Tochter der Diebin - Bo R. Holmberg - ebook

Tochter der Diebin ebook

Bo R. Holmberg

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Opis

Zweimal schon hat man Kerstins Mutter Anna wegen Diebstahls überführt und am Schandpfahl auspeitschen lassen. Doch das Leben auf dem Land ist hart und Anna muss stehlen, um genug zu Essen für sich und ihre Tochter zu haben. Dennoch warten alle Einwohner des Dorfs nur darauf, dass Anna endlich am Galgen endet und der grimmige Lehnsmann Stenberg ergreift die erste Gelegenheit, um Anna nochmal zu überführen. Kerstin versucht, ihre Mutter zu retten, muss jedoch aufpassen, dass sie nicht selber in Gefahr gerät, denn auch sie bewahrt ein gefährliches Geheimnis. Biografische Anmerkung Bo R. Holmberg wurde am 5. Februar 1945 in Schweden geboren. Er studierte Literaturwissenschaft, Skandinavistik und Anglistik und arbeitete viele Jahre als Lehrer. Seit seinem Debut als Schriftsteller hat er insgesamt 30 Bücher herausgegeben, die meisten davon Kinderbücher. Alle Bücher spielen in seinem Heimatland Schweden. Holmberg wurde mit mehreren Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Astrid-Lindgren-Preis im Jahr 1998 und der Kulla-Gulla-Preis im Jahr 2003.

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Bo R Holmberg

Tochter der Diebin

Aus dem Schwedischenvon Angelika Kutsch

Saga

Eins

Es ist nur ein aus lockeren Brettern zusammengefügter Schuppen, der nicht weit entfernt von der Brücke steht. Sie führt über das Flüsschen, und die beiden Knechte, die schweigend vor der Tür sitzen, können das leise Murmeln von Wasser hören.

Drinnen, in einer Ecke, wartet Anna Ersdotter, gefesselt.

Hinter dem Schuppen kniet zusammengekrümmt ihre Tochter Kerstin. Sie versucht zu sprechen, aber immer wieder versagt ihr die Stimme. Sie möchte ihrer Mutter Trost und Mut zusprechen für das, was ihr bevorsteht. Doch meistens schluchzt sie nur.

Morgen soll es geschehen, und Kerstin kann nichts tun, um es zu verhindern.

Morgen.

Sie zuckt zusammen, als einer der Knechte ihr zuruft, sie müsse gehen. Rasch und folgsam richtet sie sich auf, wischt sich die Tränen aus dem Gesicht und bückt sich ein letztes Mal zur Mutter hinunter. Doch wieder bringt sie nur ein Schluchzen heraus, und sie läuft davon, am Fluss entlang in Richtung Flärke, über die Landstraße, um in der Bootsmannskate Schutz zu suchen. Dort warten die kleinen Geschwister auf sie, jetzt ist es an ihr, sich um sie zu kümmern.

In ihrem Kopf drängen sich Bilder von dem, was geschehen wird.

Sie sieht den Pfahl.

Kerstin duckt sich, als ob sie die Hiebe entgegennehmen müsste.

»Mutter ist keine Diebin«, flüstert sie ein ums andere Mal.

Der Schandpfahl stand in Myckelbyn.

Es war das größte Dorf. Der Schandpfahl stand genau gegenüber der weißen Kirche und dem Glockenturm, auf der anderen Seite der Landstraße. Wer vorbeiging oder in einem Fuhrwerk des Weges kam, konnten ihn nicht sehen. Er war verborgen hinter einer Mauer von Laub. Vor der Kirche, dem Dorf zu, duckten sich zu beiden Seiten des Weges graue Häuser, in denen die Handwerker des Kirchspiels ihre Werkstätten hatten.

Aber heute hatten sie geschlossen, heute war das Dorf voller Leute. Manche hatten sich im Gasthof am Ende des Dorfes einquartiert, der sie mit offenen Armen empfing. Andere waren aus anderen Dörfern unterwegs nach Myckelbyn, auf der Landstraße oder entlang des Flusses. Von Flärke kamen sie, den schmalen Pfad entlang, der eher wie ein Trampelpfad des Viehs wirkte, von Fanbyn über den See oder über die wacklige Holzbrücke.

