Der Doktor Lerne - Maurice Renard - ebook

Der Doktor Lerne ebook

Maurice Renard

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Opis

Schauerlich-satirischer Romans um den frankensteinähnlichen Doktor Lerne. Der Wissenschaftler lebt auf seinem Schloß Brocéliande und verpflanzt so einiges ganz anders an Flora und an Fauna, als man es vermuten mag. Wegen verbotener Liebe zu Emma verpflanzte er strafend seines Neffen Nicolas Gehirn in einen Stierkörper. Doch sein Meisterstück kostet ihn das Leben. Zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur gehört dieses Meisterwerk eines Ausnahmekünstlers mit anhaltendem und vielfältigem Einfluss auf den lesenden Menschen und die Literaturgeschichte – bis heute. Spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend sind die E-Books großer Schriftsteller, Philosophen und Autoren der einzigartigen Reihe "Weltliteratur erleben!".

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Maurice Renard

Der Doktor Lerne

Ein Schauerroman

Inhaltsverzeichnis
Der Doktor Lerne
Das Präliminar
Notturno
Mitten unter Sphinxen
Das Gewächshaus
Heiß und kalt
Unbesonnenheit
Die Operation
Jupiter auf der Weide
Wirkung in der Ferne
Schlussfolgerungen am 30.
Transmissionsexperimente
Der Tod und die Maske

Das Präliminar

Solches begab sich an einem Winterabend, vor über einem Jahr. Es war nach dem Abschiedsdiner, das ich meinen Kameraden in der Avenue Victor Hugo, in jener kleinen Privatwohnung gab, die ich vollständig möbliert gemietet hatte.

Da diesen Domizilwechsel nichts anderes als meine Vagabundenlaune motivieren konnte, nahmen wir meinen nomadischen Einweihungsschmaus von unlängst an diesem selbigen Herd gleicherweise fidel da wieder auf, wo wir ihn ehedem verließen; und als die Stunde der Schnäpse und Witze geschlagen hatte, grub ein jeder von uns aus sich aus, womit er brillieren könnte, zuvörderst natürlich Gilbert, der Schlüpfrige, Marlotte, der Held der Paradoxa und Possenreißer der ganzen Bande, und Cardaillac, der ständige, angestellte Mystifizierer mit festem Gehalt.

Ich weiß nicht mehr sehr genau, wie's kam, daß nach einer Stunde Tabakqualmens irgendeiner das elektrische Licht löschte, den Dringlichkeitsantrag auf Tischrücken stellte und uns in der Finsternis um einen Nipptisch gruppierte. Und dieser Jemand – man merke sich's wohl – war nicht der Cardaillac. Aber vielleicht hatte ihn Cardaillac als seinen Helfershelfer gewonnen, wenn ja Cardaillac der Schuldige war. Wir waren also acht Mann stark, ziffernmäßig acht Ungläubige gegen eine Null von einem Nipptischchen, das einzig auf seinen Dreifuß rechnen konnte und das sich mit seiner runden Platte unter unsern sechzehn Händen bog, die sehr nach den Regeln des Okkultismus aufgelegt waren.

Jener Marlotte war's, der uns diese Regeln lehrte. Der war früher einmal eifrig auf Beschwörungen ausgewesen und, wenn auch nur als ziemlich ruchloser Laie, mit solchen tanzenden Möbeln vertraut; aber da er uns sonst unsern Gewohnheits-Hanskasper abgab, ließ sich jetzt jeder von uns bereitwilligst herbei, daß er als Autorität die Oberleitung der Seance an sich riß, und wir alle freuten uns im voraus auf einen Mordsspaß.

Cardaillac, der war mein Nachbar zur Rechten. Und ich hörte, wie er ein Lachen verschluckte und hustete.

Währenddessen rückte der Tisch.

Und Gilbert stellte eine Anfrage, und – maßlose Verblüffung Marlottes! – der Tisch antwortete. Antwortete mit trockenen Knarrlauten, so wie Holz, das sich verzieht, und genau nach dem esoterischen Alphabet.

Marlotte übersetzte mit einer Stimme, der nicht wenig von ihrer sonstigen Sicherheit abging.

Nun wollte ein jeder den Nipptisch befragen, der in seinen Repliken bedeutenden Scharfsinn aufwies. Ernst wurde es um die Sache; verzweifelte Gehirnarbeit hub an. Die Fragen drängten sich auf unsere Lippen, und die Antworten geschahen überaus prompt aus dem Fuß des Tischchens – ein wenig mehr meiner Seite zu, wie mir schien, und zu meiner Rechten.

– Wer wird in einem Jahr hier wohnen? kam nun der an die Reihe, der diese spiritistische Erlustigung angeregt hatte.

– Oho! Wenn du ihn über die Zukunft interviewst, schrie Marlotte, dann wirst du lauter Aufschneidereien zu hören kriegen – oder er schweigt dann gar vollends.

– Laß doch! mengte sich Cardaillac ein.

So fragte man auf ein neues:

– Wer wird in einem Jahr hier wohnen?

Der Tisch knarrte.

– Niemand, bedeutete der Interpret.

– Und in zwei Jahren?

– Nicolas Vermont.

Alle hörten den Namen zum allererstenmal.

– Was wird der zu dieser Stunde machen, das Jahr auf diesen Tag? ... Wir wollen doch einmal sehen, was er macht...

Antwort!

– Er beginnt ... hier auf mir zu schreiben ... seine Abenteuer hinzuschreiben.

– Vermagst du zu lesen, was er schreibt?

– Ja ... und auch, was er in der Folge schreiben wird, das eine wie das andere.

– So sag es uns an ... Nur den ersten Anfang, nur den...

– Müde. Alphabet ... zu umständlich. Gebt eine Schreibmaschine her, will es Daktylographen eingeben.

Ein Murmeln lief durchs Dunkel. Ich stand auf, holte meine Schreibmaschine und stellte sie auf den Nipptisch.

– Das ist eine Watson, sagte der Tisch. Mag ich nicht. Bin Französin, verlange französische Maschine, muß eine Durand haben.

– Eine ... Durand? machte mein Nachbar zur Linken höchlichst verwundert. Existiert denn eine solche Marke? Ich kenne keine.

– Ich auch nicht.

– So wie ich.

– Und ich.

Uns blutete das Herz über solchem Pech. Da kam die Stimme Cardaillacs deutlich und langsam einher:

– Ich benutze ausschließlich eine Durand. Wollt ihr? Soll ich sie holen?

– Wirst du schreiben können, ohne zu sehen?

