Theodor Heuss - Ernst Wolfgang Becker - ebook

Theodor Heuss ebook

Ernst Wolfgang Becker

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In der spannenden Biographie des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884-1963) spiegelt sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf besondere Weise. Heuss steht für eine bürgerliche Tradition deutscher Demokratiegeschichte. Als Bildungsbürger im 19. Jahrhundert verwurzelt, musste er sich als Politiker, Publizist und Redner im "Zeitalter der Extreme" behaupten. Dabei zeigte er sich erstaunlich immun gegenüber den totalitären Ideologien seiner Zeit. So wurde Theodor Heuss nach 1945 zu einem der wichtigsten Vertreter der demokratischen Neugründung Deutschlands. Als Bundespräsident vermittelte er eine politische Kultur, die ihm im In- und Ausland hohes Ansehen verschaffte und die Bundesrepublik dauerhaft in die westliche Wertegemeinschaft integrierte.

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In der spannenden Biographie des ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss (1884-1963) spiegelt sich die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts auf besondere Weise. Heuss steht für eine bürgerliche Tradition deutscher Demokratiegeschichte. Als Bildungsbürger im 19. Jahrhundert verwurzelt, musste er sich als Politiker, Publizist und Redner im 'Zeitalter der Extreme' behaupten. Dabei zeigte er sich erstaunlich immun gegenüber den totalitären Ideologien seiner Zeit.

So wurde Theodor Heuss nach 1945 zu einem der wichtigsten Vertreter der demokratischen Neugründung Deutschlands. Als Bundespräsident vermittelte er eine politische Kultur, die ihm im In- und Ausland hohes Ansehen verschaffte und die Bundesrepublik dauerhaft in die westliche Wertegemeinschaft integrierte.

Mensch – Zeit – Geschichte

Herausgegeben von Peter Steinbach, Julia Angster, Reinhold Weber

Die Herausgeber: Professor Dr. Steinbach lehrt Neuere Geschichte an der Universität Mannheim. Professor Dr. Julia Angster lehrt Geschichte Großbritan- niens und Nordamerikas an der Universität Kassel. Dr. Reinhold Weber ist Publikationsreferent bei der Landeszentrale Baden-Württemberg und Lehrbeauftragter an der Universität Tübingen.

Ernst Wolfgang Becker

Theodor Heuss

Bürger im Zeitalter der Extreme

Verlag W. Kohlhammer

Meinen Kindern Leander, Tabea und Adrian

Alle Rechte vorbehalten © 2011 W. Kohlhammer GmbH Stuttgart Umschlag: Gestaltungskonzept Peter Horlacher Gesamtherstellung: W. Kohlhammer Druckerei GmbH + Co. KG, Stuttgart

Print: 978-3-17-021490-3

E-Book-Formate

pdf:

978-3-17-023310-2

epub:

978-3-17-023309-6

mobi:

978-3-17-026011-5

Inhalt

Prolog Eine bürgerliche Biographie im „Zeitalter der Extreme“

„Als freier Mann und Herr der Welt“ Der junge Theodor Heuss im Kaiserreich (1884–1918)

Bildung, Bildung, Bildung … Kindheit und Jugend im bürgerlichen Elternhaus

Politische Lehrjahre.Im Banne Friedrich Naumanns

Journalist zwischen Politik und Kultur.

Aktivist ohne Scheuklappen. Partei- und Verbandspolitiker.

Kommentator des Ersten Weltkrieges.

„Eine tapfere bürgerliche Gesinnung“ Demokrat in der Weimarer Republik (1918–1933)

Monarchie – Revolution – Republik Demokrat zwischen Gestern und Morgen

Im Kampf für den Staat von Weimar.

Republik in Not Die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus

Im politischen Abseits Die Jahre des Nationalsozialismus (1933–1945)

Versuchungen des Führerstaates Selbstpreisgabe der Demokratie

Bürgerliche Nischen im Nationalsozialismus.

Der Journalist: Vertreter einer „positiven Kritik“

Der Biograph: Erschaffung einer bürgerlichen Gegenwelt

Bürgerwelten Leben und Überlebenin Diktatur und Krieg

„Erziehung zur Demokratie“ Die ersten Nachkriegsjahre (1945–1949)

Demokratischer Neubeginn in der Zusammenbruchsgesellschaft

Publizist der ersten Stunde

Ruf der Heimat: „Kultminister“ für Württemberg-Baden

Parteipolitiker im geteilten Deutschland

Die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit

Der Bürger als Verfassungsstifter Im Parlamentarischen Rat 1948/49

Die Wahl zum Bundespräsidenten aus dem Koalitionskalkül Adenauers

Der Bürger als Präsident (1949–1959)

Hüter der Demokratie Das Amtsverständnis von Theodor Heuss

Werben für die Republik Die Amtsführung von Theodor Heuss

Lust, Leid und Lamento. „Papa Heuss“ als Sehnsuchtsobjekt der Nachkriegsgesellschaft

Präsident im Unruhestand Die letzten Jahre in Stuttgart (1959–1963)

Spuren eines Bürgers im Zeitalter nach den Extremen

Quellen und Literaturauswahl

Ungedruckte Quellen

Gedruckte Quellen

Literaturauswahl

Abbildungsverzeichnis

Prolog Eine bürgerliche Biographie im „Zeitalter der Extreme“

Als am 9. Dezember 1950 die FDP-Spitze in der Villa Hammerschmidt mit dem Bundespräsidenten zu einem Essen zusammentraf, sollte dieser Abend in einem Eklat münden. Die Liberalen beschwerten sich bei Theodor Heuss, dass Konrad Adenauer eigenmächtig den Gewerkschafter Theodor Blank zum Sicherheitsbeauftragen der Bundesregierung ernannt habe, nicht hingegen den hochdekorierten Oberst der Wehrmacht Eberhard Wildermuth. Der Bundespräsident jedoch machte deutlich, dass er die Entscheidung begrüße und die Person Blank für eine ideale Besetzung halte, denn schließlich, so Heuss mit kaum überhörbarer Ironie weiter, „ist es sehr entscheidend, die Arbeiterschaft zu gewinnen. Das kann Theo Blank eher als ein miles gloriosus.“ Provoziert von dieser Abwertung eines ehemaligen Wehrmachtsangehörigen fühlte sich der junge Bundestagsabgeordnete Erich Mende, selbst Weltkriegsoffizier, der sich an den weiteren Fortgang des Gesprächs erinnerte:

