Die Liebe leben - Richard Rohr - ebook

Die Liebe leben ebook

Rohr Richard

0,0

Opis

Franz von Assisi ist wohl der beliebteste Heilige. Er war bodenständig und trotzdem ein Revolutionär. Und er beschritt einen neuen, alternativen Weg, Jesus nachzufolgen. Aber was war es genau, das er anders machte und wodurch er nachhaltig bis in unsere Zeit wirkte? Der Franziskanerpater Richard Rohr zeichnet ein Bild des Heiligen, das jenseits der bekannten biografischen Daten seine Spiritualität und Vorbildfunktion für die Menschen der heutigen Zeit neu erschließt. Rohr legt dar, wie Franziskus uns dabei helfen kann, uns wieder auf das Wesentliche zu besinnen und uns selbst und unseren Nächsten lieben zu lernen. Ein Buch, das uns die tiefe, von Liebe und Leidenschaft geprägte Spiritualität des Franziskus spüren lässt.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 357

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



RICHARD ROHR

Die Liebe leben

Was Franz von Assisi andersmachte

Aus dem Amerikanischenvon Ulrike Strerath-Bolz

Impressum

Titel der amerikanischen Originalausgabe

Eager to Love: The Alternative Way of Francis of Assisi,

Published by Franciscan Media, Cincinnati

© 2014 by Richard Rohr, OFM

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: Designbüro Gestaltungssaal

Umschlagmotiv: © JFL Photography - Fotolia

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80731-2

ISBN (Buch) 978-3-451-31279-3

Inhalt

VorwortEtwas Altes und etwas Neues

Kapitel 1Was meinen wir, wenn wir »Mystik« sagen?

Kapitel 2Ein glücklicher Weg nach unten – die innere Autorität derer, die Leiden kennen

Kapitel 3Leben am inneren Rand: Einfachheit und Gerechtigkeit

Kapitel 4Das Basislager: die Natur und die Straße

Kapitel 5Kontemplation: eine andere Art des Erkennens

Kapitel 6Eine andere Orthodoxie: auf andere Dinge achten

Kapitel 7Der franziskanische Geist: die Integration des Negativen

Kapitel 8Leichtes Herz und festes Auftreten: die Integration des Weiblichen und Männlichen

Kapitel 9Claras Erbe: ein tief gelebtes Leben

Kapitel 10Die Welt der anderen: Franziskus und der ägyptische Sultan

Kapitel 11Bonaventura: Hingabe an die Liebe und Rückkehr zur Quelle

Kapitel 12Johannes Duns Scotus: alles andere als ein Dummkopf

Kapitel 13Ein spirituelles Naturtalent

Anhang IJesus von Nazareth und der kosmische Christus:eine dynamische Einheit

Anhang IIIst Gott eine Person? Die franziskanische Sicht des Göttlichen

Anhang IIIWas ist Kausalität?

Nachwort

Dank

Anmerkungen

Und so dreht sich das Rad, bringt Licht vom Himmel ins irdische Leben und gibt das Leben dem Licht zurück. So vereint es die abwärts gerichtete Agape und den aufwärts gerichteten Eros, Abstieg und Aufstieg, Mitgefühl und Weisheit, mit jedem Atemzug, den wir nehmen.1

Ken Wilber

VorwortEtwas Altes und etwas Neues

Die Sehnsucht nach einem neuen Weg bringt den Weg nicht hervor. Nur das Beenden des alten Weges kann das erreichen.

Wir können nicht am Alten festhalten und gleichzeitig behaupten, dass wir etwas Neues wollen.

Das Alte trotzt dem Neuen;

das Alte verleugnet das Neue;

das Alte schreit das Neue nieder.

Es gibt nur eine Möglichkeit, Neues hervorzubringen. Wir müssen Platz dafür schaffen.2

Neale Donald Walsh

Franz von Assisi war ein Meister darin, Platz für Neues zu schaffen und loszulassen, was müde oder leer war. Wie schon sein erster Biograf sagte: »Er war immer neu, immer frisch, fing immer wieder neu an.«3 Sein Genie bestand nicht zuletzt darin, dass er bereit war für das Neue, das von Gott kam, und deshalb den frischen, neuen Haltungen in sich selbst traute. Sein Gott war nicht müde, also war er es auch nicht. Sein Gott war nicht alt, und deshalb blieb Franziskus immer jung.

Immer wieder entstehen neue Begriffe, frische Symbole, neue Rahmen und Stilrichtungen, aber Franziskus muss gewusst oder doch intuitiv gespürt haben, dass es nur eine einzige dauerhafte spirituelle Einsicht gibt, aus der alles andere folgt: Die sichtbare Welt ist eine bewegliche Tür zur unsichtbaren Welt, und die unsichtbare Welt ist viel größer als die sichtbare. Ich nenne diese mystische Einsicht »das Mysterium der Inkarnation«, der letzten Vereinigung von materieller und spiritueller Welt. Oder ganz einfach Christus.4

Unsere äußere Welt und ihre innere Bedeutung müssen zusammenkommen, damit Ganzheit und Heiligkeit entstehen können. Das Ergebnis sind tiefe Freude und ein klingendes Gefühl von Zusammenhang und Schönheit. Im Leib Christi manifestierte sich diese eine universelle Wahrheit: Die Materie ist seit jeher der Ort, an dem sich der Geist verborgen hält und sich neu entdecken lässt. Vielleicht meint Jesus genau das, wenn er sagt: »Ich bin die Tür« (Johannes 10,7). Franziskus und seine Begleiterin Clara lebten dieses Mysterium bis hin zur letzten, liebenden Konsequenz. Oder besser gesagt: Sie wurden davon gelebt. Sie wussten wohl, dass das Jenseits nicht wirklich jenseits liegt, sondern im Hier und Jetzt.

In diesem Buch will ich mit Ihnen einen der attraktivsten, verlockendsten und zugänglichsten Rahmen und Wege zum Göttlichen teilen. Er wird als der »Franziskanische Weg« bezeichnet, nach dem Mann, der ihn als Erster beschritten hat, Francesco de Bernardone, der von 1182 bis 1226 im italienischen Assisi lebte. Im Unterschied zu den meisten anderen Büchern über den hl. Franziskus und seine Lehre werde ich hier nicht mit den üblichen biografischen Daten oder mit dem oft scherzhaft so genannten »Vogeltränke-Franziskus« beginnen. Dieses Bild ist schön und oft auch tröstlich, ein guter Einstieg, aber am Ende zu harmlos und oft auch unecht. Die meisten von uns sind mit den Grundzügen seiner Lebensgeschichte vertraut, und es gibt in den Katalogen der Library of Congress keinen anderen Menschen mit mehr Einträgen. Gute Biografien finden Sie also leicht.

