Die sieben Säulen des Glücks - Notker Wolf - ebook

Die sieben Säulen des Glücks ebook

Notker Wolf

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Opis

Ein Klassiker, der seit 1.500 Jahren Weisheiten bereithält, die das Meiste dessen in den Schatten stellen, was heute geraten wird: die Regel des Benedikt. Sie zeigt Überraschendes: für unsere aktuelle Situation, für unser eigenes Leben. Abtprimas Notker Wolf erzählt von seinen Erfahrungen mit den Tugenden: Tapferkeit, Gerechtigkeit, Klugheit, Maß, Glaube, Liebe, Hoffnung. Sie sind tragfähige Säulen des Glücks. Etwas, worauf man sein Lebenshaus bauen kann.

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Abtprimas Notker Wolf OSB

Die sieben Säulen des Glücks

Tugenden zum Leben

Herausgegeben von Rudolf Walter

Neuausgabe 2019

Originalausgabe: © Verlag Herder 2011

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Gestaltungssaal, Rosenheim

Umschlagmotiv: © Future Image/Imago © charcompix/Shutterstock

ISBN (E-Book): 978-3-451-33730-7

ISBN (Buch): 978-3-451-03211-0

Inhalt

1 Die Sprache des Glücks

2 Was taugt zum Glück?

3 Von der Gerechtigkeit

4 Von der Klugheit

5 Vom Mut

6 Vom rechten Maß

7 Vom Glauben

8 Von der Liebe

9 Von der Hoffnung

10 Wie im Himmel

1 Die Sprache des Glücks

Die Spatzen sind meine Lieblingsvögel. Wenn ich als Kind krank war und am Fenster stand, konnte ich sie beobachten. In den Rosenbäumchen gegenüber von unserem Haus, rund geschnittene, wie man sie heute fast nicht mehr sieht, da war ihr Lieblingsort. Die waren immer voll von ihnen. Gerade im Winter, wenn die Blüten längst verwelkt und das Laub schon abgefallen war, sah man sie, und ihr Lärmen, Zirpen und Tschilpen war die schönste Musik für mich. Ein Flattern, eine Bewegung, alle schwirrten sie gleichzeitig heran und rissen sich gegenseitig das Futter aus dem Schnabel. Frech, vorlaut, flüchtig.

Es war das volle Leben. Es war der Himmel. Ja, Spatzen sind für mich die Himmelsvögel. Einfach, quirlig, lebendig, vital, unmittelbar in ihren Lebensäußerungen. Ein Inbegriff des Glücks. Sie flatterten immer rasch herüber zu unserem Fenster, pickten die Brosamen auf und flogen wieder zurück. Zum Teil bekämpfen sie sich, zum Teil lieben sie sich. Inbilder unverstellter Lebensfreude. Wenn ich ihnen zusah, habe ich die Leichtigkeit des Lebens selbst intensiv erfahren. Ich stand am Fenster wie gebannt und konnte mich nicht von ihnen lösen.

Noch heute sind Spatzen für mich etwas ganz Besonderes. Der Fromme könne wie ein Sperling im Tempel Gottes nisten – das ist biblische Sprache. Wie „der Sperling auf dem Dach“, der im Psalm 102 Symbol für das Gottvertrauen ist. Oder das Beispiel Jesu aus dem Matthäusevangelium (10,29): Es fällt kein Sperling vom Himmel, ohne dass Gott es wüsste.

Es gibt auch eine wunderbare Antiphon, die als Kommuniongesang am 15. Sonntag im liturgischen Jahreskreis gesungen wird: „Passer invenit sibi domum, et turtur nidum, ubi reponat pullos suos: altaria tua Domine virtutum, Rex meus et Deus meus: beati qui habitant in domo tua, in saeculum saeculi laudabunt te. Auch der Sperling findet ein Haus und die Schwalbe ein Nest für ihre Jungen – deine Altäre, Herr der Heerscharen, mein Gott und mein König.“ (Ps 84, 4) Musikalisch ist diese Antiphon lautmalerisch gestaltet. Die Melodie, mit kleineren Absätzen und Pausen, ist unterlegt mit beschwingter Leichtigkeit, die für mich untrennbar mit den Spatzen verbunden ist, mit der Leichtigkeit, mit der sie von Zweig zu Zweig, von Ast zu Ast springen.