Viele kamen auch durch den Wald, denn hier gab es Wald, soweit das Auge reichte. Myckelbyn und die anderen Dörfer und Seen lagen tief im Tal, das die einzige Öffnung in all dem Dunkel war.

Alle waren zum Schandpfahl unterwegs.

Bald war der ausgetretene Platz mit erwartungsvollen Menschen gefüllt. Sie begrüßten einander, sie lachten und schlugen sich gegenseitig auf die Schultern. Bauern und Knechte, Bauersfrauen und Mägde. Und Kinder. Endlich gab es eine Abwechslung im Einerlei des Alltags. Da stand der Pfahl, wie beschämt, in der Mitte eine riesige eiserne Öse.

Ein Mann mit einem langen Bart und einer gespaltenen Lippe schwankte unter dem Gewicht einer großen Tonne herum, die er sich um den Hals gehängt hatte. Aus einem Becher, der an seinem Gürtel hing, verkaufte er ein paar Schlucke.

Die Männer hatten sich die besten Plätze ausgesucht, sie standen im Kreis um den Pfahl.

»Bringt sie endlich her!«, schrie ein junger Mann. Er hatte ein weichliches Gesicht, noch bartlos, aber seine Worte waren wie ein Signal. Die Männer fielen ein und begannen im Chor zu schreien und zu rufen. Ihre Stimmen bildeten eine schwankende, taktfeste Mauer vor dem hohen Pfahl.

»Bringt sie her! Bringt sie her!«

Die Frauen standen in einer Gruppe für sich. Mit ihren grauen Kopftüchern und verhärmten Gesichtern wirkten sie wie Krähen. Eine kräftige Frau löste sich aus der Gruppe und kam mit langen Schritten auf die Männer zu.

»Hängt sie doch gleich auf!«, schrie sie, und der Speichel sprühte ihr aus dem Mund, der sich zu einem höhnischen Lachen verzerrte. Die Männer fielen ein, sie hoben ihre Flaschen und Becher und grölten.

Ein Fiedler versuchte tapfer, sich Gehör zu verschaffen, und am Waldrand sammelten sich Kinder. Sie versuchten, die Stimmen und Bewegungen der Erwachsenen nachzuahmen, und bewarfen einander und die Frauen mit Tannenzapfen. Ein Mann im Schwarzrock bot auf einem Brett, das er über zwei Böcke gelegt hatte, Stoffe, Brot, Lederfetzen, Miniaturgalgen und kleine Ruten an. Doch der Handel wollte nicht recht gehen. Er schwenkte seinen Hut und schrie: »Kommt und kauft! Kommt und kauft!«

Aber als ob jemand die Hand erhoben und Ruhe geboten hätte, verstummten plötzlich alle, ein mageres Schwein wühlte in einem Graben, noch ein letzter Quietscher der Geige, dann war es still.

Sie war unterwegs.

Der Lehnsmann ging mit langen Schritten und scharfem Blick voran. Unter der Uniformmütze sickerte Schweiß hervor, und ein Mundwinkel zuckte, als ob jemand mit einem unsichtbaren Faden daran zöge. Die Männer wichen zurück und rissen sich Mützen und Hüte von den Köpfen.

Hinter ihm ging der Profos in einem langen schwarzen Rock, den Blick auf die Erde geheftet. In der Hand die beiden Ruten.

Zuletzt kam sie. Sie ging zwischen ihren beiden Wächtern, zwei Knechten in sauberen Hemden, gegürtet mit Lederstreifen. Nicht gewöhnt an so viele Menschen, warfen sie ängstliche Blicke um sich. Schnell gingen sie, Anna, die Diebin, stolperte zwischen ihnen vorwärts, und manchmal traten sie auf ihre nackten Füße. Doch den Kopf trug sie hoch, ihre brennend schwarzen Augen begegneten Augen, die ihnen begegnen wollten. Ihr Haar war verfilzt und das Gesicht weiß wie verdorbene Milch, aber schön war sie. Das Leibchen, das man ihr zum Auspeitschen angelegt hatte, ließ ihren Rücken frei.

