Das Schleppnetz - Thomas Bellartz - ebook

Das Schleppnetz ebook

Thomas Bellartz

0,0
114,99 zł

Opis

Das Schleppnetz erzählt die Story der Versandapotheke DocMorris und vom Angriff des Pharmahändlers Celesio auf den deutschen Apothekenmarkt. Der Konzern investierte und verlor hunderte Millionen Euro, spannte Politiker für seine Interessen und für die totale Liberalisierung der Arzneimittelversorgung in Deutschland ein. Ob die Häme des Celesio-CEO Fritz Oesterle, der Spott von DocMorris-Gründer Ralf Däinghaus, der gezielte Gesetzesbruch der saarländischen Landesregierung oder das Kartellverfahren gegen die Apotheker: Die Branche war in Aufruhr. Celesio und DocMorris hatten prominente Unterstützung organisiert: Günther Oettinger, Bert Rürup, Peter Müller, Kurt J. Lauk, Eckhard Cordes, Jens Spahn, Josef Hecken, Bernhard Heitzer, Biggi Bender, Jorgo Chatzimarkakis – sie alle und viele mehr gaben Rückendeckung. Das Image der Branche bekam durch den erbitterten Kampf tiefe Risse. DocMorris hielt die hochtrabenden Versprechen nicht, Celesio schlitterte in die schlimmste Krise seiner Geschichte. Und die Apotheken sind heute weithin ausgeblutet. http://www.das-schleppnetz.de

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi lub dowolnej aplikacji obsługującej format:

EPUB

Liczba stron: 291




Thomas Bellartz

Das Schleppnetz

Angriff auf den deutschen Apothekenmarkt

Das Schleppnetz. Angriff auf den deutschen Apothekenmarkt

Thomas Bellartz

Copyright: © 2013 Neuspree Media GmbH, Berlin

Fotos Bildteil: Elke Hinkelbein

Titelfoto: Luiz Felipe Castro, Getty Images

ISBN 978-3-9816417-0-7

www.das-schleppnetz.de

Non excidet.

Franz von Sales

(1567 – 1622)

Für Vera, Peter und Wilma.

Inhalt

Versuch eines Vorworts

Apothekerschreck

Türöffner und Trittbrettfahrer

Im Netz von Celesio

Hinter den Kulissen

Strategie statt Zufall

Ausgeblutet

Versorgungsziele vs. Konzerninteressen

Marktkonzentration

Struktur des Buchs

Die DocMorris-Story

Die Grenzen verschwimmen

Kontrollierter Gesetzesbruch

Eskalation im Saarland

Apotheken-A wird abgeschraubt

Celesio kauft DocMorris

EuGH stoppt Wachstumsfantasien

Der Medco-Versuch

Auflösungserscheinungen

Die Steigbügelhalter

Kassenboss als Versandhandelspionier

Vollmundige Versprechen

Hebel und Glaeske

Politikum Versandhandel

Die Mutter der Reformen

Startschuss für Liberalisierung

Politischer Aktionismus

Eins plus drei

Plötzlich billig

Destabilisierung per Gesetz

Der Teufel persönlich

Die überschätzten Erlöser

Die Drogerieketten kommen

Pick-up im Koalitionsvertrag

dm will Apotheke sein

Versandhandelsmarkt in Bewegung

Sanicare und die Politik

Discount als Konzept

Verstolpert

Die Geschichte in Bildern – Teil 1

Der Rubikon

Der Konzern und sein Minister

Ausgerechnet das Saarland

Beste Rahmenbedingungen

Hochsaison für Liberalisierer

Celesios langer Atem

Exkurs: Das Fremdbesitzverbot für Apotheken

Der tollkühne Josef Hecken

Ein Justizminister wider das Gesetz

Rückendeckung durch Peter Müller

DocMorris und sein Ministerium

Vorhang auf für Däinghaus und Hecken

Juristisches Pingpong

Showdown in Luxemburg

Das Maskottchen

Frechheit siegt

Zu Tode geritten

Spielplatz Saarland

Visionäre unter sich

Strafversetzt

Brutstätte Saarland

Waldbrandvergleichsfläche

Der perfekte Saarländer

Man kennt sich, man hilft sich

Die Daimler-Connection

Der enttäuschte Kronprinz

Der mächtigste Unbekannte

Der Verbindungsmann

Die Herrenrunde

Netzwerker für Celesio

Der große Bluff

Wer sich nicht verändert, wird verändert

„Celesio vergrätzt die Apotheker“

Die unverstandene Ankündigung

Prügel für Gehe

„Die Maske ist gefallen“

Großhändler ködern Apotheker

Reguliert deregulieren

Rettungsring Bedarfsplanung

Die Feindin meines Feindes: Biggi Bender

Kettenantrag erfolglos

Zur falschen Zeit am falschen Ort

Celesio wird politischer

Neues Image für den Konzern

Grüne Spitzenfrau an Bord: Niombo Lomba

Politisches Powerplay

Auftritt Max Müller

Geben und Nehmen

Neue Lage: Die FDP im BMG

Arm in Arm mit dem Minister

Bahrs Antrittsbesuch bei Gehe

Das Bollwerk Wirtschaftsrat

Oesterle und die Kanzlerin

Lauterbach, Wasem et al.

Die Maske

David gegen Goliath

Die Schwäche der Größe

Die Fehler der Apotheker-PR

Triefendes Pathos

Der perfekte Goliath

Apotheker werden ausgespielt

Heiße Luft auf dem Bebelplatz

Zustimmung trotz Abscheu

Regie: Bundeskartellamt

Der Traum vom Rollentausch

Bundeskartellamt macht Politik

Apotheker-Boykott in den Schlagzeilen

Bernhard Heitzer – Präsident auf Abwegen

Drohgebärden aus Bonn

Präsident unterläuft Ermittlungsverfahren

Celesio zu Gast im Kartellamt

Heitzer polarisiert

Apotheker wehren sich

Presserat kommentiert Verfahren

BAH will Heitzer einfangen

Wo ist das nächste Klavier?

Oe – Der inszenierte Medizinmann

Glamour für den Großhändler

Kaum ebenbürtige Gegner

Überzeugter Liberalisierer

Oesterle verstärkt sich

Das kalte Gesicht

Rule Britannia

Donald oder Dagobert

Das Spiel mit Politik und Medien

Interessant durch DocMorris

Vom Wilden Westen

Spahn und Chatzi für Celesio

In Großbritannien ist alles besser

„Chancen für Apotheken“

Spahns Lobbyfirma

Geschäfte mit Celesio?

