David Garrett - Johannes Rothenbaum - ebook

David Garrett ebook

Johannes Rothenbaum

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Opis

Er ist der Popstar der Klassik, der Geiger mit dem Aussehen eines Models: David Garrett hat in wenigen Jahren den Aufstieg aus dem scheinbaren Nichts zum weltweiten Superstar geschafft. Doch hinter der strahlenden Fassade des Stars verbirgt sich eine Lebensgeschichte mit vielen Facetten. Diese Biografie bringt Licht in die Jugendjahre des einstigen Wunderkindes, das schon im Alter von 13 Jahren den ersten Plattenvertrag bekam und mit den Großen der klassischen Musik auf der Bühne stand – aber in seiner Kindheit und Jugend keine Zeit für Freundschaften hatte. Das schwierige Verhältnis zu den stets fordernden Eltern wird ebenso beleuchtet wie Garretts vorübergehender Abschied von der Musik, die Flucht ins Ausland und der erfolgreiche Weg zurück ins Rampenlicht. Ein Buch, das nicht nur Fans gerne lesen werden.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen National­bibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://d-nb.de abrufbar.
Für Fragen und Anregungen:
[email protected]
2. Auflage 2015
© 2013 by mvg Verlag, 
ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH,
Nymphenburger Straße 86
D-80636 München
Tel.: 089 651285-0
Fax: 089 652096
Alle Rechte, insbesondere das Recht der Vervielfältigung und Verbreitung sowie der Übersetzung, vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (durch Fotokopie, Mikrofilm oder ein anderes Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme gespeichert, verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.
Redaktion: Birgit Walter, Augsburg
Umschlaggestaltung: Maria Wittek, München
Umschlagabbildung: © dpa Picture-Alliance GmbH
Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern
ISBN Print 978-3-86882-478-0
ISBN E-Book (PDF) 978-3-86415-680-9
ISBN E-Book (EPUB, Mobi) 978-3-86415-681-6
Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter
www.mvg-verlag.de

Inhalt

Titel
Impressum
Inhalt
Vorwort
1. Satz: Adagio – Einmal Weltkarriere und zurück
Der Klau einer Geige
Der Traum von der Weltkarriere
Begegnungen
Weltweiter Ruhm
Schicksalsjahre
Kontakt zur Normalität
Auf der Flucht
Reise ins Ungewisse
David Garrett erfindet sich neu
Zurück auf der großen Bühne
2. Satz: Andante – Die erneute Weltkarriere
Von der Vision zur Realität
Neustart im Eiltempo
Ein folgenreicher Ausrutscher
Der Hintermann
A Star is born
Die Sache mit dem Hummelflug
Spurensuche bei Michael Jackson
Der Star wird zum Superstar
Wurzeln des Crossover
Zurück zu den Ursprüngen
Eine Spur Privatleben
Girls, Girls, Girls
Die Ex A. Busch 1716
Auf zu neuen Höhen
Der Star als Fan
Der Paganini-Plan
3. Satz: Allegro – Hinter dem Lächeln
Die vergessene andere Seite
Noch ein David
Mehr als eine One-Man-Show
Keine Atempause
Vorwärts in die Vergangenheit
Der Blick nach vorn
David Garrett – Die Diskografie 1995 bis 2013
CD
DVD
Quellen
Bildteil

Vorwort

Im Alter von vier Jahren lernen die meisten Kinder, wie man ein Bonbon aus dem Papier wickelt. Er spielte Geige. Mit 13 lehnen sich pubertierende Jungen gegen ihre Eltern auf und glänzen bestenfalls mit ihren Launen. Er unterschrieb seinen ersten Plattenvertrag und beeindruckte durch virtuose Darbietungen auf den Bühnen der Welt.

David Garrett war ein Wunderkind. Doch während andere frühe Talente spätestens mit Erreichen der Volljährigkeit vergessen sind, erfand er sich neu und startete mit Mitte 20 bereits seine zweite Karriere. Es sollte ein fulminantes Comeback werden: Binnen weniger Jahre stieg Garrett zum Superstar auf. Er brillierte nicht mehr allein auf der klassischen Bühne, sondern machte quasi im Alleingang ein neues Musikkonzept salonfähig, indem er sein Repertoire um Pop und Rock erweiterte. Neben Beethoven und Mozart interpretierte er Songs von Metallica oder Michael Jackson – eine Mischung, die er Crossover nannte und mit der er Stadien füllte. Millionen Menschen besuchten seine Konzerte und kauften seine CDs.