Jetzt näherte sie sich dem Haufen Männer, Speichel traf sie mitten ins Gesicht. Gegen ihren Rücken prasselten Tannenzapfen und Steine, und die kräftige Frau mit dem verfaulten Maul drängte die Knechte beinah beiseite und schlug Anna gegen die Brust.

»Aus dem Weg, aus dem Weg!«, brüllte der Lehnsmann und kam den Knechten zu Hilfe. Er packte Anna im Nacken und schob sie rasch gegen den Schandpfahl. Der Profos griff sofort nach ihren Händen, riss sie hoch und band sie mit einem Seil an der eisernen Öse fest, sodass sie halb hängend dastand.

Der Lehnsmann fuchtelte mit den Armen und scheuchte den johlenden Haufen beiseite.

»Platz da! Platz da!«

Der Profos hatte bereits Posten hinter Anna, der Diebin, bezogen und krempelte die Ärmel seines langen Rockes auf.

Der Lehnsmann wischte sich den Schweiß von der Stirn und holte ein Blatt Papier hervor. Mit eintöniger Stimme las er die Diebstähle vor, derer sich Anna schuldig gemacht hatte.

»Dreiunddreißig Taler! Dreiunddreißig Taler! Du Schlampe!«, schrie die Zahnlose. »Aber jetzt kriegst du die Rute.«

Einer der Knechte zischte ihr zu, sie solle still sein, und schob sie brüsk zur Seite. Sie fauchte und spuckte und wurde erst still, als der Knecht ihr einen Schlag versetzte.

»Und deshalb soll Anna Ersdotter gestäupt werden, sechsundzwanzig Paar Ruten, drei Schläge pro Paar«, schloss der Lehnsmann.

Die Schläge begannen durch die Luft zu pfeifen, und die Leute zählten jeden Schlag mit, geilten sich an der Züchtigung auf.

Das Leibchen rutschte herunter, und eine Brust hüpfte heraus.

Bald begann Anna zu wimmern und zu jammern. Die ersten Rutenpaare waren verschlissen, und dem Bartlosen gelang es, ein Paar davon zur Erinnerung zu ergattern. Er wischte das Blut ab und steckte es in sein Hemd.

»Vierzig, einundvierzig, zweiundvierzig.«

Der Lehnsmann zählte mit. Jetzt ließ sie den Kopf hängen und klagte laut. Ihr Rücken war streifig von den Rutenschlägen. Bei jedem Schlag zuckte sie zusammen, und ihre Brust wippte.

»Gebt’s ihr! Gebt’s ihr!«, schallten die Rufe, und jetzt ging der Lehnsmann mit, er folgte den Bewegungen, beugte sich vor, ließ die Hand durch die Luft fahren, während er zählte.

Annas Schreie verstummten, und ihr Kopf fiel schwer nach vorn, die Ruten waren rot gefärbt. Die Schläge des Profos kamen nicht mehr so schnell, aber er folgte ihnen mit dem ganzen Körper, wenn er zuschlug. Sie arbeiteten im Takt, er und der Lehnsmann.

»Siebzig, einundsiebzig, zweiundsiebzig. Die letzten, schlag ordentlich zu, damit sie’s auch spürt!«

Der Profos hob die Rute für die letzten Hiebe.

»Und der letzte! Achtundsiebzig!«, schrie der Lehnsmann.

Dann war es vorbei. Der Lehnsmann nahm die Mütze ab und wischte sich den Schweiß vom Kopf. Der Profos zerschnitt das Seil, und Anna sackte am Fuß des Schandpfahles zusammen.

Jetzt war es still, nur das schwarze Schwein rannte quiekend in den Wald. Doch bald drängten sie heran, traten gegen ihren Körper und bespuckten sie. Der Profos zog sich zurück. Aus der Innentasche seines langen Rockes holte er eine Flasche hervor, entkorkte sie, legte den Kopf zurück und ließ das Getränk in seine Kehle rinnen.

