Die Quittung - Volker Wörl - ebook

Die Quittung ebook

Volker Wörl

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TOP-Aktuell: Die Analyse des renommierten Wirtschaftsjournalisten - Was passiert ist - Warum es passiert ist - Was sich ändern muss "Die Finanz- und Wirtschaftskrise präsentiert Die Quittung für vielfältiges Fehlverhalten in vielen Lebensbereichen. Wenn dieser Befund stimmt, dann muss sich in vielen Bereichen vieles ändern." In seiner fundierten und anschaulichen Analyse geht der renommierte Wirtschaftsjournalist Volker Wörl den Ursachen auf den Grund. Er ist überzeugt: Es kann sich etwas ändern. Mehr noch: Wir alle können etwas ändern. Volker Wörl, Diplom-Volkswirt, ist bekannt als langjähriger Leitender Wirtschaftsredakteur der Süddeutschen Zeitung und Autor des Bestsellers "Deutschland ein neurotischer Standort?"

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Volker Wörl

Die Quittung

Volker Wörl

Die Quittung

Die Finanzkrise.

Und was wir daraus lernen können

© Verlag Neue Stadt, München, 2009

Downloads und Zitate nur mit ausdrücklicher schriftlicher Genehmigung des Verlags Neue Stadt.

E-BOOK-Ausgabe der gleichnamigen deutschen Ausgabe von 2009

© Verlag Neue Stadt, München

Umschlaggestaltung (unter Verwendung eines Fotos von: © froggy64 – www.photocase.de) und Satz: Neue-Stadt-Graphik

ISBN 978-3-87996-902-9

Datenkonvertierung eBook:

Kreutzfeldt Electronic Publishing GmbH, Hamburg

www.kreutzfeldt.de

Inhalt

Ein geschichtlicher Einschnitt7
Die „technischen Ursachen“ der Krise25
Tiefe Gräben spalten die Gesellschaft34
Wie 1929?40
Eine umfassende Krise44
Kleine Fehleranalyse49

Erster Fehler:

49Der Glaube, ständiges Wachstum schaffe allgemeines Wohlergehen

Zweiter Fehler:

Der Glaube, der Markt sei der beste Regulator51

Dritter Fehler:

Die Beschäftigung mit Dingen, von denen man nichts versteht53

Vierter Fehler:

Falsche Strategie – falsche Produkte57

Fünfter Fehler:

Die Verkennung der Bedeutung der Moral58

Die Verarmung der Armen

und die Krise der Mittelschicht63
Auf der Suche nach wirksamen Strategien70
Wirtschaftliche Zyklen81
Veränderte Gewichte in der Weltgemeinschaft84
Aus der Krise lernen88
Zentrale Themen: Nachhaltigkeit und Gerechtigkeit88
Not-wendige Besinnung auf die Fundamente99
Geld und Glück112
Die Reizwörter „Neoliberalismus“ und „Globalisierung“114
Ausblick123

Ein geschichtlicher Einschnitt

Es gibt Jahreszahlen, die werden einmal in den Geschichtsbüchern stehen. Das Jahr 2008 wird ein solches Jahr sein. Das liegt nicht nur an der Finanzkrise, die sich zu einer weltweiten Wirtschaftskrise ausgewachsen hat. Wichtiger noch, und mit ihr untrennbar verbunden, ist eine geopolitische Wende, nämlich der Verfall von Macht und Prestige der Vereinigten Staaten von Amerika. In den acht Jahren der Regierungszeit von George W. Bush vollzog sich ein beispielloser Verlust an innerer Stärke und äußerem Einfluss der USA. Die Finanz- und Wirtschaftskrise hat sich zwar seit dem Sommer 2008 von Monat zu Monat zugespitzt, sie hat den Erdball umrundet und niemand wagt zu prophezeien, wann sie zu Ende ist. Aber sie wird ein Ende finden – wenn nicht 2009, so doch in überschaubarer Zeit. Dagegen beendet Amerikas Abschied von seiner imperialen Position eine weltgeschichtliche Epoche.

