Der Kreml-Flieger - Ed Stuhler - ebook

Der Kreml-Flieger ebook

Ed Stuhler

0,0

Opis

Am 28. Mai 1987 landet der 19-jährige Mathias Rust aus Wedel bei Hamburg mit einem Sportflugzeug auf dem Roten Platz in Moskau. Die hochgerüstete Weltmacht Sowjetunion ist blamiert. Michail Gorbatschow nimmt dies zum Anlass, die Militärführung auszuwechseln und die jahrzehntelange Macht der alten Hardliner zu brechen. Mathias Rust muss ins Gefängnis.25 Jahre nach dem kuriosen Ereignis werden die Motive und die historischen Folgen des Abenteuerfluges rekonstruiert. Parallel zu einer ARD-Fernsehdokumentation von Gabriele Denecke beschreibt Ed Stuhler die Geschichten hinter der Geschichte. Befragt wurden dazu nicht nur Mathias Rust und die involvierten deutschen Politiker wie Außenminister Hans-Dietrich Genscher und BND-Chef Hans-Georg Wieck, sondern auch Gorbatschows Berater Valentin Falin, mehrere sowjetische Militärs und der damalige Soldat der Luftverteidigung Wladimir Kaminer.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 194

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Biografische Angaben zu den vorkommenden Personen finden sich im annotierten Personenregister am Ende des Buches.

Die kursiv gedruckten Passagen in diesem Buch sind Ausschnitte aus Interviews, die von der Filmautorin Gabriele Denecke für den Film »Der Kreml-Flieger« der Produktionsfirma Gebrüder Beetz sowie vom Autor des vorliegenden Bandes geführt wurden.

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation

in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über

www.dnb.de abrufbar.

Inhalt

Vorwort

Prolog im Kreml

Reykjavík

Wedel

Flug

Moskau

Gorbatschow

Teufelsflieger

Lefortowo

Untersuchung

Prozess

Mythen

Begnadigung

Folgen

Heimkehr

Epilog am Kreml

Anhang

Interviews

Anmerkungen

Literaturverzeichnis

Personenregister

Dank

Angaben zum Autor

Vorwort

Prolog im Kreml

So soll es sich zugetragen haben:

Es ist Sonnabend, der 30. Mai 1987, 11.00 Uhr. Michail Gorbatschow hat die Mitglieder des KPdSU-Politbüros an diesem ungewöhnlichen Wochentag zu einer außerordentlichen Sitzung geladen. Nach einer kurzen Diskussion kommt der Gensek (Parteijargon für Generalsekretär) zur Sache:

»Sergej Leonidowitsch, ich zweifle keineswegs an Ihrer persönlichen Integrität. Aber ich an Ihrer Stelle hätte in der entstandenen Situation abgedankt.«1

Der Angesprochene, es ist Verteidigungsminister Marschall Sokolow, steht auf und bittet darum, unverzüglich zurücktreten zu dürfen. Im Namen des Politbüros akzeptiert Gorbatschow diese Bitte.

Die Mitglieder des hohen Gremiums ziehen sich zu einer kurzen Beratung in das Nussbaumzimmer zurück, das sich zwischen dem Büro des Generalsekretärs und den Räumen des Politbüros befindet. Danach verkündet Gorbatschow die Ernennung des neuen Verteidigungsministers: Marschall Dmitrij Jasow. Der, welch ein Zufall, wartet bereits im Vorraum.

Diesen spektakulären Vorgang halten Anatolij Tschernjajew, Wadim Medwedjew und Georgij Schachnasarow in ihrem Protokollband »Im Politbüro des ZK der KPdSU« fest.2

Jasows Anwesenheit verrät, dass hier offensichtlich ein vorbereitetes Szenario abgespielt wird. Der bisherige Kommandeur des fernöstlichen Militärbezirks ist einer der wenigen Generäle, die Gorbatschow persönlich kennt.

Gorbatschow schreibt später in seinen »Erinnerungen« zu den Gründen dieser Kaderveränderung: »Sokolow wurde von seinen Pflichten als Kandidat des Politbüros entbunden und Jasow zum Kandidaten des Politbüros gewählt. Alles verlief ohne Zwischenfälle. Die Versetzung Sokolows zu den Generalinspekteuren des Verteidigungsministeriums war auf jenes ›besondere Vorkommnis‹ zurückzuführen, … nämlich den Flug von Mathias Rust. Die Sache wurde als eine Ohrfeige empfunden, die unser Land und seine Streitkräfte einstecken mußten. Schließlich war die Landung auf dem Roten Platz ein Zeichen dafür, daß unsere Sicherheit nicht gewährleistet war und in der obersten militärischen Führung allzu große Nachlässigkeit herrschte.«3

Sokolow fällt also weich und landet in der auch respektlos als »Elefantenfriedhof« bezeichneten Generalinspekteursgruppe.