Die Ironie, mit der ich beginnen will, ist folgende: Franziskus und Clara waren zwei Aussteiger, die sich dem Erfolgs-, Kriegs- und Wirtschaftsdenken im Assisi des 13. Jahrhunderts total verweigerten. Und nun stützen sie seit 800 Jahren die Wirtschaft dieser Stadt, die auf all den zahlreichen Pilgern und Touristen beruht, die in diese schöne mittelalterliche Stadt strömen. Seit Jahrhunderten sind die Familien Bernardone und Offreduccio sehr stolz auf ihre Kinder, aber das galt auf keinen Fall zu Lebzeiten dieser Kinder. Francesco und Chiara wurden später der hl. Franziskus und die hl. Clara, was seine guten und schlechten Seiten hat. Wie Dorothy Day über offizielle Heilige sagt: »Wir sind einfach zu schnell mit ihnen fertig.« Wenn wir uns mit dem hübschen Vogeltränke-Franziskus zufrieden geben, kommen wir kaum weiter und werden seiner eigenen gesellschaftlichen Realität auch nicht gerecht.

Franziskus bekommt oft die Funktion eines idealisierten, freien, glücklichen Vorbilds für spirituell Suchende, von den Hippies bis zu frommen Konservativen, von Sozialisten bis zu Liberalen. Aber dabei handelt es sich nicht immer um den echten Franziskus. Natürlich bringt dieses Buch auch Zitate und Anekdoten aus seinem Leben, aber es konzentriert sich im Wesentlichen auf seine bleibende Bedeutung, seine Nachwirkung, sein Erbe – bis hin zum heutigen Papst Franziskus – und weniger auf sein romantisches Leben und unsere eigenen Projektionen und Phantasien.

Zunächst wird es darum gehen, die immer noch andauernde Wirkung und das Neue zu untersuchen, das von Franziskus ausging. Dann werden wir sein revolutionäres Leben vielleicht mit noch mehr Staunen betrachten. Wie Søren Kierkegaard sagte: »Wir führen unser Leben vorwärts, aber wir verstehen es rückwärts.« Genau das will ich in diesem Buch in Bezug auf Franziskus und Clara versuchen. Ein Blick auf die vielen dauerhaften Verbindungen, die Franziskus in seinem Leben knüpfte zeigt, wie sehr er uns helfen kann, auf den ursprünglichen, aber seit langer Zeit verloren gegangenen Weg zurückzukehren, den wir Evangelium nennen. Wir wollen versuchen, Franziskus zu verstehen, indem wir sein Leben vor dem Hintergrund dessen betrachten, was seine und Claras Nachfolger hervorbrachten, indem sie immer wieder entdeckten, was man nur als »radikale Vereinfachung« bezeichnen kann. Ich denke an Leute wie Thérèse von Lisieux, Charles de Foucauld, Dorothy Day, Seraphim von Sarow und Niklaus von Flüe (Bruder Klaus), an viele tausend katholische und evangelische Missionare, an Mutter Teresa und jetzt auch an Papst Franziskus. Der Weg des Franz von Assisi lässt sich nicht auf den formellen Franziskanismus beschränken, einfach weil er letztlich dem Evangelium entspricht, in einer sehr destillierten, ehrlichen Form.

Ich möchte hier illustrieren, was Franziskus verändert und anders gemacht hat und was sich aus seiner einzigartigen Ganzheit ergeben hat. Wir werden sehen, dass Franziskus ein sehr traditioneller und gleichzeitig ein sehr neuer Heiliger war und dass er bis heute ein solches Paradox darstellt. Er stand barfuß auf der Erde und berührte doch den Himmel. Er war in seiner Kirche tief verwurzelt und hatte doch einen Zug zum Kosmos. Er lebte glücklich in der sichtbaren Welt und litt und jubelte doch auch in der Welt, die andere für unsichtbar hielten. Er war auf jede erdenkliche Weise gleichzeitig in zwei Welten zu Hause und vereinte sie in sich.

Wie alle Heiligen hatte er Freude an seiner absoluten Kleinheit und seiner absoluten Verbundenheit mit dem Göttlichen. Natürlich sind diese beiden Dinge voneinander abhängig. Er und Clara starben in das Leben hinein, das sie liebten, statt in der Angst vor einem Tod zu leben, der ihr Leben beenden könnte. Sie waren beide in höchstem Maße bereit zur Liebe und sie wussten irgendwie, dass der Tod des Alten und Unnötigen dazugehörte, wenn sie diese Liebe in der Tiefe leben wollten. Die meisten von uns erkennen das offensichtlich nicht – und wehren sich gegen jede Veränderung.

Aber Franziskus’ Heiligkeit war wie jede Heiligkeit einzigartig und weder eine Kopie, noch eine reine Imitation. In seinem Testament schreibt er: »Niemand hat mir gesagt, was ich tun sollte«, und ganz am Ende seines Lebens hat er gesagt: »Ich habe das Meine getan, jetzt müsst ihr das Eure tun.« Welche Erlaubnis, welch eine Freiheit und welch einen Raum gab er damit seinen Nachfolgern! Bonaventura wiederholte dieses Verständnis von einzigartiger, persönlicher Berufung, als er lehrte: »Jeder und jede von uns wird von Gott auf eine besondere, unvergleichliche Weise geliebt, wie sich auch Braut und Bräutigam lieben.«5 Franziskus und Clara wussten, dass die Liebe Gottes zu jeder einzelnen Seele einzigartig und maßgeschneidert ist. Deshalb fühlen sich alle »Geretteten« so sehr geliebt und auserwählt und wie Gottes Lieblingskinder, ähnlich wie so viele Menschen in der Bibel. Gottes Nähe ist immer individuell und maßgeschneidert und kommt uns eben deshalb so nah.

Haben Sie gemerkt, dass Franz von Assisi fast nie mit einem Buch in der Hand abgebildet wird wie so viele andere Heilige, die eher als Lehrer wahrgenommen werden? Oder mit einem Kirchengebäude im Arm wie so viele große Kirchenmänner, oder mit seiner Ordensregel wie Benedikt oder Basilius? Auf seinen Abbildungen leuchtet er, tanzt in Ekstase gemeinsam mit Tieren oder mit erhobenen Armen. Sein befreiter Körper, der mit allem in Berührung ist, wird zur wichtigsten Botschaft. Auf vielen Bildern hat er nicht einmal einen Heiligenschein wie so viele andere. Er sieht so eindeutig verwandelt aus, dass es scheint, als würden wir die Vergewisserung, dass er unter den Heiligen weilt, gar nicht mehr brauchen. Wenn Sie mir nicht glauben, überprüfen Sie es selbst in den Museen! Franziskus’ Leib, Leben und Botschaft scheinen aus sich heraus zu leuchten. Schon sein Name ist voller Strahlkraft und Glück: Francesco, Franz, François, Francisco, »little brother Francis«.

