Die Bibel für alle - Thomas Söding - ebook

Die Bibel für alle ebook

Thomas Söding

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Warum eine neue Bibel? Tut es nicht noch die alte? Nach über 35 Jahren legen die deutschen Bischöfe eine neue Fassung der Einheitsübersetzung vor, die offiziell zugelassene Übersetzung für den katholischen Religionsunterricht und die Gemeinde. Der Neutestamentler Thomas Söding, der selbst dem Übersetzerteam angehört, erklärt anhand von vielen Beispielen, warum eine Neuübersetzung nötig war, und eröffnet Einblicke in den nicht immer reibungslosen Übersetzungsprozess. Der kompakte Leitfaden zur neuen Einheitsübersetzung erklärt: Warum es eine Überarbeitung braucht; Was neu ist: die wichtigsten Veränderungen im Vergleich; Wie die Überarbeitung erfolgt ist; Das Verhältnis zur neuen Lutherbibel; Mit einer Kurzanleitung für die Bibellektüre.

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Thomas Söding
Inhaltsverzeichnis
Vorwort
Das Projekt
1. Warum braucht es eine Überarbeitung?  Übersetzungen veralten, die Bibel bleibt jung
Der Neuanfang der ersten Einheitsübersetzung
Große Ziele
Ökumenisches Zeichen
Schrittweise Einführung
Die Notwendigkeit einer Überarbeitung
Die Überprüfung der Textgrundlage
Die Behebung von Fehlern und Widersprüchen
Die Berücksichtigung des Sprachwandels
2. Wie ist die Revision erfolgt? Starke Spannungen erzeugen große Energien
Eine neue Richtschnur: Liturgiam authenticam
Der Ausstieg der EKD
Der Aufhänger: Die römische Richtlinie
Der größere Zusammenhang: Die Renaissance der Lutherbibel
Die Organisation der Revision
Die Rolle des Leitungsgremiums
Die Rolle der Bischofskonferenzen und des Heiligen Stuhles
3. Welches sind die besonderen Merkmale der neuen Version?  »Brüder und Schwestern« – und Gott, der »Herr«
Der Name Gottes
Männlich und weiblich
Junge Frau und Jungfrau
Dienste der Kirche
Das jüdisch-christliche Gespräch
Der Gesamteindruck
Der Rahmen
4. Wie kann die Bibel übersetzt werden?  Dem Volk aufs Maul sehen, aber nicht nach dem Munde reden
Das Wort eines Übersetzers in der Bibel
Die Übersetzung der Bibel in der Kirche
Luthers Votum
Katholische Standards
Die Einheitsübersetzung als katholische Bibel
5. Welche Bibelübersetzungen gibt es? Frei und wörtlich: Die Einheitsübersetzung liegt in der Mitte
Übersetzungstypen
Kirchliche und private Übersetzungen
Theologische Profile
Rechtfertigung und Glaube
Kirche und Gemeinde
6. Welches Verhältnis besteht zur neuen Lutherbibel? Konkurrenz belebt das Geschäft
Die neue Revision der Lutherbibel
Das Problem
Der Prozess
Das Produkt
Das Verhältnis zur Einheitsübersetzung
Der Nutzen
7. Wie ist die Bibel aufgebaut? Der große Bogen und die vielen Ecken
Umfang und Komposition des Kanons
Die Anlage der Einheitsübersetzung
Evangelische Alternativen
Ökumenische Optionen
Die Logik des Aufbaus
Die alttestamentliche Leitlinie
Die neutestamentliche Grundlinie
8. Welche Wege durch die Bibel lassen sich finden? Routenplaner, Umleitungen und Abstecher
Weniger ist mehr
Entdeckungsreisen sind möglich
Namenssuche
Zeitschienen
Ortsbegehungen
Überraschungen sind vorprogrammiert
9. Warum die Bibel lesen? Buch des Glaubens – Buch der Liebe – Buch der Hoffnung
Anmerkungen
Über den Autor
Vorwort
Die Einheitsübersetzung ist renoviert worden. Knapp vierzig Jahre nach ihrer Erstausgabe ist sie durchgehend am Urtext kontrolliert, systematisch auf Fehler hin überprüft und an vielen Stellen verändert worden. Jetzt steht sie in neuem Gewand vor der Tür: feiner, farbiger, frischer.