„Mich ritt der Teufel, als ich bemerkte: ‚Herr Bundespräsident, mit dem miles gloriosus treffen Sie nicht nur ihren Freund und Landsmann Wildermuth, sondern alle Soldaten dieses Krieges. Wir wären es vielleicht nicht geworden, wenn Sie und Ihresgleichen nicht dem Ermächtigungsgesetz Hitlers zugestimmt hätten! Damit hat es nämlich angefangen und zwischen Narvik, Stalingrad und El Alamein hat es für Millionen schrecklich geendet!‘ Ich spürte an der Betroffenheit aller, daß ich zu weit gegangen war, und fügte noch hinzu: ‚Ich bitte um Verzeihung, aber das war ich allen denen schuldig, die sich nicht mehr wehren können!‘ Es herrschte einige Augenblicke eine beklemmende Stille. Theodor Heuss atmete tief durch und begann zur allgemeinen Überraschung ausführlich zu erklären, wie es am 23. März 1933 zu dem ‚Ja‘ der Demokraten in Berlin gekommen war. Dann schloß er: ‚Sie können es nicht mehr wissen, weil Sie damals zu jung waren, ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Aber so leicht, wie es sich heute darstellt, war die Sache damals nicht. Ich wünsche Ihnen, daß Sie niemals so unter Druck und Drohungen abstimmen müssen, wie wir es damals mußten!‘ Damit war das Thema beendet, der Abend allerdings auch.“

Noch heute merkt man an der Reaktion von Heuss, wie ihm die Worte Mendes unter die Haut gingen. Mit dem Vorwurf, 1933 im Reichstag dem Ermächtigungsgesetz zugestimmt und damit das Parlament zugunsten der Regierung Hitler entmachtet zu haben, wurde Heuss nach 1945 immer wieder konfrontiert. Und noch kurz vor seinem Tod vertraute er 1963 einem Erinnerungsfragment an, dass er schon damals gewusst habe, „daß ich dieses ‚Ja‘ nie mehr aus meiner Lebensgeschichte auslöschen könne.“ Hatte Heuss also damals unter dem Druck der nationalsozialistischen Machthaber entgegen seinen Überzeugungen gehandelt und einem Gesetz zugestimmt, mit dem die Gewaltenteilung in Deutschland infrage gestellt wurde?

Wie verträgt sich dieser biographische „Makel“ mit der Selbsteinschätzung, die Heuss rückblickend seinem Leben gab, als er am 12. September 1959 aus dem Amt schied und der Bevölkerung über den Rundfunk selbstbewusst kundtat:

„Ich wünsche mir, daß meine Landsleute bei diesem Abschiedswort, das von dem Dank für viel Liebe begleitet ist, dies spüren, daß ich selber auch nie ‚reguliert‘ wurde, sondern nur in dem Wechsel der Sachlagen, der Aufgaben, sei es drinnen, sei es draußen, mir die innere Freiheit nie rauben ließ.“

Das ist ein starker Anspruch an die eigene Lebensführung. Erlag Heuss hier vielleicht einem Hang zur Selbststilisierung, mit dem er seiner Biographie eine beständige innere Haltung unterlegte? Hatte er sich nicht vielmehr doch in Auseinandersetzung mit seiner Zeit auch zu Zugeständnissen hinreißen lassen wie im Frühjahr 1933? War er nicht auch später als Bundespräsident Zwängen und Erwartungshaltungen ausgesetzt, denen er sich nicht immer entziehen konnte und die der Öffentlichkeit ein verzerrtes Bild von „Papa Heuss“ vermittelten? Oder anders gefragt: In wie weit war es einem Bürger, der als Publizist und Politiker öffentliche Verantwortung übernahm, in den extremen Zeitläuften des 20. Jahrhunderts überhaupt möglich, seine innere Freiheit zu bewahren?

Heuss war in eine Zeit gestellt, in der extreme Weltanschauungen aufeinander prallten, die immer wieder neue Entscheidungen von ihm abverlangte und alles andere als ein geradliniges Leben garantierte, das planmäßig auf das höchste Staatsamt der Bundesrepublik Deutschland zusteuerte. Geradezu widerständig zu seinem Zeitalter verstand er sich als Bürger, der fest in dem Wertehimmel einer bürgerlichen Welt wurzelte, die im 19. Jahrhundert ihre Blüte erreicht hatte. Dass Heuss sozial dem Bürgertum, genauer dem Bildungsbürgertum angehörte, ist offensichtlich. Seine Herkunft, die humanistische Schulbildung, das Studium, die Heirat einer Professorentochter, das Führen eines „standesgemäßen“ Haushaltes und das bildungsbürgerliche Umfeld, in dem er sich vor allem bewegte, sprechen eine klare Sprache. Zudem waren Lebensführung und Werteorientierung zutiefst bürgerlich geprägt: ein hoher Stellenwert von Selbstständigkeit und Eigenverantwortung, ein regelrechter Bildungs- und Geschichtshunger, ein ausgeprägtes Interesse für Kunst, Literatur und Wissenschaft, ein hohes Arbeits- und Leistungsethos, die Kultivierung des Briefes als Mittel der Kommunikation und Selbstverständigung und nicht zuletzt das Vertrauen darauf, in einem vernunftgeleiteten Diskurs über öffentliche Angelegenheiten entscheiden zu können – all dies zeichnete bürgerliche Kultur und Lebensweise aus. Und schließlich tritt uns in Heuss der Citoyen, der Staatsbürger entgegen, der sich aktiv in das Gemeinwohl einbrachte und nach Verantwortung im öffentlichen Raum strebte. Dahinter stand der Gedanke der Aufklärung, die Staatsgewalt eng an das Recht und an das Prinzip der Volkssouveränität zu binden. Es war das Projekt einer „bürgerlichen Demokratie“, dem Heuss noch Ende 1932 anhing, kurz vor der Selbstliquidierung der Weimarer Republik.

