Stille und Mitgefühl - Richard Rohr - ebook

Stille und Mitgefühl ebook

Rohr Richard

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Opis

In einer von Unruhe und Schnelllebigkeit bestimmten Welt betont der renommierte Autor Richard Rohr, dass wir Gott in der Kontemplation, in der Tiefe der Stille begegnen können. Spirituelles Schweigen ist mehr als die bloße Abwesenheit von Lärm oder eine Pause zwischen Gesprächen: Es erweist sich als lebendige Gegenwart, die uns einlädt, dualistische Strukturen zu überwinden, unser wahres Selbst zu erkennen und den Mitmenschen voll Liebe und Mitgefühl zu begegnen. Richard Rohr zeigt uns den Weg, wie wir der Stille lauschen und inneren Frieden finden können.

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Richard Rohr

Stille undMitgefühl

Gott undden Menschen finden

Aus dem Amerikanischenvon Ulrike Strerath-Bolz

Impressum

Als deutsche Bibelübersetzung ist zugrunde gelegt:

Die Bibel. Die Heilige Schrift des Alten und Neuen Bundes

Vollständige deutschsprachige Ausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2005

Titel der amerikanischen Originalausgabe

Silent Compassion. Finding God in Contemplation

© Richard Rohr 2014. Alle Rechte vorbehalten

Veröffentlicht von Franciscan Media, Cincinnati 2014

Für die deutschsprachige Ausgabe

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2015

Alle Rechte vorbehalten

www.herder.de

Umschlaggestaltung: agentur IDee

Umschlagmotiv: © Zar Fotolia.com

E-Book-Konvertierung: le-tex publishing services GmbH, Leipzig

ISBN (E-Book) 978-3-451-80255-3

ISBN (Buch) 978-3-451-31280-9

Inhalt

Vorwort (John Feister) –Unterschiedliche Glaubensrichtungen auf der Suche nach wahrer Harmonie

Einleitung –Die ewige Weisheitstradition

Erstes KapitelGott in der Tiefe des Schweigens finden

Zweites KapitelHeiliges Schweigen als Weg zum Mitgefühl

Drittes KapitelDas Wahre Selbst ist Mitgefühl und Liebe

Viertes KapitelBeten ist Sehen mit kontemplativen Augen

Fünftes KapitelDer Weg zum nichtdualen Denken

AnhangZur Geschichte der Mystik

Anmerkungen

Quellenhinweise

Zum Autor

Vorwort

Unterschiedliche Glaubensrichtungen auf der Suche nach wahrer Harmonie

Mitte Mai 2013 stand in Louisville, Kentucky, eine Gruppe ganz unterschiedlicher religiöser Führungspersönlichkeiten vor einer ansehnlichen Menschenmenge im Kongresszentrum der Stadt. Die Versammlung markierte einen besonderen Tag am Ende des regelmäßig stattfindenden Festival of Faiths der Stadt Louisville. Bei diesem »Fest der Religionen« findet eine ganze Reihe von öffentlichen Veranstaltungen statt, um den interreligiösen Dialog zu fördern und eine Gesellschaft aufzubauen, die von Einigkeit und Respekt geprägt ist.

Muslime nahmen daran teil, Hindus, Juden, Christen und Buddhisten. Richard Rohr O.F.M., Katholik, Priester und Angehöriger des Franziskanerordens, war einer der Repräsentanten des Christentums. Der Buddhismus wurde von seinem berühmtesten Wortführer vertreten, seiner Heiligkeit dem Dalai Lama.

Irgendwie war es ganz passend, dass diese beiden Männer gemeinsam in Louisville auf der Bühne standen. Ein weiterer katholischer Priester, der verstorbene Trappistenmönch Thomas Merton, war fünfzig Jahre zuvor vom nahegelegenen Gethsemani in Kentucky um die halbe Welt bis nach Südostasien gereist, um an einem solchen interreligiösen Treffen teilzunehmen. Tage vor seinem tragischen Unfalltod hatte man ihn beobachtet, wie er mit dem Dalai Lama spazieren ging, tief ins Gespräch versunken. Damals war der Dalai Lama ein junger Mann und stand noch ganz am Anfang seiner Lauf bahn.

Und nun, nach so vielen Jahren, war seine Heiligkeit der Dalai Lama nach Louisville gekommen. Das Festival of Faiths war eine Station auf einer Weltreise, bei der es nicht nur darum ging, um Unterstützung für das unterdrückte tibetische Volk zu werben, sondern auch darum, seine eigene Botschaft zu verbreiten: Frieden, Mystik und eine Mischung aus Aktion und Kontemplation auf der Grundlage jener uralten Tradition, die sein Leben prägt.

