Zuflucht Erde - Conrad Shepherd - ebook

Zuflucht Erde ebook

Conrad Shepherd

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Opis

SF-Abenteuer von Conrad Shepherd Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten. Dr. James Dundee ist ein herausragender Wissenschaftler am Institut für Quantenlehre, das sich mit einem streng geheimen Regierungsprojekt befasst: dem Sternenmotor. Nachdem er eines Abends eine Bar verlässt, erwacht er vier Stunden später in seinem Hotelzimmer und erinnert sich nicht, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Kurz darauf wird eine Kollegin, seine frühere Geliebte, Christiane Harland, tot aufgefunden – und man hält ihn für den Mörder. Mehr noch, der Secret Intelligent Service unterstellt ihm, ein Spion zu sein, der – genau wie die Harland – für die Gegenseite arbeite. Dundee schweigt zu den Anschuldigen, zumal er immer noch keine Erklärung hat, was in den Stunden während seiner Amnesie mit ihm passierte und warum ihn seitdem so schreckliche Träume heimsuchen ...

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Liczba stron: 123

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Conrad Shepherd

Zuflucht Erde

Cassiopeiapress Science Fiction Abenteuer

BookRix GmbH & Co. KG80331 München

Zuflucht Erde

SF-Abenteuer von CONRAD SHEPHERD

 

Der Umfang dieses Buchs entspricht 120 Taschenbuchseiten.

 

Dr. James Dundee ist ein herausragender Wissenschaftler am Institut für Quantenlehre, das sich mit einem streng geheimen Regierungsprojekt befasst: dem Sternenmotor. Nachdem er eines Abends eine Bar verlässt, erwacht er vier Stunden später in seinem Hotelzimmer und erinnert sich nicht, was in der Zwischenzeit geschehen ist. Kurz darauf wird eine Kollegin, seine frühere Geliebte, Christiane Harland, tot aufgefunden – und man hält ihn für den Mörder. Mehr noch, der Secret Intelligent Service unterstellt ihm, ein Spion zu sein, der – genau wie die Harland – für die Gegenseite arbeite. Dundee schweigt zu den Anschuldigen, zumal er immer noch keine Erklärung hat, was in den Stunden während seiner Amnesie mit ihm passierte und warum ihn seitdem so schreckliche Träume heimsuchen ...

 

Copyright

Ein CassiopeiaPress Buch: CASSIOPEIAPRESS, UKSAK E-Books und BEKKERpublishing sind Imprints von Alfred Bekker.

© by Author

© Cover: pixabay mit Steve Mayer, 2016

© dieser Ausgabe 2016 by AlfredBekker/CassiopeiaPress, Lengerich/Westfalen in Arrangement mit der Edition Bärenklau, herausgegeben von Jörg Martin Munsonius.

Alle Rechte vorbehalten.

www.AlfredBekker.de

[email protected]

Prolog

Erste Wahrnehmung: Licht. Schmerzend und grell, ohne Inhalt und Form. Noch schien er nicht vollständig die Herrschaft über diesen Körper erlangt zu haben. Aber das war im Augenblick nicht wichtig, entschied er, wichtiger war es zu wissen, wie er diese dunkle Leere in seinem Innern auszufüllen hatte. Und wie die verdrängten Erinnerungen zurückbringen. Wie den Adrenalinfluss dirigieren, ohne seinen Träger beim Erwachen über die Schwelle des Irrsinns zu werfen — was ihrer beider Tod bedeuten würde?

Er schickte einen projizierenden Impuls aus: wie ich bin?

Als Antwort entstand ein Bild in ihm: Auf einer Bahre lag ein Mann, unbekleidet. Noch waren die Linien der Matrix unter der bleichen Haut zu sehen: ein dichtmaschiges Netz, das ihm helfen würde, im Falle einer Gefahr für seine Existenz diesen Körper nahezu unverwundbar zu machen.

Das Bild entschwand, an seine Stelle trat ein Impuls:

ist es geglückt?

ich lebe.

kannst du ihn steuern?

ich hoffe ... wo ist der andere?

Als Antwort entstand erneut ein Bild in ihm: Über eine Sandfläche trieb der Wind Staubfahnen. Kakteenhaine duckten sich unter Brücken. Er schauderte, als er den anderen liegen sah. Aber dann sagte er sich, dass es hatte sein müssen, wollten sie jemals wieder die Sterne sehen.

Ein neuer Impuls:

möchtest du anfangen ... es ist nicht mehr allzu viel zeit?

ich versuche es jetzt.

