Die Wahrheit hinter der Wahrheit - Yitzhak Goldfine - ebook

Die Wahrheit hinter der Wahrheit ebook

Yitzhak Goldfine

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Opis

Ein Strafverteidiger packt aus: die literarische Revision der größten Fälle seines Lebens. Der bekannte Anwalt Dr. Yitzhak Goldfine verteidigte über 300 Mandanten, darunter viele bekannte Persönlichkeiten. Zusammen mit Peter Mathews nimmt er seine spektakulärsten Prozesse wieder auf: die Verteidigung des "Kremlfliegers" Mathias Rust, der auf eine junge Frau einstach, oder des "Baulöwen" Dr. Utz Jürgen Schneider, der noch Millionen versteckt haben soll. Goldfine und Mathews berichten, was es wirklich mit dem Attentat auf Yitzhak Rabin, dem "Judenretter" Reszö Kasztner, dem "Andenmord" und den Verstrickungen orthodoxer Juden in Drogengeschäfte auf sich hatte. Sie enthüllen Die Wahrheit hinter der Wahrheit kleiner und großer Skandale.

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1. eBook-Ausgabe 2016

© 2016 Europa Verlag GmbH & Co. KG,

Berlin · München · Zürich · Wien

Umschlaggestaltung: © HildenDesign, München. www.hildendesign.de

Umschlagmotiv: © HildenDesign unter Verwendung eines Motivs von shutterstock.com und eines Fotos von © Cyril Schirmbeck

Redaktion: Rüdiger Dammann

Layout und Satz: BuchHaus Robert Gigler, München

Konvertierung: Brockhaus/Commission

ePub-ISBN: 978-3-95890-121-6

ePDF-ISBN: 978-3-95890-122-3

Das eBook einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Der Nutzer verpflichtet sich, die Urheberrechte anzuerkennen und einzuhalten.

Alle Rechte vorbehalten.

www.europa-verlag.com

INHALT

VORSPIEL

DER PERFEKTE IRRTUM

Wie ein Mörder seinen Prozess plante, mit mir als Anwalt

DER VERRATENE VERRÄTER

Prozess und Ermordung des Judenretters Rudolf Kasztner

PROPELLER IM KOPF

Von Wahrheitsdrogen, die den Kremlflieger Mathias Rust kirre machten, und ihrer Wirkung auf einen Richter

DIE DRITTE KUGEL

Das Attentat auf Yitzhak Rabin

GEFÄHRLICHE HILFE

Die Motive der Fluchthelferin, die den »Heidemörder« versteckte, und die merkwürdigen Methoden der Hamburger Polizei

BUENA VISTA MONEY CLUB

Der »Baulöwe« Dr. Utz Jürgen Schneider und seine Freunde in Bonn und Havanna

MISCHPOKE AUF BAYRISCH

»Andenmord« oder: Vor dem Gesetz sind alle gleich, es sei denn, man kennt den Richter

AMNESIE

Wenn die Wahrheit Hilfe braucht

TOHUWABOHU

Die Weltverschwörung oder: Ein seltsamer Anwalt

PIDYON SHVUYIM – GEFANGENENBEFREIUNG

Die Ya-ku-za hält Wort, und die Frommen waschen Geld

KAPÓRE

Die vergiftete Erbschaft

NACHSPIEL

Chaim – LebenWovon dieses Buch nicht erzählt

YITZHAK GOLDFINE SEIN …

VORSPIEL

Shalom, mein Name ist Yitzhak Goldfine. Ich bin Strafverteidiger. Man kommt zu mir, wenn alles verloren scheint. Meine Mandanten sind oft in einer ausweglosen Lage, manchmal unverschuldet, meistens durch eigenes Tun. Alle wollen, dass ich ihnen helfe. Ganz gleich, wie. Ihnen geht es nicht um die Wahrheit, denn die hat viele Gesichter und gute Verstecke. Sie wollen einen Freispruch, ein mildes Urteil oder die Lösung ihres Problems. Das »Wie« interessiert sie in der Regel nicht. Das ist meine Aufgabe. Und von dem »Wie« werde ich erzählen.

Recht und Gerechtigkeit haben oft nichts miteinander zu tun. Unser Rechtssystem ist häufig überfordert, Recht zu sprechen und gleichzeitig für Gerechtigkeit zu sorgen. Auch zwischen gut und böse verläuft oft nur ein schmaler Grat. Manchmal wird aus einer guten Absicht eine Straftat, manchmal ist ein Gesetzesverstoß der letzte Ausweg, um größeres Unrecht zu verhindern. Das Recht auf Widerstand gegen eine ihrer Meinung nach ignorante Psychiatrie nahm zum Beispiel Tamar S. in Anspruch, als sie einem Mörder zur Flucht verhalf. Letztlich wurde im Prozess aus der Angeklagten eine Anklägerin.

Den meisten Verbrechen liegt die Sucht nach Geld, Macht oder Sex zugrunde, das habe ich in meiner Arbeit sehr bald erfahren müssen – und das »weiß« auch die öffentliche Meinung. Tatsächlich wurden viele Fälle durch Vor-Urteile schwierig. Vor allem bei prominenten Angeklagten glaubten die Öffentlichkeit und die Medien oftmals bereits vor Abschluss der Beweisaufnahme zu wissen, was passiert war und wie das Urteil zu lauten hätte. Ich habe die sogenannte »vierte Gewalt« wenn nötig in meine Prozessstrategien einbezogen und bin dafür gelegentlich kritisiert worden.

Der Fall Rudolf Kasztner, in dem aus dem Zeugen in einem Beleidigungsprozess ein Angeklagter wurde, der, als er »auspacken« wollte, ermordet wurde, war zu Beginn meiner Berufslaufbahn das Schlüsselerlebnis. Wie dieser Prozess auch bestimmend war für Fragen, die mich mein Leben lang nicht nur als Jurist beschäftigt haben: Wie ist es um das Verhältnis von Deutschen und Juden bestellt? Was hat es mit dem »Bösen« auf sich? Und trifft es zu, dass manche Taten nur in einem historischen und politischen Zusammenhang richtig zu beurteilen sind?