Der Lehnsmann beugte sich über das Häufchen, das Anna, die Diebin, war. Er hatte sich in Rage gebracht, bespuckte sie nun auch, richtete sich dann auf und wurde wieder Obrigkeit. Laut rief er, damit es alle hörten:

»Das euch allen zur Warnung und Lehre!«

Dann ging er denselben Weg zurück, den er gekommen war, ohne mit jemandem zu sprechen. Dort, wo es in seinem Mundwinkel gezuckt hatte, saß nun ein Lächeln. Alle anderen verloren nun auch das Interesse an dem Ganzen. Das Fest war zu Ende. Der Langbärtige mit der Tonne verkaufte den letzten Tropfen, und der Verkäufer von Miniaturgalgen hob die Planke auf seinen Rücken. Die Leute verschwanden langsam, zum Waldrand, den Weidezäunen und hinaus auf den sengenden, staubigen Weg.

Zurück beim Schandpfahl blieb nur Anna, die Diebin, leblos. Vom Wald her zwitscherte kurz ein Vogel, sonst war es still.

Kerstin lief mit einer gluckernden Flasche in der Hand durch den Wald.

Sie lief leichtfüßig, ohne zu stolpern, wich Baumwurzeln, Steinen und Büschen aus. In ihrer Brust hämmerte die Unruhe. Und der Schmerz und die Sorge. Doch die Beine waren flink. Sie rannte, als ob sie eine Botschaft hätte, die sie rasch überbringen musste.

Es war Abend geworden, aber die Sonne brannte fast noch genauso sehr wie am Tag.

Ihre Geschwister zu Hause hatte sie endlich zum Einschlafen gebracht. Viel zu essen konnte sie ihnen nicht geben. Die Kuh brüllte nur wie vor Schreck, als sie versucht hatte, ein paar Tropfen aus den schlaffen Eutern zu pressen. Eine gekochte Rübe und ein verdorbenes Stück Brot waren das Einzige was sie gefunden hatte. Aber schließlich waren sie eingeschlafen, alle drei. Das Jüngste hatte lange geweint, war aber plötzlich verstummt.

Kerstin hatte schon befürchtet, es sei gestorben. Sie hatte sich über die Kleine gebeugt und gelauscht, mit den Händen ihren Brustkorb abgetastet. Und natürlich lebte die kleine Schwester. Sie atmete ruhig.

Kerstin läuft durch den Wald, das Herz hämmert. Hin und wieder blitzt die Sonne zwischen den Bäumen.

Bald lichtet sich der Wald, es werden mehr Pfade. Sie hört die Schläge einer Axt und bleibt stehen, aber das Geräusch kommt von weit her, kein Holzfäller wird ihr über den Weg laufen.

Dann öffnet sich der Wald. Und dort mitten auf dem offenen Platz steht der Schandpfahl, jetzt nackt und verlassen. Sie bleibt am Waldrand stehen, lauscht und späht.

Vornübergebeugt geht sie weiter, rasch gleitet sie voran und erreicht den Pfahl und das Bündel auf dem Boden.

Anna liegt auf dem Gesicht, die Beine ein wenig angezogen, einen Arm ausgestreckt.

Kerstin nimmt ihre Hand. Sie ist warm, umklammert ein Grasbüschel, als ob die Erde selbst ihr auf die Beine helfen könnte. Der Rücken ist voller Streifen, das Blut ist geronnen. Wie dünne Adern zieht es sich bis zum Hals.

Vorsichtig berührt Kerstin ihre Schultern und dreht Anna auf die Seite. Die Mutter stöhnt, lässt sich aber umdrehen. Auch ihr Gesicht ist voller Streifen von den Tränen und von Schmutz. Ihre Augen starren hasserfüllt.

»Ich bin’s«, sagt Kerstin. »Ich bin es nur.«

Sie öffnet die Flasche, formt eine Hand zu einer Schale und befeuchtet Annas Lippen.

»Gott sei Dank, dass du es bist. Hilf mir auf.«

Mühsam setzt sie sich hin, trinkt gierig von dem Wasser und legt sich dann wieder auf den Bauch.

Kerstin streichelt sie vorsichtig. Anna stöhnt, als sie ihr eine Salbe aus Birkenrinde auf die Wunden streicht.

»Ja, ja, ja«, sagt sie dennoch. »Mein Rücken brennt wie Feuer. Aber noch bin ich nicht tot.«

Sie krallt die Hände in die Erde, zieht die Beine an, stöhnt, wimmert, rappelt sich aber auf.

