Aurelia - Gérard de Nerval - ebook

Aurelia ebook

Gérard De Nerval

0,0

Opis

Das Kultbuch der Surrealisten: In Trauer um seine verlorene Geliebte Aure­lia wandelt der Erzähler zwischen Traum und Wirklichkeit. Auf seiner rastlosen Suche nach Erlösung driftet er immer tiefer in eine fantastische, oft alptraumhafte Zwischenwelt ab. Er begegnet Geistern, Ungeheuern und Fabelwesen, sieht Hinweise auf seinen baldigen Tod und droht allmählich dem Wahnsinn anheimzufallen. Meisterhaft changieren in Gérard de Nervals letztem Buch Normalität und Wahnsinn, Wahrheit und Fiktion.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 114

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



BIBLIOTHEK DER NACHT

Band 3

In Zusammenarbeit mit

Michael Achenbach, Johanna Braun, Hannah Bruckmüller, Sophie Esterer, Günther Friesinger, Thomas Fröhlich, Jack Hauser, Günter Krenn, Sarah Legler, Lisa Leitenmüller, Johanna Lenhart, Michael Niemetz, Jorghi Poll, Martin Poltrum, Sophie Reyer, Raffaela Rogy, Chris Saupper, Matthias Schmidt, Esther Strauß, Barbara Zwiefelhofer

herausgegeben von

Thomas Ballhausen

Gérard de Nerval

Aurelia

oder Der Traum und das Leben

Roman

aus dem Französischen von Ernst W. Junker, bearbeitet & mit einem Nachwort von Thomas Ballhausen

Inhalt

Erster Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

Kapitel VII

Kapitel VIII

Kapitel IX

Kapitel X

Zweiter Teil

Kapitel I

Kapitel II

Kapitel III

Kapitel IV

Kapitel V

Kapitel VI

MEMORABILIEN

ANMERKUNGEN

AUS DER WELT DER EINBILDUNGEN

BIBLIOTHEK DER NACHT

Phantastische Literatur aus Europa

Erster Teil

I

Der Traum ist ein zweites Leben. Jene Pforten aus Elfenbein oder Horn, die uns von der unsichtbaren Welt trennen, habe ich nicht ohne Schaudern durchqueren können. Die ersten Augenblicke des Schlafs sind ein Bild des Todes. Lähmende Starre befällt unser Denken, und wir können den Augenblick nicht genau erfassen, in welchem das Ich in anderer Gestalt das Werk der Existenz fortsetzt. Ein schemenhaftes Gewölbe erhellt sich allmählich, und aus Nacht und Schatten lösen sich die bleichen, schwerfällig unbeweglichen Gestalten, die in der Vorhölle wohnen. Dann gestaltet sich das Bild, eine neue Klarheit erhellt und läßt die sonderbaren Erscheinungen sich regen. – Die Welt der Geister tut sich uns auf.

Swedenborg nannte diese Visionen »Memorabilia«; er verdankte sie öfter der Träumerei als dem Schlaf. »Der goldene Esel« des Apulejus, die »Göttliche Komödie« Dantes sind die dichterischen Musterfälle dieser Studien der menschlichen Seele. Ich will ihrem Beispiel folgen und die Eindrücke einer langen Krankheit wiedergeben, die sich völlig im Geheimnisbereich meines Geistes abspielte. Dabei weiß ich nicht, warum ich mich des Ausdrucks Krankheit bediene, denn niemals habe ich mich – soweit es mich selbst betrifft – wohler gefühlt. Zuweilen schien mir meine Kraft und Regsamkeit verdoppelt. Ich meinte alles zu wissen, alles zu begreifen; die Einbildungskraft bereitete mir unendliche Entzückungen. Sollte man bedauern müssen, sie verloren zu haben, sobald man wiedergewinnt, was die Menschen den Verstand nennen?