Gleichzeitig befreite er das Instrument Geige und die klassische Musik vom Staub der Jahrhunderte. Auch weil er sich anders präsentierte, als es das Publikum von einem Violinisten erwartete. David Garrett erfand sich nicht nur musikalisch neu, er machte sich auch optisch zur Marke: Mit zerrissenen Jeans, Totenkopfring, Tätowierungen und langen Haaren verlieh er sich ein Rebellenimage. Aus dem braven Geigenschüler von einst wurde der Mann, den seine überwiegend weiblichen Fans gerne als den schönsten Geiger der Welt bezeichnen.

Die Kombination aus klassischer Musik und modeltauglicher Optik rief auch die Medien. David Garrett und seine Geige avancierten zu Stammgästen in Talkshows, Zeitschriften widmeten ihm Titelgeschichten, Fernsehteams begleiteten ihn auf Schritt und Tritt. Zuletzt reüssierte er als Schauspieler in der Hauptrolle des Films Der Teufelsgeiger, in dem er sein erklärtes Vorbild Niccolò Paganini mimte – Nacktszene in der Badewanne inklusive.

»Alles für die Musik«, sagte Garrett dazu. Der Tatsache, dass er die Aufmerksamkeit der Medien nicht nur akzeptierte, sondern sie auch gezielt nutzte, läge allein die Motivation zugrunde, jede Möglichkeit auszuschöpfen, um die klassische Musik einem größeren und vor allem auch jüngeren Publikum näherzubringen.

Allerdings brachte der Erfolg Garrett nicht nur Anerkennung. Er erntete neben leiser Kritik an der ungewohnten Mischung der Musikstile sogar Missbilligung und Häme. Aufgrund seiner ständigen Präsenz in den Medien wurde er mitunter als leidlich begabter Fernsehgeiger tituliert, sein Crossover-Projekt machte ihn für Kritiker zum David Hasselhoff der klassischen Musik. Mancher, der ihn als Kind ob seiner Brillanz gelobt hatte, befand nun, dass sein Können hinter dem, was man ihm einst attestiert hatte, zurückblieb. Dass Garrett zwischendurch als Model arbeitete und sich auch für besagte Nacktszene nicht zu schade war, registrierte die elitäre Klassikszene ohnehin nur naserümpfend.

Garrett selbst betonte immer wieder, dass ihn solche Kritik nicht ­störe. Ihm war allein an seiner Mission und an der Anerkennung durch die wahren Koryphäen des Geigenspiels gelegen – und diese honorierten stets sein Können.

Doch egal ob Lob oder Kritik – eine Frage blieb trotz der großen medialen Präsenz des Virtuosen bisher unbeantwortet: Wer ist eigentlich David Garrett?

Hinsichtlich seiner Herkunft bestanden nie Fragen, doch die wahre Persönlichkeit des immer noch jungen Genies ist ein Rätsel. Der Garrett, der sich in Talkshows präsentiert und in Interviews Fragen beantwortet, ist zweifellos intelligent und gebildet. Er ist aber auch ein Mensch, der nur zu gerne die lächelnde Fassade aufrechterhält. Wenn David Garrett erzählt, scheint es in seinem Leben nur Gutes zu geben. Seine schwierige Kindheit hat er anscheinend akzeptiert und hinter sich gelassen. Dass sein Leben mit zahllosen Konzerten pro Jahr und der Planung ständig neuer Projekte hauptsächlich aus Arbeit besteht, scheint ihn nicht zu stören. Sogar dem nahezu völligen Fehlen eines Privatlebens gewinnt Garrett positive Seiten ab, wenn er danach gefragt wird. Er verhehlt dann nicht einmal, dass er sich einsam fühlt – verkauft jedoch selbst das als positive Erfahrung. Wann immer es möglich ist, weist David Garrett darauf hin, dass ihm Ehrlichkeit wichtig ist und dass er keine Lust auf Lügen hat.

Ist er also tatsächlich das erwachsen gewordene Wunderkind, das die Last seiner Jugend, die nur aus dem Erlernen des Violinspiels bestand, vollkommen hinter sich gelassen hat? Identifiziert er sich wirklich allein über seine Musik und die damit verbundene Arbeit? Oder hat die öffent­liche Person kaum etwas mit dem Menschen David Garrett zu tun? Verbirgt sich hinter der Fassade des lächelnden Charmeurs eine unbekannte, dunkle Seite? Wer sich mit dem Leben des Stars beschäftigt, wird entdecken, dass sich diese Fragen allesamt mit Ja beantworten lassen.

