Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen - Victor Klemperer - ebook

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen ebook

Victor Klemperer

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Opis

Erstmalig: Victor Klemperers Leben in unveröffentlichten Briefen. Er wurde postum weltberühmt durch seine Notizen über die Nazizeit. Doch zugleich war Klemperer – als Literat, Lehrender und Krisenreporter – unermüdlich bestrebt, auf die Gesellschaft einzuwirken, und verteidigte dies beharrlich in seinen Briefen: Zeugnisse eines mutigen Mannes, der die Hoffnung nie aufgab. Wurde er als Junge von seinen älteren Brüdern mit drastischen Mitteln dazu erzogen, nicht jüdisch, sondern deutscher als deutsch zu sein – sie steckten ihn in einen orthopädischen Galgen, um ihm die »Haltungsschäden« auszutreiben –, musste er sich später gegenüber dem 1936 nach Amerika emigrierten Bruder rechtfertigen, weiter Deutscher sein zu wollen. Der aus dem aufgeklärten Bildungsbürgertum stammende Klemperer war überzeugt, dass persönliches Engagement unerlässlich ist, um die Demokratie zu erhalten. Es erweist sich gerade an ihm, wie elementar wichtig eine solche Haltung nicht nur für den Einzelnen, sondern für das Überleben einer humanen Gesellschaft ist. Ergreifend, erhellend, inspirierend – und ein Lesegenuss. Briefwechsel mit Lion und Marta Feuchtwanger, Stephan Hermlin, F. C. Weiskopf, mit seinen Verlegern, Verwandten, Widersachern, Schicksalsgefährten u. v. a.

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Über Victor Klemperer

Victor Klemperer wurde 1881 in Landsberg/Warthe als achtes Kind eines Rabbiners geboren. 1890 übersiedelte die Familie nach Berlin, wo der Vater zweiter Prediger einer Reformgemeinde wurde. Nach dem Besuch verschiedener Gymnasien, unterbrochen durch eine Kaufmannslehre, studierte Klemperer von 1902 bis 1905 Philosophie, Romanistik und Germanistik in München, Genf, Paris, Berlin. Bis er 1912 das Studium in München wieder aufnahm, lebte er in Berlin als Journalist und Schriftsteller. 1912 konvertierte er zum Protestantismus. 1913 Promotion, 1914 bei Karl Vossler Habilitation. 1914/15 Lektor an der Universität Neapel. Hier entstand eine zweibändige Montesquieu-Studie. Als Kriegsfreiwilliger zunächst an der Front, dann als Zensor im Buchprüfungsamt in Kowno und Leipzig. 1919 o. a. Professor an der Universität München. 1920 erhielt er ein Lehramt für Romanistik an der Technischen Hochschule in Dresden, aus dem er 1935 wegen seiner jüdischen Herkunft entlassen wurde. 1938 begann Klemperer mit der Niederschrift seiner Lebensgeschichte »Curriculum vitae«. 1940 Zwangseinweisung in ein Dresdener Judenhaus. Nach seiner Flucht aus Dresden im Februar 1945 kehrte Klemperer im Juni aus Bayern nach Dresden zurück. Im November wurde er zum o. Professor an der Technischen Universität Dresden ernannt. Eintritt in die KPD. 1947 erschien seine Sprach-Analyse des Dritten Reiches, »LTI« (Lingua Tertii Imperii), im Aufbau-Verlag. Von 1947 bis 1960 lehrte Klemperer an den Universitäten Greifswald, Halle und Berlin. 1950 Abgeordneter des Kulturbundes in der Volkskammer der DDR. 1952 Nationalpreis III. Klasse. 1953 wurde er Mitglied der Akademie der Wissenschaften in Berlin. Victor Klemperer starb 1960 in Dresden.

Geschwister-Scholl-Preis 1995.

Weitere Veröffentlichungen u.a.: »Moderne Französische Prosa« (1923); »Die französische Literatur von Napoleon bis zur Gegenwart«, 4 Bände (1925-1931); »Pierre Corneille« (1933); »Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert« (Band 1 1954, Band 2 1966).

Aus dem Nachlaß: »Curriculum vitae« (1989), »Ich will Zeugnis ablegen bis zum letzten. Tagebücher 1933-1945« (1995), »Leben sammeln, nicht fragen wozu und warum. Tagebücher 1918-1932« (1996), »So sitze ich denn zwischen allen Stühlen. Tagebücher 1945-1959« (1999) und »Man möchte immer weinen und lachen in einem. Revolutionstagebuch 1919« (2015).

Informationen zum Buch

Ein außergewöhnliches Leben in unveröffentlichten Briefen

Unvergleichliche Zeugnisse zum ersten Mal gedruckt: Victor Klemperer, weltberühmt geworden durch seine Tagebücher der Jahre 1933 bis 1945, kämpfte als Publizist, Professor, Politiker sein ganzes Leben lang für eine humane Gesellschaft. Was ihn antrieb, erfahren wir nun in seinen Briefen. Sie eröffnen einen neuen Blick auf ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte und auf das Leben eines Mannes, der nicht müde wurde, für seine Überzeugungen einzutreten. Sein Beispiel macht bis heute Mut.

Briefwechsel mit Lion Feuchtwanger, Stephan Hermlin, F. C. Weiskopf, Marie von Ebner-Eschenbach u. v. m.

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Victor Klemperer meldete sich im Jahr 1915 als Kriegsfreiwilliger, nach einigen Monaten an der Westfront und Lazarettaufenthalt tat er Dienst im Buchprüfungsamt Ober Ost; Brief an Eva Klemperer vom 22. Juli 1916.

Victor Klemperer

Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen

Ein Leben in Briefen

Herausgegeben von Walter Nowojski und Nele Holdack unter Mitarbeit von Christian Löser

Inhaltsübersicht

Über Victor Klemperer

Informationen zum Buch

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Ein vollkommener Idealist Einleitung

1 Da ich nun als freier Schriftsteller von meiner Feder lebe 1909–1910

2 Ich bin ein allzu alter Student 1913–1919

3 Endlich will ich als Lehrer mit einem Paukenschlag beginnen 1920–1932

4 … daß ich absolut deutsch bin 1933–1935

5 Von Freunden ist nichts zu berichten, denn es sind keine mehr da 1936–1937

6 And waiting for what? 1938 – 1939

7 Ich bin hier ganz isoliert 1940 – 1941

8 Da riß ich den Judenstern herunter 1945 – 1947

9 Noch immer im Amt und mehr als je 1948 – 1951

10 Dieser Strich zwischen Deutschland und Deutschland 1952 – 1960

Anhang

Verzeichnis der Briefpartner

Chronik

Anmerkungen

Editorische Notiz

Personenregister

Impressum

Ein vollkommener Idealist Einleitung

»Warum soll man nicht auf bessere Zeiten hoffen? Wir haben so vieles erlebt, die festesten und scheinbar unabänderlichsten Dinge sind anders geworden, warum soll sich das Rad nicht noch einmal drehen?«, schreibt Victor Klemperer Ende 1936 seiner Schwester Grete. Noch lebt er mit seiner Frau Eva im eigenen Haus in Dölzschen, noch darf er die Landesbibliothek in Dresden betreten (nicht mehr den Lesesaal), noch muss er keinen Judenstern tragen. Um vieles hat die Nazi-Herrschaft ihn schon gebracht: um sein Katheder (Zwangspensionierung), seine Buchverträge (annulliert als die eines »nichtarischen Urhebers«), viele Freunde und Verwandte leben inzwischen im Exil. Er aber hält fest an dem Glauben an eine bessere Zukunft in Deutschland, findet die Freuden, die noch möglich sind, macht mit 54 Jahren den Führerschein und kauft das erste eigene Auto, das für ihn vor allem ein Stück Freiheit bedeutet. Wichtigster Rückhalt ist seine Frau Eva, ihre Ehe rettet ihm in vielerlei Hinsicht das Leben. Und er hat das Schreiben: sein wissenschaftliches Opus, hauptsächlich sein »Dixhuitième«, die »Geschichte der französischen Literatur im 18. Jahrhundert«, an der er selbst dann unermüdlich weiterarbeitet, als sie nur noch für die Schublade bestimmt ist; die Korrespondenz mit Freunden und Verwandten; schließlich als Fundament das ihn tragende Tagebuch, die Autobiographie »Curriculum vitae« und seine Sprachanalyse des Dritten Reichs, seine »LTI«, wenn er ganz im Verborgenen wirken muss.

Victor Klemperer wird am 9. Oktober 1881 in Landsberg an der Warthe im heutigen Polen in einer jüdischen Familie geboren. Er wächst mit drei Brüdern – zwei von ihnen werden Ärzte, einer Jurist – und vier Schwestern zunächst in äußerst bescheidenen Verhältnissen auf. Im Deutschland der Kaiserzeit ist die Familie von großem Assimilierungs- und Aufstiegswillen getrieben. Der Vater wird schließlich Zweiter Prediger der liberalen Jüdischen Reformgemeinde in Berlin – ein großes Glück für den Rabbiner, der die Gesetze der orthodoxeren Gemeinde in Bromberg (Posen) nicht einhält und dessen Stellung insofern immer gefährdet ist. Als Jüngster innerhalb der Geschwisterreihe ist Klemperer in gewisser Hinsicht ein »Outsider«, wie er es selber einmal nennt. Erst als Zwanzigjähriger macht er das Abitur und schlägt spät eine akademische Laufbahn ein, noch dazu in einem geisteswissenschaftlichen Fach. Und doch strebt er sein ganzes Leben nach den bildungsbürgerlichen Idealen, die ihm als Kind vermittelt wurden, nach familiärer Akzeptanz und gesellschaftlicher Teilhabe, verstärkt durch die Extremsituationen, die ihm aufgezwungen werden: an der Front im Ersten Weltkrieg und als Zensor beim Buchprüfungsamt im deutschen Besatzungsgebiet des Oberbefehlshabers Ost (Ober Ost), inmitten der gefährlichen Auseinandersetzungen um die Münchner Räterepublik, vor allem aber als Entrechteter und Verfolgter während der Nazizeit. Später reibt er sich auf zwischen den Fronten des geteilten Deutschlands, auch wenn er den Bau der Mauer nicht mehr erlebt.