Pater Rohr – Richard Rohr, wie ihn Tausende von Menschen nennen, die in seinen zahlreichen Vorträgen, Büchern und Internetauftritten Rat und Begleitung suchen – hat sein Leben dem gleichen Ziel gewidmet, wenn auch ausgehend von einer anderen alten Tradition. Mitte der Achtzigerjahre gründete er das Center for Action and Contemplation in Albuquerque, New Mexico: eine Art Labor, in dem Tausende von sozial engagierten Christen gelernt haben, dass soziales Engagement durch die Praxis der Kontemplation weiser, reiner und besser werden kann.

Seine Worte passten gut in den Kontext einer interreligiösen Begegnung, denn Richard Rohr ist seit jeher in der Lage, über das Hier und Jetzt hinauszublicken und die Mauern zu überwinden, die gesellschaftliche Gruppen so oft um sich herum errichten.

Natürlich bewegt sich Richard in der Spur seines eigenen »Vater Franziskus«, den die Welt als Franz von Assisi kennt. Franziskus durchstreifte zu Beginn des 13. Jahrhunderts die Berge und Täler Mittelitaliens und wanderte von einer Stadt zur anderen, manchmal predigend, manchmal, indem er die Menschen durch sein Beispiel anleitete, und dies in einer Kultur, die seinesgleichen noch nicht erlebt hatte. Er war offen für die Spuren Gottes in der gesamten Schöpfung (auf vielen Vogeltränken ist eine Franziskusfigur zu sehen): in Erde, Bäumen, Blumen und Tieren wie auch in jedem einzelnen Menschen. Er ist vielleicht der berühmteste Friedensstifter der ganzen Welt und reiste sogar mit den Kreuzrittern nach Ägypten, um Christen und Muslime gleichermaßen zum Frieden aufzurufen. Seine Friedensbotschaft klingt bis heute nach.

In den wenigen, aber sehr intensiven Tagen im Frühjahr 2013 in Louisville versammelten sich Vertreter der großen Weltreligionen, um sich ihrer gemeinsamen Sehnsucht nach Frieden zu vergewissern und sie auf die Probe zu stellen. Wie können wir in wirklicher Harmonie leben? Wie können wir voneinander lernen? Welche allgemeingültige Weisheit liegt in den verschiedenen religiösen Traditionen?

Nur ein paar Straßen vom Kongresszentrum in Louisville entfernt, an der Ecke Fourth und Walnut Boulevard (heute Muhammad Ali Boulevard) erinnert eine Bronzetafel an den Wendepunkt im Leben Thomas Mertons, den er in seinem Buch Conjectures of a Guilty Bystander beschreibt. Im Jahr 1958 wurde Pater Merton an dieser Straßenecke die mystische Erkenntnis geschenkt, dass die Menschheit eine Einheit bildet. Während er auf die betriebsame Menge im Geschäftszentrum von Louisville blickte, begriff er, dass das Geheimnis Gottes uns zu jeder Zeit umgibt. »Plötzlich überwältigte mich die Erkenntnis, dass ich alle diese Menschen liebte, dass sie zu mir gehörten und ich zu ihnen, dass wir einander nicht fremd sein konnten, selbst wenn wir uns überhaupt nicht kannten … Aber wie soll man den Menschen sagen, dass sie durch die Welt gehen und dabei leuchten wie die Sonne?«

Das »Festival der Religionen« in Louisville ist eine Frucht dieses Geistes: der Erkenntnis, dass wir alle zusammengehören. Richard Rohr hilft uns, das zu verstehen.

John Feister,

Leitender Herausgeber der Zeitschrift

St. Anthony Messenger

Einleitung

Die ewige Weisheitstradition

Die »ewige Philosophie« oder »ewige Weisheitstradition« ist ein Begriff, der in der westlichen Geschichte und Religionsgeschichte irgendwann in Mode kam und ebenso auch wieder in Vergessenheit geriet. Von der weltweiten Kirche jedoch ist dieser Begriff nie aufgegeben worden. In vielerlei Weise wurde er durch das Zweite Vatikanische Konzil eher noch bekräftigt, vor allem in den weitsichtigen Dokumenten zur Ökumene (Unitatis Redintegratio) und zu den nicht-christlichen Religionen (Nostra Aetate). Tatsächlich betont dieser Begriff den Umstand, dass es in allen Weltreligionen einige durchgehende Themen, Wahrheiten und Wiederholungen gibt.