1. Satz: Adagio – Einmal Weltkarriere und zurück

Der Klau einer Geige

Die Geschichte des David Garrett ist die von Wolfgang Amadeus Mozart, von Niccolò Paganini und auch die von Steffi Graf, zumindest im Hinblick auf die frühen Jahre. Sie alle waren sogenannte Wunderkinder, die einen als Musiker, Steffi Graf als Sportlerin. Hinter den kleinen Persönlichkeiten standen ehrgeizige Eltern, die das Talent ihrer Sprösslinge früh erkannten und förderten – was in jedem Fall das unnachgiebige Anstacheln zu unablässigem Training beinhaltete.

Mozart erhielt bereits im Alter von vier Jahren von seinem Vater Klavier- und Geigenunterricht, zwei Jahre später unternahm er erste Konzertreisen. Paganini erzählte einst, wie er von seinem Vater in frühester Jugend zu stundenlangem Geigenspiel gezwungen wurde und nichts zu essen bekam, wenn er nicht fleißig genug geübt hatte. Steffi Graf bekam als Dreijährige von ihrem Vater den Tennisschläger in die Hand gedrückt. Sie wurde intensiv gedrillt, sodass sie kaum zwei Jahre später ihr erstes Turnier gewann.

Im Vergleich dazu wirken die Anfänge des Violinisten David Garrett noch harmlos. Schließlich wurde er nicht mit Druck an das Instrument herangeführt, sondern er nahm die Geige selbst in die Hand. Zunächst jedenfalls.

Die Frage, wann alles begann, wird von Fans des Virtuosen heiß diskutiert. Dass David Garrett am 4. September Geburtstag hat, ist unter seinen Anhängern unbestritten, das Jahr, in dem er das Licht der Welt erblickte, sorgt allerdings für Kontroversen. Während die einen steif und fest behaupten, Garrett sei 1980 geboren worden, legen sich andere mit gleicher Vehemenz auf das Jahr 1981 fest. Garrett selbst trug in der Vergangenheit wenig zur Aufklärung bei. Vielmehr gab er in Interviews gelegentlich 1981 an, bestätigte andererseits aber auf Nachfrage 1980 als sein Geburtsjahr.

Vergessen – oder ignoriert – wird bei dieser nicht enden wollenden Diskussion, dass es längst eine offizielle Angabe gibt: Garrett wurde am Donnerstag, den 4. September 1980 geboren. Dass der Star in den ­Medien beide Versionen bejahte, hatte einen einfachen Grund: Es interessierte ihn nicht. Alles, worüber er sprechen wollte, war die Musik, die ihn quasi ab der ersten Minute seines Lebens begleitete – schon in der Zeit, als er noch David Christian Bongartz hieß.

David wuchs in einem Umfeld auf, in dem nicht die Fußballbundesliga oder der letzte Tatort Gesprächsthemen waren. Im Hause Bongartz liebte und lebte man die klassische Musik. Eine Leidenschaft, die man sich leisten konnte, denn finanziell fehlte es der Familie an nichts.

David Garrett hat zwei Geschwister. Sein Bruder Alexander ist zwei Jahre älter, seine Schwester Elena acht Jahre jünger als er.

Die klassische Musik und vor allem die Violine, die er als ambitionierter Amateur spielte, waren von jeher die großen Leidenschaften des Juristen Georg Paul Bongartz, Davids Vater. Seit 1976 führt der heute 64-Jährige ein Auktionshaus, das sich auf Geigen sowie weitere musikalische Sammlungs- und Kunstgegenstände spezialisiert hat. Diese Geschäftsidee, die die privaten Vorlieben mit der Notwendigkeit des Geldverdienens vereint, entstand bereits in jungen Jahren und verzeichnet bis heute wachsenden Erfolg.

Eines Abends besuchte Bongartz die Aufführung eines gastierenden Ensembles im Theater Aachen – und wurde auf die blonde Primaballerina aufmerksam. Die aus Washington D. C. in den USA stammende Dove-Marie Garrett arbeitete damals schon seit geraumer Zeit in Deutschland, unter anderem am Frankfurter Ballett. Die Begegnung mit Georg Paul Bongartz sollte ihre Karriere als Tänzerin jedoch bald beenden, aus der Primaballerina Garrett wurde die Ehefrau und Mutter Bongartz.

Die Verbindung zwischen einer Primaballerina und einem Geigenliebhaber machte es nun fast selbstverständlich, dass die klassische Musik das Familienleben prägte. Nicht nur passiv, sondern auch aktiv. Vor allem der Vater legte Wert darauf, dass jedes seiner Kinder ein Instrument erlernte. Das galt natürlich zunächst für den ältesten Sohn Alexander, der ab dem Alter von sechs Jahren Geigenunterricht erhielt.