Es sind, in unterschiedlichem Umfang, Briefe aus den verschiedenen Lebensphasen des erwachsenen Victor Klemperer erhalten. Am Anfang zeigen sie den mühsamen Weg eines Unangepassten hin zu einer bürgerlichen Laufbahn, mal um Verständigung bemüht, zunehmend energisch, nie frei vom Gefühl der Isolierung. Das persönliche, zutiefst menschliche Schreiben, »das Gespräch von Freunden in Abwesenheit« (Cicero), entfaltet seine größte Bedeutung, wenn die Umwelt ihm feindlich gegenübertritt. Die Qualität der Briefe besteht dann genau in dem, was zugleich seine »tiefe Abneigung gegen Briefe« begründet: Sie »zwingen« ihn, »über Persönliches nachzudenken«. Nach dem Ende des Krieges zeigen sie sein breites gesellschaftliches Engagement, sein Bemühen, persönlich Verpasstes nachzuholen, vor allem aber aus dem Erlittenen Lehren zu ziehen und diese weiterzugeben.

»Du bist durch Anlage u. Erziehung immer ein vollkommener Idealist gewesen«, schreibt ihm Bruder Georg am 21. Juli 1946. Er, der Arzt, der wenige Monate später stirbt, macht sich Sorgen um die Gesundheit seines letzten noch lebenden Bruders, der nach der Befreiung in der Ostzone und später in der DDR eine Fülle von Ämtern und Funktionen übernimmt. Doch der vollkommene Idealist macht weiter, entgegen dem ärztlichen Rat, dem brüderlichen Bitten und den nagenden Zweifeln.

Gegen Ende des Lebens taucht das Wort von der »Vanitas vanitatum«, dem »Alles ist eitel«, immer häufiger auf. »Ich hätte Outsider, Journalist, Politiker, moi-même bleiben sollen. Der verfluchten allerdümmsten Eitelkeit, Univ.-Prof. zu sein, habe ich alles geopfert«, hält Klemperer am 16. Dezember 1947 im Tagebuch fest. Auch in den Briefen finden sich ähnliche Formulierungen. Doch diese Selbstzweifel beziehen sich auf die Positionierungskämpfe und immer wieder nötig werdenden Kompromisse, die ihm Amt und Würden abverlangen. Nicht gemeint sind die gesellschaftlichen Rollen, die er eingenommen hat – die alternativen Lebensentwürfe, die er durchspielte: die des Journalisten (der er teilweise war) und des Politikers (der er nie wirklich wurde) –, auch nicht das Kolleg- und Vortrag-Halten und damit die Berufe oder Berufungen par excellence, die für ein direktes Einmischen in die Angelegenheiten der Gemeinschaft stehen.

Auch wenn Klemperers Vorstellung von der Bedeutung des gesellschaftlichen Engagements heute manchem antiquiert erscheinen mag, an das 19. Jahrhundert gemahnend, erweist gerade heute eine seiner Besonderheiten – die kritische Aufmerksamkeit für den Anteil der Sprache an totalitären Zerstörungswerken – immer wieder ihre Aktualität. Anfang 2017 lesen wir in dem ZEIT-online-Artikel »Lügen sind Trumps System. Unwahrheiten heißen jetzt ›alternative Fakten‹« des Stanford-Professors Adrian Daub: »Und, wie George Orwell und Victor Klemperer schon erkannten, dass es der logische erste Schritt zur Zerstörung liberaler Demokratie ist, Fakten zum Spielball von Macht zu erklären.« Bis heute ist die Welt auf ein Engagement wie das Klemperers dringend angewiesen.

In den Briefen zeigt sich zugleich, dass er immer auch er selbst, »moi-même«, ganz Mensch blieb, nicht zuletzt im Austausch mit der Familie und den Freunden, mit Widersachern und Kollegen, indem er sich einmischt, polemisiert, streitet, mitfühlt, tröstet, anspornt. Dem Leser eröffnen diese Zeugnisse nicht nur ein halbes Jahrhundert deutscher Geschichte, sondern ein ganzes Leben: das Leben eines Mannes, der nicht müde wurde, für seine Überzeugungen einzutreten, und damit als ein Ausnahmebeispiel vor uns steht, das Mut macht.

1 Da ich nun als freier Schriftsteller von meiner Feder lebe 1909–1910

Von 1905 bis 1912 arbeitete Victor Klemperer als freier Publizist und Schriftsteller für die Feuilletons des Zeitungsviertels um den Berliner Spittelmarkt, Foto 1909.

Der zwölfjährige Victor sucht Zuflucht vor dem Leistungsdruck der Familie bei den Büchern seines Vaters. Seine Leseleidenschaft beginnt mit Schillers »Räubern«, mit »Maria Stuart« und »Wilhelm Tell«, gefolgt von zahlreichen anderen Klassikern. Statt den familiären Erwartungen zu entsprechen, braucht er für alles mehr Zeit: Abitur macht er erst nach einer abgebrochenen Kaufmannslehre, die ihn so langweilt, dass er unaufhörlich liest, seine erste Novelle schreibt und ein Tagebuch beginnt, in dem er Theater- und Opernbesuche festhält. Nicht zuletzt entsteht in dieser Zeit der Wunsch nach einem sprachwissenschaftlichen Studium.

Auch hier zeigt sich Klemperers Individualität: Von Anfang an widerstrebt es ihm, sich den Zwängen einer preußischen Lehramtskarriere zu unterwerfen. Es zieht ihn in die Museen, ins Theater, in Cafés; er unternimmt Bildungsreisen nach Zürich, Brüssel, Antwerpen und Amsterdam. Er wechselt an die Universität in Genf und an die Sorbonne in Paris. Überall saugt er Wissen auf, aber auf eine so unorthodoxe Weise, dass er nach drei Semestern weiß: So wird er das Examen nie schaffen. 1905 bricht er sein Germanistik- und Romanistikstudium in Berlin ab und will sich als freier Publizist und Schriftsteller behaupten.

Klemperer erkennt schnell, dass er literarisch seine Vorbilder nie erreichen würde. Beruflich konzentriert er sich deshalb auf das, was er den »halben Beruf« nennt: das journalistische Schreiben. Daneben gibt es für den Abbruch des Studiums einen weiteren Grund: Am 29. Juni 1904 lernt der Zweiundzwanzigjährige die mittellose Pianistin Eva Schlemmer kennen, die auch komponiert und malt. Dem Widerstand beider Familien gegen die Verbindung setzen sie im Sommer 1906 die heimliche Hochzeit entgegen. Umso wichtiger ist es für Klemperer, eigenes Geld zu verdienen. Eva gibt ihre Arbeit auf und wird seine Mitarbeiterin.

Ins Berliner Feuilletonfach einzusteigen heißt, sich in der Tradition Theodor Fontanes und Alfred Kerrs in einem hart umkämpften, von Routiniers dicht besetzten Umfeld behaupten zu müssen. Der erste Auftrag, den er ergattern kann, ist eine Serie von Professorenporträts für das »Berliner Tageblatt«. Er verfasst amüsante Texte über die ihm teilweise aus seinem Studium bekannten (und zumeist verhassten) Katheder-Größen. Seine Beiträge finden großen Beifall; doch die Serie wird mit dem zehnten Porträt abgebrochen, nachdem Klemperer den von ihm geradezu verabscheuten Germanisten Gustav Roethe karikiert und das Rektorat protestiert hatte. Die Redaktion knickt ein, aber immerhin: Der junge Mann hat sich einen Namen gemacht.

Ein kurzer Irrweg führt ihn zu einem Vorgänger der Boulevardmedien, der Wochenschrift »Leben«, die von Brauereien gesponsert wird. Was ihn ködert, ist der Lohn von 150 Mark für den Probemonat. Das Maß für den Berufsanfänger ist voll, als er über den »Nimbus der Jungfräulichkeit bei verschiedenen Völkern der Erde und im Wandel der Zeit« schreiben soll. Schließlich gelingt es ihm, umfangreiche literarische Themen im »Börsen-Courier« zu platzieren und seine Theater-Erfahrungen einzubringen; es folgen Feuilletons u. a. für die »Vossische Zeitung«, die »Frankfurter Zeitung« und die Halbmonatsschrift »Bühne und Welt«. So schreibt er etwa Essays über Karl Emil Franzos und Marie von Ebner-Eschenbach, die er neben anderen literarischen Persönlichkeiten 1910 persönlich kennenlernt. Daneben entstehen Monographien über Paul Heyse und Adolf Wilbrandt. Nur wenige Briefe aus dieser Zeit sind erhalten.

Victor Klemperer an Ottilie Franzos

Wilmersdorf/Berlin

Weimarische Str. 6a

d. 12. II. 09.

Sehr geehrte gnädige Frau,

Sie haben mir im letzten November so liebenswürdige Zeilen geschrieben, daß ich mich heute wohl mit einer Anfrage oder Bitte an Sie wenden darf.

Seit vielen Monaten bin ich mit den Arbeiten zu einem umfassenden Buch über Spielhagen beschäftigt. Ich bin der Meinung, ihm sei durch die Moderne bitteres Unrecht geschehen, habe meine Auffassung vorläufig in einigen Spezialstudien niedergelegt, die in diesen Wochen in Westermanns Monatsheften, Bühne u. Welt, Gegenwart und Allg. Ztg. des Judentums erscheinen, glaube aber, wiegesagt, das Thema nur in einem größeren Buch völlig ausschöpfen zu können, das dann meinen Berechnungen nach auch bis zum kommenden Herbst fertig werden soll.

