Seekadett Jack Freimut - Frederick Marryat - ebook

Seekadett Jack Freimut ebook

Frederick Marryat

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Opis

Das Buch (Originaltitel: "Mr Midshipman Easy") erzählt die abenteuerliche Geschichte Jack Freimuts, der als Jugendlicher zur See geht, dort viele Abenteuer erlebt und so allmählich zu einem gereiften Erwachsenen heranwächst. Auf diversen britischen Kriegsschiffen erlebt der junge Seekadett Seegefechte und andere gefährliche Szenen hautnah mit, kann sich aber stets mit viel Glück, Witz und Geschick aus noch der aussichtslos erscheinenden Situation retten. Neben der Schilderung der Abenteuer wird viel Wert auf eine liebevolle und einfühlsame Beschreibung der sehr originellen Charaktere gelegt, die dieses Buch bevölkern. Marryat hat hier ein spannendes und vergnügliches, oft mit einem Augenzwinkern erzähltes Buch geschrieben, das Jung und Alt eine höchst unterhaltsame Lektüre garantiert.-

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Frederick Marryat

Seekadett Jack Freimut

Roman

Für die Jugend bearbeitetAugust Hermann

Saga

Erstes Kapitel.

Jugendzeit.

Nikodemus Freimut war ein vornehmer Mann, der in Hampshire in recht guten Verhältnissen lebte. Er würde auch überall beliebt gewesen sein, wenn er nicht immer seinen Kopf hätte durchsetzen und seinen Ansichten bis aufs Tüpfelchen über dem i Geltung verschaffen wollen. Dadurch kam er oft mit anderen Leuten, die nicht mit ihm übereinstimmten, in Streit. Am meisten lag er mit anderen deshalb in Fehde, weil er seine Meinung von den Menschenrechten und von der Gleichheit derselben mit Heftigkeit verfocht. Da die Männer, welche Herrn Freimut besuchten, durch Fleiss zu Vermögen gekommen waren und das Erworbene nicht mit denen teilen wollten, die durch eigene Schuld und Unfähigkeit arm blieben, so hielten sie es mehr mit dem guten Portwein des Herrn Freimut, als mit seinen Beweisgründen. Sie dachten aber wie viele andere: man muss das Leben eben nehmen, wie es ist, nicht, wie es sein könnte.

Leider übertrug Vater Freimut seine mitunter recht bedenklichen Ansichten auch auf seinen einzigen Sohn Jack. Und das war für den Knaben, der die Folgen noch nicht beurteilen konnte, schädlich, weil der durch seine Mutter verzogene Sohn die Worte des Vaters falsch auslegte und dadurch seinen Eltern und anderen Leuten viel Ärger bereitete. Das erkannte auch Dr. Middleton, ein feinfühlender Mann, der die Familie Freimut öfters besuchte. Deshalb richtete Dr. Middleton eines Tages an Herrn Freimut die Frage:

„Haben Sie nicht die Absicht, den Jungen in die Schule zu schicken?“

Herr Freimut schlug seine Beine übereinander und faltete die Hände auf den Knieen, wie er das immer that, wenn er einen Gegenstand zu verhandeln, oder „einen Punkt zu beleuchten“ begann; dann sagte er:

„Ich will ihn alles selbst lehren!“

„Ich zweifle keineswegs an Ihrer Fähigkeit, Mr. Freimut“, antwortete Dr. Middleton, „aber unglücklicherweise werden Sie dabei auf Schwierigkeiten stossen, die Sie nimmermehr beseitigen können. Entschuldigen Sie, ich weiss, was Sie zu leisten im stande sind, und der Junge würde in der That mit einem solchen Lehrmeister gute Fortschritte machen, aber um offen zu reden, Sie müssen ebensowohl als ich bedenken, dass die mütterliche Zärtlichkeit stets ein Hindernis für Ihre Pläne wird. Jack ist jetzt schon so verzogen durch sie, dass er nicht mehr gehorchen mag; ohne Gehorsam können Sie ihm aber nichts einprägen!“

„Ich gebe zu, mein lieber Sir, dass allerdings in diesem Punkte eine Schwierigkeit liegt; aber dann muss eben väterlicher Ernst über mütterliche Schwäche den Sieg davontragen.“

„Dürfte ich fragen, wie? Mr. Freimut; denn das scheint mir unmöglich.“

„Unmöglich? Warum?“ fragte Mr. Freimut.

