Das Geheimnis des Weltenrings - Conrad Shepherd - ebook

Das Geheimnis des Weltenrings ebook

Conrad Shepherd

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Opis

Im größten Raumschiff, das ihm je begegnet ist, stößt Ren Dhark nicht nur auf Worgun, sondern auf die unterschiedlichsten Völker. Verzweifelt versucht er, Verbündete für seinen Kampf gegen eine kosmische Katastrophe zu finden. Denn des Rätsels Lösung ist Das Geheimnis des Weltenrings...

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Ren Dhark

Weg ins Weltall

 

Band 24

Das Geheimnis des Weltenrings

 

von

 

Nina Morawietz

(Kapitel 1 bis 6)

 

Jan Gardemann

(Kapitel 7 bis 10)

 

Conrad Shepherd

(Kapitel 11 bis 13)

 

Uwe Helmut Grave

(Kapitel 14 bis 20)

 

und

Hajo F. Breuer

(Exposé)

Inhalt

Titelseite

Prolog

1.

2.

3.

4.

5.

6.

7.

8.

9.

10.

11.

12.

13.

14.

15.

16.

17.

18.

19.

20.

Der zweite Krieg der Welten: Ein Interview mit Wilko Lennart

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Impressum

Prolog

Ende des Jahres 2065 steht die Menschheit am Scheideweg: Auf der nach dem Krieg gegen die Roboter des »Volkes« zu einem Eisklumpen gewordenen Erde leben nur noch 20 Millionen Menschen. Relativ gut aushalten läßt es sich nur in der Hauptstadt Alamo Gordo, deren neuartiger Schutzschirm ihr nicht nur Sicherheit gibt, sondern auch für angenehm hohe Temperaturen sorgt.

Die restlichen 36 Milliarden Menschen wurden nach Babylon umgesiedelt und richten sich dort unter der Regierung Henner Trawisheims neu ein. So wäre auf der Erde eigentlich viel Platz – hätten nicht die Riiin oder Eisläufer ihren Lebensmittelpunkt nach Terra verlegt. Dieses Volk kann nur bei extrem niedrigen Temperaturen überleben – und ist so naturgemäß gegen jeden Versuch, der irdischen Sonne zu ihrer alten Kraft und dem Eisplaneten Terra zu neuer Wärme zu verhelfen.

Genau diesen Versuch aber hat Ren Dhark mit seiner Expedition in die Nachbargalaxis Andromeda unternommen. Denn es gibt nur einen Weg, um die Sonne wieder stark zu machen: Die Synties, tropfenförmige Energiewesen, die im freien All leben und seit vielen Jahren gute Freunde der Terraner sind, könnten interstellares Wasserstoffgas einfangen und in die Sonne stürzen lassen – so lange, bis sie ihre alte Masse und damit ihre alte Kraft zurückgewonnen hat.

Doch die Synties sind von den gefühllosen, eiskalten Echsenwesen des Glandarenvolks entführt und als Energiequelle mißbraucht worden. Zwar gelingt es Dhark, die Synties zu befreien, aber gewaltige Ringraumer des Geheimen Imperiums, einer noch skrupelloseren Macht, die schon vor mehr als tausend Jahren Krieg gegen die Worgun in Andromeda führte, löschen das Volk der Glandaren gnadenlos aus. Beim Versuch, wenigstens einige von ihnen zu retten, geraten die Flashpiloten Pjetr Wonzeff und Harold Kucks in die Hände des Geheimen Imperiums.

Es gelingt den beiden Männern unerwartet rasch, aus der Gefangenschaft zu fliehen, doch Dhark und die POINT OF sind verschwunden. Eine gefährliche Odyssee durch das unbekannte Sternenmeer führt die beiden schließlich zu einer ehemaligen Stützpunktwelt der Worgun, auf der es nichts gibt außer einer goldenen Gigantstatue. Mit ihrer Hilfe gelingt es, einen Notruf nach Babylon in der Milchstraße abzuschicken. Doch kaum ist dieser Notruf draußen, greifen dreihundert überschwere Ringraumer des Geheimen Imperiums an. Auf der Flucht gelangen die beiden Terraner auf eine ehemalige Welt der Salter – und Harold Kucks trifft mit der Faskia Ssirkssrii seine Seelenpartnerin. Die Echse verleiht ihm unglaubliche Kräfte…

Dhark empfängt den Notruf und bricht erneut nach Andromeda auf, um die verschollenen Gefährten zu suchen. Die werden tatsächlich gefunden, und man könnte sich auf den Heimweg zur Erde machen – wäre da nicht plötzlich die Horizontverschiebung aufgetreten, ein Phänomen, dem nicht einmal die POINT OF entkommen kann. Ren Dhark löst das Rätsel des Geheimen Imperiums – doch dann taucht der gigantische Weltenring auf und beginnt einen Feldzug zur Vernichtung aller Imperiumswelten. Und die POINT OF kann ihm nicht mehr entkommen…

Auf der Erde rekrutiert der Wächter Simon drei Menschen für das neue Wächterprogramm: Svante Steinsvig, Arlo Guthrie und – Doris Doorn! Die INSTANZ von ARKAN-12 schickt sie nach erfolgter Umwandlung auf einen Werftasteroiden in die Milchstraße, wo ein Ringraumer auf sie wartet.

Gemeinsam mit den GSO-Agenten Jos Aachten van Haag und Ömer Giray versuchen die Wächter das seltsame Geheimnis zu ergründen, das Tel-Rebellen, Crekker und die unheimlichen grünen Maschinen, die immer wieder wie aus dem Nichts auftauchen, zu verbinden scheint. Aber erst die Spur zweier verzweifelter Crekker-Tel bringt sie an den Ursprung des Bösen…

1.

Triumphierend hielt Fynn Ahnzamt das erstaunlich leichte, handballgroße Gerät mit den dünnen Röhrenbeinen in seinen Händen. Endlich war ihm ein kleiner Schlag gegen den Allherrscher gelungen, der mit den Neuankömmlingen von der POINT OF eine Vereinbarung getroffen hatte, die seine Gruppe nun durchkreuzt hatte. Dieses im Gerät gefangene Bewußtsein war den Fremden offenbar so wichtig, daß sie dafür Selbstmord begehen würden.

Der Allherrscher wollte nicht, daß sie starben und war nach einem kurzen Gespräch mit dem Checkmaster auf den Handel eingegangen.

Fynn hatte längst begriffen, daß er ein wertvolles Druckmittel in Händen hielt, und behandelte es entsprechend. Behutsam ließ er es in einer mitgebrachten gepolsterten Tasche verschwinden, die er an seinen Raumanzug geschnallt trug, und gab den Befehl zum Rückzug.

»Die Feinde rücken an!« vernahm er plötzlich durch die in seinen Helm integrierten Lautsprecher, woraufhin seine Amateurtruppe gemäß dem Motto »Jeder für sich« sofort in ihre Bestandteile zerfiel. Die Antigravprojektoren ermöglichten einen schnellen Rückzug durch die Schwerelosigkeit in Richtung Worgun-Asteroid. Dummerweise hatten alle Glandaren gleichzeitig diese Idee.

»Ruhig bleiben!« ermahnte Fynn per Funk. »Zieht eure Waffen und schießt auf jeden, der nicht zu uns gehört!« Er selbst versuchte durch das Vakuum zurück in Richtung Schleuse zu fliegen. Doch dort tummelte sich bereits die Hälfte seiner Echsenkrieger, die alle durch das kleine Loch wollten.

»Laßt mich durch!« brüllte Ahnzamt, woraufhin sich die Traube ein wenig lichtete, allerdings viel zu langsam. Der Rebellenführer riskierte einen Blick nach hinten und sah sofort den herannahenden Feind, der von einem der näheren Asteroiden auf sie zugerast kam.

»Schneller!« drängte er und versuchte die Glandaren, die ihm im Weg waren, beiseitezustoßen, was wegen der anderen Antigravprojektoren vergebens war. »Schneller! Aus dem Weg! Laßt mich durch!« Die Tasche mit dem kostbaren Gut hielt er schützend in seinem freien Arm. Er ahnte schon, daß es kein Durchkommen gab, und jetzt war es ohnehin zu spät.

Mit einemmal sahen sich die Glandaren von Kampfrobotern eingekesselt.

Geistesgegenwärtig zückte Fynn sofort seine Waffe und eröffnete das Feuer. Die Strahlen schossen ungebremst auf die Feinde zu, die davon jedoch keine Notiz zu nehmen schienen und statt dessen den Halbkreis immer enger zogen.

»Schießt, ihr Idioten!« brüllte Fynn wütend in das Mikrophon, als er sah, daß von seinen knapp 250 Leuten gerade einmal zehn ihre mitgebrachten Strahlenwaffen benutzten. »Der Bewußtseinsfänger darf nicht in ihre Hände gelangen!«

Endlich kamen auch die anderen Glandaren zu Verstand und schon erhellten überall kurze, grelle Energiestrahlen die nähere Umgebung.

Sehr gut, dachte Fynn etwas hoffnungsvoller, so könnte es funktionieren.

Seine Männer verstellten zwar immer noch die Schleuse, doch jetzt, wo sie beschäftigt waren, konnte er sich etwas besser einen Weg durch die Masse bahnen. Er verdrängte den Ärger über dieses Chaos und dachte einfach nur noch daran, den Bewußtseinsfänger in Sicherheit zu bringen.