Nun liegt mir sehr viel daran in diesem Buch auch die persönlichen und literarischen Beziehungen Spielhagens zur Moderne, breiter gefaßt: zur nachfolgenden Generation festzulegen. Womit ich denn zu meiner Bitte an Sie gelangt bin.

Ich hatte bereits bei der Lectüre des »Wahrheitssuchers« das bestimmte Empfinden, hier dichte einer, der von Spielhagen gelernt habe. (Womit natürlich die Originalität des Franzos’schen Romanes nicht im allergeringsten angetastet ist!) Und nun fand ich noch im »Spielhagen-Album« (1899) eine Notiz Ihres Herrn Gemahls über die unauslöschliche Wirkung, die die »Problematischen Naturen« auf den damals vierzehnjährigen Gymnasiasten ausgeübt hätten.

So möchte ich denn, einzig zum Zweck eines größeren Spielhagenwerkes, keineswegs journalistischer Ausmünzung halber, die folgenden Fragen und Bitten an Sie richten.

1) Haben persönliche Beziehungen zwischen K. E. Franzos u. Spielhagen stattgefunden? Ist hierüber irgend etwas gedruckt oder geschrieben worden?

2) Sind Briefe zwischen beiden Männern gewechselt worden? Wäre mir Einblick, eventuell Abdruck literarisch wertvoller Stellen gestattet?

3) Hat Ihr Herr Gemahl etwas über Sp. veröffentlicht? Hat er sich im Druck, schriftlich oder mündlich darüber geäußert, wie weit er persönlich irgend eine Art von Beeinflussung oder Wegweisung durch Sp. anerkenne?

Sie würden mich, sehr geehrte gnädige Frau, durch ein gelegentliches Eingehen auf diese Fragen zum aufrichtigsten Dank verpflichten.

Ich zeichne mit aller Hochachtung

Ganz ergeben!

Victor Klemperer.

Victor Klemperer an Marie von Ebner-Eschenbach

z. Zt. Wien II Hôtel Mattes am Nordbahnhof.

sonst. Oranienburg b. Berlin Lindenstr 2

28. 4. 10

Sehr geehrte gnädige Frau –

bei der folgenden Bitte darf ich mich wohl auf Herrn Dr. Anton Bettelheim berufen, dessen Mitarbeiter am biographischen Jahrbuch ich bin, vielleicht auch auf meine Wilbrandt- u. Heyse-Monographien.

Mit Studien über die gegenwärtige österreichische Literatur beschäftigt, würde ich während eines ganz kurzen Wiener Aufenthaltes so sehr gern die Ehre haben, Ihnen einmal für wenige Minuten persönlich gegenübersitzen zu dürfen. Ich habe Ihre Werke immer mit dem größten Genuß gelesen und in der letzten Zeit ein Studium daraus gemacht, da ich vorderhand in der »Gegenwart« über Sie zu schreiben habe, später Ihnen ein längeres Capitel in einem geplanten Buch widmen möchte. Da wäre es für mich von hoher Bedeutung, Sie persönlich sehen zu dürfen. Wäre es Ihnen wohl möglich, mir für Sonnabend oder Montag eine Zeit anzugeben, in der ich sie aufsuchen dürfte?

Ich zeichne mit der ehrerbietigsten Hochachtung

ergeben

Victor Klemperer.

Victor Klemperer an Moritz Necker

Oranienburg b. Berlin Lindenstr 2.

18. Nov. 1910

Hochgeehrter Herr Doctor –

gestatten Sie mir Ihnen unbekannterweise herzlich zu danken erstens einmal für die große Liebenswürdigkeit der persönlichen Übersendung des Blattes, sodann aber ganz besonders für den ungemein warmen Ton Ihrer Kritik. Gerade weil ich weiß, wie sehr sie selber Ihre Ebner kennen und verstehen, ist mir Ihr Lob so erfreulich und auch – da ich der sehr viel Jüngere bin – so ermutigend.

Was Ihren aesthetischen Einwand anbelangt, so habe ich gerade diese Seite meiner Studie sehr ernstlich erwogen und weiß wohl, daß der Auffassung, für die ich mich schließlich entscheiden zu müssen glaubte, ganz gewiß auch manches Bedenken entgegensteht. Es wäre mir ungemein interessant und wertvoll, über diese Dinge einmal mit Ihnen persönlich plaudern zu dürfen; brieflich geht das nicht – es ist ein allzu »weites Feld«.

Eine besondere Freude bereitete mir Ihre Kritik dadurch, daß Sie ganz überraschend kam. K. Glossy nämlich, bei dem sich größtes Wohlwollen und unendliche Zerstreutheit die Waage halten, hatte mir noch nicht einmal die Annahme meines ihm im September übersandten Essays bestätigt, geschweige denn Correctur geschickt, sodaß ich also über das Schicksal der Arbeit ganz im Ungewissen war.

Nun möchte ich diesen Brief noch zu etlichen persönlichen Bitten benutzen. Ich stecke seit Monaten in Arbeiten über oesterreichische Literatur. Mein Lieblingsplan ist ein zusammenfassendes Buch, das unter dem Titel »Seit Grillparzer« die oesterreichische Dichtung bis auf die Gegenwart behandeln soll. Da ich nun als freier Schriftsteller von meiner Feder lebe, so ermögliche ich mir diesen Luxus des größeren Werkes derart, daß ich vorderhand Einzelstudien aus diesem Gebiet herausgebe. Eine davon haben Sie eben kritisiert, eine ganze Reihe anderer wird in den »Grenzboten« erscheinen; die »Deutsche Arbeit« bringt einiges über die modernen Deutschböhmen; beim Stiftungsfest des Prager jüdischen Centralvereins spreche ich über Arthur Schnitzler (am 27 Nov.), etc. etc.

Wenn Sie sich für meinen Plan interessieren und mir die Fähigkeit zu seiner Verwirklichung zutrauen, so nehmen Sie vielleicht das Folgende nicht für zu große Unbescheidenheit.

Also 1) ich weiß, daß Sie über Grillparzer u. über Nestroy gearbeitet haben u. kann diese Bücher hier nicht auftreiben. Könnte ich sie wohl von Ihnen auf acht bis zehn Wochen geliehen erhalten?

2) Könnten Sie nicht vielleicht gelegentlich oesterreichische Zeitungen für mich interessieren, sodaß ich dort vielleicht meinen Stoff feuilletonistisch verwerten könnte?

3) Glauben Sie, daß Konegen oder ein anderer großer Verlag in Oesterreich für mein ganzes Buch sich gewinnen lassen könnte, derart daß er mir auf den Ebner-Essay und etliche andere Proben hin einen festen Vertrag im Vornherein machte?

Noch möchte ich einem etwaigen Einwand begegnen, den ich hier bisweilen höre. Man sagt mir: »Du kennst Oesterreich nicht u. willst darüber schreiben.« Dann erwidere ich: es gibt für den Literarhistoriker zwei Standpunkte, von denen aus er gleich fruchtbar wirken kann – sofern er nur dem einen oder andern durchgängig Treue hält. Er schreibe entweder als »Eingeborener«, als Darinstehender, oder als Fremder, als außenstehender Beobachter. Ich selbst will in diesem Fall niemals mein Außenstehen verleugnen. Ich will als Norddeutscher schreiben u. die oesterreichische Eigenart immer als solche, als das andere auf mich wirken lassen. Ich will nicht, weil ich im vorigen Frühling 8 Tage in Wien war, so tun, als hätte ich nun auch schon die Berechtigung als Wiener mitzureden.

Nicht wahr, das ist doch ein ganz annehmbares Programm? Übrigens bringen die »Grenzboten« in zwei, drei Wochen meinen Essay über die specifischen Wiener Schlögl, Chiavacci, Pötzl; den werde ich Ihnen übersenden, und dann sehen Sie, wie ich das Ding praktisch anfasse.

Nun noch einmal: verzeihen Sie das durch Ihre Liebenswürdigkeit heraufbeschworene Unbescheidene dieses Briefes, und seien Sie vielmals bedankt.

Ganz ergeben!

VictorKlemperer

2 Ich bin ein allzu alter Student 1913–1919

Bruder Berthold zu Besuch bei Bruder Georg und dessen Familie (von links): Berthold, Otto (hinten), Hans, Friedrich, Georg, Georg jr. und Maria Klemperer, daneben ein Freund der Familie mit Hund, Juni 1913.

Wollte man aus Klemperers Sicht an diesem Punkt ein Lebensresümee ziehen, käme er trotz seiner ersten Erfolge nicht sonderlich gut dabei weg: Er ist Anfang dreißig, verheiratet, aber wirtschaftlich noch immer abhängig von den Brüdern. Nach dem Tod des Vaters Wilhelm im Jahr 1912 hört er von Bruder Georg: »Glaubst du, es macht mir Vergnügen, wenn mein Bruder überall herumschreibt, die Zeile für einen Groschen, und mit Vorträgen in Meseritz und Neutomischel hausiert? Ich denke an unsern Namen und unsere Familienehre.« Bei Bruder Berthold klingt es so: »Wir möchten viel lieber einen Professor als einen kleinen Journalisten zum jüngsten Bruder haben.«

Schließlich nimmt Klemperer sein Studium wieder auf. 1913 promoviert er an der Münchner Universität summa cum laude mit einer Arbeit über die »Zeitromane Friedrich Spielhagens und ihre Wurzeln«. Der Romanist Karl Vossler – einer der wichtigen Menschen in Klemperers Leben und seiner Korrespondenz – empfiehlt ihm zu habilitieren. Klemperer entschließt sich zu einer Arbeit über Montesquieu und wird Deutschlektor in Neapel. Der »alte Student« sehnt sich »schon recht sehr nach einem deutschen Katheder […]; ich möchte nur endlich auf einen Posten kommen, wo mir Wunsch und Können nicht ganz auseinanderklafft, und wo ich endlich einmal etwas leisten könnte«. Wenn auch sein eigenes Urteil über das bisher Erreichte negativ ausfällt, tritt aus heutiger Sicht Erstaunliches zutage: Bereits mit der geplanten Habilitationsschrift strebt er eine Arbeitsweise an, die später seinen Blick als Chronisten der Nazizeit bestimmen wird: »Ich will nirgends phantasieren, sondern Punkt für Punkt mit aller Sachlichkeit vorgehen und das solideste Material benutzen. Ich habe schon viel davon angehäuft, […] ich glaube, daß dieses Buch, wenn es etwas taugen soll, ein wenig über das Einzelporträt hinausgehen und Zeitstudie werden muß.«

Erstmals nimmt das Zeitgeschehen deutlichen Einfluss auf seinen Lebensweg: Als der Erste Weltkrieg beginnt, meldet sich der Vierunddreißigjährige freiwillig. Zunächst kommt Klemperer an die Front in Flandern, nach Krankheit und Lazarettaufenthalt greift Bruder Felix ein und versucht ihn auf einen sicheren Posten zu vermitteln. Er wird Zensor in Ober Ost und bald in einem neuen Buchprüfungsamt in Leipzig, wo er viel Zeit für private Studien findet. Die Möglichkeit eines während des Krieges in Aussicht gestellten Lehrstuhls in Gent indes zerschlägt sich.