Aber niemand darf und wird die Aufbruchstimmung und den Elan unterschätzen, die von dem so charismatisch wirkenden jungen Präsidenten Barack Obama ausgehen. Die geradezu demütige Kraft, die seine Antrittsrede durchzog, löste weltweit ein positives Echo aus. Amerika sucht eine neue Position im internationalen Kräftefeld – stark, aber nicht größenwahnsinnig.

„Das Gleichgewicht der Kräfte verändert sich ... Die Ära der amerikanischen Führung ist unwiderruflich vorbei“, schrieb John Gray, emeritierter Professor an der London School of Economics, im Oktober 2008 in der Süddeutschen Zeitung. Und weiter: „Man erkennt das schon allein daran, wie die Macht der USA in ihrem eigenen Hinterhof untergraben wird. Venezuelas Präsident Hugo Chavez kann die Supermacht necken und verspotten, so viel er will, bestraft wird er nicht. Auf globaler Ebene wird Amerikas Schwäche noch deutlicher. Mit der Verstaatlichung zentraler Teile des Finanzwesens haben die Vereinigten Staaten ihr Credo der freien Märkte selbst zerstört. Eine ganze Regierungsform mitsamt der Ökonomie ist kollabiert. Die Folgen werden so weitreichend sein wie beim Untergang der Sowjetunion.“

Der abermalige Gewaltausbruch im Nahen Osten um die Jahreswende 2008/2009 wirft ernste Fragen auf und könnte auch schwerwiegende finanz- und wirtschaftspolitische Folgen nach sich ziehen. Bleibt der Konflikt auf Israel und die Palästinenser beschränkt? Werden die islamischen Staaten einmal aus Solidarität die Ölförderung drosseln? Was macht die iranische Führung, die schon vordem mit dem Auslöschen des Staates Israel gedroht hat? Selbst wenn sich – derzeit weiß niemand wie – eine Lösung abzeichnen sollte, zeigt der Konflikt, wie labil und wie verwoben die weltweite Lage ist.

Die Vereinigten Staaten und im US-Kielwasser Großbritannien haben nach dem Untergang des Kommunismus und der gelenkten Wirtschaft in den Ländern hinter dem Eisernen Vorhang den unbestritten nützlichen Markt und seine Mechanismen dogmatisiert – er kann alles, er ist allmächtig und allwissend. Und in Europa, gerade auch in Deutschland, ließ man sich von den meist höheren amerikanischen Wachstumsraten faszinieren. Politiker, maßgebliche Journalisten, die meisten Wirtschaftswissenschaftler starrten bewundernd auf diese Politik, forderten sie als Maßstab allen ökonomischen Handelns.

Die Finanzkrise beweist, dass der Kapitalismus, so wie er in den letzten Jahrzehnten praktiziert wurde, menschenfeindlich, gefährlich, unmoralisch, in gewisser Weise sogar selbstmörderisch ist. Er hat das Weltwirtschaftsgefüge schwerstens gefährdet, den Zweifeln an der Globalisierung neues Futter gegeben. Die Krise hat nicht nur die Armen ärmer gemacht, sondern auch viele Reiche. Dummheit und Gier, Skrupellosigkeit und auch Betrug haben die Krise angeheizt, Panikreaktionen waren die erste Folge. Sie mündeten in eine weltweite Rezession. Die Verantwortung derer, die bestenfalls leichtfertig und mit begrenztem Horizont, oft aber auch gewissenlos diese Entwicklung vorangetrieben haben, ist eine Schuld im wahrsten Sinn des Wortes. Man sagt: Diese Schuld trifft auch Politiker, die es versäumt haben, einen Ordnungsrahmen und ein Kontrollsystem aufzubauen. Das ist leicht gesagt. Aber wer hätte das vermocht, konfrontiert mit ganz neuen finanzpolitischen Instrumenten, die bis dahin niemand kannte? Es war und ist immer noch, als stünden Ärzte vor Krankheitsbildern, die es bisher nicht gegeben hat.