Ich bin seit fast fünfzig Jahren im »Geschäft«, und in meinem Archiv liegen die Akten von über 300 Strafverfahren aus aller Welt. Einige Namen meiner Mandanten werden Ihnen bekannt vorkommen, die Presse berichtete über viele meiner Fälle. Aber die Akten sind immer nur ein Teil des Geschehens, die Urteile nur das Ergebnis. Der andere – und oft interessantere – Teil der Geschichten ist die Wahrheit hinter der Wahrheit. Ich erzähle, wie ich in meinen Fällen zur Lösung des Problems gekommen bin. Viele Wege führen bekanntlich nach Rom, und meine Erfahrung sagt, auch Umwege führen manchmal ans Ziel. Die Aufklärung eines Mordes in Hamburg liegt manchmal in Moskau, manchmal in Las Vegas oder nur einen halben Meter neben dem Fundort der Leiche entfernt. Oft findet man die Lösung auch nicht vor Gericht, sondern in der Geschichte.

Ich will erzählen, auf welche Weise ich eine Reihe meiner Fälle gelöst habe, und dabei nicht mit komplizierten Erläuterungen von Rechtspositionen langweilen, das ist nicht meine Sache. Ich habe Standardwerke über das jüdische und israelische Recht verfasst, aber mein beruflicher Ehrgeiz besteht nicht darin, spitzfindig zu sein. Meine Sache ist, den Haken zu finden, mit dem man den Fisch an die Angel, den Angeklagten aus dem Gefängnis, den Betrogenen wieder zu seinem Hab und Gut bringt.

Ich habe mich nie nur auf die Aktenlage und auf Paragraphen verlassen, sondern bin oft lange und mühsame Wege gegangen, um die Wahrheit zu finden. Die Besichtigung eines Tatorts und ein Zentimetermaß können manchmal mehr wert sein als ein Kreuzverhör, ein übersehenes Detail in einem Lebenslauf eher der Schlüssel zur Lösung einer ausweglosen Situation als eine juristische Auslegung.

Einem Anwalt geht es um die Interessen der Mandanten, denen er mit juristischer Kunst zum Sieg verhelfen soll, Recht und Gesetz sind nur die Verkehrsordnung im Dschungel des Lebens. Fakten sind die Bau- oder Stolpersteine auf dem Weg zum Ziel. Oft sind es die Kleinigkeiten, die bei der Suche nach der Wahrheit vor Gericht über Freispruch oder Lebenslänglich entscheiden, indem sie den Hintergrund dieser Wahrheit auszuleuchten helfen.

Zu solcher »Wahrheit hinter der Wahrheit« gehört auch, dass die in diesem Buch geschilderten Fälle zwar alle wahr sind, aber nicht alles, was auf den folgenden Seiten steht, auch genau so passiert ist. Was man sich als Jurist nicht erlauben kann, nämlich Dinge ausschmücken, darf ein Autor sehr wohl, manchmal muss er es tun. Dafür gibt es den schönen Begriff der »dichterischen Freiheit«. Es geht in den von mir geschilderten Fällen um das Beispiel, das Exemplarische. Im jüdischen Recht kennt man diese Methode als »Schot«. Es sind Fragen und Antworten zu Rechtsfragen, die seit dem 13. Jahrhundert gesammelt und als Beispiele herangezogen werden.

Wo es nötig war, habe ich Namen und Orte geändert, in den Fällen, wo es um Personen und Fälle der Zeitgeschichte geht, so genau wie möglich geschildert. Auf Anmerkungen und Nachweise habe ich aus Gründen der Lesbarkeit weitestgehend verzichtet.

Die Fälle und Prozesse, von denen in diesem Buch in der ersten Person Einzahl die Rede ist, habe ich selbst erlebt und geführt. Aufgeschrieben und zu Geschichten gemacht hat sie Peter Mathews, er ist der Autor hinter dem Anwalt.

Berlin, im September 2016

Yitzhak Goldfine

DER PERFEKTE IRRTUM

Wie ein Mörder seinen Prozess plante, mit mir als Anwalt

Sie kamen nach Mitternacht mit einem Schlauchboot von Norden über die Grenze. An den Booten und dem Radar der israelischen Küstenwache hatten sie sich vorbeigeschlichen. Vier junge Männer in Kampfanzügen brachten den Tod in die kleine Stadt Naharija im Norden Israels.

Sie waren mit Maschinenpistolen und Handgranaten bewaffnet. Ihr Ziel waren die Bewohner des Ortes, die nach ihrer Auffassung illegal auf palästinensischem Gebiet siedelten und deshalb ihre Feinde waren. Als sie in das Hochhaus in der Jabostinskistraße 61 eindringen wollten, entdeckte sie ein Polizist und stellte sich ihnen entgegen. Sie erschossen ihn. Smadar Haran war von dem Lärm aufgewacht und öffnete die Tür ihres Appartements in dem Moment, als die Terroristen das Treppenhaus hinaufstürmten. Auch eine Nachbarin hatte ihre Wohnungstür geöffnet. Die Bewaffneten sahen sie. Frau Haran zog die Nachbarin in ihre Wohnung, schloss die Wohnungstür und rannte zu ihrem Mann ins Schlafzimmer. Der half seiner Frau, seiner kleinen zweijährigen Tochter Jael und der Nachbarin, sich in einem Zwischenboden in der Wohnung zu verstecken. Er selbst nahm die vierjährige Tochter Einat auf den Arm und machte sich auf den Weg zum Luftschutzkeller. Im selben Moment zerbarst die Wohnungstür, und schreiende Männer stürmten die Wohnung. Frau Haran hielt ihrer Tochter den Mund zu, damit ihr Weinen nicht gehört wurde. Sie dachte an ihre Mutter, die ihr vom Warschauer Ghetto erzählt hatte und wie sie sich vor den Nazis versteckte. Die Palästinenser packten Danny, einen 28-jährigen Manager einer Textilfabrik, mitsamt seiner Tochter und zerrten und schubsten die beiden als menschliche Schutzschilde vor sich her.