– In einer Viertelstunde bin ich wieder da, sagte der. – Und ging, ohne uns zu antworten.

– Wenn Cardaillac sich dreinmischt, sagte ein Tischgenosse, dann gibt's was zu lachen.

Jedoch der neuaufflammende Lüster zeigte strengere Gesichter als gut war. Marlotte sogar war aschfahl.

Cardaillac kam nach einer winzigen Spanne Zeit zurück – man könnte sagen: erstaunlich winzig. – Er setzte sich an den Nipptisch vor seine Durand-Maschine, man machte wieder Nacht, aber unversehens erklärte die Platte:

– Die übrigen unnötig. Stell du bloß deine Füße auf die meinigen. Schreib.

Und man vernahm das Klimpern der Finger auf den Tasten.

– Seltsam! rief das Typewriter-Medium nun aus. Verflucht! ... Meine Hände gehen von ganz allein!...

– Pfff! So ein Schwindel... zischelte Marlotte.

– Wenn ich's euch schwöre!... ich schwör's euch zu... versetzte Cardaillac.

Wir verharrten eine ganze Weile und vernahmen nichts als das Geklapper dieses «Fernschreibers», das nur alle Augenblicke durch das Kling-kling am Ende einer Zeile und durch das Rack-lack des Schlittens unterbrochen wurde. Und alle fünf Minuten ein vollgeschriebenes Blatt. Wir beschlossen, in den Salon hinüberzugehen und da eins ums andere laut zu lesen, so wie sie Gilbert mir von Cardaillac überbrachte.

Blatt 79 dechiffrierten wir ums Morgenlicht, in dem Augenblick, als die Maschine stillstand.

Aber was die Durand uns da alles gedruckt hatte, das fesselte uns so, daß wir Cardaillac um die Liebe baten, uns die Sache bis zum Schluß zu liefern.

Und der ging auch ans Werk. Und als er so manche Nacht vor dem Nipptisch an seinem Schreibe-Clavicembalo verbracht hatte, besaßen wir die Abenteuer jenes Vermont vollständig. Der Leser wird auf den folgenden Seiten Bekanntschaft mit ihnen machen.

Sie sind äußerst wunderlich, und sie sind sehr heikel. Ihr zukünftiger Verfasser darf sie nicht dem Druck übergeben. Er wird sie verbrennen, sobald sie nur geschrieben sein werden. Dergestalt daß, wär der Nipptisch nicht so zuvorkommend gewesen, kein lebendiges Wesen je in ihnen zu blättern vermöchte. Und das ist so prickelnd für mich, der ich von der Echtheit der Urkunde überzeugt sein muß, daß ich die Zeilen veröffentliche, noch ehe sie überhaupt geschrieben sind.

Denn ich halte sie für echt. Obgleich sie einen Charakter zeichnen, der verzerrt bis zur Grimasse erscheint; und wiewohl sie seltsam jenen auf das flüchtigste hingeworfenen Skizzen ähneln, spielerischen, beinahe in der Art von Glossen hingekritzelten Randbemerkungen zu etwas, das freilich dann die Wissenschaft selber wäre ...

Oder sollten sie apokryph sein? Märchen kommen leicht in den Ruf, daß sie verführerischer seien als die Historie. Und dieses Märchen von Cardaillac, dieses brauchte so vielen andern in nichts nachzustehen.

Gleichwohl wünschte ich mir, dieser Doktor Lerne sei die getreue Niederschrift von wahrhaftigen Mißgeschicken, denn in dieser Voraussicht – da ja der Nipptisch es prophezeit hat – haben die Drangsale unseres Helden in Wirklichkeit noch gar nicht angefangen und werden sich zweifellos erst in der Zeit abspielen, in der sie dieses Buch schon unter die Leute bringt – welch über alle Maßen aufrüttelnde, fieberische Aktualität!

Überdem werd ich ja heut in zwei Jahren wissen, ob Herr Nicolas Vermont meine kleine Privatwohnung in der Avenue Victor Hugo bewohnt. Und dieses ist's, was mich in fast allem im voraus sehr bestärkt und in nichts zweifeln läßt: wie soll ich von Cardaillac, einem so tiefernsten und so hochintelligenten Burschen, annehmen, er hätte soviel Stunden und Stunden verschwendet, um einen ähnlichen Blödsinn einfach zu fabrizieren? ... Ja, und das ist mein Hauptargument, das für seine Lauterkeit ficht.

Nun, und wenn ein spitzfindiger Leser ganz sichergehen will? Dann möge er nach Grey-l'Abbaye fahren! Dort wird man ihm schon Auskunft geben über die Existenz des Professor Doktor Lerne wie über seine Gewohnheiten. Ich allerdings, ich hab soviel freie Zeit nicht, aber ich ersuche diesen etwaigen Forschergeist dringend, mich die Wahrheit wissen zu lassen, der ich doch so sehr darauf brenne, ob der folgende Bericht weiterhin eine Mystifikation Cardaillacs bleibt oder ob er in der Tat von jenem tanzenden Geistertisch daktylographiert wurde.

Notturno

Jener erste Tag im Juni neigte sich. Der Schatten des Kraftwagens, dem mein eigener Schatten noch wie ein Stachel voraufsaß, hetzte vor mir her und ward länger jeden Augenblick.

Seit dem frühen Morgen an verstörten Menschengesichtern vorüber – die an mir alle gewiß etwas aus einem Spektakelstück zu erschauen vermeinten. So wie ich daherkam, die Lederkappe auf, einen Schädel wie ein Knochenmann, mit dem Brillenzeug, daß ich Augenhöhlen wie ein Skelett hatte, und ganz in lohfarbenem Leder steckend, muß ich den guten Seelen wie ein höllisches geisterndes Robbenvieh vorgekommen sein, wie ein teuflisch Tier aus der Versuchung des heiligen Antonius – auf der Flucht vor der Sonne und gleichwie um die Wette Nacht und Grauen entgegen.

Und ernstlich, in mir hauste etwas wie die Seele eines Verdammten. Mir war so fürchterlich, wie's eben nur in dem auszusehen vermag, der sieben Stunden todverlassen auf einem sich wie tobsüchtig gebärdenden Rennwagen hockt. Dampf im Hirn. An Stelle des winzigsten Gedankens eine einzige währende Qual. In meinem Fall die eine kleine befehlshaberische Zeile: «Komm allein und schreib zuvor», ein scheußlicher Kobold, ein unaufhörlicher Rumor in mir Einsamem, der ich vor Erregung und Rennfieber bebte.