David Christian war eigentlich noch zu klein, doch ein klassischer Geschwisterkonflikt schuf die Basis für die Karriere eines Violinisten, als dieser gerade einmal vier Jahre alt war. David Garrett berichtet noch heute davon, dass Alexanders neues »Spielzeug« den Ausschlag für seine eigene Entwicklung gab: »Es war wie mit dem Fahrrad, das der ältere Bruder besitzt: Das will ich auch haben!« Der große Bruder hatte eine Geige, der Jüngere war neidisch und nahm sie dem Älteren weg.

Der Vierjährige wollte das Instrument jedoch nicht nur besitzen, er wollte es auch benutzen. Also machte er auf der Geige das nach, was er bei seinem Bruder beobachtet hatte. Im Hause Bongartz amüsierte man sich zunächst über den Streich. Da David Christian ein lebhaftes, extrovertiertes Kind war, überraschte die »Aktion Geigenklau« nicht sonderlich. Doch was zunächst noch als lustige Kinderei erschien, wuchs schnell zu mehr heran.

Während andere Kinder ihr »Beutestück« vermutlich nach dem ersten Triumph beiseitegelegt hätten, mochte David sich von dem Instrument nicht mehr trennen. Mit einer Mischung aus Neugier und Selbstverständlichkeit spielte er auf der Geige und lernte zur allgemeinen Überraschung rasend schnell die Musikstücke, die sich eigentlich sein Bruder im Geigenunterricht aneignen sollte. Den Eltern wurde schnell bewusst, welches Potenzial sich hier entfaltete.

Einen ließ die Angelegenheit jedoch kalt: Alexander war wegen des Geigenklaus nicht etwa beleidigt, er wandte sich vielmehr fast schon erleichtert dem Klavierunterricht zu. Die Violine hatte ihn nie wirklich interessiert.

Für den Vater war die Entdeckung des jungen Talents ein einschneidendes Erlebnis. Er, der die Geige so liebte, konnte nun über den Werdegang eines viel größeren Genies mitbestimmen. Er zeigte ihm, wie er die Finger auf die Saiten setzen musste, um die richtigen Töne zu erzeugen.

Mit einer normalen Kindheit war es für David nach der eigentlich spielerischen Eroberung des Instruments schnell vorbei. Vater Bongartz setzte alles daran, dass der kleine Junge so oft und so intensiv wie möglich an seinem Talent arbeitete. Bald stand das Durchspielen aller wichtigen Geigenschulen auf dem täglichen Stundenplan.

Lange allerdings reichte dem Vater der häusliche Unterricht nicht mehr aus. In seinem Bewusstsein war der begabte Sohn längst zum Wunderkind gereift, das zu Höherem berufen war.

Kaum fünf Jahre alt geworden gab es für David nun auch keine normalen Wochenenden mehr. Stattdessen ging es gemeinsam mit den Eltern im Auto alle sieben Tage von Aachen über die niederländische Grenze in das rund 200 Kilometer nördlich gelegene Hilversum bei Amsterdam – hin und zurück vier Stunden Fahrt.

Tatsächlich war Georg Paul Bongartz an den Grenzen seiner eigenen Fähigkeiten als Musiker und Lehrer angelangt und wollte seinen Sohn zusätzlich von einem erfahrenen Ausbilder unterrichten lassen. Die Niederlande galten in jener Zeit als führend in der Förderung junger Talente, sowohl auf sportlichem als auch auf musikalischem Gebiet. In Hilversum hatte sich Coosje Wijzenbeek, selbst eine ausgezeichnete Violinistin, auf die Früherziehung Geige spielender Kinder spezialisiert. Für den kleinen David waren die Besuche in den Niederlanden die ersten Momente, in denen er nicht allein üben musste, sondern sich in der Gesellschaft anderer junger Talente wiederfand. Zu den Schülern Wijzenbeeks zählte auch die damals sechsjährige Holländerin Janine Jansen, die später ebenfalls international Karriere machte.

Außerdem konnte David nun regelmäßig in kleinen Wettbewerben sein Können beweisen. Einmal im Monat mussten die Schüler vorspielen und sich dabei an der Konkurrenz messen. Hinter diesem Prozedere stand die Absicht, die einzelnen Schüler durch den Vergleich mit den anderen zu motivieren. Wer hinter den Leistungen der Klassenmitglieder zurückblieb, sollte in den nächsten Wochen noch fleißiger üben, um beim nächsten Mal mithalten zu können.