Victor Klemperer an Karl Vossler

Paris, Rue Molière 23, d. 11. Octob. 13

Hochgeehrter Herr Professor –

nachdem ich eine ganze Reihe von Wochen hier tätig bin und meine Arbeit einigermaßen zu übersehen glaube, möchte ich mir erlauben, Ihnen davon zu erzählen, und Sie höflichst in zwei Punkten um Ihre Meinung und Ihren frdl. Rat zu bitten.

Ich habe hier, wie vorauszusehen war, das wunderschönste Material gefunden: alles was irgend über Montesquieu geschrieben worden ist, sämmtliche Veröffentlichungen aus seinem Nachlaß, die Zeitschriften des 18. Jahrhunderts, die ersten Übertragungen der englischen Philosophen ins Französische, worauf sich Montesquieu gestützt haben dürfte, den Bodinschen »Staat« in der Erstausgabe usw. usw. Es ist eine rechte Freude, aus dieser Fülle heraus arbeiten zu dürfen.

Mit den neuen Montesquieu-Veröffentlichungen verhält es sich nun so: es sind Fragmente, Gedanken, Reisetagebücher u. einzelne Stücke aus den Brouillons zum Esprit d. L. herausgekommen – nach Barckhausens Angaben alles, was von diesen Entwürfen zum Hauptwerk Wert hatte. Es sollen – wahrscheinlich bis zum Frühjahr – noch Briefe folgen, die ich bestimmt in Bordeaux werde einsehen dürfen. Wenn irgend möglich, möchte ich dort auch noch die sämmtlichen Manuscripte zum Esprit mit dem Werk selber vergleichen, das hängt davon ab, ob die Familie Montesquieu ihre Einwilligung dazu gibt. Der Herausgeber der Briefe und Bibliothekar der Stadtbibliothek von Bordeaux, Gébelin, will sich in diesem Punkt für mich verwenden.

Doch glaube ich auf alle Fälle, auch allein auf die mit den Briefen abschließenden Publikationen gestützt, meinen Arbeitsplan gründlich durchführen zu können.

Meine Absicht ist diese.

Den Esprit in den Mittelpunkt stellend, aber bei den ersten Reden beginnend und bis zum Nachlaß vorgehend, möchte ich Punkt für Punkt den Entwicklungsgang Montesquieus zeichnen: was für Einflüsse gewirkt haben, wie sie auf ihn, wie aufeinander gewirkt haben, was für Auf-, was für Ineinanderschichtungen sich ergeben. Ich werde damit zu einem Gesammtbilde Montesquieus kommen, das sich von den bisher gezeichneten unterscheiden wird. Man hat bisher im Wesentlichen drei Montesquieus gemalt. 1) den Sensualisten, der von der Idee ausging und sozusagen in die sensualistische Knechtschaft geriet. 2) den Idealisten, bei dem Plato u. Descartes über Locke Sieger blieben. 3) den Chaotiker, der mit sehr vielem Geist in einem ungeheuerlichen Nebeneinander die widersprechendsten Dinge stehen ließ. Man kommt zu einem wesentlich anderen Resultat, wenn man nicht von dem Philosophen, sondern von dem Dichter Montesquieu ausgeht. Ein Philosoph, meine ich, kann Einheit nur im einheitlichen Gedanken finden, ein Dichter kann u. wird sie öfter in einer Sehnsucht finden, die gerade aus unüberbrückbaren Widersprüchen entsteht. Das aber ist genau Montesquieu’s Fall (und ist wohl überhaupt vielfach der Fall des 18. Jahrhunderts). Da steht auf der einen Seite die Überzeugung und der heißeste Wunsch, daß Menschen zu verbessern sind und verbessert werden müssen, auf der andern Seite die Überzeugung von der naturnotwendigen Verkettung der Dinge, von einer der Mystik entkleideten aber um so unerbittlicher gewordenen Fatalität. Sehen Sie die Lettres Persanes und die Considérations daraufhin an – so haben Sie in der Troglodytenutopie und dem Satz: auch ohne Caesar wäre die Republik gefallen die äußersten Punkte der Pendelschwingung vom Optimismus zum Pessimismus, vom freien zum gebundenen Willen, oder wie man das ausdrücken will. Der Esprit des Lois ist die ungeheure zum Teil geglückte, zum Teil gescheiterte, aber prachtvoll gescheiterte Bemühung des reifen Mannes, sein Ideal zu retten, ohne seine naturwissenschaftliche Überzeugung zu verraten; der Jurist, der Reisende, der Philosoph, der Politiker, der Journalist, der Kenner der schönen Literatur – alle helfen sie, diese Sehnsucht zu verwirklichen, und weil es um eine Sehnsucht, um ein Dichterisches geht, so wird aus dem vielfältigen Stoff auch ein dichterisch geformtes Ganzes, ein Kunstwerk. Womit denn die Frage nach Montesquieus Originalität aus dem bloßen: Wo hat er dies und jenes her? herausgehoben, womit zugleich die Berechtigung des Literarhistorikers erwiesen ist, dieses Bild zu zeichnen. Sie sehen, Herr Professor, wie sehr ich im Anfangs- u. Endpunkt dieses Ideenganges in Ihrer Schuld stehe; ich habe zahllose Arbeiten über Mont. gelesen; nicht eine betont den Dichter in ihm mit solcher mutigen Entschiedenheit, wie Sie das getan haben.

Ich möchte Sie nun fragen, ob Sie mit der Ausführung dieses Planes einverstanden sind. Ich will nirgends phantasieren, sondern Punkt für Punkt mit aller Sachlichkeit vorgehen und das solideste Material benutzen. Ich habe schon viel davon angehäuft, und alles was ich gefunden habe, hat mich nur in meinem Plan bestärkt und sicher gemacht. Es wird aber noch monatelanger Arbeit bedürfen, ehe ich zum Schreiben komme, denn ich glaube, daß dieses Buch, wenn es etwas taugen soll, ein wenig über das Einzelporträt hinausgehen und Zeitstudie werden muß.

Und hier eine zweite Frage und Bitte an Sie. Ich möchte nicht zu früh von meinem Material fort, ich möchte auch noch nach Bordeaux. Würden Sie es für verkehrt halten, wenn ich erst in der zweiten Semesterhälfte wieder nach München käme? Und dürfte ich wohl Sie als Zeugen angeben, wenn ich das Sekretariat der Universität um Aufrechthaltung meiner Immatriculation bäte, mit der Begründung, daß ich zu wissenschaftlicher Arbeit in Frankreich bin?

Indem ich Sie wegen der verursachten Mühe – verursacht allein schon durch die Länge dieses Schreibens! – vielmals um Entschuldigung bitte, verbleibe ich in ständiger größter Wertschätzung.

Ihr dankbar ergebener Schüler

Victor Klemperer.

Die Karte an Bédier habe ich noch nicht abgeben können, er ist bis Ende Oktober verreist.

Victor Klemperer an Karl Vossler

Paris Rue Molière 23

16. 10. 13

Hochgeehrter Herr Professor –

ich danke Ihnen aufs allerherzlichste für Ihre liebenswürdige und umgehende Antwort und ebenso für den schönen Aufsatz. Mir war Ihre Studie, die so vieles gibt und so sehr zum Weiterdenken anregt, in den Hauptpunkten durchaus gegenwärtig geblieben, aber ich fand doch auch wieder viel Neues darin und bin sehr froh, sie nun als Eigentum zu besitzen. Noch einmal: herzlichst ergebenen Dank dafür!

Daß Ihnen mein Buchplan zuzusagen scheint, macht mir Mut, weiterzuarbeiten, und den kann ich wohl gebrauchen, denn die Sache bietet manchmal recht böse Schwierigkeiten. Ich werde nun also vorläufig hierbleiben und im Dezember nach Bordeaux gehen.

In aufrichtiger Dankbarkeit ständig ergeben

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Bordeaux 4. 1. 14.

Hochgeehrter Herr Professor –

Ich habe mit der Antwort auf Ihr so freundliches Schreiben gezögert, bis ich Ihnen Endgiltiges zu berichten hätte. Was mir an diesem Brief das Freudigste war, ist die weit über das Pflichtmaß des Lehrers hinausgehende Sorgfalt, die Sie mir angedeihen lassen. Mir widerstreben die superlativischen Worte, besonders im Gefühlsausdruck; bitte, glauben Sie also meiner ganz einfachen Versicherung, daß ich Ihnen mein Leben lang tiefe Dankbarkeit bewahren, daß ich mich immer bemühen werde, Ihnen keine Unehre zu machen, und daß aus jeder Arbeit, die ich künftig unternehme, hervorgehen soll, wieviel ich Ihnen geistig verdanke.

