausgewählt würden … per Los; es ist nicht unmöglich, einen solchen Artikel in die Satzung aufzunehmen, und die Vorteile, die dies bringen würde, muss man nicht belegen. Oder glauben Sie etwa, wir würden in solch einer Scheiße (Fürst Lutobor!!) wühlen, wenn wir auf eine bereits kodifizierte, präventive Belangung zurückgreifen könnten?«

Dr. Krsek zog dann all unsere Lustspiele in Betracht, die im letzten Jahr aufgeführt wurden, bzw. die historischen, abendfüllenden Stücke, und zum Schluss sagte er, er verstehe die gerechtfertigte Verbitterung, die Hrn. Dolus’ Bösartigkeit bei allen Anwesenden auslöse (»diese würde es auch bei den anderen Mitgliedern auslösen«, fügte er hinzu, »das muss man jedoch verhindern, deshalb sind wir hier …«), trotz allem warnte er vor voreiligen Schlüssen, denn der Fall, der, wie sich zeigte, Züge annahm, die den gesamten Verein betrafen, sei derart exemplarisch, dass er es verdiene, sorgfältig untersucht zu werden, um (»wie Hr. Čerych richtigerweise anmerkte …«) Schutz vor einem nicht in die Öffentlichkeit gehörenden Erotismus zu finden, der allen fremd sei. Dr. Krsek ermunterte die Anwesenden, doch im Text des Fürst Lutobor (im Weiteren nur FL) fortzufahren, auch unter Selbstverleugnung, da es empfehlenswert sei, zu einem näheren Sinn zu gelangen …, und er fasste nach einem Blatt.

Verstummen.

Dr. Krsek nach einer Pause:

Lehrer: Was ist das für ein plumpes und primitives Geschwätz?

Kapitän: Ist jemand bei dir, Mutter?

Fürst Lutobor: Ich bitte um Verzeihung, ich weiß, es ist meine Schuld, wenn ich so von oben herab zu Ihnen spreche, wenn mir vielleicht einer der Anwesenden das Wort abschneiden würde, wäre ich sehr erleichtert. Verehrte Anwesende, denken Sie nur daran, dass nun auf den Feldern die Sommerarbeiten anstehen und die Arbeiter diesen Geruch nur schwer ertragen.

Doktor: Sehen Sie, und Sie hängen hier herum!

Auf die Bitte von Hrn. Krsek hin, jemand möge ihn doch abwechseln, riefen zwei der Anwesenden »Schande«. Es war schon recht dunkel geworden, und Hr. Wohanka (einer derjenigen, die das gerufen hatten), stand von seinem Drehstuhl auf, ging energischen Schrittes auf das Schiebefenster zu, und nachdem er die Stirn an das Glas gepresst hatte, wiederholte er zweimal:

»Du Schwein, du Schwein, und draußen ist es so herrlich!«

»Ja (meinte Fr. Maternová), vielleicht sollten wir verdunkeln, denn es ist nicht klar, wie lange wir noch das Licht brennen lassen müssen, und das Gerücht von einer langen Sitzung würde in *** unnötigerweise Nachdruck auf Dolus’ gestrige Bösartigkeit legen.«

Hr. Čerych schluckte die in ihm aufsteigenden Magensäfte herunter, schüttelte sich vor Ekel und erklärte (im Einklang mit den Gefühlen der gesamten Direktion), es sei schon genug gewesen, dass die verbale Kunst berufen gewesen sei, auch dadurch ihren Beitrag zu leisten, dass sie selbst in die kleinste Hütte vordrang, dass aber die Verwerflichkeiten des Herrn Apothekers niemandem einen Dienst erwiesen hätten; überhaupt habe sich gezeigt, dass der FL in seiner Gänze auf einen Irrweg geraten sei, womit auch der Bericht des Geschäftsführers erschöpft sei.

Auftritt der Revisoren

Erster Teil

(Einige Anmerkungen zum Bericht der Revisoren für die Mitgliederversammlung – durch Hrn. Wohanka, der mit Verve die Rollläden herunterzog und sich mit den Worten: »Gottverdammt, warum muss das ausgerechnet in *** passieren!« an die Direktion wandte.)

