Betrachtungen über die Bildung und die Verteilung des Reichtums - Anne Robert Jacques Turgot - ebook

Betrachtungen über die Bildung und die Verteilung des Reichtums ebook

Anne Robert Jacques Turgot

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Opis

Turgots Original 'Réflexions sur la formation et le distribution des richess' gilt als vollendetstes Werk der physiokratischen Schule, enthält aber auch modernere Elemente, etwa wenn Turgot Kapital als unerlässliche Basis aller Unernehmungen betrachtet. Es ist im Jahr 1766 erschienen.

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Impressum

Anne Robert Jacques Turgot:Betrachtungen über die Bildung und die Verteilung des Reichtums Klassiker der Ökonomie. Band 14 Veröffentlicht im heptagon Verlag © Berlin 2016 www.heptagon.de ISBN: 978-3-934616-16-5

Für die deutsche Übersetzung diente folgende Vorlage: Anne Robert Jacques Turgot: Betrachtungen über die Bildung und die Verteilung des Reichtums. Übersetzt von Valentine Dorn. Physiokratische Schriften I.  Dritte Auflage, Jena 1924. S. 38–115. Die Orthografie wurde an die neue deutsche Rechtschreibung angepasst.

Anne Robert Jacques Turgot wurde 1727 als Abkömmling einer ehemals schottischen Adelsfamile, die sich im 17. Jahrhundert in der Normandie niedergelassen hatte, in Paris geboren. Während seines Theologiestudiums beschäftigte er sich überwiegend mit Philosophie, Staatswissenschaften und Geschichte und schlug ab 1750 eine Verwaltungslaufbahn ein. 1761 wurde er zum Intendanten der Generalität von Limoges ernannt, 1774 bis 1776 war er Finanzminister am Hofe Ludwigs XVI. 

Turgot: Betrachtungen über die Bildung und die Verteilung des Reichtums

§ 1. Unmöglichkeit des Handels unter der Voraussetzung einer gleichmäßigen Verteilung des Bodens, derart dass jeder nur gerade so viel hätte, als zu seiner Ernährung notwendig ist

Wenn der Boden derart unter alle Bewohner eines Landes verteilt wäre, dass jeder genau soviel bekäme, als nötig ist, um ihn zu ernähren, und nicht mehr, so würde offenbar, da alle gleich wären, keiner für den anderen arbeiten wollen; auch würde niemand etwas haben, womit er die Arbeit eines anderen bezahlen könnte; denn da jeder nur soviel Boden hätte, als zu seiner eigenen Ernährung nötig wäre, so würde er alles, was er geerntet, verbrauchen und nichts übrig haben, wogegen er die Arbeit der anderen eintauschen könnte.

§ 2. Obige Hypothese war nie verwirklicht und würde es nie haben dauernd sein können. Die Verschiedenheit der Ländereien und die Mannigfaltigkeit der Bedürfnisse führen zum Austausch der Produkte des Bodens gegen andere Produkte

Diese Hypothese hat niemals verwirklicht sein können, weil der Boden bearbeitet worden ist, ehe er verteilt wurde; ja, die Bearbeitung ist gerade die alleinige Ursache der Verteilung und des Gesetzes gewesen, das jedem seinen Anteil sichert. Überdies haben die ersten, welche den Boden bebaut haben, wahrscheinlich soviel bebaut, wie ihre Kräfte ihnen erlaubten, und folglich mehr, als zu ihrer Ernährung nötig war.

Gesetzt aber den Fall, dass jener Zustand hätte existieren können, so hätte er doch nicht dauern können; denn, da jeder aus seinem Feld nur seinen Unterhalt zöge und nichts hätte, womit er die Arbeit der anderen bezahlen könnte, so würde er seine anderen Bedürfnisse, wie Wohnung, Kleidung usw., nur durch seine eigene Arbeit befriedigen können; dies aber wäre beinahe unmöglich, weil jedes einzelne Stück Land bei weitem nicht alles zu erzeugen vermag.