Meine Gedanken schweifen weit zurück – wir schreiben das Ende der Fünfzigerjahre. Im „Audimax“, dem großen Hörsaal der Ludwig-Maximilians-Universität zu München, liest Professor Bernhard Pfister Allgemeine Volkswirtschaftslehre. Aus dem Mund über dem gepflegten Spitzbart kommt x-mal in einer Vorlesung das Wort „insgesamt“ – eine Marotte des nicht mehr ganz jungen Herrn. Manchmal, wenn es ein wenig langweilig wurde, habe ich gezählt, wie oft innerhalb von fünf Minuten – eine Marotte meinerseits (aber das ist eigentlich unwichtig). Damals, die Bundesrepublik war noch ziemlich jung, war es wichtig, dass ständig neue Absatzmärkte das „Wirtschaftswunder“ auf Touren hielten. Mit dem Erfinden neuer Produkte entstehen und entstanden sie, wodurch Kauflust mobilisiert wurde. Pfister erklärte dies am Beispiel des italienischen Motorrollers Vespa, der damals recht neu war. Die Vespa war das Traumfahrzeug vieler Studenten. Etliche parkten schon vor dem Universitätshauptgebäude am Geschwister-Scholl-Platz oder in der Amalienstraße. Mit dem eigenen Auto kam damals niemand zur Uni – wenn doch, vielleicht jeder Tausendste. Man konnte es sich nicht leisten und es hätte auch gar nicht in den Geist der Zeit gepasst. Die Studierenden kamen mit der Tram; wenn das Geld ausgegangen war, kamen sie mit dem Fahrrad oder zu Fuß – ich kam aus Ramersdorf.

Zwei oder drei Semester später bereicherte, aus Kiel kommend, Professor Erich Schneider die Besetzung der Fakultät. Er bescherte uns eine kleine Revolution, nämlich die Anfänge der mathematischen Volkswirtschaftstheorie. Wir lernten graphische Darstellungen – das Koordinatensystem mit der Nachfrage- und Angebotsfunktion war gleichsam die Anfangslektion. Und er präsentierte neue Vokabeln: Makroökonomie und Mikroökonomie, Geldschöpfung und Geldvernichtung, Akzelerationsprinzip und Exportmultiplikator, auch die sogenannte Liquiditätsfalle – sie droht uns jetzt, falls die mit den Konjunkturprogrammen wachsende Geldmenge gehortet wird. Und vom Exportmultiplikator haben wir profitiert.

Wir begegneten den Theorien des Magiers dieser Jahre, des britischen Nationalökonomen John Maynard Keynes, der etwa zehn Jahre zuvor gestorben war. Er brachte die Denkmodelle der nationalökonomischen Klassiker ins Wanken und übertrug dem Staat eine Schlüsselrolle. Wenn in der Krise die Nachfrage von Unternehmen und Haushalten zu niedrig ist und die Arbeitslosigkeit zunimmt, müsse er eingreifen, zusätzliche Schulden machen, die dann allerdings zurückbezahlt werden müssten, sobald es wieder besser läuft. Deficit spending nennt man das. Und gerade jetzt ist es in vollem Gang. Wann die Zeit reif sein wird, den Schuldenturm allmählich abzubauen, kann derzeit niemand vorhersagen. In der deutschen Wirtschaftspolitik fanden die Gedanken der „Keynesianer“ damals deutlichen Niederschlag. Während der Großen Koalition unter Bundeskanzler Kiesinger (1966 bis 1969) agierten der christlich-soziale Bundesfinanzminister Franz Josef Strauß und der sozialdemokratische Wirtschaftsminister Karl Schiller, „Plisch und Plum“ wurden sie in Anlehnung an Wilhelm Busch genannt, erfolgreich und harmonisch – zwei Politiker, die sich gegenseitig respektierten. Das magische Viereck – so nannte man das gleichzeitige Erreichen von vier wichtigen Zielen: Vollbeschäftigung, Preisstabilität, ausgeglichene Zahlungsbilanz und angemessenes Wirtschaftswachstum – wurde weitgehend erreicht. Aus der Magie wurde Realität – damals! In diesen Jahren konnte Wirtschafts- und Finanzpolitik noch weitgehend autonom betrieben werden. Von der Globalisierung war die Welt weit entfernt.