Vor Kurzem habe ich an einer Autobahnraststätte in Südtirol Spatzen gefüttert. Ich habe ihr Tschilpen nachgemacht, mit ihnen leise gepfiffen, mit ihnen geredet. Ich kam mir ein wenig vor wie der Heilige Franziskus, so zutraulich waren sie. Sie haben mir aus der Hand gefressen. Mit Spatzen zu reden ist wie mit kleinen Kindern zu reden.

Sie brauchen auch den Schutz wie kleine Kinder. Ich habe auch das erlebt. Sie waren wieder vor dem Fenster, als ich ihnen zusah, damals als krankes Kind. Auf einmal wurde es dunkel, und wie eine Wolke stoben sie auf. Und dann sah ich es: Ein Hühnerhabicht stieg auf, mit einem Spatz in den Krallen. Sie sind so schutzlos und wehrlos gegenüber diesen großen Raubvögeln. Auch deswegen sind sie für mich ein so wahres Glückssymbol. Glück ist bedroht und nie sicher. Man soll sich freuen, wenn man Glück hat. Denn man weiß nie, wann es vorbei ist.

Zeichen der Leichtigkeit, aber auch der Flüchtigkeit des Glücks sind Spatzen für mich. So scheu sind sie. So leicht aufzuschrecken. Und so wehrlos. Und es stimmt: Glück ist wehrlos. Es kann so leicht in Brüche gehen. Eheglück kann zerbrechen. Liebesglück, das sich Ewigkeit schwor, geht plötzlich in Scherben. Das lebenslange Miteinander zweier alter Menschen, von denen einer plötzlich stirbt, kann in großem Schmerz enden. Glück ist ein zerbrechlich Ding.

Das Glück ist auch wie ein flüchtiger schreckhafter Vogel. Spatzen fliegen schnell auf, scheuen hoch und leben immer in Gefahr. Über Glück kann man nicht verfügen. Es ist nicht machbar. Und man kann es nicht festhalten. Es will aber nicht nur flüchtig sein. „Verweile doch, du bist so schön!“ Glück will auch die Ewigkeit. „Alle Lust will Ewigkeit, tiefe, tiefe Ewigkeit“, sagt Nietzsche.

Glück ist immer irdisch. Und damit auch etwas Vergängliches. Sei froh, wenn du es hast. Sei froh, wenn du gesund bist. Sei froh, wenn du heute da sein darfst. Glück verweist aber auf etwas anderes, das es übersteigt. Auf etwas, das ewige Dauer hat. Man spricht bezeichnenderweise nicht von ewigem Glück, sondern von ewiger Glückseligkeit.

Was Glück sein kann, ahnt man, wenn man auf das hört, was Jesus gesagt hat: „Sorgt euch nicht, was ihr morgen anziehen und was ihr morgen essen werdet. Betrachtet die Lilien des Feldes und die Vögel des Himmels. Gott kümmert sich um alles, sogar um einen Sperling, der vom Dach fällt und um jedes Haar, das dem Menschen vom Haupt fällt.“

Dahinter steckt Vertrauen und Lebensfreude.

Lerne von der Lilie

Und lerne vom Vogel

Deine Lehren.

Zu sein heißt:

Für heute da sein

Das ist Freude.

Lilie und Vogel

sind unsere Lehrer

der Freude

(Sören Kierkegaard)

Und das ist auch der Kern der Botschaft Jesu: Der Glaube an Gott befreit zur Lebensfreude und zur Hoffnung, dass dies etwas Unverbrüchliches ist.

Die Lilien und die Vögel, dieses biblische Bild ist ein menschheitliches, es wird überall verstanden und ähnlich empfunden.

In einem chinesischen Zengedicht ist Glück so beschrieben:

Wenn der Frühling kommt

Feiern Tausende von Blumen

Und der goldene Vogel singt

Im grünen Weidenbaum

Spatzen sind heute eine gefährdete Spezies. Das glatte Fassadenmauerwerk hindert sie am Nisten.

Es gibt sogar schon Initiativen für die Rettung des Sperlings.

Hat das moderne Leben eine solche glatt-harte Fassade, dass unser Glück darin nicht mehr nisten kann?

Und wie könnte ein Lebenshaus aussehen, in dem das Glück, das unverstellte Leben, auch seinen Platz hat?