Inzwischen war das Hauptquartier der israelischen Marine alarmiert. Die Terroristen warfen Handgranaten auf einen Streifenwagen, der daraufhin gegen eine Mauer raste. Die Polizisten flüchteten sich ins Gebüsch. Ein Nachbar feuerte vom Balkon auf einen der Terroristen und erschoss ihn. Die drei verbliebenen Angreifer zerrten Danny und seine Tochter zum Strand und schossen um sich. Der Anführer feuerte auf einen Soldaten und traf ihn mit drei Schüssen. Dann erschoss er Danny Haran und schlug dessen vierjähriger Tochter mit dem Gewehrkolben den Schädel ein. Die Soldaten liquidierten den danebenstehenden Terroristen. Der Kindesmörder ließ seine Waffe fallen und ergab sich mit erhobenen Händen. Er war 17 Jahre alt.

Als man später Smadar Haran, deren Nachbarin und die kleine Jael aus ihrem Versteck befreite, war das zweijährige Kind tot – von der Mutter in Panik erstickt.

Am Tag danach feierte der Führer der »Palästinensischen Befreiungsfront« den Überfall als erfolgreiche »Operation Nasser« – als Protest gegen den von Anwar al-Sadat und Menachem Begin in Camp David geschlossenen ägyptisch-israelischen Friedensvertrag. Der verhaftete Anführer des Terrortrupps, Samir Kuntar, wurde zu viermal lebenslanger Haft verurteilt. Er diente in den folgenden Jahrzehnten als Ziel von zahlreichen Erpressungs- und Befreiungsversuchen, unter anderem forderten die Entführer des italienischen Kreuzfahrtschiffes »Achille Lauro« seine Freilassung. In israelischer Haft studierte Samir an einer Fernuniversität Soziologie, lernte Hebräisch und Englisch. Er galt den Palästinensern als Held des Widerstands. Ein weiterer Versuch, ihn zu befreien, führte zum zweiten Libanonkrieg 2006. Schließlich wurde er 2008 nach 29 Jahren gegen die sterblichen Überreste von zwei israelischen Soldaten ausgetauscht.

Einige Zeit später.

Im Haus der jungen Familie Rosen (Namen geändert) klingelte das Telefon. Leo Rosen, der gerade dabei war, bei seinem Motorroller die Zündkerzen zu wechseln, nahm den Anruf entgegen. Er sagte nicht viel, nur »Ja«, »Wo?« und »Wann?«. Dabei sah er auf seine Armbanduhr. Als er aufgelegt hatte, ging er in die Küche, in der seine Frau den Abwasch machte. »Rachel, sie haben wieder angerufen.«

»Wer?«, fragte sie.

»Die Einheit. Es ist eine Übung angesetzt. Heute.«

»Schon wieder? Ist etwas passiert. Ein Alarm?«

»Nein. Routine. Die wollen nur sehen, wie schnell wir sind.«

»Bald bist du ja mehr bei der Armee als hier.«

»Kann man nichts machen. Die Lage ist ernst.«

»Aber nicht hoffnungslos«, ergänzte sie und lachte.

Leo ging in die Kammer, wo er in einem Schrank seinen Rucksack und die Uzi, die Maschinenpistole, verwahrte.

»Debbie wird traurig sein, dass du nicht mit ihr zum Schwimmen gehst«, sagte Rachel und sah ihren Mann an, der sich seinen Sachen widmete.

Leo zog seine Uniform an, putzte seine Waffe mit einem Lappen ab und kontrollierte sie.

Rachel hatte schnell etwas Brot mit Hummus zusammengepackt und steckte ihrem Mann den Proviant in die vordere Tasche des Rucksacks. Der junge Reservesoldat schulterte das Gepäck, sah auf die Uhr und sagte: »Ich muss los.«

»Jetzt schon? Es ist doch erst elf.«

»Ich muss nach Negev und bei dem Verkehr …«

»Wann kommst du zurück?«

»Haben die nicht gesagt, aber ich vermute, es dauert mindestens zwei Tage. Wir sollen üben, wie man Geiseln befreit.« Er ging auf sie zu und umschlang sie von hinten.

»Pass auf dich auf.« – »Du auch.«

Er küsste sie auf den Nacken, sie sträubte sich zum Spaß.

Er sagte: »Mach keinen Unsinn.«

»Selber«, sagte sie und: »Melde dich, mein Kämpfer.«

Die Eliteeinheit hatte ihr Hauptquartier in der Negev-Wüste. Als er dort ankam, wusste man von nichts. Keine Übung, keine Blitzattacke, keine Einberufung. Er musste sich geirrt haben. Die nächste Übung wäre genau in zwei Wochen.

»Da hat wohl jemand noch geschlafen, als er am Telefon war«, sagte der Feldwebel und lächelte.

Leo nickte und sagte: »Da habe ich mich wohl geirrt.« Er kratzte sich verlegen den Kopf mit den kurzen Haaren, nahm sein Gepäck auf und fuhr zurück nach Tel Aviv. Dort angekommen, ging er nicht sofort nach Hause, sondern holte einen Freund von der Arbeit ab, um mit ihm, wie in alten Zeiten, eine Strandbar zu besuchen. Dort trafen sie andere Kumpel und alberten herum.

Gegen neun Uhr kam er nach Hause. Seine Frau war überrascht und etwas ungehalten, dass er so unverhofft wieder auftauchte. Er stellte seinen Rucksack und die Waffe vor dem Schrank ab. Sie war gerade dabei, Debbie ins Bett zu bringen. Er gab Frau und Tochter einen Kuss und aß den Rest des Abendbrots, das seine Frau noch nicht weggeräumt hatte.