Inzwischen sind die Volkswirtschaften vernetzt wie nie zuvor. Was in Washington, Paris, Brüssel oder Peking geschieht und beschlossen wird, muss von Bundesregierung und Bundesbank beachtet werden.

Immer dann, wenn Geld zu billig ist, wenn die Geldmenge aufgebläht wird, droht eine Inflation. Menschen und Unternehmen verschulden sich, werden zahlungsunfähig, die Börsen schnappen über, im kapitalistischen Wirtschaftssystem brechen Krisen aus. In den USA, in jenem Land also, in dem der Optimismus eine nationale Tugend zu sein schien, hat sich im Jahr 2008 Angst breitgemacht. Und von Amerika ausgehend hat die Krise Mitschuldige und Unschuldige erfasst. Die Wahl von Barack Obama zum Präsidenten, die Wahl eines Mannes, den vor wenigen Jahren noch kaum jemand kannte, ist symptomatisch. Er hat change, den Wechsel, thematisiert und damit eine Grundsehnsucht seiner Landsleute angesprochen. Amerikas Bürger plagt derzeit nichts so sehr wie die Sorge um ihre wirtschaftliche Zukunft. Und sie sind mit dieser berechtigten Sorge nicht allein.

Der Beinahe-Kollaps des Weltfinanzsystems

Noch nie vorher in der Nachkriegszeit hat sich die Situation der Weltwirtschaft innerhalb weniger Monate so gravierend verschlechtert wie zwischen Frühsommer und Jahresende 2008. Bis in den Sommer konnte man hoffen, dass die Krise ihren Schwerpunkt in den USA behalten, nur abgeschwächt den Atlantik überqueren und im Wesentlichen auf den Finanzsektor beschränkt bleiben würde. Die Aktienkurse begannen sich zu erholen. Dann kam im September der Zusammenbuch der Investmentbank Lehman Brothers, gleichzeitig drohte der weltgrößten amerikanischen Versicherungsgesellschaft AIG das Aus. Die Investmentbank Merrill Lynch flüchtete unter die Fittiche der Bank of America. Die Häuser Goldman Sachs und Morgan Stanley gaben ihren Status als bloße Investmentbanken (die kein direktes Publikumsgeschäft betreiben) auf. Es war nicht nur das Ende eines finanztechnischen Experiments, vielmehr die unfreiwillige Kapitulation eines erzkapitalistischen Geschäftsmodells. Gerade die Investmentbanken waren nämlich die Erfinder jener Wertpapierkonstruktionen, Derivate – also Ableitungen – genannt, die innerhalb von höchstens zwei Jahrzehnten den Weltmarkt überschwemmten.

Innerhalb weniger Tage tauchte die ganz reale Gefahr eines Zusammenbruchs des Weltfinanzsystems auf. Warum? Die Krise bekam eine Dimension, die bis heute weit über das Ökonomische hinausreicht. Das Vertrauen in die gesamte Bankwelt stand vor dem Kollaps. In einer solchen Situation droht die Gefahr, dass Menschen die Bankschalter stürmen, weil sie retten wollen, was zu retten ist. Sie ziehen ihr Geld aus Fonds zurück, verkaufen Wertpapiere, bis es nicht mehr geht. Banken müssen den Zahlungsverkehr einstellen, es gibt keine Kredite mehr und schließlich auch kein Geld mehr für Sparer und Anleger. Der internationale Zahlungsverkehr kommt zum Erliegen.