2 Was taugt zum Glück?

Was haben denn Glück und Tugend miteinander zu tun? Spaß haben, den Kick erleben, darum geht es. Glück ist die Leichtigkeit des Seins, ein schönes Gefühl, dem man nachhelfen kann. Tugend – das klingt nach Geboten, anstrengend und moralinsauer.

Benedikt sieht das ganz anders: „Der Weg des Heils kann am Anfang nicht anders sein als eng. Wer aber im klösterlichen Leben und im Glauben fortschreitet, dem wird das Herz weit und er läuft in unsagbarem Glück der Liebe den Weg der Gebote Gottes.“ Das ist das Herz seiner Regel. Und Zentrum seiner Glückslehre ist das gute Leben: Die Gebote sind Wegweiser dahin, nicht Ziel.

Wie ich zu meinem Glück fand

Es war im März 1955. Ich war vierzehneinhalb Jahre und fand auf dem Dachboden unseres Hauses ein Heft: die Lebensbeschreibung von Pierre Chanel, einem Südseemissionar aus dem Orden der Maristen. Chanel war 1954 heiliggesprochen worden. Dieses Heft beschrieb seinen abenteuerlichen Weg, aus dem kleinen französischen Département Ain auf die Insel Futuna, wo er als Märtyrer endete. Man hat ihn erschlagen, weil sich die Mächtigen bedroht fühlten. Ich habe diese Biographie damals verschlungen. Das Heft hatte ich tagsüber unter meiner Matratze versteckt, meine Mutter sollte es nicht sehen. Schließlich habe ich eine Woche lang mit mir gekämpft: War ich wirklich bereit, mein Elternhaus für immer zu verlassen? Würde ich das auch können: Würmer essen und alle möglichen Strapazen auf mich nehmen? Als ich alles durchhatte, ging ich zu meiner Mutter und sagte: „Ich möchte Missionar werden.“ Ich erklärte ihr meine Gründe und bat sie, mir zu helfen, es meinem Vater zu verklickern. Ich wusste: Das war meine Berufung. Ich hatte das große Ziel – und das Glück meines Lebens gefunden.

Ich war dann letztlich körperlich zu schwach für die Mission. Wäre es aber nach mir gegangen, ich wäre heute irgendwo in Asien oder in Afrika, auf einer Missionsstation. Es wäre sicher ein erfülltes und gutes Leben gewesen. Der Herrgott schien mir aber etwas anderes zugedacht zu haben. Ich wurde nach dem Studium von meinem Orden als Hochschullehrer eingesetzt und bin mit meiner Wahl zum Erzabt der Missionsbenediktiner für die ganze Kongregation zuständig geworden. Ich bin damit viel mehr Missionar geworden als ich es mir erträumt hätte, jetzt als Abtprimas des gesamten Benediktinerordens erst recht.

Glück hat mit Sinn zu tun. Erst wenn ich Sinn erfahre, an welchem Platz auch immer, kann ich glücklich sein. Und für den, der glücklich ist, gibt es keine Sinnkrise. Dafür kann man auch etwas tun: Um Sinn in meinem Leben zu erfahren, brauche ich eine Vision und muss dann auch auf sie hinarbeiten. Wer glücklich werden will, muss sich in Bewegung setzen. Für viele ist das schon zu viel. Aber so viel ist sicher: Bequemlichkeit, Tagträume und noch so süßes Nichtstun – das führt nicht zum Glück.

Mehr als Wellness

In den Flugzeugen gibt es einen Kanal, der nur Wellnessmusik spielt – so seicht, dass ich auf langen Flügen dabei nicht einmal wegdösen kann. Wellness als Gemütlichkeitsfeeling, in dem man sich einrichten kann, ist kein Glück. Es führt nicht weiter. Bei Rundumwellness ist das nicht anders. Ich habe kürzlich ein Wellnessangebot zugeschickt bekommen, das darin bestand, mich in Heubäder zu legen, mit allem Drum und Dran. So etwas muss nicht schlecht sein. Aber auch das ist kein Glück.