Auf gar keinen Fall wollte er sich dieses Druckmittel nehmen lassen. Falls dem Allvater wirklich etwas an den Fremden gelegen war, dann würde er Fynns Forderungen erfüllen. Als erstes würden die verfluchten Imaginarien abgeschafft werden, die seit geraumer Zeit auch den Kindern den Verstand vergifteten.

»Wir sind machtlos!« kreischte es so laut durch die Lautsprecher, daß es Fynn fast taub gemacht hätte. Er regelte sofort die Lautstärke herunter, denn es folgte direkt ein ganzer Chor solcher Ausrufe. Einzig die Kanäle für seine engsten Vertrauten ließ er offen. Hinter und über sich sah er nichts außer seinen Männern, die ihm die Sicht auf den Feind versperrten. Er war auf Informationen von außerhalb angewiesen.

»Was ist da los?« verlangte er zu wissen, ohne wirklich eine Antwort zu erwarten. Eigentlich war es mehr ein erschrockener Ausruf seinerseits gewesen als eine echte Frage.

Dennoch machte sich jemand die Mühe, ihm Bericht zu erstatten: »Diese Roboter verfügen entweder über einen Schutzschild oder ihre Hülle ist zu hart. Unsere Strahlen zerspringen wirkungslos an ihrer Oberfläche. Was sollen wir jetzt nur machen, Fynn?«

Der Angesprochene erkannte Tem Tholts Stimme, und da er wußte, daß dieser in einer solchen Situation nicht zu Übertreibungen neigte, begriff er schnell, daß die Lage aussichtslos war. Er mußte sich etwas anderes einfallen lassen. Immerhin hatte er doch das Gerät! Vielleicht war es ratsam, mit dessen Zerstörung zu drohen? An wen sollte er sich mit dieser Botschaft wenden?

»Fynn! Die Roboter haben uns erreicht. Wir können sie nicht länger aufhalten«, rief Tholt über Funk. »Bist du schon in der Schleuse?«

»Noch nicht. Diese Holzköpfe haben sich ineinander verkeilt und lassen mich nicht durch.«

»Tut mir leid«, meldete sich Jinders Fruhn, der sich irgendwo in Schleusennähe aufhielt. »Ich versuche dir den Weg von innen heraus freizumachen, aber ich komme nur schwerlich voran. Ihr müßt die Feinde länger hinhalten!«

»Wie wäre es, wenn du den Fänger einfach durchreichst bis zu Jinders?« schlug Tholt vor.

»Keine gute Idee«, widersprach Fynn direkt. »Er könnte dabei beschädigt werden. Darum gebe ich ihn auf keinen Fall aus der Hand!« Er drückte die Tasche enger an sich, um sie in der Rempelei bloß nicht zu verlieren. Vor sich sah er nichts außer Helmen. Jede Menge Helme. Die Schleuse war nicht einmal teilweise in Sicht. »Loik, wo bist du?« Keine Antwort. »Loik?«

Erst einige Sekunden später meldete sich der Glandare mit einer merkwürdigen Aufforderung: »Schau nicht zurück, Fynn! Du mußt den Fänger außer Reichweite bringen!«

»Was ist los? Wo bist du?«

»Keine Fragen.«

»Loik!«

»Ich bin gefangen.«

Fynn blieb das Herz fast stehen. »Was? Gefangen?« keuchte er ungläubig und wagte einen Blick nach hinten, wo die Glandaren auseinanderstoben, um den Robotern, die immer näher kamen, zu entkommen. Die Stahlriesen feuerten einige Schüsse ab, die die Reptiloiden nur knapp verfehlten – eine unmißverständliche Warnung.

In diesem Augenblick meldete sich plötzlich eine fremde Stimme, die sich in das Kommunikationsnetz der Glandaren-Rebellen eingeschleust hatte. »Hier spricht Leutnant Hornig von der POINT OF. Sie haben etwas, das uns gehört. Wir fordern die unverzügliche Herausgabe des Gedankenfängers.«

Fynn spürte, wie ihm die Hände im Anzug schweißnaß wurden. Dann die Arme. Die Brust. Gefolgt vom Rest des Körpers. Über jeder einzelnen Pore bildeten sich kalte Schweißtropfen, denen auch die Heizung seines Raumanzugs nichts anhaben konnte. Wäre die Tasche nicht befestigt gewesen, hätte er sie wohl versehentlich losgelassen und in der unruhigen Masse verloren. O nein, o nein, schoß es ihm rasend und chaotisch durch den Kopf, so daß er nicht einen klaren Gedanken fassen konnte.

Hinter ihm löste sich seine Truppe zusehends auf. Die Roboter nahmen die Glandaren grüppchenweise gefangen, während kleinere Gestalten in weißen Raumanzügen, die aus dem Nichts aufgetaucht zu sein schienen, geschickt sämtliche Waffen einsammelten. Fynn wußte nicht, ob er staunen oder weinen sollte angesichts dieser eleganten Bewegungen der Weißen. Das müssen Elitekämpfer sein! Die sind verdammt gut.

Mit einemmal spürte er, wie sein Körper bebte vor Angst. Es gab keinen Fluchtweg. Vor ihm versperrten die eigenen Leute alles, hinter ihm rückten die neuen Freunde des Allherrschers heran.

»Stellen Sie das Feuer ein! Sie sind umzingelt. Geben Sie auf, und Ihnen wird nichts geschehen!« ertönte erneut die befehlsgewohnte Stimme. »Die meisten von Ihnen sind bereits gefangengenommen worden.«

Fynn war weder ein Dummkopf, noch riskierte er leichtsinnig das eigene Leben oder das seiner Männer. Nach einem tiefen Atemzug funkte er an alle Glandarenkrieger: »Es tut mir leid. Wir haben verloren, Männer. Hört auf zu schießen!«

Nur wenige Minuten später waren die Roboter bis zu ihm vorgedrungen. Ohne zu zögern, hielt er den weißen Begleitern sowohl die Waffe als auch die Tasche mit dem Gedankenfänger entgegen. Wohl war ihm nicht bei der Sache. Doch aufzugeben war besser, als möglicherweise erschossen zu werden.

*

Die Gefangenen wurden sofort an Bord der POINT OF gebracht. Nachdem sich Ren Dhark versichert hatte, daß der Gedankenfänger unversehrt war, ließ er den Anführer der Glandarentruppe ausfindig machen. Er war brennend daran interessiert zu erfahren, was die Kerle dazu bewogen hatte, das Gerät abzufangen. Was wollten sie mit Farells Bewußtsein?

Natürlich wußte er, daß das Gespräch mit dem Allherrscher über offene Kanäle geführt worden war und dementsprechend leicht hatte abgehört werden können. Allerdings hatte er sich davon etwas anderes erhofft.

Endlich erschien der Glandare in der Zentrale, eskortiert von Leutnant Hornig und zwei seiner Männer. Kaum sichtbar nickte der Commander dem ehemaligen Pfadfinder zu, damit sich die Terraner ein paar Schritte von dem Gefangenen lösten.

Eingeschüchtert und mißtrauisch schaute sich der blauhäutige Reptiloid mit dem klobigen, kurzschnäuzigen Kopf um, bis sein Blick den des weißhaarigen Commanders traf. Er blinzelte unmerklich und zischte feindselig: »Ich weiß, wer du bist.«

Dhark lächelte mild. »Sehr schön. Dann verrate mit doch bitte deinen Namen!«

»Was spielt mein Name für eine Rolle?«

»Für mich eine sehr große. Ich möchte gern wissen, mit wem ich es zu tun habe.«

»Mit einem Glandaren«, antwortete Fynn kurz angebunden. »Das ist doch offensichtlich!« Er hatte keine Lust, seine Identität preiszugeben. Das geht diesen Kollaborateur doch überhaupt nichts an! Den Gedankenfänger hat er doch schon.Was will der Kerl also noch von mir? Vielleicht spioniert er für den Allvater, um meine Familie für meine Taten zu bestrafen.

»Stimmt«, antwortete Dhark gelassen, »das sehe ich. Aber willst du wirklich, daß ich dich einfach nur ›Glandare‹ nenne?«

»Nenne mich, wie du willst. Ich bin schließlich dein Gefangener.«

Weil der Reptiloid spürte, wie er immer mehr in sich zusammensackte, richtete er sich wieder auf, um stärker zu wirken, als er sich fühlte.

In Wahrheit hatte er nämlich Angst.

»Das ist noch gar nicht entschieden«, widersprach der Commander kopfschüttelnd. »Warum, glaubst du, habe ich dich in meine Zentrale beordert und frage dich nach deinem Namen?«

Fynn schaute sein Gegenüber ratlos an und glaubte zusammenzuschrumpfen unter all den stechenden Blicken dieser Fremden.

»Ich will die Wahrheit wissen. Ich möchte wissen, wer du bist, und natürlich auch erfahren, weshalb du den Gedankenfänger gestohlen hast«, legte der Terraner seine Absicht dar.

»Also gut… ich heiße Fynn Ahnzamt. Den Rest willst du nicht wissen, glaube mir!«

»Wie kommst du darauf?«

»Ich bin ein Widerstandskämpfer. Ich kämpfe im Untergrund gegen den übermächtigen Allvater, mit dem ihr euch verbündet habt. Ich bin also euer Feind.« Sein Blick suchte nach dem Checkmaster, der Fynn plötzlich in den Sinn gekommen war. In der Zentrale gab es jede Menge Konsolen. Welche davon war dieser merkwürdige Rechner, der mit dem Allvater verhandelt hatte? »Es ist übrigens ganz schön leichtsinnig, ein so wichtiges Gespräch für alle hörbar zu führen!« meinte er abschätzig und schmatzte bedeutungsvoll.