Schwankend steht sie vor Kerstin. Das zottige Haar voller Zweige und Tannennadeln und das Gesicht grau wie die Kate.

»Noch bin ich nicht tot. Aber schau, was sie mit mir gemacht haben. Schau, was sie gemacht haben.«

»Mutter«, sagt Kerstin, und ihr ganzer Körper ist voller Weinen, »wie geht es Euch?«

»Jetzt schaff ich es«, sagt die Mutter.

Sie macht ein paar stolpernde Schritte, fällt jedoch sofort schwer zu Boden, aber sie steht noch einmal auf. Sie legt einen Arm um die Schultern ihrer Tochter, und dann setzen sie sich mühsam in Bewegung.

Sich verstecken, nicht sichtbar sein.

Das hat Kerstin gelernt. Das Getuschel hat sie längst gehört und auch den Namen, den man ihrer Mutter gegeben hat. Auch jetzt geht sie mit niedergeschlagenen Augen. Es ist, als ob sie versuchte, mit der Erde eins zu werden. Sie wanken durch den Wald, Kerstin als Stütze ihrer Mutter. Jetzt ist ihre Mutter bestraft, die Züchtigung ist vorbei, aber die Schmach wird bleiben, das weiß Kerstin. Niemals wird sie den Blick heben und freimütig durchs Kirchspiel gehen können wie andere.

Zwischen den Tannen sieht sie den Gasthof. Jetzt haben sie das Dorf hinter sich gelassen.

»Bald sind wir zu Hause, Mutter«, sagt sie, doch die antwortet nicht.

Schweigend gehen sie weiter, hin und wieder entschlüpft Anna ein Stöhnen, Kerstin schielt zu ihr hin. Die Augen der Mutter sind schwarz.

Dort am Waldrand steht die Bootsmannskate. Die kleinen Ackerzipfel liegen brach, sind von Unkraut überwuchert, und auf der Wiese kämpfen sich ein paar neue Halme aus dem gelbbraunen Vorjahrsgras hervor.

Kerstin bleibt stehen, um zu prüfen, ob die Luft rein ist, bevor sie zum Haus gehen.

Immer noch schweigt Anna, und Kerstin hat auch nichts zu sagen. Sie ist froh über die Stille, dann können die Kleinen nicht aufwachen. Sie hebt den Banksitz ab, schlägt die Felldecke auf und hilft ihrer Mutter, sich hinzulegen.

Jetzt verlässt die Unruhe Kerstins Körper. Erschöpft legt sie den Kopf auf den Tisch.

Jetzt ist es vorbei.

Lehnsmann Stenberg leerte seinen Bierkrug, rülpste laut und winkte der Wirtsfrau, sie möge ihm nachschenken.

Sie watschelte mit einem neuen schäumenden Krug zu ihm heran.

»Gibt es einen Grund zu feiern?«, fragte sie im Vorbeigehen, wartete aber die Antwort nicht ab. Sie mochte ihn nicht. Er war groß und stattlich. Den Bart hatte er abrasiert, und sein Schädel, den er jedoch selten zeigte, war fast kahl. Meistens trug er seine Lehnsmannmütze. Er flößte ihr keine Ehrfurcht, sondern Angst ein.

Die Gaststube war voll, die Tische bedeckt mit Bierseideln, Holztellern, mit abgenagten Knochen und Talglichtern, die flackerten, wenn die schwere Holztür geöffnet und geschlossen wurde.

»Anderen zur Abschreckung und Warnung«, brummelte der Lehnsmann mehr zu sich selbst. Aber er war nicht allein am Tisch. Dort saßen auch zwei Bauern aus Flärke, die ins Kirchdorf gekommen waren, um bei der Züchtigung zuzuschauen, und die ihren Besuch jetzt vor dem Bierkrug beendeten.

»Jawohl, eine Diebin ist sie, und wer glaubt denn, dass sie es nun lässt nur wegen einiger Hiebe auf den Rücken«, sagte Lars Erhardsson und strich durch seinen leuchtend roten Bart.