Doch verstaubt und unzeitgemäß war Heuss als Bürger ganz und gar nicht. Wenn er auch später bisweilen den Eindruck erweckte, aus der „Mottenkiste“ des 19. Jahrhunderts zu stammen, wusste er seit seiner Jugend mit den Anforderungen der Moderne umzugehen. Als Journalist und Publizist konnte er sich auch in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts behaupten und entging damit den Erfahrungen der Deklassierung, die das traditionelle Bildungsbürgertum durch machen musste. Er setzte sich intensiv mit den fortschrittlichen politisch-sozialen Ideen eines Friedrich Naumann und anderer Bewegungen auseinander und war gegenüber den kulturellen Strömungen seiner Zeit durchaus aufgeschlossen.

Theodor Heuss war also eine Figur des Übergangs, wie schon Thomas Hertfelder mit Blick auf den Intellektuellen Heuss heraus gearbeitet hat. In einer Zeit des beschleunigten Wandels verkörperte er einerseits noch die Bindung an die bürgerliche Welt des 19. Jahrhunderts, reagierte aber andererseits auf die Herausforderungen von Hochindustrialisierung, Imperialismus und neuen Weltanschauungen. Damit wirft diese Biographie auch ein Schlaglicht auf das Kaiserreich als ein Zwitterwesen aus Beharrung und Aufbruch. An diese Zeitenwende gestellt, trifft auf Heuss vielleicht das zu, was Ernst Bloch 1935 als Signum der Moderne bezeichnete: die „Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen“, der bürgerliche Überhang aus verlorenen Welten, der sich in dem antibürgerlichen „Zeitalter der Extreme“ (Eric Hobsbawm) zu behaupten hatte.

Diese Biographie will keine einfachen Identifikationsangebote liefern, die Heuss zum Beispiel als liberalen Gründungsvater für die Bundesrepublik stilisieren. Vielmehr soll sein vielschichtiger, mitunter auch widersprüchlicher Lebensweg in den Verwerfungen des 20. Jahrhunderts geschildert werden. Heuss zeigte sich zwar wehrhaft gegenüber totalitären Ideologien und Versuchungen und konnte somit bürgerliche Werte über die Epochenschwelle 1945 für die Wiederbegründung der Demokratie in Deutschland hinwegretten; aber auch sein Demokratie- und Politikverständnis war zeitgebunden und bewahrte ihn nicht vor Fehleinschätzungen, die aus heutiger Perspektive befremdlich erscheinen. Nicht alle Widersprüche in diesem Leben werden sich bruchlos und zu unserer Zufriedenheit auflösen lassen.

Den Blick auf den Bürger Heuss gerichtet, können wir auch die anderen Sphären, in denen er gewirkt hat, genauer untersuchen. Heuss war eben kein Berufspolitiker, der seine gesamte Lebensplanung der Politik unterwarf, sondern vielmehr auf unterschiedlichen Feldern aktiv, was ihm auch eine gewisse Unabhängigkeit sicherte. Politik und Kultur gingen bei ihm eine seltene Symbiose ein. Am Ende dieser Biographie steht die Frage, in welcher Hinsicht Heuss für die Gegenwart noch Relevanz besitzt. Ist er, der als Bundespräsident eine außerordentliche Popularität genoss, Opfer der Verkitschung zu einer harmlosen, unzeitgemäßen Großvatergestalt geworden? Wird er nur noch zu bestimmten Anlässen aus der Vitrine herausgeholt, ist ansonsten aber weitgehend dem Vergessen anheim gefallen und taugt als zigarrenrauchender, gemütlicher „Papa Heuss“ mit seinem schwäbischen Bass allenfalls zum Zitatengeber? Wo ist uns zu Beginn des 21. Jahrhunderts Heuss fremd, wo rückt er uns nahe und kann Orientierung geben? Und ist mit ihm auch das bürgerliche Projekt gestorben oder hat es heute nicht vielmehr wieder ungeahnte Aktualität bekommen? Der Blick auf das lange und farbige Leben von Theodor Heuss gibt Gelegenheit, sich mit diesen Fragen auseinanderzusetzen.

Für ihre vielen wertvollen Anregungen, welche die Entstehung dieses Buches begleitet haben, danke ich herzlich Dr. Frieder Günther und Dr. Thomas Hertfelder. Hilfreiche Korrekturen am Manuskript nahmen dankenswerterweise Jasmin Lolakas und Manuel Lutz vor.

„Als freier Mann und Herr der Welt“ Der junge Theodor Heuss im Kaiserreich (1884–1918)

Kaum hatte Theodor Heuss das Elternhaus verlassen und seine Studentenbude in der Universitätsstadt München bezogen, schilderte er, nachdem er soeben ein Buch über Schopenhauer zugeklappt hatte, seiner Freundin Ida am 29. Oktober 1902 überschwänglich und mit leichter Selbstironie seine Situation wie folgt:

„Versuche es einmal, Dir mich als braven Philister vorzustellen: langer Schlafrock, weiche Pantoffel u. um mich herum in allerdings unphiliströser, wildester Unordnung Bücher, Tassen, Teller, Brot, Tabak etc. Mit unendlicher Geschicklichkeit habe ich mir einen Thee gebraut, der als Resultat nach nichts schmeckt, habe mir meine meterlange Pfeife angefacht u. fühle mich als freier Mann u. Herr der Welt.“

Heuss beschrieb sich hier zwischen Spitzweg-Idylle und Aufbruch. Dabei ist dem jungen Mann, der den Sprung aus der schwäbischen Provinz in die Bayernmetropole soeben hinter sich hatte, eine unbefangene, etwas altkluge Überheblichkeit nicht abzusprechen. Der Elan und etwas ungebändigte Übermut des jungen Heuss korrespondiert mit einer großen Dynamik und breiten Aufbruchsstimmung im Wilhelminischen Kaiserreich. Sicherlich: In diesem Obrigkeitsstaat ließen sich die politischen Reformblockaden kaum aufbrechen, weil die alten Machteliten eine stärkere Parlamentarisierung des Reiches zu verhindern wussten; doch die deutsche Gesellschaft wurde von einem rasanten Wandlungsprozess ergriffen, der kaum einen Bereich aussparte. Mit dem Durchbruch der Industriewirtschaft ging ein beispielloses Wirtschaftswachstum einher. Die Industriegesellschaft erfreute sich zwar eines wachsenden Wohlstandes, doch die sozialen Ungleichheiten in der Klassengesellschaft verschärften sich. Bevölkerungsexplosion und eine massive Landflucht führten zu einer nie gekannten Urbanisierung und zu einer Änderung im Frauen- und Familienbild sowie im generationellen Verhalten. Wissenschaft und Bildung erfuhren einen ungeahnten Aufschwung. Die Massenmedien eroberten einen immer größeren Markt und sorgten für ein vielfältiges Meinungsspektrum. Diese Angebote und die Erfahrung des beschleunigten Wandels führten immer mehr Menschen an die Politik heran. Quer durch alle Klassen und Milieus politisierte sich die deutsche Gesellschaft von Grund auf: Die Bürger wählten und organisierten sich in Parteien, Verbänden, Gewerkschaften oder Bewegungen. Nationalismus und Antisemitismus waren freilich auch Folgen dieser Massenmobilisierung. Angesichts des Drucks im Innern bekam eine deutsche Weltmachtpolitik einen ganz neuen Stellenwert.

