Axel Cäsar Springer - Tilman Jens - ebook

Axel Cäsar Springer ebook

Tilman Jens

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Opis

"Enteignet Springer" war eine der zentralen Forderungen der 68er-Bewegung. Die Abneigung gegen Springer und die Springer-Presse eint 68er wie politische Linke bis heute, die alten Reflexe funktionieren noch immer. In der DDR war Springer einer der bestgehassten Protagonisten des Westens. Auf Springer-Seite wird hingegen gerne jede Kritik an Axel Cäsar Springer ausgeblendet. Entweder Verdammung oder Heiligsprechung. Tilman Jens porträtiert einen großen, aber auch zutiefst zerissenen Menschen. Vor allem aber interessiert Jens, welche Rolle das Feindbild Springer für die politische Identitätsbildung der 68er wie ihrer Gegner spielte. Ein Lehrstück darüber, wie Helden und Bösewichte gemacht werden, und über die deutsche Unfähigkeit, die Ambivalenz großer Persönlichkeiten zu akzeptieren.

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Tilman Jens

Axel Cäsar Springer

Ein deutsches Feindbild

Impressum

© Verlag Herder GmbH, Freiburg im Breisgau 2012Alle Rechte vorbehaltenwww.herder.deISBN (E-Book): 978-3-451-33923-3ISBN (Buch): 978-3-451-30542-9

Inhaltsübersicht

1. Ein verhagelter Geburtstag

2. Intermezzo in den Schweizer Bergen

3. Das Tribunal

4. Sechstausend wunderliche Zeitungsseiten

5. Bespitzelt Springer!

6. Ach, Katharina

7. Epilog im Himmel

Dank

Bibliografie

Bildnachweise

In Erinnerung an meine langjährige MitarbeiterinDanuta Montag-Hofmann (4.2.1948–2.1.2012)

1.Ein verhagelter Geburtstag

WEILTE ER UNTER uns – aber, Hand aufs Herz, tat er das je, er, der Angstbesessene, der sich mit Leibwächtern, Schlagbäumen, Mauern und schusssicheren Limousinen gegen den Rest der Welt abpanzerte?–, kurzum: wäre er noch im Kreise der Lebenden, dann hätte der Jubilar wenig Grund zur Freude gehabt an seinem hundertsten Wiegenfest. Gewiss, am 2.Mai 2012 wäre kein Geburtstag, sondern ein Staatsakt über die Bühne gegangen, eine Sonderbriefmarke für den Freiheitskämpfer inklusive. Eine Weihestunde, medial zum Jahrhundertereignis erhoben, streng abgeschirmt gegen das verbliebene Häuflein der Kritiker aus alten APO-Zeiten, die der Jubilar einst im wilden Rundumschlag als Kommunisten, Neo-Faschisten und Neo-Marxisten zu verunglimpfen beliebte. Die Grußworte: vom Feinsten, wenn auch ein wenig erwartbar. Die Kanzlerin lobpreist den schmal gewordenen Greis mit Fliege und Smoking als Träumer der Einheit, Henry Kissinger im Anschluss die prägende Gestalt des Wiederaufbaus und der anschließenden Phase der Konsolidierung, die im Sieg im Kalten Krieg, in der deutschen Wiedervereinigung und der Entstehung eines politisch geeinten Europas gipfelte.

Die aus aller Welt eingeflogenen, im Adlon nobel parkierten Gratulanten lassen, vom Champagner beflügelt, ihren Tränen freien Lauf, als zum Abschluss Simon Rattles Philharmoniker Beethovens Neunte intonieren. Wem der große Wurf gelungen, eines Freundes Freund zu sei… Unter Schillers verbrüdernder Ode geht es nicht an diesem Tag, an dem der mit englischen Hölzern vertäfelte Presse-Club, droben im 19.Stock des Springerhochhauses – dem einstigen Bollwerk gegen die rote Gefahr, heute nicht mehr am Todesstreifen, sondern an der Rudi-Dutschke-Straße gelegen – zu einem sentimentalen Blick auf die von der Mauer befreite Millionenstadt einlädt. Später Lebensherbst und süßer Frühling!

