Wilsbergs Welt - Jürgen Kehrer - ebook

Wilsbergs Welt ebook

Jürgen Kehrer

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Opis

Seit Jürgen Kehrer Anfang der Neunzigerjahre Georg Wilsberg aus der Taufe gehoben hat, begeistert der münstersche Privatdetektiv mit seinem lakonischen Witz ein Millionenpublikum. Zunächst zwischen Buchdeckeln, seit einigen Jahren auch samstagabends im ZDF. Mit Leonard Lansink hat die Figur ein Gesicht bekommen - aber wie denkt eigentlich der "echte" Georg Wilsberg über sein Filmdouble? Das erfahren Sie in Wilsbergs Welt, einer Geschichtensammlung über Wilsberg und den Rest der Welt. Alle Storys stammen aus der Feder des geistigen Wilsberg-Vaters Jürgen Kehrer und sind zum Teil noch unveröffentlicht und exklusiv für diese Sammlung geschrieben.

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Jürgen Kehrer

Wilsbergs Welt

Kurzgeschichtenmit und ohne Wilsberg

© 2012 by GRAFIT Verlag GmbH Chemnitzer Str. 31, 44139 Dortmund und dem Autor. Internet: http://www.grafit.de E-Mail: [email protected] Alle Rechte vorbehalten. Umschlagillustration: Jörg Hartmann, www.extrakt.de eBook-Produktion: CPI – Clausen & Bosse, Leck eISBN 978-3-89425-870-2

Der Autor

Jürgen Kehrer, geboren 1956 in Essen, lebt in Münster. Er ist der geistige Vater des Buch- und Fernsehdetektivs Georg Wilsberg. Neben bisher achtzehn Wilsberg-Krimis veröffentlichte er auch historische Kriminalromane sowie Sachbücher zu realen Verbrechen. Das zuletzt erschienene fiktionale Werk heißt Fürchte dich nicht!, ein Thriller, in dem es um mutierte und durch Zecken übertragene Viren geht. Immer wieder verfasst Jürgen Kehrer außerdem Wilsberg-Drehbücher für das ZDF.

www.juergen-kehrer.de

Wilsbergs Welt

Der Krötenmann

Er hatte wirre Haare und sein Blick flatterte wie eine aufgescheuchte Fledermaus durch das Café am Domplatz.

»Haben Sie kein Büro?«

»Doch«, sagte ich. »Aber da sind gerade die Maler. Nach zehn Jahren war das mal notwendig.«

Fast wie auf einem Display konnte ich seine Gedanken lesen: Armer Schlucker – hat nicht mal eine Sekretärin – war es ein Fehler, ihn anzurufen?

Am Telefon hatte er sich Wolfgang Wagner genannt und behauptet, die Angelegenheit sei dringend. Und das war für mich ein guter Anfang: Bei dem Wort dringend erhöhte ich meinen üblichen Tarif automatisch um zwanzig Prozent.

»Nun?«, fragte ich, dem leibhaftigen Wagner auf die Nase schauend, weil es sich dabei um den Punkt in seinem Gesicht handelte, der sich am wenigsten bewegte. »Um was geht es denn?«

Mein Klient nahm einen hastigen Schluck aus seinem Wasserglas und bekam ein paar Tropfen in die Luftröhre. »Um Kröten«, presste er hervor.

»Sie meinen: Kröten wie Moos, Asche, Penunzen, Schotter, Kohle – also Geld?«

»Nein.« Er hustete erbärmlich. »Ich meine Kröten wie Kröten. Erdkröten, um genau zu sein, wissenschaftlich Bufo Bufo. Amphibientiere, im weitesten Sinn zu den Lurchen gehörend. Sie sind zwar nicht direkt vom Aussterben bedroht, aber doch sehr, sehr gefährdet.«

»Hmmm«, machte ich. »Sind Sie sicher, dass Sie im Telefonbuch unter P wie Privatdetektiv nachgeguckt haben? Ich bin nämlich mehr für die anderen Kröten zuständig, Sie wissen schon …«

»Natürlich, Herr Wilsberg«, bestätigte Wagner mit einem Kopfnicken und einer Stimme, die sich wieder unter seiner Kontrolle befand.