Der amerikanische Staat, unverzüglich auch andere Staaten übernahmen ein Maß Verantwortung, wie man es bis dahin auch nicht in Ansätzen gekannt hatte. Einlagen der „kleinen Leute“ wurden garantiert – man erinnert sich an eine geradezu beschwörende Ansprache der deutschen Bundeskanzlerin. Das Überleben Dutzender von Kreditinstituten wurde durch Bürgschaften und direkte Geldflüsse gesichert. Die Bremer Landesbank hat gerechnet: In den Herbsttagen 2008 flossen in den USA, in der Europäischen Union, in China und (weit weniger) in Japan aus staatlichen Etats fast zwei Billionen Dollar zu den Banken, das sind 2 000 Milliarden. Addiert man dazu alles, was nachher aus staatlichen Töpfen als Direkthilfe oder in Form von Bürgschaften in Bewegung kam, so landet man bei rund 13 000 Milliarden Dollar, das ist ungefähr ein Viertel der weltweiten Jahreswirtschaftsleistung. Zum Vergleich: Das deutsche Bruttoinlandsprodukt, die volkswirtschaftliche Leistung, liegt unter 2 500 Milliarden Euro.

Welche Folgen diese Kraftakte in den nächsten Jahren für die Staatshaushalte haben werden, wie sie den Geldwert beeinflussen werden, vermag heute niemand mit Sicherheit zu sagen. Vierstellige Milliardenbeträge werden hergezaubert. Das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen benötigt 2009 lumpige 4 Milliarden Euro. Niemand weiß, woher sie kommen sollen. Ende April, so die Prognose Anfang 2009, geht dem Programm das Geld aus. Wen wundert es?

Dramatisch war auch die Entwicklung auf den Energie- und Rohstoffmärkten. Noch im Sommer 2008 schienen die Preise zu explodieren. Bis Jahresende haben sich etliche halbiert oder sogar gedrittelt. Der Ölpreis ist bis Jahresende vom damaligen Höchstpreis von 150 Dollar je Barrel unter 40 Dollar gesunken. Das wirkt auf den ersten Blick sehr schön, entlastet die Geldbeutel der Autofahrer und spart eine Menge Geld beim Heizölkauf. Aber man sollte dahinter schauen. Erstens zeigt es, was Spekulation vermag, zweitens ist es ein untrügliches Zeichen dafür, dass sich die Konjunkturräder nur noch langsam drehen. Seit Jahresbeginn schwebt nun die Gaza-Krise als unheimliche Drohung über dem Energiemarkt. Wird der Ölpreis alsbald wieder steigen?

Der Deutsche Aktienindex (Dax) fiel innerhalb eines Jahres um 40 Prozent. Der Börsenwert der 300 größten deutschen Unternehmen sank um etwa 280 Milliarden Euro – diese Summe entspricht etwa dem Volumen des Bundeshaushalts. Es ist allerdings falsch zu sagen, die Milliarden hätten sich gleichsam in Luft aufgelöst. Zumindest könnte man ebenso sagen, der vorher auf mehr als 8 000 Punkte gestiegene Index war eine Luftblase. Die Kurse standen auf dem Papier. Über reale Werte von Unternehmen kann man lange philosophieren und streiten – das geschieht zum Beispiel bei jeder Fusion, bei jedem Firmenkauf und führt oft zu sehr unterschiedlichen Werten.

Die Krise hat inzwischen vom Finanzsektor immer stärker auf die Realwirtschaft übergegriffen – und zwar nicht nur auf die Autobauer und ihre Zulieferer, sondern auch auf die Stahlindustrie, die chemische Industrie und andere Schlüsselbranchen. Positiv ist zu vermerken, dass der in der ersten Jahreshälfte 2008 befürchtete Preisschub ausgeblieben ist. Die abgeklungene Sorge vor steigenden Preisen entlastet den Privatverbrauch und erleichtert es den Zentralbanken, mit Zinssenkungen der Rezession entgegenzuwirken. Inzwischen werden aber schon die Gefahren einer Deflation beschworen, eines allgemeinen Preisrückgangs. Sie sind nicht zu unterschätzen: Verbraucher neigen in der Deflation dazu, ihr Geld zu horten, weil sie morgen mehr dafür bekommen als heute. Schulden dagegen werden real immer mehr wert. Deswegen werden Kredite zögernder aufgenommen. Deflation bedeutet fast immer wirtschaftliche Stagnation. In solchen Situationen ist es wichtig, dass die führenden Wirtschaftsmächte ihre Politik zur Krisenbekämpfung koordinieren. Dies geschieht jetzt, im Unterschied zu der oft zitierten Großen Krise 1929 bis 1932, in der die betroffenen Länder nebeneinander her, oft sogar gegeneinander agierten ...