Jesus selbst, Paulus, sein bilderstürmender Vermittler, aber auch Franziskus und Clara machten Platz für Neues, indem sie ganz und gar bereit waren, das Alte loszulassen. Das ist ein sehr seltenes Muster in der Geschichte der verfassten Religion, die nur allzu oft an den kleinen, bequemen Traditionen hängt. Alle diese wegweisenden Leute hatten den Mut und die Klarheit zu unterscheiden, was ewige Weisheit und was realitätsfern, vergänglich und lediglich kulturell oder gar destruktiv war. Sie entsprachen dem, was sich Jesus unter einem »Nachfolger des Gottesreiches« vorstellte. Er spricht von diesen Menschen als »einem Hausherrn, der Neues und Altes aus seinem Schatz hervorholt« (Matthäus 13,52). Johannes der Täufer beschreibt Jesus als eine »Wurfschaufel«, die Spreu und Weizen voneinander trennt (Matthäus 3,12), statt einfach anzunehmen, dass die eigene Religion der Weizen ist und alle anderen die Spreu.

Echte spirituelle Unterscheidungskraft ist nie so einfach, wie es das Ego gerne hätte. Sie leitet uns zu echter Seelenarbeit an, wie sie auch Franziskus und Clara mit Entschlossenheit und Ehrlichkeit geleistet haben, fast ohne Ratgeber, kirchliche Anerkennung oder Ermutigung von außen. Stellen Sie sich das einmal vor! Trotzdem erlangten sie allmählich und vollständig das Vertrauen und die Bewunderung ihrer Zeitgenossen, obwohl sie die meisten kulturellen und sogar kirchlichen Regeln verletzten. Es gibt allerdings keine Aufzeichnungen darüber, dass auch ihre Väter ihnen irgendwann recht gegeben hätten.

Die franziskanische Ausprägung des Christentums ist allerdings keine umstürzlerische Aufgabe traditioneller christlicher Bilder, der Geschichte oder der Kultur, sondern eine positive Entscheidung für die tiefen, leuchtenden und dauerhaften Gottesbilder, die unter den allzu einfachen Formeln verborgen liegen. Es ist keine Fastfood-Religion, sondern langsam verdauliche, gesunde Nahrung. Weder Jesus noch Franziskus ließen zu, dass das Alte dem Neuen im Wege stand, aber wie alle großen religiösen Geister enthüllten sie, was das Alte immer schon gesagt hatte. Neben den vielen klugen Dingen, die man bei dem heutigen Glaubenssucher Christian Wiman finden kann, steht auch dieser unglaublich weise Satz: »Der Glaube selbst muss manchmal von seinen gesellschaftlichen und historischen Verkrustungen befreit werden und im Herzen des Menschen zu seiner ersten, noch kirchenfreien Inkarnation zurückgeführt werden.«6

Franziskus benannte und lebte diese erste, kirchenfreie Inkarnation des Glaubens im Herzen des Menschen, aber er wusste auch, dass gerade diese halbkluge, organisierte Kirche ihr gemeinsames Mysterium an ihn weitergegeben und für künftige Generationen auf bewahrt hatte. Er war demütig und geduldig genug, um zu wissen, dass alle Wahrheit geteilte Wahrheit ist und dass es Organisationen braucht – bei all ihren Schwächen –, um die Wahrheit mitteilbar, historisch und gemeinschaftstauglich zu machen. Er wusste um die Demut (kenosis) und Geduld der Inkarnation. Selbst ein kleines Stückchen Wahrheit ist mehr als genug für einen Heiligen.

Gerade weil sowohl Jesus als auch Franziskus im wahrsten Sinne des Wortes »Konservative« waren, bewahrten sie, was bewahrenswert war – den Kern, das transformative Leben des Evangeliums – und ließen nicht zu, dass sich jene Zufälligkeiten in den Weg stellten, an denen falsche Konservative so sehr hängen. Am Ende wirkten sie dann ziemlich »progressiv«, radikal, ja gefährlich für den Status quo. Aber das ist das durchgehende biblische Muster, von Abraham über Mose, Jeremia und Hiob bis hin zu Johannes dem Täufer, Maria und Josef. Große Seher enden mit ihrem Mut und ihrer Weisheit immer bei dem, was auch Jesus gesagt hat: »Das Gesetz sagt, und ich sage es auch …« (Matthäus 5,20–48).

Franziskus sagte das sogar zu einem Kardinal, der eine frühe Zusammenkunft der Brüder überprüfte: »Ich will nichts mehr von der Regel des hl. Augustinus, des hl. Bernhard oder des hl. Benedikt hören. Der Herr hat mir gesagt, dass er mich zu einem neuen Narren machen will.«7 Großartig! Dieser Mann nimmt gleich auf mehreren Ebenen den Mund ziemlich voll. Hat er seine großen Vorgänger unter den Heiligen zurückgewiesen oder war er tatsächlich so sicher, dass er das Seine tun musste, auch wenn er dabei aussah wie ein Idiot, wie er selbst einmal sagte? Große Heilige sind mutig und kreativ, sie sind »Ja-und«-Denker, nichtduale Denker, die sich nicht in der kleinen Welt des »Entweder-oder« einsperren lassen. Es sei denn, es ginge um Liebe und Mut: Da sind sie »Alles oder nichts«-Denker.

Die biblischen Propheten waren schon ihrer Definition nach Seher und Sucher des ewigen Mysteriums, eine Tätigkeit, die dem alten Blick und allem Sicherheitsdenken stets gefährlich neu und häretisch erscheint. Die Propheten lebten am inneren Rand des Judentums. Johannes der Täufer lebte ebenso am inneren Rand des Tempeljudentums, und Paulus tat das Gleiche, als er Petrus und dem neuen christlichen Establishment in Jerusalem scharf zu widersprechen wagte (Galater 2,1–14). Franziskus und Clara führten dieses klassische Muster in ihrer Heimatstadt fort, als sie physisch aus der Oberstadt und damit aus der Oberschicht von Assisi in die Unterschicht, zu den »minores« zogen.8

Dort mussten sie nichts beweisen oder verteidigen, und sie hatten beste Chancen auf frische, ehrliche Erfahrungen – und auf die Entdeckung ihrer wahren Mitte. Es ist eine ironische Wahrheit, dass wir an die Ränder gehen müssen, um die Mitte zu finden. Aber Propheten, Eremiten und Mystiker wissen das. Nur dort waren und sind sie in der Lage, auch an den Rand ihres eigenen Lebens zu kommen, ohne nach dem Oberflächlichen zu suchen oder die Oberfläche zu schützen. Nur dort stürzen sie ab bis zum Kern und zur Mitte ihrer eigenen Seele und ihrer eigenen Erfahrungen.