Und doch: Der hundert Jahre alte Axel Cäsar Springer – stellen wir ihn uns einige Momente unter den Lebenden vor – scheint trotz der rauschenden Sause in Melancholie verfallen. Wie ausschweifend hat er, der von sich, wie später Lothar Matthäus, gern in der dritten Person zu sprechen pflegte, zu besseren Zeiten gefeiert. Aber das Defilee der Huldigung erreicht ihn nicht mehr. Und das hat seine Gründe. Die vergangenen Monate haben an seinem Ego gezehrt, die tollen Tage seit Dezember 2011, als ausgerechnet die Mannen von BILD an vorderster Front der großen Wulff-Debatte standen, einen Schnäppchen jagenden Bundespräsidenten als solchen enttarnten, zielstrebig zum Rücktritt trieben – und dann auch noch erfolgreich den Nachfolger Gauck ausriefen, gegen den ausdrücklichen Wunsch der Kanzlerin.

Als die schnellen Jungs von BILD – nach einem rundum verpatzten Probelauf beim Versuch, den Plagiatsminister zu Guttenberg mit einer Großkampagne im Amt zu halten – über Wochen die Zeitläufte bestimmten, hat der Sieggewohnte auf einmal seine Grenzen gespürt. Ausgerechnet einer, der sein Enkel sein könnte, nicht einmal halb so alt wie er, 1964 im schwäbischen Ravensburg geboren, Kai Diekmann, der Gel-Affine mit der Designer-Brille, verwies den Alten unsanft auf die Plätze. Für ein paar Wochen zumindest hat der Chefredakteur und Herausgeber des auflagenstärksten Boulevardblatts Europas gezeigt, wer realiter der erste, der mächtigste Mann im Staat ist. Ein streitbar angriffslustiger Mitarbeiter des Hauses Springer! Eben solchem Format hat der hundertjährige Konzerngründer ein Leben lang hinterhergeträumt.

Kaum stillbar schien sein Hunger nach Bedeutung, das Verlangen, eines Tages in die Geschichtsbücher einzugehen, nicht als millionenschwerer Medienhändler, nicht als Lebemann und Ehebrecher, fünfmal verheiratet, nicht als bunt-schillernder Kaufmann, als Koofmich, wie man abschätzig in seiner Berliner Wahlheimat sagt, sondern als Staatsmann, den die Geschichte umweht, der wie Adenauer, Brandt oder Kohl der Nachwelt ein politisches Erbe hinterließ. Doch im Grunde ist er, so sehr er strampelte, und so rauschend sie ihn nun feiern, eine Reizfigur zwischen den Fronten geblieben. Heldendarsteller und Buhmann zugleich, in seinem Einfluss gleichermaßen überschätzt von Freunden und Feinden, sei es als volksverhetzender Schreibtischtäter, sei es als Heilsbringer fürs Vaterland. Alles eine Nummer zu groß!

Der Mann schien stets rastlos getrieben von der Suche nach der eigenen sinnstiftenden Mission: als eherner Frontsoldat gegen den Kommunismus, den er überall wähnte, als Botschafter der Versöhnung mit Israel, als Fanatiker der deutschen Einheit. Einiges nicht ganz falsch, vieles unfreiwillig komisch, tölpelhaft. Der Spottname Brandenburger Tor blieb kleben. Einen christlichen Monopolisten deutscher Nation hat ein kluger und verehrter Gegner des Hauses Springer – er ist mein Vater – den preußischen Protestanten aus Altona genannt, der noch unterm Tannenbaum nicht davon lassen konnte, den Kalten Krieg zu besingen. Am Geburtstage des Erlösers, appelliert er 1973 an die Leser der »Welt am Sonntag«, sollte es uns nicht schwerfallen, den Stern von Bethlehem vom Sowjetstern zu unterscheiden.

Das Elend begann im Januar 1958.Die Hausastrologin des streng sternengläubigen Verlegers hatte einen glücklichen Wintermonat prophezeit. Jupiter stand günstig. Also fliegt er mit einer gecharterten Superstar Constellation ins eisige Russland, lässt sich mit Pelzmütze auf dem Roten Platz fotografieren, macht mit Frau Rosemarie Sightseeing, besucht den Einkaufstempel GUM, Tolstois Wohnhaus, sogar das Grab der Frauenrechtlerin Clara Zetkin – und wartet ansonsten mehr als zwei Wochen im Moskauer Hotel National, um endlich in den Kreml vorgelassen zu werden und Nikita Chruschtschow, immerhin Führer einer Weltmacht, von einem selbstgebastelten Wiedervereinigungsplan in fünf Phasen zu überzeugen. Er fühlt sich zu Großem, zur Rettung seiner Nation berufen. Meine Legitimation, meine Beglaubigung war das deutsche Anliegen.