Ich erhielt hier einen ebenso dringenden wie liebenswürdigen Brief Professor Manacordas. Er bürge mir für das Lectorat, die Anstellung würde ich Mitte Januar für den 1. Februar erhalten, das sei aber una pura formalità, und er wünsche dringend, daß ich sogleich nach Neapel käme, damit ich vor Beginn der Curse mich noch ein paar Wochen im Italienischen vervollkommnen könnte. Die Herzlichkeit des Anerbietens und die Sicherheit der Zusage in Betracht ziehend, habe ich gemeint, bedingungslos vertrauen zu sollen und also meine Zusage für den 10. Januar gegeben. Ich reise nun Mittwoch von hier nach Marseille – mit der Einsicht der Montesquieubriefe wurde ich fertig –, Donnerstag von dort zu Schiff nach Neapel, wo ich am 10 Januar ankomme. Ganz ohne Unruhe bin ich natürlich nicht: es ist ja doch eine Reise ins Ungewisse und Fremde, dazu eine große und umständliche Sache; auch fürchte ich, daß Herr Professor Manacorda sich im ersten Augenblick über mein Italienisch entsetzen wird, das ich praktisch immer nur wenig und in den letzen Jahren gar nicht getrieben habe. Ich glaubte aber Ihrem und Prof. M.’s Rat folgen zu sollen.

Ihrem frdl. Vorschlag im Punkte der Habilitation möchte ich, wenn irgend möglich, folgen: ich bin ein allzu alter Student, und das Kind muß endlich einen Namen bekommen. Für Ihr frdl. Anerbieten, mir Empfehlungen zu geben, bin ich Ihnen überaus dankbar, daß Sie mich an Croce empfehlen wollen, macht mich stolz, und seine Bücher will ich studieren, sobald ich nur erst wieder zu Athem gekommen bin.

Ich muß Sie endlich mit noch einer Bitte behelligen. Ich bin ohne alle akademischen Ausweise hier u. mein Münchener Schreibtisch ist natürlich verschlossen. Würden Sie, Herr Professor, da vielleicht die große Güte haben, auf einem an Prof. Manacorda od an mich (poste-restante Neapel) zu sendenden Blatt mit zwei Zeilen officiell zu bestätigen, daß ich am 30. Januar 1913 an der Universität München das Doctorexamen in Deutsch, Französisch und Philosophie summa cum laude abgelegt habe.

Indem ich Sie endlich bitte, die diesmal besonders böse Handschrift mit der großen Eile der Reisevorbereitungen und mit einiger Praeoccupation freundlichst entschuldigen zu wollen,

verbleibe ich in tiefer Dankbarkeit

ergeben

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Hotel & Pensione Sta Caterina

Amalfi

9/4. [14]

Hochgeehrter Herr Professor –

ich möchte mit einem herzlichen Osterwunsch gern zur Zeit eintreffen; so benutze ich eine Pause in der Fußwanderung, die uns seit einer Woche etwa an allen erdenkbaren Herrlichkeiten vorüberführt und unendlich bereichert. Seien Sie auch bei Gelegenheit dieses Osterwunsches meiner Dankbarkeit versichert, die ich Ihnen vorderhand immer nur in Briefen ausdrücken kann, später hoffentlich einmal so erzeigen werde, wie das ein Schüler seinem Lehrer gegenüber soll: durch anständige Arbeiten.

– Einen besonderen Dank für Ihr letztes Schreiben. Wie schade, daß Sie nun doch nicht nach Neapel kamen. Ein übrigens ganz egoistisches Bedauern meinerseits: ich habe die eitle aber doch wohl verzeihliche Hoffnung gehabt, vor Ihnen einmal auf dem Katheder glänzen zu dürfen. Freilich »glänzen« – von einem fehlerfreien Italienisch bin ich noch weit entfernt; immerhin geht die Sache doch nun schon ganz leidlich. Nimmt auch nicht mehr meine ganze Zeit in Anspruch, längst nicht mehr: ich arbeite wieder viel an Montesquieu, lese auch Croce langsam und stückweise, daneben Leopardi und Manzoni. Für Manzoni erwärme ich mich täglich mehr. Welch ein Kunstwerk sind die Promessi Sposi, viel, viel zu schade für die bei uns übliche Verwendung zur ersten Lectüre für Anfänger im Italienischen. Ob ich wohl in meinem ersten Dozentensemester eine einstündige Vorlesung über Manzoni halten dürfte? –

Vielen Dank endlich auch dafür, daß Sie mir den Laterza-Katalog zuwiesen. Ich habe ihn mit wenig Mühe und vielem Vergnügen übersetzt (obwohl er teilweise etwas bombastischen Reclamestil hat, der sich auch dann nicht umgehen ließ, wenn man einige allzu italienische Superlative mit Positiven übertrug), und sehe nun mit großer Freude einer Reihe Croces und der Literaturgeschichte De Sanctis’ entgegen.

Croce habe ich vor etwa 14 Tagen besucht, wurde auch seiner Frau vorgestellt. Er erzählte mir mit vieler Liebenswürdigkeit und mit einer schönen herzlichen Wärme von Ihnen und Ihren ersten Arbeiten. –

Anfang Juni schließt hier das akademische Schuljahr; die Prüfungen aber, an denen ich beteiligt bin, sollen sich doch bis in den Juli hinziehen, u. so werde ich kaum vor dem ersten August in München sein. Ich werde dann im Winter sehr gern auf ein weiteres Jahr hierhin zurückkehren. Aber ich fühle doch, daß dies alles nur Lehrzeit für mich sein kann und sehne mich schon recht sehr nach einem deutschen Katheder. Mir ist jetzt oft, als hätte ich mit dem sogenannten »freien« Schriftstellern – mit all dem zersplitternden Herumschreiben, den Novellen, den Aufsätzen und Büchern über modernste Literatur, denen Durchbildung und Basis fehlt, allzuviele Zeit verloren, und ich fühle mich manchmal ein bißchen vorwärts gepeitscht. Es ist wahrhaftig nicht die Sehnsucht nach einem Titel oder einer pensionsberechtigten Anstellung; ich möchte nur endlich auf einen Posten kommen, wo mir Wunsch und Können nicht ganz auseinanderklafft, und wo ich endlich einmal etwas leisten könnte. Ich habe jetzt manchmal die Hoffnung, daß ich mit meinem Montesquieu wenigstens ein bißchen zufriedener sein werde als mit meinen früheren Arbeiten, die mir nicht genug umfassen und nicht tief genug greifen. Gelingt mir diesmal etwas Besseres, so kann ich mich bei Ihnen bedanken. –

Sie entschuldigen es gewiß, wenn mein Brief etwas persönlich ausgefallen ist; Sie haben mir zu vieles gegeben, als daß ich nun noch den ganz unpersönlich »respektvollen« Ton finde.

Mit nochmaligen Wünschen für die Feiertage, das neue Semester und Ihre neuen Arbeiten

in der herzlichsten Ergebenheit

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Neapel Partenope 1

19/11 14.

Hochgeehrter Herr Professor –

gestern zeigte mir Manacorda Ihre treffende Antwort auf seinen Marzocco-Brief; ich entnahm daraus, daß Sie noch in München sind und möchte Ihnen einige Zeilen von hier schreiben, obwohl ich über mein eigentliches Amt noch nichts sagen kann – denn man läßt sich ja hier unendlich viel Zeit bis zum Anfang der Collegien. Ganz leicht wird es mir diesmal hier nicht. Die Presse u. die Volksstimmung sind uns so bitter feindlich, u. selbst die sich für Deutschlands Freunde Haltenden tun im Grunde nichts anderes als auf den Moment unserer Schwäche zu warten – nicht aus Haß gegen Deutschland, wie immer wieder versichert wird, nur aus Feindschaft gegen Oesterreich. Man redet u. redet vom Mittelmeer, von der Slavengefahr, von allem, was Sie so schön eindringlich herausgebracht haben – und schließlich, wie Kinder mit einem obstinatem »Ich will aber«, fangen sie alle: Hausknecht, Barbier, Offizier, Professor, die alte Litanei an: Vielleicht habt ihr recht, wir aber wollen ans oesterreichische Leder, das ist unser ererbtes Gefühl, unsere Pflicht, unser Recht … Ich nehme es nicht allzu tragisch, man wird sich hier wohl besinnen, u. inzwischen wird ja wohl in Flandern u. Rußland einiges für uns besser werden; aber es fällt auf die Nerven.

Eigentlich ist es ungebührlich, daß ich Ihnen von Politik schreibe; doch schläft man ja jetzt damit ein u. wacht damit auf. Ich gebe mir Mühe, trotzdem ein bißchen zu arbeiten u. schlage mich ehrlich mit philosophischen u. staatsrechtlichen Fragen des Esprit des Lois herum, komme mir aber bei dieser Beschäftigung einigermaßen lächerlich vor. –

Viel Anregung u. Freude haben mir (genauer uns, denn ich las das Buch meiner Frau vor) Ihre Vorträge über die italien. Literatur gemacht, die ich vor meiner Habilitation nur erst durchgeblättert hatte. Am meisten gefällt mir die Ausführung über Fogazzaro u. D’Annunzio, diese zweite das abwägendste u. gerechteste, was ich mir vorstellen kann. Über Ada Negri habe ich vor einigen Jahren eine längere Studie in der Voßischen Zeitung geschrieben; einige ihrer socialistischen Gedichte, z.B. der »Grubenbrand«, haben einen großen Eindruck auf mich gemacht, wenigstens damals. Auch mit Belli habe ich mich früher beschäftigt. Gegen D’Annunzio habe ich eine so fürchterliche Abneigung, daß es mir immer schwer wird, etwas von ihm zu Ende zu lesen. Ich glaubte auch aus Ihren Worten Abneigung herauszulesen u. bewunderte um so mehr die heitere Ruhe Ihres Abwägens u. doch auch Anerkennens. – Von meiner Probevorlesung fand ich hier bereits Correktur vor; ich bin Ihnen sehr dankbar dafür, daß Sie sie mir untergebracht haben. Darin wie in so vielem anderen haben Sie mir den Weg geebnet.