»Ich brauche Unterstützung, in jeglicher Hinsicht. Krötenwanderung – was sagt Ihnen das?«

Ein dreieckiges, rot umrandetes Verkehrsschild mit einer Kröte kam mir in den Sinn. »Kröten, die eine Straße überqueren?«

»Genau das ist das Problem.« Auf Wagners Gesicht fiel ein Unglücksschatten. »Kröten überwintern in Erdhöhlen und Astlöchern. Erst im Frühling werden sie wieder aktiv. Dann suchen sie einen Teich, um zu laichen. Normalerweise denselben Teich, in dem sie zur Welt kamen. Ein ewiger Kreislauf, den wir Menschen brutal zerstören, indem wir eine Straße in die Landschaft asphaltieren. Wie soll eine Kröte ahnen, welche Gefahr von einem Auto ausgeht?«

Ja, wie sollte sie? Andererseits: Was wusste ich schon vom Leben der Kröten? Irgendwie waren wir uns immer fremd geblieben, die Kröten und ich.

»Es genügt, wenn Autos dicht an Kröten vorbeifahren. Dann …«, Wagner klatschte so vehement in seine Hände, dass zwei Studentinnen am Nachbartisch erschrocken zusammenzuckten, »… tötet sie der bloße Luftdruck. Jeden Tag …«, Wagners Unterlippe zitterte, »… finde ich Dutzende toter Kröten auf der Straße.«

Zweifellos ein schlimmes Schicksal, nicht nur für Kröten, sondern auch für Menschen, die Kröten liebten. Aber was konnte ich daran ändern?

»Gibt es nicht …«

»… Krötenzäune?«, fiel mir Wagner ins Wort. »Ja, und sie helfen tatsächlich – ein bisschen. Jeden Morgen und jeden Abend sammle ich die Kröten aus den eingegrabenen Eimern und bringe sie über die Straße zum Teich. Aber dafür brauche ich Sie nicht, Herr Wilsberg.«

Wofür denn?, wollte ich schon fragen, doch Wagner kam mir zuvor: »Wir treffen uns heute Abend. Dann zeige ich Ihnen, was ich von Ihnen erwarte.«

Der Frühlingsabend war warm und feucht. Krötenwetter, wie mir Wagner später erklärte.

Wir trafen uns im tiefsten Gievenbeck, einem münsterschen Stadtteil mit alten Einfamilienhaussiedlungen und neuen Wohnblocks. Zwischen Beton und Jägerzäunen floss der Gievenbach und an seinem Rand wuchsen ein paar Bäume und Sträucher. Wagner trug jetzt Gummistiefel und Taschenlampe, an einer Hand baumelte ein Plastikeimer.

»Schauen Sie!« Er hielt mir den Eimer hin und knipste die Taschenlampe an. Ein Gewimmel graubrauner Leiber, ein Gestrampel von Ärmchen und Beinchen, begleitet von kläglichem Gefiepe.

»Hier!« Wagner setzte mir eine Kröte auf die Hand. »Sieht sie nicht goldig aus?«

Die Kröte glotzte trübe ins Licht. Sie fühlte sich glitschig an wie ein Stück Seife mit Herz und Muskeln.

»Ein Männchen.« Wagner platzte fast vor Stolz. »Die Männchen sind etwas kleiner als die Weibchen.« Er griff erneut in den Eimer und brachte eine fette Kröte zum Vorschein, auf deren Rücken sich eine kleinere festklammerte. »Ein Doppeldecker«, strahlte Wagner. »Putzig, oder?«

»Sie meinen, die beiden treiben es gerade?«

Der Krötensammler berührte das Männchen, das sofort heftig zu strampeln begann. »Sie mögen es gar nicht, wenn sie gestört werden.«

»Geht mir auch so«, sagte ich und dachte: Wie kommst du bloß aus dieser Nummer wieder raus, ohne komplett auf dein Honorar zu verzichten?

»Hey, Alder«, rief eine Stimme knapp jenseits des Stimmbruchs.

Über die Beschäftigung mit dem Liebesleben der Kröten hatte ich die Umgebung aus den Augen verloren. Etwa zehn Meter von uns entfernt stand eine Gruppe von fünf männlichen Jugendlichen. Mit ihren schlabbrigen Hosen und Jacken, den tief in die Augen gezogenen Kappen und den Holzknüppeln in ihren Händen verbreiteten sie eine aggressive Grundstimmung.

»Willste zugucken, wie wir ein paar Kröten plattmachen?« Für den Fall, dass wir nicht begriffen hatten, was er meinte, ließ der Junge den Knüppel in seine Hand klatschen.