Da schien es ratsam, zuvor ein wenig Kreide zu fressen. Sie wissen, heißt es in einer antichambrierenden Note an den Leiter der 3.Europäischen Abteilung im sowjetischen Außenministerium, daß ich als Besitzer des größten Presseunternehmens in Westdeutschland einen Teil der unabhängigen öffentlichen Meinung repräsentiere. Und die kenne, wie auch er, kein Reich des Bösen, die schaue versöhnungsbereit gen Osten. Es wird Ihnen nicht entgangen sein, hat Springer im Januar 1958 geschrieben, daß die Organe meines Hauses, insbesondere Die Welt, BILD und das Hamburger Abendblatt, seit Jahren eine politische Richtung vertreten, die einen Ausgleich und eine Verständigung mit der Regierung der UdSSR und eine Freundschaft zwischen unseren beiden Völkern anstrebt. Lauter offene Arme! Allein, in seinen Blättern, die sich als Speerspitze des Antikommunismus begriffen, las man’s zumeist anders, auch wenn die Springer-Leute in den vergangenen Monaten ein wenig auf Distanz zur Adenauer-Regierung und deren Aufrüstungsplänen gegangen waren.

Springer und Frau Rosemarie auf dem Roten Platz in Moskau im Januar 1958

Ob sich einer der Geburtstagsgäste noch an die voluminös gefahrene Kampagne Ende Dezember 1957 erinnert hätte: Atombewaffnung? BILD-Leser sagen NEIN! Die gern als kurzfristige Linkswendung Springers gedeutete Aktion dürfte damals auch den Agenten des KGB kaum entgangen sein. Aber war da tatsächlich einer vom Saulus zum Paulus geworden? Oder entsprang die Wandlung des kalten Kriegers zum bekennenden Friedensfreund nicht vornehmlich unternehmerischem Kalkül? Den mächtigen Chruschtschow gnädig stimmen für die Unternehmung des deutschen Zeitungszaren? Gar so selbstlos, wie behauptet, war die Mission Moskau jedenfalls nicht. Erst werden wir die Wiedervereinigung machen, hat Springer 1957, wenige Tage vor seinem Aufbruch nach Moskau auf der Weihnachtsfeier der »Welt«-Mitarbeiter erklärt, dann werden wir nach Berlin ziehen und mit der »Welt« eine Zeitung machen, wie es sie in Deutschland noch nicht gegeben hat. Und mit dieser Zeitung werden wir ein deutsches Volk machen, wie es das auch noch nicht gegeben hat. Das könnte man durchaus auch als Drohung begreifen.

Über all das wird in den Elogen zum Hundertsten kein Wort mehr verloren. Der in den Jahren nach 1989 zum visionären Vorkämpfer des Mauerfalls Verklärte aber dürfte, wenn er denn noch lebte, kaum vergessen haben, wie böse und leider auch wie wahr sein nicht eben in Bewunderung erstarrender Biograf Michael Jürgs den Russland-Feldzug des sendungsbewussten Verlegers charakterisierte: Als gottgesandter Anwalt der Armen, der armen Ostdeutschen nämlich, und als ein Mann, der wie Franz von Assisi von der Vorsehung dazu bestimmt ist, die träge Welt aufzurütteln, will er aus Moskau mit der Zusage auf Wiedervereinigung zurückkehren. Er war sich seiner Sache ganz sicher. Mehr als eineinhalb Jahren brauche es nicht. Alles ganz einfach. Aber des wohlwollenden Beistands der Sowjetunion als große, vermittelnde Weltmacht bedürfe es schon. Ob man sich nicht einigen könne? Um seine guten Absichten zu untermauern, leugnet er nicht einmal die sozialen Tatbestände in der DDR.