Lassen Sie sich von Franziskus und Clara zeigen, wie man in das eine, einzige Leben hineinstirbt, das Leben, das zu lieben wir lernen müssen. Sie werden sehen, dass es sich um eine kontinuierliche Bewegung handelt: Sie lernen Ihr Leben zu lieben und gestatten sich dann, voll und ganz hineinzusterben. Und sie sterben nie davon weg. Wenn der Tod mit echter Freude in das Leben integriert wird, dann sind Sie bereits im Himmel, und dann sind Angst und Hölle gar nicht mehr möglich. Das ist der franziskanische Weg. Das Evangelium ist keine Feuerversicherung für die nächste, sondern eine Lebensversicherung für diese Welt. Franziskus und Clara haben die üblichen Verkleidungen von Himmel und Hölle durchschaut,9 und sie sind offenbar ganz allein darauf gekommen. Meine Hoffnung und mein Wunsch sind, dass Sie mithilfe dieses Buchs Ihren eigenen Himmel ebenfalls erkennen können. Und zwar jetzt!

KAPITEL 1Was meinen wir, wenn wir »Mystik« sagen?

Es ist wie bei den Liebenden:

Wenn es richtig ist, kann man nicht sagen, wer wen küsst.10

Gregory Orr

Das Traurige an der Mystik ist die Tatsache, dass das Wort selbst so sehr mystifiziert worden ist. Als wäre Mystik nur etwas für ganz wenige Auserwählte. Für mich bedeutet das Wort einfach »experimentelles Wissen spiritueller Dinge«, im Gegensatz zum Wissen aus Büchern, aus zweiter Hand oder aus der kirchlichen Lehre.11

Ein Großteil der organisierten Religion hält uns unwillkürlich vom mystischen Weg fern, indem sie uns rät, fast ausschließlich auf äußere Autoritäten, die Heilige Schrift, Tradition oder verschiedene Arten von Experten zu vertrauen – also auf die Gefäße –, und uns nichts über die Bedeutung der eigentlichen inneren Erfahrung sagt – also über den Inhalt. Tatsächlich sind wir fast alle eindringlich davor gewarnt worden, jemals auf uns selbst zu vertrauen. Katholiken sollen zuerst und zuletzt der kirchlichen Hierarchie vertrauen. Mainstream-Protestanten hören immer wieder, dass die innere Erfahrung gefährlich, nicht schriftgemäß und unnötig sei.

In beiden Fällen werden Menschen von einer echten Gotteserfahrung ferngehalten und zu passiven (und oft genug passiv-aggressiven) Leuten gemacht. Und was noch viel trauriger ist: Viele Menschen sind zu dem Schluss gekommen, es gebe gar keinen Gott, den zu erfahren sich lohnen würde. Wir haben gelernt, unseren eigenen Seelen zu misstrauen – und damit dem Heiligen Geist. Das steht in krassem Widerspruch zu Jesus, der sagt: »Geh hin in Frieden, dein Glaube hat dir geholfen.« Und er sagte das zu Leuten, die ihn nicht zuvor dogmatisch bestätigt hatten, die nicht der Ansicht waren, er sei Gott, die keiner moralischen Überprüfung standgehalten hatten und oft auch nicht zur »korrekten« Gruppe gehörten. Er sagte das zu Leuten, die ihm einfach vertrauten, mit offenem Herzen und aus ihrer eigenen hungrigen Erfahrung heraus, dass Gott sich in diesem konkreten Augenblick um sie kümmerte.

Pfingstler und Charismatiker sind heute eine wichtige Ausnahme von dieser Regel, dass man religiöse Erfahrungen vermeidet, und ich glaube, ihre »Geisttaufe« ist ein echtes, gültiges Beispiel für die Anfänge mystischer Begegnung. Leider fehlen ihnen zu einer reifen Mystik eine solide Theologie, ein Grundwissen in Entwicklungspsychologie und soziales Engagement, das ihre Füße auf dem Boden der inkarnierten Welt hält. Und deshalb führt ihre authentische, aber allzu egozentrische Erfahrung zu einer oberflächlichen, allzu konservativen Theologie und dann auch noch zu rechter Politik. Trotzdem sind der Kern und die Wahrheit der Erfahrung immer noch da, sie liegen gleich unter der Oberfläche.12

Die Ironie in allen Versuchen, sich allzu sehr auf Äußerlichkeiten zu verlassen, liegt darin, dass die Menschen am Ende doch trotzdem ihrer eigenen Erfahrung glauben. Wir alle betrachten die Welt notwendigerweise durch die Brille unseres eigenen Temperaments, unserer frühen Konditionierung, unserer Gehirnfunktionen, unserer gesellschaftlichen Rolle und Stellung, unserer Bildung, unserer persönlichen Bedürfnisse und unserer kulturellen Vorurteile und Vorstellungen. Ja, unsere Erfahrungen unterliegen tatsächlich leicht allen möglichen Missverständnissen, weil wir von unserem »Moment« ausgehend vermuten, alle anderen müssten zum gleichen »Moment« kommen. Das liefert uns einen guten Grund, dem Narzissmus anderer Menschen noch mehr zu misstrauen. Noch häufiger kommt es vor, dass Menschen glauben, ihre Erfahrungen kämen zu 100 Prozent von Gott, ohne irgendwelche Filter, die ihre eigenen Pläne und ihr eigenes Ego ausblenden. Sie vergessen, was Paulus gesagt hat, um uns an die Demut zu erinnern: »Stückwerk ist unser Erkennen und Stückwerk unser Prophezeien« (1. Korinther 13,9).

Um uns aus dieser Falle zu befreien, wird in unserer Zeit der früher eher seltene Dienst der geistlichen Begleitung wiederentdeckt und neu geschätzt, vor allem unter Laien. Es handelt sich um eine bewährte Möglichkeit, die persönliche Erfahrung an der Heiligen Schrift zu prüfen, am gesunden Menschenverstand, an Vernunft, guter Psychologie und Tradition. Damit meine ich nicht irgendeine »Das haben wir immer schon so gemacht«-Tradition, sondern die immer wiederkehrende »ewige Tradition«. Alle diese Prüfsteine zusammengenommen ergeben die beste Chance, »Gottes Willen« zu hören und ihm zu vertrauen. Wir haben in dieser Hinsicht den Jesuiten viel zu verdanken, obwohl es inzwischen auch andere ausgezeichnete Schulen der geistlichen Begleitung gibt.

Ich glaube, Sie werden feststellen, dass die franziskanische Mystik ein besonders vertrauenswürdiger und schlichter – allerdings nicht unbedingt einfacher – Weg ist, vor allem, weil sie sich nicht von lehrhaften Abstraktionen, Moralismen und falscher Askese mystifizieren lässt auch wenn einige Franziskaner durchaus dazu tendieren. Der franziskanische Weg ist tatsächlich eine »Bürgersteig-Spiritualität« für die Straßen dieser Welt, ein höchst gangbarer, attraktiver Weg für alle, die sich auf die Suche machen wollen. Sie müssen nicht zölibatär oder gar abgeschieden leben, sie müssen nicht hoch gebildet oder in irgendeiner Weise ihren Nächsten überlegen sein – das zeigen die vielen säkularen Franziskaner. Tatsächlich könnten alle diese Eigenschaften der echten Erfahrung im Wege stehen. Ein zölibatär lebender Eremit kann vollkommen dualistisch denken und ein qualvolles Innenleben haben, mit dem er auch andere quält. Ein viel beschäftigter Journalist oder eine Hausfrau, beide mit einem nicht-dualen Herzen und Geist begabt, können andere Menschen erleuchten, ihre Familien und alle, mit denen sie in Berührung kommen. Und das, ohne religiös daherzureden. Denken Sie an Nelson Mandela, Mary Oliver oder Wendell Berry.