»Sie wird am Galgen enden«, sagte der Lehnsmann. »Das kann ich euch schriftlich geben. Ich werde sie dorthin bringen, und sollte es das Letzte sein, was ich tue. Zuerst werde ich ihr die Diebin aus dem Körper peitschen, und dann werde ich ihr die Schlinge um den Hals legen.« Er hatte sich erhoben, und jetzt schrie er:

»Spöttisch und aufsässig ist sie, die Diebin, aber wartet nur ab, bis sie mit dem Seil um den Hals dasteht!«

Jon Sigfridsson schob seinen Krug beiseite, als ob er sich vom Wutausbruch des Lehnsmanns distanzieren wollte. Er war rundlich und hatte ein gutmütiges Gesicht mit traurigen Pferdeaugen.

»Eine Diebin ist sie«, sagte er nachdenklich, »aber eigentlich hat sie ja nur Essen gestohlen.«

»Ein Dieb ist ein Dieb!«, schrie der Lehnsmann.

Er hatte seit dem frühen Nachmittag getrunken. Seine Augen waren blutunterlaufen. Doch er stand noch gerade und lallte kaum. Jetzt sagte er mit Obrigkeitsstimme:

»Ich bin in diesem Kirchspiel Beauftragter des Königs. Es ist meine Pflicht, darauf zu achten, dass Gesetze und Verordnungen befolgt werden. Und Diebinnen darf ich nicht dulden unter anständigen Leuten. Sie soll am Seil baumeln.«

Sie hatten ihre Krüge noch einmal geleert. Jon schien genug zu haben, doch Lars Erhardsson und Lehnsmann Stenberg hoben ihre Krüge, damit sie nachgefüllt wurden.

Als die Wirtin auf sich warten ließ, schrie der Lehnsmann: »Her mit Bier für die anständigen Männer, du Schlampe!«

»Es gibt wohl noch ein paar mehr anständige Männer«, sagte die Wirtsfrau, als sie ihm schließlich den Krug hinstellte.

Sie schürzte die Lippen und watschelte davon.

Der Lehnsmann leerte seinen Krug in einem einzigen Zug, knallte ihn auf den Tisch und erhob sich.

»Nein, unsereins hat noch eine Menge zu tun.«

Die Leute verstummten, als er durch den Raum ging, sie starrten in ihr Bier oder auf die raue Tischplatte. Mit dem Lehnsmann wollte sich jeder gut stellen. Und da war es am besten, gar nichts zu sagen.

Hinter ihm schlug die Tür zu, und bald erhoben sich wieder die Stimmen und wurden laut.

Doch der Lehnsmann war längst weit entfernt. Eine Unlust befiehl ihn, er schlug mit den Händen gegen seine Schenkel und ging schneller.

Die Erinnerung an den Tag kehrte zurück. Dort stand sie mit erhobenen Händen vor ihm, mit entblößtem Rücken und einer frei hängenden Brust, und er spürte eine pochende Sehnsucht nach dem nächsten Mal, sie wieder ausgepeitscht zu sehen oder sie nur zu berühren. Schlagen oder kosen.

Kerstin erwacht voller Schrecken. Im Traum hat sie nah beim Schandpfahl gestanden, und sie hat die Schläge gegen den Körper ihrer Mutter gesehen, gehört und gefühlt. Sie begreift nicht sofort, dass sie sich im Alkoven zusammen mit der Schwester befindet, sondern tastet schutzsuchend mit den Händen umher. Erst als Elsa sich im Schlaf umdreht, steht der gestrige Tag klar vor ihren Augen, und sie klettert aus dem Bett.

Die Mutter liegt mit wundem Rücken auf dem Bauch, ihr Kopf ist Kerstin zugewandt. Wie unschuldig sie aussieht, während sie so daliegt. Kerstin versteht nicht, wie jemand glauben kann, sie sei eine Diebin.

Sie holt die Salbe, und behutsam, weich fährt sie mit der Hand über den gemarterten Rücken. Anna stöhnt im Schlaf. Im Zimmer ist es so warm, dass kein Feuer nötig ist. Kerstin holt einige Stückchen Brot hervor und legt sie für die Kinder auf den Tisch.

Sie zieht Kleid und Schürze über den Kopf, lauscht noch einmal nach der Mutter und geht hinaus ins tauschwere Gras.