Versteckte Beteiligung

Unterstützung in den Medien

„Kolossaler Fehler“

Honorar von Celesio-Kanzlei

Anekdoten vom CEO

Die sturen Apotheker

Oesterle mochte sich

Die Geschichte in Bildern – Teil 2

Der 19. Mai 2009

EuGH folgt Yves Bot

Zurück auf Los

Zerstörte Unternehmenswerte

Enttäuschung im Saarland

Spahn wechselt die Seite

Apotheker als Stimmvieh

Viele Wahlsieger

Die Macht der Pharmahändler

Beste Kontakte

Das AMNOG und die Folgen

ABDA kommt unter die Räder

Celesio lobbyiert weiter

Kein gutes Ende

Finanzielles Desaster

Ab nach Irland und Schweden

Zickenkrieg

Bodenhaftung adé

Sommermärchen mit Snow

Eroberung von Europa

Oesterle geht

Pinger räumt auf

DocMorris auf der Resterampe

Pinger muss gehen

Was vom Tage übrig blieb

Danke

Suchhilfe: Personenverzeichnis

Suchhilfe: Schlagwortverzeichnis

Versuch eines Vorworts

Kreativer Zerstörer. Ich werde diese Worthülse möglichst selten verwenden. Versprochen. Und doch stehen diese beiden Wörter für eine der zentralen Formulierungen, die mir im Zusammenhang mit dem Fall Celesio/DocMorris im Gedächtnis geblieben sind. Das geht vielen, die sich in den vergangenen Jahren mit dem deutschen Apotheken- und Pharmamarkt befasst haben, nicht anders. Kreativer Zerstörer – diese Formulierung löst immer etwas aus: Bei den einen ist es eher ein freudiges Lächeln, das über ihr Gesicht huscht. Bei den anderen ein genervtes Zucken gepaart mit leichter Zornesröte. Aber beide werden, ob lächelnd oder erzürnt, nur einen Namen mit diesem Begriff verknüpfen: Ralf Däinghaus. Dieses Buch widmet sich gerade deshalb aber nicht nur Ralf Däinghaus, sondern geht weiter und befasst sich mit der – mehr oder minder – kreativen Zerstörung an sich. Denn das Thema lässt sich nicht auf eine einzelne Person reduzieren. Die Kombination aus Kreativität und Zerstörung steht gleichsam für ein System und für eine Strategie.

Apothekerschreck

Eine der bekanntesten Persönlichkeiten des Pharmamarktes jedenfalls war über Jahre hinweg Ralf Däinghaus. Der von der leider viel zu früh verblichenen Financial Times Deutschland (FTD) als „Kreativer Zerstörer“ höchst gelobte Informatiker mischte seit dem Ende der 1990er Jahre wie kein anderer den deutschen Apothekenmarkt auf. Däinghaus sah sich dabei selbst als „Apothekerschreck“. Und er war es auch.

Nicht, dass Apothekerinnen und Apotheker und deren Umfeld sonderlich schreckhaft wären; jedenfalls nicht schreckhafter als andere Freiberufler, Anwälte ausgenommen. Aber Däinghaus war ein Sinnbild für Provokation, Anmaßung, Innovation, Nervigkeit, immer auch und irgendwie für „das Andere“. Das reichte, wenn auch nicht zu Schrecken oder gar Furcht, dann doch dazu, zum Feindbild zu werden.

Das vermeintlich Erschreckende lag also weniger an seinem wirklich aufmerksamkeitsstarken Rotschopf, am geliebten weißen Porsche oder den kecken Sprüchen. Erschreckend offen demontierte er lediglich bei jeder Gelegenheit sein Feindbild – die Apotheker. Die hatte er sich zum Feind erkoren, sie selbst so ausgesucht, wohl auch sehr bewusst; und an denen rieb er sich nun – zu seiner eigenen Erbauung und Freude. Aber auch zur Freude vieler anderer, darunter Krankenkassen, Politiker, Investoren, Pharmahersteller, Pharmagroßhändler. Däinghaus, der Feind der Apotheker, wurde zum Freund aller anderen. Eine brillante Taktik.

Ralf Däinghaus ist – besser: war – Mister DocMorris. Der Aufstieg und das Scheitern des von ihm erschaffenen Unternehmens ist eng verknüpft mit seinem Namen. In diesem Buch werden noch einmal die Hintergründe seines Aufstiegs und des Aufstiegs seines Unternehmens, einer niederländischen Versandapotheke, porträtiert: Wie schaffte es ausgerechnet dieser Mann, zigtausenden Apothekern Tag für Tag, Nacht für Nacht die Lust an Apotheke und Pharmazie zu vergällen? Die über die Jahre hinweg erschienenen Beiträge der pharmazeutischen Fachpresse zum Thema füllen mehrere Regalmeter.

Die Zahl der Prozesse, die gegen den Versandhändler, aber auch von DocMorris N.V. gegen andere geführt wurden, gehen in die Hunderte. Nicht ohne Grund: Denn in diesen Auseinandersetzungen ging es um nicht mehr und nicht weniger als einen der bedeutendsten Versorgungsmärkte in Deutschland, der zudem mit erheblicher Strahlkraft für den europäischen Raum ausgestattet war: den deutschen Arzneimittel- und Apothekenmarkt.

Türöffner und Trittbrettfahrer

DocMorris ist eines der wenigen überlebenden Unternehmen der Dotcom-Ära. Es steht dabei immer wieder stellvertretend für die längst begonnene Liberalisierung des streng reglementierten Apothekenmarktes. Und so verstanden sich Däinghaus und DocMorris immer auch als Türöffner für andere, die in ihrem Windschatten unterwegs waren – nicht immer mit denselben Zielen, aber doch mit der Absicht, ein Stück aus dem bis dahin einigermaßen abgeschotteten Milliardenmarkt herauszuschneiden.

Jahrelang wurde DocMorris von Medien und Politik gefeiert. Dafür reichte das simple Versprechen, den Apothekenmarkt aufzurütteln, Medikamente billiger anzubieten, überhaupt für Unordnung in einem anscheinend zu ordentlichen Markt zu sorgen. Im gut reglementierten, von vielen Außenstehenden als überreguliert titulierten deutschen Arzneimittelmarkt sehnten sich nicht wenige nach etwas wie Unordnung. Dabei ging es nicht um den perversen Wunsch nach einer schlechteren Versorgung. Aber es herrschte das Gefühl vor, dass ausgerechnet bei den Apothekern mal durchgelüftet werden müsste. Und dies, obwohl die Versorgung in Deutschland im internationalen Vergleich damals wie heute sehr gut abschneidet. Und doch gab es dieses Gefühl, es müsste sich etwas ändern.