Ich will den franziskanisch-mystischen Weg zum Göttlichen hier besonders beschreiben und die Unterschiede zu anderen Wegen aufzeigen, damit Sie die Einzigartigkeit von Franziskus’ Genie besser schätzen lernen. Er hat sich auf die wirklich wichtigen Dinge beschränkt und vermieden, was zu seiner Zeit ebenso wie heute auf die Beschäftigung mit Nichtigkeiten hinauslief. Selbst Thomas von Aquin hat gesagt, dass Jesus nur »sehr wenige« Gebote gelehrt hat. Alle möglichen Ablenkungen, die ich hier erwähne, müssen ihm wie Versuchungen vorgekommen sein, ähnlich wie es dem jungen Buddha erging. Franziskanisch gesehen, ist die Trennung von der Welt die Versuchung des Mönchs. Askese ist die Versuchung der Wüstenväter und -mütter, Moralismus und Zölibat sind die katholischen Versuchungen, Intellektualität ist die Versuchung des Seminars, private Frömmigkeit und unfehlbarer Glaube sind die protestantischen Versuchungen. Und die häufigste Versuchung für uns alle besteht darin, dass wir die Zugehörigkeit zur richtigen Gruppe und das Praktizieren der richtigen Rituale als Ersatz für jede persönliche, lebensverändernde Begegnung mit dem Göttlichen benutzen.

Franziskus’ spirituelles Genie bestand nicht zuletzt darin, alle diese üblichen Versuchungen zu vermeiden und zu überwinden. Und mehr noch: All dies gelang ihm, während er gleichzeitig seine Zugehörigkeit zu den Gruppen pflegte, die er liebte. Er wusste, dass man ein Basislager braucht, um Glauben, Hoffnung und tätige Nächstenliebe zu erproben. Wir brauchen lebendige Gemeinschaften, um Verantwortung zu übernehmen, geistlich zu wachsen und ehrlich zu bleiben. Franziskus war kein moderner Individualist.

Ich glaube nicht, dass wir Franziskaner ihm in dieser Vermeidung von Versuchungen immer gut gefolgt sind. Und natürlich erliegt nicht jedes Mitglied der Gruppen, die ich gerade erwähnt habe, auch tatsächlich den jeweiligen Versuchungen. Ich will mit der Erwähnung der verschiedenen Wege nur einen wichtigen Punkt klären und niemanden kritisieren, weder Mönche, noch Protestanten oder Akademiker. Aber die Charakterisierungen helfen uns zu sehen, wie Franziskus sich den Weg durch all diese Nichtigkeiten bahnte, im Wesentlichen geführt durch seine Intuition und den Heiligen Geist. Sein Genie bestand zu einem Großteil darin, dass er seiner eigenen inneren Erfahrung vertraute, was Katholiken normalerweise eher verwehrt war. Sie erinnern sich, was er in seinem Testament schrieb? »Niemand hat mir gesagt, was ich tun sollte.«13

Unendlichkeit im Endlichen

Franziskus wusste: Wenn man akzeptieren kann, dass das Endliche das Unendliche manifestiert, und dass die Materie die Tür zum Spirituellen bildet, was als Grundprinzip hinter allem steht, was wir als Inkarnation bezeichnen, dann haben wir alles, was wir brauchen, hier und jetzt zur Hand – in dieser Welt. Dies ist der Weg zu jenem! Der Himmel schließt die Erde ein. Zeit öffnet uns für die Zeitlosigkeit, Raum öffnet uns für die Raumlosigkeit, wenn wir sie als Türen nehmen – was sie ganz eindeutig sind. Es gibt keine Trennung zwischen heilig und profan, weder bei Dingen, noch bei Orten oder Augenblicken. Es gibt nur heilige und entheiligte Dinge, Orte und Augenblicke – und wir allein sorgen für ihre Entheiligung, mit unserer Blindheit und unserem Mangel an Ehrfurcht. Das Universum ist eins, und es ist heilig, und wir sind alle ein Teil davon. Besser und schlichter kann eine spirituelle Vision nicht sein.

Die Erkenntnis, dass das Konkrete uns für das Universelle öffnet, ist möglicherweise der einzige ganz und gar vertrauenswürdige oder denkbare Weg, schon weil wir Menschen mit unserer sinnlichen Wahrnehmung so funktionieren. Abstrakte Ideologien bringen uns nicht sehr weit, und ein Großteil der üblichen Religion ist eher Ideologie als echte Begegnung mit der göttlichen Gegenwart. Aber wir müssen alle mit unseren konkreten Erlebnissen anfangen und von dort aus weitermachen. Was bleibt uns anderes übrig? Gute geistliche Lehrer können Ihnen sagen, welche Ihrer Erfahrungen einen zweiten Blick wert sind und was vielleicht eher ein Umweg oder eine Sackgasse ist. Wenn Religion zur reinen Ideologie oder auch zur reinen Theologie verkommt, entwickelt sie universelle Theorien und hebt ab. Wie Papst Franziskus sagt: Die Menschen auf der ganzen Welt lehnen diese ideologische, von oben nach unten gedachte Form der Religion ab, und sie haben recht damit, denn das ist nicht der Weg Christi.

Bei Franziskus sind alle scheinbaren Begrenzungen von Raum und Zeit ein für alle Mal aufgehoben, weil er das Mysterium der Inkarnation absolut ernst nimmt und allmählich in aller logischen Konsequenz erweitert. Das Christus-Mysterium ist alles andere als vage oder abstrakt, es ist immer konkret und spezifisch. Wenn wir bei dem bleiben, was uns tagtäglich begegnet, sehen wir, dass alles eine göttliche Offenbarung ist, vom Felsbrocken bis zum Space Shuttle. Dann gibt es keine blinden Flecken mehr in der göttlichen Offenbarung, weder in unseren eigenen Augen, noch in unserem Rückspiegel. Unsere einzige Blindheit ist unser Mangel an Faszination, Demut, Neugier, Staunen und Bereitschaft, uns weiterlocken zu lassen.14