Coosje Wijzenbeek setzte jedoch nicht nur auf die Selbstmotivation der Kleinen. Bei den Wettbewerben waren die Eltern stets dabei. Sollte ein Kind also nicht genügend Ehrgeiz entwickeln, es beim nächsten Mal besser machen zu wollen, konnte man durchaus darauf bauen, dass die Eltern zu Hause den Drill verstärken würden.

Georg Paul Bongartz war von den Aufenthalten in Hilversum begeistert. Vor allem die Wettbewerbe hatten es ihm angetan, da sein Sohn dort regelmäßig brillierte.

Eine Kindheit also, die täglich von Geigenspiel und von Konkurrenzdruck geprägt war. Für die meisten Eltern und Kinder ist ein solcher Alltag unvorstellbar. Für David Christian Bongartz war dies normal, er kannte nichts anderes. Tatsächlich hatte der Junge zu diesem Zeitpunkt bereits den Wunsch gefasst, Berufsmusiker zu werden. Vermutlich auch, weil er gar keine Alternativen kannte. Lokführer oder Rennfahrer werden, wie Gleichaltrige es sich erträumen? Er wusste ja nicht einmal, was ein Rennfahrer war. Vertraut war ihm seine Violine, mit der er immer weitere Fortschritte machte, und in musikalischer Hinsicht zahlte sich der Aufwand schnell aus. Die positive Entwicklung des Ausnahmetalents ließ in den Augen der Eltern die Bühne der niederländischen Schule bald zu klein wirken. Etwas Größeres musste her, eine Veranstaltung mit höherem Stellenwert, bei der der Junge vor Fachpublikum glänzen konnte.

Rasch fiel die Auswahl auf »Jugend musiziert«. Dieser in Deutschland seit 1964 bundesweit veranstaltete Wettbewerb ist eine der renommiertesten Plattformen für junge Musiker. Er wurde gegründet mit der Absicht, gezielt nach Nachwuchs für die großen Orchester zu suchen. Im Laufe der Zeit entwickelte er sich jedoch zu einem Projekt, das sich der Förderung von Kindern und Jugendlichen mit musikalischen Ambitionen widmet. Bis heute haben etwa 500 000 Talente an »Jugend musiziert« teilgenommen.

Für David Christian Bongartz wurde »Jugend musiziert« zum ersten großen Wettkampf und zum Meilenstein. Mit seinen fünf Jahren zählte er zu den jüngsten Teilnehmern. Er überzeugte die Juroren mit einem fehlerfreien Vortrag der F-Dur-Romanze von Beethoven und sicherte sich damit den ersten Platz.

Der Vater erinnerte sich später in einem Interview an diesen Moment. David hätte auf der Bühne an Herkules oder an Siegfried mit seinem Schwert Balmung erinnert – an einen heroischen Kämpfer. Vor allem aber wäre der Auftritt bei »Jugend musiziert« der endgültige Beweis gewesen, wozu der Junge fähig war. Schließlich enthalte die F-Dur-Romanze von Beethoven einen besonders schwierigen Griffwechsel von der G- zur E-Saite, den David meisterhaft bewältigt hatte. Diese Leistung, sagte Bongartz, hätte ihm endgültig vor Augen geführt, dass es sich bei seinem Sohn um einen großartigen Violinisten handelte.

Der beachtliche Erfolg bei »Jugend musiziert« zog noch höhere Anforderungen nach sich. Die Eltern waren stolz auf David, sahen sich aber gleichzeitig in ihrer Annahme bestätigt, dass ihr Kind einzigartige Fähigkeiten besaß, die es zu fördern galt.

Regelmäßig trat David nun auch öffentlich auf. Zwar füllte er noch keine großen Konzerthallen, aber er lernte einmal mehr, dass er von Menschen immer dann Beifall und Anerkennung bekam, wenn er für sie auf der Geige spielte.

Der Traum von der Weltkarriere

Der genaue Zeitpunkt, an dem aus David Bongartz der Musiker mit dem Namen Garrett wurde, ist unklar. David selbst gab in Interviews sein achtes Lebensjahr an – die Erinnerung könnte aber angesichts der noch ungenauen Perspektive eines Kindes trügen. Andere Quellen besagen, das Wunderkind sei erst im Alter von zehn Jahren unter dem neuen Namen aufgetreten. Vermutlich treffen beide Angaben zu: Von der ersten Idee bis zur tatsächlichen Umsetzung und dauerhaften Etablierung des Namenswechsels dürfte einige Zeit vergangen sein.

Ausschlaggebend für die Umbennung soll laut Davids Vater übrigens der Umstand gewesen sein, dass der Name Bongartz in der Branche weltweit für Violinenauktionen bekannt war – als Vater habe er vermeiden wollen, dass sein Sohn immer und sofort mit ihm in Verbindung gebracht wird.