Dhark konnte sich nur mit Mühe ein Grinsen verkneifen. »Das war Absicht.«

Der Glandare zog verdutzt den Kopf zurück, seine Lippen formten unausgesprochene Worte. Offensichtlich war er verwirrt.

»Damit ich jemanden als einen Feind ansehe, braucht es schon etwas mehr«, fügte der Commander nach einer Weile hinzu und resümierte: »Du sagtest, du seist Widerstandskämpfer. Was wolltest du mit einem Gerät anfangen, das das Bewußtsein eines Fremden enthält, der nichts mit dem Allherrscher zu tun hat?«

»Wir wollten es natürlich als Druckmittel benutzen«, erklärte Fynn verständnislos und dachte: Was denn sonst? Das ist doch einleuchtend. Wirklich seltsam, diese Terraner. Daß er Angehörige eines Volkes dieses Namens vor sich hatte, wußte er von Leutnant Hornig, der die Glandaren kurz darüber aufgeklärt hatte, daß sie nun »Gefangene der Terraner« seien.

»Als Druckmittel?« wiederholte Dhark sichtlich überrascht.

»Genau.« Fynn spürte, wie der Mut und die Entschlossenheit, die er normalerweise immer sein eigen nannte, zurückkehrten. Daß er diesen Fremden aus dem Konzept gebracht hatte, amüsierte ihn irgendwie.

»Habt ihr es etwa auf die POINT OF oder die TERRA abgesehen?«

Der Reptiloid spürte Wut in sich aufkochen. Meine Güte, ist der tatsächlich so begriffsstutzig? »Nein! Als Druckmittel gegen den Allherrscher, der nicht will, daß sich euer Checkmaster selbst zerstört!« Er schnaubte verärgert. »Und der hat ja bekanntlich damit gedroht, falls das Bewußtsein dieses Farell nicht zurückgebracht würde. Es lag uns völlig fern, euch irgend etwas zu stehlen oder das Leben deines Mannes in Gefahr zu bringen. Wir sind weder Diebe noch Mörder. Aber dieses Bewußtsein war unsere einzige Chance, endlich einmal etwas gegen den Allmächtigen in der Hand zu haben.«

»Warum bekämpft ihr ihn eigentlich?«

»Wegen der Unterdrückung«, platzte es aus Fynn heraus, wobei sich die schlanke Brust stolz aufblähte, so daß sie dem im Verhältnis dazu klobigen Kopf fast schon Konkurrenz machte. Als niemand auf dieses Geständnis etwas erwiderte, fragte er mit einemmal ganz unsicher geworden: »Du glaubst mir nicht, oder?«

»Doch«, antwortete Dhark, »ich glaube dir. Und darum möchte ich, daß du uns jetzt in die Medizinische Abteilung begleitest, damit du sehen kannst, um was es hier geht.«

»Dürfen Loik, Jinders und Tem bitte auch mitkommen?«

»Wer sind die?«

»Meine treuen Freunde.«

Ren Dhark gab sein Einverständnis. Gemeinsam mit Darnok und den fünf Worgunmutanten von der TERRA begaben sie sich in die Medostation. Sie wurden längst erwartet.

*

In der Medizinischen Abteilung auf der POINT OF beschäftigten sich die Wissenschaftler sofort mit der Untersuchung des mysteriösen Geräts, das Judd Farells Bewußtsein absorbiert hatte. Die hauchdünne Unitallhülle hatte zum Glück keinen Schaden erlitten. Also konnte man als Optimist davon ausgehen, daß auch das Innenleben noch intakt war.

»Es scheint unversehrt zu sein«, stellte Manu Tschobe, der Realist war, abschließend fest. »Aber wir wissen nicht, wie wir das Bewußtsein wieder aus dem Gerät bekommen.« Er machte einige hilflose Bewegungen mit den Fingern, und seine Lippen zitterten, als wollte er noch etwas sagen. Doch dann zuckte er mit den Schultern. »Ich rate allerdings davon ab, damit herumzuexperimentieren. Farells Lage ist kritisch.«

Der Chef der militärischen Abteilung befand sich nach wie vor im Isolierraum, von jeglichen Reizen abgeschottet und im künstlichen Koma liegend. Quasi tot. Es gab nur eine einzige Möglichkeit, wie man den Menschen, den sie alle kannten, wieder ins Leben zurückrufen konnte. Doch man durfte kein Risiko eingehen.

»Ich verstehe«, sagte Dhark und rieb sich nachdenklich das markante Kinn. Er beobachtete mit einer Mischung aus Hoffnung und dem Bewußtsein, daß diese Hoffnung vergebens war, den Bildschirm, auf dem kurvenartig die schwachen Lebensfunktionen Farells dargestellt wurden. Einfach so würde der Mann nicht wieder aufwachen und ganz der alte sein. »Dann müssen wir uns wohl oder übel noch einmal an die ›Stimme der Gerechtigkeit‹ wenden. – Checkmaster, stelle die Verbindung her.«

Sofort erschien das abstrakte Symbol auf einer der Bildsphären in der Nähe, als hätte der Allherrscher nur darauf gewartet, daß man ihn erneut kontaktiere. »Ich höre dich, Ren Dhark. Was liegt dir auf dem Herzen?«

»Sag uns, wie wir das Gerät benutzen müssen, um unserem Mann sein Bewußtsein zurückzugeben!« verlangte der Terraner ohne Umschweife.

Ein leises, absurd angenehmes Lachen, das allen Anwesenden in der Medizinischen Abteilung ein Kribbeln im Nacken verursachte, ertönte aus den Schallfeldern. »Judd Farell muß nur mit dem Gerät zusammengebracht werden. Alles weitere ergibt sich automatisch«, erklärte der Allherrscher freundlich.

Dhark zog skeptisch die Augenbrauen zusammen. Es kam ihm irgendwie merkwürdig vor, daß es so einfach sein sollte. »Verstanden. – Checkmaster, Verbindung trennen!«

Das Symbol mit den drei ineinander verwobenen geometrischen Figuren verschwand wieder.

Nachdenklich schüttelte der Commander den Kopf. Eigentlich hätte er sich freuen müssen, aber statt dessen warnte ihn sein Gefühl vor Unachtsamkeit. Hier ging es um Leben und Tod eines Individuums, das in diesem Fall über das Bewußtsein definiert wurde. Eine falsche Entscheidung, und Judd Farell würde es nicht mehr geben!

Dhark brauchte dringend eine zweite Meinung. »Darnok, weißt du, was es mit dem Gerät auf sich hat?«

Der Worgun in Saltergestalt sah den Commander groß an. »Nein!« rief er erschrocken. »Woher denn bitte? Fragen Sie lieber die Glandaren!« Anklagend deutete er auf den Rebellenführer.

»He! Was willst du damit andeuten?« maulte Fynn sichtlich erbost. »Ihr habt diese Dinger doch erfunden!« Er erwiderte die Geste mit seinem eigenen blauen Finger, den er auf Darnok richtete, als dächte er daran, den Worgun mit diesem aufzuspießen.

»Ist das wahr?« fragte Dhark ungläubig.

Darnok schluckte. Kleinlaut gab er zu: »Vor einigen Jahren haben wir einmal solche dünnen, hochfesten Unitallfolien entwickelt und auch Mikroantriebe. Es ist durchaus möglich, daß sie für das Gerät verwendet worden sind.« Er schluckte erneut und funkelte den Glandaren finster an. Dann betonte er mit lauter, fester Stimme, damit es bloß niemandem entging: »Mit dem kompletten Fänger haben wir aber trotzdem nichts zu tun!«

»Wir auch nicht«, beharrte Fynn und stemmte beide Arme gegen die athletisch schmalen Hüften. »Was erlaubst du dir also solche Anschuldigungen?«

»Ich habe niemanden beschuldigt«, behauptete Darnok. »Allerdings ist es kein Geheimnis, daß die Glandaren ebenso fleißig geforscht haben wie wir.«

»Na und? Nur weil wir einmal einen Quantenspeicher in unseren Forschungseinrichtungen entwickelt haben, heißt das nicht, daß wir für diese üblen Maschinen verantwortlich sind.«

»Was für ein Quantenspeicher?« wollte Dhark wissen. Er konnte diesem Streitgespräch nicht ganz folgen.

»Ein Datenspeicher mit besonders großer Kapazität«, erklärte Fynn. »Theoretisch könnte man darin sogar die gigantische Datenmenge eines kompletten Bewußtseins speichern. Vermutlich werden wir Glandaren deshalb von diesem Worgun verdächtigt. Aber ich kann dir versichern, Dhark, daß uns nichts ferner gelegen hätte. Ich bekämpfe schon seit Jahren die Imaginarien, die mein Volk süchtig machen. Glaubst du etwa, wir würden etwas entwickeln, das uns selbst schadet?«

»Nein«, sagte Dhark. »Das glaube ich nicht. Aber was sind Imaginarien?« Irgendwie fühlte er sich dumm, weil er ständig nachfragen mußte. Wenn er das nicht tat, würde er die Antworten allerdings nie erfahren, also sprang er lieber über seinen eigenen Schatten.

Geduldig erklärte ihm der Glandare, was Imaginarien waren und in welchem Zusammenhang sie mit den Gedankenfängern standen.

»Wahrscheinlich stecken die Napja hinter der Entwicklung dieser Geräte«, mutmaßte Tem Tholt. »Denen ist so etwas zuzutrauen.«

Fynn Ahnzamt, Jinders Fruhn, Loik Pedrass und Darnok nickten zustimmend. Erstmals waren sie sich einig.