Ein genauer Blick in die neue Bibel lohnt sich. Sie ist nicht nur für Katholikinnen und Katholiken, sondern für alle gedacht. Während die neue Lutherbibel das konfessionelle Profil des Protestantismus schärft, ist die katholische Übersetzung offen: Sie ist eine Bibel für Leute von heute. Sie biedert sich nicht an, sondern lotet die Tiefe des Schrifttextes aus. Aber sie hat nicht die Last einer langen Tradition zu tragen, sondern kann sich auf das konzentrieren, was an der Zeit ist: eine genaue und verständliche Übersetzung, die von der Kirche anerkannt ist, aber auch auf dem freien Markt bestehen kann, nach dem Motto aus dem Markusevangelium: »Wer liest, soll verstehen!« (Mk 13,14).
Hier liegt der Hase im Pfeffer. Gewiss ist die Bibel der wahre Bestseller in allen freien und demokratischen Gesellschaften. Sie ist auch, wie Papst Franziskus im Vorwort zur »Jugendbibel der katholischen Kirche« schreibt, überall dort, wo die Meinungs- und Religionsfreiheit unterdrückt wird, ein gefährliches, ein verbotenes und deshalb ein besonders kostbares, ein heiliges Buch. Aber wenn die Bibel frei Haus zu erwerben ist – wird sie dann auch gelesen? Wird sie geschätzt und verstanden? Die neue Einheitsübersetzung hätte ihr Ziel verfehlt, wenn sie im Schrank oder auf dem Regal verstaubte.
Diese Einführung informiert deshalb nicht nur über Hintergründe und Zusammenhänge des Revisionsprojekts. Sie ordnet die neue Übersetzung auch in die langen Debatten darüber ein, ob heilige Texte überhaupt übersetzt werden dürfen und was eine gute Wiedergabe in einer anderen Sprache ausmacht. Nicht zuletzt gibt sie einen Leitfaden an die Hand, das dicke »Buch der Bücher« sinnvoll zu lesen: Wie ist es aufgebaut? Welche roten Fäden durchziehen es? Wie hängen die vielen verschiedenen Bücher zusammen?
Das neue Vorwort der Einheitsübersetzung, von allen verantwortlichen Bischöfen aus Deutschland, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein, Italien, Frankreich, Luxemburg und Belgien unterschrieben, stellt zwei Bibelworte zusammen.
Am Anfang wird ein Vers aus der Tora zitiert, den Paulus im Römerbrief aufgenommen hat:
»Nahe ist dir das Wort, in deinem Mund, in deinem Herzen« (Dtn 30,14 – Röm 10,8).
Am Schluss steht ein Gebet aus den Psalmen:
»Ich hoffe auf den Herrn; es hofft meine Seele, ich warte auf sein Wort« (Ps 130,5).
Diese Spannung, diese Erwartung, diese Hoffnung auf Nähe zu Gott will die Bibel nähren. Wer sie liest, kann es spüren.
Das Projekt
Die Einheitsübersetzung ist eine Frucht der Kirchenreform nach dem Zweiten Weltkrieg.1 Lange Zeit herrschte in der katholischen Kirche größte Zurückhaltung, ob es für Laien gut sei, die Bibel ohne Anleitung durch das Lehramt – oder wenigstens den Pfarrer vor Ort – zu lesen. Die Gründe für diese Reserve waren vielschichtig: Autoritäres Denken spielte eine Rolle; man hatte Angst davor, dass sich im Kirchenvolk eine eigene Meinung zu Glaubensfragen bildet. Man sah auch mit großer Skepsis die Entwicklung auf evangelischer Seite, dass sich immer mehr immer kleinere Gruppen bildeten, die sich auf die Bibel beriefen, aber keinen Zusammenhalt mehr fanden. Nicht zuletzt dachte man, dass die Bibel in vielem unklar sei und erst mithilfe der Auslegung durch die Kirche richtig verstanden werden könne.
Deshalb war die Bibel nicht vergessen, aber Heiligengeschichten schienen wichtiger. Die Stoffe des Alten und Neuen Testaments wurden für die Schule und den Hausgebrauch in einer »Biblischen Geschichte« aufbereitet: Eine Art »best of« sollte sie sein, gereinigt von allen heiklen Stellen und schön harmonisch so geordnet, dass alle leicht den Weg des Glaubens vom Alten zum Neuen Testament, von Adam zu Christus und direkt in die katholische Kirche finden konnten. Neben die »Biblische Geschichte« (und manchmal vor sie) trat der Katechismus, der die Glaubenswahrheiten einfach, aber umfänglich aufbereitete, sodass sie gelernt und abgefragt werden konnten.