Dieses bizarre, von meinem Onkel Lerne in seinem Brief doppelt unterstrichene Kommando: «Komm allein und schreib zuvor» hatte mich indes nicht gleich von Anfang an so maßlos frappiert. Erst seit ich der Weisung gemäß – ganz allein und nachdem ich zuvor richtig geschrieben hatte – dem Schloß Fonval zustrebte, veranstaltete der mysteriöse Befehl Privat- und Extravorstellungen vor mir, in seiner ganzen Absonderlichkeit. Überall las ich und allenthalben hörte ich nur dies und wieder dies – ich mochte mich noch so sehr anstrengen, die fixe Idee abzuschütteln. Wollte ich den Namen eines Dorfes erfahren, stand auf der Ortstafel: «Komm allein». «Und schreib zuvor» diktierte mir der Flug der Vögel. Und der Motor wiederholte unablässig und wie außer sich – tausend- und tausendmal: «Komm allein, komm allein, zuvor schreib, zuvor schreib, zuvor schreib» ... Ich fand, wie ich suchte, keine Erklärung für diese Zeile meines Onkels und wünschte mir nichts sehnlicher als anzukommen, um den Schleier vom Geheimnis fortgerissen zu sehen, doch ersehnte ich weniger die zweifellos banale Antwort, die mir auf all das werden würde, als meine endliche Erlösung von soviel tyrannischer Qual und Folter.

Aber ich kam ja glücklich immer näher, und wie die Gegend mir bekannter wurde und mir vertraut von früher erzählte, fiel manches von meiner Pein ab. – Das volkreiche und geschäftige Nanthel hielt mich an, aber am Ausgang der Vorstadt sah ich endlich in vagen Schattierungen und sehr fern die Ardenner Höhen.

Abend fällt. Vor der Nacht am Ziel zu sein, stelle ich auf höchste Geschwindigkeit. Der Wagen schnaubt, die Chaussee schwindet unter ihm – wahnwitzig – der Wagen ist nur noch eine Spule, die das Straßenband kilometerweise aufhaspelt. Gesang um die Ohren – siebt mir ein Schwarm Moskitos die Gesichtshaut? – wie Bleikörner tun, wie Schrot und Vogeldunst – tausend kleine Dinge knistern gegen meine Brillen an. Jetzt hab ich die Sonne zu meiner Rechten. Steht noch überm Horizont. Aber die Wegwand, die mich bald hohl vergräbt und bald steil auswirft, zwingt das Gestirn, mir ein paarmal hintereinander Sonnenauf- und -untergang vorzuspielen. Sonne versinkt. Ich durchs Abenddämmer, was meine wackere Maschine aufbringen kann – wer überholt meine 234-XY? Keiner! – Das Tempo ist wohl angetan, den Ardenner Wald auf die Beine zu bringen. Was Wolke schien, nimmt grüne Färbung an, Waldfarbe, wird Wald. Mein Herz singt ein Lied. Fünfzehn Jahre! Fünfzehn Jahre, ach Gott, daß ich dich lieben großen Wald nicht sah! Alter Ferienkamerad!

Denn hier ist es, ja, in deinem Schatten liegt das Schloß versteckt, tief in einem Riesenbecken ... Ich kann mir's ungewöhnlich deutlich vorstellen, das Becken, nein, nein, ich unterscheid's doch schon, hier voraus, voran, der große dunkle Flecken ist's. Diese seltsame Bucht! Lidivina Lerne selig, meine Tante, die voller Legenden steckt, die wollte wahrhaben, Satan hätte sich über irgendeiner getäuschten Hoffnung einmal einfach sehr fuchtig auf seiner Riesenferse umgedreht und damit dieses hier zustande gebracht. Welcher Ursprung indes bestritten wird. In einem jeden Fall aber malt dies Bild die Gegend auf das überraschendste: ein ungeheurer Zirkus mit ganz abschüssigen Wänden und mit keinem anderen Auslaß als einem einzigen riesigen Tor auf die Felder heraus. Anders gesagt: ein terrestrischer Golf inmitten von Höhn, die ringsum steil anstreben. Derart, daß man ganz eben nach Fonval gelangt, ganz ohne den geringsten Hang anklettern zu müssen, wiewohl das Schloß tief im Bergesschoß ruht. Der Park, das ist das Innere des Zirkus, und die Felsen sind überall Wall und Wehr, außer nach dem Auslaß zu. Den aber verbaut eine Mauer, und in dieser wiederum ist das Portal. Und dann ist eine lange schnurgerade mit Lindenbäumen bestandene Allee. Die ich in wenigen Minuten haben will ... und kurze Zeit drauf muß ich wissen, warum mich keine Seele nach Fonval begleiten durfte. »Komm allein und schreib zuvor!« ... Weshalb diese Maßregeln?

Geduld. Die Masse der Ardennen zerfällt in Massen. Wie ich in diesem Tempo weiterfliege, bewegt sich alles. Bergkuppen taumeln und stürzen an mir vorüber, da eine fern, da eine nah, diese duckt sich klein, diese andere schäumt groß auf, wie eine königliche Welle – es ist das ewige Schauspiel des großen Meeres ...

Da hebt sich etwas ungetüm und eilends weg – ein Nest liegt vor mir da. Sehr wohl bekannt. Jedes Jahr im August erwartete einst der Wagen meines Onkels – mit dem vorgespannten Biribi – vor diesem Bahnhof Mama und mich. Und grad bis hierher brachte man uns zur Abfahrt ... Sei mir gegrüßt, mein Grey-l'Abbaye! Nun ist es bis Fonval nur noch drei Kilometer. Blind fänd ich hin! Siehst du, das ist der direkte Weg, der nun bald unter Bäumen hinlaufen und sodann groß Allee heißen wird ...

Fast Nacht. Ein Bauersmann schreit mich an ... Beleidigungen natürlich. Bin ich gewöhnt. Meine Hupe antwortet ihm – drohend und klagend.

Der Wald! Ah! Mit seinem starken Arom! Nach schulfreien Zeiten duftet's. Mein Erinnern und der Wald fühlen eins ... Köstlich! Ausgesucht! ... Wie möcht ich dies Fest der Nasenflügel verlängern ...

Gedämpftere Eile. Das Auto fährt sanfter hin. Sein Gefauch wird Summen. Links und rechts steigen die Kesselwände an. Hoch. Höher. Wenn's heller wär, müßt ich schon Fonval sehn. Am Ende der wie mit dem Lineal gezogenen Allee ... Holla! Was heißt das?