Nostra Aetate beginnt beispielsweise mit der Aussage der Konzilsväter: »Alle Völker sind ja eine einzige Gemeinschaft, sie haben denselben Ursprung, da Gott das ganze Menschengeschlecht auf dem gesamten Erdkreis wohnen ließ … auch haben sie Gott als ein und dasselbe letzte Ziel … Die katholische Kirche lehnt nichts von alledem ab, was in diesen Religionen wahr und heilig ist.«1 Das Dokument fährt fort mit einer Anerkennung von Naturreligionen, Hinduismus, Judentum, Buddhismus und Islam, die allesamt »einen Strahl jener Wahrheit erkennen lassen, die alle Menschen erleuchtet«.2 Man muss sich einmal klar machen, wie viel Mut und Klugheit nötig waren, um etwas Derartiges im Jahr 1965 zu formulieren, zu einer Zeit, als nur wenige Menschen so dachten, übrigens in allen Religionen. Tatsächlich denken die meisten bis heute nicht so.

Eine frühe Ausnahme war der große Kirchenlehrer Augustinus (354–430), der den Mut auf brachte, Folgendes zu schreiben: »Was wir heute Christentum nennen, fehlte unseren Vorfahren nicht, von den Anfängen der Menschheit bis zu der Zeit, da Christus im Fleisch erschien. Danach wurde die wahre Religion, die immer schon existiert hatte, Christentum genannt.«3 Die Heiligen Clemens von Alexandria, Origenes, Basilius, Gregor von Nyssa und Leo der Große teilten diese Anschauung – erst später kamen die defensiven (und aggressiven!) Denkweisen des Antisemitismus und der Kreuzzugsideologie auf. In einigen entscheidenden Bereichen haben wir uns in der Religionsgeschichte rückwärts bewegt, wo wir die Räder des spirituellen Bewusstseins hätten schmieren sollen, um vorwärtszukommen.

In zutreffender Weise wird der Begriff in dem Konzilsdokument über die Ausbildung der Priester (Optatam Totius) gebraucht, wo es heißt, im Priesterseminar solle man sich »auf das stets gültige philosophische Erbe stützen«. Das Dokument ermutigt zum Studium der gesamten Philosophiegeschichte wie auch des Fortschritts »der modernen Naturwissenschaften«.4 Die Verfasser dachten dabei wohl hauptsächlich an die Philosophie der Scholastik, aber so wie wir heute den Begriff verwenden, ist ohnehin eher eine theologische als eine philosophische Aussage gemeint. Denselben Ansatz verfolgt auch Aldous Huxley, der deshalb gleichzeitig von Metaphysik, Psychologie und Ethik spricht: »1) die Metaphysik, die eine innewohnende faktische göttliche Wahrheit in der Welt der Dinge, der Lebewesen und des Geistes erkennt; 2) die Psychologie, die in der Seele etwas findet, was der göttlichen Wahrheit ähnlich oder sogar gleich ist; 3) die Ethik, die das letzte Ziel des Menschen im Wissen um den immanenten und transzendenten Urgrund allen Seins sieht. Sie sind unvorstellbar alt und universell gültig. Bruchstücke der ewigen Philosophie finden sich in den Traditionen der Urvölker in allen Teilen der Welt, und in ihren voll entwickelten Formen hat sie ihren Platz in allen höheren Religionen.«5

Die Trennungen, Spaltungen und Dualismen der Welt können nur durch ein alle Ebenen durchdringendes einigendes Bewusstsein überwunden werden: auf der Ebene der Personen und Beziehungen, auf gesellschaftlicher, politischer und kultureller Ebene, im interreligiösen Dialog und vor allem auf der Ebene der Spiritualität. Dies ist die spezielle, zentrale Aufgabe jeder gesunden Religion – re-ligio bedeutet »Rück-Bindung«.