»Das ist das Problem«, zischte Wagner. »Fehlgeleitete Jugendliche, die sich einen Spaß daraus machen, Kröten zu quälen. Allein bin ich einfach hilflos.«

Nun hatte ich zwar auch keine Lust, mich mit fünf mehr oder weniger bewaffneten Jugendlichen zu streiten, was, im Licht des abnehmenden Mondes betrachtet, nicht gut für mich ausgegangen wäre, doch schienen mir die fünf noch nicht alt, noch nicht betrunken oder berauscht und auch noch nicht hemmungslos genug, um aufs Ganze zu gehen.

Deshalb machte ich mich zu dem Grüppchen auf den Weg, wobei ich mich bemühte, einigermaßen sportlich und entschlossen auszusehen.

»Wer sind Sie denn?«, fragte der Wortführer, der Kleinste und unter den Dummen vermutlich der Klügste.

»Security«, sagte ich und zeigte für Sekundenbruchteile meinen Privatdetektivausweis.

»Die Anwohner haben mich engagiert, zum Schutz für die Kröten. Ich rate euch: verschwindet. Ich habe nämlich einen schwarzen Gürtel.«

»Schwarzer Gürtel in was?«, lachte der Kleine, allerdings klang seine Heiterkeit etwas angestrengt.

»Versuch lieber nicht, es herauszufinden.«

»Mach keinen Stress, Luis«, sagte einer der Größeren. »Scheiß auf die blöden Kröten.«

»Passen Sie auf sich auf«, knurrte Luis zum Abschied. »Wir kommen wieder.«

»Und ich auch«, rief ich ihnen hinterher. »Sucht euch lieber eine andere Freizeitbeschäftigung.«

»Das war großartig.« Wagner klopfte mir anerkennend auf die Schulter. »Da zeigt sich der Profi.«

Ich sagte ihm nicht, dass ich mich alles andere als wohlgefühlt hatte und mein Herz noch immer weit oberhalb der kassenärztlich empfohlenen Schlagzahl pochte.

»Kommen Sie.« Wagner zog mich am Arm. »Bringen wir die Kröten zum Teich.«

Der Teich lag hinter einem Metallzaun mit Tür, zu der Wagner einen Schlüssel besaß. Wir schritten über eine Wiese zum sandigen Ufer des Gewässers. Hier, ein Stück von den Straßenlaternen entfernt, warf nur der magere Mond sein bleiches Licht auf die Wasseroberfläche. Wagner leerte den Eimer aus, die Kröten fiepten wieder ein bisschen und machten sich dann brustschwimmend davon.

»Die meterlangen Laichschnüre hängen sie dort drüben ins Schilf«, sagte Wagner und streckte seinen Arm aus.

Mein Blick folgte der Richtung seines Zeigefingers und entdeckte etwas, das sich zwar auch um die grünen Stängel gewickelt hatte, aber ganz und gar nicht wie Laichschnüre aussah. Mehr wie lange blonde Haare, die zu einem Kopf gehörten, der mitsamt dem restlichen Körper im Wasser schwebte. Einem Frauenkörper.

»Sehen Sie das?«, stieß ich hervor.

»Ja«, sagte Wagner. »Meine Frau.«

»Was?«

»Sie war das zweite Problem. Sie wollte einfach nicht akzeptieren, dass mich die Kröten brauchen. Jeden Morgen und jeden Abend dieselben Vorwürfe.«

»Und da haben Sie sie …«

»Ich fürchte ja, Herr Wilsberg.«

Scheiße. Meine Gedanken rasten. Der Typ war ja schlimmer fehlgeleitet als die subbegabten Jugendlichen. Und ich stand arglos neben ihm. An einem Ort, an dem mich so schnell niemand suchen würde.

Ich drehte mich zu ihm um. Besser gesagt, zu der Stelle, an der er sich gerade noch befunden hatte. Denn er war weg. Von den ringsum wuchernden Sträuchern und der Finsternis verschluckt. Scheiße hoch drei.

Ohne lange nachzudenken, sprintete ich zum Zaun. Nicht dahin, wo ich die Tür und Wagner vermutete, sondern zur gegenüberliegenden Seite. Und erst nachdem ich den Zaun überklettert und das erste Wohnhaus erreicht hatte, wählte ich die Notrufnummer.

Die Blauuniformierten kamen zu viert und in zwei Streifenwagen. Ich führte sie zum Teich und zeigte ihnen das Schilf. Einige Kröten machten öök, öök, andere ük, ük, ük.