»Warum hast du nicht angerufen?«, fragte sie ihn.

Er zuckte mit den Schultern. »Habe zufällig noch Rafi getroffen. Weißt doch, wenn der einmal loslegt, dann ist alles zu spät. Sie haben die Übung kurzfristig abgesagt. Ohne Begründung.«

Sie schimpfte, dass man sich noch nicht einmal mehr auf die Armee verlassen könne.

Er sah sich die Nachrichten an. Es schien sich ein Konflikt mit der Hisbollah im Libanon anzubahnen. Leo sah die eigenen Truppen und wehende Hisbollah-Fahnen. An der Grenze hatten sie ein riesiges Plakat mit dem Attentäter von Naharija aufgestellt.

Im Kinderzimmer sang seine Frau leise ein Schlaflied. Als sie nach einer halben Stunde etwas verschlafen ins Wohnzimmer kam, lag er in einem Sessel und sagte: »Die wollen diesen Attentäter von Naharija freipressen. Weißt du, der, der die Familie Haran ermordet hat.«

»Schrecklich«, sagte Rachel und ging in die Küche.

»Wenn ich damals dabei gewesen wäre …«, sagte er und imitierte mit Zeigefinger und Daumen die Umrisse einer Pistole: »Bäng.« Dann pustete er gegen den Zeigefinger, als würde er Rauch wegblasen.

Kurz darauf kam sie mit dem Mülleimer aus der Küche und ging zur Tür.

»Wo willst du hin?«, fragte Leo und sprang auf.

»Den Müll wegbringen«, sagte sie.

»Lass, das mache ich.« Leo nahm ihr den Eimer aus der Hand. Er ging hinaus und nahm die Stufen in den Vorgarten zur Mülltonne. Die Straße war ruhig, die Sonne ging langsam unter.

Dann sahen sie sich gemeinsam einen Film im Fernsehen an und gingen gegen 23 Uhr ins Bett.

Um Mitternacht weckte ein Geräusch Rachel. Leo schlief. Sie wollte aufstehen, aber Leo bemerkte das. »Was ist?«, fragte er.

»Da ist jemand an der Tür.«

Leo horchte und stand langsam auf. An der Haustür steckte Leos Schlüssel von innen. Es hörte sich an, als wollte jemand einbrechen. »Wer ist da?«, fragte Leo laut.

Keine Antwort. Noch einmal: »Wer ist da?«

Wieder keine Antwort. Mit schnellen Schritten lief Leo zu dem Rucksack, nahm die Uzi, stopfte ein Magazin in die Waffe und entsicherte sie. Der Soldat in ihm war wach.

»Wer da? Ich bin bewaffnet!«

Seine Frau rief: »Leo, nicht. Pass auf!«

Die Person vor der Tür schien aufzugeben. Leo hörte Schritte.

»Halt! Stehen bleiben, oder ich schieße«, rief er. In einer flüssigen Bewegung riss er die Tür auf, zielte auf den Schatten vor ihm und drückte ab. Die Uzi spuckte eine Salve aus.

Der Mann auf der Treppe fiel vornüber auf den Gehweg. Er war sofort tot. Rachel bekam einen Nervenzusammenbuch. Sie schrie unaufhörlich. Leo sah, dass er einen Nachbarn erschossen hatte. Es war Olaf, ein Soldat der UN-Friedenstruppe aus Schweden, der betrunken war und sich in der Nacht wohl im Gebäude und in der Tür geirrt hatte. Ein tödlicher Irrtum.

Ich hatte erst vor Kurzem meine Kanzlei eröffnet und bisher nur Mandanten in unbedeutenden Fällen verteidigt. Ich schrieb Abmahnungen für säumige Zahler und stritt mit Versicherungen über Autounfälle. Anwaltsalltag. Da kam der Anruf von Leos Vater wie gerufen. Er war sehr aufgeregt, und sein erster Satz lautete: »Mein Sohn hat jemanden erschossen.« Der zweite Satz: »Wir brauchen Hilfe.«

Wenn man in Israel mit dem Gesetz in Konflikt gerät, ist das eine Angelegenheit der Familie. Die Familie beratschlagt, Verwandte, Bekannte, Freunde und auch der Rabbi werden befragt, wer am besten helfen kann.

Deshalb fragte ich ihn: »Wie sind Sie auf mich gekommen?«

»Ach! Ich habe einen guten Bekannten, der kennt einen Professor an der Universität (es folgte, wie in solchen Fällen üblich, eine Ahnen- und Bekanntenkette vom heutigen Isaak zum biblischen Isaak), und der hat gesagt, nimm jemand mit internationaler Erfahrung. – Sie sind doch im Ausland gewesen? – Nimm den Goldfine, der ist jung und hungrig, … äh … klug, hat er gesagt.«

»Schmonzes«, sagte ich, war aber froh über das Mandat und fragte nach den Daten des Inhaftierten.

Am nächsten Tag saß ich Leo im Untersuchungsgefängnis gegenüber. Er erzählte mir die Geschichte so, wie ich sie aufgeschrieben habe. Der Staatsanwalt jedoch war von dieser Version nicht überzeugt. Weil der Fall durch den getöteten Blauhelm-Soldaten von internationalem Interesse war, erhob er Anklage wegen Mordes. Begründung: Das Opfer sei erkennbar unbewaffnet gewesen – der Mann trug ein Sommerhemd, Shorts und Sandalen. Außerdem hätte er ihm aus nächster Nähe nicht etwa ins Bein, sondern mit einer ganzen Salve in den Rücken geschossen. Und das, obwohl sich der vermeintliche Eindringling erkennbar von der Tür wegbewegt habe. Damit sei es keine Notwehr gewesen.