»Wer sind denn die Napja?« fragte der weißhaarige Terraner irritiert. Jetzt kam er sich endgültig vor wie ein wißbegieriger Schuljunge, der seine Lehrer mit Fragen löcherte.

»Das ist ein kleines Volk, das in relativer Nähe zu unserem Wohnbereich ein paar Asteroiden bevölkert«, klärte ihn der Worgun gelassen auf.

»Wie viele Völker gibt es hier denn noch?«

»Zahlreiche. Worgun, Glandaren, Salter, Stacwa, Napja…« Er zählte alle Bewohner des Weltenrings so schnell auf, als hätte er sie irgendwann einmal auswendig gelernt. Es hätte niemanden verwundert, wenn er auch noch die genaue Bevölkerungsanzahl hätte nennen können.

»Was ist mit Utaren?« erkundigte sich Dhark, obwohl er die Antwort im Grunde längst kannte. Es war unwahrscheinlich, daß es sie hier gab. Was hätten ihre Artgenossen im Weltenring dazu gesagt, wenn vor ihrer Nase die Sonne ihres Heimatplaneten zerstört würde?

»Was ich nicht aufgezählt habe, gibt es hier nicht«, erklärte Darnok mürrisch. »Wie dem auch sei… Jedenfalls sind alle Völker in abgeschottete Wohnbereiche eingeteilt, wobei wir Worgun und die Glandaren die beiden größten bewohnen.« Er verfiel allmählich in einen Plauderton, als hörte er sich selbst gern reden. Da er zum Glück mit interessanten Informationen aufwarten konnte, ließ man ihn gewähren. »Die Kommunikation zwischen den Völkern ist nicht besonders ausgeprägt, weil der Allvaters sie nicht gern sieht. Zu enger Kontakt wird mit dem Entzug von Ressourcen bestraft. Was ›zu eng‹ bedeutet, liegt allerdings im Ermessen des Allvaters. Der letzte bekannte Fall liegt schon ein paar Jahrhunderte zurück. Seitdem weiß wohl jedes Volk, daß man sich besser an die Gebote hält.«

»Das klingt alles sehr eigenartig«, brummte Doorn skeptisch. »Welchen Nutzen sollte der Allherrscher von einer Isolation der Völker haben?«

»Er fördert die Forschung ungemein und vergibt manchmal ganz spezielle Forschungsaufträge«, erläuterte der Worgun. »Vielleicht will er einfach nur nicht, daß etwas davon in falsche Hände gerät.«

»Was für falsche Hände?«

»Das war doch nur eine Vermutung! Ich habe keine Ahnung, was seine Intention bei dem Erlaß solcher Gebote sein könnte. Letztlich wissen wir nur, daß alle Forschungsergebnisse stets in Kopie an ihn gehen müssen. Das ist das alleroberste Gebot.«

Chris Shanton nickte schon die ganze Zeit über bei nahezu jedem Wort, als hätte Darnoks Bericht seine Vermutungen nur bestätigt. Ab und zu brummte er vor sich hin, bis Arc Doorn ihn fragend ansah. Der Ingenieur räusperte sich daraufhin und kratzte sich verlegen am Kinn. »Das klingt mir alles sehr danach, als ob diese Erfindungen irgendwo in einer unbekannten Zentrale gesammelt und kombiniert würden. Anders ist dieses Verhalten nicht zu erklären. Möglicherweise will der Allherrscher nicht, daß andere den höheren Sinn der einzelnen Komponenten erkennen, und läßt sie dementsprechend nur an Puzzleteilen arbeiten.«

Doorn stimmte ihm zu. »Die Idee hatte ich auch. Fragt sich nur, wo sich diese Zentrale befindet.«

»Wer lebt eigentlich in dem Zentrumsplaneten des Weltenrings?« fragte Dhark die Bewohner der Allwelt.

Pedrass schüttelte seinen klobigen blauen Echsenkopf mit der sehr kurzen Schnauze und den gelben Augen. »Möglicherweise der Allherrscher?« spekulierte er schulterzuckend.

»Um ehrlich zu sein«, bekannte Fruhn, »ist noch nie jemand dort gewesen.«

Und Fynn ergänzte: »Jedenfalls gibt es keinerlei Überlieferungen darüber.«

Tholt nickte nur.

»Gut«, sagte Dhark, »dann haben wir jetzt immerhin einen ersten Anhaltspunkt.«

Er betrachtete stirnrunzelnd die kleine Bildkugel der Medostation, die eine Miniaturdarstellung des Weltenrings zeigte, die längst nicht so spektakulär war wie die der Bildkugel in der Zentrale. Nichtsdestotrotz ging dort draußen im Weltall irgend etwas vor, das sie hoffentlich bald begreifen würden. In wenigen Tagen würde der vom Weltenring erzeugte Fraßschlund die Sonne Garaboldons erreicht haben und, falls die Drohungen wirklich stimmten, diese vernichten.

Die Minuten verstrichen unaufhaltsam, und Judd Farell lag noch immer im künstlichen Koma.

Als hätte der Checkmaster Dharks Gedanken gelesen, erklärte dieser: »Ich habe die Botschaft des Allherrschers analysiert und für glaubwürdig befunden.«

»Also führt kein Weg daran vorbei«, sagte Dhark entschlossen. Er nickte Manu Tschobe zu, der daraufhin das kleine, erstaunlich leichte Gerät, dessen Unitalloberfläche unter der Beleuchtung violettblau schimmerte, in den dunklen Isolierraum brachte. Kaum näherte er sich Farells regloser Gestalt, zuckten die fünfzehn dünnen Beinchen unter dem kugelrunden Ball, der mit einemmal aktiv wurde. Tschobe spürte einen leichten Druck in seinen Händen und ließ das Gerät los, welches daraufhin in die Höhe schwebte und direkt auf Farells Kopf zuflog, über dem es sich niederließ. Die Beinchen klappten ein und umklammerten den Kopf.

Einige Sekunden lang geschah gar nichts, was Dhark schon etwas nervös werden ließ. Doch dann klappten die Beine wieder auseinander, und das Gerät fiel zur Seite, auf die Liege und von dort auf den Boden, wo es wie ein Ball davonrollte, an der Wand abprallte und nach einigen weiteren kreisenden Bewegungen zum Stillstand kam. Eine dünne Rauchschwade entstieg der Maschine, deren Oberfläche noch immer unbeschädigt war.

In diesem Moment begannen sich Farells Augen unter den geschlossenen Lidern zu bewegen. Tschobe schaltete ein Dämmerlicht in der dunklen Kammer ein, woraufhin der Patient zu blinzeln begann und schließlich einen langen Seufzer ausstieß wie jemand, der aus einem langen, erholsamen Schlaf erwachte. Er rollte sich zur Seite, was allerdings von den Schläuchen, die an ihn angeschlossen waren, um seine Lebensfunktionen zu erhalten, behindert wurde. Irritiert öffnete er die Augen und erblickte Tschobe, Dhark, Shanton, Doorn, Darnok, Erkon und seine Leute, sowie einige Fremde, die die Liege umstellt hatten und ihn mit prüfendem Blick bemaßen. Es kam ihm vor, als wäre er tot und sein Leichnam wäre nun von Abschiednehmenden umringt. Aber er fühlte sich eigentlich sehr lebendig.

Erschrocken zuckte er zusammen. »Was… was ist passiert?« wollte er mit bebender Stimme wissen. Es gefiel ihm nicht, daß er hier so hilflos wie auf einem Präsentierteller lag.

»Sie lagen im Koma«, erklärte Tschobe mit freundlicher Stimme und drückte den geschwächten Mann zurück auf die Liege. Mit einer wedelnden Handgeste scheuchte er die Umherstehenden aus dem Raum und löste dann vorsichtig die Schläuche. Mit einer Taschenlampe leuchtete er dem stoppelbärtigen Farell sachkundig in die Augen, maß die Pulsfrequenz und stellte einige Fragen zu seinem Befinden.

»Mir geht es gut«, beharrte der eben Erwachte mit krächzender Stimme. Seine Kehle mußte völlig trocken sein. Hastig trank er das Glas Wasser, das ihm gereicht wurde. »Kann mir mal jemand erklären, was passiert ist?«

»Sie erinnern sich nicht?« wollte Dhark, der den Raum wieder betreten hatte, wissen.

»Würde ich sonst fragen?« konterte Farell gereizt. »Wie lang war ich weg?«

»Nur ein paar Stunden. Dieses Gerät dort« – er deutete rückwärts mit dem Daumen aus der Tür, wo in Sichtweite Shanton stand, der den kugelrunden Gedankenfänger in seinen großen Händen hielt und neugierig in alle Richtungen drehte – »hat Ihnen das Bewußtsein ausgesaugt. Zum Glück haben wir einen Weg gefunden, dies rückgängig zu machen.«

»Hm.«

»Erinnern Sie sich an irgend etwas?«

»Nein. Ich weiß nur noch, daß ich gerade eben noch auf Garaboldon war, und jetzt bin ich plötzlich hier.«

»Aber Sie erinnern sich sonst an alles?«

Farell schaute Dhark finster an. »Ja«, antwortete er barsch. »Ich fühle mich normal und bei bester Gesundheit; abgesehen von einer leichten Müdigkeit.« Mehr wagte er nicht zu sagen, obgleich man ihm bereits deutlich ansah, daß er die Fragerei allmählich satt hatte.