Wir hätten beinahe umgeschlagen. Unerwartet – unerwartet krümmt sich der Weg.

Noch kleinere Geschwindigkeit.

Ein wenig weiter – wieder ein Winkel – dann wieder einer. Da hielt ich an.

Am Firmament hing perlend Stern bei Stern, wie leuchtender Tau. So ließ mich die Frühjahrsnacht hoch über mir die steilen Kämme unterscheiden; nur die Winkel, in denen sie abfielen, verwirrten mich. Und wie ich rückwärts wollte, stieß ich auf eine Weggabelung, die ich vorhin beim Anfahren übersehen hatte. Ich nahm nun die Straße rechts, und nach mehreren Windungen – wieder eine Abzweigung. Rätsel, Rätsel, Rätsel. Ich orientierte mich noch einmal genau und lenkte in diesem Sinne grad auf Fonval zu – ein neuer Kreuzweg. Wohin wollte denn dieser Weg rechts? ... Ich war bestürzt.

Die Lampen angezündet. Und bei ihrer Helle fuhr ich nun Schlinge um Schlinge. Ohne mich auszukennen. Sternförmig liefen die Wege. Stern um Stern. Dann wieder Sackgassen. Zum Donner, bei dieser einen Birke, da war ich doch schon! Und die Wände um mich hielten sich auf gleicher Höhe. Ein wahrhaftiges Labyrinth, darin ich irrte. Ich kam um keinen Preis vorwärts. Hatte mich das Bäuerlein aus Grey darum angeschrien? Sehr wahrscheinlich.

Jetzt einfach auf den Zufall vertrauen. So hitzig machte mich das ... Brennenden Auges sah ich voraus. Im feurigen Lichtfeld der Laternen – glücklich zum drittenmal die nämliche Kreuzung. Dreimal aus verschiedenen Wegen heraus die gleiche infame weiße Birke.

Rufen, rufen. Da versagte die Hupe, und ich saß ohne Trompete. Und mit der Stimme? Von hier war's so weit nach Grey als nach Fonval. Ausgeschlossen, daß ...

Angst wurde mir. Wenn nun das Benzin zu Ende sein sollte? Ich hielt mitten auf dem Kreuzweg und sah nach. Das Reservoir ... fast leer. Durch vergebliches Hin und Her nun noch vollends austrocknen? Da schien es mir doch ein Leichteres, zu Fuß quer durchs Gehölz bis zum Schloß ... Ich wollte es. Und rannte gegen ein tückisches Drahtgitter in den Gebüschen ...

Augenscheinlich. Das war keine müßige Kombination. War eine dädalische Leistung, diese Verwehr zum Garten. Höchst, höchst geflissentlich. Alle Achtung vor solcher Defensive. Ganz aus dem Konzept, fing ich an zu räsonieren:

»Verehrter Onkel Lerne. Ich kann Sie absolut nicht begreifen. Heute morgen erreichte Sie die Nachricht von meinem Eintreffen. Und nun stecke ich in der hinterlistigsten Falle und Haft, die je eine Landschaftsarchitektur ausknobeln konnte. Wie kamen Sie nur auf so eine Idee? Haben Sie sich noch wunderlicher verändert, als ich mir dachte? Vor fünfzehn Jahren wären Ihnen ähnliche Fortifikationen nicht im Traum eingefallen ...

Vor fünfzehn Jahren. Eine Nacht wie die. Zweifelsohne. Der Himmel taute Licht wie heut, und Krötengetier zündete die Stille mit klaren, kurzen, feinen, süßen Schreien an. Eine Nachtigall sang. Wie jetzund. Onkel! Auch jene ferne Abendzeit war köstlich. Meine Tante und meine Mama, die beiden Schwestern schwesterlich in einer Woche gestorben – und wir allein, wir zwei beiden, von Angesicht zu Angesicht, Sie Witwer und ich Waise...«

Und der Mann aus jener Zeit stand auf in meiner Erinnerung und stand, so wie ihn ganz Nanthel kannte, den mit fünfunddreißig schon weltberühmten Chirurgen, den Mann mit der geschicktesten Hand und soviel Glück bei soviel Wagen, der bei allem Ruhm seiner Vaterstadt treu blieb: der Doktor Frédéric Lerne, Professor der Klinik an der Medizinischen Schule, korrespondierendes Mitglied zahlreicher wissenschaftlicher Gesellschaften, Inhaber vieler Orden und – daß ich es ja nicht vergesse – der Vormund seines Neffen Nicolas Vermont. Mit diesem meinem neuen Vater, von Gesetzes wegen, hatte ich bislang wenig Umgang gehabt. Der nahm sich niemals Ferien. Verbrachte nur die Sommersonntage auf Fonval und verwandte auch die, ganz abwegs, zu rastloser Arbeit. Seine große Leidenschaft für die Gärtnerei, die er wochentags zügeln mußte, sperrte ihn dann den ganzen Tag über in sein kleines Gewächshaus, zu seinen Tulpen und Orchideen.

Ungeachtet aber unseres seltenen Zusammenseins, kannte ich ihn gut und liebte ihn sehr.

Robust und lustig. Gleichgewichtig und nüchtern. Ein wenig kalt vielleicht. Aber doch so gutmütig! Unehrerbietig genug verglich ich sein ganz glattrasiertes Gesicht oft mit dem einer alten lieben Dame, indes mußten solche Pfeile meines Witzes als reichlich verfehlt angesehen werden, denn bald legte er es antik in Falten und sah hohe und ernst aus, und bald verzog er's zu feinstem Lachen und sah aus wie einer aus der berüchtigten Zeit Philipps von Orleans. Unter allen modernen glattgeschabten Gesichtern trug mein Onkel eins von jenen etwelchen, die durch ihren angestammten Adel ebensosehr nach unsern in Togen drapierten Altvordersten wie nach unsern atlasgekleideten Großvätern auszuschauen vermögen und deren künftige Enkel sich unbeschadet die Kostüme der Ahnen anlegen könnten ...

In diesem Augenblick erschien mir Lerne, in einem schwarzen miserabel zugeschnittenen Überrock vermummt, darin ich ihn zum Abschied, bei meiner Abreise nach Spanien gesehen hatte. Da mein Onkel reich war und mich recht bald gleich ihm begütert sehen wollte, schickte er mich dahin, auf daß ich Handel mit Kork triebe als Kommis des Hauses Gomez zu Badajoz.