Diese Entwicklung war zu ihrer Zeit durchaus modern. Aber sie blieb hinter den Möglichkeiten des katholischen Glaubens weit zurück. Die spätmittelalterlichen Reformbewegungen setzten auf die Bibellektüre durch Laien, auch wenn die Möglichkeiten, die Heilige Schrift unters Volk zu bringen, erst durch den Buchdruck nachhaltig verbessert worden waren. Die Anfänge der kritischen Bibellektüre liegen im italienischen Humanismus. Luther übersetzte das Neue Testament aus einer griechischen Ausgabe, die der Katholik Erasmus von Rotterdam erstellt hatte. Im 17. Jahrhundert waren in den katholischen Gebieten Deutschlands Bibeln stärker als in den evangelischen verbreitet. Dennoch entstand ausgerechnet im Zeitalter der aufblühenden Demokratie die unmögliche Situation, dass genau dort Warn- und Verbotsschilder aufgestellt wurden, wo die Chance, aber auch die Pflicht bestanden hätte, die katholischen Gläubigen bibelfest zu machen: belesen, aus erster Hand informiert und deshalb auskunftsfähig im Meinungsstreit über Religionsfreiheit, Glaubensüberzeugung und Gewissensbindung. So wendete sich 1846, mitten in den Aufbrüchen der europäischen Demokratien, Papst Gregor XVI. in seiner EnzyklikaInter praecipuasgegen die Arbeit der – evangelischen – Bibelgesellschaften mit dem Argument, eine vom Lehramt unabhängige Bibelübersetzung stifte nur Verwirrung, weil das katholische Kirchenvolk ohne Anleitung durch das Lehramt bei der freien Bibellektüre unweigerlich in die Irre geleitet werde; an einer eigenen Initiative, gute Bibeln unters Volk zu bringen und Hilfestellungen für eine kompetente Lektüre zu geben, fehlte es aber.
Deshalb ist es eine echte Reform, dass das Zweite Vatikanische Konzil (1962–1965) die Bibel und die Schriftauslegung samt den Übersetzungen wieder zu Ehren gebracht hat. Einerseits nahm es Anliegen der Reformation auf. Andererseits entsprach es Reformansätzen in der katholischen Kirche selbst, vor allem der Bibelbewegung, die sich um die Verbreitung guter Übersetzungen im Kirchenvolk kümmerte, und der liturgischen Bewegung, die sich für eine stärkere Betonung des Wortgottesdienstes einsetzte.
In der »Dogmatischen Konstitution über die göttliche Offenbarung«Dei verbum (»Wort Gottes«) steht der Schlüsselsatz:
»Der Zugang zur Heiligen Schrift muss für die an Christus Glaubenden weit offenstehen« (Dei verbum22).
1. Warum braucht es eine Überarbeitung?  Übersetzungen veralten, die Bibel bleibt jung
Die alte Einheitsübersetzung hatte eine längere Entstehungsgeschichte.2 Sie reichte bis vor das Zweite Vatikanische Konzil zurück. Das Katholische Bibelwerk Stuttgart verfasste Ende der 1950er-Jahre eine Denkschrift an die deutschen Bischöfe, dass es höchste Zeit für eine gemeinsame Bibelübersetzung sei, die in allen Diözesen des deutschen Sprachraums anerkannt sein sollte. Weil es um diese Vereinheitlichung ging, heißt sie bis heute »Einheitsübersetzung«. Sie nahm das Interesse vieler Kirchenmitglieder auf, sich ihr eigenes Urteil über die Heilige Schrift bilden zu wollen – so wie es in einer Gesellschaft mündiger Bürger sein soll.