„Dass Sie ein Mittel finden würden, durch welches Sie die nötige Gewalt über den Knaben erlangen könnten, bezweifle ich nicht, aber“ — so fuhr Dr. Middleton fort — „was kann die Folge davon sein? Der Junge wird seine Mutter als seine Beschützerin und Sie als seinen Tyrannen betrachten; er wird eine Abneigung gegen Sie hegen und bei dieser Abneigung weder Achtung noch Aufmerksamkeit für Ihre Lehren an den Tag legen, wenn er einmal in das Alter kommt, dieselben zu verstehen.“

„Mir scheint“, antwortete Mr. Freimut nach einer kurzen Pause, „was Sie sagen, verdiente alle Beachtung. Ich gebe zu, dass infolge der unverständigen Nachgiebigkeit der Mutter Jack widerspenstig ist und mir jetzt schon nicht gehorchen will.“

Die Folge dieser Unterredung war, dass Jack einem Freunde Middletons, dem Schulmann Bonnycastle, zur Ausbildung übergeben wurde. Herr Bonnycastle war zwar ein strenger, aber auch ein sehr einsichtsvoller Mann. Er erkannte alsbald die Fähigkeiten seiner Zöglinge und strengte sie danach an; nur der Faulenzer, der „singen konnt’ und wollt’ nicht singen“, fand keine Gnade. So kam es, dass er wohl von seinen Schülern gefürchtet wurde, solange sie unter seiner Zucht standen, dass sie ihn aber auch unwandelbar liebten und später fortwährend seine Freunde blieben. Herr Bonnycastle bemerkte mit einem Blicke, dass es nutzlos sein würde, unserem Helden gute Worte zu geben, und dass Furcht das einzige Mittel sei, ihn im Zaume zu halten. Hier konnte nur Strenge und Entschiedenheit zum Ziel führen!

Herr Bonnycastle sah, dass er den widerspenstigen Jack durch eine einzige Stunde wohlangebrachter Strenge gebändigt hatte; er übergab ihn deshalb den Unterlehrern der Schule, und da diese gleichfalls die Macht hatten, den nötigen Sporn anzuwenden, so wurde unser Hänschen bald ein ganz folgsamer Junge. Er machte grosse Fortschritte, wobei ihm seine guten, natürlichen Anlagen zu statten kamen. Herr Freimut rieb sich allemal die Hände, wenn er den Doktor sah, und freute sich über den Jungen. Jede Ferienzeit benutzte der Vater dazu, seinem Sohne die Lehre von der Gleichheit der Menschenrechte einzuprägen. Hänschen schien zwar den Vorträgen seines Vaters wenig Aufmerksamkeit zu schenken, aber er bewies augenscheinlich, dass sie bei ihm nicht gerade weggeworfen waren.

So wurde unser Jack erzogen, bis er sechzehn Jahre alt war, um welche Zeit er als ein starker, gut aussehender Bursche mit einem tüchtigen Mundwerke auftrat; in der That, wenn es ihm gerade behagte und seinen Absichten entsprach, so konnte er seinen Vater, wie man so sagt, zum Zimmer hinausschwatzen. Und wenn es dazu kam, einen „Punkt zu beleuchten“, so konnte er es mit jedermann aufnehmen. Mit seinem „Punktbeleuchten“ fand er gar kein Ende, obgleich seine Beweisgründe selten Stich hielten. Er machte oft die Erfahrung, dass die Anwendung seiner Gleichheitsgrundsätze im praktischen Leben ihm Nachteile brachten, deshalb sagte er eines Tages zu seinem Vater:

„Bei Befolgung Ihrer Philosophie durch Wort und Beispiel bin ich während des kurzen Zeitraumes von zwei Tagen der Fische, die ich fing, meiner Angelrute und der Schnur beraubt, in einen Fischteich hineingestürzt, durch einen Bulldogg vor Schrecken ganz ausser mir gebracht, von einem Stier beinahe durchbohrt, von den Bienen bis zum Tode gestochen worden und zweimal in einen Brunnen gestürzt. Wenn sich nun dieses alles in zwei Tagen ereignete, welche Leiden habe ich von einem ganzen Jahre zu erwarten? Es kommt mir deshalb sehr unklug vor, fernere Versuche zur Belehrung zu machen, da die Leute vom Lande durchaus entschlossen zu sein scheinen, keinerlei Vernunft- und Beweisgründe anzuhören. Dagegen ist mir eingefallen, dass, wenn auch die ganze Erde unter wenige verteilt wurde, doch wenigstens das Wasser das Gemeingut aller ist. Ich habe demnach nur auf dem Ozean einige Aussicht, jene Grundsätze von Gleichheit und Menschenrechten zu finden, und habe deshalb den Entschluss gefasst, zur See zu gehen und so viel als möglich unsere Ansichten zu verbreiten.“