Mit der dramatisch schnellen Verbreitung des Internets hatte spätestens zur Jahrtausendwende auch ein neuer Zeitgeist Einzug gehalten. Mit dem Web, mit der daraus erwachsenden ständigen Verfügbarkeit und der zunehmenden Selbstbestimmung von Patienten und Verbrauchern gab es Chancen für Markteintritte und für Veränderungen; zusätzlich später verstärkt durch einen Trend zu mehr Mobilität, auch in Form einer immer weniger persönlichen Kommunikation. DocMorris hatte diesen Trend erkannt und nutzte ihn. Und den Apothekern blieb um ihrer Geschäfte willen nichts anderes übrig, als dagegen zu sein.

Hinter DocMorris aber stand nicht nur ein mehr oder weniger sympathischer Programmierer mit einer Crew, die für ordentlich Durchzug im verstaubten Apothekerland sorgen wollte. Es waren Investoren, potente Geldgeber, die auf viel Umsatz und noch mehr auf eine hohe Dividende hofften. Es ging dabei nicht um einige Millionen Euro, sondern um Hunderte von Millionen. Und gerne plante man – wenigstens in der Öffentlichkeit – auch mal mit Milliarden.

Und da waren vom Start weg auch andere Profiteure, die sich von den gut durchdachten, beinahe dezidiert strukturierten Gesetzesbrüchen aus den Niederlanden Richtung Deutschland Profite erhofften. Krankenkassen beispielsweise wie die Gmünder Ersatzkasse, kurz GEK, heute Teil der Barmer GEK.

DocMorris ist heute nicht mehr mit Namen wie Däinghaus oder gar dem holländischen Apotheker Jacques Waterval verbunden. Vielmehr war DocMorris bereits früh auch eine Spielwiese der bereits erwähnten Sympathisanten; da fallen dann Namen wie der von GEK-Manager Dieter Hebel, der später Versandapotheken beriet, von SPD-Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt, von Professor Dr. Gerd Glaeske und vielen anderen, die DocMorris als Steigbügelhalter dienten. Vielen der DocMorris-Sympathisanten war gemein, dass sie der Apotheker und ihrer Standesorganisationen überdrüssig waren, es an der Zeit hielten, dass sich der Arzneimittel- und Apothekenmarkt änderte. Däinghaus schaffte es, genau dieses Versprechen mit der Entwicklung einer schlichten Logistikleistung, einer Versandapotheke, zu formulieren und es auch zu halten.

Dieses Buch widmet sich aber nur zu Beginn und im Schnelldurchlauf der Startphase und den ersten Jahren von DocMorris. Mir geht es mehr noch um die Hintermänner und -frauen. Wer unterstützte Däinghaus und mit welchen Zielen? Wann wurde aus dem smarten Emporkömmling ein kreativer Zerstörer? Wann entdeckte der Celesio-Konzern DocMorris und wie spielte wer schließlich warum und wie lange mit wem?

Und: Welche Rolle spielten einzelne Politiker und deren Netzwerke?

Im Netz von Celesio

Celesio. Bei meinen Recherchen für die Pharmazeutische Zeitung (PZ) wunderte ich mich über die vielfältigen Kontakte des Konzerns, der seinerzeit noch als Gehe AG firmierte. Nach der Umbenennung und in einer Phase starken Umsatz- und Gewinnwachstums gaben sich bereits Politiker, gerade des liberal-konservativen Lagers, in Stuttgart die Klinke in die Hand.

Später, 2006, sozusagen mit dem „Auftritt“ des damaligen saarländischen Justiz- und Gesundheitsministers Josef Hecken (CDU), wurde erstmals auch für Außenstehende ersichtlich, dass es ein umfassenderes, größeres, bereits installiertes Netz geben musste. Dazu zähle ich auch die Aktivitäten des CDU-Bundestagsabgeordneten Jens Spahn und des Celesio-Lobbyisten Max Müller, eines langjährigen Freunds und Geschäftspartners von Spahn. Aber auch die zweifelhafte Rolle des späteren Staatssekretärs Dr. Bernhard Heitzer als Chef des Bundeskartellamtes oder auch die Einlassungen des saarländischen CDU-Ministerpräsidenten Peter Müller, heute Richter am Bundesverfassungsgericht. Von all diesen Personen und deren Einbindung in das große Celesio-DocMorris-Schleppnetz handelt dieses Buch. Und, wenn auch nur am Rande, von den Duz-Freunden des Max Müller, von Daniel Bahr (FDP) und Dr. Philipp Rösler (FDP).

Die Geschichte von DocMorris ist auch eine Geschichte des Netzwerkens. Es finden sich Leute, die miteinander reden, Gedanken austauschen, sich auf gemeinsame Ziele verständigen und schließlich Geschäfte machen. Schon bald ist es auch die Geschichte eines nahezu perfekten, weil kaum zu greifenden Netzwerks. Dessen Struktur hat sich nicht aus den Niederlanden, aus DocMorris heraus gebildet. Die Strippenzieher konstruierten dieses Schleppnetz in einer ziemlich tristen, langweiligen Stuttgarter Konzernzentrale.

So, wie zu Beginn der Geschichte DocMorris und Däinghaus zusammenkleben wie Pech und Schwefel, so gilt dies später jedenfalls für die von Haniel kontrollierte Celesio AG und deren langjährigen Chief Executive Officer Dr. Fritz Oesterle.

Oesterle hatte nicht nur den Großhandelskonzern international vorangebracht, sondern strebte seit jeher eine Liberalisierung der deutschen Apothekenlandschaft an. Er hatte langfristige und ehrgeizige Ziele – und für die kamen Däinghaus und DocMorris gerade recht.

In Stuttgart hatte sich der Manager mit Menschen umgeben, die seine Leidenschaft für den Erfolg teilten. Sie strukturierten dieses undurchsichtige Geflecht aus Persönlichkeiten, Verantwortlich- und Abhängigkeiten. Darin finden sich auch zahlreiche Politiker von CDU und FDP, Landes- und Bundespolitiker, Europaabgeordnete. Aber auch Verbindungen zu anderen Parteien, allen voran zu den Grünen und ihrer Gesundheitsexpertin Biggi Bender mit Wahlkreis Stuttgart II (Bad Cannstatt, Sitz von Celesio). Die Kontakte, derer sich Celesio bedienen konnte, auch ohne dabei öffentlich werden zu müssen, reichten bis in die höchsten politischen Kreise.