Bis zur Liturgiereform nach dem Konzil wurden in der Messe die Schrifttexte offiziell nur auf Latein verkündet. Wer sie verstehen wollte, konnte im »Schott« nachlesen, in einem Buch mit der deutschen Übertragung der Messtexte. Die am weitesten verbreitete katholische Bibelübersetzung ging auf Joseph Franz von Allioli (1793–1873) zurück, einen hervorragenden Exegeten, der in Landshut und München lehrte. Seine Übersetzung fußte offiziell, wie das im Katholizismus jener Zeit verpflichtend war, auf der Vulgata, berücksichtigte aber sorgfältig den hebräischen, aramäischen und griechischen Urtext. So konnte seine Bibel des Alten und des Neuen Testaments mit päpstlicher Druckerlaubnis erscheinen und weit verbreitet werden.3
Allerdings galt es, einzuholen, was Stand der Forschung war, nicht zuletzt durch die evangelische und die anglikanische Exegese. Die katholischen Bibelübersetzer mussten einen Blickwechsel vornehmen: nicht mehr von der Vulgata aus zum Urtext, sondern vom Urtext in die Gegenwart, mit einem Seitenblick auf die Vulgata, die eine wichtige, einflussreiche Übersetzung bleibt4. Von Anfang an ging es darum, die Bibel in gutem Deutsch zugänglich zu machen. Die Eingangsschwellen sollten niedrig sein, die Bibeltexte aber nicht oberflächlich werden. Ein Neuanfang sollte gemacht werden. Die Lutherbibel kam wegen ihres konfessionellen Charakters so wenig in Betracht wie die Zürcher Bibel der Reformierten.
Der Neuanfang der ersten Einheitsübersetzung
Der Vorstoß des Katholischen Bibelwerks stieß bei der Bischofskonferenz auf offene Ohren. Die Exegeten unter den Bischöfen wurden beauftragt, die Federführung zu übernehmen: die Neutestamentler Josef Freundorfer, 1949 bis 1963 Bischof von Augsburg, und (nach seinem Tod) Eduard Schick, seit 1962 Weihbischof und später von 1974 bis 1982 Bischof von Fulda, sowie Carl Joseph Leiprecht, der für Stuttgart zuständige Bischof von Rottenburg (1949–1974). Aus Österreich wurde Alois Stöger hinzugesandt, gleichfalls Neutestamentler, von 1967 bis 1986 Weihbischof in St. Pölten. Später wurde der Kreis aktiver Bischöfe vergrößert. Die Hauptarbeit teilten sich führende Exegeten des Alten und Neuen Testaments, darunter Fridolin Stier, Alfons Deissler, Ernst Haag, Norbert Lohfink und Josef Schreiner sowie Joachim Gnilka, Franz Mußner, Heinrich Schlier, Rudolf Schnackenburg und Anton Vögtle. Keine einzige Frau war dabei; nur Eleonore Beck und Gabriele Miller tauchen in der langen Liste der »Mitarbeiter« auf.
Große Ziele
Die Arbeit startete 1962. Sie verfolgte mehrere Ziele. Die Wiedergabe sollte verlässlich sein, nämlich exakt am Urtext erarbeitet. Die Wiedergabe sollte aber auch verständlich sein; »gehobenes Gegenwartsdeutsch« wurde angestrebt. Die Sprache sollte »gehoben« sein, weil die Bibel ein ganz besonderes Buch mit einem unverwechselbaren Klang ist, der Gottes Wort im Wort von Menschen ertönen lässt; es sollte aber auch »Gegenwartsdeutsch« zu lesen sein, weil nicht die Museumslandschaft bereichert werden sollte, sondern das Leben von Zeitgenossen.Aggiornamento, »Verheutigung« war ein Schlüsselwort des Zweiten Vatikanischen Konzils unter Papst Johannes XXIII. »Heute« ist ein Schlüsselwort der ganzen Bibel (vgl. Lk 4,18). In dieser Prägung sollte die Einheitsübersetzung drei wesentliche Funktionen erfüllen.
Sie sollte erstens der offizielle liturgische Text für alle katholischen Gottesdienste sein: für die Lesungen bei den Gottesdiensten an Sonn- und Werktagen, bei Andachten und für das Stundengebet. Nach der Reform wurde die Liturgie regelmäßig in der Volkssprache gefeiert; alle Lesungen mussten auf Deutsch erfolgen. Dafür sollte immer die »Einheitsübersetzung« Verwendung finden. Sie musste dann aber auch für die liturgischen Zwecke geeignet sein, fürs laute Vorlesen und fürs Singen. Deshalb sollten die Liturgiewissenschaftler ein starkes Wörtchen mitreden.