Genauso wenig wie das Kitschbild der guten Fee, wenn es jenseits der Kinderphantasie auftaucht. Ich war in Berlin bei guten Freunden. Am Abend wollten wir ausgehen. In einem Restaurant trafen wir auf eine solche „gute Fee“, die Bedienung in diesem Restaurant. Ein ätherisches rosa Gewand umhüllte sie, sie schien im Schwebezustand, wedelte mit einer Art Zauberstab und meinte, sie könnte oder müsste damit Menschen glücklich machen. Esoterisches Pseudoglück light. Glück ist Überschuss, es schnellt über den Behaglichkeitspegel hinaus. Wahres Glück ist auch mehr als Gefühl. Es ist etwas ganz anderes als ein Wellnessversprechen, das man mit Geld herbeiwedeln kann. Es ist mehr und etwas anderes als Spaß oder ein emotionaler Kick. Es ist eine besondere, eine abgehobene Erfahrung. Glück ist schwer zu definieren oder beschreiben, aber man kommt ihm näher, wenn man davon erzählt.

Ich bin dem Glück begegnet

Wenn ich erzählen sollte, was meine persönlichen Glückserfahrungen sind, würde es mir schwerfallen, etwas herauszuheben. Ich freue mich an so vielem. Es sticht nicht irgendetwas heraus. Aber sicher ist schon einmal: Es gibt kein wirkliches Glück, das „gegen“ jemanden gerichtet ist. Ich selber bin immer dann glücklich, wenn ich unter Menschen bin, wenn ich Menschen froh machen kann. Es kommt doppelt zurück.

Zum Beispiel als ich in St. Ottilien mit einem Novizen ins Gespräch kam. Wie ich mich fühlte, wenn ich wieder da sei, fragte er mich. Ich meinte: „Ach, hier fühle ich mich richtig zu Hause. Und ich freue mich, wenn ich mal endlich wieder ganz da bin.“ Darauf antwortete er: „Und wir auch.“

So etwas tut einfach gut.

Oder dies: Im Flieger von München nach Hamburg habe ich ein kleines Mädchen, etwa drei oder vier Jahre alt, mit allerlei Unsinn unterhalten, damit sie nicht weinte. Beim Aussteigen sagte ich zu ihr: „Weißt du, du bist schon ein echter Goldschatz.“ Da schaut sie mich an und sagt: „Du aber auch!“ Das sind die kleinen Glücksmomente. Glück hat mit Resonanz und Beziehung zu tun. Ich weiß nicht, ob man mit Geld glücklich werden kann. Ich würde eher sagen: Willst du jemand unglücklich machen – gib ihm sehr viel Geld! Der wird sich ständig sorgen, wo er am besten investiert. Sicher, wenn einer nichts hat, kann er auch unglücklich sein. Eine Grundsicherung muss gegeben sein. Gesellschaften, in denen die materielle Sicherheit da ist, sind glücklicher.

Es gibt kein einsames Glück. Beziehung – danach verlangt auch das Glück, das man erfahren hat. Man will es mitteilen. Jemand hat gesagt: Glück kommt selten allein. Allein kann man nicht glücklich sein. Glücklichsein – was das bedeutet, sieht man auch an der Frau aus dem Gleichnis im Evangelium, die die Drachme wieder gefunden hat. Diese Frau rennt zur Nachbarin, um ihr das mitzuteilen. So erzählt es das Gleichnis Jesu: Glück drängt danach, sich mitzuteilen.

Man kann zwar still dasitzen und für sich glücklich sein: Das sogenannte „stille Glück“ gibt es natürlich. Aber Glück neigt doch eher dazu, die Grenze der eigenen Erfahrung zu überschreiten.

„Mei! Hast es gehört!“

Da gibt es nur eine Antwort: „Ja. Und Wie!“

Glück ist immer auch Offenheit für etwas Größeres. In diesem Sinn sind auch Naturerfahrungen Glück für mich. Man kann als Biologe das Zwitschern und den Gesang der Vögel natürlich auch wissenschaftlich einordnen, als Balzruf oder Revierabgrenzung etwa. Ich höre es als Schöpfungszustimmung und als Ausdruck elementarer Lebensfreude. Einmal, an einem Frühlingsmorgen im Innenhof unseres Klosters S. Anselmo in Rom: Der Morgen war noch grau, ich musste in aller Frühe, um viertel nach fünf, zum Flughafen fahren, und draußen sang eine Nachtigall. Ich hielt inne und lauschte und lauschte. Gerne hätte ich länger verweilt; ich war einfach verzaubert. Doch ich musste weiter.

Viele nehmen diese einfachen Dinge nicht einmal wahr. Dabei sind sie das Geschenk des Lebens. Glück ist auch immer Geschenk. Nichts aus dem Warenhauskatalog, nicht zu kaufen. Wenn ich etwa am Meer sitze und zuschauen kann, wie die Sonne geradezu zischend ins Grünblau des Ozeans sinkt – dann ist auch das Glück.