Derjenige, dessen Boden sich nur für Getreide eignete und weder Baumwolle noch Hanf hervorbrächte, würde des Stoffes zu seiner Bekleidung ermangeln; ein anderer würde umgekehrt einen Boden haben, der, für Baumwolle geeignet, kein Getreide hervorbrächte; ein dritter würde kein Holz haben, um sich zu erwärmen, während wieder ein anderer kein Getreide hätte, um sich zu ernähren. Bald würde die Erfahrung jeden lehren, für welche Art der Produktion sein Boden am besten geeignet ist, und er würde sich auf diese beschränken, um sich dafür diejenigen Dinge, welche ihm fehlen, auf dem Weg des Tausches mit seinen Nachbarn zu verschaffen, die, nachdem sie ihrerseits dieselben Betrachtungen angestellt, die für ihren Boden am besten geeignete Frucht angebaut und den Anbau aller anderen aufgegeben haben würden.

§ 3. Die Bodenprodukte erfordern lange und schwierige Vorbereitungen, um für den menschlichen Gebrauch tauglich zu werden

Die Güter, welche die Erde hervorbringt, sind zum größten Teil in dem Zustand, in dem die Natur sie darbietet, zur Befriedigung der verschiedenen Bedürfnisse des Menschen ungeeignet; sie müssen mannigfachen Veränderungen unterworfen und künstlich hergerichtet werden; man muss den Weizen in Mehl und Brot verwandeln; die Häute abziehen und gerben; die Wolle und Baumwolle spinnen; die Seide von den Kokons abziehen; den Hanf und Flachs brechen und rösten, sie darauf zu verschiedenen Geweben verarbeiten, diese zuschneiden und nähen, um daraus Kleidungsstücke, Stiefeln usw. zu verfertigen. Wenn derselbe Mensch, der seinem Boden alle diese verschiedenen Produkte entzieht, und der sie für seinen Bedarf verwendet, gezwungen wäre, sie alle diese Zwischenstufen selbst durchlaufen zu lassen, so würde er gewiss sehr schlecht zum Ziel kommen. Der größte Teil dieser Vorkehrungen erfordert Mühen, Aufmerksamkeit und eine lange Erfahrung, die man sich nur in andauernder Arbeit und an einer großen Menge Material erwirbt. Nehmen wir z.B. die Zurichtung des Leders: Welcher Landarbeiter könnte alle für diesen Prozess erforderlichen Einzelheiten selbst vornehmen, die mehrere Monate, ja manchmal mehrere Jahre dauern? Wenn er es vermöchte, könnte er es an einem einzigen Stück Leder? Welch ein Verlust an Zeit, Raum, Materialien, die gleichzeitig oder nacheinander hätten dazu dienen können, um eine große Menge Leder zu gerben! Aber selbst wenn es ihm gelänge, ein Leder ganz allein zu gerben, so braucht er doch nur ein Paar Stiefel: Was macht er also mit dem übrigen Rest? Wird er einen Ochsen schlachten, um ein Paar Stiefel zu erhalten? wird er einen Baum fällen, um sich ein Paar Holzschuhe zu schneiden? Gleiches kann man von allen anderen Bedürfnissen jedes Menschen sagen, der, wenn er auf sein Feld und auf seine Arbeit allein angewiesen wäre, viel Zeit und Mühe aufwenden würde, um in jeder Hinsicht sehr schlecht ausgestattet zu sein, und seinen Boden sehr schlecht bebauen würde.

§ 4. Die Notwendigkeit der Stoffveredelung führt zum Austausch der Produkte gegen Arbeit

Derselbe Grund, der zum wechselseitigen Austausch der Güter unter den Bebauern von Ländereien verschiedener Qualität geführt hat, hat also auch zum Austausch des Bodenproduktes gegen Arbeit zwischen den Landwirten und einem anderen Teil der Gesellschaft führen müssen, der die Beschäftigung mit der Zurichtung und Verwertung der Bodenprodukte ihrer Gewinnung vorgezogen haben wird.