»Bürger, Mitglieder der geehrten Direktion des LUTOBOR,

die Revisoren sind sich dessen bewusst, dass der Beitrag des Geschäftsführers streng klang und dass die Mängelbehaftetheit des erhaltenen FL unwiderruflich nachgewiesen wurde. Während des Vorlesens und bei einer fundierten Debatte trat dann eine Reihe von Tatsachen zutage, die darauf hindeuten, dass der Fall, den wir bereits die sechste Stunde behandeln, den Rahmen der üblichen und bedeutsamen Fälle übersteigt. Wenn ich das als Revisor sage, also als jemand, der für die Interessen der materiellen Wahrheit verantwortlich zeichnet, so tue ich dies deshalb, weil ich auf die menschliche Dimension der Sache verweisen und alles anführen möchte, was zumindest etwas dem ehemaligen Apotheker nachgesehen werden sollte. (Zwischenrufe: Warum?) Man muss mildernde Motive suchen, denn an diesen lässt sich am anschaulichsten zeigen, mit welchem Individuum, das sich vor nichts ekelt, wir die Ehre haben … Ich werde mich also mit Hrn. Dolus’ Charakter befassen. Waren das nicht eben die Eigenschaften des ehemaligen Apothekers – fehlende Durchsetzungskraft, Inkonsequenz, Feigheit –, die ihn dazu gebracht haben, seine egoistischen Neigungen nicht zu überwinden, und er gleich bei der ersten Probe schwer enttäuschte? …«

(Fr. Maternová schlussfolgerte nach dem Akzent auf »schwer enttäuschte«, dass es zweckmäßig sei, dem Redner etwas Erholung zu gönnen, und unterbrach deshalb Hrn. Wohanka mit einem kurzen, herzlichen Applaus, auf den Hr. Wohanka reagierte – mit veränderter Stimme: »Danke, ein Kaffee wäre wirklich prima, gerade habe ich daran gedacht, wären Sie so liebenswürdig?« Dr. Krsek erkannte an, während er auf die Uhr schaute, dass der Gedanke von Fr. Maternová und Hrn. Wohanka Unterstützung verdiente, und händigte Fr. Maternová die Schlüssel zu den Klubtassen im Alkoven aus. Es ist genau halb elf, als sich Fr. Maternová entfernt, um Kaffee zu kochen.)

»… Nun (Forts. Hr. Wohanka), ich muss Ihnen mitteilen, dass das, was gerade diese Charakterzüge von Hrn. Dolus betrifft, ich einen Verdacht hegte …, meine Kollegin Frl. Sporová, mit der ich ständig wesentliche Meinungsverschiedenheiten hatte, ist offensichtlich in einen vertraulicheren Kontakt zu dem ehemaligen Apotheker getreten. Ich hätte die geehrte Direktion bereits früher auf dieses Detail aufmerksam gemacht, wenn ich nicht befürchtet hätte, dass ein verfrühtes Gutachten eine Unzulänglichkeit des Beweismaterials zur Folge haben könnte. Nun jedoch ist die Sache sicher; der Hr. ehemalige Apotheker hat zusammen mit Frl. Sporová diese unordentliche Tat vollzogen. Vollzogen, ja, darauf würde ich Gift nehmen …«

(Fr. Maternová öffnet die Tür und fragt Hrn. Čerych, wo der Spiritus vom Hektographen sei, sie benötige etwas für den Kocher – und ansonsten täte sie in jede Tasse nur jeweils ein Stück Zucker, mehr süßen müsse jeder nach Belieben.)