Was du siehst ist, was du bist

Franziskanische Spiritualität geht von einer echten Gleichwertigkeit und Gegenseitigkeit zwischen dem Sehenden und dem Gesehenen aus. Es gibt eine Symbiose zwischen dem Geist und dem Herzen des Sehenden und dem, was sie aufnehmen. Franziskus hatte eine einzigartige Fähigkeit, andere – Tiere, Planeten und Elemente – Bruder und Schwester zu nennen, weil er selbst ein kleiner Bruder war. Er gestand anderen Lebewesen und Dingen Gegenseitigkeit, ein Sein als Subjekt und Person und Würde zu, weil er seine eigene Würde als Sohn Gottes in Ehren hielt. Und genauso gut hätte es auch umgekehrt sein können. Die Welt der Dinge war ein durchsichtiger Spiegel für ihn – das, was manche unter uns ein ganz und gar »sakramentales« Universum nennen würden.15

Von allem Sein kann man mit Fug und Recht mit »einer Stimme« (Univozität) sprechen, wie Johannes Duns Scotus es später formulierte (siehe Kapitel 13). Was ich bin, das bist auch du und das ist auch die ganze Welt. Die Schöpfung ist eine einzige riesengroße Symphonie des gegenseitigen Mitgefühls. Oder wie schon Augustinus gesagt hat: »Am Ende gibt es nur noch den liebenden Christus selbst.«16

Um zu dieser dreidimensionalen Vision zu kommen, muss ich wissen, dass ich, wenigstens teilweise, das bin, was ich suche. Tatsächlich bringt mich erst dieser Umstand zum Suchen.17 Aber die meisten haben diese gute Nachricht noch gar nicht gehört. Wir können Gott erst dann »da draußen« finden, wenn wir ihn »hier drinnen« gefunden haben, in uns selbst. Davon spricht Augustinus in seinen Confessiones immer wieder. Aber wenn wir das tun, dann sehen wir ihn auf ganz natürliche Weise in anderen und in der ganzen Schöpfung. Was du suchst ist, was du bist. Die Suche nach Gott und nach unserem wahren Selbst sind letztlich ein und dieselbe Suche.18 Das Gebet, das Franziskus die ganze Nacht gebetet hat – »Wer bist du, o Gott, und wer bin ich?« – ist wahrscheinlich das perfekte Gebet, weil es das ehrlichste Gebet ist, das wir zu bieten haben.

Bleibt in der Liebe

Ein Herz, das durch diese Erkenntnis der Einheit verwandelt ist, weiß, dass nur die Liebe »hier drinnen« auch die Liebe »da draußen« entdecken und genießen kann. Angst, Enge und Verbitterung werden von geistlichen Lehrern als die Formen innerer Blindheit angesehen, die überwunden werden müssen. Diese Gefühle bringen uns nicht weiter, und sie bringen uns schon gar nicht an einen guten Ort. Deshalb sind alle Mystiker positiv gestimmte Menschen – sonst sind sie keine echten Mystiker. Ihr geistlicher Kampf besteht genau darin, all ihre negativen Gefühle und Ängste zu erkennen und Gott zu übergeben. Das große Paradox besteht darin, dass ein solcher Sieg ganz und gar Geschenk Gottes ist und dass man ihn trotzdem sehr stark wollen muss (Philipper 2,12 f.).

Die zentrale Praxis in der franziskanischen Mystik sieht deshalb so aus, dass wir »in der Liebe bleiben müssen«, ganz klar ein Gebot (Johannes 15,9), wenn nicht das Gebot Jesu. Nur wenn wir bereit, ja, begierig bereit zur Liebe sind, können wir die Liebe und Güte in der Welt um uns herum sehen. Wir müssen selbst in Frieden bleiben, dann sehen und finden wir den Frieden. Wenn wir in der Schönheit bleiben, können wir die Schönheit überall ehren. Dieses Konzept des Bleibens und Verharrens (Johannes 15,4 f.) befreit die Religion aus allen esoterischen Lehren von Äußerlichkeit, in denen sie sich viel zu lange verirrt hatte. Es gibt nur einen geheimen moralischen Befehl, Gott zu kennen oder ihm zu gefallen oder gerettet zu werden, wie manche sagen: Wir müssen selbst in Geist, Herz, Leib und Seele liebende Menschen werden. Dann sehen wir, was wir sehen müssen. Diese Lehre ist so zentral, dass sie im Titel dieses Buches vorkommt: Wir müssen sehr bereit zur Liebe sein – jeden Tag.

Eine heilige Welt

In der franziskanischen Mystik gibt es keine Unterscheidung zwischen heilig und profan. Wie ich schon sagte: Die ganze Welt ist heilig. Mit anderen Worten: Sie können immer beten, und alles, was geschieht, ist potenziell heilig, wenn Sie das zulassen. Unser Job als Menschen besteht darin, unsere Bewunderung für andere und unsere Anbetung Gottes ganz und gar bewusst und absichtlich zu betreiben. Das ist der Sinn unseres Lebens. Oder wie es der französische Bruder Eloi Leclerc Franziskus so schön in den Mund gelegt hat: »Wenn wir nur wüssten, wie wir anbeten sollen, dann könnten wir mit der Ruhe der großen Flüsse durch die Welt reisen.«19

Für diejenigen, die gelernt haben zu sehen und anzubeten, ist alles »geistlich«, und das führt ironischerweise irgendwann zu dem, was Dietrich Bonhoeffer so mutig als »religionsloses Christentum« bezeichnet hat. Lassen Sie sich davon nicht erschrecken! Er meinte damit, dass sich viele Menschen, auch in seiner Zeit, den Dreißigerjahren, über die Staffagen der Religion zur darunter liegenden, tieferen christlichen Erfahrung hin bewegten. Wenn wir annehmen können, dass Gott in allen Situationen anwesend ist und selbst schlimme Situationen für etwas Gutes nutzt, dann wird alles zu einer Gelegenheit für das Gute und für Gott und liegt damit ganz nahe am Kern aller Religion. Die Mitte ist überall.

Gottes Plan ist so perfekt, dass selbst Sünde, Tragödie und schmerzhafter Tod benutzt werden, um uns zur Einheit mit Gott zu führen. Gott ist klug genug, das Problem zu einem Teil der Lösung zu machen. Wir müssen nur lernen, richtig, vollständig und damit wahrhaftig zu sehen. Vor Kurzem habe ich ein Familienvideo gesehen, das die letzten Momente der geliebten Tochter, einem Mädchen im Teenageralter, zeigte, die an Krebs starb. Sie verabschiedete sich liebevoll von ihrer Familie, und alle weinten und waren gleichzeitig voller Freude, getragen von einem tiefen Glauben an das ewige Leben und die Liebe. Eine so ganz und gar menschliche Liebe tut dieser Familie langfristig wahrscheinlich mehr Gutes als viele Jahre formaler religiöser Erziehung. Ich kenne das aus vielen persönlichen Erfahrungen. Das ist »religionsloses Christentum« – möglicherweise die religiöseste Form überhaupt.