Die Einheitsübersetzung sollte zweitens der verbindliche Text der katholischen Kirche für Katechese und Unterricht sein. Deshalb waren auch Katecheten und Pädagogen unter den Mitarbeitern. Die Einheitsübersetzung passte in eine biblische Wende der Gemeindekatechese wie der Religionspädagogik, die zurück zu den Wurzeln wollte, um die Kinder und Jugendlichen jenseits der Tradition zu ursprünglichen Glaubenserfahrungen und eigenen Stellungnahmen zu führen. Die Frage, ob die Einheitsübersetzung wirklich altersgerecht war, trat hinter die Überlegung zurück, es sollte immer derselbe Text mit einem hohen Wiedererkennungswert sein, der in der Kirche, in der Schule und im Pfarrzentrum zu hören ist.
Die Einheitsübersetzung sollte drittens auch »der Kirche Fernstehenden einen sprachlich verständlichen und wissenschaftlich gesicherten Zugang zur Botschaft der Heiligen Schrift« öffnen, wie es im Vorwort hieß. Diese Orientierung war nicht selbstverständlich, weil viele die Bibel als Buch der Kirche nur für den Binnenraum zuständig wähnten. Tatsächlich ist sie im Schoß des Gottesvolkes Israel und der Kirche gewachsen. Aber sie hatte von Anfang an einen missionarischen Zug: andere Menschen nicht zu überreden, schon gar nicht zu zwingen, wohl aber zu überzeugen – in erster Linie durch sachdienliche Hinweise zur Lage des Glaubens. Um die Verständlichkeit für dieses Publikum, aber auch um insgesamt die sprachliche Qualität sicherzustellen, hat man auch Germanisten zu Rate gezogen.
Alle drei Ziele gleichzeitig zu erreichen, und zwar immer auf der Basis einer philologisch fundierten und historisch informierten Exegese, ist schier unmöglich. Kompromisse waren unabdingbar. Nicht selten haben sich Exegeten beschwert, um der besseren Verständlichkeit und Singbarkeit willen seien ohne hinreichende Rücksprache mit ihnen in der letzten Phase starke Veränderungen vorgenommen worden, die zum Urtext in Spannungen ständen. Auf der anderen Seite steht die Kritik aus der Praktischen Theologie, die Einheitsübersetzung komme noch zu gravitätisch daher; sie sei nicht zugänglich genug.
Man kann spotten, wer es allen recht machen wolle, mache es niemandem recht. Aber im Ganzen muss gesagt werden: Die Einheitsübersetzung war (und ist) ein großer Erfolg. Die Auflage geht in die Millionen. Alle Lektionare und Messbücher haben die Einheitsübersetzung übernommen. Einige Orden haben zwar ihre eigenen Übertragungen beim Stundengebet. Aber im »Gotteslob«, dem Gebet- und Gesangbuch der Gemeinden, findet sich wie im heutigen »Schott« und »Te Deum« durchweg die »Einheitsübersetzung«. Sie profitierte (und profitiert) vom großen Aufschwung des kirchlichen Lebens nach dem Konzil, besonders durch die Einführung der Landessprache im Gottesdienst. In den Schulzimmern stehen klassenweise Einheitsübersetzungen in den Schränken – und werden durchaus auch einmal herausgeholt. Die Materialien zur Erstkommunion- und Firmkatechese zitieren die Bibelstellen nach der Einheitsübersetzung. Die »Einheitsübersetzung« hat sich im katholischen Sprachraum des Deutschen durchgesetzt; sie hat ihre Lesegemeinde gefunden.
Ökumenisches Zeichen
Ein starkes Signal war die aktive Mitarbeit der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD). Seit 1967 ist sie offiziell eine Partnerin bei der Übersetzung der Psalmen und des Neuen Testaments gewesen. Im Nachhinein kann man sich fragen, warum nicht die ganze Bibelübersetzung ökumenisch erarbeitet worden ist. Reicht die Antwort aus, dass eine katholisch-evangelische Partnerschaft nicht von Anfang an angestrebt war, sondern sich erst im Lauf der Zeit ergeben hat? Man muss es wohl so sehen, dass immerhin mit den Psalmen und dem Neuen Testament solche Teile der Bibel ausgewählt worden sind, die besonders stark in der Liturgie vertreten sind.