Gorbatschow nutzt den Vorfall zu einem großen Aufräumen in den Streitkräften. In den folgenden Wochen und Monaten werden nach russischen Angaben etwa dreihundert Offiziere und Generäle entlassen, darunter drei Marschälle. Das, sagt Valentin Falin bitter, sei ungefähr so viel, wie die Sowjetunion im Zweiten Weltkrieg auf dem Schlachtfeld verloren habe. Einer der Entlassenen ist der Chef der Luftabwehr, Aleksandr Koldunow. Wegen »Unterlassung von Maßnahmen zur Vernichtung eines Verletzers der Staatsgrenzen« werden zwei Diensthabende der Flugabwehr zu je fünf Jahren Haft verurteilt.

Gorbatschows Einschätzung von 1995, die sicher auch seiner Haltung von 1987 entspricht, dass Rusts Landung auf dem Roten Platz ein Zeichen dafür sei, dass die Sicherheit des Landes nicht gewährleistet ist, soll an dieser Stelle unkommentiert stehen bleiben. Wir werden später darauf zurückkommen.

Die kurze Politbürositzung beendet Gorbatschow an diesem Maitag des Jahres 1987 etwas theatralisch mit dem Satz: »Heute muss man dem Volk die ganze Wahrheit sagen.«4

Reykjavík

Schauen wir sieben Monate zurück: Am 11. Oktober 1986 treffen sich Gorbatschow und der amerikanische Präsident Ronald Reagan in Reykjavík zu Abrüstungsgesprächen. Von diesem Gipfeltreffen erhofft sich Gorbatschow viel. Er ist entschlossen, den Teufelskreis des Wettrüstens zu durchbrechen, der sein Land gigantische Summen kostet.

»Von jeher unterlagen alle Angaben, die die Ausgaben für militärische Zwecke und überhaupt die Lage der Armee, den Zustand der Forschungen im militärisch-industriellen Komplex und Informationen darüber betrafen, inwieweit Finanz- und Materialressourcen zu Verteidigungszwecken genutzt wurden, absoluter Geheimhaltung«, schreibt Gorbatschow in seinen Erinnerungen. »Nicht einmal den Mitgliedern des Politbüros war dergleichen vollständig bekannt, ja im Grunde blieben sie so etwas wie Erfüllungsgehilfen, wenn sie ihre Unterschriften unter ›streng geheime‹ Beschlüsse setzten, ohne das Recht zu haben, irgendwelche Fragen zu stellen. Ustinow beispielsweise, der den Verteidigungsbereich lange Jahre betreute, übte eine Art Monopol in Sachen Militärpolitik aus. Außer Breschnew wagte es kein Mitglied des Politbüros, sich dafür auch nur zu interessieren, geschweige denn Informationen anzufordern. … Aber nicht nur der Rüstungsetat, sondern auch der Staatshaushalt war in seinen realen Dimensionen ein Geheimnis. Das Haushaltsdefizit wurde der Gesellschaft vorenthalten; Millionen Sparer ahnten nicht einmal, daß zur Absicherung des Haushalts rechtswidrig der Sparkasse Mittel entlehnt wurden. Und wer wußte schon, daß der Zuwachs des Verteidigungsetats seit vielen Jahren anderthalb-, ja, zweimal höher war als das geplante und das reale Wachstum des Nationaleinkommens!«5

Schon der alte, kranke und kraftlose Breschnew, der kaum noch zu politischen Aktivitäten fähig war, klagte im Kreise von Vertrauten: »Gretschko sagt zu mir: ›Sie (die Amerikaner) steigern hier und erhöhen dort, gib mir noch mehr Geld – nicht 140, sondern 156 Milliarden.« Und wie soll ich reagieren? Als Vorsitzender des Militärrates des Landes bin ich verantwortlich für seine Sicherheit. Der Verteidigungsminister erklärt mir, wenn ich nichts gebe, lehnt er jede Verantwortung ab. Nun so gebe ich, wieder und wieder. Und die Gelder fliegen.«6