Es ist auch die Geschichte von den richtigen Personen, die zur richtigen Zeit am richtigen Ort waren oder dorthin gebracht wurden. Und die allesamt miteinander verknüpft wurden. Es sind die Geschichten von wichtigen Christdemokraten im Dunstkreis von Oesterle – die Rede ist von Max Müller, Jens Spahn, Josef Hecken, Dr. Eckhard Cordes, Peter Müller, Günther Oettinger, Matthias Kleinert, Professor Dr. Kurt J. Lauk und vielen anderen, die sich für Celesio und DocMorris mit Verve in die Bresche warfen.

Hinter den Kulissen

Die Geschichte von Celesio und DocMorris bietet einen Blick hinter die Kulissen deutscher Wirtschaftspolitik. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als die Rolle von Politikern in der Wirtschaft und von Wirtschaftsführern in der Politik, hier in der Gesundheitspolitik. Bei Celesio und den CDU-nahen Wirtschaftsverbänden ebenso wie bei den Liberalen spricht man dann heutzutage gerne von der Gesundheitswirtschaft. Es geht um das Benutzen und das Benutztwerden.

Während meiner Tätigkeit für die PZ hatte ich früh ein erstes Aufeinandertreffen mit dem damaligen Deutschlandchef der Gehe, Jürgen Ossenberg-Engels, und seinem Konzernchef Oesterle. Ich erinnere mich, wie beeindruckt ich von Oesterles Auftreten, seiner zur Schau getragenen Coolness war. Schon damals war Oesterle für viele Apotheker, für Kammern und Verbände nichts anderes als der Feind. Das ärgerte ihn zuweilen, amüsierte ihn aber auch. Er wusste Gesprächspartner einzufangen – dank einer guten Portion Humor, einer kleinen Prise Verbindlichkeit und nicht zuletzt vermittelte er das Gefühl, dass er mit allen Wassern gewaschen war.

Wesentlich beteiligt am Erfolg des Netzwerks war auch der Umgang von DocMorris und Celesio mit den Medien. Die Kommunikationsstrategie von DocMorris, die über Jahre fast ausschließlich auf ein Plus an Aufmerksamkeit dank der aggressiven und lautstark pöbelnden Apotheker spekulierte, wurde mit Celesio im Rücken später verfeinert. Gezielt wurden Informationen an Medien gestreut, dadurch auch Abhängigkeiten geschaffen. DocMorris war bis zur Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zum Fremdbesitzverbot im Jahr 2009 irgendwie sexy.

Ein gutes Agenda-Setting ermöglichte Oesterle und seinem Konzern lange Zeit gut, fast sympathisch auszusehen; die eigentlichen Aktivitäten im Hintergrund blieben im Ungewissen. Es war und ist ein Spiel, in dem Politik und Konzerne zuweilen im stimmungsvollen Miteinander mit ausgesuchten Medien alles tun, um den Schein zu wahren – und trotzdem hinter den Kulissen im jeweils eigenen Interesse agieren zu können.

Egal, ob man die Geschichte der Liberalisierung, die beileibe nicht abgeschlossen ist, aus der Perspektive des Verbrauchers, des Journalisten, der eines Apothekersprechers oder der einer beliebigen anderen Person verfolgt: Es prägt sich das Bild ein, dass mächtige Verbünde im Hintergrund der Gesellschaft, ganz besonders der Gesundheitswirtschaft, die Karten mischen und spielen. Die weithin verbreitete Annahme, die sogenannte Apothekerlobby könne auf diesem Niveau mithalten, täuscht. Denn deren Lobbyaktivitäten sind deutlich weniger mehrdimensional, fast immer auf dieselben Zielgruppen ausgerichtet. Konzerne wie Celesio funktionieren und agieren anders.

Strategie statt Zufall

Das Buch bietet einen Überblick über die wichtigsten Stränge in diesem Netzwerk, über Pläne und Aktivitäten. Es soll aufgezeigt werden, dass langfristige Konzernplanungen und auch politische Strategien eben nicht auf Zufällen, auf Aktivitäten Einzelner aufbauen und diese dann durch glückliche Umstände, fast schicksalhaft, zum Ziel führen. Konzerne planen und agieren langfristig, sie sondieren und bewerten, analysieren, testen und können so beispielsweise einen Angriff auf den Apothekenmarkt über Jahre hinweg vorbereiten.

Und doch vermag die beste Vorbereitung es nicht, den Zufallsfaktor auszuhebeln. Die Tatsache, dass das EuGH-Urteil am 19. Mai 2009 gefällt wurde, wenige Monate vor der Bundestagswahl, gepaart mit der Finanzkrise, durchkreuzte den Plan von Celesio und DocMorris. Es waren nur bedingt die deutschen Apotheker, die Celesio scheitern ließen. Und es war auch keine Frage der Politik. Celesio scheiterte an Richtern, aber eben auch an den im Rahmen der Bundestagswahl ungünstigen Verhältnissen und daran, dass Konzerne und Kapitalmärkte zu jener Zeit nicht gerade den besten Ruf hatten.

Zudem hatte Celesio für seine Expansion, für Pläne und Lobbying dermaßen viel Geld verbrannt, dass am Ende nichts mehr übrig war, um in kürzester Zeit einen Plan B durchzusetzen. DocMorris wurde zum Problem für den gesamten Konzern.

Ausgeblutet

So wie die Zerstörungswut eines Krieges dazu führt, dass alle Kombattanten nicht gestärkt, sondern geschwächt an Material und Mensch und oft auch an Moral, ob Sieger oder Verlierer, daraus hervorgehen, kann heute festgestellt werden, dass zwar Celesio/DocMorris die große Schlacht verloren hat. Aber auch die Apotheken sind heute weithin ausgeblutet, zu einer Art politischem und medialem Freiwild geworden. Die Schuld daran trägt nicht Celesio allein und auch nicht nur die Politik, sondern tragen eben auch die Apotheker selbst, die in den vergangenen 15 Jahren zwar kämpften, aber keinen Ausweg, keine vorwärtsgewandte Strategie im eigenen Interesse entwickelt hatten.

Wem das nützen wird? Womöglich denen, die kommen, um die Schäden zu beheben, und die daraus ein Geschäftsmodell entwickeln. Und so könnte es dann doch noch dazu kommen, dass man an einer Ausweitung beispielsweise des Mehrbesitzes oder sogar an einer Zulassung des Fremdbesitzes nicht mehr vorbeikommt. Vielleicht nicht morgen oder übermorgen. Aber wenn sich viele Apotheken nicht mehr aus sich heraus finanzieren können, dann wird der Staat eingreifen (müssen).