Jene »Vita Nuova« hatte für mich zwei Phasen. Folgende Aufzeichnungen beziehen sich auf die erste. – Eine Dame, die ich lange geliebt hatte und der ich den Namen Aurelia geben will, war für mich verloren. Wenig kommt es dabei auf die Umstände dieses Ereignisses an, das einen so großen Einfluß auf mein Leben haben sollte. Jedermann kann in seinen Erinnerungen die herzzerreißendste Erschütterung aufspüren, den furchtbarsten Schicksalsschlag, der seine Seele getroffen hat. Dann muß man sich für Tod oder Leben entscheiden. Ich werde später berichten, warum ich nicht den Tod gewählt habe. Von der, die ich liebte, verdammt, eines Fehlers schuldig, für den ich keine Verzeihung mehr erwartete, blieb mir nichts übrig, als mich den gewöhnlichen Betäubungen hinzugeben. Ich trug Freude und Sorglosigkeit zur Schau, ich reiste durch die Welt, auf Abwechslung und Liebeleien versessen. Insbesondere liebte ich die Trachten und merkwürdigen Sitten entfernter Völker. Es kam mir so vor, als ob ich auf diese Weise die Voraussetzungen des Guten und Bösen verschob: sozusagen die Grenzmarken dessen, was für uns Franzosen Gefühl ist. »Was für ein Unsinn«, sagte ich mir, »derartig in platonischer Liebe eine Frau zu lieben, die einen nicht mehr liebt. Schuld daran ist meine Lektüre. Ich habe die Erfindungen der Dichter ernst genommen und habe mir eine Laura oder Beatrice aus einer gewöhnlichen Erscheinung unseres Jahrhunderts zurechtgemacht … Wir wollen uns in andere Liebeshändel begeben, und der hier wird schnell vergessen sein.« Der Taumel eines fröhlichen Karnevals in einer Stadt Italiens verjagte all meine trüben Gedanken. Ich war so glücklich über die Erleichterung, die ich empfand, daß ich all meinen Freunden meine Freude mitteilte, und in meinen Briefen gab ich ihnen als einen beständigen Gemütszustand aus, was nur eine fieberhaft übersteigerte Erregung war.

Eines Tages traf in der Stadt eine hochberühmte Frau ein, die Zuneigung zu mir faßte, und da sie gewohnt war, zu gefallen und zu blenden, zog sie mich mühelos in den Kreis ihrer Bewunderer. Nach einer Abendgesellschaft, in der sie zugleich natürlich und so reizvoll gewesen war, daß alle dem Zauber erlagen, fühlte ich mich derartig in sie verliebt, daß ich keinen Augenblick zögern wollte, ihr zu schreiben. Derartig glücklich war ich, mein Herz einer neuen Liebe fähig zu fühlen … In dieser eingebildeten Begeisterung wählte ich die gleichen Wendungen, die mir noch vor kurzer Zeit gedient hatten, eine echte und lang bewährte Liebe zu schildern. Als der Brief abgegangen war, hätte ich ihn gern zurückgenommen, und ich suchte die Einsamkeit auf, um über das zu grübeln, was mir als Entweihung meiner Erinnerungen vorkam.

Der Abend verlieh meiner neuen Liebe wieder den ganzen Zauber vom Tage vorher. Die Dame erwies sich empfänglich für das, was ich ihr geschrieben hatte, wenn sie auch einiges Erstaunen über meine plötzliche Leidenschaft äußerte. In einem einzigen Tage hatte ich mehrere Stufen der Gefühle übersprungen, die man mit dem Anschein der Aufrichtigkeit für eine Frau empfinden kann. Sie gestand mir, daß ich sie in Erstaunen setzte und zugleich stolz machte. Ich versuchte, sie zu überzeugen; aber was ich ihr auch sagen mochte, ich konnte in unseren Unterhaltungen den Grundton meines Briefes nicht mehr wiederfinden, so daß mir schließlich nichts übrigblieb, als ihr unter Tränen zu gestehen, daß ich mich selber getäuscht und sie hintergangen hätte. Meine rührenden Geständnisse übten jedoch einigen Reiz aus, und eine in ihrer Zartheit stärkere Freundschaft folgte auf leere Beteuerungen der Zuneigung.

II

Später traf ich sie in einer anderen Stadt zugleich mit der Dame, die ich immer noch hoffnungslos liebte. Ein Zufall hatte sie miteinander bekannt gemacht, und die erstere hatte wohl Gelegenheit, die für mich einzunehmen, die mich aus ihrem Herzen verbannt hatte. So sah ich sie denn eines Tages, als ich mich in einer Gesellschaft befand, zu der auch sie gehörte, auf mich zukommen und mir die Hand reichen. Wie war dieser Schritt zu deuten, wie auch der tiefe und traurige Blick, der ihren Gruß begleitete? Ich glaubte, darin Verzeihung für das Vergangene zu erblicken. Ein Tonfall göttlichen Mitleids verlieh den einfachen Worten, die sie an mich richtete, einen unbeschreiblichen Wert, als ob etwas Religiöses sich in die Süße einer bis dahin weltlichen Liebe mischte und ihr den Charakter der Ewigkeit verliehe.