Erkon, der Wortführer der Worgunmutanten, mischte sich in weiser Voraussicht ein. »Ich denke, der Mann braucht jetzt seinen Schlaf, Dhark.«

Es ging ihm dabei allerdings weniger um Farells Wohlergehen als um die Tatsache, daß er dieses Problem hier als abgeschlossen betrachtete und sich nun endlich wieder den wirklich wichtigen Dingen widmen wollte.

Schließlich wollte er noch in diesem Leben zur sogenannten Schranke von Orn gelangen. Er hatte nicht die Muße – obwohl er als Worgunmutant eine Lebenserwartung von rund 10 000 Jahren und damit viel Zeit hatte –, Quasi-Totgeglaubte so ausgiebig wie Dhark zu ihrer Rückkehr ins Leben zu beglückwünschen. Doch all das verschwieg er natürlich höflich und kratzte sich lediglich an der kurzen Schnauze der Glandarengestalt, die er angenommen hatte und die ihn bis ans Ende seines Lebens begleiten würde.

»Es tut mir leid, daß ich Sie so bedränge, Farell«, entschuldigte sich der Commander, der einfach viel zu erleichtert war, um an die Aufgaben, die ihn gleich erwarten würden, zu denken. »Wir haben uns wirklich Sorgen um Sie gemacht. Um ein Haar hätten wir Sie verloren.«

»Schon gut«, winkte Farell ab und zwang sich zu einem Lächeln, das ihm nicht recht gelingen mochte.

Manu Tschobe, der schwarze Arzt, ergriff die Initiative und begleitete alle Neugierigen, die hier im Raum nichts verloren hatten, schnell hinaus und schloß die Tür hinter sich, damit der Patient endlich Erholung finden konnte.

»Geht es ihm wirklich gut?« fragte Dhark besorgt. Er konnte noch immer nicht ganz glauben, daß sich dieser mysteriöse Allherrscher so kooperativ gezeigt hatte.

»Ja, Commander. Er wird wohl keine bleibenden Schäden davontragen. Aber jetzt braucht er einfach nur seine Ruhe. Sie werden sehen, in ein paar Stunden ist er wieder ganz der alte.«

*

Mit Dharks Erlaubnis nahmen Shanton und Doorn das defekte Gerät mit in die Forschungsabteilung, wo es ausgiebig durchleuchtet und anschließend vorsichtig auseinandergenommen wurde.

Fynn und seine Leute durften nach einigem Betteln ebenfalls anwesend sein, woraufhin selbstverständlich auch Darnok nicht hinten anstehen wollte.

Alle waren neugierig; insbesondere jene, die auf irgendeine Weise an dem Ding mitgewirkt hatten.

Doch zu sehen gab es nichts mehr. Die Enttäuschung war groß, denn die Innereien des Gedankenfängers waren längst zu einem Schlackeklumpen zusammengeschmolzen, so daß es keinen einzigen Anhaltspunkt mehr über die ursprüngliche Funktionsweise gab.

Die Glandaren und der Worgun beobachteten einander heimlich in der Erwartung, irgendeine verdächtige Regung im jeweils anderen Volk zu sehen.

»Tja, das war es dann wohl«, brummte Doorn enttäuscht. »Schade. Ich hätte wirklich zu gern gewußt, was sich so alles unter der Unitallhaut verborgen hielt.«

»Da bist du nicht der einzige«, bekannte Shanton und stocherte mit einer Pinzette in dem grotesken Klumpen herum, der gut in einem Museum für abstrakte Kunst hätte stehen können. Gleichzeitig griff er mit der linken freien Hand nach der halbvollen Colaflasche, um seinem in solchen Frustsituationen gern aufkeimenden Appetit auf Cognac zuvorzukommen.

Die Kohlensäurebläschen, die angenehm über seinem bartfreien Kupidobogen prickelten, brachten ihn zum Glück auf andere Gedanken.

Als er die zuckersüße Limonade wieder abgestellt hatte, kam ihm plötzlich eine Idee in den Sinn. »Sag mal, Arc, erinnerst du dich eigentlich noch an die Sache mit den verbotenen Sensorien der Robonen?«

Doorn zog verwirrt die Augenbrauen zusammen.

»Das ist schon ein paar Jährchen her«, erklärte Shanton, während er ein extrahiertes Klümpchen auf eine saubere Platte legte, die er unter ein Mikroskop schob. »Ich glaube, das muß etwa im Frühjahr 2059 gewesen sein. Da war doch so ein bekannter Reporter… wie hieß der doch gleich?«

»Meinst du Bert Stranger?« Der Rothaarige konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. Der gute Mann hatte immerhin vor etwa drei Jahren eine Biographie über den Worgunmutanten in Gestalt eines Terraners verfaßt, die bis heute noch nicht veröffentlicht worden war.

»Ja, genau den«, bestätigte Shanton und nickte sinnierend. »Damals waren doch diese undurchsichtigen Brillen im Umlauf, mit denen man zuvor aufgenommene Szenen abspielen konnte. Man hatte den Eindruck, man wäre direkt dabei. Und dann gab es da noch diese Suchtchips, die die Erlebnisse noch intensivierten.«

»Stimmt«, sagte Doorn. »Jetzt wo du es sagst. Aber ich wüßte jetzt nicht, was das eine mit dem anderen zu tun hätte. Bei den Sensorien ging es ja fast ausschließlich um Drogenräusche und Sex-Erlebnisse. Abgesehen davon sind die Gedankenspender nicht gestorben. Diese Gedankenfänger nehmen sich aber wahllos alles, was ihnen unter die Beinchen kommt.«

Shanton nickte. »Genau das gibt mir ja zu denken! Kannst du uns da vielleicht auf die Sprünge helfen, Fynn?«

Der glandarische Forscherkrieger zuckte mit den Schultern. »Tut mir leid, da kann ich nicht mitreden. Ich kenne keine Sensorien.«

»Aber du kennst doch die Gedankenfänger.«

»Nur bedingt«, gab er zu. »Eigentlich sind mein Spezialgebiet eher Imaginarien. Der einzige Zusammenhang, den ich sehe, ist der, daß die Völker hier im Ring auch nur mit belanglosen sexuellen Räuschen bei der Stange gehalten werden.« Er streckte den blauen Finger aus, um das defekte Gerät zu berühren, zuckte jedoch im letzten Augenblick wieder zurück, als hätte er Angst davor, daß es sich wieder reaktivieren könnte. »Wenn ich mir den Gedankenfänger jetzt aber so ansehe, kann ich mir gut vorstellen, daß in den Imaginarien nur minderwertige Ausschußware vorgestellt wird. Vermutlich behält der Allvater das Beste für sich selbst.«

Shanton blinzelte, um wieder eine klare Sicht zu bekommen, nachdem er so lange erfolglos durch das Mikroskop gestarrt hatte, und wischte sich die schweißnasse Stirn mit einem zerknitterten Stofftuch ab, das daraufhin wieder in seiner Hosentasche verschwand. »Ich weiß nicht recht«, murmelte er. »Irgendwie kommt mir das alles sehr merkwürdig vor. Fast schon… unlogisch.«

»Das finde ich auch«, unterstützte ihn Doorn und schaute mißtrauisch auf den etwa zwölf Zentimeter kleineren Glandaren herab. »Vor nicht einmal einer halben Stunde habt ihr, du und Darnok, noch behauptet, daß der Allherrscher die Forschung fördere. Warum sollte er plötzlich derart gefährliche Suchtmittel in Umlauf bringen wollen, die zur allgemeinen Verdummung führen?«

Die Glandaren blickten demonstrativ zu Darnok, der sein blasses Saltergesicht unwillig verzog. »Na ja«, begann der Worgun langsam und wich den Blicken der Anwesenden aus. »Das ist eigentlich eine etwas längere Geschichte.«

»Sehr gut«, sagte Shanton, klatschte in die Hände und machte sich daran, Dhark in der Zentrale zu kontaktieren. »Der Commander brennt bestimmt schon darauf, endlich mehr über die Vorgänge hier zu erfahren.«

»Eigentlich hatte ich nicht vor, die zu erzählen«, versuchte sich Darnok herauszureden. »Das dauert doch viel zu lange und ist außerdem völlig irrelevant. Haben wir nichts Wichtigeres zu tun?«

»Das läßt du lieber mich entscheiden«, entgegnete Dhark, dessen Konterfei mit ernster Miene in der 30 Zentimeter durchmessenden Bildsphäre erschien. »Du hast uns hierher gelockt, damit wir dir helfen. Jetzt tu auch bitte etwas dafür!« Eilig beraumte er eine Konferenz in der Medostation an. Die anderen sechs ließen sofort von dem zerstörten Gedankenfänger ab und begleiteten den Worgun wie ein Haufen Schaulustiger kurz vor einer Hinrichtung.

Darnok wurde höflich ein Platz angeboten, auf den er sich setzte, während alle jede seiner Bewegungen aufmerksam verfolgten, als wäre er plötzlich ein gefährlicher Verbrecher.

Trotzig schürzte er die rosigen Salterlippen, und dann begann er widerwillig zu erzählen.

2.

»Die Ereignisse liegen nun schon etwas mehr als einhundert Jahre zurück. Damals haben wir nach einer Methode gesucht, um die Seelen anderer Wesen zu analysieren, damit wir uns unerkannt in fremder Gestalt durch die Sphären bewegen konnten. Unser Aussehen zu verändern war für uns natürlich kein Problem. Doch was nützt es, wenn wir zwar äußerlich Glandaren, Stacwa, Salter oder was auch immer sind, uns aber nach wie vor wie Worgun verhalten? Das hätte uns sofort verraten! Wie schon erwähnt duldet der Allvater keinen allzu engen Kontakt mit anderen Völkern.