Und dann käme doch noch, wenn auch spät, Plan B zum Zuge. Und mit Celesio/Gehe, Phoenix und Alliance – früher Anzag – stünden gleich mehrere europäische Milliardenkonzerne gut vorbereitet in den Startlöchern, um die deutsche Arzneimittelversorgung zu „retten“.

In regelmäßigen Zyklen befassen sich Medien in Deutschland mit Lobbyismus, zudem auch mit den Themen der Gesundheitsversorgung. Aus gutem Grund. Den Deutschen ist die Gesundheit neben Familie, Freunden und Frieden sowie finanzieller Sicherheit so ziemlich das Wichtigste. Und deshalb stehen auch immer wieder all diejenigen im Fokus, die genau diese Gesundheitsversorgung gewährleisten sollen. Das sind neben beispielsweise Ärzten, Kliniken und Krankenkassen auch im besonderen Maße die Apotheker.

Als ich 1998 bei der PZ begann, wusste ich nicht viel mehr über Apotheken als die meisten anderen Endzwanziger – typisch Mann, typisch jung sozusagen. Erst nach und nach erschloss sich mir die besondere Rolle und Funktion von Apotheken. Ich mochte das Thema. Wohl auch, weil sich viele andere Journalisten nicht wirklich für Sozial- und Gesundheitspolitik interessierten.

Versorgungsziele vs. Konzerninteressen

Dieses Buch ist indes kein Loblied auf die Segnungen der deutschen Apotheke oder Arzneimittelversorgung. Nach mehreren Jahren als Korrespondent und später auch in einem Zwischenstopp als Sprecher der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände habe ich verstanden, wie heterogen Arzneimittelversorgung ist. Wie sich Apotheken unterscheiden und wie erst die Bedürfnisse von Patientinnen und Patienten.

Man muss kein Sozialromantiker sein, um sich ernsthaft zu fragen, warum man Handelskonzernen grundlegende Versorgungslandschaften überlassen sollte. Wettbewerb ist das eine, Individualität und Versorgungsqualität das andere. Diese Aspekte spielen aber in den Hinterzimmern von Konzernen und Politik eine untergeordnete Rolle. Hier geht es um das Aufteilen von Claims.

Mehr als 20.000 Apotheken gibt es in Deutschland, jahrelang ist ihre Zahl gestiegen, dann wieder gefallen. Gesetze machten das möglich. Manche würden sagen, die Gesetze waren schuld daran. Jedenfalls erzählen die Alten, also die Apotheker älterer Jahrgänge, noch schwärmend von den guten Zeiten. Für viele Pharmazeuten waren Apotheken damals eine Art Gelddruckmaschine. Überhaupt kennt die Gesundheitsversorgung eine ganze Reihe von Gewinnern, insbesondere übrigens auch bei den Patienten, jedenfalls dann, wenn dieses System zur Genesung beiträgt. Das sollte nicht unterschlagen werden.

Diese guten alten Zeiten sind für die Mehrzahl der Apotheker vorbei; für manche schon länger, einige aber können noch immer gut leben. Von zentraler Bedeutung ist allerdings wohl die Erkenntnis, dass, besonders nach der großen Gesundheitsreform von Rudolf Dreßler (SPD) und Horst Seehofer (CSU) – also „Lahnstein“ – Anfang der 1990er Jahre der politische Druck auf die Branche zunahm. Nicht nur auf Apotheken, sondern auch auf alle anderen.

Dieser Druck, sowohl wirtschaftlich als auch politisch, hat viele Ausprägungen. In der Nachbetrachtung ist wohl die sichtbarste Ausprägung die Reduktion der Player.

Marktkonzentration

Bei den Pharmaherstellern hat sich ein rasanter Wandel vollzogen. Kleine, kleinste, auch mittelgroße Unternehmen und deren Marken verschwanden in den vergangenen beiden Jahrzehnten von der Bildfläche, wurden aufgekauft, von anderen einverleibt. Und auch bei den multinationalen Pharmakonzernen, den Global Playern, ist die Zeit der Fusionen längst nicht abgeschlossen. Insgesamt lässt sich sagen, dass auf der Stufe der Hersteller ein gewaltiger Konzentrationsprozess stattgefunden hat.

Auch der pharmazeutische Großhandel hat in den vergangenen Jahren einen Konzentrationsprozess durchgemacht. Anders als noch vor gut zwanzig Jahren, sind keine zehn Vollsortimenter mehr im Markt vertreten. Fünf große Unternehmen – Phoenix, Noweda, Gehe/Celesio, Alliance/Anzag und Sanacorp dominieren 90 Prozent des Marktes – und damit die Belieferung von Apotheken. Einige wenige Anbieter für mehr als 20.000 Kunden!

Diese Konzentration auf die beiden Handelsstufen zeigt, was den deutschen Apotheken heute womöglich noch bevorsteht. Die Strategie von DocMorris/Celesio zielte genau auf diese letzte, noch halbwegs fruchtbare und nicht konzentrierte Handelsstufe, nämlich die Apotheken, ab.

Jenseits der Wahlversprechen der Parteien, ganz besonders des bürgerlichen Lagers, dürfte die Liberalisierung des deutschen Apothekenmarktes zurückkehren auf die politische Agenda. DocMorris und Celesio jedenfalls haben das Feld bestellt. Man darf gespannt sein, wer nun erntet.

Struktur des Buchs

Noch einige wenige Anmerkungen zur Struktur des Buchs: Im ersten Kapitel stelle ich die wichtigsten Passagen der Unternehmensgeschichte von DocMorris dar. Dabei werden viele Themen und Aspekte zwar gestreift, aber erst in den folgenden Kapiteln detailliert beleuchtet. Diese Struktur soll auch denjenigen Leserinnen und Lesern einen Einstieg ermöglichen, die zwar DocMorris kennen, aber die „Story“ nur punktuell beobachten konnten.

Das Buch beschreibt verschiedene Perspektiven, es befasst sich mit der Vernetzung von Politik und Wirtschaft, den Plänen der Celesio AG, dem EuGH-Verfahren und seinen Folgen. Es geht ein auf das mehrjährige Verfahren des Bundeskartellamtes und die Rolle des damaligen Präsidenten und späteren Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium. Überhaupt liegt im mittleren Teil das Augenmerk auf Rolle und Handeln der Politik und ihrer Beziehungen zu Celesio und DocMorris.

Im Schlussteil geht das Buch der Frage nach, was aus den handelnden Personen geworden ist, welche Ämter sie heute bekleiden.