Dringende Geschäfte zwangen mich, nach Paris zurückzukehren, aber ich beschloß sofort, dort nur ein paar Tage zu bleiben und zu meinen beiden Freundinnen zurückzukehren. Die Freude und Ungeduld versetzten mich in eine Art Taumel, den die Sorge um die Geschäfte, die ich abzuwickeln hatte, noch verstärkte. Eines Abends stieg ich gegen Mitternacht zu dem Vorort hinauf, in dem sich meine Wohnung befand, als ich zufällig den Blick hob und das Nummernschild eines Hauses bemerkte, das von einer Laterne beleuchtet war. Die Nummer entsprach der Zahl meiner Jahre. Als ich den Blick wieder senkte, sah ich vor mir eine bleiche Frau mit hohlen Augen, die mir die Züge Aureliens zu haben schien. Ich sagte mir: »Ihr Tod oder mein eigener wird mir so angekündigt.« Aber irgendwie versteifte ich mich auf die letztere Annahme und verbohrte mich in den Gedanken, daß das Ereignis am nächsten Tage zur gleichen Zeit eintreten würde.

In dieser Nacht hatte ich einen Traum, der mich in meiner Meinung bestärkte. – Ich irrte durch ein weitläufiges Gebäude mit mehreren Sälen, von denen einige zum Studium, andere zur Unterhaltung und philosophischen Erörterung bestimmt waren. Ich verweilte interessiert in einem der ersteren, in welchem ich meine alten Lehrer und Mitschüler zu erkennen glaubte. Der Unterricht über die griechischen und lateinischen Schriftsteller ging in jenem eintönigen Gemurmel weiter, das wie ein Gebet an die Göttin Mnemosyne ist. – Ich begab mich dann in einen anderen Saal, in dem philosophische Vorträge gehalten wurden. Ich hörte einige Zeit zu und ging dann hinaus, um in einer Art Herberge mit riesigen Treppen voller eiliger Reisender mein Zimmer zu suchen.

Wiederholt verlor ich mich in langen Fluren, und als ich eine der zentralen Hallen durchschritt, wurde ich von einem sonderbaren Schauspiel überrascht. Ein Wesen von maßloser Größe – ich weiß nicht ob Mann oder Weib – flatterte mühsam über dem Raum und schien in den dichten Wolken um Halt zu kämpfen. Kraftlos und außer Atem stürzte es schließlich mitten in den dunklen Hof, wobei seine Flügel an den Dächern und Galerien Halt suchten und vorüberstreiften. Ich konnte es einen Augenblick lang betrachten. Es war purpurfarbig, und seine Flügel schillerten von tausend Reflexen. Mit seinem langen Gewand in antiker Fältelung glich es dem Engel der Melancholie von Albrecht Dürer. – Ich konnte nicht umhin, Entsetzensschreie auszustoßen und erwachte jählings darüber.

Am nächsten Tage beeilte ich mich, alle meine Freunde aufzusuchen. Im Geiste nahm ich von ihnen Abschied, und ohne ihnen zu verraten, was mich innerlich beschäftigte, plauderte ich eifrig über Themen der Mystik. Ich setzte sie durch besondere Beredsamkeit in Erstaunen; es kam mir vor, als ob ich alles wisse und als ob die Geheimnisse der Welt sich mir in diesen letzten Stunden enthüllten.