Es ist kaum fassbar, Springer schreibt ohne Gänsefüßchen! Er spricht von Tatbeständen, was de facto einer Anerkennung gleichkommt, obwohl er den SED-Staat doch eigentlich als ein System der Sklaverei begriff, das sich vom Nationalsozialismus nur durch Namen und Couleur unterscheidet. In seinen Blättern, selbst in den gemäßigten wie dem Hamburger Abendblatt, liest man nur von »Pankow« oder eben von der Sowjetzone. Springer aber spricht in seinem knappen Fünf-Punkte-Papier artig von der Regierung der DDR. Just dies ihm so verhasste Phänomen will er nun mit dem in der Bundesrepublik gültigen Wirtschafts-, Sozial- und Schulsystem zusammenzuführen. Und das höchst konkret: Von Pirna bis nach Pirmasens wird künftig nur noch in harter Währung, also in D-Mark bezahlt. Da dies nicht einfach sei, gelte es für einen reibungslosen Ablauf der Aktion Einheit, sich der Kirche, des Rundfunks und – so der selbstlose Vorschlag des Mannes, der schon Ende der Fünfziger das Gros der Berliner Zeitungen kontrollierte – der tätigen Mithilfe der Presse zu vergewissern.

Das Ende der ziemlich blauäugigen Aktion, die selbst in den ihm sonst so gewogenen Bonner Regierungskreisen für Hohn und Spott sorgte, ist hinreichend bekannt. Ja, Chruschtschow hat den gesamtdeutschen Drängler und seinen politischen Mentor Hans Zehrer, den Chefredakteur der »Welt«, nach langem Hinhalten empfangen, wenn auch nicht, wie von Springer erhofft, ehrenvoll im Kreml, sondern, weit profaner, im Präsidium des Zentralkomitees der KPdSU.Vor allem aber nicht von gleich zu gleich, sondern als Skribenten aus dem Lager des Klassenfeindes, denen der oberste Genosse der Sowjetrepubliken – in einer nach Wochen der Bittstellung gewährten Audienz – zuvor schriftlich eingereichte Fragen beantwortete – und eine Abfuhr par excellence in die Feder diktierte.

Ich möchte Sie, meine Herren, bitten, den westdeutschen Zeitungslesern auszurichten – und dann durfte der ob seiner Temperamentsausbrüche berüchtigte Kahlkopf ohne nennenswerte Unterbrechung Propaganda verbreiten: dass die DDR ein souveräner Staat sei – und, nebenbei gesagt, der bessere der beiden deutschen… in der Bundesrepublik ist im Gegensatz zur Deutschen Demokratischen Republik die Wehrpflicht wieder eingeführt. Dass diese aber, seit einer Änderung der DDR-Verfassung 1955, auch dort in Vorbereitung war, schien den Gästen am Tische Chruschtschows entfallen. Wäre ja zumindest einen kleinen Einwurf wert gewesen.

So aber nahm der langatmige Sermon seinen Lauf. Ja, der Wunsch nach Wiedervereinigung werde im friedliebenden Kreml durchaus ernst genommen. Wir, die russischen Kommunisten und Marxisten-Leninisten, haben immer das Recht der Nationen auf Selbstbestimmung und die Bildung selbstständiger nationaler Staaten verteidigt. Folglich aber könne auch die deutsche Einheit von den beiden souveränen Staaten, von Bonn und Berlin, verhandelt werden, was natürlich die für Springer nie und nimmer vorstellbare völkerrechtliche Anerkennung der DDR vorausgesetzt hätte. Zum Schluss durfte der Mann aus Moskau, zu den zwei Weltenbummler gewandt, auch noch die Einstellung einer übelwollenden Propaganda fordern. Die Stichwortgeber aus Deutschland bedankten sich artig: Entschuldigen Sie, daß wir Ihnen so viel Zeit genommen haben. Die »Welt« musste das Ganze drucken. Springers Mission fürs Vaterland endete in der Bleiwüste.

Nein, das war nicht einmal ein Gedankenaustausch, das war ein Rapport. Eine Demütigung, wie sie für den Welten-Retter grausamer kaum hätte sein können. Er hat sich vor aller Welt vorführen lassen. Hans-Peter Schwarz, der Historiker und Springer-Biograf, nicht ohne Sympathie für das Objekt seiner Forschung, brandmarkt den Ausflug nach Moskau mit nur einem vernichtenden Wort: unprofessionell sei das Ganze gewesen. Seinen Lobrednern ins Stammbuch geschrieben: Nicht jeder, der aus Sorge um Deutschland von der nationalen Einheit träumte, den Iwan zum Teufel wünschte und Berlin irgendwie hauptstadttauglicher fand als die Beethovenstadt Bonn, ist darum gleich ein Dickbrettbohrer, ein schwergewichtiger Vordenker konkreter Utopie.