Also hatten wir mehr oder weniger heimlich geforscht und waren schließlich in der Lage, Kopien von Bewußtseinsvorgängen anzufertigen. Aber daraus ließen sich leider keine echten Verhaltensmuster ableiten. Es handelte sich dabei nur um Augenblickssituationen; vergleichbar mit euren robonischen Sensorien, wenn ich das vorhin richtig verstanden habe. Wir aber brauchten das, was dahintersteckte, – das, was man nicht sehen, hören oder fühlen kann. Das, was nicht einmal mit dem Verstand zu begreifen ist. Wir waren quasi auf der Suche nach dem Geist eines Wesens, wenn man es so nennen will.

Uns blieb nichts anderes übrig, als uns an den Allvater zu wenden, der, wie sich schnell herausstellte, sowieso längst über alles im Bilde war. Zu unserem Erstaunen bestrafte er uns nicht für unser offensichtliches Vergehen, obwohl wir eigentlich damit gerechnet hatten. Er zeigte im Gegenteil höchstes Interesse an unserer Forschung und unterstützte uns, indem er uns zum Tode verurteilte Angehörige verschiedener Völker aus den anderen Asteroiden als Forschungsmaterial zur Verfügung stellte.

Trotzdem es unter den Worgunforschern anfänglich Bedenken gab, nahmen wir das Angebot des Allvaters, welches genaugenommen ein Befehl war, an. Im Grunde hatten wir seither nie mehr eine andere Wahl gehabt, was unsere Wesensforschungen betraf.

Immerhin machten die Todeskandidaten freiwillig mit, denn es war ihnen zugesichert worden, daß man sie auf einer unbewohnten Sauerstoffwelt aussetzen würde, sollten sie die Versuchsreihen überleben. Das war überaus großzügig vom Allvater. Alle waren zufrieden, und wir konnten beruhigt ans Werk gehen.

Monate später gelang es uns dann endlich, eine allererste Komplettkopie eines Bewußtseins anzufertigen. Doch leider starb derjenige, an dem wir unser Gerät ausprobiert hatten. Wir bemühten uns, den Gedankenfänger zu verbessern mit dem Ziel, daß der Spender überlebte. Der Allvater förderte uns weiterhin, indem er uns von anderen Völkern des Rings entwickelte Spezialbauteile lieferte. Obwohl unser Gerät immer besser wurde, starb ein Todeskandidat nach dem anderen; ganz gleich von welchem Volk er war. Aber das war das Risiko, um das sie wußten, als sie sich für unsere Versuche zur Verfügung gestellt hatten. Wir hatten uns bemüht, möglichst verlustfrei zu arbeiten, aber mehr als das konnten wir nicht tun.

Auf unserer Seite gab es allerdings ebenfalls herbe Rückschläge. Zirkodon war einer der ersten Worgun, der sich für die Erprobung eines eingefangenen Bewußtseins zur Verfügung stellte. Er verwandelte sich in einen Glandaren und konsumierte in dieser Gestalt das Bewußtsein eines glandarischen Serienmörders am Imaginarium. Er hoffte, in der Echsengestalt besonders empfänglich zu sein für das Erlebnis eines Echsenbewußtseins. Zuerst waren alle ganz begeistert, weil sich Zirkodon als Glandare anschließend so authentisch verhielt, daß selbst Angehörige jenes Volkes das Spiel nicht durchschauten. Zirkodon lebte eine Weile als Glandare unter Beobachtung, und alles schien perfekt. Unsere Forscher feierten schon ihren Erfolg, als sich plötzlich die ersten Nebenwirkungen zeigten.

Zuerst fielen die Kameras in Zirkodons Raum aus. Niemand dachte sich etwas dabei, da sich Zirkodon völlig friedlich verhielt. Da die Beschaffung der Ersatzteile einige Zeit brauchte, war der Worgun zwischenzeitlich unbeaufsichtigt. Er nutzte die Gelegenheit, als ein Arzt und sein Assistent zu einer Routineuntersuchung vorbeikamen. Er überwältigte beide, wobei er den Assistenten mit einem gezielten Schlag in die lebenswichtigen Organe tötete; – mit einer Technik übrigens, für die der Spender des Bewußtseins berüchtigt war. Den Arzt hingegen ermordete er brutal mit einer einzigen Spritze, indem er mehr als hundertmal auf ihn einstach. Die beiden Worgun wurden erst einige Zeit später gefunden von dem Wachpersonal, das angeblich nichts gehört und gesehen haben wollte, obwohl der Arzt regelrecht gefoltert worden war und entsprechend geschrien haben mußte, ehe er gestorben war.

Von Zirkodon war keine Spur mehr zu finden.

Er wandelte stundenlang wie ein Geist durch die Forschungseinrichtung. Einzig eine Fährte von Leichen zeugte von seiner Anwesenheit.

Nur durch puren Zufall konnte er gefaßt werden, als eine Gruppe von Wachleuten quasi über ihn stolperte, als er sich gerade erholte. Schnell betäubten sie ihn, damit er nicht noch mehr Unheil anrichten konnte, brachten ihn zurück und verschärften die Sicherheitsbedingungen für den Versuchsworgun um ein Vielfaches. Ohne die geistige Kontrolle seines betäubten Gehirns nahm sein Körper wieder die normale Worgungestalt an.

Insgesamt 16 Leute hatte Zirkodon als Glandare kaltblütig ermordet. Als er aus der Betäubung erwachte, konnte er gar nicht glauben, daß er das getan haben sollte.

Aber als er wieder die Gestalt eines Glandaren annahm, da kehrten die Sucht nach weiteren Sitzungen am Imaginarium, das Verlangen nach Gewalt und die Mordgedanken wieder zurück. Er beschrieb dieses Gefühl fasziniert als einen unstillbaren Hunger, als unbändiges Verlangen nach Fleisch und Blut in den absurdesten Phantasien, so daß einem übel davon werden konnte. Als Worgun hingegen stand er diesen Eindrücken ablehnend gegenüber und verspürte auch nicht das Bedürfnis, sich weiteren Sitzungen am Imaginarium zu unterziehen.

Trotzdem unterzog er sich freiwillig noch weiteren Versuchen mit den Bewußtseinsinhalten von Angehörigen anderer Völker, deren Gestalt er vorher jeweils annahm. Er wollte genau wie wir wissen, ob dieses Erlebnis mit dem glandarischen Serienmörder nur ein Einzelfall war. Doch dem war nicht so. Jedesmal übernahm er im verwandelten Zustand das gesamte Bewußtsein des jeweiligen Gedankenspenders, also auch dessen verbrecherische Neigungen.

Zirkodon lernte zwar, sich auch ohne Betäubung wieder in seine Ursprungsgestalt zurückzuverwandeln, wodurch er von den dunklen Trieben frei wurde, doch sobald er sich wieder in eine jener Versuchsgestalten verwandelte, ging es auch wieder von vorne los. Mehrfach verlangte er, daß man nach einem Weg suchte, diese Verhaltensmuster wieder aus seinem Kopf herauszubekommen, doch wir schoben die Bearbeitung seines Wunsches immer weiter auf. Wir dachten, daß sich dieses Problem mit der Verbesserung unserer Gedankenfänger von selbst erledigen würde.

Eines Tages fand man Zirkodon tot in seinem Raum. Wahrscheinlich waren ihm die ganzen Bewußtseinsexperimente über den Kopf gewachsen. Er hatte sich erschossen. Niemand wußte, wie er überhaupt an die Waffe gekommen war.

Nach seinem Freitod haben wir alle weiteren Versuche mit dem Gedankenfänger und dem Imaginarium eingestellt. Für einen unverwandelten Worgun war das Erleben eines Imaginariums nämlich nicht nur absolut folgenlos, sondern auch überaus langweilig. Wir konnten uns einfach nicht in die Lebensweisen niederer Völker einfühlen. Also hatten weitere Forschungen auf dem Gebiet keinen Sinn mehr für uns, da wir andere Völker nur imitieren, nicht aber so werden wollten wie sie.

Wir teilten dies dem Allvater mit, der uns keinen Vorwurf deswegen machte. Immerhin hatte er ja alle Forschungsergebnisse inklusive Bauanleitungen in Kopie erhalten und einen fertigen Gedankenfänger mit Imaginarium obendrein. Unsere Begründungen und persönlichen Ansprüche interessierten ihn nicht. Er schien auch so zufrieden zu sein, was gut für uns war.

Später erfuhren wir hinter vorgehaltener Hand von merkwürdigen Überfällen durch fliegende Objekte auf Bewohner fremder Planeten und ganze Raumschiffsbesatzungen. Wir wußten sofort, daß der Allvater offenbar selbst Gedankenfänger produziert hatte, und ahnten, daß er, wie es sich schon bei Zirkodon in seiner verwandelten Gestalt gezeigt hatte, süchtig nach fremden Erlebnissen geworden war.

Nur einige Zeit später tauchten die ersten Imaginarien bei anderen Völkern im Weltenring auf, die angeblich vom Allvater selbst in Umlauf gebracht worden waren, wie man munkelte. Ganz offenbar handelte es sich bei den verteilten Bewußtseinserlebnissen aber nur um ›Abfallprodukte‹ seiner Beutezüge, was jedoch niemand außer uns wußte.

Einzig wir Worgun sind davon verschont geblieben, und wir machen uns seitdem große Vorwürfe, weil wir diese schrecklichen Geräte entwickelt haben. Aber wir konnten uns schlecht gegen den allmächtigen Herrscher auflehnen, also haben wir geschwiegen und gehofft, daß das bald wieder vorbeigehen würde.«

*

All jene, die in der POINT OF Darnoks Bericht gelauscht hatten, schwiegen noch eine Weile, um die schwere Kost sacken zu lassen.