Generell lässt sich von jenem Alter an Davids Leben nur in zwei Versionen beschreiben – aus der Perspektive der Eltern oder aus der Wahrnehmung des Sohnes heraus. Die Blickwinkel könnten nicht unterschiedlicher sein: Der Vater erachtete diese Zeit als ganz normal. Bis heute betont er, David sei kein verzärteltes oder durch permanenten Leistungsdruck geschundenes Kind gewesen. Er beschreibt den jungen David als extrovertiert – ganz und gar nicht verschlossen und nicht anders als seine Altersgenossen. Die wertvollen Hände habe David nicht geschont, sondern sich durchaus gelegentlich mit Klassenkameraden geprügelt. Ganz allgemein sei der Junge ein echter Haudegen gewesen.

Tatsächlich blieb für solche Normalität wenig Zeit, in der Regel musste David nach Schulschluss schnell zum Geigeüben nach Hause. In den Augen des Vaters widersprach es dem Auftrag der Förderung eines so großen Talents, es bis zum Nachmittag mit einem festen Stundenplan in der Schule sitzen zu lassen.

Eine solche »Gleichmacherei« stellte für Georg Paul Bongartz das Gegenteil der Unterstützung der persönlichen Entwicklung dar. Nach seiner Auffassung war die Schule ein Spiegelbild der herrschenden Neidgesellschaft. Allen Kindern in allen Klassen den gleichen Stoff beizubringen, war seiner Meinung nach Ausdruck der Präferenz, die besonderen Fähigkeiten einzelner Kinder lieber zu verschleiern, als sie zu fördern. Er war überzeugt, man müsse stattdessen den Individuen Raum geben, sich zu entfalten.

Für David hatte diese Überzeugung bald ganz konkrete Folgen. Nach zwei Jahren Schule erhielt er zu Hause Privatunterricht. Georg Paul Bongartz behauptete, dass alles im Sinne des Kindes geschah und die Eltern sehr genau darauf achteten, keinen Fehler zu machen. »Wer eine Kinderseele überfordert, indem er den Verstand überbelastet, kann sie schnell kaputt machen«, ließ Bongartz den Rheinischen Merkur in einem seiner seltenen Interviews wissen.

Auch habe er seinen Sohn nicht unter Druck gesetzt oder ihn gar zum Üben gezwungen. Für aufmerksame Eltern sei es klar zu erkennen, in welche Richtung sich ein Kind entwickle. Nach Bongartz’ Beschreibung hatte sein Sohn das Bedürfnis gehabt, ihm seine Fähigkeiten zu demonstrieren. Hätte David keine Neigung gezeigt, Geige zu spielen, hätte er ihn nie dazu angestachelt. »Sie werden doch nicht das eigene Kind, wenn sie sehen, dass es keine Lust hat zu arbeiten, dazu zwingen. Sie lieben es doch. Also wer liebt denn sein Kind mehr als die eigenen Eltern?«

Die Neidgesellschaft, die Bongartz dafür verantwortlich hält, dass in den Medien immer wieder darüber berichtet wird, wie Eltern ihre möglicherweise begabten Kinder gegen deren Willen zu Höchstleistungen zwingen, war ebenfalls Gegenstand dieses Interviews: »Es ist ja immer wieder das alte Spiel. In der Klasse ist der Klassenprimus in der Regel nicht gern gesehen. Da kommt Missgunst auf, und dann sucht man einen Vorwand, weil man nicht gern zugibt, dass man neidisch ist, und dann findet man einen anderen Vorwand, um das möglichst zu bremsen.«

Gemäß seiner Auffassung, dass die Bezeichnung »ehrgeizige Eltern« in Deutschland eine weitaus negativere Bedeutung habe als in anderen Ländern, forderte Bongartz ein Umdenken und die Unterstützung solcher Paare. Dass er selbst oder andere Eltern talentierter Kinder Fehler bei der Erziehung gemacht haben könnten, sah er nicht. Vielmehr erachtete er die Übernahme der Verantwortung für die Entwicklung seines Sohnes als Notwendigkeit: »Ein Kind ist schließlich nicht in der Lage, seine eigenen Entwicklungsschritte zu überwachen.«

Generell wurden Dove-Marie und Georg Paul Bongartz nicht müde, auf die Normalität im Alltag ihres Kindes hinzuweisen. Die Eltern berichteten, wie ihr Sohn gerne auf Bäume kletterte und mit anderen Jungen Fußball spielte. Zwar hätten andere Kinder mit Freude ihre jährlichen Klassenfahrten unternommen, doch David habe zum Ausgleich schließlich die Chance bekommen, sein Geigenspiel durch den Unterricht bei anerkannten Lehrern zu optimieren. »Natürlich hat er manche Sachen nicht gemacht. Aber er hat auch ganz normal im Sand gespielt und seine Klassenkameraden getroffen«, so Bongartz im Rheinischen Merkur.