Alle Welt gewann bei dieser Einrichtung, weil jeder, indem er sich einer einzigen Art der Arbeit widmete, damit viel besser, vorwärts kam. Der Landmann zog aus seinem Feld die größtmögliche Menge von Produkten und verschaffte sich durch den Austausch seines Überschusses viel leichter all seinen sonstigen Bedarf, als er es durch seine Arbeit hätte tun können. Der Schuster, indem er Stiefel für den Landmann machte, verschaffte sich dadurch einen Teil von dessen Ernte. Jeder Arbeiter arbeitete für die Bedürfnisse der Arbeiter aller anderen Arten, welche ihrerseits alle für ihn arbeiteten.

§ 5. Vorrang des Landmanns, der hervorbringt, vor dem Handwerker, der zurichtet. Der Landmann gibt den ersten Anstoß zum Umlauf der Arbeiten; er ist es, der dem Boden den Lohn für alle Gewerbsleute abzwingt

Man muss indessen bemerken, dass der Landmann, der alle mit dem wichtigsten und erheblichsten Teil ihres Verbrauches (ich meine mit ihren Lebensmitteln, und außerdem mit dem Rohmaterial fast aller Gewerbe) versieht, den Vorzug einer größeren Unabhängigkeit hat. Seine Arbeit bewahrt in der Reihe der unter die verschiedenen Glieder der Gesellschaft verteilten Arbeiten denselben Vorrang, dieselbe Vorzugsstellung, welche unter den verschiedenen Arbeiten, die er im Zustand der Vereinzelung zur Befriedigung seiner mannigfaltigen Bedürfnisse vornehmen musste, die Arbeit zur Gewinnung seiner Nahrung einnahm. Das ist kein bloßer Vorrang der Ehre oder Würde; er ist von physischer Notwendigkeit. Der Landmann kann, genau genommen, die Arbeit der anderen entbehren, aber kein anderer Arbeiter kann arbeiten, wenn der Landmann ihm nichts zu leben gibt. In diesem Kreislauf, der durch den wechselseitigen Austausch der zum Leben erforderlichen Dinge die Menschen einander notwendig macht und die Bande der Gesellschaft knüpft, ist es demnach die Arbeit des Landmanns, welche den ersten Anstoß gibt. Was seine Arbeit außer dem zur Deckung seiner persönlichen Bedürfnisse Nötigen der Erde abgewinnt, bildet die einzige Grundlage der Entlohnung, die alle anderen Glieder der Gesellschaft im Tausch für ihre Arbeit empfangen. Indem sich nun diese jenes Entgeltes bedienen, um ihrerseits die Produkte des Landmanns zu kaufen, geben sie ihm genau nur das zurück, was sie von ihm erhalten haben. Es ist dies ein wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Arbeitsarten, bei dem man verweilen muss, um sich seiner völlig zu vergewissern, ehe man sich den zahllosen Konsequenzen überlässt, welche sich daraus ergeben.

§ 6. Der Lohn des Arbeiters ist infolge der Konkurrenz der Arbeiter untereinander auf seinen notwendigen Lebensunterhalt beschränkt. Er fristet gerade sein Dasein

Der einfache Arbeiter, der nur seine Arme und seine Betriebsamkeit hat, hat nichts, als insoweit es ihm gelingt, seine Arbeitskraft an andere zu verkaufen. Er verkauft sie mehr oder weniger teuer, aber dieser mehr oder weniger hohe Preis hängt nicht von ihm allein ab: Er ergibt sich aus dem Vertrag, den er mit dem schließt, der seine Arbeit bezahlt. Dieser bezahlt sie so wenig teuer, wie möglich; da er die Wahl zwischen einer großen Anzahl von Arbeitern hat, zieht er den vor, der am billigsten arbeitet. Die Arbeiter sind also genötigt, den Preis um die Wette zu drücken. Bei jeder Art Arbeit muss es demnach dahin kommen und kommt es in der Tat dahin, dass der Lohn des Arbeiters sich auf das beschränkt, was ihm zu seiner Erhaltung unbedingt notwendig ist.