Thomas Bellartz

Die DocMorris-Story

Mit einem schönen Oldtimer fing alles an. Der alte Austin nMorris vor der Kneipe, in der sich Ralf Däinghaus und sein späterer Geschäftspartner Jacques Waterval auf einer Party kennengelernt hatten, wurde unversehens zum Namensgeber für eine der größten Versandapotheken Europas. Und zum Inbegriff für die Liberalisierung der deutschen Apothekenlandschaft. So jedenfalls erzählten es die beiden Start-up-Unternehmer, so erzählten es deren PR-Agenten. Und so schrieben es die Medien.

Der niederländische Apotheker Jacques Waterval hatte beobachtet, dass viele deutsche Frauen in seine Apotheke ins grenznahe Landgraaf kamen, um dort ihre Pillenrezepte einzulösen – in Holland war die Pille manchmal nur halb so teuer wie in Deutschland. Die Frauen reisten aus dem gesamten Rheinland an, kamen vom Niederrhein, scheuten mitunter auch weite Wege nicht. Sie kamen in Fahrgemeinschaften, mit dem Bus, häufig auch Mütter mit ihren Töchtern oder für ihre Töchter. Es ging zwar vordergründig um die Versorgung mit Kontrazeptiva und damit um verschreibungspflichtige Arzneimittel. Aber eigentlich ging es auch damals schon ums Geld.

Die niederländische Gesetzgebung erlaubte eine freie Preisgestaltung für Arzneimittel, in Deutschland war das damals verboten, ebenso wie der Versandhandel mit Arzneimitteln selbst. Damit war die Vision geboren. Im Jahr 2000 wurde DocMorris ausgerechnet dank der marktwirtschaftlichen Segnungen der Anti-Baby-Pille aus der Taufe gehoben.

Die Grenzen verschwimmen

Die Idee, die der Informatiker Däinghaus und der Apotheker Waterval entwickelten, war im Grunde simpel: Mithilfe der Internetapotheke 0800DocMorris sollte jeder Deutsche von den niederländischen Preisvorteilen profitieren können. Dank des Internets verschwammen zusehends geografische Grenzen. Plötzlich konnte man auch in Südbayern und eben nicht nur in Aachen, Moers und Neuss die günstigeren holländischen Arzneimittelpreise nutzen. In der Gründungsphase ihres Unternehmens konzentrierten sich Däinghaus und Waterval auf Medikamente, die der Patient selbst bezahlen musste, so dass er den Preisvorteil in Holland unmittelbar spüren konnte. Das Start-up begann mit etwa 350 Arzneimitteln: Pille, Viagra, Vitamine. Schon früh hatte auch die Aachener SPD-Bundestagsabgeordnete und spätere Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt von den Aktivitäten hinter der nahe gelegenen grünen Grenze Wind bekommen. Und Schmidt, eine engagierte Sozial- und Frauenrechtlerin, waren die günstigeren Preise, von denen Frauen profitierten, alles andere als ein Dorn im Auge. Lange, bevor sie selbst mit dem Thema politisch in Kontakt kam, kannte sie womöglich 0800DocMorris.

Seit der Gründung verzeichnete die Internetapotheke, die das Präfix 0800 wenige Jahre später ablegte, ein starkes Wachstum – sehr zum Entsetzen der deutschen Apothekerverbände, die die Versorgungssicherheit der Patienten gefährdet und die geltenden deutschen Gesetze umgangen sahen. Im ersten vollständigen Geschäftsjahr 2001 verbuchte das niederländische Unternehmen, damals Arbeitgeber für etwa 50 Mitarbeiter, einen Umsatz von rund fünf Millionen Euro.

Schon zu diesem Zeitpunkt schien Wachstum programmiert. Denn in Deutschland debattierten zeitgleich Politiker aller Parteien über die Zukunft des Gesundheitssystems. Seit dem Beginn der 1990er Jahre sollten beinahe jährlich neue Spar- und Strukturgesetze beispielsweise die galoppierenden Arzneimittelausgaben dämpfen. Zudem verzeichnete das Internet ein schier dramatisches Wachstum. Däinghaus und Waterval schienen zur rechten Zeit am rechten Ort – mit der richtigen Geschäftsidee.

In den folgenden Jahren hatte es DocMorris mit zahlreichen Verfahren und Gerichtsentscheidungen zu tun – ihren vorläufigen Höhepunkt erreichten die Branchenproteste im Jahr 2003 im Umfeld der Reformberatungen unter Ulla Schmidt; parallel lief das erste Verfahren vor dem Europäischen Gerichtshof (EuGH), das der Deutsche Apothekerverband initiiert hatte. 15 Richter in Luxemburg sollten über die Erlaubnis des Versandhandels in Deutschland entscheiden.

Wer in den Archiven der Fachzeitschriften blättert, findet wiederkehrende Debatten über Fremd- und Mehrbesitz, Versandhandel oder über die Regeln zur Preisgestaltung. DocMorris hatte den Versandhandel, damit aber auch die anderen Themen, in die breite Öffentlichkeit getragen. DocMorris war fancy, die Apotheke schien überholt, das Thema der Liberalisierung nahm Fahrt auf.

Kontrollierter Gesetzesbruch

Obwohl die deutsche Rechtslage das Geschäftsmodell von DocMorris nicht eindeutig erlaubte, fanden sich bereits vor der EuGH-Entscheidung, die erst Ende 2003 fallen sollte, einzelne Vertreter deutscher Krankenkassen, die einen Vorteil in der Zusammenarbeit mit der holländischen Versandapotheke auszumachen glaubten: Die erste Kooperation zwischen einer deutschen Krankenversicherung und DocMorris kam im Jahr 2002 mit der Gmünder Ersatzkasse (GEK) unter Vorstandschef Dieter Hebel zustande. Der um Aufmerksamkeit bemühte Kassenmann wurde zu einem der wichtigsten Steigbügelhalter der niederländischen Apotheke.

In Deutschland hatten sich unterdessen Interessenvertreter jeglicher Couleur, allen voran die Lobbyisten der Versandhändler, bemüht, mit einer Entscheidung auf nationaler Ebene dem EuGH-Urteil vorzugreifen. Mit Erfolg.

Bereits im Herbst 2003, wenige Monate vor der Entscheidung des EuGH, wurde das Gesetz zur Modernisierung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GMG) von der damaligen rot-grünen Bundesregierung verabschiedet. Das GMG trat zum 1. Januar 2004 in Kraft. Damit hob die verantwortliche Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) sowohl das Versandhandelsverbot für rezeptpflichtige Arzneimittel (Rx) in Deutschland als auch die Preisbindung für freiverkäufliche Medikamente (OTC) auf. Der Preiskampf war eröffnet, das Geschäftsmodell von DocMorris nun auch innerhalb der deutschen Grenzen legitimiert.