David selbst sei es gewesen, der nie aufgegeben habe. Auf diese Eigenschaft ihres Sohnes hätten sie als Eltern gar keinen Einfluss gehabt. Es wäre gar nicht nötig oder möglich gewesen, ihn zu etwas zu drängen. David sei ein Kind gewesen, das sich wie ein Terrier an einer Sache festgebissen habe, vor allem eben an der Perfektionierung seines Umgangs mit der Geige. Ohne diesen Charakterzug hätte er es nicht geschafft, so viel zu erreichen. Darüber hinaus habe der Sohn durch die gezielten erzieherischen Maßnahmen schon früh die menschliche Reife entwickelt, die es ihm gestattet habe, auf dem Niveau erwachsener Musiker zu spielen. David sei eben einfach nur ein Wunderkind gewesen, das jede erdenkliche Förderung erhielt. Ohne Druck, ohne Zwang.

Also alles in Ordnung in Sachen Kindheit? Die Version des Sohnes hört sich anders an. Das beginnt schon bei der Bezeichnung »Wunderkind« – für David Garrett ein beschönigender Ausdruck dafür, dass ein Kind von den Eltern bis an seine Grenzen getrieben wird, und eine höfliche Verschleierung von Kinderarbeit, denn nichts anderes ist es aus heutiger Sicht für ihn, wenn ein Sechs- oder Achtjähriger zu vier Stunden Geigeüben pro Tag verdonnert wird.

Auch die Aussage, dass er selbst sein Können ständig verbessern wollte und die Lektionen immer weiter vorantrieb, kann Garrett aus seiner Erinnerung heraus nicht bestätigen. Er bezeichnet das Familienleben und die an ihn gestellten Anforderungen als »hundertprozentige Fremdsteuerung« vor allem durch die Eltern. »Es hieß immer nur: Du musst!« Selbst wenn er ausnahmsweise gefragt wurde, wozu er Lust habe, habe er immer gespürt, dass eine bestimmte Antwort von ihm erwartet wurde. Wollte er lieber mit anderen Kindern Fußball spielen oder allein zu Hause Geige üben? Die erwartete Antwort war klar. Entscheidungen, sagt Garrett, habe er selbst nie getroffen.

David Garrett erinnert sich auch, mehrmals täglich darauf hingewiesen worden zu sein, alles zu unterlassen, was Verletzungen an den Fingern hervorrufen könnte. Bolzplätze waren für ihn Sperrgebiet, da man beim Fußballspielen stolpern und auf die Hände fallen konnte. Kicken durfte er bestenfalls im Garten des Elternhauses. Immerhin erlaubte man ihm fernzusehen, wenn die täglichen Übungsstunden absolviert waren.

David Garrett empfand die vielen Ermahnungen und Verbote als besonders schmerzlich, da sie ausschließlich für ihn galten. Dem älteren Bruder und der jüngeren Schwester wurden deutlich mehr Freiheiten zugestanden, schließlich waren die beiden »nur« ganz normale Kinder.

Von Trost oder liebevollen Momenten ist wenig zu hören, wenn David Garrett von seiner Kindheit spricht. Vielmehr erinnert er sich an ein allumfassendes Gefühl von Traurigkeit, das allein in jenen Momenten unterbrochen wurde, in denen ihm seine Großmutter ein wenig Aufmerksamkeit und Zuspruch schenkte.

Auch der Privatunterricht, den David erteilt bekam, schürte den Eindruck der Leere. Der Junge empfand die Stunden des Tages, in denen er dem Lehrer gegenübersaß und gezwungen war, sich ohne jede Abwechslung auf Themen zu konzentrieren, die ihn kaum interessierten, als besonders furchtbar. In der B.Z. sagte er einmal: ».Man kann weder zwischendrin quatschen noch Kaugummi kauen.«

Vor allem aber sind Garretts Erinnerungen von dem Gefühl der Ausweglosigkeit geprägt. Als Kind kannte er keinen anderen Alltag, also fand er sich mit den Gegebenheiten ab – auch weil er wusste, wie sein Vater reagierte, wenn er sich einmal querstellte. Mit vier Jahren, so erzählte David selbst, hatte er den Wunsch, Musiker zu werden. In den Jahren danach vergaß er diesen Traum. Er hatte zu viel damit zu tun, bereits ein Musiker zu sein.