Und dieses mein Exil hatte fünfzehn Jahre gewährt. Und in dieser Zeit mußte der Professor seinen Reichtum noch erheblich angehäuft haben, nach den sensationellen Operationen zu schließen, die er ausführte, und von denen laute lärmende Kunde bis zu mir ins innerste Estremadura drang.

Meine Geschäfte? Mit denen haperte es gewaltig. Nach fünfzehn Jahren zweifelte ich sehr, jemals unter meinem eigenen Namen Rettungsgürtel und Flaschenkorkstöpsel zu verkaufen, und so war ich soeben nach Frankreich zurückgekehrt, mir einen andern Stand zu suchen, als das Schicksal mich zum Rentier stempelte: Ich gewann das Millionenlos, aber darüber möchte der Erbe gern alles Inkognito bewahren.

In Paris richtete ich mich ein. Komfortabel, ohne luxuriös zu sein. Meine Appartements waren bequem und einfach. Ich hatte, was ich brauchte, jedennoch mehr ein Auto und weniger eine Familie.

Aber ehe ich mir eine solche frisch anschaffen wollte, schien es mir korrekter, mit meiner einstigen, das will sagen mit Doktor Lerne, wieder anzuknüpfen. Und ich schrieb ihm.

Nur soll man dabei nicht meinen, daß wir nicht allezeit in einer ziemlich ununterbrochenen Korrespondenz miteinander gestanden hätten. Anfangs hatte er mir weise Ratschläge gegeben und sich auch mächtig väterlich erwiesen. In seinem ersten Brief schrieb er mir sogar von einem Testament, das sehr zu meinen Gunsten wäre und streng verborgen in einem geheimen Möbelfach auf Fonval läge. Auch nach der Rechnungsübergabe der Vormundschaft blieben unsere Beziehungen die alten. Dann aber plötzlich trat eine starke Veränderung in seinen Nachrichten ein, sie kamen nur noch in größeren Zwischenräumen, ihr Ton klang erst gelangweilt und dann mürrisch, ihr Inhalt wurde banaler und trivialer, der Stil linkisch; und selbst die Schrift wurde immer unleserlicher. Und da all die Anzeichen von Schreiben zu Schreiben immer auffallender hervortraten, beschränkte ich mich zuletzt darauf, ihm nur noch zu Neujahr zu gratulieren. Und der Onkel dankte mit irgendzwei hingeklecksten Wortzeichen ... Die einzige Liebe, die ich fühlte, war tief verwundet. Ich war untröstlich.

Was war nur über ihn gekommen?

Ein Jahr vor diesem plötzlichen Wechsel – fünf Jahre vor meiner jetzigen Rückkehr nach Fonval und meiner Gefangenschaft hier in diesem Labyrinth – hatte ich in der Epoca gelesen:

«Aus Paris wird uns geschrieben: Professor Lerne verabschiedet sich von all seinen Patienten, um sich gänzlich bereits begonnenen wissenschaftlichen Forschungen im Hospital zu Nanthel zu widmen. Zu diesem Behufe zieht sich der ausgezeichnete Arzt in die Umgebung der Ardenner Stadt, auf sein ad hoc eingerichtetes Schloß Fonval zurück. Er hat sich einige namhafte Kollaboratoren, unter ändern den Dr. Klotz aus Mannheim, beigeordnet, sowie die drei Präparatoren des Anatomischen Instituts , das jener Klotz Friedrichstraße 22 ins Leben rief und das jetzt eben seine Pforten geschlossen hat. – Wann hören wir von den Resultaten ?»

Lerne hatte mir das Ereignis auf einem enthusiastischen Billett zwar bestätigt, aber das dürftige Entrefilet um keine Silbe ergänzt. Und ich wiederhole es – ein Jahr darauf hatte sich jener Umschwung in ihm vollzogen. Hatten zwölf Monate Arbeit einen solchen Schaden bei ihm eingerissen? Hatte ein herbes Mißgeschick den Professor so schwer angegriffen, daß er mich wie einen Fremden, ja, wie einen Lästigen behandelte?...

Und dann setzte ich all seine feindselige Gesinnung hintan und schrieb ihm ehrerbietig und mit viel Liebe jenen Brief, machte ihm Mitteilung von meinem großen Glück und bat ihn um die Erlaubnis, ihn besuchen zu dürfen.

Nie wohl war eine Einladung weniger einnehmend als die seinige. Er ersuchte mich, ihn von meinem Kommen zu benachrichtigen, damit er einen Wagen bestellen könne, der mich an der Station abhole: «Du wirst jedenfalls nur kurze Zeit hier bleiben. Der Aufenthalt auf Fonval ist kein lustiger. Man arbeitet viel hier. Komm allein und schreib zuvor.»

Aber hol mich der Teufel! Ich hatte doch zuvor geschrieben und kam doch nun allein! Und ich hatte diesen Besuch für kindliche Pflicht angesehen, für Sohnesschuld! Jawohl, ja! Blödsinn! Ganz einfach Blödsinn!...

Und ich sah furchtbar mißgestimmt auf den Stern, den die Alleewege bildeten, und auf den meine verlöschenden Laternen nur noch einen Totenlämpchenschimmer warfen.

Nun galt's also für mich, diese Nacht in diesem Walddunkelarrest zu verbringen. Und nichts würde mich vor Tag daraus befreien. Die Kröten im Weiher gen Fonval, die hatten mich gut rufen. Und vergebens sang die Glocke von Grey Stunde um Stunde her und wollte mir das bessere Nachtlager weisen – denn die Glocken sind in Wahrheit tönende Leuchtfeuer – ich war ein Gefangener.

Ein Gefangener. Lächeln machte mich's. Doch wie hätt ich mich früher geängstigt! Der Gefangene der Ardennen! Brocéliande ausgeliefert, dem ungeheuren Wald, der innerhalb seiner Grenzen – bei Blois die eine, die andere bei Konstantinopel – eine Welt in Grabesfinsternis tauchte! Brocéliande! Du Schaubühne der Heldengedichte und Kindermärchen, du Land der vier Haimonskinder und des kleinen Däumlings, Wald voller Druiden und voll von Kobolden – in deinem Hain schlief Dornröschen süß ein, und Carolus Magnus hielt Wache! Welche Historie, die nur ein wenig phantastisch war, hatte nicht diesen Hochwald zumindest zur Dekoration, wenn die Bäume schon einmal nicht selber Akteure waren? – »Ach, teuerstes Tantchen Lidivina«, so murmelte ich, »ja, du wußtest ähnlichen Schnickschnack zu beleben, allabendlich, nach dem Diner. Treffliche Dame, du! Ob du jemals den Zauber deiner Märchen geahnt hast? ... Tantchen, mein Tantchen, weißt du denn, daß all deine unerhörten Puppen mein Leben an sich rissen, all meine Träume besitzen? Glaub mir, zuweilen noch singt mir eine Zauberfanfare im Ohr – du hast in meinen Nächten auf Fonval Rolands Olifant und Oberons Horn erschallen lassen!«

Den Augenblick geschah etwas Unverzeihliches, und ich konnt's nicht hindern: Nach einem letzten Aufflackern der Lebensflamme erloschen die Lampen. Eine Sekunde lang war dunkelstes Dunkel und stillste Stille. Ich kam mir stockblind und stocktaub vor.