Was manche Bankmanager und Finanzjongleure sich in diesem Krisenjahr geleistet haben, wäre sozialistischen Agitatoren, die solches prophezeit hätten, vordem als üble Agitation um die Ohren geschlagen worden. Und welcher Kriminalromanautor kam bis dahin auf die Idee, Polizisten in Kompaniestärke in die Wohnungen von Vorstandsmitgliedern marschieren zu lassen?

Die massive Schuld der Spitzenbanker an dem weltweiten Debakel ist unbestritten. Einige reumütige Bankmanager haben sich selbst dazu bekannt. In Amerika konnte ein Mensch namens Bernard Madoff, der einmal Bademeister war, mit im Grunde simpel konstruierten Schneeballgeschäften jahrelang, von der Börsenaufsichtsbehörde unbehelligt, das größte Betrugsgebäude aller Zeiten aufbauen. Der Gesamtschaden wird mit 50 Milliarden Dollar beziffert. Allerdings muss man inzwischen mit Zahlen vorsichtig umgehen, denn sie können sich fast von Tag zu Tag ändern.

In Deutschland hätte der gerade noch verhinderte Zusammenbruch der Immobilienbank Hypo Real Estate im Herbst wahrscheinlich das gesamte deutsche Finanzsystem kollabieren lassen, wenn nicht buchstäblich in letzter Stunde der Bund, sprich das Millionenheer der Steuerzahler, 30 Milliarden Euro an Hilfen und Garantien bereitgestellt hätte. Findige SZ-Redakteure haben ausgerechnet, dies sei doppelt so viel wie alle drei Millionen Kindergartenplätze in Deutschland jedes Jahr kosten. Die Hauptursache des Debakels ist nicht ohne Reiz, weil sie eine schlimme Schwachstelle unserer offenen Märkte offenbart: Erst Ende 2007 hatte Real Estate die als Staatsfinanzier agierende Bank Depfa gekauft, die sich ihrerseits im Steuerparadies Dublin/Irland angesiedelt hat, wo es praktisch keine Bankaufsicht gibt. Noch im Sommer wiegelte Estate-Chef Georg Funke ab. Gegen ihn, seine Vorstandskollegen und den ehemaligen Chef des Aufsichtsrats, Kurt Viermetz, ermittelt jetzt, um die Jahreswende 2008/2009, die Staatsanwaltschaft. Man muss sich solche Fälle schon genauer ansehen, weil sie ein Schlaglicht werfen auf eine Branche, die jahrzehntelang nicht nur mit guten Zahlen protzte, ihre Spitzen-Repräsentanten gaben sich auch gerne elitär als Herren und Garanten des Wohlstands und der finanziellen Sicherheit in diesem schönen Land. Die Konfrontation mit zweistelligen Milliardensummen ist inzwischen schon fast Alltag geworden. Die Finanzwelt generell ein Irrenhaus zu nennen beleidigt freilich die schuldlosen Kranken.

Kleine Rückblende

Finanzielle Turbulenzen gab es seit der Jahrtausendwende. Der lange als Finanzgenie gepriesene ehemalige Chef der US-Notenbank, Alan Greenspan, betrieb Jahre hindurch eine Politik des billigen Geldes und vertraute darauf, dass die Marktkräfte gefährliche Entwicklungen der Liquiditätsschwemme korrigieren würden. Mit extrem niedrigen Zinsen reagierte er auf das Platzen der New-Economy-Blase und den Börsencrash der Technologieaktien. Das Internet hatte damals gerade seinen Siegeszug rund um den Globus begonnen. Alle mit den neuen Technologien befassten Unternehmen florierten. In Deutschland erlebte die Telekom-Aktie einen Höhenrausch. Viele Hunderttausend kleine Aktionäre wollten mit ihr auch ein wenig reich werden. Wer sich da nicht rechtzeitig entschloss, seine Gewinne mitzunehmen, der hat bitter draufgezahlt.