Insbesondere Ren Dhark mit seiner hohen Meinung von den Worgun war geradezu entsetzt darüber, daß die Forschungen nicht schon dann abgebrochen worden waren, als sich die gefährlichen Konsequenzen am Horizont abgezeichnet hatten. Er konnte nicht verstehen, wieso die Versuche weitergeführt worden waren, obwohl man genau gewußt hatte, daß jeder Gedankenspender starb.

Die Worgun hatten es einfach als unvermeidbar hingenommen und munter weitergemacht, sich ihren eigenen egoistischen Zielen gewidmet und dafür großzügig Verluste von Leben in Kauf genommen.

Dhark war es egal, ob es sich bei den Versuchskaninchen um Todeskandidaten gehandelt hatte, denn sein oberstes Gebot war, grundsätzlich jedes Leben zu schützen. Er fragte sich, ob die Freiwilligen überhaupt gewußt hatten, daß die Todesrate bei 100 Prozent lag, oder ob man ihnen nur die Freiheit in Aussicht gestellt und alles weitere verschwiegen hatte. Doch das wagte er lieber nicht zu fragen.

Fynn funkelte den Worgun mit seinen stechend gelben Augen angewidert an.

Soeben waren seine Behauptungen, die er vorhin geäußert hatte, bestätigt worden.

Daß derjenige, der für die Sucht seines ältesten Sohnes verantwortlich war, nur wenige Schritte von ihm entfernt stand, verstärkte den Drang, Darnok stellvertretend für die Verbrechen seines Volkes zu erwürgen. Wenigstens wollte er die Saltergestalt aus dem Kerl herausprügeln, damit der Worgun sein wahres, häßliches Aussehen zeigte, mit dem sich Fynn weniger identifizieren konnte.

Darnok blieb standhaft trotz der teils vorwurfsvollen, teils mitleidigen, teils nichtssagenden Blicke. Nicht einmal die Worgunmutanten Doorn, Erkon und die anderen vier zeigten eine Spur von Verständnis.

»Uns brauchst du gar nicht so anzusehen«, meinte Aplika, eine der befreiten Mutanten. »Wir halten nichts von Experimenten an Lebenden.«

»All das ist doch auf freiwilliger Basis passiert!« empörte sich Darnok. »Wir haben niemanden gezwungen mitzumachen!«

»Das vielleicht nicht«, erwiderte Greco, »aber ihr habt den Leuten falsche Hoffnungen gemacht.«

»Nein. Der Allherrscher hat ihnen eine Sauerstoffwelt versprochen!«

»Ha!« lachte Aplika schrill auf. »Das glaubst du doch wohl selbst nicht. Warum sollte der Allherrscher Serienmördern und anderen Verbrechern einen eigenen Planeten in Aussicht stellen, während sich die übrigen Bewohner des Weltenrings mit ihren Asteroiden zufriedengeben müssen?«

Betel nickte. »Genau. Dieser Logik nach würde der Allherrscher signalisieren, daß es sich lohnt, Verbrechen zu begehen, weil man dafür auch noch belohnt wird. Das war gewiß nicht in seinem Sinne. Er muß gewußt haben, daß niemand überleben würde. Und ihr wußtet es ebenfalls.«

»Woher denn?« versuchte sich der Worgun kläglich zu verteidigen. »Außerdem hat der Allvater es versprochen. Warum sollten wir daran zweifeln?«

»Du schiebst nur die Verantwortung von dir«, bemerkte Chilak. »Selbst jetzt noch. Ich finde das erbärmlich.«

Darnok rümpfte beleidigt die schlanke Nase. »Warum hackt ihr jetzt alle auf mir herum? Ich habe doch gesagt, daß ich darüber nicht sprechen will. Aber Ren Dhark hat mich gezwungen! Das habe ich jetzt davon! Vielen Dank auch!«

»Geschieht dir ganz recht«, fauchte Fynn.

Bevor die Vorwürfe weiter ausarteten, hielt es Dhark für sinnvoll, einen Schlußstrich zu ziehen. Es tat ihm noch immer in der Seele weh, daß ein Worgun zu solchen Greueltaten in der Lage war, doch nichts war perfekt. »Ich denke, wir sollten das Thema jetzt abschließen. Das Wichtigste ist, daß wir nun wissen, wo die Gedankenfänger ihren Ursprung haben und daß der Allherrscher mit ihnen seine Spielchen treibt. Daß Darnoks Leute diese Geräte maßgeblich entwickelt haben, ist trotz allem auch ein Vorteil für uns. Vielleicht brauchen wir sein Wissen darüber in absehbarer Zeit noch einmal.«

»Ich zum Beispiel hätte noch eine Frage«, bekannte Doorn. »Wieso waren die Worgun eigentlich über meine Identität informiert?« Eine vage Theorie dazu hatte er schon, wollte sie jedoch bestätigt haben.

Darnok erklärte, daß man es vom Allvater wüßte.

»Und woher weiß der das?« fragte Dhark mißtrauisch.

»Wegen der Notabschaltung des Seelenfängers. Wir haben nämlich von Anfang an eine kleine Sicherung in unsere Konstruktionspläne eingebaut, die verhindert, daß sich unsere Erfindungen gegen uns selbst richten. Der Allvater hatte nichts dagegen.« Darnok zuckte mit den Schultern. Doch die Geste wirkte unbeholfen, als imitiere er sie nur, was auch der Fall war. Nichts lag einem Worgun, der in seiner Normalgestalt keine Schultern besaß, ferner, als mit diesen zu zucken. »Wann immer eines dieser Geräte auf einen Worgun in Fremdgestalt stößt, schaltet es sich automatisch ab. Wenn wir unverwandelt sind, visieren sie uns erst gar nicht an.«

»Also hat das Gerät ein Signal an den Allherrscher geschickt, als es auf Garaboldon auf einen Worgun gestoßen ist?« hakte Doorn nach.

»So ist es«, kam als Bestätigung. »Es hat ihn über Ihre Anwesenheit informiert.«

Fynn zog ein langes Gesicht. »Wieso läßt sich der Allvater denn bitte über die Anwesenheit eines Worgun informieren? Das kann ihm doch egal sein! Oder verhält sich das Gerät auch bei anderen Völkern so?«

»Nein«, antwortete Darnok unverblümt. »Ausschließlich uns gegenüber. Wenn du es genau wissen willst: Der Allvater hat nie Interesse daran gezeigt, daß diese Sicherung auch gegenüber Nicht-Worgun wirkt.«

Der glandarische Forscherkrieger blinzelte erst ungläubig, bevor ihm mit einem Schlag klar wurde, daß damit jegliche Hoffnungen zerschlagen waren. »Ich wußte es!« schrie er plötzlich und stürzte pfeilschnell auf den falschen Salter zu.

Seine drei Glandarenfreunde reagierten gerade noch rechtzeitig, stellten sich ihm in den Weg und hielten ihn fest, ehe er etwas tun konnte, das er später bereuen würde. Sie hatten ihre Wut weitaus besser im Griff als Fynn.

Dieser beschränkte sich nun auf böses Keifen. »Immer bevorzugt er euch! Warum nur? Ihr seid doch keinen Deut besser als wir!« Sein Schreien klang schrill, hart an der Grenze zum hysterisch Weinerlichen. Dann, von einer Sekunde auf die andere, hatte er sich wieder beruhigt. Pedrass, Fruhn und Tholt ließen von ihm ab.

Der Commander nutzte die Gelegenheit, um die Situation zu entschärfen, bevor sie wirklich eskalierte. »Fynn«, sagte er mit ruhiger Stimme, »die Sicherung war eine Idee der Worgun und nicht des Allherrschers.«

Der Angesprochene blinzelte erneut. Sein Blick wanderte einige Atemzüge lang unentschlossen zwischen Dhark und Darnok hin und her. Deutlich sah man, wie sich die Körperhaltung des Freizeitrebellen wieder entkrampfte und lockerer wurde.

»Nicht einmal die Worgun haben den Allvater jemals zu Gesicht bekommen«, erinnerte der weißblonde Terraner. »Eine Bevorzugung ist demnach reine Spekulation.«

Diesmal schien Fynn endgültig überzeugt zu sein und murmelte sogar so etwas wie eine Entschuldigung vor sich hin.

»Ich finde, wir sollten diesem Allvater unbedingt einmal einen Besuch abstatten«, meinte Arc Doorn, als Schweigen in den Konferenzraum der Medizinischen Abteilung eingekehrt war. Jetzt, da er wußte, daß irgendwo da draußen Informationen über ihn gespeichert waren, sah er dringenden Handlungsbedarf. Es gab zu viele Geheimnisse, von denen er nicht wollte, daß andere sie erfuhren. Sein Leben war schließlich kein offenes Buch, das lesbar war für jeden Interessierten. Er wollte selbst entscheiden, wem er was offenbarte. Und ein Unbekannter, der sich »Stimme der Gerechtigkeit« nannte, gehörte ganz sicher nicht zum Kreis der Bevorzugten, die er für einen Einblick in sein Leben in Erwägung zog.

Dhark nickte. »Der Meinung bin ich auch. Ich wundere mich sowieso schon die ganze Zeit, wieso nie jemand von euch bei ihm war.« Die unterschwellige Frage war selbstverständlich an die Bewohner der Ringwelt gerichtet, die im Namen einer Entität, die sie nur von der Stimme her kannten, übereinander herzufallen bereit waren – nur um klarzustellen, wen der Unbekannte nun lieber hatte.