Seien Sie bitte meiner ständigen dankbaren Gesinnung gewiß.

Ich empfehle mich Ihnen aufs allerergebenste

als Ihr alter Schüler

Victor Klemperer.

Felix Klemperer an Victor Klemperer

Kurfürstendamm 214

17. VII. 16.

Lieber! In Eile folgendes. Ich habe mir erlaubt, in Deine militär. Karrière einzugreifen. Hoffentlich mit Deiner nachträglichen Zustimmung.

Am Sonnabend Nachm (15. VII.) ging folgendes Telegramm aus Kowno ab:

III Bayr. Reserve Armeekorps. Drahtantwort erbeten, ob Kanonier Victor Klemperer 6 Batt., 6 Bayr Feldart Regt 6 Bayr Res. Divis., z.Zt Lazarett Bad Driburg, zur Verwendung bei Buchprüfungsamt Ob. Ost. zur Verfügung gestellt werden kann. Wenn ja, Inmarschsetzung über Eydtkuhnen nach Hauptquartier Ost. Meldung bei Hauptmann Bertkau, Hindenburgstr 28. Presseabteilung Nr …

Unterschrift: Oberbefehlshaber Ost.

Es kommt nun darauf an, ob die Bayern Dich loslassen. Ich denke aber ja, denn der unterschriebene Oberbefehlshaber Ost ist niemand anders als … Hindenburg.

Wie ich zu der Sache kam etc pp. erzähle ich Dir später. Es sammeln sich hier in Kowno mehr u. mehr literarische Persönlichkeiten an: Herbert Eulenberg, Neumann-Hofer [der an der Spitze des neugegründeten Buchprüfungs(i.e. Zensur)amts steht]; da dachte ich an Dich u nutzte m. Beziehungen.

Wenn Du noch militär. Ehrgeiz hast, braucht Dich das nicht hindern. Ich kann Dich nach einiger Zeit, wenn Du willst u k.v. bist, leicht an die Front u dann zu einem mir bekannten Regiment bringen, wo Du es besser hast.

Wenn der Befehl kommt u Du reisen kannst, fährst Du nach Berlin (wo Du einen [1–1½] Tag bleiben kannst [event. wegen Ausrüstung sind auch 2–3 Tage begründet], nicht länger!), dann nach Kowno. Dort suche im Kais. Gouvernement den Oblt. (Lehrer aus Berlin-Pankow) Schültke auf (Abtg IIb, der m. Freund u. informirt ist u für Dich u. Deine Unterkunft etc sorgen wird. Hptm Bertkau kenne ich nicht, wohl aber seinen Adjutanten Oblt Frentz (aktiv), meinen dicken Freund, der die ganze Sache gemacht hat. Erst wenn Du von Frentz Instruktionen hast (u vorher von Schültke), gehe zu Bertkau. – Ich komme am 16ten VIII Nachm. Es thut mir leid, daß ich Dich nicht empfangen u. einführen kann. Vielleicht ist es aber auch gut so. Jedenfalls Zurückhaltung, bis ich komme; dabei aber Festigkeit, m. Alter, u militär Haltung. (Eulenberg ist auch nur Ldstm, nicht Offizier). Geduld – u. Du sollst sehen, wir werden schon was aus der Sache machen. (Wenn Du Dich sauber equipieren kannst, wäre es gut. Aber natürlich vorschriftsmäßige Sachen.)

Hoffentlich klappt alles. Und ohne falsche Bange. Wir sind wir! – Ich fahre heute Abend mit Betty ab. Adresse gebe ich Dir, sobald ich eine habe.

Herzl Gr. v H. z. H.

Getr Felix

Victor Klemperer an Eva Klemperer

Buchprüfungsamt Ob. Ost.

Sonnabend morgen 22. 7. 16

Liebste – was tut der Bürokrat, wenn der Dienst um 8 beginnt? Erst plaudert er ein halbes Stündchen u. dann schreibt er einen Brief. Also lege nur ruhig diesen herzlichen Zwischengruß ad acta, zum Zeichen meiner neuen Tätigkeit. – Zu Haus stehe ich gerade da, wo wir gestern den Spaziergang antraten. Der bedarf nun längerer Schilderung. Danach habe ich dann noch an Dich geschrieben, der Bursche kam u. ich unterhielt mich mit ihm. Er hat doch mit Felix zusammen vieles mitgemacht. Auch sprachen wir sachverständig von Reiten u. Reitunterricht. Die prachtvolle Wohnung u. das Alleinsein u. Bedientsein wird mir – einmal gekostet – doch fehlen, wenn F. zurückkommt u. ich das Zimmer räumen muß. Könnte ich Dich hier haben, so würde mir gar nichts an der Zufriedenheit fehlen. Aber es geht nun einmal nicht. Von einem Hauptmann habe ich gehört, daß er die Frau hier habe; es soll aber eine vollkommene Ausnahme sein – auch den Offizieren ist das verboten. Mit welchem Verbot man nur der Unsittlichkeit dient. –

Guten Morgen, Meines! Grüße Jule u. Ella.

Dein Victor.

Adressiere bitte endgiltig wie umstehend.

Victor Klemperer an Karl Vossler

Kipsdorf i Erzgebirge, Oberlausitzer Haus

7/4. 17

Hochgeehrter Herr Professor –

vor allem möchte ich Ihnen von Herzen recht gute Wünsche zu Ostern schicken. Vergnügte Feiertage u. ein gedeihliches Semester u. irgendwann einmal Frieden!

Ich habe einen kurzen Urlaub hierher bekommen u. denke mich ein wenig erholen zu können. Das tut doppelt not, denn einmal stimmt es mit meiner Gesundheit gar nicht, u. zweitens hat mich neuerdings die Commission wieder k.v. erklärt. Im Mai werde ich nun wohl wieder zur Front kommen, doch hoffe ich bis dahin Unteroffizier zu werden, u. dann bin ich wenigstens vor der schweren körperlichen Arbeit bewahrt, die mich während meiner ersten Campagne so arg mitnahm.

In den Leipziger Monaten bin ich insofern ein wenig verwöhnt worden, als ich doch neben meiner Censortätigkeit ein bißchen für mich arbeiten konnte. Auf das fertige Voltairecolleg ließ ich allerhand Studien zur französischen Romantik folgen. Das wird mir doch sehr fehlen, wenn ich nun wieder zur Front gehe.

Große Freude würde es mir machen, gelegentlich wieder von Ihren Arbeiten, Vorlesungen u. Plänen zu hören, auch von Ihrer Stimmung u. Ihren Ansichten, was diesen katastrophalen Krieg anlangt. –

Daß ich die militärischen Ehren der Gefreitenknöpfe u. des bay. Verdienstkreuzes III Kl. mit Schwertern erhalten habe, erzählte ich Ihnen wohl schon einmal?

Ich verbleibe in alter Anhänglichkeit u. Dankbarkeit mit den herzlichsten u. ergebensten Grüßen

Ihr Schüler

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Leipzig, Dufourstr 1II

4. II. 18

Sehr geehrter Herr Professor –

[…] Immer noch sitze ich tagaus tagein im Bureau u. bin überhäuft mit zu censurierenden Schriften. An Zeit u. Sammlung zu eigenem Studium – von productiver Arbeit ganz zu schweigen! – ist nur wenig zu denken. Ganz ungewiß bleibt nach wie vor, ob ich hier das Ende des Krieges erlebe oder noch einmal ins Feld komme. Hoffnungen auf einen baldigen Frieden habe ich nicht: ich glaube, es wird noch lange Sommer- u. Herbstmonate hindurch hart auf hart gehen. – –

Wie ist es bei Ihnen in München? Halten Sie Vorlesung, haben Sie viele Hörer? Was ist es für eine furchtbare Sache mit der Frau Dr. Lerch? Ich las mehrere Zeitungsnotizen darüber u. kann mir die Geschichte gar nicht erklären. Wie wird denn das auf Lerch selber u. seine Stellung wirken? –

Was mich persönlich immer am meisten bedrückt, mehr als die wenig gute Gesundheit u. die Alltagsnot des Essens, der Kohle etc., ist das Ausgeschlossensein aus meinem Beruf. Nun bin ich schon so lange Dozent u. kann mich gar nicht betätigen. Eine ganze Hecke junger Dozenten wird ausschlüpfen u. unterschiedliche Professuren erlangen, u. ich werde immer Privatdozent ohne Katheder u. Unteroffizier sein. Aber da hilft kein Klagen.

Ich wünsche Ihnen u. den verehrten Ihrigen möglichst gute Tage, ein möglichst geringes Bewußtwerden von den Nöten der Zeit u. verbleibe in alter dankbarer Anhänglichkeit u. getreuer Gesinnung

mit den aufrichtigsten Grüßen v. H. z. H.