Er zog seine Wahrnehmung zurück und konzentrierte sich auf die vor ihm liegende Arbeit. Behutsam übte er Druck auf die Nebenniere aus; Adrenalin strömte durch die Adern. Die zu Stecknadelgröße zusammengeschrumpften Pupillen begannen sich auf das normale Maß zu erweitern — zögernd kehrte das Bewusstsein aus dem Dunkel zurück.

Triumph. Er unterdrückte dieses Gefühl sofort. Die Adaption war noch nicht vollkommen genug, um ein Zurückziehen zu rechtfertigen. Erst musste er die Identifizierung des vom Körper losgelösten Bewusstseins herbeiführen; musste Körper und Geist zu einer Einheit verschmelzen, ehe die fremde Identität bemerkt wurde, die an dem Bruch zwischen Bewusstsein und Körper schuld war.

wie kommst du voran? kann man noch nichts erkennen?

doch, jetzt, die augen öffnen sich, das herz schlägt kräftiger, das blut kehrt in die haut zurück, die matrix verschwindet langsam, lass ihn auf keinen fall erwachen! wir müssen ihn erst zurückbringen.

macht schnell, wenn ich sein bewusstsein zu lange unterdrücke, weicht es in die träume aus und erkennt mich vielleicht auf diesem umweg. wir sind ja schon dabei.

Ein Impuls entstand, ein Bild erschien: Sie flogen in niedriger Höhe über jene schreckliche Steinwüste hinweg, die von den Bewohnern dieser Welt Stadt genannt wurde. Das Bild erlosch.

wie geht es?

ich muss gegen seine träume kämpfen. er ist in den schlaf geglitten. schlimm?

schrecklich.

bald ist es vorbei, das lange, lange warten hat ein ende, nichts kann uns dann mehr zurückhalten, nichts.

schluss jetzt, wir sind da.

für die sterne?

für die sterne.

1

Donnerstag, 24. September 1987, einundzwanzig Uhr zwanzig.

Er fühlte sich müde, als er zum ersten Mal bewusst seine Umgebung wahrzunehmen begann. Das Gefühl des Fallens endete. Der Schmerzen verursachende Rhythmus der Gegensätze um ihn herum veränderte sich, das sich mit rasender Geschwindigkeit drehende Zimmer verlangsamte die schwindelerregende Fahrt. Schließlich blieb nichts als ein stetes Pulsieren und die Ahnung, dass es jederzeit von Neuem anfangen konnte.

Wer bin ich?, fragte er in die Leere, die ihn ausfüllte bis an den Rand seines Ichs.

Wo bin ich?, fragte er wieder, als keine Antwort kam.

Dann sickerten von irgendwoher Namen und Begriffe in sein Gehirn, schwollen an und erreichten die aufnahmegierigen Gedächtnisträger; das Gefühl des Sinkens verlor sich ganz.

James ... James ... James Dundee! JAMES DUNDEE!

Das einer neugebildeten Assoziation entsprechende Engramm regte die Reorganisation eines ausgedehnten Systems von Millionen Ganglienzellen an — Erinnerung breitete sich teilweise in ihm aus.

James Dundee!

Er erinnerte sich, dass dies sein Name war; weiter erinnerte er sich an das Institut für Wellenmechanik und Quantenlehre in El Mirage City, an dem er beschäftigt war. Er erinnerte sich auch an Professor Daniel Ratcliff, mit dem zusammen er versuchte, ein geheimes Regierungsprojekt zu verwirklichen.

Die Erinnerungen kamen immer schneller.

James Dundee wusste nun, dass er sich hier in seinem Hotelzimmer befand, dem Plaza Hotel in Los Angeles. Er konnte alles genau identifizieren: das geschmacklose Bild eines Pop Art Künstlers über dem weiß lackierten, trapezförmigen Schreibtisch, die lederbezogenen Sessel um das niedrige Tischchen.

Los Angeles! Er hatte die Stadt aufgesucht, um Verhandlungen mit einer Lieferfirma zu führen, die für das Institut Präzisionsinstrumente anfertigte. Die Verhandlungen hatten sich lange hingezogen, waren aber erfolgreich, so erfolgreich, dass er sich zum Schluss dazu überreden ließ, zusammen mit den beiden Firmeninhabern eine Bar aufzusuchen.

Eine Bar!

Er begann klarer zu sehen, und seine erste Reaktion war Ärger, Ärger darüber, dass er entgegen seinem Vorsatz doch wieder zu viel getrunken hatte. Eine andere Erklärung gab es nicht für seinen Zustand. Sicher war ihm, als er dem Taxifahrer die Adresse seines Hotels nannte, schlecht geworden. Dafür sprach auch die Übelkeit, die ihn selbst noch gefangen hielt und Schweiß verursachte.