Wie es Jesus in seinem letzten großen Gebet formuliert hat: »Alle sollen eins sein« (Johannes 17,21). Oder wie es meine christliche Lieblingsmystikerin Lady Juliana von Norwich (1342–1416) gesagt hat: »Aus mir selbst heraus bin ich nichts, aber mit Blick aufs Allgemeine BIN ICH in der Einheit der Liebe. Denn in dieser Einheit existiert das Leben aller Menschen.«6

Viele Lehrer haben die wichtige und doch so oft übersehene Botschaft vertreten, dass Einheit nicht mit Einheitlichkeit verwechselt werden darf. Einheit ist die Versöhnung der Verschiedenheit, und diese Verschiedenheit muss erhalten bleiben – und dabei dennoch überwunden werden. Bevor wir Dinge spirituell vereinen können, müssen wir sie zunächst unterscheiden und voneinander trennen, in der Regel auf unsere eigenen Kosten (vgl. Epheser 2,14 ff.). Wenn wir diese einfache Klärung nur immer vollzogen hätten, wäre es möglich gewesen, viele Probleme – und die Überbewertung getrennter Identitäten – auf eine viel höhere Ebene der Liebe und des Dienens zu bewegen.

Schon Paulus hat dieses universelle Prinzip in mehreren Briefen ganz klar zum Ausdruck gebracht. Er sagt beispielsweise: »Es gibt verschiedene Gnadengaben, aber es ist derselbe Geist. Es gibt verschiedene Dienste, aber es ist derselbe Herr. Es gibt verschiedene Kräfte, aber es ist derselbe Gott, der alles in allen wirkt« (1 Korinther 12,4 ff.). In seiner Gemeinde in Ephesus hieß es: »Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, ein Gott und Vater aller Dinge, der über alle und durch alles und in allem ist. Einem jeden von uns aber wurde die Gnade verliehen nach dem Maß, wie Christus sie ihm geschenkt hat« (Epheser 4,5 ff.).

Und schließlich müssen wir zur letztgültigen christlichen Quelle unseres Prinzips zurückgehen: der Trinitätslehre. Ja, Gott ist einer, das haben uns unsere jüdischen Vorväter ganz richtig gelehrt (vgl. Deuteronomium 6,4). Aber wenn wir weiterdenken, stellen wir fest, dass dieses Einssein tatsächlich in der radikalen liebenden Vereinigung zwischen den drei vollkommen unterschiedlichen Personen der Dreieinigkeit besteht. Das Grundprinzip und Problem der Einheit und der Vielheit wird in Gottes eigener Natur überwunden. Gott ist ein Mysterium der Beziehung, und die wahrhaftigste Beziehung ist die Liebe. Die drei sind nicht gleich, sondern ganz unterschiedlich, und doch sind sie vereint in einem vollkommenen Verströmen!

Mehr noch: Unser Wort Person, mit dem wir heute ein individuelles menschliches Wesen bezeichnen, wurde ursprünglich im Rahmen der in griechischer Sprache formulierten trinitarischen Theologie verwendet – persona bedeutet »Bühnenmaske« oder »durchtönender Klang« – und erst später auf uns Menschen angewendet! Wir sind also keine autonomen Wesen, sondern ein durchtönender Klang: getrennt und doch eins, wie Vater, Sohn und Heiliger Geist. Jahrelang könnte man darüber meditieren. Wir sind wirklich als Gottes »Bild, ihm ähnlich« (Genesis 1,26 ff.) erschaffen, viel mehr, als wir es uns jemals vorstellen könnten. Die Dreieinigkeit ist unser universelles Muster für die Natur der Wirklichkeit und für unser eigenes Eins-Werden!

Wie es die liebe Juliana sagt: »Die Liebe Gottes erschafft in uns eine solche Einung, dass, wenn sie wirklich erkannt wird, niemand sich mehr von einem anderen Menschen trennen kann.«7 Und weiter: »Im Angesicht Gottes sind alle Menschen eins. Jeder Mensch ist alle Menschen, und alle Menschen sind in einem einzigen Menschen.«8

Dies sind keine Modeerscheinungen des 21. Jahrhunderts, kein Pantheismus und kein bloßer New-Age-Optimismus. Dies ist die ganze Wirklichkeit, formuliert, um tatsächlich ein neues Zeitalter einzuleiten – und sie wird und kann es tun. Dies ist die ewige Tradition. Unsere Aufgabe besteht nicht darin, sie zu entdecken; wir sollen lediglich wieder neu entdecken, was die Mystiker und Heiligen aller Religionen geschaut und genossen haben.

Wie es schon Johannes formulierte, der Jünger, den Jesus lieb hatte: »Ich schreibe euch nicht, dass ihr die Wahrheit nicht wisst, sondern dass ihr sie wisst« (1 Johannes 2,21).

Erstes Kapitel

Gott in der Tiefe des Schweigens finden

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