Valentin Falin: »Am Ende der Regierung Breschnews wurden 23 Prozent des Bruttoinlandsprodukts für das Wettrüsten ausgegeben, während es in den Vereinigten Staaten nur 7,8 Prozent waren. Aus diesem Grund hatten wir einen so niedrigen Lebensstandard. 83 Prozent unserer Wissenschaftler und Mitarbeiter in Konstruktionsbüros arbeiteten ausschließlich für Militär- oder Paramilitärzwecke. Wie viel bleibt da noch – 17 Prozent? Dadurch, dass wir immer weiter gingen, haben wir uns selbst verdammt. Ich habe es immer gesagt – in Gesprächen mit Chruschtschow, Breschnew, Andropow und danach mit Gorbatschow – wir führen dieses Wettrüsten nicht gegen die Vereinigten Staaten, sondern gegen uns selbst. Wir dienen bloß der Politik der Vereinigten Staaten, die schon 1946 formuliert wurde, nämlich, die Sowjetunion mit Hilfe des Wettrüstens bis ans Ende zu treiben.«7

Die Wahl der isländischen Hauptstadt als Tagungsort des Gipfeltreffens ist ein Kompromiss. Das Verhältnis der beiden Weltmächte ist zu diesem Zeitpunkt so gespannt, dass keiner der Führer bereit ist, das Land des jeweils anderen zu betreten. Island liegt ungefähr auf halber Strecke, ist jedoch Mitglied der NATO, worüber Gorbatschow großzügig hinwegsieht.

Man verhandelt in der ehemaligen Britischen Botschaft, dem sogenannten Höfdi-House (heute Reagan-Gorbatschow-Haus), das direkt an der Atlantikküste liegt. Das ist praktisch für die sowjetische Delegation, wohnen doch die dreihundert Mitglieder auf einem Schiff vor der Küste.

Das Erdgeschoss des Höfdi-Hauses ist der Tagungsraum der Staatschefs, im ersten Stock sitzen die Experten: von sowjetischer Seite u. a. Außenminister Eduard Schewardnadse, Gorbatschow-Berater Aleksandr Jakowlew und Generalstabschef Sergej Achromejew; von amerikanischer Seite Außenminister George Shultz und Admiral John Pointdexter.

Der Knackpunkt heißt SDI (Strategic Defense Initiative), Reagans geplantes weltraumgestütztes System zur Abwehr von Kontinentalraketen, auch als »Krieg der Sterne« bekannt. Die amerikanische Seite ist nicht bereit, auf dessen Entwicklung zu verzichten. So endet das Gipfeltreffen nach zwei Tagen ohne konkretes Ergebnis. Es gibt nicht einmal ein gemeinsames Schlusskommuniqué. Doch man ist sich menschlich etwas nähergekommen. Reagans Überzeugung, dass die Sowjetunion das »Imperium des Bösen« sei, bekommt Risse. Der Boden für spätere erfolgreiche Abrüstungsverhandlungen ist bereitet. Auf den ersten Blick jedoch und nach außen hin ist das Treffen gescheitert.

Zurück in der Sowjetunion, wendet sich ein enttäuschter Gorbatschow in einer Fernsehansprache an sein Volk: »Buchstäblich zwei, drei Schritte vor Beschlussfassung, von Beschlüssen, die historisch hätten werden können, wurden diese Schritte nicht getan. Die Wende in der Weltgeschichte fand nicht statt, obwohl, ich sage es nochmals, obwohl es möglich war.«

Wedel

Zur gleichen Zeit verfolgt rund 2000 Kilometer südöstlich von Reykjavík, in dem kleinen Hamburger Vorort Wedel, ein Achtzehnjähriger aufgewühlt das Geschehen. Er heißt Mathias Rust, wohnt bei seinen Eltern und absolviert eine Lehre als Bankkaufmann. Seit er fünfzehn ist, seit dem »Heißen Herbst« 1983, interessiert er sich brennend für das Thema Abrüstung. Der Nato-Doppelbeschluss zur Stationierung atomarer Mittelstreckenraketen in Europa treibt in der Bundesrepublik viele Friedensbewegte auf die Straße. Doch Rust erlebt, dass alles Protestieren daheim nichts verändert. Das Sichbewegen in der Masse ist sowieso nicht sein Ding – noch heute bezeichnet er sich als Einzelgänger, als Einzelkämpfer. Die sture Haltung Helmut Schmidts, so empfindet es Rust, möglichst in jedem Vorgarten eine »Pershing II« zu installieren, empört ihn.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!