»… Ende letzten Jahres (Forts. Hr. Wohanka), irgendwann in der ersten Dezemberhälfte – Entschuldigung, dass ich nicht mit dem genauen Datum dienen kann, doch ich habe meinen Block auf meinem Arbeitstisch gelassen, ich habe einfach nicht angenommen, dass gerade die Notiz über dieses Ereignis in einem solchen Kontext auftauchen würde – hat mich Hr. Dolus im Lehrerzimmer besucht, wie er sagte, in Vereinsangelegenheiten; ich war gezwungen, den Ankömmling auf neun Uhr zu verweisen, da der Unterricht, für den ich in diesem Moment keine Vertretung hatte finden können, um acht begann; Hr. Dolus gab sich damit zufrieden und verblieb die ganze Zeit im Lehrerzimmer … allerdings in Anwesenheit von Frl. Sporová, die damals, daran kann ich mich noch recht genau erinnern, Aufsätze zum Thema ›Meine Ferien‹ korrigierte. Wenngleich ich an diesem Tag in meiner Klasse nicht prüfte, wurde ich doch auf dem Gang aufgehalten, weil ich ein paar Schüler ermahnen musste (die, statt spazieren zu gehen, wie es die Schulordnung vorschreibt, die Pausen zu schlüpfrigen Debatten nutzen), deshalb bin ich über das Zimmer des stellvertretenden Direktors ins Lehrerzimmer zurückgekommen …, Hr. Dolus und Frl. Sporová jedoch erwarteten meine Rückkehr über die Tür zum Gang, und so hörte ich also einen Teil eines Gesprächs, in dem Hr. Dolus auf Drängen von Frl. Sporová, er solle endlich sagen, was er davon halte, antwortete, das sei völlig egal, da dies niemanden interessiere, und wenn es doch jemanden interessiere, so sei es nicht der Rede wert, was man allgemein wisse und woran alle bereits gewöhnt seien, und er, Hr. Dolus, wisse nur, was man allgemein wisse und er habe eigentlich Angst, mehr zu wissen, denn wenn er mehr wissen würde, müsse er versuchen zu reden oder müsse er reden, wovor er Angst habe, da er sich so sämtliche anderen Möglichkeiten verschließen würde – und überhaupt, auch wenn es so wäre, dass er mehr wisse und sich dagegen wehrte zu reden (damals verwendete er, glaube ich, den Ausdruck ›rufen‹), werde er trotzdem nicht der letzten Konsequenz all dessen entkommen, nämlich, dass er nichts und niemandem mehr verzeihen könne … Frl. Sporová sagte dann, er sei doch unschuldig, wovor er also Angst habe, und er antwortete ihr, er sei unschuldig, doch er rechne sich dies nicht als Ehre zu. Dabei duzten sich beide, was mich besonders stark überraschte, denn Kollegin Sporová gehört zu den Nichtmitgliedern des LUTOBOR und zahlte als solches auf den gemeinsamen Ausflügen immer 5 Kronen mehr. Als ich hereinkam, wurden beide ganz rot und waren wahrscheinlich aufgeregt. Erst heute kann ich dieses Gespräch richtig werten, und ich bedauere, dass ich nicht schon damals achtsamer war …, doch ich konnte mich nicht aufraffen, ungenau Meldung zu erstatten, es liegt doch auf der Hand, dass ein vorzeitiger, wenngleich energischer Zugriff verhindern kann, dass sich der Fall in voller Breite entwickelt …«

(Fr. Maternová klopft, Hr. Čerych geht ihr entgegen, um die Tür zu öffnen; Fr. Maternová hat nämlich volle Hände, sie trägt ein Tablett mit vier Tassen heißen Kaffees und sagt: »Ja, was die Sporová betrifft, so hat Dolus sie auf der Sieben flach gelegt.«)

»… so viel (Forts. Hr. Wohanka) hatte ich auf dem Herzen …«

Es ist 23 Uhr und 20 Minuten, und Hr. Čerych schlägt eine Pause bis 23 Uhr fünfunddreißig vor; der Vorschlag wird einstimmig angenommen. In das Klirren der Löffel mischt sich ein herzliches, freundschaftliches Gespräch, das nur durch Schlürfen unterbrochen wird. Hr. Wohanka nimmt an, ein richtiger Kaffee »für Männer« werde aus größeren Mengen gekocht, der Löffel werde um einen vollen Inhalt der eigentlichen Vertiefung angehäuft, und das Wasser werde aufgegossen, solange das Pulver noch auf der Oberfläche schwimme, trotzdem aber bewundert er Fr. Maternová für die Sicherheit, mit der sie dosiert und mit der es ihr gelingt, das Aroma zu erhalten. Hr. Čerych fragt, ob Hr. Wohanka wirklich der Ansicht sei, dass der ehemalige Apotheker Hr. Dolus jene unordentliche Tat tatsächlich mit Frl. Sporová vollzogen habe – wie es scheine, könne man doch trotz aller Bedenklichkeit der angeführten Debatte nicht auf etwas so Unerhörtes schließen. Hr. Wohanka atmet tief durch, seine Nasenflügel blähen sich auf, und er erklärt (indem er gleichzeitig mehrmals mit Daumen und Zeigefinger der linken Hand aus der Umgebung seiner Nase jeweils zwei Prisen Luft nimmt): »das müssen Sie hier haben, verstehen Sie …, es riechen …« Hr. Čerych dankt und fügt hinzu, eben dies habe er wissen wollen, da er selbst gewisse Vermutungen habe, die wahrscheinlich den Standpunkt von Hrn. Wohanka stützten, dass man jedoch erst eins und eins zusammenzählen müsse!