Bis ich dann mählich wieder sehen lernte. Und die Mondsichel aufleuchtete und die kalte Nacht in schneeiges Licht gewandete. Der Wald starrte in eisiger Weiße. Mich fröstelte. Zu Lebzeiten meiner Tante hätt's mich vor Schreck gefröstelt. Da hätt ich in all diesem Wallen und Brauen Drachen sich wälzen, Schlangen sich aufheben und hingleiten erschaut. Eine Eule flog um. Mir wär's der gefiederte Helm eines zauberischen Paladins gewesen. Die Birke rechts flammte her mit Lanzenflamme. Der Sohn – nicht? – des Zauberbaums, des Gemahls der Prinzessin Léélina. Eine Eiche rauschte. Riesenhaft und druidisch. Ein Mistelpage hing treu seiner mondhaarigen, silbergepuderten Gebieterin an. Und über allem das gleißend heilige Sichelzeichen ...

Ei ja, Traum und Fieber wob diese nächtliche Landschaft. – Nun, an Stelle eines geeigneteren wollte ich just dies ausdenken. Wohlan. – Und gar nicht mitzählen, warum ich einst so wie heut all der Suggestion der Gegend unterlag und, wenn der Abend kam, mich nur sehr ungern in dies alles herauswagte. Fonval war eben selber, glaub ich, trotz seiner unzählbaren Blumen und seiner herrlichen vielgewundenen Alleen, der abstoßendste Ort. Einst eine Abtei und dann ein Schloß geworden, seine spitzbogigen Fenster, sein hundertjähriger von Statuen bestandener Park, das tote Wasser seines Weihers, die schroffen Höhen, die rings herab zur Tiefe dräuten, und jenes Höllentor – das machte den Flecken Erde sogar am hellichten Tage also fremd, daß es nicht groß hätte überraschen dürfen, wenn es jedermann hier nur mit Mythologie, Märchen und Fabelgetier gehalten hätte. Das wäre die rechte Sprache für hier gewesen.

Ich wenigstens – ich redete in den Ferien hier in solchen Zungen und tat solche Taten. Alles bot sich mir dar und wurde mir ein endloses Zauberstück, und ich spielte es mit imaginären oder bildlichen Statisten, daß sie auf dem Wasser lebten, in den Bäumen wohnten und unter der Erde hausten – öfter unter der Erde als auf ihr. Wenn ich über den Rasen hin meine nackten Waden zum Galopp rührte, o wie sehr sah man da an mir, daß viele Eskadronen Reiter hinter mir ansprengen mußten. Und gar der alte Nachen! Der wurde zu der Gelegenheit mit drei Besenstielen bemastet, daran sich schlecht und recht drei Segel blähten, und wurde mir so zum Schiff und der Weiher zum Mittelländischen Ozean, der die Kreuzritter auf seinem Schaumrücken schaukelte. Und da sah ich gedankenvoll und tiefsinnig auf die Seeroseninseln und die Rasenhalbinseln und proklamierte also: «Das ist Korsika, und das ist Sardinien! ... Italien in Sicht! ... Wir umsegeln Malta!...» Und eine Minute später: «Land!» Und man landete auch schon in Palästina. Und «Montjoie und Saint Denis, Montjoie und Saint Denis ...» erbrauste der mittelalterliche Schlachtruf. – Mich befiel die Seekrankheit da draußen, und Heimweh; der Heilige Krieg rieb mich auf; – und ich lernte so Schwärmerei und Geographie zugleich ...

Am häufigsten aber waren die übrigen Akteure simuliert. Da war dann – ein jedes Kind sieht so wie Don Quichotte - da war dann der hundertarmige Riese Briareus (das war unser verwildertes Lusthaus); und da war der Drache der Andromeda (das war in Wirklichkeit nur ein Faß gewesen). Aber dieses Faß! Ein Haupt hatte ich ihm verfertigt – aus einem Kürbis, der schielte; und zwei Drachenflügel –aus zwei Regenschirmen. Und dann ward die Maschine an einer Biegung der Allee in schauerlichen Hinterhalt gelegt, aus dem sie jeden Augenblick auf eine Nymphe aus Terrakotta hervorzubrechen schien. Und dann zog ich aus – auf seinen Spuren –, heldenmütiger als der leibhaftige Perseus, und schwang einen Rebenpfahl als Waffe und tummelte einen unsichtbaren Hippogryphen. Aber wenn ich das Untier dann stellte, schleuderte mir der Kürbis einen so entsetzlichen Blick zu, daß Perseus beinah die Flucht ergriffen hätte und die Regendächer sodann die Wallung büßen mußten und in tausend Stücken und mehr im gelben Blut des furchtbar komischen Gemüses schwammen und ertranken.

Meine Irrwische machten mich in der Tat rasend durch die Rollen, die ich an sie verteilte. Und da ich mir stets die Rolle der Hauptperson, des Helden, des Siegers vorbehielt, überwand ich leichthin alle Furcht – das heißt am Tage. Aber in der Nacht, wenn der Reisige und Ritter längst wieder zum kleinen Nicolas Vermont, zum winzigen Bürschchen und Knirps geworden war, blieb das Faß noch immer das Ungeheuer. Und tief unter der Bettdecke verkrochen und das Gemüt verstört durch die Geschichte, die mir die Tante gradeben erzählt hatte, da sah ich den Garten mit meinen schauerlichen Phantasien bevölkert, sah, wie Briareus auf Wache zog, und sah, wie das von den Toten auferstandene Faß die Krallen seiner Flughaut kräuselte und von ferne mein Fenster belauerte.

In jenem Alter verzweifelte ich bald daran, daß ich später so wie jedermann werden und jemals den Schatten die Stirn bieten könnte. Und dennoch, jener tausendfältige Tod verlor all seine Schrecken und ließ mich, zu jedem Augenblick empfänglich, gewiß, aber nie feige, zurück: also daß es mir in diesem wüsten Walde jetzt, ach!, viel zu leer an Feen und Zauberern war!