Ihr ergebner

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Leipzig Reichelstr 16III

25. 7. 18

Sehr geehrter Herr Professor –

Sie können sich nicht vorstellen, welchen Eindruck Ihr Telegramm auf mich machte. Ich sollte bis zum 7. August spätestens zur Truppe, bin von einem Regiment, zu dem ich Beziehungen habe, bereits angefordert, rechnete bestimmt damit, in spätestens 14 Tagen im Westen in der Feuerlinie zu stehen u. hatte, wie die Dinge liegen, mit dem Leben im Grunde abgeschlossen. (Zumal ich mehr als die Kugel einen Krankheitsrückfall bei Strapazen mit ziemlicher Sicherheit zu erwarten habe.) Da kam gänzlich unerwartet Ihr Telegramm, aus dem ich erst gar nicht sonderlich klug wurde. Ich war einigermaßen fassungslos u. beschloß einen Tag zu warten u. mich zu beruhigen, ehe ich antwortete. Inzwischen ist nun heute früh das Angebot aus Brüssel hier eingetroffen. Ich habe sofort nach Brüssel telegraphiert, daß ich annehme, daß man mich aber umgehend bei meiner Behörde in Kowno telegraphisch reclamieren müsse, da anderweitige Ablösung im Gange sei. Und jetzt muß ich eben abwarten, ob ich auf das Genter Katheder oder ins Feuer komme. –

Wie das nun aber auch ablaufe, so möchte ich Ihnen jetzt auf alle Fälle meinen allerherzlichsten u. gar nicht in Worte zu fassenden Dank sagen. Es scheint sich in meinem Leben wiederholen, vielleicht zur ständigen Einrichtung erklären zu sollen, daß ich alles Erfreuliche auf beruflichem Gebiete Ihnen zu verdanken habe. Sie sorgen für mich weit mehr, als bloß ein Lehrer für seinen Schüler sorgt, Sie geben mir die schönsten Möglichkeiten der Betätigung. (Diesmal, nebenbei bemerkt, dürften Sie mir geradezu Lebensretter sein.) Ich habe nur einen Weg, Ihnen meinen Dank zu erweisen, indem ich Ihnen auf jedem Posten Ehre zu machen suche, und indem ich überall betone, daß ich mein Bestes auf wissenschaftlichem Gebiete Ihnen verdanke. Bitte erlassen Sie mir alle großen Worte u. seien Sie meiner dankbaren Zuneigung gewiß. –

Viel gäbe ich darum, wenn ich Sie jetzt aufsuchen und Ihnen eine ganze Menge Fragen vorlegen dürfte. Schriftlich läßt sich ja da so wenig machen. Mir sind die Genter Verhältnisse ganz fremd. In französischer Sprache lesen zu sollen schreckt mich wenig; schwieriger erscheint mir schon, gleich in das mir ferner liegende Altfranzösisch tauchen zu sollen. Oder muß es nicht gleich sein? Werde ich Zeit zur Vorbereitung erhalten, u. werde ich diese Zeit in München oder in Gent verbringen? Und bleibe ich Privatdozent in München, und wird man mir in Bayern die Genter Semester anrechnen? Dies ist so eine kleine Auswahl der Fragen die mich beschäftigen.

Herr Prof. Wolff, an den mich das Brüsseler Schreiben verweist, ist mir leider unbekannt. Übrigens, wer ist im Civilleben der als Absender zeichnende Geheimrat von Dyck? – –

Ich wäre Ihnen sehr dankbar, sehr verehrter Herr Professor, wenn Sie mir einmal über alles das ein wenig schreiben wollten.

Inzwischen verbleibe ich in alter Anhänglichkeit

Ihr ergebenster

Victor Klemperer.

Bei Becker sah ich dieser Tage einen neuen Provenzalen von Ihnen liegen!

Victor Klemperer an Karl Vossler

Leipzig, Reichelstr 16III

21/XI 18

Sehr geehrter Herr Professor –

wenige Tage nachdem ich Ihre Hilfe in Anspruch genommen, um aus dem trostlosen Wilna fortzukommen, wurde ich auf die seltsamste Weise (durch einen verspätet eingetroffenen u. gegenstandslos gewordenen Befehl des bay. Kriegsministeriums, meine »Frontverwendung« betreffend) sehr unverhoffter Weise befreit. Ich habe nun von hier aus an das Kriegsministerium die Bitte gerichtet, bis zu meiner Entlassung in Leipzig bleiben zu dürfen. Das würde mir unangenehme Wartetage in der Münchner Kaserne ersparen. Auch habe ich hier Wohnung, u. man wird gut tun, mit dem Suchen u. Mieten in München eine wenigstens leise Beruhigung u. Stabilisierung der Lage abzuwarten. Nicht zuletzt auch lockt es mich, hier meiner Astrée-Studie nachzugehen. Und die Vorbereitung zum Sommersemester, wo ich endlich auf ein Katheder zu kommen hoffe, kann ich natürlich hier auch gerade so gut treffen wie in München. Hoffentlich macht mir das Kriegsministerium, bezw. der Soldatenrat, keinen Strich durch die Rechnung. Schon habe ich mit Arbeiten begonnen, u. Sie können sich kaum vorstellen, wie gut das tut nach den vielen Wirren u. Aufregungen der letzten Zeit, wo ich noch als Extrawurst neben der Revolution die polnischen Unruhen zu kosten bekam.

Seien Sie ebenso herzlich wie ergeben gegrüßt.

Mit den besten Empfehlungen v. H. z. H.

Ihr

Victor Klemperer.

3 Endlich will ich als Lehrer mit einem Paukenschlag beginnen 1920–1932

Victor Klemperer (l.) erreichte, dass Karl Vossler zur Jahrhundertfeier der Technischen Hochschule Dresden zum Ehrendoktor ernannt wurde, die Festlichkeiten fanden am 4. und 5. Juni 1928 statt.

Als der Erste Weltkrieg zu Ende geht, ist Klemperer siebenunddreißig Jahre alt und hat scheinbar noch immer nichts vorzuweisen. Sein dringlichster Wunsch bleibt ein deutsches Katheder. Ein Provisorium bietet München, hier soll er als Privatdozent Kriegsheimkehrer unterrichten. Und dennoch geht er, was das journalistische Schreiben anbelangt, noch einmal einen Schritt weiter. Er tritt 1919 als politischer Krisenreporter in Erscheinung, der über dem »Feuilletonstrich« der Zeitung, als A.B.-Mitarbeiter »Antibavaricus«, aus dem revolutionären München für die »Leipziger Neuesten Nachrichten« berichtet. Der Gefahr, die das für seine Universitätskarriere, ja sein Leben bedeuten könnte, ist er sich durchaus bewusst. Dennoch liefert er eine vom Standpunkt des liberal-konservativen Bildungsbürgers geprägte scharfsinnige Einordnung der aktuellen Ereignisse. Klemperer findet zu einer ihm eigenen Form: In seinen Texten tritt er uns als ganzer Mensch gegenüber, der sich nicht stilisiert, der seine Meinung offen darlegt und es auch über sich bringt, bisherige Auffassungen, wenn nötig, zu ändern. Zum ersten Mal übernimmt er die Rolle des Chronisten. Den Dienst am Wort stellt er über seine persönlichen Ziele.

Seine journalistische »A.B.«-Post indes verhindert seine universitäre Laufbahn keineswegs, auch wenn ihm der Vorwurf des »Schreiberlings« noch öfter in seinem Leben begegnen wird. In München erreicht ihn Ende 1919, überraschend schnell, der Ruf an die Technische Hochschule Dresden. Da ist nicht nur der Vater, auch die Mutter schon gestorben. Während der schweren Zeiten, die in der Weltwirtschaftskrise kulminieren, beginnt Klemperer als ordentlicher Professor Fuß zu fassen, auch wenn die Technische Hochschule nicht das Ziel seiner Träume ist: »[…] die Angst quält mich, hier sitzen zu bleiben.« Eine Zeit intensiver wissenschaftlicher Arbeit beginnt, zugleich Jahre erster Universitätsintrigen und Machtkämpfe, die auch das Verhältnis zu Vossler verändern.

Mit Eva unternimmt er große Reisen nach Südamerika, Spanien und in die Levante. Mitte Juni 1928 stürzt Eva Klemperer in Dresden und zieht sich eine Verletzung am rechten Knöchel zu, die sie lange beeinträchtigt, wie überhaupt ihre Gesundheit labil ist. Rückblickend erscheint dieser Unfall wie ein Vorbote unglücklicher Ereignisse: 1931 stirbt – nach Schwester Hedwig, die 1893 das Kindbett nicht überlebt hatte – Bruder Berthold (Beo), der Justizrat, und im folgenden Jahr Bruder Felix. Derweil etabliert sich der aufkommende Nationalismus und wirft seine Schatten voraus.

Eva Klemperer an Victor Klemperer

Urfeld, 26. II. 1920.

Mein geliebtes Herz –

ich schreibe Dir erst von hier oben, weil ja bisher doch nichts zu berichten war, und vielleicht erreicht Dich der Brief garnicht, weil Du moeglicherweise selber herkommst. Ich laße aber meinen Brief fuer alle Faelle durch Eilboten bestellen, weil ich Dir meine Ankunftszeit angeben moechte, und Dich bitten, mich abzuholen, denn bei dem mitzunehmenden Fahrrad kommt es moeglicherweise auf eine Fußwanderung heraus. Ich komme also, wenn Du nicht inzwischen hier sein solltest, am Sonnabend, und zwar wahrscheinlich auf dem Isartalbahnhof an. Der Zug soll wirklich gehen, und fahrplanmaeßig um 945 ankommen. Der andere, taegliche Zug nach dem Hauptbahnhof bleibt zwei Stunden in Tutzing liegen (d.h., hat erst nach 2 St. Anschluß) und soll immer erst gegen 12 Uhr in Muenchen sein. Da will ich also versuchen, zum Isartalbahnhof durchzudringen – bin ich dort nicht, so hast Du ja wahrhaftig reichlich genug Zeit, zu dem anderen Zug an den Hauptbahnhof zu kommen. Wenn moeglich, laßen wir das Rad in Aufbewahrung und schaffen es am Montag direkt zu Wetsch. – Du siehst, das Rad ist da – ich habe es heute im Angesicht der erhabenen Natur auf dem Balkon vor unserem alten Zimmer geputzt.