»Und wo ist jetzt die Frauenleiche?«, fragte einer der Polizisten.

Ja, das war die Frage. Sie war verschwunden.

»Vor zehn Minuten lag sie noch im Wasser«, antwortete ich.

»Soll das ein Scherz sein?«, erkundigte sich der Polizist.

Meine Erklärungsversuche gefielen den Ordnungshütern nicht. Sie nahmen mich mit und übergaben mich im Polizeipräsidium den Kripoleuten von der K-Wache. Die K-Wache ist in der Nacht für alles zuständig. Auch für Spinner, die Leichen sehen, wo gar keine sind.

»Ich weiß sogar den Namen der Leiche«, sagte ich den beiden Kriminalbeamten, die mir im Vernehmungsraum gegenübersaßen. »Zumindest den Nachnamen: Wagner.«

Die Polizisten guckten sich an. Ihre Augenbrauen zuckten verdächtig. »Die Frau von Wolfgang Wagner? Dem Krötenmann?«

»Richtig.«

Das Zucken übertrug sich auf den Mund und andere Gesichtspartien. Dann lachten sie, bis ihnen die Tränen kamen.

»Verraten Sie mir die Pointe?«, fragte ich leicht entnervt.

»Der ruft dauernd bei uns an. Und immer geht es um seine Kröten. Mal lauern angeblich irgendwelche Jugendliche …«

»Die habe ich auch gesehen«, warf ich ein.

»Ja, weil er sie selbst bezahlt. Das sind harmlose Kinder aus der Nachbarschaft, die keiner Kröte etwas zuleide tun würden.«

»Sie meinen, die haben das nur gespielt?«

»Die sind genauso wenig echt wie Ihre Leiche«, grinste der Polizist. »Der Krötenmann tut einfach alles, um Aufmerksamkeit für seine Viecher zu ergattern. Ich wette, seine Frau hat sich mit einem Thermoanzug und einem Plastikrohr in den Teich gelegt und für Sie die Wasserleiche gegeben.«

Ich war noch nicht überzeugt: »Und was bringt der ganze Aufwand?«

Die Tür ging auf und ein nach Chef aussehender Mann betrat den Raum. »Was ist los? Habt ihr hier einen dicken Fisch an der Angel? Draußen lungern mehrere Reporter und ein Kamerateam herum.«

»Der Krötenmann«, sagten meine beiden Gegenüber wie aus einem Mund.

»Ach du Scheiße«, stöhnte der Chef. »Nicht der schon wieder.«

»Verstehen Sie jetzt?«, sagte der Vernehmungsbeamte zu mir. »Das ist sein Werk. Er ruft die Medien an und lockt sie mit einem angeblichen Knüller. Ich sehe bereits die Schlagzeilen von morgen vor mir: Leiche im Krötenteich? Amphibientiere bangen um ihren Lebensraum.«

»Vielleicht hätte ich da eine Idee«, sagte ich.

Der Presseraum des Polizeipräsidiums war zum Bersten gefüllt. Rund zwanzig Journalisten, zum Teil mit Mikros und Kameras ausgestattet, fläzten sich auf den Plastikstühlen.

Frau Wagner, die ihre langen blonden Haare längst getrocknet hatte, knuffte mich in die Seite. »Sie sind uns doch nicht böse, oder?«

»Als Leiche wirkten Sie ziemlich überzeugend«, gab ich zurück. »Ich hätte vor Schreck etwas Dummes tun können, zum Beispiel Ihren Mann verprügeln.«

»Aber es diente der guten Sache«, sagte Wolfgang Wagner, während sein Blick durch den Raum huschte.

»Das hier auch.« Ich zeigte auf die Journalisten. »Sie akzeptieren den Deal?«

Der Krötenmann nickte. »Keine vorgetäuschten Straftaten mehr. Dafür …«

»Setzen Sie sich bitte!«, sagte der Polizeipräsident zu uns. »Ich begrüße Sie ganz herzlich.« Das galt den Journalisten. »Thema der heutigen Pressekonferenz ist der erste jährliche Bericht zur Sicherheit von Kröten im Straßenverkehr. Fachkundige Unterstützung erhalte ich dabei von einem anerkannten Krötenexperten …«

Der Rest ist Schweigen

Sandra Lüpkes & Jürgen Kehrer

Erster Akt: Wencke Tydmers verliert den Kopf

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