Die Politik hatte voreilig entschieden, denn die Europa-Richter sahen in der deutschen Gesetzgebung keinen Verstoß gegen das europäische Gemeinschaftsrecht und überließen die Gestaltung des Arzneimittelmarktes nach wie vor den Mitgliedsstaaten selbst. Jede EU-Nation konnte also weiterhin selbst über den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Arzneimitteln entscheiden. Der OTC-Versandhandel wurde hingegen EU-weit zugelassen.

Die Internetapotheken erfreuten sich in der Folge zunehmender Beliebtheit, insbesondere die Pioniere profitierten davon: Als DocMorris nach fünf Jahren Geschäftstätigkeit Bilanz zog, war die Rede von einem Gesamtumsatz von rund 260 Millionen Euro aus dem Verkauf von mehr als acht Millionen Arzneimittelpackungen in 2,4 Millionen Versandvorgängen. Die Kundenzahl betrug zu diesem Zeitpunkt nach Unternehmensangaben mehr als 630.000. Darüber hinaus gab es Arzneimittel-Lieferverträge mit 220 deutschen Krankenkassen. Mit der sogenannten Länderliste des Bundesgesundheitsministeriums vom Juni 2005 bestätigte die deutsche Bundesregierung dem niederländischen Versandhändler mit Deutschland vergleichbare Sicherheitsstandards und räumte auch hier letzte Zweifel an der Rechtmäßigkeit des neuen Vertriebswegs aus.

Eskalation im Saarland

Im Jahr 2006 erreichte der Auf- und Verteilungskampf im deutschen Apothekenmarkt einen weiteren Höhepunkt. Im Saarland wagte sich der holländische Apotheken-Revoluzzer DocMorris auf nach Expertenmeinung juristisch dünnes Eis und eröffnete die erste DocMorris-Apotheke in Saarbrücken. Gedeckt von Josef Hecken (CDU), der zu jenem Zeitpunkt die Posten des Justiz- und des Gesundheitsministers des Saarlands in Personalunion bekleidete, nahm DocMorris am 3. Juli 2006 die ehemalige Ratsapotheke in der Landeshauptstadt in Betrieb, die erste Apotheke einer Kapitalgesellschaft in Deutschland. Die bisherige Eigentümerin übernahm fortan als Angestellte die „persönliche Leitung der Apotheke in eigener Verantwortung“, wie es laut Apothekengesetz vorgeschrieben ist.

Beide Konstruktionen waren neu und standen überdies auf juristisch wackeligen Beinen. Die deutsche Gesetzgebung sah zu diesem Zeitpunkt weder den Betrieb von Apotheken durch Kapitalgesellschaften vor (Fremdbesitzverbot) noch war – trotz der Lockerung des Mehrbesitzverbots seit Inkrafttreten des GMG– die Bildung von Apothekenketten möglich.

Der offensichtliche Angriff auf das etablierte Apothekensystem rief Berufsvertreter und Standespolitiker auf den Plan. Eine zivilrechtliche Klage einer benachbarten Apotheke wies das Landgericht Saarbrücken Anfang August 2006 ab. In einer denkwürdigen Pressekonferenz in der saarländischen Landesvertretung in Berlin präsentierten Hecken und Däinghaus tags darauf, in für zahlreiche Beobachter überraschender Eintracht, ihre Strategie hinsichtlich einer Überprüfung durch den EuGH. Hecken, immerhin Justiz- und Gesundheitsminister und als solcher Mitglied einer Landesregierung, hatte demnach gezielt deutsches Recht gebrochen – und wollte dies in Luxemburg bestätigt wissen.

Die in der Folge von drei Saarbrücker Apothekern angestrengte verwaltungsrechtliche Klage gegen das Saarland und das verantwortliche Ministerium wurde unterstützt von der Apothekerkammer des Saarlandes und vom Deutschen Apothekerverband. Am 12. September 2006 entzog das Verwaltungsgericht Saarlouis der DocMorris-Apotheke in Saarbrücken die Betriebserlaubnis. DocMorris aber war sich seiner Sache sicher. Denn kurz darauf kündigte DocMorris-Chef Ralf Däinghaus an: „Wir sind bereit, durch alle Instanzen zu gehen, wenn notwendig bis zum Europäischen Gerichtshof.“

Die Bewertung der holländischen Versandhändler selbst klingt eindeutig: „Die Position von DocMorris: DocMorris darf gemäß der europäischen Niederlassungsfreiheit eine Apotheke in Deutschland besitzen. Nach Auslegung des Europarechts darf eine Apotheke – ganz gleich, welche Rechtsform diese hat – aus einem Land der europäischen Gemeinschaft eine Apotheke in einem anderen Land eröffnen.“

Am 14. September schloss die DocMorris-Apotheke ihre Türen. Noch am selben Tag legte DocMorris beim saarländischen Ministerium Beschwerde ein, das wiederum Revision beim Oberverwaltungsgericht in Saarlouis gegen die Entscheidung in erster Instanz einreichte. Das OVG gab dem Ministerium im Eilverfahren am 22. Januar 2007 grundsätzlich Recht und gestand DocMorris tatsächlich eine Wiedereröffnung der Apotheke zu. Eine endgültige Entscheidung sollte allerdings erst im Hauptsacheverfahren fallen. Bis dahin blieb die DocMorris-Apotheke in Saarbrücken geöffnet.

Apotheken-A wird abgeschraubt

Während man bei DocMorris auf ein abschließendes Urteil des Verwaltungsgerichts im eigenen Sinne hoffte, arbeitete man zeitgleich an einer Alternativstrategie, um auch bei einer etwaigen Entscheidung gegen die eigenen Interessen gut aufgestellt zu sein. Am 8. Januar 2007 eröffnete die erste DocMorris-Markenpartner-Apotheke im saarländischen Sankt Wendel. Anders als beim Saarbrücker Fremdbesitzmodell handelte es sich hier um einen klassischen, langfristigen Franchisevertrag, den DocMorris mit der Inhaberin abgeschlossen hatte. Die Apotheke blieb im Besitz der Eigentümerin, die aber ab sofort vertragliche Auflagen zu erfüllen hatte: Der gesamte Verkaufsraum, alle Schaufenster und die Geschäftsausstattung wurden im Unternehmenslook von DocMorris gestaltet. Das knallige Grün der Holländer zog in die Apotheke ein, demonstrativ wurde das rote Apotheken-A abgeschraubt.