Offensichtlich schien mein erster Fall weder für mich noch für meinen Mandanten ein gutes Ende zu nehmen.

»Aber«, sagte Leo verzweifelt, »was wäre denn, wenn es tatsächlich ein Terrorist gewesen wäre? Hätte ich die Tür öffnen und zusehen sollen, wie er meine Frau und mein Kind abschlachtet?«

Die Diskussion um die Freilassung des Naharija-Terroristen war allgegenwärtig. Das brachte mich auf die Idee für die Verteidigung. Zum einen plädierte ich auf einen sogenannten »Tatbestandsirrtum«: Mein Mandant hatte sich ganz einfach in der Einschätzung der Gefahrenlage geirrt. Er dachte, vor der Tür würde ein Terrorist stehen, zumal das Opfer auch keine Anstalten gemacht hatte, sich zu erkennen zu geben. Seine Angst war nicht aus der Luft gegriffen bei den vielen Terroranschlägen und der allgemeinen Nervosität im Land. Zum zweiten konstruierte ich den Umstand der »Nachbarschafts-Notwehr«, eine Art erweiterte Notwehr, wie sie im Fall der Familie Haran notwendig gewesen war: Ich malte dem Gericht eine Szene aus, in der ein Soldat, der ja ausgebildet wird, sein Land gegen Angriffe von außen zu beschützen, dies nicht im eigenen Heim verleugnen kann. Einmal Soldat, immer Soldat. Die Familie ist die Urzelle der Gesellschaft, ihr gilt der Schutz des Staates. Die Armee muss diese Werte verteidigen.

Der Staatsanwalt sagte, meine Argumentation sei an den Haaren herbeigezogen. Er warnte davor, dass mit diesem Argument von nun an jeder seinen Nachbarn erschießen könne. Dagegen bemühte ich das römische Recht in Sachen Notwehr und Irrtum und sagte, dass hier kein Notwehrexzess vorliegen würde.

Der Richter folgte meinen Ausführungen und sprach den Angeklagten frei. Leo quittierte das mit einem Lächeln. Seine Frau zeigte keine Freude. Die Staatsanwaltschaft ging in Revision, und auch in der Berufungsverhandlung entschieden sich zwei der drei Richter für meine Auffassung. Leo nahm das Urteil überraschend teilnahmslos hin. Seine Frau Rachel erschien im Revisionsprozess erst gar nicht mehr.

Ich hatte meinen ersten Strafprozess gewonnen und feierte innerlich meinen Sieg.

Zwei Jahre später war ich wieder einmal in dem Ort, um einen befreundeten Kollegen zu besuchen. Sein Mandantengespräch zog sich hin, und so betrat ich ein Caféhaus, um Zeitung zu lesen, einen Tee zu trinken und meinen Gedanken nachzuhängen.

Ein Mann an der Bar beobachtete mich. Er sah etwas heruntergekommen aus, sein Hemd und seine Schuhe waren schmutzig, er war schlecht rasiert. Schließlich kam er zu mir an den Tisch. »Sind Sie der Strafverteidiger Dr. Goldfine?« Noch während er sprach, setzte er sich zu mir und bestellte ein Bier. Ich vermutete, gleich würde er mich fragen, ob ich ihm in einer heiklen Sache behilflich sein könne. Aber es kam anders.

»Soll ich ihnen etwas zu Leo Rosen erzählen?«, fragte er.

Ich nickte. »Der Freispruch wurde auch in der zweiten Instanz bestätigt.«

Der Mann zeigte seine Zahnlücken und winkte ab. »Urteil – Schmurteil. Nichts wert. Sie haben einem Mörder geholfen«, sagte er.

Ich verstand nicht. »Was meinen Sie?«

»Sie haben bei dem Fall etwas übersehen. Wussten Sie denn, wer das Opfer war?«

»Ja, ein schwedischer UN-Soldat.«

»Das auch. Aber vor allem war er der Geliebte von Rachel. Das war im ganzen Haus bekannt. Ich wohne im Erdgeschoss, da bleibt nichts ungesehen. Alle wussten es. Irgendwann hat auch Leo es gewusst. Ich ahnte, dass er sich das nicht gefallen lassen würde. Rachel verlassen, das ging nicht. Da hätte sein Vater ihm die Hölle heißgemacht. Er hat sich also was ausgedacht. Es gab gar keine Reserveübung. Leo wusste, dass sich seine Frau mit ihrem Geliebten trifft, sobald er außer Haus ist. Er hat alles geplant. Und sie sind darauf reingefallen. Leo hat ihn fertiggemacht.«

Der Mann trank sein Bier aus, stand auf und sagte dann noch: »Mit Ihrer Hilfe.« Er ging, ohne zu zahlen. Ich habe ihn nie wiedergesehen.

Ich kam mir vor wie der letzte Idiot. Ich hatte geholfen, einen Mord zu vertuschen. Leo hatte alles geplant. Selbst meine Verteidigung.

Ne bis in idem. (Niemand darf wegen derselben Sache zweimal vor Gericht gestellt werden.)

An einem Samstag im Dezember 2015 flogen zwei Kampfjets über den Vorort Dscharamana in Damaskus. Die Piloten feuerten vier Raketen auf ein sechsstöckiges Wohnhaus. Kurze Zeit später meldete die Hisbollah, dass Samir Kuntar bei dem Angriff getötet worden sei, er sei als »Märtyrer« gestorben.