Verunsichert von diesem Wirbel einer aufbrechenden, dabei zwiespältigen Moderne, formierte sich um die Jahrhundertwende eine jüngere Generation, welche die Traditionen und Werte der Väter infrage stellte und nach neuen Ideen und Lebensentwürfen suchte. Malerei und Musik, Literatur und Theater brachen mit den überkommenen Kunstauffassungen und suchten nach radikal neuen Wegen in Inhalt und Formensprache, die sich den Herausforderungen einer Zeitenwende annahmen. Als Avantgarde entfernten sich diese Strömungen damit auch zunehmend vom bürgerlichen Publikum. Daneben entstand eine breite und vielfältige Reformbewegung, welche die Umbruchszeit als Zivilisationskrise deutete und nach neuen Lebensformen jenseits der als dekadent empfundenen wilhelminischen Gesellschaft suchte. Lebens reformbewegung und Jugend-Wandervogel-Bewegung propagierten eine Gemeinschaft fernab bürgerlicher Lebensentwürfe, die ihre Anziehungskraft aus einer Mischung von Zukunftsvisionen und idealisierter Vergangenheit bezog. In diesem Klima müssen wir uns die ersten Jahre von Heuss vorstellen.

Bildung, Bildung, Bildung … Kindheit und Jugend im bürgerlichen Elternhaus

Das Licht der Welt erblickte Theodor Heuss am 31. Januar 1884, also noch zu Bismarcks Regierungszeit, im beschaulichen württembergischen Oberamtsstädtchen Brackenheim, 15 km südwestlich von Heil bronn gelegen. Brackenheim hatte zu dieser Zeit noch keinen Eisenbahnanschluss und keine Industrie; damals wie heute lebt das Städtchen vom Weinbau. In diesem ländlichen Ambiente wuchs der kleine Theodor auf, nahe dem hiesigen württembergischen Schloss, das zu „Entdeckungsfahrten ins Unheimliche und Fremde“ einlud. Zur Seite standen ihm dabei seine zwei älteren Brüder Ludwig und Hermann. Der Vater Louis Heuss, als Regierungsbaumeister für den Straßenbau verantwortlich, war in Brackenheim eine angesehene Persönlichkeit. Seine Vorfahren väterlicherseits stammten aus dem badischen Haßmersheim, wo sie als Neckarschiffer tätig waren. Erst sein Vater hatte sich als Kaufmann in Heilbronn niedergelassen. Die Ahnen seiner Frau Elisabeth Gümbel waren über viele Generationen hinweg vor allem als Förster und Pfarrer in der Rheinpfalz beheimatet.

Abb. 1: Familie Heuss, um 1885 (v.l.n.r.): Hermann, Elisabeth, Theodor, Louis, Ludwig

Theodor Heuss, ein Monument des Schwabentums, stammte also von Zugereisten ab. Die Legende vom Urschwaben Heuss, einem Verfechter schwäbischer Behaglichkeit, kommt also schon an dieser frühen Stelle ins Wanken. Sicherlich, wer von Heuss spricht, kann über sein Schwabentum nicht schweigen. Seine Vorliebe für württembergischen Wein, vor allem für den Lemberger, ist ebenso sprichwörtlich wie sein Bekenntnis zur schwäbischen Küche. Seine Liebe zur Heimat hat er in vielen Zeichnungen festgehalten und in Artikeln besungen. Ihren Bewohnern widmete er zahlreiche Reden und biographische Skizzen, und in der monumentalen Biographie über den kantigen Stuttgarter Industriellen Robert Bosch wird Heuss schließlich nach eigener Einschätzung zum „Routinier im Schwabenlob“. Doch ebenso kokettierte er mit seinen nichtschwäbischen Vorfahren, die ihn dem „ausgesprochenen Schwäbischen gegenüber mehr als Zuschauer denn als Teilhaber“ legitimierten. Mehr als die Hälfte seines Lebens verbrachte er außerhalb Schwabens. Heuss hat die Grenzen einer schwäbischen Heimattümelei zeit seines Lebens überschritten, ja sie war ihm manchmal regelrecht zu wider, wie er in einem Brief 1919 bekannte: „Denn es ist notwendig, die Trennung vom Selbstgefällig-Kleinbürgerlichen und Pausbäckigen, das der schwäbischen Tradition vielfach anhängt, klar durchzuführen.“

Zunächst aber sollte sich Heuss nicht aus der schwäbischen Lebenswelt entfernen. Nach unbeschwerten ersten Kinderjahren zog die Familie 1890 ins nahe gelegene Heilbronn. Dort übernahm der Vater die Leitung des städtischen Tiefbauamtes und war damit verantwortlich, die Infrastruktur den Erfordernissen einer bedeutenden württembergischen Industrie- und Handelsstadt anzupassen. Welch‘ ein Kontrast zum beschaulichen Brackenheim! Die politischen und sozialen Spannungen vor dem Hintergrund der Industrialisierung traten dem jungen Heuss nun ebenso vor Augen wie die gepflegten Traditionen einer ehemaligen Freien Reichsstadt mit ihrem gewachsenen Stadtbild. Zu Heilbronn und seinen Bürgern unterhielt er lebenslang enge persönliche Beziehungen. Um so mehr nahm es ihn mit, als seine Heimatstadt Anfang Dezember 1944 durch alliierte Luftangriffe schwer zerstört wurde.

Seit 1892 besuchte Heuss das humanistische Karlsgymnasium in Heilbronn. Er war ein begabter, ein guter und beliebter Schüler, dem es nicht schwerfiel, in den meisten Fächern ohne große Anstrengungen zum Kreis der Klassenbesten zu gehören. Bisweilen fühlte er sich aber auch intellektuell unterfordert. Einem stupiden Unterricht, der mechanisch Stoffmassen einbläut, vermochte er nichts abzugewinnen und bewahrte demgegenüber Gelassenheit.