§ 7. Der Landmann ist der einzige, dessen Arbeit noch über den Arbeitslohn hinaus einen Ertrag abwirft. Er ist also die alleinige Quelle alles Reichtums

Die Lage des Landmanns ist eine ganz andere. Unabhängig von jedem anderen Menschen und von jedem Vertrag, bezahlt ihm die Erde unmittelbar den Preis seiner Arbeit. Die Natur handelt nicht mit ihm, um ihn zu zwingen, sich mit dem absolut Notwendigen zu begnügen. Was sie ihm gibt, steht in keinem Verhältnis zu seinen Bedürfnissen noch zu einer vertragsmäßigen Bewertung des Preises seiner Tagewerke: Es ist das natürliche Ergebnis der Fruchtbarkeit des Bodens und mehr der Richtigkeit als der Schwierigkeit der Mittel, die er angewendet hat, um ihn fruchtbar zu machen. Sobald nun die Arbeit des Landmanns mehr als das zur Deckung seiner Bedürfnisse Nötige hervorbringt, kann er mit diesem Überschuss, den ihm die Natur über den Lohn für seine Mühen hinaus als reines Geschenk gewährt, die Arbeit der anderen Glieder der Gesellschaft kaufen. Diese gewinnen, indem sie jene an ihn verkaufen, nur ihren Lebensunterhalt; aber der Landmann erwirbt außer seinem Unterhalt einen unabhängigen und verfügbaren Reichtum, den er nicht gekauft hat und den er verkauft. Er also ist die alleinige Quelle der Reichtümer, die durch ihren Kreislauf alle Arbeiten der Gesellschaft beleben, weil er der einzige ist, dessen Arbeit über den Arbeitslohn hinaus einen Ertrag liefert.

§ 8. Erste Teilung der Gesellschaft in zwei Klassen: eine produktive oder der Landwirte, eine besoldete oder der Gewerbsleute

So ist denn die ganze Gesellschaft mit einer auf die Natur der Dinge gegründeten Notwendigkeit in zwei Klassen geteilt. Alle beide arbeiten. Während aber die eine durch ihre Arbeit immer erneute Reichtümer hervorbringt oder vielmehr der Erde entzieht, Reichtümer, die der ganzen Gesellschaft den Unterhalt und die Mittel zur Befriedigung aller ihrer Bedürfnisse liefern, ist die andere damit beschäftigt, die gewonnenen Rohstoffe so zuzurichten und zu formen, dass sie für den menschlichen Gebrauch geeignet werden. Sie verkauft dabei ihre Arbeit an die erstere Klasse und empfängt im Austausch dafür die Mittel zu ihrem Unterhalt. Die erste kann man produktive Klasse, die zweite besoldete Klasse nennen.

§ 9. In den ersten Zeiten muss der Grundeigentümer vom Landwirt nicht verschieden gewesen sein

Bisher haben wir den Grundeigentümer vom Landmann noch nicht unterschieden, und ursprünglich waren sie es in der Tat auch nicht. Durch die Arbeit derjenigen, welche als die ersten die Felder bebaut und diese, um sich der Ernte zu versichern, ein gezäunt haben, hat alles Land auf gehört, Gemeingut aller zu sein, und das Grundeigentum ist entstanden. Bis jedoch die Gesellschaften gefestigt, und die öffentliche Gewalt, das Gesetz, der Macht des einzelnen überlegen geworden, jedem den ruhigen Besitz seines Eigentums gegen alle fremden Eingriffe zu sichern vermocht, konnte man das Eigentum an einem Feld nur in der Weise erhalten, wie man es erworben hatte, und indem man fortfuhr, es zu bebauen. Es würde nicht sicher gewesen sein, sein Feld von einem anderen bearbeiten zu lassen, der, nachdem er doch alle Mühe gehabt, nicht leicht verstanden haben würde, dass die ganze Ernte ihm nicht gehörte. Außerdem konnte in dieser ersten Zeit, wo jeder arbeitsame Mann soviel Boden fand, als er wollte, niemand sich bewogen finden, für andere zu arbeiten; jeder Eigentümer musste also sein Feld bearbeiten, oder es ganz aufgeben.

§ 10. Fortschritt der Gesellschaft; alles Land hat einen Herrn