Fr. Maternová: »Bürger, Mitglieder der geehrten Direktion des LUTOBOR! Mir wurde ebenso wie Hrn. Wohanka das Amt des Revisors angetragen, erlauben Sie also, dass auch ich …« – »Oh, keineswegs (sagt Dr. Krsek und klopft mit dem Teelöffel auf den vernickelten Scheinwerferständer), wir haben noch fünf Minuten bis zum Ende der Pause …« (in einem weiteren Teil seiner Rede meint er, trotz der erschütternden festgestellten Tatsachen schreite die Sitzung in einem unvoreingenommenen und streng korrekten Geiste voran).

Fr. Maternová führt zu ihrer Entschuldigung an, sie wolle die Schlüsse von Hrn. Wohanka bezüglich dieser unordentlichen Tat sachlich belegen, denn sie habe als Direktorin des Grand* sicher feststellen können, dass der ehemalige Apotheker Dolus Frl. Sporová im Zimmer Nr. 7 sexuell missbraucht habe.

Hr. Čerych: »Wissen Sie eigentlich (Lachen und Belehrung), dass man aus dem Kaffeesatz am Boden der Tasse lesen kann?«

Hr. Wohanka: »Ach wo!?«

Auftritt der Revisoren

Teil zwei

(Einige Anmerkungen zum Bericht der Revisoren für die Mitgliederversammlung – durch Fr. Maternová, die ihre vorherige Ungeduld damit erklärte, dass sie so viel zu sagen habe.)

»Bürger, Mitglieder der werten Direktion des LUTOBOR,

mir wurde ebenso wie Hrn. Wohanka das Amt des Revisors angetragen, erlauben Sie mir also, auch meine Feststellungen anzumerken. Als Frl. Sporová – jetzt ist das genau ein Jahr her – nach *** kam, quartierte sie sich eben bei mir ein … im Grand. Das allein wäre noch nicht so auffällig, die Saison begann, und nach *** kommen auch diejenigen, deren Ziel nicht direkt die Kurkliniken sind; Frl. Sporová nahm sich jedoch ein Zimmer im Hotel, obwohl sie im Ledigenheim hätte unterkommen können …; zumindest so viel Taktgefühl hätte ich von jemandem verlangt, der in der Stadt Arbeit sucht und sich dort niederlassen will; und jenes Zimmer (schon damals war es die Sieben) hat sie sogar für volle drei Tage angemietet; obwohl das von unserer Schule ausgeschriebene Auswahlverfahren nur einen Vormittag dauerte …«

Hr. Wohanka: »Wir haben sie nur aus Mitleid genommen – in der Begründung ihrer Bewerbung für diese Stelle führte sie ihren Gesundheitszustand an und dass das hiesige Klima günstiger sei …, außerdem gab es keine anderen Bewerber!«

»… Und denken Sie bitteschön (Forts. Fr. Maternová), dass sie dieses Mitleid gezwungen hat, ihr herausforderndes Verhalten zu ändern? Denken Sie, dass eine solche Erfahrung, wie sie sie in den drei Tagen ihres Aufenthaltes in unserem Hotel gemacht hat – ich hätte mir gewünscht, die Reaktionen der Kollegen vom Personal zu sehen! – sie dazu gebracht hätte, über ihre Kleidung nachzudenken? Wie sie immer nur ihre Ausgezehrtheit betont hat, wie ostentativ sie zu uns …«

Hr. Čerych: »Zur Sache bitte! Hat er es mit ihr gemacht oder nicht?«

»… Ich habe doch (Forts. Fr. Maternová) gesagt in der Sieben, doch das passierte erst Ende Herbst, bis dahin …«

Hr. Čerych: »Mich interessieren der Tatbestand, die Schlussfolgerungen, das Übrige klärt sich von selbst …«