„Dienstag geht wieder das Martyrium auf Erden, die Schule, an, die mich aber dieses Jahr merkwürdig kalt läßt und an die ich gar nicht denke. Die Enttäuschung wird dann um so größer sein, wenn ich die heiligen Hallen wieder in persona betreten habe.Ich habe die Absicht, in allen Fächern, außer den mathematischen, den alten Schlendrian mit dem Nichtsschaffen weiterzuführen, man kommt damit nämlich am weitesten.“

Theodor Heuss an Ludwig Klein,12. September 1900

Deutsch, Literatur, Geschichte und Geographie waren die Fächer, in denen Heuss gute bis sehr gute Leistungen erbrachte. Je nachdem, wie die Lehrer auf die Begabungen des Schülers einzugehen und seinen Horizont zu erweitern vermochten, entwickelte sich das Verhältnis zu ihnen, das von Verehrung bis hin zum Hass reichte. Ein Musterschüler war Heuss wohl kaum. Im Zwischenzeugnis der Klasse 8 werden gar zwei Strafen erwähnt, die er im Schulkarzer absitzen musste. Die Gründe: „sittliches Fehlverhalten“ und „Beamtenbeleidigung“. Im Sommer 1902 legte er schließlich das Abitur ab, was zu dieser Zeit nur einer kleinen Minderheit eines Jahrgangs vergönnt war.

Auch wenn er sich mit der Schule immer wieder auseinandersetzen musste, gewinnt man den Eindruck, sie habe für Heuss’ Entwicklung keine entscheidende Bedeutung besessen. Von größerer Prägekraft war das bürgerliche Elternhaus, das ihm vielerlei Anregung schenkte. Dabei besaßen Vater und Mutter ein gänzlich unterschiedliches Naturell. Seine Mutter, oftmals kränkelnd und ängstlich um das Wohlergehen ihrer drei Söhne bemüht, hielt in klassischer Arbeitsteilung den Haushalt in Ordnung, war zuständig für die emotionalen Bedürfnisse ihrer Kinder und spielte bei aller Zurückhaltung eine ausgleichende Rolle, wenn Spannungen in der Luft lagen. Mit ihrem Mann hatte sie es oft nicht leicht, wie Heuss sich später erinnerte: „Mein Vater war mit seiner Frau glücklicher als sie mit ihm.“

Das eigenwillige, mitunter schroffe Temperament und die Interessen des Mannes gingen andere Wege als die der Frau. Louis Heuss hatte einen größeren Einfluss auf seinen Sohn. Dieser sollte den Vater später als einen Freigeist und „humanitären Rationalisten“ charakterisieren, der zu unkonventionellem Verhalten neigte, nur widerwillig gesellschaftliche Verpflichtungen einging, den Kirchen gegenüber eine skeptische Distanz wahrte und sich politisch und sozial fortschrittlich engagierte. Seine Lebensführung war geprägt von Leistungswillen und Pflichtbewusstsein, Selbstdisziplin und emotionaler Zurückhaltung. Diesen Maßstab legte er auch an seinen Erziehungsstil an, der streng und konsequent war, auch Prügelstrafen einschloss, wenn seine Söhne seinen rigiden Anforderungen nicht nachkamen. Seit den 1890er Jahren litt Louis Heuss an einer schweren Krankheit, die das Familienleben belastete und zu seiner frühzeitigen Pensionierung führte. Dennoch herrschte im Hause Heuss eine offene Atmosphäre. Der Vater legte Wert darauf, seine Kinder zu selbstständigen Individuen zu erziehen. Indem er ihnen freien Zugang zu den Bildungsgütern und den Fragen der Zeit gewährte, förderte er ihre Entwicklung in einer damals ungewöhnlich modernen, toleranten Weise.

Der Bücherschrank, vom Heilbronner Großvater geerbt, stand dem jungen Heuss offen. Und der Inhalt hatte es in sich: Neben den bildungsbürgerlichen und schwäbischen Literaturklassikern – von Johann Wolfgang Goethe und Friedrich Schiller bis hin zu Heinrich Heine und Ludwig Uhland – waren dort auch Aufklärer und Freigeister wie Immanuel Kant oder David Friedrich Strauß vertreten. Darüber hinaus waren die weltgeschichtlichen, sozialreformerischen und religionskritischen Standardwerke liberal-demokratischer Provenienz zu finden. Doch die Bücherwand barg auch Sprengstoff: die Werke der sozialistischen Klassiker Karl Marx, Friedrich Engels oder Ferdinand Lassalle. Ebenso fand die bissig-satirische Wochenschrift Simplicissimus ihren Weg in das Elternhaus. All dies wurde dem jungen Heuss nicht vorenthalten. Die Bibliothek bot ihm die Möglichkeit, sich mit den modernen politischen und sozialen Strömungen seiner Zeit auseinanderzusetzen – und er nutzte diese Chance.

Angesichts dieses bibliophilen Angebots entwickelte Heuss einen regelrechten Lesehunger. Leidenschaftlich und schier unersättlich konsumierte er Bücher aus dem väterlichen Bücherschrank, zunächst noch wahllos und ohne rechtes Verständnis des Gelesenen. Aber diese fast schon beängstigende Bildungsbeflissenheit legte den Grundstein für eine lebenslange Generalkompetenz, die Heuss für fast alle Bereiche des menschlichen Wissens beanspruchte – von der Musik einmal abgesehen. Ein überliefertes Oktavheft, in dem er zwischen seinem 15. und 21. Lebensjahr „Bücher und Schriften, die ich gelesen habe“, so der Titel, notierte, enthält insgesamt 800 Einträge, also wöchentlich über zwei Bücher, darunter Romane, Novellen, Erzählungen, Dramen, Abhandlungen und Gedichte. Die Bibliothek aus dem Elternhaus hatte er bald hinter sich gelassen und sich auf neue Leseabenteuer begeben.