Im Gegenzug sollte die Apotheke von der starken Marke DocMorris profitieren dürfen, inklusive Gebietsschutz. Die deutsche Gesetzgebung ließ diese Umgehungskonstruktion zu, man schuf also Fakten. Was tatsächlich ein Franchisemodell war, wie es in anderen Branchen alltäglich ist – man denke nur an Fastfood- oder Bekleidungsketten – wirkte für den Verbraucher wie eine Apothekenkette, die juristisch betrachtet nicht erlaubt gewesen wäre.

Neben dem virtuellen Arzneimittelversender DocMorris hinter der holländischen Grenze gab es nun auch die wohnortnahe, inhabergeführte DocMorris-Apotheke „um die Ecke“, die für die Marke mit dem plakativen grünen Kreuz in erster Linie einen kräftigen Popularitätsschub bedeutete. In den folgenden drei bis fünf Jahren sollten 500 DocMorris-Markenpartner-Apotheken eröffnet werden, kündigte das Unternehmen damals vollmundig an.

Während man mit Hilfe des Franchise-Tricks einen rechtskonformen Weg gefunden hatte, um DocMorris auch als Präsenzapotheke zu etablieren, lag die Entscheidung bezüglich der Wiedereröffnung der Saarbrücker DocMorris-Apotheke nach wie vor beim Verwaltungsgericht. Das allerdings urteilte wider Erwarten nicht selbst, sondern legte das Verfahren im März 2007 dem EuGH vor. Und folgte damit dem Wunsch sowohl von DocMorris als auch von Justizminister Hecken, der sich nach einer europäischen Lösung zu sehnen schien.

Celesio kauft DocMorris

Einen knappen Monat nach Eröffnung des EuGH-Verfahrens, im April 2007, kaufte der Pharma- und Großhandelskonzern Celesio AG überraschend rund 90 Prozent der Anteile an DocMorris. Nach sieben von Wachstum und Revoluzzergeist gekennzeichneten Geschäftsjahren übertrugen die Teilhaber 3i, HgCapital und Neuhaus Partners ihre DocMorris-Anteile für rund 200 Millionen Euro an den Stuttgarter Konzern. DocMorris wurde später eine hundertprozentige Tochter von Celesio.

In der Branche sorgte dies für größtmögliche Irritationen und auch Reaktionen: Einer der größten deutschen Pharmagroßhändler und damit einer der wichtigsten Geschäftspartner der Apotheken wechselte gefühlt das Lager und übernahm das Geschäft des apothekenseitig als Bedrohung empfundenen Versandhändlers DocMorris. Celesio war aus Sicht vieler Apotheker, aber insbesondere aus Sicht der Kammern und Verbände selbst zur Bedrohung geworden. „Die Maske ist gefallen“, ließ sich der damalige Präsident der ABDA – Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände, Heinz-Günter Wolf, am 26. April 2007 in einer Pressemitteilung zitieren. Die Schlacht war eröffnet.

Während man nun bei Celesio auf allen Ebenen die bereits gut geölte Lobbymaschine anwarf, um die eigene Position in den folgenden Jahren zu zementieren und Politik und Gesellschaft von den Vorteilen der Marktliberalisierung und Kettenbildung zu überzeugen, kämpfte man auf der Seite der Apotheker mit ähnlichen Bandagen um den Erhalt der etablierten Strukturen. Im Deutschen Apothekerhaus übernahmen die Funktionäre sowie deren Apotheken- und Wirtschaftsrechtler die Federführung, für Celesio war neben der Juristerei das politische Netzwerken bedeutsam geworden. Darum kümmerten sich Cheflobbyist Matthias Kleinert in Stuttgart und Max Müller in Berlin. Erst später, Ende 2012, wurde enthüllt, dass Müller schon während der politischen und juristischen Auseinandersetzung als Geschäftspartner zusammen mit CDU-Politiker Jens Spahn eine gemeinsame Lobbyagentur betrieb.

EuGH stoppt Wachstumsfantasien

Am 19. Mai 2009 sprach der EuGH sein Urteil: Alles bleibt so, wie es ist. Die Entscheidung über das Fremd- und Mehrbesitzverbot war nach wie vor den Mitgliedsstaaten überlassen. Deutschland hielt die Entscheidung über Liberalisierung oder Nicht-Liberalisierung des Apothekenmarkts selbst in den Händen. Allerdings befand sich die Große Koalition mit Bundeskanzlerin Dr. Angela Merkel (CDU) an der Spitze mitten im Bundestagswahlkampf. Union und die damalige Oppositionspartei FDP wollten gemeinsam Schwarz-Rot ablösen. Dafür brauchte man viele Stimmen – gerade aus dem bürgerlichen und dem freiberuflichen Lager, auch von den Apothekern. Das Liberalisierungsthema wurde auf Eis gelegt.

Und der Treffer aus Luxemburg saß – auch bei Celesio. Die Strategie war nicht aufgegangen. Ab Mitte 2009 begann das große Stühlerücken in Stuttgart ebenso wie beim Mehrheitsaktionär, der Franz Haniel & Cie. GmbH. Zum 1. August 2009 verließ Däinghaus das Unternehmen DocMorris. Celesio dankte dem studierten Informatiker für seine Verdienste: „Ralf Däinghaus hat Deutschlands bekannteste Apothekenmarke aufgebaut. Unter ihm ist Europas größte Versandapotheke und Deutschlands erfolgreichster Verbund von Markenpartner-Apotheken entstanden“, ließ sich Celesio-CEO Oesterle in einer entsprechenden Pressemitteilung zitieren. Man wolle nun die Bereiche Versandhandel und Markenpartnerschaften konsequent weiterentwickeln und ausbauen.

Der Medco-Versuch

Im Juni 2010 unterzog sich Celesio einer weiteren Frischzellenkur, um neue Kraft zu tanken und der fortwährenden Börsenbaisse zu entschwinden. Mitte des Monats erklärte der amerikanische Konzern Medco gemeinsam mit Celesio, man werde ein Joint Venture in Europa eingehen. Homecare Pharmacy sei das Gebot der Stunde, hieß es. „Medco Celesio“ nahm seinen Sitz in den Niederlanden – für beide Konzerne bekanntes Terrain. Celesios Versandapotheke DocMorris war in Heerlen ansässig, die Europa Apotheek in Venlo; an der hatte sich Medco 2008 die Mehrheit gesichert.