Dr. Krsek: »Hr. Čerych ist, denke ich, auf der richtigen Fährte, wenn man einige Lappalien ausklammert, ich weiß doch auch nicht, wie es passieren konnte, wenn auch zeitweilig, dass ich die Sporová dem Hrn. ehemaligen Apotheker eigentlich in die Arme getrieben habe. Ich habe mich ihr gegenüber zwar von Anfang an in kühler Zurückhaltung geübt, und trotzdem habe ich ihr mit meinen Rezepten fast offizielle Begegnungen mit Dolus ermöglicht!«

»… Wenn die Herren dieser Überzeugung sind (Forts. Fr. Maternová), kam es also Ende des letzten Herbstes dazu, am Tage der Reprise unserer siegreichen Inszenierung des Dramas ›Prinzessin Löwenzahn‹ (im Weiteren nur PL). Damals, ich glaube, am 12. Oktober, ja, am 12. …, fand die erste Aufführung der PL nach unserem Erfolg beim Bezirksfestival hier vor Ort statt. Wie üblich haben wir beschlossen, für die Teilnehmer der Reprise des bewährten Hlasatel, ein Bulletin mit den neuesten Nachrichten und interessanten Aspekten aus der laufenden Vorstellung, herauszugeben …, ich denke, die Zeitung erschien viermal, und die Nummer vier mit dem Untertitel Merenda beinhaltete auch die Bedingungen des Wettbewerbs um das gelungenste Lied für den Abschluss des Abends, denn nach der PL stand eine gemeinsame Party auf dem Programm …«

Hr. Čerych: »Zur Sache bitte!«

»Fr. Sporová (Forts. Fr. Maternová) wurde für die Zwecke des Hlasatel als Schreibkraft bestellt, und weil das Zimmer sieben dem großen Saal am nächsten liegt …, vom Gang des Unterkunftstraktes ist es gerade von Zimmer sieben aus der kürzeste Weg zu den Garderoben und zum Podium – den Ausschussmitgliedern der Direktion zur Herausgabe des Hlasatel steht dort somit ihr Exekutivorgan am schnellsten zur Verfügung –, es vervielfältigt hier jedes Jahr seinen Hlasatel. … Der ehemalige Apotheker Hr. Dolus hat noch voriges Jahr in der PL den hispanischen König verkörpert. Der letzte Auftritt des hispanischen Königs, wo es heißt …«

Hr. Čerych: »Zur Sache!«

»… und von diesem Bild (Forts. Fr. Maternová) blieb Hrn. Dolus bis zum Schlussakt noch recht viel Zeit, die er auch nutzte – für einen Besuch bei Frl. Sporová …«

Hr. Wohanka: »In Zukunft sollte man darauf achten, dass die Schreibkräfte ausgelastet sind, wenn das Drama gipfelt!«

»… was er getan hat (Forts. Fr. Maternová), wie ich eigentlich zufällig festgestellt habe. In dem Moment, in dem der Nordwind in die Hütte dringt und die arme Prinzessin wegbläst, pfeift der Nordwind, und ich rufe: Das ist kein Wind, Mama, da singt jemand, da singt jemand über mich …«

Hr. Čerych: »Ich bitte Sie!«

»… ich wollte einfach (Forts. Fr. Maternová) die Verbeugungszeremonie am Ende schaffen, und dabei musste ich – mal um die Ecke, wobei mir nicht entgangen ist, dass der Schlüssel von Zimmer sieben von außen nicht steckt – das Personal ist nämlich angewiesen, bei der Zimmerreinigung oder bei anderen Arbeiten darauf zu achten, dass der Schlüssel zur Verfügung steht –, ich bin also hellhörig geworden …«

Hr. Čerych: »Mich interessiert der Tatbestand!«

»… nun, aus der Art konnte man schließen« (längere Pause und Belebung), »dass sie das nicht das erste Mal zusammen gemacht haben …« (Forts. Fr. Maternová).