DER VERRATENE VERRÄTER

Prozess und Ermordung des Judenretters Rudolf Kasztner

Einen Prozess gewinnen und die Unschuld verlieren, das musste mir erst einmal einer nachmachen. Es war eine für mich als junger Strafverteidiger sehr eindrückliche Lektion in Sachen Demut. Sie half mir später dabei, das richtige Maß in der Parteinahme für meine Mandanten zu finden. Und das ist alles andere als leicht. Denn das Verhältnis zu meinen Mandanten und mein Engagement für sie dürfen sich nicht allein an meinen persönlichen Moralvorstellungen ausrichten. Jeder Angeklagte, ob schuldig oder unschuldig, hat ein Recht auf die bestmögliche Verteidigung. Insofern habe ich mir im Fall Leo Rosen in professioneller Hinsicht nichts vorzuwerfen. Es ist das Getäuscht- und Ausgenutztwerden, das einem den Anwaltsalltag manchmal verleidet und womit man umzugehen lernen muss – ebenso wie mit den »Nebengeräuschen«, die im Gerichtssaal nicht selten zur Hauptsache werden.

Diese Erkenntnis hatte ich schon während meines Studiums in einem der wichtigsten Prozesse Israels gewonnen. In vielen Fällen – das sollte ich selbst später immer wieder erfahren – ist das zur Verhandlung stehende Geschehen geradezu nachrangig und die »unabhängige« Justiz zahlreichen Einflussquellen ausgesetzt, die oftmals mehr Gewicht haben als alle im Verfahren vorgelegten Beweise und vorgetragenen Argumente. Das gilt, bedingt durch die jüdische Geschichte, in Israel vielleicht in besonderer Weise, da hier der Grat zwischen Opfern und Tätern stets extrem schmal ist. Geradezu exemplarisch deutlich wurde solches Oszillieren im Kriminalfall Nr. 124/53 vor dem Landgericht in Jerusalem. Laut Anklage ging es um Verleumdung, im Prozess um den Verrat an Juden durch Juden und danach um einen Mord. Und um Staatsverrat, um den Verrat eines Bürgers durch seine Regierung. Am Ende wusste niemand mehr so recht, wie alles begonnen und worüber man ursprünglich zu Gericht gesessen hatte.

Viele meiner Landsleute fühlten eine tief eingegrabene Schmach, den Holocaust überlebt zu haben. Eine Schuld, die niemand, der nicht dabei gewesen war, verstehen konnte. Ganz eindringlich deutlich wurde dies in dem Fall Rudolf Kasztner gegen Malchiel Grünwald.

Ich erinnere mich noch genau an den Prozess, den ich als ersten meiner Studienzeit im Landgericht von Jerusalem beobachtet habe. Ich war 18 Jahre alt und Student der Rechtswissenschaften. Mich hatten schon in meiner Schulzeit alle einigermaßen aufregenden Fälle interessiert, und ich dachte mir, es ist besser, die Arbeit der Richter, Staatsanwälte und Verteidiger im Gerichtsaal zu beobachten, als staubige Paragraphen zu studieren. Der Kriminalfall Nr. 124/53 hatte schon vor Eröffnung für großes Aufsehen gesorgt, weil es nicht bloß um persönliche Animositäten, sondern um jüdische Geschichte ging.

Der Prozess begann am 1. Januar 1954, angeklagt war Malchiel Grünwald, ein in den 1930er-Jahren aus Ungarn nach Palästina eingewanderter Jude von 72 Jahren. Er betrieb in Jerusalem ein kleines Hotel und schrieb aus Überzeugung, zu seinem Vergnügen oder aus Wut Pamphlete über Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens. Er war Mitglied der orthodoxen Mizrachi-Partei, und das Ziel seiner Bösartigkeiten waren meist die Politik oder Personen der sozialdemokratischen Mapai, die später zur Arbeiterpartei wurde. Sein »17. Brief an meine Freunde in der Mizrachi«, den er wie damals üblich an die steinernen Mauern in Jerusalem als Wandzeitung geklebt hatte, las sich wie ein Schrei:

»Meine lieben Freunde! Kadavergestank füllt meine Nasenlöcher! Das wird das erlesenste Begräbnis! Dr. Rudolf Kasztner muss liquidiert werden! Seit drei Jahren warte ich auf den Augenblick, wo ich diesen Karrieremacher, der an Hitlers Plünderungen und Morden reich wurde, entlarven kann. Wegen seiner kriminellen Machenschaften und Kollaborationen mit den Nazis betrachte ich ihn als Mitverantwortlichen für den Mord an unseren geliebten Brüdern.«1

Er beschuldigte Kasztner, während der Naziherrschaft als Judenrat in Budapest zwar seine Verwandten und jetzigen Mitglieder der Mapai vor Auschwitz gerettet, dafür aber Hunderttausende andere verraten und noch daran verdient zu haben.

Eigentlich hatte niemand diese lächerliche Schmähschrift richtig wahrgenommen, aber Rezsö oder Rudolf, wie er sich nach seiner Immigration nannte, Jud Kasztner war im Sommer 1952 Regierungssprecher im Handels- und Industrieministerium sowie Direktor für ungarische Sendungen des staatlichen Radiosenders Kol Jisrael, also eine staatliche Autorität. Außerdem hatte er für die Mapai bei den letzten Wahlen für den Knesset kandidiert und war nur knapp unterlegen. Kasztner selbst, der von 1941 bis 1945 in Budapest das »Komitee für Hilfe und Rettung« geleitet hatte, hätte eine öffentliche Auseinandersetzung mit dem Querulanten Grünwald wohl gern vermieden, aber der aus Deutschland stammende Generalstaatsanwalt Chaim Cohn sah in dem Pamphlet eine Schmähung des Staates Israel. Er drängte seinen Parteifreund, sich zu wehren, und erhob Anklage gegen Grünwald wegen krimineller Ehrverletzung. Diese Anklage war von Beginn an aus politischer Sicht ein Riesenfehler. Ich weiß bis heute nicht, warum einem so erfahrenen Juristen wie Chaim Cohn so etwas passieren konnte. Später machte Cohn gleichwohl Karriere und wurde Vizepräsident des obersten israelischen Gerichts.