Heuss arbeitete sich bis an die literarische Moderne vor der Jahrhundertwende heran, an die französischen, skandinavischen und deutschen Naturalisten um Émile Zola, Henrik Ibsen, Gerhart Hauptmann und Arno Holz, an Richard Dehmel oder Detlev von Liliencron, dem er sich bei einem Besuch in Heilbronn selbstbewusst als Stadtführer anbot. So war er an Literatur- und Kunstkenntnissen der Schule oftmals ein gutes Stück voraus und wusste das auch. Mit großer Selbstsicherheit, zuweilen respektlos, gar altklug konnte er über Schriftsteller, Maler und Bildhauer urteilen. Eigene literarische Versuche im Bereich der Komödie oder der Lyrik fanden hingegen wenig Wohlwollen. Kein Verlag wollte seine Gelegenheitsgedichte drucken. Die Begabung von Heuss lag stärker im historisch-politischen und vor allem im biographischen Genre. Noch vor dem Abitur würdigte der Schüler in der Zeitschrift Die Hilfe Wilhelm Busch zu dessen 70. Geburtstag – der Auftakt zu einer lebenslangen und ungeheuer fruchtbaren Leidenschaft als Journalist und Publizist.

Doch zu dieser Zeit hatte sich die literarische Bildungsbesessenheit bereits ein wenig abgeschwächt. Neben den Anregungen aus Geschichte, Politik und Belletristik gewann Heuss in seiner Jugend ein enges Verhältnis zur bildenden Kunst. Auch hier hat sein Vater ihm den Zugang eröffnet. Auf langen Wanderungen mit seinen Söhnen durch die Schwäbische Alb, den Schwarzwald oder Odenwald brachte er ihnen das genaue Betrachten von Landschaften und Sehenswürdigkeiten bei, die auf Papier gebannt wurden. Stifte, Feder und Zeichenblock gehörten seitdem zu den festen Begleitern von Heuss. Etwa 500 Zeichnungen sind überliefert, zumeist Landschaften, Stadtansichten und kulturgeschichtliche Baudenkmäler, vor allem gemalt mit Kreide, Farbstift oder Bleistift. Heuss, ein talentierter Dilettant, war sich durchaus der Grenzen seiner Zeichenkunst bewusst, doch sie bot ihm eine Auszeit, wenn er dem Trubel des Tages entkommen wollte.

Ausgestattet mit dieser Anlage und angeregt durch neuere Kunstgeschichten, richtete der junge Heuss sein Interesse auf moderne Entwicklungen der Kunst, über die er noch als Schüler unbefangen einen Vortrag hielt. Er nahm Anteil an einer künstlerischen Aufbruchsbewegung, die mit dem als beengend empfundenen Kunstverständnis der Väter bewusst brechen wollte – ein „Aufstand gegen die Geschichte“, wie er diese Zeit rückblickend ein halbes Jahrhundert später charakterisierte. Als Student in München kritisierte er eine Freundin, die der Kunst der Münchener Secession nichts abzugewinnen vermochte, und offenbarte sein Kunstverständnis:

„Loben wir nicht zu sehr das Alte gegenüber dem Heute u. Morgen. Was Ihnen Raffiniertheit erscheint, kann gerade so als Reichtum, Überfülle, Wege Suchen einer Zeit genommen werden, in der das Tempo der Entwicklung unendlich rascher ist. Wir sind auch andere Menschen, als sie es vor 50 oder 100 Jahren waren. Lassen Sie auch unsere Zeit ein bissel gelten.“

Doch ein Revolutionär, der radikal mit der Vergangenheit brechen wollte, war Heuss weder in politischer noch in ästhetischer Hinsicht. Das stand seinem Naturell gänzlich entgegen, das eben „keine Brüche, sondern nur Entwicklungen“ kenne, wie er 1906 Elly Knapp gestand. Trotz vorübergehender Begeisterung für Friedrich Nietzsche konnte Heuss nicht viel anfangen mit den Autoren und Künstlern einer radikalen Avantgarde im Fin de Siècle, einer Décadence, die frei von allen Wertvorstellungen einer Kunst frönte, die in ihrer Weltverneinung sich selbst genügte. Der esoterischen Gegenwelt eines Stefan Georges vermochte er ebenso wenig abzugewinnen wie später dem emphatischen und revolutionären Kunstverständnis der Zeitschrift Die Aktion um Franz Pfemfert. Heuss’ Kunstverständnis war ein anderes:

„Das Persönliche ist mir immer das Entscheidende. Dies ist mir auch das ethische Moment in der Kunst, der Ausfluß aus einer Persönlichkeit. Es gibt da allerhand Persönlichkeiten; wenn sie nur wahr sind – und Künstler“,

so in einem Brief 1904. Das sollte auch künftig Heuss’ Credo bleiben – nicht nur in ästhetischer Hinsicht.

Politische Lehrjahre.Im Banne Friedrich Naumanns

Auch politisch waren es weniger Theorien, sondern vielmehr Persönlichkeiten, die das Interesse von Theodor Heuss für Politik und Gesellschaft weckten. In seiner Antrittsrede nach der Wahl zum Bundespräsidenten gedachte er am 12. September 1949 gleich zu Beginn zweier Männer. Einer davon war sein Vater,

„der in die Seelen seiner jungen Söhne die Legenden des Jahres 48 gegossen hat, die mit der Familiengeschichte verbunden sind, und der uns einen Begriff davon gab, daß die Worte Demokratie und Freiheit nicht bloß Worte, sondern lebensgestaltende Werte sind“.

Ein Urgroßonkel und der Großvater von Heuss waren 1849 auf Seiten der Aufständischen an den revolutionären Erhebungen im deutschen Südwesten beteiligt. Sein Vater stellte sich bewusst in diese Tradition und war in der Deutschen Volkspartei aktiv, der Partei der süddeutschen Demokraten.