Meine gestrige Fahrt verlief gut. Der einzige Wagen III. Kl. war kaum zur Haelfte besetzt; voll waren die IV und die II Kl. Ich kam puenktlich um 930 in Kochel an und uebernachtete dort im Bahnhofshôtel. Heute nach dem Fruehstueck wanderte ich um 11 Uhr ab, machte mehrmals unterwegs Rast und war gegen 2 Uhr in Urfeld. Meinen Karton hatte ich mir mit den Riemen zum Rucksack eingerichtet und konnte ihn so ohne Muehe selber tragen. Nur fuehlte ich mich an das selige Tschecherl erinnert, denn es war sehr heiß und ich hatte viel an. Hier oben aß ich ein schoenes Mittag – zwei Teller Reissuppe und sehr schoenes fettes Ochsenfleisch mit Kartoffelgemuese. Dann sah ich mir ein bißchen die Baustelle des Werks an, trank Kaffee, holte mir mein Rad vor, putzte es und machte mit einer kaputten Luftpumpe vergebliche Versuche die Pneumatiks zu fuellen – ich weiß also noch nicht, ob die Reifen dicht halten. Danach schlich ich ein bißchen umher, fing einen Brief an Scherners an, aß Abendbrot, machte den Schernerbrief fertig, unterhielt mich zwischendurch mit Frau Wiesmayer und einem jungen Ingenieur, von dem die Zeichnung des Keßelberg-Durchstichs auf diesem Blatt stammt, und schreibe nun noch an Dich. – Urfeld ist herrlich wie am ersten Tag, das bißchen Buddelei geht in der Schoenheit des Ganzen unter, und ich bin hier gut aufgehoben und habe unser altes Zimmer mit dem schoenen Ausblick auf den See. Ich bin doch ganz froh, hergegangen zu sein, denn es fuehrt mir so recht den Unterschied vor Augen zwischen der Zeit damals, als ich hier saß waehrend Du im Felde warst, und der Gegenwart mit ihren angenehmen Ausblicken in die Dresdener Zukunft. Es waere nett, wenn Du auch herkaemst, mein Lieb, damit wir hier vergnuegten Abschied feiern koennten. Uebrigens sonne ich mich hier foermlich in der Sauberkeit des Hauses! Gottlob, daß unser tuerkischer Saustall nur noch kurze Zeit dauert.

So, mein liebstes Herz, das waere eigentlich alles, was ich Dir fuer die paar Stunden zu erzaehlen habe, denn wenn Du diesen Brief bekommst, bin ich wohl schon unterwegs zu Dir. Miez, mein liebster Munzel, ich moechte nicht laenger von Dir getrennt sein, und komme also bestimmt am Sonnabend! Lebe wohl, mein Einziger, und sei vielmals sehr herzlich gegrueßt und gekueßt von Deiner

Eva.

Victor Klemperer an Karl Vossler

Dresden, Bendemannstr 3 Pension Blancke

14. Juni 20

Hochgeehrter Herr Professor –

Ich bin Ihnen den herzlichsten Dank schuldig für einen langen Schreibebrief u. für die interessante Croce-Anzeige.

Inzwischen – Teubner hat es Ihnen ja wohl mitgeteilt – sind nun die »Romanistischen Erztafeln« jämmerlich ersoffen in der Hochflut der Druckpreise und des ganzen finanziellen Elends. Es hat mich bitterlich gekränkt; ich hatte so große Hoffnungen auf diese Zeitschrift gesetzt. Nun muß man wieder betteln gehen bei den diversen Fach-Käseblättchen u. muß zufrieden sein, wenn man Artikel nach zweijährigem Lagern einmal gedruckt sieht. Da hilft aber kein Klagen: ich habe das Menschenmögliche getan, die Zeitschrift zu erzwingen, u. bei den geringsten Anzeichen einer Änderung der Lage nehme ich meine Bemühungen wieder auf.

Auch im Punkte des Töchterschulbetriebs in meiner famosen Schlosserwerkstatt habe ich das genaue Gegenteil der Resignation erwählt. In meinem Anstellungsdekret heißt es, ich hätte universitätsmäßig zu lehren, und das tue ich nun auch, trotzdem ein großes Gänsegeschnatter um mich ist. Die Hospitantinnen und gebüldeten Stadtdamen erklären, ich läse ihnen zu wissenschaftlich u. ich sollte wie Heiß getan mit ihnen Conversation u. Übersetzung ins Französische üben. Stattdessen versetze ich ihnen so abgründig als möglich Molière u. Petrarca. Und von Ostern ab sollen sie mich ganz anders kennenlernen. Da werde ich 4stündig Einführung in altfranzösische Grammatik u. Literatur, 2st. altfrz. Lit. Gesch lesen – u. nur zwei Stunden eine moderne Lectüre. Wenn ich nur 2–3 Hörer bekomme, genügt mir’s, es ist dann ein Privatissimum, bei dem ich selber was ordentliches lerne. Für das übernächste Semester erst habe ich das angesetzt – im Winter mache ich mir’s etwas leichter: 4 Stunden Italienisch, wovon zwei Boccaccio, u. 4 Stunden neuere franz. Lit. –, weil ich da eine commentierte Renaissance-Anthologie des Französischen arbeiten muß, eine Fortsetzung zu Lerchs Altfrz. Anthologie. Auch habe ich für einen hiesigen Volkshochschulcurs 6 Vorträge über Musset übernommen, die ich ernstlich ausarbeiten will. Und endlich will ich als Lehrer des Altfranzösischen nicht nur mit einem Paukenschlag sondern auch mit Ehren beginnen.

Durch einen fast glücklichen Zufall hat sich mein Arbeiten vereinheitlichen können. Das Unternehmen nämlich für das ich die romanische Lit. Gesch. incl. italienischer u. spanischer Abschnitt schreiben sollte (das Walzel’sche Unternehmen), ist ins Stocken geraten u. mindestens für ein paar Jahre sistiert. Da habe ich nun die Hand frei für eine zusammenhängend große französische Sache. Teubner hat mir wahrhaftig den großen Vertrag unterzeichnet, wonach ich ihm in den Jahren 1923–26 75 Druckbogen französischer Literaturgeschichte schreibe. Er zahlt nicht schlecht, 250 M auf den Bogen u. das Tausend, u. er druckt in erster Auflage gleich 2500 Exemplare. Ich meine, auf solchem Raum u. bei solcher Zeitausdehnung kann ich Ernstliches machen.

Meine Antrittsrede, die ich am 3 Juni hielt, werde ich nun traurig an Küchler geben; ich hatte gehofft, sie in unserm ersten Romaniaheft herauszubringen. Sie ist in gewissem Sinn ein Programm meiner Literaturgeschichte, u. sie ist ein Dank für Sie. In einem Verein hier, den Walzel leitet, sprach ich neulich über den Begriff der Renaissance, eine Stellungnahme zu Burckhardt u. Burdach, aus meinem Petrarcacolleg erwachsen. Das will ich versuchen in den Germ. Rom. Monatsheften unterzubringen. Un guaio!

Und dies sind nun meine Neuigkeiten. Dresden ist nach wie vor schön, aber an die Abende bei Ihnen u. die Debatten zu dritt denke ich mit Wehmut zurück, trotzdem ich doch immer vermöbelt wurde.

Nun seien Sie aufs herzlichste u. ergebenste gegrüßt. Die besten Empfehlungen v. H. z. H. verstehen sich.

Ihr dankbarer u. getreuer

Victor Klemperer

Victor Klemperer an Karl Vossler

Dresden 30/10. 20

vom 1/XI ab Holbeinstr 131III

Hochgeehrter Herr Professor –

ich habe Ihnen wieder viel und herzlich zu danken. 1) für den sprachlich und inhaltlich gleich schönen italienischen Aufsatz. Es geht mir mit Ihren Sachen immer noch genauso, wie es mir in der ersten Vorlesung erging, die ich 1912 bei Ihnen hörte – es war das Colleg, das Ihrer französ. Sprachgeschichte zu Grunde liegt, oder mit ihr zusammen entstanden ist –, und die buchstäblich über meine Laufbahn entschied: ich frage mich immer wieder, indem ich die backfischartige Bewunderung zurückzudrängen suche, ob es Kunst ist oder Wissenschaft, und komme immer wieder zu dem Resultat, daß es beides ist, und das allerschönste was ich auf philologischem und aesthetischem Gebiet kenne. Und immer wieder bin ich stolz darauf, daß ich ein wenig daran teilnehmen und mich Ihren Schüler nennen darf. Und 2) danke ich Ihnen herzlich für ihre eingehende Kritik meiner Studie. Ich bin froh, daß Sie sie ernst nehmen und nicht für eine rasche Zusammenstellung bekannter Tatsachen. Sie sagen ja selber, so etwas muß subjectiv ausfallen. Und so darf ich wohl, was den Staatsgedanken anlangt, an meiner Auffassung festhalten. Es will mir scheinen, als stünden Sie selber einmal etwas unter dem Eindruck der Gegenwart, wo sich der Staatsgedanke in Deutschland u. Frankreich gleich jämmerlich gebärdet, sodann aber u. besonders im Banne rein individuellen Denkens. Was Sie an den Deutschen als Vielfältigkeit der Staatsideen preisen, ist doch wohl die starke deutsche Individualität, u. was Ihnen an Römern u. Franzosen zermürbt u. hammelherdig vorkommt, ist doch wohl ihr generelles Anderssein, ihre Eignung zum Staatlichen. – Dagegen mag ich wohl tatsächlich daneben gegriffen haben, wenn ich das griechische Moment zu gering anschlug. Im Punkt des Staatsgedankens übrigens ist die Studie ganz parallel gerichtet meiner hiesigen Antrittsrede, die bei Küchler herauskommen wird. (»Vom Gang u. Wesen der französ. Literatur«.) Ich kann da nicht aus meiner Haut.

– Von Halle angeregt, habe ich jetzt eine kleine Studie geschrieben: »Die Entwicklung der Neuphilologie«, die wohl bei Cornicelius (Internationale Monatsschrift) herauskommt. Einen Tag bevor ich Ihren Brief in der Hand hatte, der von der Querelle des Anciens et des Modernes schreibt, warf ich dort die Frage auf, ob ein Streit der Neuen u. Alten bestehe, u. erklärte, es sei kein Kampf, nur eine Entwicklung, indem Sie