Um glücklich zu sein, muss ich eine gewisse Wahrnehmungsfähigkeit haben. Ich muss aber auch bereit sein, mich anzustrengen. Wie beim Bergsteigen: Wenn man nach einem anstrengenden Aufstieg am Gipfel angekommen ist, sind das vielleicht die schönsten Glücksmomente. Weil sie geschenkt sind. Man kann etwas dafür tun, aber sie nicht machen.

Gerade in Begegnungen mit Menschen erfahren wir Glück. Ich selber bin im Kloster vielen Menschen begegnet, die das lang anhaltende Glück eines zufriedenen Lebens ausstrahlen. Meistens waren es einfache Menschen. Mein alter Prior zum Beispiel. Der Erzabt Suso hatte ihn einmal gefragt: „Pater Prior, stimmt es wirklich, dass Sie sich über nichts ärgern?“ Die Antwort: „Warum sollte ich denn, ich bin doch kein Rindviech!“ Und er erzählte später weiter: „Da war der andere schon wieder beleidigt, weil er gemeint hat, ich habe gesagt, er sei ein Rindviech.“ Echter Allgäuer Humor.

Am meisten haben mich im Kloster immer unsere Laienbrüder beeindruckt. Einer von den Brüdern aus St. Ottilien etwa, Bruder Adolf. Er war Pförtner und ein glücklicher Mensch. Er hat auch die japanischen Zenmönche, die bei uns zu Besuch waren, tief beeindruckt. Er diente schon 50 Jahre auf dieser Stelle. Sie sagten: „Unglaublich, dieser Mann hat nie Karriere gemacht und strahlt so viel Freude aus.“

Gerade diese Brüder, an die ich denke, waren gereifte Menschen, die nie ihr Glück auf den Straßen der großen Anerkennung suchten. Sie legten keinen Wert auf äußere Würden. Solche Menschen beschränken sich auf das Eigentliche. Sie sind unabhängig und frei von Ehrgeiz, Besitzsucht oder der Sehnsucht nach Titeln. Sie sind einfach ausgeglichener. Nicht neidisch. Nicht süchtig. Nicht gierig. Sondern: Gelassen und heiter. Glück hat also nicht nur etwas mit einem einfachen Gemüt zu tun. Es hat auch mit dem „guten“ Leben zu tun.

Jenseits der Klostermauern gibt es sie natürlich auch, diese glücklichen Menschen, die etwas Positives ausstrahlen und in deren Nähe man sich nur wohlfühlt. Und es gibt die sogenannten „Glückskinder“: Menschen, denen es in die Gene gelegt scheint oder denen es anerzogen wurde, das Leben nicht zu schwer zu nehmen. Denen die Sicherheit, dass das Leben so schwer nicht ist, schon von Kindesbeinen an von den Eltern vermittelt wurde. Auf solchem Boden kann die Leichtigkeit des Seins wachsen. Einem solchen Menschen ist als Kleinkind schon vermittelt worden: Wohin du auch fällst, du wirst aufgefangen. Wir sind für dich da. Und später konnte dann daraus eine gereifte, echte Sicherheit im Leben werden.

Glück im Unglück

Aber auch die anderen gibt es. Wer vom Glück redet, redet eben vom Menschen mit seinen Schwächen, Stärken und Widersprüchen. Und selbst große Geister sind nicht frei von diesen Widersprüchlichkeiten. Sigmund Freud, der sagte, dass das Glück im Buch des Lebens nicht vorgesehen sei, hat bekanntlich immer wieder Lotterielose gekauft – und sich davon einen Geldsegen erhofft.

„Muss ich jetzt von früh bis spät hallelujah rufen?“ so grantelt Aloysius, der Münchener im Himmel, der „zefix halleluja“ flucht, weil er das ewige Glück nicht aushalten kann. Weil das unmenschlich langweilig ist für ihn.

Sicher ist: Nicht alles geht gut im Leben. Es gibt auch Dinge, die schief laufen. „Shoot“, sagte mein früherer amerikanischer Prior von S. Anselmo in einem solchen Fall. Er wollte als feiner Mensch nicht das parterre Wort „shit“ gebrauchen. Ein positiver Zustand dauert nicht ewig. Man hat das Glück mit einem Rad verglichen, das nicht still steht, sondern sich ständig weiterdreht. Früher hat man gesagt: „Auf jeden November folgt ein Mai.“ Der November ist die triste Zeit, der Monat des Nebels. Der Mai ist der Monat der Sonne und der Klarheit. Ich habe nicht selten ironisch darauf geantwortet: „Auf jeden Mai folgt ein November.“

Auch das ist wahr.