Obwohl ein schnelles Urteil zu erwarten war, alles sprach für Kasztner, nahm ich als Besucher an dem Prozess teil. Ich dachte mir, die Sache könnte aus politischen Gründen spannend werden, denn mit den Beteiligten standen sich ausgewiesene politische Gegner gegenüber. Der Angeklagte stand für die rechte nationalistische, jüdisch-orthodoxe Bewegung, die von der zionistischen Cherut-Partei von Menachem Begin angeführt und von Intellektuellen wie Hannah Arendt oder Albert Einstein in der New York Times als »revisionistisch und faschistisch« bezeichnet wurde. Die anklagende Staatsanwaltschaft hingegen repräsentierte die säkulare und antireligiöse Mapai-Regierung, also die Zionisten unter Ben-Gurion.

Der Vorsitzende Richter am Landgericht in Jerusalem hieß Benjamin Halevi, war etwa vierzig Jahre alt und in Deutschland geboren. Er war bekannt für seine harten Urteile. Nur wenige Monate zuvor hatte er als Militärrichter einige junge Rechtsradikale wegen Terrorismus verurteilt, woraufhin ihn die Rechte beschuldigte, sich bei Ministerpräsident Ben-Gurion einschmeicheln zu wollen, um als Richter an das Oberste Gericht berufen zu werden.

Grünwalds Verteidiger war Shmuel Katzenelson. Katzenelson hatte lange vor meiner Zeit ebenfalls an der Law School der Hebräischen Universität studiert und war als stellvertretender Kommandeur der Irgun Tzwai Le’umi, einer militärischen Untergrundorganisation unter der Leitung von Menachem Begin, tätig gewesen, die mit terroristischen Aktionen gegen die Palästinenser und für die Unabhängigkeit Israels gekämpft hatte. Dort hatte er den Kampfnamen »Tamir« bekommen, den er 1952 zu seinem Hauptnamen machte. 1942 war er von den Briten verhaftet und später nach Kenia ins Exil geschickt worden. Nach der Unabhängigkeitserklärung 1948 war er nach Israel zurückgekehrt und arbeitete seitdem als Anwalt Shmuel Tamir. Er war politisch aktiv, wurde später Mitglied der Knesset und amtierte 1977 im Kabinett seines ehemaligen Mitstreiters Menachem Begin als Justizminister.

Dieser Tamir wurde aufgrund seiner Prozessstrategie zur wichtigsten Figur in diesem Prozess. Und das Verfahren sollte den jungen Staat Israel in seinen Grundfesten erschüttern.

Ich saß jeden Tag auf einer der langen Holzbänke in der Burg, wie ich das Gericht wegen seiner Architektur nannte, und hörte Kasztners Erklärungen zu. Er redete drei Tage lang. Natürlich hatte ich vom Holocaust gehört, schließlich war die in Weißrussland verbliebene Familie meines Vaters umgebracht worden. Aber obwohl täglich immer noch weitere Überlebende ins Land kamen, wurde über die jüngere Vergangenheit bis zu diesem Prozess weitgehend geschwiegen. Man sprach nicht darüber.

Was Kasztner nun aber von den Nazis und vom Holocaust erzählte, war zu diesem Zeitpunkt nicht nur mir unbekannt, sondern der ganzen Welt. Er berichtete, wie er versucht hatte, in Verhandlungen mit Adolf Eichmann und anderen, möglichst viele ungarische Juden vor Auschwitz zu retten. Dem Judenrat war von Eichmann im Auftrag Heinrich Himmlers das Angebot gemacht worden, eine Million Juden ausreisen zu lassen, wenn im Gegenzug 10000 Lkws geliefert würden. Die Bezeichnung »Blut für Lkws« brachte die Aktion auf den Begriff. Joël Brand, auch ein Mitglied des sogenannten »Judenrats«, war von Eichmann am 8. Mai 1944 »mit Zustimmung der höchsten Stellen« folgendes Angebot gemacht worden: »Was ich gern bekäme, das wären Lastkraftwagen. Sie wollen eine Million Juden haben? … Ich mache Ihnen ein kulantes Angebot: Sie liefern mir ein Lastauto für hundert Juden … Das macht in summa 10000 Lastwagen … Sie müssen für Winterbetrieb geeignet sein.«2

Brand reiste daraufhin mit einer von Eichmann angeforderten deutschen Kuriermaschine nach Konstantinopel, um mit der Jewish Agency, die in Istanbul ein Büro unterhielt, sowie mit den Briten und Amerikanern über das Angebot zu verhandeln. Allerdings traf er dort – so seine spätere Klage – keinen Verantwortlichen an. Zwar konnte er im Hotel »Pera Palace« den anwesenden Flüchtlingen von der drohenden Vernichtung der ungarischen Juden berichten, aber die politisch und organisatorisch führenden Kräfte der Organisation waren nicht vor Ort. Also hetzte er nach Syrien weiter, wurde dann jedoch in Aleppo von den Briten als Spion verhaftet und in Kairo drei Monate lang verhört.

Kasztner versuchte währenddessen, Eichmann hinzuhalten. Tatsächlich gelang es ihm, gegen Bestechung und Bezahlung 1670 ungarischen Juden, die ins Konzentrationslager Bergen-Belsen gebracht worden waren, im Dezember 1944 die Ausreise in die Schweiz zu ermöglichen. Für die Auswahl der Geretteten war er nicht etwa allein verantwortlich, sondern das Komitee versuchte, »gerecht« zu sein – sofern man denn in der Frage von Leben oder Tod überhaupt von Gerechtigkeit sprechen kann. Jedenfalls wurde versucht, eine möglichst repräsentative Auswahl – nach Alter Geschlecht, Beruf und religiöser Ausrichtung – zu treffen.