Ein Resümee zum Hundertsten sollte, ohne die unternehmerische Leistung des Jubilars zu schmälern, tunlichst nicht verschweigen: so erfolgreich und stets Neuland gewinnend er als Begründer eines Zeitungsimperiums war, so seismografisch genau – und profitabel! – er die Sehnsüchte und Ressentiments des Käufers am Kiosk erfasste, so lautstark und unversöhnlich er seinem Leiden an der deutschen Teilung Luft machte (und sich bisweilen vehement für verfolgte DDR-Dissidenten einsetzte), so virtuos er sich auf die Kunst des Strippenziehens verstand, lange Reden hielt, sorgenvoll und wortreich mit Päpsten, Präsidenten und Kanzlern korrespondierte: Axel Springers Versuche, dem eigenen Schatten zu entkommen und als politisch wegweisende Lichtgestalt, als die er sich sah, in Erscheinung zu treten, endeten zumeist im Desaster.

Mitte der Siebzigerjahre hat er noch einmal einen Anlauf genommen. Als Spiritus Rector und spendabler Finanzier einer Patrioten-Partei, die sich rechts von der CDU positioniert hatte. Rund eine Million D-Mark hat Springer in den »Bund Freies Deutschland«, kurz BFD, investiert. Das Logo der vom ZDF-Ultra Gerhard Löwenthal, des Verlegers Kampfkolumnisten Matthias Walden, aber auch von Franz Josef Strauß unterstützten Bewegung hatte die drei Initialen zu Säulen des Brandenburger Tores geformt. Das war sichtbares Programm: Das Portal am Pariser Platz gehört uns! Widerstand also gegen die von Brandt begonnene, von Helmut Schmidt fortgeführte Entspannungspolitik. Gegen die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze. Gegen die Bölls und Niemöllers, kurzum: gegen alles, was rot schien, in Westberlin, in der ganzen Republik.

In einem von Springer und seinem Hofchronisten Matthias Walden maßgeblich mitverfassten Programm, schwarz-rot-gold-umrandet, dem »Berliner Manifest«, waren die Ziele abgesteckt, die dem Selbstverständnis von BILD und BZ frappierend glichen, einer bisher schweigenden Mehrheit Gehör zu verschaffen. Also werden die Verstärker kräftig aufgedreht. Die Verträge von Warschau und Moskau: Machwerke der sogenannten »Neuen Ostpolitik«, die nicht einmal vor der umfassenden Anerkennung der Unrechtsbestände deutscher Teilung zurückschreckt und so die permanente Bedrohung der Existenz Berlins unheilvoll verschärft. Die Sozis sind böse, der Iwan war es schon immer, und das Vaterland, das ist ein Gomorrha, von zügellosem und sittlichem Verfall ebenso bedroht wie von sozialistischer Gleichmacherei, die vor dem Recht auf Eigentum nicht Halt macht. Aber, so lesen wir in dem zwanzig Thesen umfassenden Bürger-Appell, eine Verteilung der Unternehmer-Gewinne nach den Regeln einer mißverstandenen Gerechtigkeit würde für jeden Einzelnen nur einen kaum nennenswerten Betrag erbringen. Wozu also Springer enteignen?

Einmal hat sich der BFD gar einem Plebiszit gestellt. 1975 bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus. Auch wenn sich Springer selbst im Wahlkampf demonstrativ zurückhielt, haben BILD, BZ und die »Berliner Morgenpost« kaum überhörbar für die Bewegung des ihren getrommelt. Aber es half nichts: Die Partei der schweigenden Mehrheit erzielte gerade 3,4Prozent und verfehlte mit Aplomb den Einzug ins Schöneberger Rathaus. Ihre knapp 47.000Stimmen freilich trugen entscheidend dazu bei, dass nicht der CDU-Kandidat, der eben aus RAF-Gefangenschaft freigepresste Peter Lorenz, sondern Amtsinhaber Klaus Schütz zum Regierenden Bürgermeister gewählt wurde. Danach sind die Rechtsausleger niemals wieder angetreten. Die »Springer-Partei«, wie sie flapsig hieß, ging den Gang alles Irdischen und löste sich auf.