Am Abend, als die Schicksalsstunde zu nahen schien, erörterte ich mit zwei Freunden an einem Klubtisch Fragen der Malerei und Musik und erläuterte meine Ansicht über die Entstehung der Farben und den Sinn der Zahlen. Einer von ihnen, namens Paul***, wollte mich heimbegleiten, aber ich sagte ihm, ich ginge nicht nach Hause. »Wohin gehst du denn?« fragte er. »Gen Osten!« Und während er neben mir ging, versuchte ich, am Himmel einen Stern zu finden, den ich zu kennen glaubt; als wenn er auf mein Schicksal Einfluß hätte. Nachdem ich ihn entdeckt hatte, setzte ich meinen Weg so fort, daß ich den Straßen folgte, in deren Richtung er sichtbar war. So schritt ich sozusagen meinem Schicksal entgegen, wobei ich den Stern bis zu dem Augenblick gewahren wollte, in dem der Tod mich treffen würde. Als ich jedoch zur Kreuzung dreier Straßen gelangt war, wollte ich nicht weitergehen. Es kam mir so vor, als ob mein Freund mich mit übermenschlicher Anstrengung fortdrängen wolle. Er wuchs vor meinen Augen und nahm die Züge eines Apostels an. Ich hatte den Eindruck, als ob sich die Örtlichkeit, an der wir standen, emporhöbe und die Formen der städtischen Umgebung verlöre. Auf einem Hügel, den weithin Ödland umschloß, wurde der Vorgang zum Kampf zweier Geister wie in einer biblischen Versuchung. »Nein«, sagte ich, »ich gehöre nicht deinem Himmel. Auf jenem Stern sind die, die mich erwarten. Sie waren vor der Offenbarung da, die du gebracht hast. Laß mich dorthin, denn die, welche ich liebe, gehört zu ihnen, und dort müssen wir uns wiederfinden.«

III

Hier hat für mich das begonnen, was ich das Hineinwachsen des Traumes in das wirkliche Leben nennen möchte. Von diesem Augenblick an gewann alles manchmal zwei Seiten, wobei jedoch die Urteilskraft niemals der Logik entbehrte und dem Gedächtnis auch nicht die kleinsten Einzelheiten dessen entfielen, was mir begegnete. Allerdings hing mein anscheinend sinnloses Verhalten von dem ab, was man nach menschlicher Vernunft Illusion nennt …

Sehr oft bin ich zu der Überzeugung gekommen, daß in gewissen schwierigen Augenblicken des Lebens ein bestimmtes Geisterwesen der äußeren Welt sich plötzlich in der Gestalt einer gewöhnlichen Person verkörperte und auf uns einwirkte oder einzuwirken versuchte, ohne daß jener Person das zu Bewußtsein kam oder in ihr Gedächtnis einging.

Mein Freund hatte mich verlassen, da er das Unnütze seiner Bemühungen einsah und mich wohl von einer fixen Idee besessen glaubte, die sich beim Weitergehen verflüchtigen würde. Als ich mich allein fand, stand ich mit Mühe auf und wanderte in der Richtung auf den Stern weiter, den ich nicht aus den Augen ließ. Unterwegs sang ich eine geheimnisvolle Hymne, derer ich mich zu erinnern glaubte, als wenn ich sie in einem anderen Leben gehört hätte, und die mich mit unaussprechlicher Freude erfüllte. Dabei legte ich meine irdischen Kleider ab und verstreute sie um mich. Die Straße schien weiter anzusteigen und der Stern größer zu werden. Dann verharrte ich mit ausgebreiteten Armen und wartete auf den Augenblick, da die Seele magnetisch in den Umkreis des Sterns gezogen, sich vom Körper lösen würde. Dabei fühlte ich einen Schauder; Bedauern überkam mich wegen der Erde und derer, die ich auf ihr liebte, und in mir selbst beschwor ich den Geist, der mich an sich zog, so heftig, daß ich meinte, wieder zu den Menschen herabzusteigen. Eine nächtliche Streife umringte mich. Dabei hatte ich die Vorstellung, sehr groß geworden zu sein und daß ich, von elektrischen Kräften ganz überronnen, alles umwerfen würde, was sich mir entgegenstellte. Es lag einige Komik in der Rücksicht, mit der ich die Kräfte und das Leben der Soldaten schonen wollte, die mich aufgegriffen hatten.

Wenn ich nicht der Ansicht wäre, daß die Aufgabe eines Schriftstellers darin besteht, rückhaltlos zu analysieren, was er in schwierigen Lebenslagen empfindet, und wenn ich keine Absicht verfolgte, die ich für nützlich erachte, würde ich hier einhalten und nicht versuchen zu schildern, was ich danach in einer Reihe von vielleicht sinnlosen oder gemeinhin krankhaften Visionen erfuhr … Auf ein Feldbett hingestreckt, glaubte ich zu sehen, wie der Himmel sich in tausend Bildern unerhörter Pracht auftat und offenbarte. Das Geschick der befreiten Seele schien sich mir zu enthüllen, wie um mich bereuen zu lassen, daß ich mit aller Kraft meines Geistes