Paradoxa an den Rändern

Franziskanische Spiritualität setzt kühn ein großes Ausrufezeichen hinter die Worte Jesu, dass »die letzten die ersten sein werden und die ersten die letzten«, und hinter Paulus Worte: »Wenn ich schwach bin, dann bin ich stark!« Die Umkehrung von oben und unten ist der Kern unserer Botschaft und leitet uns dazu an, tiefer und breiter zu sehen. Das öffnet uns die Augen für Gottes Geschenk seiner selbst weit draußen an den Rändern, wo die meisten von uns Gott nicht sehen können oder wollen: bei den anderen Religionen, bei den Außenseitern und Sündern und an den Rändern unseres eigenen Sehens, bei denen, die gegen uns sind – unseren sogenannten Feinden. Tatsächlich finden sich Wahrheit, Liebe und Schönheit in ihrer schönsten Form auf der untersten, schwächsten und konkretesten Ebene: in einem Frosch, einem Flüchtling oder einem Menschen, den andere als Verrückten bezeichnen würden. Aber um so sehen zu können, müssen Sie Gottes göttliche Freiheit akzeptieren. Sie müssen zu Ihrer ganzen Größe heranwachsen, um Gott in seiner ganzen Größe zu finden (Epheser 4,13). Kleine Seelen können den großen Gott nicht kennenlernen, und große Seelen geben sich mit einem kleinen oder kleinlichen Gott niemals zufrieden. Sie müssen sich Ihrer selbst bewusst werden, dann haben auf einmal alle Dinge ihre ganz eigene Schönheit.

Ironischerweise führt die scheinbare Abwesenheit zur tiefsten Erkenntnis der Gegenwart, weil sie so sehr ersehnt und gebraucht wird. Die ganze Welt ist Sakrament und vermittelt die Botschaft, aber sie ist so versteckt, dass nur die Demütigen und Ehrlichen – und die Leidenden – sie finden können. Bonaventura sagte, eine ungebildete Waschfrau könne, ohne es zu wissen, Gott viel näher sein als ein Doktor der Theologie, wie er einer war.

Franziskus’ eigene intuitive Weisheit kam nicht von außen oder von oben, sondern tief aus seinem Innern, weil er zuließ, dass sein Herz zerbrochen und arm wurde, vor allem als seine Vision für die Brüder noch zu seinen Lebzeiten aufgegeben wurde. An einer solchen Stelle kann Gott am lautesten sprechen. Das ist nun in der Tat ein durchgehendes Thema der Bibel,20 und seinen Höhepunkt erreicht es in der Anfangszeile Jesu: »Selig sind die Armen im Geist« (Matthäus 5,3).

Bemerkenswert ist auch, dass Franziskus in der Lage war, seiner eigenen beschränkten, formal ungebildeten und schlichten menschlichen Erfahrung zu trauen, um sich das Wissen anzueignen, das er dann mit einer so ruhigen Gewissheit in sich trug. Sehr früh, als die Brüder beispielsweise schon eingeladen wurden, mit Bischöfen zu speisen und Kardinälen als Hof kapläne zu dienen, lehnte er diese großzügigen Einladungen ab und sagte: »So werdet ihr vom Mutterleib weggezogen.«21 Wenn er das wirklich gesagt hat, dann war er entweder gemeinschaftsfeindlich eingestellt, entsetzlich heilig, oder ihm war auf eine ganz ruhige Weise klar, was seine Gotteserfahrung im Kern verlangte. Für Franziskus und Clara gibt es keine Gotteserfahrung aus zweiter Hand. Das beste Fenster zum Wissen ist der Riss, der alles durchzieht, wie Leonard Cohen geschrieben und gesungen hat – »there is a crack in everything.«22 Franziskus wollte, dass wir nah bei den Rissen im Vorhangstoff der Gesellschaft bleiben und es uns nicht im sicheren kirchlichen Zentrum bequem machen. Wir Franziskaner sollten keine Prälaten der Kirche werden, und wir sollten uns dort auch nicht zu sehr anbiedern. Man neigt nun einmal dazu, so zu denken wie die, mit denen man Partys feiert.

Mein Gott und alle Dinge

Schließlich und endlich wird jede Versuchung zum Elitedenken oder zum Individualismus in der franziskanischen Mystik dadurch überwunden, dass er unnachgiebig auf seiner Identifikation mit dem Kreuz besteht, auf Solidarität mit den Armen und mit dem menschlichen Leiden im Allgemeinen. Solidarität mit den Leidenden in der Welt und auch mit dem Leiden Gottes ist sein Ausgangspunkt, nicht irgendeine Suche nach privater moralischer Perfektion. Das hält die kontemplative Reise fern von reiner Innenschau, süßlicher Frömmigkeit, privater Erlösung und jeder gemeinschaftsfeindlichen oder privatisierten Botschaft, durch die ich mir vorstelle, ich könnte zu Gott gelangen, ohne mit allem anderen vereint zu sein. Deshalb lautet das franziskanische Motto: »Deus Meus et Omnia« – Mein Gott und alle Dinge.

Franziskus musste so unerbittlich sein, was die Armen und die Armut anging, weil er wusste, dass eine isolierte, von anderen abgetrennte »Spiritualität« ohne Dienst und konkrete Liebe Menschen oft in eine riesige Auf blähung des Egos und in die Verblendung führt. Der Wunsch, für heilig, besondersgut, sicher oder moralisch gehalten zu werden, übt eine große narzisstische Verlockung auf das menschliche Ego aus. Diese falschen Motivationen sind der sicherste Weg, Gott zu verpassen, während man viel über Gott redet und jede Menge ritualisiertes Verhalten einübt.

Die große Ironie des Glaubens besteht darin, dass eine echte Gotteserfahrung uns tatsächlich das Gefühl vermittelt, etwas Besonderes, ein erwähltes Lieblingskind zu sein. Aber wir sehen eben auch, dass das genauso für alle anderen gilt. Wenn das eintritt, können wir sicher sein, dass die Erfahrung echt ist. Es dauert nur eine Weile, dorthin zu kommen. Es tut uns weh, genauso wie den anderen. Ihre einzige Größe besteht in der Teilhabe an der Größe der Gemeinschaft der Heiligen. Ihre Mitgliedschaft in der Gemeinschaft der Sünder ist die Bürde, die Sie nun geduldig tragen können, weil andere sie mit Ihnen tragen. Wenn es so weit ist, dann sind Sie Teil dessen, was Thomas Merton den großen Tanz nennt. Sie müssen nicht mehr persönlich alles richtig machen, Sie müssen nur in Verbindung bleiben.

Mystik für den Alltag

Franziskanische Mystik ist also echte Mystik aber mit einer besonderen Neigung und Bereitschaft, Menschen nicht nur zur inneren Erfahrung, sondern zur Möglichkeit täglicher, regelmäßiger Erfahrungen zu führen. Zu Erfahrungen der Tiefe und Schönheit des Gewöhnlichen, gerade dort, wo es das scheinbar Negative aufnimmt und unser Leben an den Rand bewegt, wo Dinge wie Scheitern, Tragödien und Leiden sich abspielen. Sie sind wie Abkürzungen auf unserem Weg zu Gott. Und jeder von uns kann sie beschreiten, wenn er seine eigene Armut ehrlich anschaut.