Dr. Krsek: »Und warum haben Sie so etwas Schwerwiegendes nicht sofort gemeldet?«

»… ich habe in der Illusion gelebt, dass der ehemalige Apotheker Dolus scherzt – zwar unpassend, sicher unwürdig, aber doch, dass er scherzt …, er hatte doch eine bedeutende Stelle …«

Dr. Krsek: »… vielleicht habe ich mich etwas barsch ausgedrückt, doch Ihre Erklärung, Fr. Maternová, hat mich kurz gesagt …«

Hr. Wohanka: »Ach, er hat vor uns mit außerordentlicher Meisterschaft seinen wahren Charakter verheimlicht, er hat den Gipfel der Scheinheiligkeit erreicht …, trotzdem ist es ihm nicht gelungen …«

Hr. Čerych: »Nein, das ist ihm nicht gelungen!«

»… und es ist mehr als wahrscheinlich (Forts. Fr. Maternová), dass es ihm auch in Zukunft nicht gelingen wird. Meine Herren, ich bin überzeugt – und damit will ich meine Überlegungen abschließen –, dass gerade dies ein mildernder Umstand ist, den wir berücksichtigen sollten, wenn wir dann die Strafe bemessen. Der Alte tut mir nämlich etwas leid, er war ein außerordentlich guter Spirituosenkenner. Ich hoffe, dass darauf Rücksicht genommen wird.«

(Bedeutungsvolle Stille. Ohne Fragen.)

Dr. Krsek: »Nun, Bürger, Mitglieder der geschätzten Direktion, ich habe das Gefühl, dass wir ein Stück vorangekommen sind. Ihre Aufgabe, Hr. Čerych, wird nach diesen inhaltsschweren Feststellungen wahrlich nicht leicht sein.«

Hr. Čerych: »Ich vergegenwärtige mir dies sehr gravierend, und ich bitte somit um ein kleines Entgegenkommen, dass ich sozusagen den angedachten Vermerk systematisiere. Dieser findet sich nämlich – im Lichte der Aussagen von Fr. Maternová – in neuen, sehr gravierenden Beziehungen wieder …, und so möchte ich nur ungern etwas überstürzen. Für den Moment, der mir dafür unentbehrlich erscheint, würde ich mir erlauben, ein lustiges Detail zum Besten zu geben.«

Hr. Čerych belehrt die Anwesenden über die Ausführung eines Tricks mit fünf Streichhölzern, und während der Rest der Direktion versucht, der Sache auf den Grund zu gehen – sie lachten, bis sie schwitzten –, durchdachte Hr. Čerych erneut alle möglichen Eventualitäten seines Verdachts.

Auftritt der Revisoren

Dritter Teil nach

(Einige Anmerkungen zum Bericht der Revisoren für die Mitgliederversammlung – durch Hrn. Čerych, der sich nach Ablauf der gewünschten Frist an die p. t. tagenden Mitglieder wandte.)

»Sie wissen, dass ich mit dem ehemaligen Apotheker Dolus nicht sonderlich freundschaftlich ausgekommen bin. Kontakte außerhalb des Vereins gab es praktisch nicht, trotzdem musste auch der ehemalige Apotheker manchmal den Behandlungsraum meiner Einheit bestücken, und so kam es vor, dass wir hier und da völlig informell ein paar Worte wechselten. Seinerzeit – etwa drei bis vier Wochen nach der Reprise, von der Fr. Maternová hier gesprochen hat – beschwerte sich Herr Dolus, dass sein Beruf beschwerlicher sei, als sich das manche dachten, da ein Mensch, der nicht völlig herzlos ist und dem es zu passe kommt, in einer so kleinen Stadt, wie es *** ist, eine Apotheke zu leiten, wo jeder jeden kennt …, oft gezwungen sei, auch denjenigen Patienten Medikamente anzufertigen oder auszugeben, mit denen er täglich freundliche Grüße wechsele und deren Krankheiten so geartet seien, dass kein Medikament diese stoppen könne; verstehen Sie, am besten sind die dran, die noch an Aspirin und ein Klistier glauben, seien es ganz einfache Leute oder medizinische Kapazitäten vor Ort …«

Dr. Krsek: »Das hat er gesagt? Ach, diese Dreistigkeit, so eine Dreistigkeit, und dabei hat er sich nicht geschämt, mich zu bitten … auf der Grundlage meines Rezepts für die Sporová, ihm zu erzählen, ob es wirklich so ernst um sie stehe!«

»… doch wir (Forts. Hr. Čerych), wer sind wir, um es mal so zu sagen, dabei, wir können den Betreffenden eigentlich ab einem gewissen Punkt anzählen