Die magere Kuh starrt sie an und lässt sich melken. Es ist nur wenig Milch, Kerstin stellt sie auf den Tisch der Kate. Sie weckt Per und flüstert ihm zu, er soll auf die Mutter und die Geschwister aufpassen, während sie fort ist. Vorsichtig streichelt sie noch einmal über den gequälten Rücken, bevor sie geht.

Die Sonne wärmt schon ein wenig, Kerstin läuft über die Wiesen, über den Weg und hinunter zur Holzbrücke über den Fluss. Dort steht der Schuppen, nicht weit entfernt, doch sie blickt nicht in die Richtung. Wenn sie den Schuppen nicht sieht, hat die Mutter nicht dort gesessen, und was geschehen ist, ist nicht geschehen.

Ins Dorf an der anderen Seite des Sees will sie, zu Eliassons, wo sie morgens und abends die Kühe melkt.

Es ist ein weiter Weg, aber am Stand der Sonne sieht sie, dass noch genügend Zeit ist. Sie geht am Seeufer entlang. Mitten auf dem See rudert jemand ein Boot mit kräftigen Ruderschlägen. Er ist auf dem Weg zur anderen Seite, nach Myckelbyn, und Orientierungspunkt ist die Kirche.

Kerstin öffnet die Pforte, die das Vieh von Weg und Wasser fernhält, und eine andere Pforte fällt ihr ein. In die sie als Kind ein K geritzt hat, es war auch die Pforte, an der ihr Vater in Uniform gestanden und sie umarmt hat, ehe er aufbrach, um nie zurückzukehren.

Wenn der Vater am Leben geblieben wäre, wohnten sie heute noch in Nordmaling, und alles wäre anders gewesen. Dann wäre Mutter keine Diebin geworden.

Das Wort schmerzt sie wie ein weher Zahn.

Die Kühe glotzen ihr nach. Jetzt hat sie den Hang und all die Häuser, die das Dorf bilden, erreicht. Ins letzte Haus muss sie, sie verlässt die Wiese und kommt auf einen Pfad zwischen Schuppen und Ställen. Sie hält den Blick auf die Erde gerichtet, aber sie begegnet niemandem. Das Melken hat noch nicht begonnen. Eliasson hat nur fünf Kühe, die sie allein melkt. Zuerst muss sie jedoch zum Wohnhaus hinauf, um saubere Eimer zu holen.

Die Tür steht offen und Eliasson sitzt am Tisch, steht aber sofort auf und kommt ihr entgegen, fuchtelt mit der Hand und scheucht sie wieder hinaus.

Sie steht vor ihm und sieht auf ihre Füße. Er räuspert sich und schaut mit seinem einzigen Auge zum Pferd, das bewegungslos bei einer Birke steht.

»Du wirst hier nicht mehr gebraucht«, sagt er kurz und geht zurück ins Haus.

Sie knickst nicht, sie bleibt nur einen kurzen Augenblick stehen, bevor sie wieder nach Hause geht, denselben Weg, den sie gekommen ist.

Jetzt haben sie nicht einmal mehr das Essen, das der Lohn fürs Melken ist.

Selbst hat sie noch gar nichts gegessen. Bei Eliassons bekommt sie sonst morgens und abends nach der Arbeit zu essen. Sie sah immer auf den Teller mit der Grütze, nicht nur aus Angst, die leere Öffnung zu sehen, die einmal das Auge des Bauern gewesen war.

Aber Hunger verspürt sie nicht, in ihrem Körper ist kein Platz dafür, ihr Körper ist ein einziges klaffendes Loch voller Sorge.

Die Gemeinde hatte sich vor der Kirchentür aufgereiht, als sie kamen, wie ein Wald, durch den sie sich kämpfen mussten.

Kerstin versuchte, sich unsichtbar zu machen, sich abzuschirmen, gegen das, was um sie herum geschah. Sie ging einige Schritte hinter der Mutter, Margareta auf dem Arm. Per und Elsa gingen an ihrer Seite. Anna wurde nach vorn zur Sühnebank geführt, während sich Kerstin mit den Geschwistern auf die hinterste Bank setzte.