Es gibt nichts, was Gott nicht benutzen kann und wird, um uns zur Einheit zu bringen. Selbst die Sünde kann dazu dienen, daher der Begriff der »felix culpa«. Hier haben wir die ganze Herrlichkeit, Wirksamkeit und Universalität des Evangeliums in seiner Schlichtheit und klaren Größe vor uns. Kurz gesagt: Franziskus demokratisiert die spirituelle Reise und lässt uns erfahren, dass wir sie auch außerhalb von Klöstern, Zölibat, Moral und falscher Askese antreten können. Das ist in den meisten christlichen und nicht-christlichen Formen der Spiritualität nicht so offensichtlich. Genau deshalb hat G. K. Chesterton Franziskus wohl als »der Welt einzigen wirklich aufrichtigen Demokraten« bezeichnet.23

Wenn »Christus der erste Gedanke im Geist Gottes«, ist wie Johannes Duns Scotus sagt, wenn das Christusmysterium schon im Urknall enthüllt wird, dann ist die Schöpfung seit Anbeginn von Gnade durchdrungen. Dann ist die Gnade keine spätere Hinzufügung, keine Belohnung für die Würdigen oder Kirchenleute, kein Siegespreis für die Perfekten. Diese Vorstellung baut das spirituelle Universum, in dem wir aufgewachsen sind, komplett um. Dort war Gnade eine Zugabe, ein Lückenfüller, eine Sache der Kirche, ein Preis für Perfektion und auch das nur gelegentlich.

Haben Sie in den Evangelien schon bemerkt, dass die Apostel, selbst nachdem der Auferstandene zwei Mal erschienen ist, wieder zu ihrer ursprünglichen Arbeit zurückkehren, dem Fischen (Johannes 21,3)? Sie schließen sich nicht der Priesterschaft an, bewerben sich nicht um eine Stelle beim Tempel, gehen nicht auf Exerzitien oder ins Kloster. Sie verlassen ihre Frauen nicht, legen sich keine Titel zu, lassen sich nicht taufen oder tragen spezielle Kleidung, von ihrer Arbeitskleidung einmal abgesehen (Matthäus 10,9 f.). Wenn das Innere wirklich ganz und gar verwandelt wird, brauchen Sie keine symbolische äußere Bestätigung, keine besonderen Hüte oder schicke Insignien, wobei ich sagen muss, mir gefällt das Pallium des Papstes und der Erzbischöfe, das aus Schafwolle gemacht ist und über den Schultern getragen wird, um sie jederzeit daran zu erinnern, dass sie die schwachen Schafe tragen müssen.

Bemerkenswert ist auch, dass der auferstandene Christus selbst nicht als übernatürliche Gestalt auftritt, sondern in einem Fall mit dem Gärtner verwechselt wird, in einem anderen mit einem Mitreisenden auf der Straße und schließlich mit einem Fischer, der den anderen gute Ratschläge gibt. Er sieht nach der Auferstehung offenbar genauso aus wie alle anderen (Johannes 20,15; Lukas 24,13–35; Johannes 21,4), selbst als er seine Wunden zeigt. In den Evangelien und in der franziskanischen Spiritualität können wir alle wieder »fischen« gehen, wenn wir Gott wahrhaftig begegnet sind, können unsere demütigenden Wunden bewusst tragen, jetzt aber fast wie einen Orden. Tatsächlich sorgen gerade unsere eigenen Wunden dafür, dass wir andere heilen wollen und können. Henri Nouwen sagte dazu zutreffend: Die einzigen echten Heiler sind die Verwundeten. Die meisten guten Therapeuten werden Ihnen dasselbe sagen.

Echte Mystik erlaubt uns aber, unsere Netze auf der anderen Seite des Bootes auszuwerfen und andere Erfolgserwartungen zu entwickeln, während wir gleichzeitig ganz klar sehen, dass wir bereits auf einem großen, tiefen, mit Leben erfüllten Teich dahintreiben. Das mystische Herz weiß, dass immer ein Kollege in der Nähe ist, der uns gute Ratschläge geben kann. Er steht am Ufer und winkt, am Rand unseres ganz gewöhnlichen Lebens (Johannes 21,5), in jedem unreligiösen Augenblick, bei jeder »säkularen« Beschäftigung, und er spricht immer noch zu arbeitenden Männern und Frauen, die wie die ersten Jünger weder wichtig noch einflussreich sind, weder besonders heilig noch ausgebildete Theologen oder überhaupt gebildete Leute. Dies ist die mystische Tür zur franziskanischen Spiritualität. Und sie ist überhaupt keine schmale Pforte, sondern sie steht weit und einladend offen.

Wobei wir, wie Jesus, ehrlich sagen sollten, was diese Tür schmaler macht und verschließen kann: unser angeborener, weit verbreiteter Widerstand gegen das Leiden (Lukas 13,2). Ja, die Tür steht weit offen, aber die Umstände, unter denen wir hindurchgehen, sind ebenfalls klar. Sowohl Jesus als auch Franziskus mussten von der Notwendigkeit des Leidens sprechen, weil sie wussten, dass alles in uns darauf angelegt ist, das Kreuz der Verwandlung zu vermeiden. Für beide ist das Leiden der Königsweg zum Verständnis geistlicher Dinge, und erst diese Botschaft ebnet das Feld der Spiritualität – weil alle Menschen auf die eine oder andere Weise leiden. Das haben wir alle gemeinsam. Also wollen wir uns diesen Punkt jetzt genauer ansehen.

KAPITEL 2 Ein glücklicher Weg nach unten – die innere Autorität derer, die Leiden kennen

Könnte die Autorität der Leidenden die unterschiedlichen Kulturen und sozialen Welten zusammenbringen?

Johann Baptist Metz24

Ich glaube, diese tiefsinnige Bemerkung des deutschen Theologen Johann Baptist Metz fasst den religiösen Durchbruch prägnant und präzise zusammen, den Christus der Menschheit angeboten hat. Sie ist auch ein guter Ausgangspunkt für das Verständnis des besonderen franziskanischen Blicks auf die Welt. Die wahre Autorität des Evangeliums, die Vollmacht, Dinge und Menschen zu heilen und zu erneuern, findet sich nicht in einem hierarchisch stukturierten Gottesdienst, einer theologischen Diskussion, einem perfekten Gesetz oder einer rationalen Erklärung. Der Gekreuzigte hat der Welt gezeigt, dass die wahre Autorität, die Menschen lenkt25 und die Welt verändert, eine innere Autorität ist. Sie geht von Menschen aus, die etwas verloren oder losgelassen haben und auf einer neuen Ebene wiedergefunden worden sind. Das Zwölf-Schritte-Programm der Anonymen Alkoholiker kommt heute zu ganz ähnlichen Schlüssen.

Glücklich auf dem Weg nach unten