Das Eis war nach einem Treffen zwischen Kardinal Augustin Bea (1881–1968), dem ersten Sekretär des Päpstlichen Einheitsrates in Rom, und Bischof Kurt Scharf (1902–1990), damals Vorsitzendes des Rates der EKD, gebrochen worden. Bea war Alttestamentler, der lange das Päpstliche Bibelinstitut geleitet hatte; Scharf war Vizepräsident der Vereinigten Weltbibelgesellschaften. So fanden sie einen Draht zueinander. Aber es war nicht nur ihre persönliche Beziehung, es war die ökumenische Gesinnung der 1960er- und 1970er-Jahre, die zur Zusammenarbeit führte. Ähnliche Projekte, die das Zweite Vatikanische Konzil angeregt hatte (Dei verbum 22), wurden auch in anderen Ländern gestartet und erfolgreich abgeschlossen.
Im Vorwort der ersten Einheitsübersetzung wird unter dem Datum »Advent 1979« aus einem Brief des seinerzeitigen EKD-Vorsitzenden Helmut Claß (1913–1998) an Joseph Kardinal Höffner (1906–1987) zitiert, den damaligen Vorsitzenden der Deutschen Bischofskonferenz:
»Die Tatsache, dass katholische und evangelische Christen nunmehr die Psalmen und ein Neues Testament besitzen, die Exegeten beider Kirchen im offiziellen Auftrag übersetzt haben, kann nicht hoch genug veranschlagt werden. Mehr als einzelne gemeinsame Aktionen führt gemeinsames Hören auf das Wort der Schrift dazu, dass die getrennten Kirchen aufeinander zugehen, um einmal zusammenzufinden unter dem einen Herrn der Kirche, Jesus Christus.«
Claus Westermann, Erich Grässer und nicht zuletzt Eduard Lohse, der schließlich 1979 als Ratsvorsitzender der EKD das Vorwort der Einheitsübersetzung mitunterschrieben hat, zählten zu den Exegeten, die sich voll in die Arbeit eingebracht haben: gleichberechtigt, verantwortungsvoll, ökumenisch aufgeschlossen. Es war eine Zeit, als die Lutherbibel nicht sonderlich hoch im Kurs stand; es war auch die Zeit, als die Suche nach Gemeinsamkeiten zwischen den Kirchen wichtiger als die Suche nach Unterschieden war und im Zuge allgemeiner Reformbegeisterung auch die konfessionellen Traditionen nicht mehr als sakrosankt galten.
Die Mitarbeit der evangelischen Bibelwissenschaftler war weit mehr als nur freundliche Nachhilfe für die katholischen. Die Kooperation verfolgte auch kirchenpolitische Ziele, die bis in die Liturgie hineindrangen. Zwischen der Evangelischen Kirche in Deutschland und der Deutschen Bischofskonferenz wurde ein Vertrag abgeschlossen, dass die Einheitsübersetzung auch im evangelischen Gottesdienst Verwendung finden dürfe und dass bei ökumenischen Gottesdiensten in der Regel die »Einheitsübersetzung« gelesen werden sollte, immer bezogen auf die gemeinsam erstellten Teile, das Neue Testament und die Psalmen. Theoretisch war die Einheitsübersetzung damit aus dem Stand die Bibelübersetzung Nr. 1 im deutschsprachigen Raum, allerdings nur theoretisch, weil sich die evangelischen Pfarrerinnen und Pfarrer doch lieber auf die eigenen Übersetzungen berufen wollten und das Feuilleton in der Regel die Lutherbibel vorzog (und bis heute vorzieht).
Schrittweise Einführung
Die Einführung der Bibel wurde sehr sorgfältig vorbereitet. Seit 1970 erschienen Probedrucke einzelner Bücher, 1972 wurde in vorläufiger Form ein vollständiges Neues, zwei Jahre später ein Altes Testament vorgelegt. Ausdrücklich hieß es: zur Erprobung. Gefragt waren also alle, die lesen konnten und wollten. Ein so offener Diskussionsprozess, der zur Kritik einlädt, wäre in früheren Zeiten undenkbar gewesen; auch später hat es ihn in der katholischen Kirche lange Zeit so nicht mehr gegeben, im Grunde bis zur offenen Meinungsbefragung vor der ersten römischen Weltbischofssynode zu Fragen der Sexualethik 2014. Besonders waren die Priester, die Predigerinnen und Prediger, die Lektorinnen und Lektoren, die Katechetinnen und Katecheten, aber auch die Lehrerinnen und Lehrer gefragt, von den Exegetinnen und Exegeten ganz zu schweigen.