Der Taxifahrer musste ihn hier abgeliefert haben. Man schaffte ihn auf sein Zimmer, wo er dann eingeschlafen war — das erklärte auch die Tatsache, dass inzwischen vier Stunden vergangen waren, wie er durch einen Blick auf die Uhr feststellte.

Aufatmend sah sich James Dundee in seinem Hotelzimmer um — in diesem Augenblick brach dieses sorgfältig errichtete Gebäude des Selbstbetruges in sich zusammen wie ein Kartenhaus. James erkannte, dass er mitten im Zimmer stand, sein Bett unbenutzt war und auch sonst nichts darauf hindeutet, dass er eventuell in einem der Sessel geschlafen hatte.

Die Übelkeit schlug dröhnend über ihm zusammen. Das Zimmer drehte sich um ihn, und erst als schreiende Laute aus seinem Mund drangen, kam er wieder zu sich.

An allen Gliedern bebend und schweißbedeckt, ging er zum nächsten Sessel und ließ sich zitternd nieder. Seine Hände wühlten fahrig in den Taschen seines Rockes. Schließlich brachten sie eine zerdrückte Zigarette hervor. Nach den ersten, hastigen Zügen kehrte endlich ein Teil jener klaren und kaum zu erschütternden Ruhe in ihn zurück, die ihn bei seiner Arbeit ausgezeichnet hatte.

Ich muss systematisch vorgehen, dachte er, nur so habe ich die Gewissheit, alles zur richtigen Zeit und an den richtigen Platz einordnen zu können.

Seine letzte, klare Erinnerung — das wusste er ganz genau — ging bis zu jenem Augenblick, an dem er aus der Bar gekommen war, mit dem Vorsatz, sich ein Taxi zu nehmen und sich ins Plaza bringen zu lassen. Noch während er sich in der Garderobe den Mantel umhängte, hatte er auf die Uhr gesehen: Es war siebzehn Uhr zwanzig — in einer Stunde musste er sich auf den Rückweg nach El Mirage City machen, wollte er nicht versäumen, Christiane Harland noch einmal zu sehen, ehe sie mit dem planmäßigen Schiff nach Luna Port abflog.

Das war sein letzter Gedanke.

Nun kam er hier in seinem Hotelzimmer wieder zu sich, ohne recht zu wissen, wie er hierhergelangt war. Zum ersten Mal wurde er sich der Schmerzen bewusst.

Schmerzen!

Tatsächlich! Sein Körper brannte, als rolle flüssiges Feuer durch die Adern. Sämtliche Gliedmaßen waren von einem ziehenden Schmerz befallen, der ihm ein leises Stöhnen entlockte. Die Übelkeit kam wieder, stärker als zuvor, und trieb ihm Tränen in die Augen.

James Dundee taumelte auf die Füße. Mit den Händen sich an der Wand entlang tastend, suchte er das niedrige Sideboard zu erreichen, auf dem er eine halbe Flasche Gin wusste. Dann spürte er links die Tür zum Bad. Einer plötzlichen Eingebung folgend, ging er hinein. Er riss die Krawatte herunter, entledigte sich der Jacke, und während er das Hemd am Halse öffnete, drehte er den Hahn auf. Er hielt den schmerzenden Kopf unter das Wasser; die Kälte war wie ein Schock. Das Gefühl der Übelkeit verschwand etwas, das Brennen jedoch hielt an.

Vom ersten, vagen Gefühl einer kommenden Panik berührt, riss er sich die Kleider vom Leib und trat nackt vor den großen Spiegel.

Im Licht der hellen Deckenbeleuchtung erschien ihm sein eigener Körper wie der eines Fremden; er schien ihm nicht zu gehören. Seine Augen, die ihm dunkel und müde entgegenblickten, glitten prüfend über sein Spiegelbild. Sie registrierten jede Einzelheit des hageren Körpers mit einer sehnigen, ausgeprägten Muskulatur — ein Überbleibsel seiner Militärzeit.

Abgesehen von der Blässe seines Gesichtes und jener langen Narbe über der Schulter, die von einem Nachteinsatz im Dschungelkrieg herrührte, war an ihm nichts Augenfälliges zu erblicken. Und doch war ihm, als sei er in einem Netz aus glühenden Drähten gefesselt, das ihm das Atmen erschwerte und scheinbar seine Bewegungen einengte.