Ich war mit meinen Träumereien just bei diesem Punkte angelangt, als in der Richtung auf Fonval zu ein verworrenes Getöse aufstand. Ein Rind brüllte. Und wie Hundegeheul klagte etwas langhin ... Aber das war alles. Und dann schlief alles wieder ein.

Ein paar Minuten – und ich hörte irgendwo zwischen mir und dem Schloß ein Käuzchen weinen. Und da voran flog nun eins auf. Und wieder andere da und dort. Als ob irgendein Wesen an ihnen vorbeikäme und sie aufscheuchte.

Und wirklich, da kommt ein leiser Schritt an, im Doppeltrott eines Vierfüßers. Und kommt vielverschlungen und so gewunden her, als ob es gleichfalls in der Irre liefe. Und taucht vor meinen Blicken auf.

Ein großes ausgebreitetes Geweih. So stolzer Hals. So feine Ohren. Jede Täuschung unmöglich: ein Hirsch ist's, ein Zehnender. Aber kaum dachte ich dies, witterte er mich und wich aus. Und sprang an ... und da schien mir sein Leib seltsam klein und schmächtig und – war's ein Widerschein? – war mir, als ob er ganz weiß wäre ... Den nächsten Augenblick verschwunden. Sein Galopp fernhin. Verhallt.

Was war's von diesen beiden? Hatte ich zuerst einen Ziegenbock für einen Hirsch – oder hierauf einen Hirsch für einen Ziegenbock gehalten? ... Man muß mir zugeben, daß ich vor Neugierde brannte. Und ich fragte mich sehr, ob ich nicht auf Fonval jenen meinen Kinderglauben wiederfinden könnte, den ich dort einst gelassen hatte. Aber ein wenig Nachdenken brachte mich auf dies: Hunger, Mattigkeit und Schlafsucht können im Verein mit etwas Mondschein gar leicht das Auge täuschen, und ein unsicheres Licht auf eine Gestalt macht noch kein Phänomen.

Und ich bedauerte es. Hatte ich gleich das Grauen vor dem Wunderbaren längst verlernt – alle meine Liebe bewahrte ich ihm doch.

Das Wunderbare hielt mich für immer in Bann. Als Kind sah ich es überall. Als Jüngling noch legte ich mir alles Fremde, jeden bizarren Effekt einer mir unerklärlichen Sache so aus. An der Idee jenes Philosophen: «Wenn das Wasser einen Stab krummbiegt» ist dies mir heute noch unangenehm, daß «mein Verstand ihn wieder gerade macht». Und was gäb ich dafür, wüßte ich nicht, daß ohne die Brechung der Sonnenstrahlen der Bogenschütze Phöbus seinen zugleich furchtbaren und himmlischen Regenbogen nicht spannen könnte.

Aber selbst indem du dich bemühst, die Illusion eines Wunderbaren zu zerstören, fühlst du etwas wie zauberischen Reiz. Du sagst dir: «Vielleicht ist es da. Aber es ist nur eine Vermutung. Nun, da will ich, um mehr davon zu genießen, es besser sehn, mit Sicherheit sehn ...» Und näherst dich. Die Wahrheit präzisiert sich. Und das Wunder erlischt. – Wie alle meinesgleichen reizt mich ein Mysterium schon allein durch den Schleier, und ich wünsche mir, auf die Gefahr gröbster Täuschung hin, nichts weiter, als es ans Licht zu bringen...

... Kurz – das Tier war in Wahrheit seltsam ...

Und ich schweifte weit im Unbegreiflichen, fand's aller Rätsel voll, und meine Wißbegierde stieg.

Aber ich war zum Umfallen müde und schlief ein. Und lief im Traum noch manche Polizeipatrouille und verrichtete spitzfindigste Detektivarbeit.

Um Tagesgrauen erwachte ich. Und fühlte sofort meine Befreiung.

Nicht weit von mir, ach, kamen Männer durchs Dickicht her. Sprachen miteinander. Kamen so vielverschlungene und gewundene Wege her wie der Hirsch (?). In einem Augenblick gingen sie unsichtbar nur einige Meter vom Wagen. Nur von ihrer Unterhaltung verstand ich nichts. Es schien, als ob sie Deutsch redeten.

Endlich tauchten sie auf. Drei waren es. An der Stelle, an der das Tier aufgetaucht war. Und sahen immerzu auf den Weg, als ob sie eine Spur verfolgten.

Auf dem Fleck, auf dem das Tier mir dann ausgewichen war, rief der eine etwas und gestikulierte so, als ob sie beinah falsch gegangen wären. Aber da hatten sie mich auch schon bemerkt, und ich ging auf sie zu.

– Meine Herren, sagte ich mit meinem verbindlichsten Lächeln, würden Sie so gut sein, meine Herren, und mir den Weg nach Fonval sagen? Ich hab mich verfahren...

Die drei sahen mich stumm, inquisitorisch, tückisch an.

Ein groteskes Trio.

Der erste hatte auf einem dicken und gedrungenen Leib ein derart regelwidrig ebenes Gesicht sitzen und in diese Scheibe eine also dünne und spitze Nase eingesteckt, daß man meinte, eine Sonnenuhr vor sich zu haben.

Der zweite stand militärisch stramm. Mit einem Bart – es ist erreicht! Und sein Kinn war so spitz aufwärts gekrümmt wie ein Schnabelschuh.

Und ein großer Alter mit goldenen Brillen, grauem und geringeltem Haar und einem ganz zerzausten Bart, der war der dritte im Bunde. Und fraß Kirschen, mit einem solchen Lärm, wie ein Bauernlümmel Kaldaunen schlingt.

Sicher die Deutschen. Sicher die drei Präparatoren des Ex-Anatomischen Instituts.

Erst spie der große Alte zu mir her eine Ladung Kerne aus und zu seinen Landsmännern einen jener urdeutschen Sätze, darin sich eine Kartätsche von Worten neben vielen andern unsagbaren Geräuschen entlädt. Dann tauschten die drei solcherart einige Ratschläge aus – unter Donnerhall – und ganz ohne sich um mich zu kümmern. Und nachdem sie mit ihren Mäulern neben mir sattsam genug Wortgeprassel vollführt hatten – was sie jedenfalls einen Rat halten nannten –, drehten sie mir ihre Rückseiten zu und gaben mir Zeit, mich aus meiner Betäubung über ihre Roheit zu erholen. Gingen einfach davon...