Der Choral war verklungen. Der Pfarrer stand auf der Kanzel, lang und dünn wie ein Stock. Er hatte wallende Haare und einen gelockten Backenbart.

Nun sprach er zur Gemeinde. Er sprach von der Hölle und dem brennenden Feuer, das uns jeden Augenblick verzehren kann, das unsere Körper in kochenden Schmerz bis in alle Ewigkeit verwandeln wird.

»Dieses Feuer der Hölle ist nicht wie das Feuer, das ein Haus bis auf die Grundmauern niederbrennt«, donnerte er. »Nein und nochmals nein. Dieses Feuer brennt ständig gleich kraftvoll. Und es brennt in deinem Körper. In deinem Körper wüten die Flammen.«

Er hob seine rechte Hand und zeigte mit einem drohenden Finger hinunter zum Chor.

»Hier haben wir heute eine Sünderin, die sich am Eigentum anderer vergriffen hat. Da sitzt sie nun zur Warnung für euch und um ihren diebischen Lebenswandel zu bereuen.«

Anna saß reglos, die Hände nicht gefaltet; sie ruhten auf dem Querbalken. Das Haar war gekämmt, bleich war sie, ihre Augen waren nicht hinauf zur weißen Decke der Kirche gerichtet, die mit ihrem Muster aussah wie der Sternenhimmel. Nein, geradeaus sah sie. Sie saß ganz still, allen Blicken und der Schmach preisgegeben.

Schräg links vor ihr saß Lehnsmann Stenberg. Die Schadenfreude glühte noch in ihm. Er suchte Augenkontakt mit ihr, aber ihr Blick war starr geradeaus gerichtet, als ob sie beschlossen hätte nichts zu sehen, nichts zu hören, obgleich die meisten Worte des Pfarrers ihr galten.

»In der Hölle landen Diebe, Buhler und alle, die vom Weg des Herrn abweichen. Nehmt euch das Schicksal dieser Frau zur Lehre und Warnung. Lasst die Hölle ohne euren Körper brennen.«

Die Stimme des Pfarrers füllte die Kirche, Menschen seufzten und duckten sich unter seinen peitschenden Worten. Er verstummte, und alles schielte hinauf zur Kanzel. Jetzt erklärte er:

»Und die Ewigkeit, was ist das? Stellt euch eine Tannennadel vor, stellt euch so viele Tannennadeln vor, wie es sie im riesigen Wald gibt. In jedem millionsten Jahr holt sich ein Vogel eine Tannennadel von einem Baum. Wenn er so viele Tannennadeln geholt hat, wie in einer Schüssel Platz haben – dann ist ein Augenblick der Ewigkeit vergangen. Bedenkt das und bedenkt auch, wie unsäglich lang die ganze Ewigkeit ist. In Ewigkeit kann man im Feuer gemartert werden, aber man kann auch eine Ewigkeit in Wonne bei Gott erleben, die ohnegleichen ist ...«

Ganz hinten saß Kerstin mit den Kleinen, in ihrem Arm schlief Margareta. Weder sah sie etwas, noch hörte sie die Worte des Pfarrers, sie blickte auch nicht zu ihrer Mutter, sondern starrte auf die abgewetzten Dielen. Aber sie wusste die Mutter dort vorn. Dort saß sie mit ihrem brennenden Rücken. Kerstin hatte ihn eingesalbt, aber noch waren die Wunden nicht verheilt. Erst fünf Tage waren vergangen, seit die Rute ihren Rücken und die Schultern aufgerissen hatte. Die Kleider schmerzten auf ihrer Haut, und die ganze Zeit war sie mit nacktem Oberkörper auf dem Hof herumgegangen, während die Kinder sie verwundert betrachtet hatten. Meistens hatte sie jedoch gelegen, mit ausgestreckten Armen auf dem Bauch, um von den Schmerzen wegzuschlafen. Aber heute war Sonntag, und heute sollte sie die Absolution in der Kirche erhalten.

Der Pfarrer war bereit. Bald würde er Anna auffordern, Buße und Besserung zu geloben und die Gemeinde und den Pfarrer um Vergebung zu bitten. Vorher erklang jedoch die Orgel, Füße scheuerten über den Boden, Kehlen räusperten sich.