Zum Politiker von Format hat es schlicht nicht gereicht. Das erkannte der kluge und mitunter sarkastische Kurt Biedenkopf schon 1974, als der Großverleger sein Engagement für den BFD öffentlich machte. Es ist wieder einmal Herr Springer, der alles kaputtmacht. Wir müssen uns von Springer und der Politik seiner Blätter distanzieren. Der Mann ist schädlich. Man staune: Der CDU-Generalsekretär, ein Verfechter der freien Wirtschaft, und die deutsche Linke, schienen, sobald es um das Feindbild Springer ging, in bemerkenswerter Eintracht vereint. »Der Mann ist schädlich«? Die APO-Studenten haben Ähnliches in Reimform skandiert: »Haut dem Springer auf die Finger!« Oder, ein wenig deutlicher noch: »Springer-Presse, halt die Fresse!«

Er war gehasst und gefürchtet, sah sich angesichts seiner geballten Medienmacht zum überdimensionierten Popanz, zur leibhaftigen Gefahr für das demokratische Gemeinwesen aufgeblasen… und manchmal wurde der reiche, widersprüchliche Mann mit der hohen Baritonstimme ob seines holzschnittartig-schlichten Weltbilds auch einfach nur belächelt. Geachtet aber wie seine gewiss auch streitbaren Kollegen Augstein, Bucerius oder Nannen, war Axel Cäsar Springer nie. Seine gern blumig gehaltenen Auftritte im Namen der Freiheit, ob nun als Unterhändler in Moskau oder als Parteifinanzier in Berlin, ob als vehementer Opponent der Ostverträge, die er, bevorzugt bei Auftritten vor den Vertriebenenverbänden, mit dem Ausverkauf Deutschlands gleichzusetzen pflegte, oder als meinungsmächtiger Kontrahent der 68er: sie alle liefen letztlich ins Leere. Willy Brandts Politik der Entspannung hat sich als ein wegweisender Meilenstein in Richtung Einheit erwiesen. Und der emanzipatorische Geist der APO ist längst in der bürgerlichen Gesellschaft angekommen, und das nicht erst, seit im katholischen Bayern ein Familienvater mit einer außerehelich gezeugten Tochter die Geschicke des Freistaats bestimmt.

Letztlich hat Springer keine einzige der von ihm mit viel Sendungsbewusstsein angezettelten Kampagnen erfolgreich zu Ende gebracht. Eben dies unterscheidet ihn – das tut weh, wenn am Hundertsten ultimativ Lebensbilanz gemacht wird – vom gern mit intellektuellem Hochmut (gelegentlich gepaart mit klammheimlicher Bewunderung) gescholtenen Kai Diekmann. Der Bewunderer des Poptitans und des Pontifex hat in der Causa Wulff mit einem dreisten Bubenstück gezeigt, wie man als Protagonist des Boulevards die politische Landschaft der Republik verändert. Mit präziser, schmuckloser Recherche – und mit reichlich Mut zur Provokation. Zunächst die Dokumentation eines dubiosen Privatkredits, einer ziemlich dreisten Dehnung der Wahrheit vor dem Landtag in Hannover. Dann, über die Festtage, eine kurze, gnädige Pause. Dann der Paukenschlag, die diabolisch- geschickt über zwei gänzlich seriöse Blätter – die »Süddeutsche« und die »Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung« – gestreute Meldung, der erste Mann im Staat, vordem, als niedersächsischer Ministerpräsident, vom Springer-Boulevard mit immer neuen Homestories hofiert, habe zornentbrannt gegen die geplante Berichterstattung von BILD interveniert – auf der Mailbox des Chefredakteurs. Wo denn auch sonst?

Nein, der weiland wirkende Bundespräsident ruft nicht den Presserat an, er, der erste Mann unseres Staats, sucht, wenn auch vergeblich, den direkten Draht zu Diekmann, den er – vermutlich nicht zu Unrecht – für einflussreicher hält als sich selbst. Quälend lang schleift der den ertappten Sünder nun am Nasenring über die Politbühne Berlins. Er habe doch gewiss nichts dagegen, wenn BILD – im Sinne der Aufklärung, versteht sich – den Wortlaut der Wulffschen Zornessuada veröffentliche. Der prompte Einspruch kam nicht eben überraschend, was die Chefredaktion selbstverständlich respektiert