Das Glücksrad dreht sich weiter und lässt die purzeln, die eben noch oben waren. Auch das Unglück gehört zum Leben. Zum Beispiel ein Verkehrsunfall. Unglück kann plötzlich wie ein Blitz einschlagen, sich aber auch wie ein langer Schatten über ein Leben legen und es auf Dauer verdüstern. Menschen, die den falschen Partner geheiratet haben und es zu spät merken, werden unglücklich.

Angst ist ein Glückskiller, sie tötet die Freude und die Freiheit. Zum Glück gehört Angstfreiheit. Identität gehört zur Glücksfähigkeit: Ich muss wissen, wer ich bin. Wenn ich glücklich werden will, darf ich auch nicht von starken Zukunftssorgen „besetzt“ sein. Viele Menschen unserer Zeit aber haben Angst davor, wie es weitergeht. Sie befürchten den Verlust des Arbeitsplatzes und den Wegfall ihrer materiellen Basis. Die einen haben den Arbeitsplatz verloren, die anderen treibt die Sorge um, dass sie ihn verlieren werden.

Man sagt: „Ein Unglück ist über mich hereingebrochen“. Ein Unglück ist meistens ein längerer Zustand oder etwas mit lang anhaltender Wirkung. Damit ist nicht ein Auffahrunfall gemeint, der eine Beule im Auto verursacht hat. Das geht tiefer.

Vor längerer Zeit traf ich eine Gruppe von jungen Leuten zu einem Gespräch. Einer war dabei, der sehr traurig ausschaute. Um dahinter zu kommen, was diesen jungen Menschen bedrückt, habe ich eine schriftliche Frage an alle gestellt: Was war mein glücklichstes und unglücklichstes Erlebnis? Der Betreffende schrieb: „Mein glücklichstes Erlebnis waren die Geschenke bei der Erstkommunion, weil ich gemerkt habe, dass mich die Leute mögen.“ Das unglücklichste war, als er merkte, dass seine Eltern sich auseinanderlebten und es zur Scheidung kam. Das wirkt auf einen Menschen und auf ein Kind ganz besonders. Das ist, als ob die Welt zusammenbricht. Für immer. Im Glück ist die Welt stimmig. Im Unglück ist sie aus der Fassung gebracht. Glück ist nicht einmal eindeutig vom Unglück zu unterscheiden. Friedrich Torberg lässt in seiner „Tante Jolesch“ jemanden sagen: „Gott bewahre uns vor allem, was noch ein Glück ist“. „Glück im Unglück“ ist natürlich etwas Relatives. Aber wahres Glück kann auch in größter Not möglich sein. Wenn etwa nach einer Überschwemmung der Mann, der alles verloren hat, zu seiner Frau sagt: „Ich habe aber noch dich!“ Das ist tiefste Glückserfahrung – bei aller Not. Hier strahlt etwas auf, etwas Wesentliches, was man vielleicht vorher als selbstverständlich genommen hat. Oder ein anderes Beispiel: Wenn in einer Familie ein schwerbehindertes Kind aufwächst, ist das zunächst sicher ein Unglück. Es fordert Kraft – und es bringt doch auch wieder Glück, zu erleben, dass dieses Kind glücklich sein kann.

Was wirkliches Glück ist, darüber herrscht selten Einigkeit. Aber eins ist unbestritten: Glück anstreben und Unglück vermeiden, das ist ein tiefer Antrieb in allem, was wir tun. Wie das allerdings zu bewerkstelligen ist, da gehen die Meinungen auseinander. Es gibt aber eine Art Glückswissen der Menschheit, also die reflektierten Erfahrungen der Menschen darüber, wie wir Leid vermeiden und Glück erreichen können. Das ist nützlich. Denn wenn wir uns bewusst machen: Es kann auch anders gehen – dann kann das auch vor Traurigkeit bewahren und zu größerer Freiheit und Gelassenheit befähigen.