Begegnungen

Acht Jahre alt, täglich Geigenunterricht, ein Privatlehrer. Dazu regelmäßig Auftritte vor Publikum. Im Grunde unterschied sich Davids Leben wenig von dem, was es bereits im Alter von sechs Jahren für ihn beinhaltet hatte. Natürlich hatte er sein Violinspiel in der Zwischenzeit deutlich verbessert, doch etwas fehlte – zumindest in den Augen des Vaters. Zum Beispiel ein noch besserer Lehrer. Ein Ausbilder, um den sich die Eltern aller jungen Musiker rissen, der aber von Davids Fähigkeiten so überzeugt sein sollte, dass er sich bevorzugt um ihn kümmern würde – um das einzig wahre Ausnahmetalent.

Georg Paul Bongartz fand diesen Lehrer. Kurz nach seinem neunten Geburtstag traf David im Oktober 1989 zum ersten Mal Zakhar Bron, den Violinpädagogen, der sein Spiel maßgeblich beeinflussen und auf ein noch höheres Niveau heben sollte.

Bron wurde 1947 in der kasachischen Großstadt Oral geboren. Er durchlief eine umfassende Ausbildung als Geiger: Er lernte zunächst an der Stoljarski-Schule in Odessa, studierte dann bei dem russischen Geiger Boris Goldstein am Gnessin-Institut in Moskau und bei dem Sohn des legendären Geigers Dawid Oistrach: Igor Oistrach. Später verlegte er sich neben dem eigenen Geigenspiel zunehmend auf das Unterrichten des Instruments und ebnete zahlreichen Musikern den Weg zum Weltruhm.

Zakhar Bron arbeitete in seiner Heimat, aber auch im Ausland. 1989, im Jahr des Falls der Berliner Mauer, war seine pädagogische Zentrale das Lübecker Institut für schulbegleitende Musikausbildung der Musikhochschule Lübeck.

Die Ausbildung seines Sohnes durch diesen Meister des Geigenspiels war Georg Paul Bongartz jede Mühe wert. Hatte die Anfahrt zu den bisherigen Wochenendlektionen im niederländischen Hilversum gerade einmal zwei Stunden gedauert, so war die Familie nun deutlich länger mit dem Auto unterwegs. Jeden Donnerstag machte sie sich auf den mehr als 500 Kilometer langen Weg und fuhr sechs Stunden von Aachen nach Lübeck. Sonntags wurde der Rückweg angetreten, der wegen des Wochenend-Ausflugverkehrs oft noch länger dauerte. David besuchte den Professor sechs Jahre lang, mit einer besonders intensiven Ausbildungsphase von vier Jahren. Vor allem zahlreiche technische Finessen im Spiel des David Garrett gehen auf Zakhar Bron zurück.

Die regelmäßigen Besuche in Lübeck verdeutlichen einmal mehr, wie das Leben des jungen David aussah. Er war umgeben von Erwachsenen, Professoren und Profis. Kontakte zu Gleichaltrigen fanden zufällig statt, Freunde waren ein Fremdwort. Auch die wenigen Freizeitaktivitäten unterschieden sich deutlich von jenen anderer Kinder. Die Familie Bongartz besuchte mit ihrem Wunderkind klassische Konzerte – ein Programm, das David tatsächlich genoss, da er jenseits aller Regeln und Strenge die Musik wirklich liebte.

Der nächste Meilenstein ließ nicht lange auf sich warten: David absolvierte in Bad Kissingen seinen ersten großen Auftritt mit Orchester. Er spielte das Violinkonzert in G-Dur von Mozart und wurde vom Publikum begeistert gefeiert. Einen kleinen Jungen, der in solcher Perfektion musizierte, kannte man bis dato nicht. Spätestens ab diesem Moment also war David nicht nur für seine Familie und seine Lehrer ein Wunderkind, sondern wurde auch von den anspruchsvollen Besuchern klassischer Konzerte als solches angesehen.

In jener Zeit trat die Idee der Namensänderung von Bongartz in Garrett auch wieder in den Vordergrund. David feierte seinen zehnten Geburtstag und hatte bereits einige von Kritikern aufmerksam beobachtete Auftritte erfolgreich absolviert, die angestrebte internationale Karriere schien näherzurücken. Also setzten Dove-Marie und Georg Paul Bongartz den wohl seit zwei Jahren schwelenden Plan in die Tat um und beschlossen, dass David von nun an unter dem Mädchennamen seiner Mutter auftreten sollte.