Minutenlang stand James Dundee vor dem Spiegel — dann gab er sich einen Ruck. Er drehte die blitzenden Hähne der Badenische auf und trat unter die heißen Strahlen, die seinen Körper röteten und ihm zum ersten Mal ein Gefühl der Besserung brachten.

Als der warme Luftstrom des Trockners den letzten Rest der Feuchtigkeit von seiner Haut tilgte, überließ er sich fünf Minuten lang der Massagebank — und dem Robot gelang es, die letzten Spuren des Schmerzes aus seinem Körper zu vertreiben.

Als James die Tür des Bades schloss und ins Zimmer zurücktrat, war seine äußere Ruhe vollkommen. Kühl überlegte er seine nächsten Schritte. Nichts deutete darauf hin, dass er erst vor wenigen Minuten noch ein von Panik und Furcht beherrschter Mensch gewesen war. Als James das Video aktivierte, zitterten nicht einmal mehr seine Hände.

„Sir?“ Das Gesicht des Empfangschefs blickte von der kleinen Bildfläche.

„Bitte meine Rechnung“, bat James Dundee ruhig, „und lassen Sie meinen Wagen aus der Garage fahren.“

„Sofort, Doktor Dundee. Sonst noch einen Wunsch?“

„Ach ja“, James’ Stimme klang ganz beiläufig. „Haben Sie den Taxifahrer bezahlt, der mich ins Hotel brachte?“

„Sir?“

Das Gesicht des Empfangschefs blieb konstant höflich, nur das Zucken seiner linken Augenbraue verriet, dass er mehr als erstaunt war.

„Also kein Taxi?“ Dundees blasses Gesicht wurde um eine Nuance bleicher.

„Bedaure, Sir. Ich kann mich nicht erinnern, Sie gesehen zu haben, als Sie das Hotel betraten. Aber wenn Sie wünschen, kann ich ...“

„Nein, nein“, wehrte Dundee ab. „Danke!“ Seine Hand unterbrach die Verbindung.

Bewegungslos saß er im Sessel und versuchte, Ordnung in dem Chaos seiner Gedanken zu schaffen. Es galt nun vor allen Dingen, die Vorkommnisse von verschiedenen Seiten zu beleuchten. Nur so konnte er gewiss sein, nichts außer Acht gelassen, nichts vergessen und nichts an einem falschen Platz untergebracht zu haben.

Erstens: Trunkenheit schied als Möglichkeit weitestgehend aus, dessen war er so gut wie sicher. Um sich hundertprozentige Gewissheit zu verschaffen, könnte er allerdings in der Zentrale des Taxiunternehmens nachfragen, ob und wann ihn ein Wagen zum Plaza befördert hatte. Er beschloss, es nicht zu tun.

Zweitens: Er hatte das Hotel überhaupt nicht verlassen. Unsinn, entschied er. Die Erinnerung an die Bar war klar und deutlich. Er konnte sich jeden Augenblick vergegenwärtigen, den er dort zugebracht hatte.

Drittens: Er träumte — nein!, dachte er, auch diese Möglichkeit schied aus. Dafür waren die Begleitumstände zu schmerzhaft gewesen.

Blieb also nur eines: Er litt unter Amnesie! Auf eine andere Weise konnte er sich diese Vorkommnisse nicht erklären. Weshalb aber hatte ihn niemand gesehen, als er ins Hotelzimmer zurückkehrte? Was war inzwischen geschehen? Was tat er in den vier langen Stunden, in denen er doch ganz offensichtlich nicht in seinem Zimmer war, wie er ursprünglich angenommen hatte?

Fragen über Fragen. Sie beschäftigten ihn, während er sich ankleidete und die beiden gepackten Taschen neben die Tür stellte.

Ein Klopfen an der Tür unterbrach schließlich seine fruchtlose Gedankenkette. Das Geräusch war harte Wirklichkeit, etwas, an dem man sich orientieren konnte; es zwang einen, in Bahnen zu denken, die mehr der Realität entsprochen.

„Herein!“

„Sir“, der Etagenkellner blieb an der Tür stehen, „Ihr Wagen ist vorgefahren.“

„Danke.“ James Dundee wies ihn an, die beiden ledernen Taschen zum Wagen bringen zu lassen. Dann warf er den Mantel über die Schultern und verließ das Zimmer, ohne einen Blick zurückzuwerfen. Es galt, sich zunächst näherliegenden Dingen zuzuwenden.