Es gibt eine orientalische Parabel über den Umgang mit den Unwägbarkeiten und Wechselfällen des Lebens – auch eine Geschichte über die richtige Einstellung zum Glück. Sie erzählt von einem König, der verlangt, dass ihm seine Berater einen Ring geben. Er soll ihn aufmuntern, wenn er traurig ist und ihn vor Übermut bewahren, wenn er sich im Zustand des Glücks befindet. Die Weisen beraten sich lange. Und sie schenken ihm schließlich einen Ring mit der Inschrift: „Auch das geht vorbei!“

Auch die Tugenden gehören zu dem Glückswissen der Menschheit. Von ihnen handelt dieses Buch.

Mehr als Chemie

Viel Geld bringt nicht automatisch Glück. Weil man immer mehr möchte. Fragt man Menschen, was sie glücklich macht, sind es selten äußere Dinge. Es ist das Liebesglück oder die Geburt der Kinder. Ein glücklicher Mensch hat Distanz zu den materiellen Dingen. Er lässt sich von ihnen nicht vereinnahmen.

Trotzdem sagen manche: Glück sei materiell, chemisch verursacht. Im Glückszustand treten in der Tat die Glückshormone auf, die Dopamine. Dopamine bewirken einen Schub an Glücksempfinden. Sie wirken aufputschend, wie Adrenalin im Blut. Auch dies ein Mittel, das den Körper leistungs- und glücksfähig macht. Man könnte nun fragen: Ist Glück nur eine chemische Reaktion? Biochemiker unterscheiden da manchmal nicht klar genug. Ohne Dopamin kann zwar kein Glücksgefühl entstehen. Aber Dopamin „ist“ nicht das Glück. Es ist ein chemisches Substrat. Natürlich gibt es auch Glücksdrogen, die weitaus wirksamer sind als Dopamine. Haschisch kann Glücksgefühle erzeugen, wie Alkohol, in einem bescheidenerem Maß. Es mag Unglück betäuben, Einsamkeit zudecken oder Stress und Überforderung leichter nehmen lassen. Aber meistens ist es nachher schlimmer als vorher. Wenn man nüchtern ist, kommt der Kater.

Es ist wie mit der Freiheit: Manche meinen, weil chemische Vorgänge ablaufen, sei Freiheit selber chemisch bedingt. Aber das ist nur die äußere Form. Ich werde sicher nicht durch die Chemie angetrieben. Aber die Chemie muss stimmen. Das Gehirn gehört zur Körperlichkeit des Menschen. Alles hat ein körperliches Substrat. Schon Platon und Aristoteles haben gesagt: Alles besteht aus Materie und Form. Beim Menschen ist die Form nicht total. Daher ist beim Menschen Unsterblichkeit möglich. Die Chemie ist das Substrat, das Glücksgefühle auslöst. Dass man Glücksgefühle erzeugen, aber Glück nicht herstellen kann, heißt freilich nicht, dass man nicht auch etwas tun kann für sein Glück.

Sisyphus – und das Glück der Tüchtigen

Glück ist auch, wenn die eigene Leistung so gewürdigt und anerkannt wird, dass man sich selber als Person „gesehen“ fühlt. Nach meiner Zeit an der Oberrealschule in Memmingen wurde ich, zusammen mit einem anderen Schüler, plötzlich zum Schulleiter gerufen. Jeder von uns bekam 50 D-Mark. 1951 war das viel Geld. Es hat mich mit einer riesigen Freude erfüllt. Ich empfand das als Anerkennung meiner Leistung. Zum ersten Mal hatte ich selber etwas verdient. Ich war stolz. Es war eine echte Freude.

Glück ist nicht der bloße Zufall. Obwohl: Auch der spielt manchmal mit. Der Erfolg bei Prüfungen, z. B., ist ja meist zum einen Teil Fleiß, zum anderen Glück. Das Glück ist mit den Tüchtigen, sagt man auch. Man ist ja nicht jeden Tag gleich gut drauf. Man hat Tage, an denen man sich nicht wohlfühlt – obwohl man intensiv gelernt hat. Und es gibt Situationen, da kommt eben noch etwas hinzu, wofür man selber nichts kann. Ich habe mich etwa beim Abitur mit zwei anderen vorbereitet. Wir haben in Griechisch in der Vorbereitung genau den Text durchexerziert, der dann in der Prüfung drankam. Wenn das kein Glück ist! Dadurch haben die beiden anderen es auch geschafft. Es gibt also immer wieder mal solche Dinge – bei jedem Examen. Wenn ich gut vorbereitet bin, ist die Chance größer. Es aber so gut zu schaffen – da gehört einfach Glück dazu.