In der Gruppe der für den »Kasztner-Zug« Auserwählten war auch der chassidische Rabbiner von Szatmár, Joël Teitelbaum. Teitelbaum war der Anführer der ultraorthodoxen chassidischen Sekte »Satmar«, die alle weltlichen Gesetze ablehnte und die Zionisten mit allen Mitteln bekämpfte. Das heißt, der Zionist Kasztner rettete den Antizionisten Teitelbaum vor dem Konzentrationslager und dem sicheren Tod. Das Zugeständnis war aber nicht nur finanziell teuer erkauft. Bis Juli 1944 waren bereits 437000 ungarische Juden nach Auschwitz deportiert worden. Seine Gegner warfen Kasztner deshalb vor, die Brüder und Schwestern geopfert zu haben, um seine persönlichen Ziele zu erreichen.

Eichmann selbst schrieb in seinen Tagebüchern über Kasztner: »Er war einverstanden, dass die Juden keinen Widerstand leisten. Wenn ich es ermöglichte, einige Hundert oder Tausend herauszubringen, könnte er im Gegenzug für Ordnung auf den Sammelplätzen sorgen. Es war ein gutes Geschäft, denn für die Ruhe in den Konzentrationslagern war der Preis nicht hoch.«

Und nun stand Kasztner vor einem Gericht im Staat Israel und sollte sich rechtfertigen, warum er dieses Geschäft mit den Nazis gemacht hatte. Kasztner sagte, dass außerdem 12000 Personen aufgrund seiner Intervention anstatt nach Auschwitz in ein Lager nach Wien kamen, wo sie von der Roten Armee befreit wurden. Stolz berichtete er darüber, dass er mit den Nazischergen verhandelt und damit Tausende vor Auschwitz gerettet hatte.

Der Richter war, wie ich und fast alle im Saal Anwesenden, beeindruckt und fragte den Angeklagten Grünwald, ob er angesichts dieser Tatsachen seine Anklagen gegen Kasztner nicht revidieren wolle. Grünwald schüttelte den Kopf.

Und dann trat der Strafverteidiger Shmuel Tamir auf, rief Kasztner in den Zeugenstand und nahm ihn ins Kreuzverhör. Tamir sprach von Beginn an so, als sei nicht Grünwald, sondern Kasztner der Angeklagte. Dieser war offenbar von den eigenen Schilderungen noch so eingenommen, dass er zunächst etwas überheblich auf die Vorwürfe des Anwalts reagierte. Tamir warf Kasztner vor, mit der SS kollaboriert und in den Nürnberger Kriegsverbrecher-Prozessen dafür gesorgt zu haben, dass der SS-Standartenführer Kurt Becher aus dem Gefängnis entlassen wurde. Kasztner, der direkt mit Becher über die Freilassung von Häftlingen aus Bergen-Belsen verhandelt hatte, bestritt vehement, dass er für Becher ausgesagt hatte. Becher war, obwohl am Ende des Krieges als »Reichssonderkommissar für sämtliche Konzentrationslager« zuständig, in Nürnberg nur als Zeuge, aber nicht als Angeklagter vernommen worden.

Am zweiten Tag des Kreuzverhörs fragte Tamir den Zeugen Kasztner noch einmal, ob die eidesstattliche Erklärung, die er in Sachen Becher abgegeben hatte, »für Becher oder gegen ihn« gesprochen habe. Kasztner antwortete, diese Erklärung sei unbedeutend gewesen. Doch Tamir setzte nach: »Ich sage Ihnen jetzt, dass Kurt Becher dank Ihrer persönlichen Intervention in Nürnberg aus dem Gefängnis entlassen wurde.« Aufruhr im Saal. Kasztner sprang auf und schrie Tamir an: »Das ist eine schmutzige Lüge.«

Tamir stand auf und hielt einen Bogen Papier in die Luft. »Hohes Gericht, ich möchte Ihnen hier einen Brief des Zeugen Kasztner präsentieren, den er im Juli 1948 an den vor einem Jahr verstorbenen ersten Finanzminister unseres Landes, Eliezer Kaplan, geschrieben hat. In diesem Brief schreibt unser Zeuge, die Freilassung Bechers aus alliiertem Gewahrsam sei ›das Resultat meiner persönlichen Intervention‹ gewesen.

Kasztner sackte im Zeugenstuhl zusammen. Er erwiderte unsicher, dass er den Brief wohl etwas großspurig formuliert hätte und Becher ihn darum gebeten habe, um im Gegenzug jüdische Gelder dem Staat Israel zu übergeben. Doch es nützte nichts. Kasztners Glaubwürdigkeit war erschüttert und seine Selbstsicherheit dahin. Der Richter glaubte Kasztner kein Wort mehr.

Tamir setzte in den nächsten Tagen nach und demontierte den Judenretter. Er warf ihm vor, eine Gruppe von drei Fallschirmspringern der Haganah, die in Ungarn den Widerstand organisieren sollten, den Nazis ans Messer geliefert zu haben. Bald redete Tamir nur noch vom »Angeklagten« Kasztner, und die ihm wohlgesonnenen Zeitungen spürten, je mehr Kasztner sich verhaspelte, desto mehr gerieten die Jewish Agency und die Mapai-Regierung mit in den Strudel des Skandals. Das war Tamirs Kalkül.

Der Prozess ging in eine Pause, aber Tamir recherchierte weiter, sammelte Beweise und setzte bei der Wiederaufnahme genau da an, wo er aufgehört hatte. »Sie haben Becher nicht nur vor dem internationalen Gerichtshof in Nürnberg gerettet, sondern Sie haben dem Entnazifizierungsgericht der Deutschen eine eidesstattliche Erklärung gegeben, und Sie haben ihn auch vor seiner Strafe gerettet.« Tamir zeigte auf Kasztner.

Der antwortete: »Nein! Das ist nicht wahr!«

»Dr. Kasztner, sind Sie mit mir einverstanden, dass es von unserem nationalen Standpunkt eine kriminelle Handlung ist, zugunsten eines hohen Nazi-Offiziers zu intervenieren und seine Freilassung herbeizuführen?«, fragte Tamir.

Kasztner, ganz staatsmännisch: »Meine Antwort ist positiv. Vom nationalen Standpunkt ist es ein Verbrechen.«