Eine Viertelstunde später steuerte er seinen Wagen durch den hektischen Verkehr der Riesenmetropole Los Angeles, der seine Aufmerksamkeit erforderte. Vom Lincoln Drive wechselte er in den Southern State Parkway über. Mehr und mehr wuchs der Strom der Fahrzeuge. Erst als James Dundee den King des City Parkway erreicht hatte, konnte er zügiger fahren.

Nach dreißig Minuten war er auf dem breiten Band der Railroad, die von Los Angeles aus über Pomona nach San Bernadino, von dort aus quer durch die Mojave Wüste bis hinaus nach Las Vegas führte.

James’ Fuß trat das Gaspedal durch.

*

Donnerstag, 24. September 1987, achtzehn Uhr zwanzig.

Zwanglos saßen sechs Männer um einen ovalen Tisch in einem Raum, der sich in den obersten Stockwerken des De Broglie Building befand — einem schlanken Turm aus Glas und Beton.

Das Zimmer, modern und sachlich ausgestattet, war von jener sterilen Atmosphäre erfüllt, welche die ganze Stadt auszeichnete — übrigens ein Merkmal all der neueren Städte, denen man keine Zeit gelassen hatte, zu wachsen und sich organisch zu entwickeln.

In dieser unpersönlichen Ausstattung des Raumes mutete die großflächige Reproduktion von Wolfgang Hutters Blumenschiff wie ein Blick in ein utopisches Paradies an. Das Bild hing genau der Tür gegenüber und zog sofort die Aufmerksamkeit aller Eintretenden auf sich.

Die sechs Männer allerdings schienen kein Interesse an Hutters Paradies der kalten Träume zu haben, ihre Aufmerksamkeit galt einzig und allein einem großen, starkknochigen Mann mit löwenmähnigem Schädel, der auf der anderen Seite des Zimmers stand und durch die Fensterwand sah. Der Mann war Daniel Ratcliff, Leiter des De Broglie Institutes.

Nun drehte er sieh um. Mit schweren Schritten ging er zum Tisch zurück, ließ sich in einem Sessel nieder und legte das Schreiben aus der Hand, in dem er vor Minuten mit ständig wachsender Erregung gelesen hatte. In seinem Gesicht arbeitete es. Er sagte heftig:

„Ich bin mehr als erstaunt. Sollte das ein Scherz sein?“

Dunkle Augen sahen mit unverhülltem Arger auf Ratcliffs Gegenüber, einen Mann, der verhältnismäßig jung, groß und breitschultrig war. Er trug einen gut geschnittenen, grauen Flanellanzug und ein weißes Hemd mit Oxfordkragen. Der Mann war Edward Leydon, Beamter des Secret Intelligence Service im Range eines Captains. Er sagte:

„Wir sind nicht zum Scherzen aufgelegt.“

Das sieht man euch an!, dachte Ratcliff grimmig. Mit gerunzelter Stirn ließ er seine Blicke über die Männer gleiten und starrte in ausdruckslose Augen; Augen, die eine Kälte ausdrückten, dass ihn ein Schauer überlief. Es waren alles durchwegs große, schlanke Männer, die teuer, wenn auch unauffällig in Zivil gekleidet waren. Daniel Ratcliff fühlte sich mehr als unbehaglich in ihrer Gesellschaft.

Wieder nahm er das Schreiben in die Hand. Der Briefkopf war der des Ersten Staatssekretärs Poul Albioni, der unmittelbar dem Sicherheitsausschuss der Vereinten Nationen vorstand. Der Inhalt war knapp und präzise formuliert — wie alle Schreiben, die Ratcliff von Albioni bekommen hatte. Es war eine Vollmacht für Edward Leydon und seine Männer; sie besagte nicht mehr und nicht weniger, als dass sie überall freien Zutritt hatten, dass man auf all ihre Fragen wahrheitsgetreu zu antworten und keine Geheimnisse vor ihnen zu verbergen hatte. Eine Vorstellung, die Daniel Ratcliff absolut nicht behagte. Nur ungern erinnerte er sich der alljährlichen Besuche von Mitgliedern des Kongresses, die jeweils Mitte des Jahres das Institut mit ihrem Geschwätz erfüllten.

Das hier ging allerdings weit über jene Besuche hinaus. Der Besuch Edward Leydons musste andere Gründe haben, als Erkundigungen über das Budget des Institutes einzuziehen. Und so fragte er:

„Was ist nun Ihr eigentliches Anliegen?“

„Ich hätte gerne einige Fragen an Sie gestellt“, entgegnete Edward Leydon. „Und ich möchte, dass Sie sie so präzise wie möglich beantworten.“