Der junge Heuss atmete also von Hause aus demokratische Luft. Doch so richtig traute er den liberalen Altvorderen nicht mehr zu, den politischen und sozialen Herausforderungen der Jahrhundertwende zu begegnen. So begann er sich von seinem Vater politisch zu emanzipieren. Als Schüler machte ein sozialdemokratischer Redner einer Wahlkampfveranstaltung einen solchen Eindruck auf ihn, dass seine „politischen Sympathien nach links“ rutschten: „Eine Zeitlang hielt ich mich für einen Sozialdemokraten“. Die Deutsche Volkspartei schmähte er hingegen als spießbürgerlich und heillos zerstritten, ihr Programm als einen „Vorrat billiger und biederer Redensarten“. So sehr er auch selbst im bürgerlichen Elternhaus verwurzelt war, so sehr er auch die Grundsätze seines Vaters schätzte – als Jugendlicher wollte er eigene Wege gehen: „Mir selbst begann das ‚Bürgerliche‘ fragwürdig zu werden.“

Zum Sozialdemokraten mutierte Heuss dann doch nicht. Aber er fand seine politische Heimat bei einem Mann, der den traditionellen Liberalismus infrage stellte und dem er neben seinem Vater ebenfalls in seiner Antrittsrede von 1949 gedachte: Friedrich Naumann. Dieser protestantische Pfarrer hatte 1896 seine Pfarrstelle aufgegeben und den Nationalsozialen Verein gegründet, der mit einer Verbindung von nationaler und sozialer Programmatik den Herausforderungen der modernen Industriegesellschaft begegnen wollte. Zwar blieb diese Gruppierung politisch weitgehend erfolglos und ging 1903 in der links liberalen Freisinnigen Vereinigung auf, doch gelang es Naumann, durch seine politischen Ideen und sein Charisma einen Kreis von Schülern um sich zu scharen, der auch weit über seinen Tod 1919 hinaus sein Gedankengut weitertrug.

Schon als Schüler war Heuss auf Naumann aufmerksam geworden. Nach dem Abitur im Sommer 1902 besuchte er auf eigene Faust den Parteitag des Nationalsozialen Vereins in Hannover, lernte dort sein Idol persönlich kennen und war von ihm tief beeindruckt. Was faszinierte Heuss an diesem ehemaligen Pfarrer so sehr?

„Es schien, daß Friedrich Naumann alle Fragen spürte, die ein junges Herz beunruhigten, und Antworten zur Verfügung hatte, nicht mit apodiktischer Selbstgewißheit, sondern im lauten, suchenden Mit denken.“

Theodor Heuss, Vorspiele des Lebens

Friedrich Naumann kämpfte für einen erneuerten, nämlich sozialen Liberalismus. Der klassische Liberalismus des 19. Jahrhunderts war seiner Auffassung nach nicht mehr zeitgemäß. Mit der Fokussierung auf die klassischen Freiheitsrechte (z. B. Meinungs-, Presse- und Versammlungsfreiheit) und auf den liberalen Rechtsstaat schien der Liberalismus nur noch unzureichende Antworten auf die drängenden Fragen im Wilhelminischen Kaiserreich zu finden. Naumann erkannte die Machtverhältnisse in der kapitalistischen, privatwirtschaftlich organisierten Industriegesellschaft an, in der sich die Klassengegensätze verschärften. Dies vor Augen, stellte er die berechtigte Frage, wie denn überhaupt in Zeiten der Großindustrie das liberale Ideal der selbstbestimmten Persönlichkeit vor allem für den Industriearbeiter erhalten bleiben könne. Frei von jeglicher rückwärtsgewandter Sozialromantik begrüßte er den industriellen Fortschritt, weil er die entscheidende Voraussetzung für den Wohlstand aller arbeitenden Menschen sei. Doch flankiert werden müsse er durch offensive sozialpolitische Maßnahmen zugunsten der Arbeiterschaft, um dieser überhaupt die Möglichkeit zu bieten, politisch zu partizipieren. Hier dachte Naumann an kollektive Tarifverträge, Arbeiterschutzregelungen, soziale Wohnungspolitik, Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie für die arbeitenden Frauen oder an die betriebliche Mitbestimmung, den „Fabrikparlamentarismus“. In den Gewerkschaften sah er eine wirkungsvolle Organisation zur Vertretung der Arbeiterinteressen.

Innenpolitisch bekämpfte Naumann seit 1903 Seite an Seite mit den Linksliberalen und Sozialdemokraten das Dreiklassenwahlrecht in Preußen, welches das Gewicht der Stimmen an die Höhe der Steuerleistung band und eine öffentliche Abstimmung über die Wahlmänner vorsah; stattdessen forderte er das gleiche, geheime und direkte Wahlrecht. Um seine innen- und sozialpolitischen Reformen im monarchischen Obrigkeitsstaat erfolgreich voranzubringen, befürwortete Naumann als einer der wenigen bürgerlichen Politiker ein Bündnis mit den antimarxistischen, reformorientierten Kräften der Sozialdemokratie. Die Abschaffung der Monarchie stand für ihn aber nicht auf der Tagesordnung; Demokratie und Kaisertum hielt er für vereinbar, gerade um in Zeiten der Massenherrschaft divergierende Interessen an eine Führungsgestalt zu binden. Das Vertrauen Naumanns in diese nationalpolitische Aufgabe des Kaisers sollte freilich angesichts des anmaßenden und ungeschickten Regiments Wilhelms II. bald deutlich Schaden erleiden.

Die innen- und sozialpolitischen Reformen standen bei Naumann letztlich im Dienste einer Stärkung des nationalen Machtstaates, der wiederum die Voraussetzung für eine weitausgreifende Welt- und Kolonialpolitik war. Außenpolitisch war Naumann Nationalist und stand im Zeitalter des Imperialismus hinter der kaiserlichen Kolonialpolitik. Die Integrationsfaktoren Demokratie und sozialer Ausgleich im Innern hatten also einer selbstbewussten Machtpolitik nach außen zu dienen. Umgekehrt konnte natürlich eine erfolgreiche imperialistische Außenpolitik die Klassengegensätze in der wilhelminischen Gesellschaft abmildern. Diese Mischung aus sozialen, liberalen, nationalen und imperialistischen Ideen erscheint uns heute teils modern, teils befremdlich. Auf Heuss wirkten sie enorm anziehend, schienen sie doch einen zeitgemäßen Ausweg aus dem alten, verstaubten Liberalismus der Väter zu weisen.