Wie da heraus? Diese Expedition wurde stündlich lächerlicher! Was bedeutete das alles? So ein Komödienspiel! Am Ende machte man sich über mich lustig! – Wütend war ich. All die heimlichen Heimlichkeiten, die ich aufzuspüren glaubte: törichteste Kindereien waren sie, erzeugt aus Mattigkeit und Nachtdunkel. Raus! Nur fort mit mir! Raus!

Ich schäumte und kurbelte den Wagen an, daß unter der Haube die achtzig Pferde laut wurden wie ein Schwarm in einem Bienenkorb. Hebel her! ... Da riß mich eine gelle Lache herum.

Das Käppi schief auf dem Ohr, war in seiner blauen Bluse und mit umgeschwungenem Briefsack heiter und triumphierend der Herr Briefträger zur Stelle.

– Ha! Haha! sagte ich's Ihnen nicht gleich ... gestern auf den Abend ... daß Sie sich festfahren würden? sagte er schleppend.

Ich erkannte mein Bäuerlein aus Grey-l'Abbaye wieder. Aber ich wollte ihm nicht antworten vor Wut.

– Sie möchten gern nach Fonval? fragte er.

Ich wünschte die da vorne auf Fonval alle miteinander zu allen Teufeln.

– Nämlich, beharrte der Postalische, wenn Sie dahin wollen, weise ich Sie gerne hin. Ich trage sowieso die Post aufs Schloß. Aber beeilen müßten Sie sich. Heute ist's noch einmal soviel, heut ist Montag ... und feiertags trag ich nicht aus.

Und er zog Briefe aus der Tasche und spielte mit ihnen.

– Zeigen Sie her! schrie ich. Jajajaja, ebenderselbige gelbe Umschlag ...

Er sah mich mißtrauisch von oben bis unten an und ließ mich den Brief nur sehr per Distanz sehen.

Mein Brief war's! Die Ankündigung, daß ich ankommen würde! Aber eine Nacht später statt einen Tag früher als ich selber!

Dieses Unglück entschuldigte meinen Onkel und dämpfte meine Rachegelüste.

– Sitzen Sie auf, sagte ich. Sie weisen mir den Weg ... und ... dann ... plaudern wir ein wenig ...

Und das Gefährt fuhr in den neuen Tag hinein.

Dicker Nebel begann zu zerfließen. Wie wenn Waschfrau und Näherin Sonne, nachdem sie die Dunkelheiten gebleicht, sie nun auch noch aufzutrennen hätte. Um dann dieses schon sehr fadenscheinige aus Schatten zu Nebeln gelichtete Laken, diesen letzten luftigen Rest der Nacht am Tage, dieses entschwindende Hemd eines entschwundenen Gespenstes, vollends zu Scharpie und zu Nichts zu verzupfen.

Mitten unter Sphinxen

Das Auto wand sich langsam die mäandrischen Wege hin. Manchmal, an Punkten, an denen eine Kurve sich selbst durchschnitt, zögerte sogar der Briefträger einen Augenblick.

– Seit wann sind denn diese Zickzackdinge anstatt der einstigen schnurgeraden Allee? fragte ich.

– Vier Jahr, Herr. Ungefähr ein Jahr, nachdem sich Herr Lerne definitiv im Schloß eingerichtet hatte.

– Und wissen Sie – warum? ... Sie können ruhig reden: ich bin der Neffe des Professors.

– Ach ja ...! Weil... weil... er ist ein Sonderling.

– Was treibt er denn so Sonderliches?

– Gottchen ... nichts. Man bekommt ihn fast nie vor Augen. Das ist es ja eben. Ehe er diese ... besoffenen Wege da hat anlegen lassen, traf man ihn oft und oft. Wenn er in den Feldern spazierenging. Aber seit... er kommt knapp alle Monat einmal nach Grey.

Da sah man: All seine Überspanntheiten waren ganz zur selbigen Zeit bei ihm ausgebrochen. Dieser Irrgarten hier und der verwandelte Stil seiner Briefe, die fielen auf Jahr und Tag zusammen. Was wohl so schwer auf seinen Geist eingewirkt haben mochte...

– Und seine Mitarbeiter, fragte ich jetzt. Diese Deutschen da?

– Tja, Herr, die sind durchaus unsichtbar! Übrigens ... wenn ich Ihnen sage, daß ich die Woche sechsmal auf Fonval komme und mich nicht erinnern kann, wann ich einen einzigen Blick in den Garten geworfen hätte! Der Herr Lerne kommt immer selber an die Pforte und holt die Briefsachen! Ach ... was für eine Veränderung! Kannten Sie den alten Jean noch? Fort! Und seine Frau ebenfalls! Wenn ich es Ihnen sage, Herr, keinen Kutscher! Keine Haushälterin! Kein Pferd!

– Seit vier Jahren, nicht wahr?

– Wohl, Herr.

– Sagen Sie mir, Postbote, gibt's hier viel Wild, was?

– Weiß Gott, nein. Paar Kaninchen. Zwei oder drei Hasen ... Aber Füchse. Füchse gibt's viel zuviel.

– Was ? Keine Rehböcke - keine Hirsche ?

– Nie!

Eine sonderbare Freude zuckte in mir auf.

– So. Aber da wären wir, Herr ...

Und richtig. Gleichsam aus einem Schlußschnörkel heraus ging's nun das letzte Stümpfchen der früheren Allee lang, das Lerne gelassen hatte. Zwei Reihen Lindenbäume steckten die Wegseiten ab, und vom Ende her schien nun die Pforte von Fonval gradaus auf uns zuzulaufen. Vor ihr verbreiterte sich die Allee in Form eines Halbmonds zu einem freien Platz. Und dahinter sah man, wie das Schloß sein blaues Dach über dem Grün der Bäume malte und die Bäume mit ihrem Grün vor den düstern Abhang des Schlundes, in dem ja das Schloß lag, hintraten.

Die Pforte inmitten der Mauer, die von den Abhängen zu beiden Seiten her den Weg verbaute, die Pforte unter dem alten Ziegeldach, o sie war sehr gealtert. Das Gesims morsch, das Türholz wurmstichig und stellenweise tief eingefressen ... aber die Klingel – die Klingel klang unverändert. Die läutete aus meiner Jugend her, so froh, so rein, so weit ... ich hätte weinen mögen ...

Augenblicke des Wartens vergingen.

Dann endlich klapperten Holzschuhe her.