»Der Allvater kann das Intervallfeld sperren, so daß ein Durchflug unmöglich ist.« Darnok machte eine vielsagende Geste, die den Raum und weitergedacht auch die POINT OF und die TERRA mit einschloß. »Ihr seht es ja selbst.«

»Und was ist mit den Unitallröhren, die ja nicht nur die Felsbrocken im Gürtel untereinander verbinden, sondern deren Speichen einen direkten Weg zum Kernplaneten bilden? Theoretisch könnte man doch über diese ins Zentrum des Weltenrings gelangen.«

Der Worgun seufzte. »Die sind natürlich auch abgesperrt.«

Dhark ließ die Schultern etwas hängen. Wenn nicht irgendein Wunder geschah, würden sie hier für immer festsitzen und den Launen eines Unbekannten ausgeliefert sein. Der Commander sah schon vor sich, wie seine geliebte POINT OF Stück für Stück auseinandergenommen würde. Die Heimreise rückte in weite Ferne.

Genau in diesem Augenblick geschah das erhoffte Wunder. Es offenbarte sich in Gestalt einer winzigen Echse, die zunächst von niemandem bemerkt wurde, als sie sich aus Loik Pedrass’ Rucksack zwängte. Erst als ihre feine Stimme verkündete, daß es sehr wohl einen Weg ins Zentrum gäbe, wurde man auf sie aufmerksam.

»Wer hat da gesprochen?« Ren Dhark sah verwirrt in die Richtung, aus der er die Stimme vernommen zu haben glaubte. Die anderen im Raum taten es ihm gleich.

Shanton schielte irritiert auf Jimmy, der zwischen den Beinen der Worgunmutanten herumstromerte, normalerweise aber ganz anders klang, wenn er sprach.

»Ich bin hier!« meldete sich das Kerlchen erneut und winkte mit seinen Ärmchen. »Hier drüben!«

Da endlich sahen ihn alle. Loik Pedrass lächelte. Er war der einzige, der sich von dem Kleinen nicht aus dem Konzept bringen ließ.

Auf der Schulter des blauen Glandaren ging der kleine Reptiloid optisch fast unter, doch hatte man ihn einmal entdeckt, konnte man seinen Blick nicht mehr abwenden. Seine matte, fliederfarbene Haut war mit kleinen purpurfarbenen Flecken übersät, und die im Vergleich zum Kopf riesigen ockerfarbenen Augen strahlten eine Entschlossenheit aus, die für sich genommen schon magisch anziehend war.

Dhark konnte sich als erster aus der Verwirrung befreien. »Was? Wer bist du denn?«

3.

Die Napja lebten in nur vier der größeren Asteroiden im mittleren Bereich des Rings. Sie bewohnten überwiegend spartanisch eingerichtete Häuser, die den Großteil der bebaubaren Fläche in den Aushöhlungen ausmachten. Die meisten der Häuser bestanden aus Kunststoff. Wer es sich jedoch leisten konnte, baute sich eines aus Holz. Anhand der Größe konnte man in der Regel das Ansehen und den Reichtum des jeweiligen Besitzers bestimmen.

Es gab drei Städte in drei Asteroiden. Zwei davon boten ein recht durchwachsenes Bild: kleine und große Häuser wechselten sich ab, zeugten vom beruflichen Glück ihrer Bewohner.

Die dritte Stadt, die Kaiserstadt, jedoch war anders. Sie war streng hierarchisch geordnet. Im Zentrum stand der riesige, prunkvolle Kaiserpalast aus Holz, dem Original auf dem Heimatplaneten der Napja nachempfunden (natürlich mit einigen Abstrichen). Er war mehrstöckig, teilweise in den Fels geschlagen worden und hatte zahlreiche Anbauten, die aus den Wänden herausragten. Zu seinen Füßen lag ein prächtiger Garten, in dem es so üppig grünte wie sonst nirgendwo im Weltenring.

Um den Palast herum befanden sich die großen Villen der hohen Militärfunktionäre mit etwas bescheideneren Gärten.

Den äußeren Stadtring teilten sich die Reichen, die nur auf eine Gelegenheit warteten, um näher an den Palast ziehen zu dürfen. Der Bauplatz wurde vom Kaiser persönlich zugeteilt, so daß der »normale« Napja niemals die Gelegenheit besaß, dort Fuß zu fassen, obwohl es Platz genug gab.

Im Gegensatz zu den anderen Wohnbereichen gab es hier keine Gewerbe- oder Industrieviertel, was ihn noch attraktiver machte. Hier zu wohnen war der Traum fast jeden Napjas.

Der vierte Asteroid war den großen Fabriken und Forschungseinrichtungen vorbehalten, die der ganze Stolz des Kaisers waren. Hier perfektionierten die Napja ihr natürliches Talent für Miniaturisierungstechnik.

Da die Reptiloiden mit einer Körpergröße von maximal zwanzig Zentimetern eher zu den Winzlingen zählten, reichte ihnen ein entsprechend kleiner Wohnbereich. Bei jedem anderen Volk wäre alles hoffnungslos übervölkert gewesen, nicht aber bei den Napja.

Neben ihrer technischen Begabung besaßen sie im Gegensatz zu den anderen Völkern zusätzlich die Fähigkeit, an Wänden und Decken zu laufen, was ganz neue Möglichkeiten der effizienten Raumausnutzung bot. Diesen Vorteil verdankten sie den feinen Härchen unter ihren Händen und Füßen, die mit dem Untergrund eine intermolekulare Wechselwirkung eingingen.

Der niederländische Physiker Johannes Diderik van der Waals hatte die Ursache für die Anziehungskraft zwischen unpolaren Molekülen vor fast 200 Jahren auf der Erde entdeckt, genauer gesagt im Jahr 1869, weshalb man dieses Phänomen später nach ihm benannte: Van-der-Waals-Kräfte. Bei Geckos, die einst auf TERRA gelebt hatten, bevor der Planet bis auf einen kleinen Streifen um den Äquator zugefroren war, hatte man diese Kräftewirkung nachgewiesen und damit das Geheimnis ihrer Fähigkeit, selbst an Glas emporklettern zu können, gelöst.

Einen ähnlichen Aufbau hatten auch die Hände und Plattfüße der Napja, die verblüffend geschickte und schnelle Kletterer waren. Abgesehen davon waren die Reptiloiden auch Meister der Tarnung, denn sie konnten ihre Hautfarbe bewußt an die ihrer Umgebung anpassen, wenn sie nur wollten. Manchmal geschah dies aber auch unbewußt; beispielsweise in argen Streßsituationen. Doch das kam eher selten vor, denn die Napja liebten die Harmonie fast so sehr wie ihren »Gottkaiser«.

Der Gottkaiser lebte mit seinem Hofstaat in dem größten der vier Asteroiden und besaß im Palast selbstverständlich auch den größten Wohnbereich, den einzig die höchsten Mitglieder des Militärrates nach einer persönlichen Einladung durch den Herrscher betreten durften. Selbst die Kaiserin und die zahlreichen Konkubinen des Herrschers durften nicht einfach in die kaiserlichen Gemächer gehen, wenn es ihnen gerade beliebte.

Die Autorität des Gottkaisers wurde niemals angezweifelt und ebensowenig die der Mitglieder des Militärrates, denn sie alle waren Nachfahren einer Dynastie von Adeligen, die schon mehr als zweitausend Jahre existierte und ihren Ursprung auf einem weit entfernten Planeten hatte.

Hätte der längst verstorbene Kaiser Kimoto III. nicht an einem unglückseligen Tag vor vielen Jahrhunderten einen Ausflug mit dem Raumschiff unternommen und wäre er dabei nicht zufällig auf den Weltenring gestoßen, so lebten alle Napja auch heute noch immer dort.

Doch das Schiff war in die Fänge des Allherrschers geraten, den die kaiserliche Autorität nicht im geringsten interessiert hatte. Zwar durfte sich die gesamte Besatzung von Kimotos Raumschiff in einem vom Allherrscher definierten Bereich des Asteroidengürtels niederlassen, doch das Schiff selbst wurde verschrottet und alle verwertbaren Teile wurden anderswo verbaut.

Seither lebten die Napja im Weltenring. Sie waren eines der wenigen Völker, die an ihren ursprünglichen Traditionen festhielten und sich den Einflüssen der Außenwelt weitgehend verschlossen.

So war es nicht verwunderlich, daß jeder männliche Napja stets ein Takana bei sich trug – ein Schwert mit einer etwa zwölf Zentimeter langen Klinge –, obwohl im Falle eines Kampfes längst energetische Distanzwaffen zum Einsatz kamen. Dem erstgeborenen Sohn einer Familie wurde nach dem Tod des Vaters die Ehre zuteil, das Schwert aus dem Familienbesitz zu erben.

Viele dieser Erbstücke waren schon Jahrhunderte alt. Nicht selten zierten die Klingen zarte Gravuren, die von höchster Kunstfertigkeit vergangener Epochen zeugten. Die Griffe waren aus feinsten Hölzern, die vom Heimatplaneten der Napja stammten und hier in den Asteroiden nicht wuchsen.

Die übrigen Söhne, falls es denn welche gab, erhielten neue Schwerter, die in einer Fabrik in Massenanfertigung hergestellt wurden. Viele Napja-Männer schämten sich für diese Massenware und investierten nicht selten viel Geld in die Verzierungen ihrer Takana, um mit den vom Schicksal begünstigten Erben mithalten und ihren eigenen Söhnen etwas bieten zu können.