Nicht der Fahrstuhl führt ins Glück. Man muss meistens Treppen steigen. Reine Mühe kann es allerdings auch nicht sein. Albert Camus hat gesagt: Man muss sich Sisyphus als glücklichen Menschen vorstellen. Denn er akzeptiert seine Absurdität, indem er den Stein, der immer wieder zu ihm zurückrollt, immer wieder erneut den Berg hinaufschiebt, und damit sich als Herr über sein Geschick erweist. Mir will das nicht einleuchten. Ich sehe wie viele andere in Sisyphos den unglücklichen Menschen, der keine Chance hat, je noch glücklich zu werden. Seine Mühen hören nie auf.

Wenn wir aber in einem tieferen Sinn von Glück sprechen, dann ist das mehr als Mühe und auch mehr als ein zufälliges Ereignis. Es ist die Erfahrung eines inneren Zustands. Wenn Benedikt in seiner Regel am Ende des Prologs sagt: „Da weitet sich das Herz in Freude“ – dann meint er genau das. Und er sagt etwas darüber, was wirkliches, tiefes Glück ist. Und darüber, wie es möglich wird.

War Jesus ein glücklicher Mensch?

Kann man sich Jesus als glücklichen Menschen vorstellen? Das hat mich jemand gefragt. Die Frage ist falsch gestellt. Die richtige Perspektive finde ich woanders: Jesus sagt „Ich bin der Weg, die Wahrheit und das Leben“ (Joh 14,6). Er ist der Weg zum Glück. Alle anderen Glücksverheißungen können im Blick auf diese Verheißung durchschaut werden. Mit diesem Wissen im Hintergrund kann ich fragen, was ist das andere eigentlich letzten Endes Wert?

Kürzlich kam ein bekannter Filmemacher zu mir. Er sagte: „Ich will einen Film über den Heiligen Benedikt machen. Was für mich zeitlebens wichtig war, sagt mir nichts mehr.“ Dieser Mann – ein schon älterer Herr – hat alles gehabt im Leben. Seine Einsicht: Der Reichtum, der Ruhm – das ist, letztlich, nichts Wirkliches im Leben. Wenn er dem Leben des Benedikt nachgehen würde, so seine Hoffnung, könnte das etwas sein, was ihn auf die Spur des Wesentlichen bringt.

Benedikt war ein Mensch auf der Suche nach Glück und auf den Spuren Jesu. Aber noch einmal: Jesus als glücklicher Mensch? Das Wort Glück greift nicht, wenn ich sein Geheimnis verstehen will. Glück hat mit Irdischem zu tun. Glück – wie wir es landläufig verstehen – ist eine irdische Angelegenheit. Ob Zufallsglück oder Wohlfühlglück – gemeint sind günstige und erwünschte Zufälle oder erwünschte Erfahrungen, Spaß, Lust, Erfolg, intensive positive Gefühle, die zu unserem guten Befinden beitragen.

Jesus war jedoch die Quelle des Glücks für viele. Menschen, die ihn getroffen haben, sind glücklich geworden. Er hat Kranke geheilt und sie befreit, ihnen ein neues Leben geschenkt. Zum Beispiel den Bresthaften am Teich Siloah, von dem das Evangelium erzählt (Joh 9,7). Er war 37 Jahre krank gewesen und nie rechtzeitig ins Wasser gekommen, wenn die heilende Flut kam. Er hatte keine Chance, bis Jesus sich ihm zugewandt und ihm geholfen hat. Das war sein Glück.

Etwas davon spiegelt sich auch noch in unserem Leben wider. Wir wünschen uns an Silvester ein „glückliches Neues Jahr“. Aber: „frohe und gesegnete Ostern“. „Glückliches Neues Jahr“, das meint: das Positive möge siegen, alles soll sich zum Guten wenden. Das, was einem zustößt, möge – hoffentlich – der gute Zufall sein. Alles ist noch offen. Hingegen „Gott sei Dank“, das ist die Botschaft von Ostern. Das eigentlich Entscheidende ist schon passiert. Die Erinnerung an den Sieg über den Tod hat dem launischen Zufallsglück die Grundlage entzogen. Das Urübel des Leidens, der Tod, ist besiegt. Freude ist der Grundakkord.