Die Orientierung an Naumann war mit dem Abschied vom Elternhaus verbunden. 1902 nahm Heuss sein Studium in München auf. Neben der Vielfalt des Fächerangebots und dem kulturellen Reichtum der Stadt war es vor allem ein akademischer Leuchtturm, der die Universität reizvoll machte: Lujo Brentano, streitbarer Professor für die noch junge Disziplin der historisch ausgerichteten Nationalökonomie und Freund Friedrich Naumanns, von seinen Gegnern als „Kathedersozialist“ charakterisiert. Sein Studium begann Heuss zunächst noch recht ziellos mit zahlreichen Veranstaltungen in mehr als einem Dutzend Fächern. Dies entsprach zwar der Breite seiner Interessen, aber rückblickend beklagte er sich 1941 gegenüber dem Journalisten Oskar Stark, dass es „kaum etwas Verpfuschteres als meine Studienzeit[gebe], da ich keinen Menschen hatte, der mich irgendwie geführt hätte.“ Zunehmend fokussierte Heuss sein Studium auf die Nationalökonomie, auch wenn die Karriereaussichten mit diesem Fach damals sehr unsicher waren. Bereits nach dem zweiten Semester schlug er seinem Doktorvater ein Thema für die Dissertation vor: Weinbau in Heilbronn. Nach dem Quellenstudium schrieb er während drei Wochen im Mai 1905 in Dachau seine Dissertation nieder, die ein Jahr später unter dem Titel „Weinbau und Weingärtnerstand in Heilbronn a. N.“ erschien. Mit dem nicht so glänzend verlaufenden Rigorosum schloss der 21-jährige im Herbst seine Promotion ab, Note: cum laude.

Heuss behielt in seinen Münchener Studienjahren Kontakt zur Ideenwelt Naumanns. Er verkehrte im hiesigen Nationalsozialen Verein und schloss Freundschaften mit anderen Schülern Brentanos, von denen sich einige über viele Jahrzehnte bewähren sollten. Seine Freude an der politischen Auseinandersetzung und seine politische Begabung wurden ihm in dieser Zeit bewusst. So trat der junge Student auf einer Wahlveranstaltung dem legendären bayerischen SPD-Vorsitzenden Georg von Vollmar ohne Scheu entgegen und warf der Sozialdemokratie eine reaktionäre Politik vor, da sie sich einem Bündnis mit den bürgerlichen Demokraten verweigere. Heuss war von der Wirkung seines Redebeitrages überzeugt, als er kurz darauf einer Freundin mitteilte: „So vor 1–2000 Menschen zu reden u. ihnen ein par Grobheiten sagen zu können, hat mir viel Spaß gemacht; auch konnte ich mit dem Erfolg wol zufrieden sein.“Selbstbewusst hielt er in seiner Heimatstadt Heilbronn im Frühjahr 1904, gerade 20 Jahre alt, einen Vortrag unter dem Titel „Alter und neuer Liberalismus“, in dem er einen nationalsozialen Liberalismus, ganz im Sinne Naumanns, als die Bewegung der Zukunft deklarierte.

Als Heuss 1903 für ein Jahr nach Berlin ging, stand dahinter weniger die Fortsetzung des Studiums in der Reichshauptstadt, sondern vielmehr der Wunsch, seinem Mentor näher zu kommen. In diesem Jahr waren Landtagswahlen in Preußen, bei denen Friedrich Naumann für die linksliberale Freisinnige Vereinigung in einem aussichtslosen Wahlkreis kandidierte. Ihm bot sich Heuss als Wahlhelfer an, verteilte Flugblätter und Einladungen und begleitete ihn auf eine Wahlveranstaltung in das Berliner Umland. Naumann behielt seinen jungen Adepten seitdem im Auge und lud ihn zu einem liberalen Stammtisch ein. Dort diskutierten führende Linksliberale wie Theodor Barth oder Hugo Preuß die Zukunft des Liberalismus, demonstrierten dabei aber auch die unerbittliche Zerstrittenheit im Linksliberalismus, der zu jener Zeit in mehreren rivalisierenden Parteien organisiert war.

Schon während seiner Wahlkampfhilfe für Naumann machte Heuss Bekanntschaft mit den prekären sozialen Verhältnissen dieser aufstrebenden Metropole. Berlin zog ihn sehr an, nicht nur als Zentrum der politischen Entwicklungen, sondern auch wegen seiner Mentalität und Kultur, wie er gegenüber einer Freundin deutlich machte:

„Berlin hat mir durch seine Messen, seinen Verkehr, seine Kunst, die ich fast über die Münchener stelle, seine 2, 3 unvergleichlichen Theater sehr imponiert; es war eine für mich mehr od. minder neue Welt – trotz München –, die ich mir mit all meiner Aufnahmefähigkeit u. Objektivität anzueignen trachte. Dies der große Vorzug vor München (übrigens ein altes Lied): hier wird außerordentlich gearbeitet, nach Neuem gerungen – München schläft. Aber ich wills nicht schlecht machen, zumal ich wieder dorthin zurückkehre.“

In der Tat: Heuss kehrte 1904 zurück, lernte nun aber auch stärker die Vorzüge Münchens schätzen. Jetzt begann er sich allmählich der Schwabinger Boheme anzunähern, die den Vergleich mit Berlin nicht zu scheuen brauchte. München galt um die Jahrhundertwende neben Berlin und Wien als wichtigste Stadt der Moderne, die vor allem im Künstlervorort Schwabing ihr kreatives Zentrum fand. In einem Klima der Liberalität blühten dort die verschiedenen Gruppen und Richtungen und pflegten den Mythos Schwabing mit seinen Ateliers, Künstlerkneipen oder ausgelassenen Festen. In vermeintlich paradiesischer Unbekümmertheit lebten dort verkrachte Existenzen, mehr oder weniger erfolgreiche Künstler, Anarchisten wie Erich Mühsam oder auch schon damals bekannte Schriftsteller wie Thomas Mann, Frank Wedekind, Ricarda Huch oder Stefan George mit seinem verschworenen Kreis.

In dieses Treiben stürzte sich Heuss, ohne sich von diesem Strudel fortreißen zu lassen, wie er rückblickend mit leicht resignativem Unterton feststellte: „Eigentlich wäre ich gern ein Bohemien gewesen, aber dazu gehörten Liebesgeschichten und Schulden, beides hatte ich nicht.“ Zumindest in seinem Outfit versucht er einem Bohemien zu ähneln: Zu dem ungebändigten Haarschopf „trug ich einen sehr breitkrempigen flachen Hut, der die freie Zunft des ‚Geistigen‘ markierte“; die Krawatte hatte er abgeschafft und stattdessen eine hochgeschlossene Weste getragen. Dermaßen kühn gewandet, nahm er ausgelassen am Schwabinger Treiben teil, war häufig Gast in der Künstlerkneipe Simplicissimus, besuchte die Aufführungen des Kabaretts Die Elf Scharfrichter