Der Vater wollte zwar nichts davon wissen; endlich gab er aber doch seine Zustimmung und sagte: „Jack, du sollst, wenn du es wünschest, zur See gehen.“

„Ganz natürlich, und so ist’s in Ordnung, Vater“, entgegnete Jack mit der Miene eines Siegers; „es ist aber die Frage: mit wem? Dabei fällt mir nun ein, dass Kapitän Wilson jetzt ein Schiff erhalten hat, ich wünsche sehr, mit ihm zu segeln.“

„Ich will ihm schreiben“, sagte Freimut tiefbetrübt.

Damit war die Sache abgemacht.

Die Antwort des Kapitäns Wilson lautete zustimmend; er versprach Jack wie seinen eigenen Sohn zu behandeln.

Unser Held bestieg seines Vaters Pferd und ritt zu Herrn Bonnycastle.

„Ich will zur See gehen, Herr Bonnycastle.“

„Das ist das Rechte für Sie“, erwiderte dieser.

Unser Held begab sich zu Dr. Middleton.

„Ich will zur See gehen, Doktor Middleton.“

„Das ist das Rechte für Sie“, sagte auch dieser.

Mutter Freimut wollte zwar nicht ihre Zustimmung geben. Nachdem es ihr aber überzeugend dargelegt war, dass es für ihren Sohn wirklich das Rechte sei, zur See zu gehen, fügte sie sich dem Unabänderlichen: Jack ging zur See!

Zweites Kapitel.

Eintritt als Seekadett.

Da keine Zeit zu verlieren war, sagte Jack der Schule und seinem väterlichen Hause bald lebewohl und begab sich nach Portsmouth, dorthin war er von Kapitän Wilson beschieden. Jack hatte Geld genug und grosse Freude daran, sich als sein eigener Herr zu sehen, deshalb beeilte er sich nicht sehr, auf das Schiff zu gehen. Fünf oder sechs nicht gerade sehr achtbare Gesellen, von denen er aufgefischt worden war, rieten ihm, das Leben erst auf dem Lande zu geniessen und den Eintritt auf das Schiff bis zum allerletzten Augenblicke zu verschieben. Da dieser Rat zufälligerweise mit Jacks Absicht übereinstimmte, befand sich unser Held drei Wochen in Portsmouth, ehe nur jemand etwas von seiner Ankunft daselbst wusste; mittlerweile erhielt jedoch Kapitän Wilson von Herrn Freimut ein Schreiben, aus dem er ersah, dass Jack zu der erwähnten Zeit von Hause abgegangen sei: der Kapitän beauftragte daher seinen ersten Leutnant, Nachforschungen anzustellen, denn er befürchtete, es möchte dem jungen, unerfahrenen Jack ein Unfall zugestossen sein. Da Herr Sawbridge, der erste Leutnant, gerade am Abend vor dem Tage der Abfahrt des Schiffes noch einmal ans Land ging, begab er sich nach dem Gasthofe „Georg“, in die „blauen Pfosten“, sowie in den „Springbrunnen“, um nachzufragen, ob nicht ein solches Individuum, wie Master Freimut, dort eingetroffen sei.

„O ja“, erwiderte der Kellner im ‚Springbrunnen‘, „Herr Freimut wohnt schon seit drei Wochen hier.“

„Den Teufel noch einmal“, rief Herr Sawbridge mit der ganzen Entrüstung eines ersten Leutnants, der drei Wochen lang um die Erziehung eines jungen Seekadetten betrogen wurde, „wo ist er? Im Gastzimmer?“

„O nicht doch, Sir“, antwortete der Kellner, „Herr Freimut hat im ersten Stock die Zimmer vorn heraus.“

„Nun, so führt mich hinauf.“

„Dürfte ich Sie um Ihren werten Namen bitten?“

„Ein erster Leutnant lässt sich bei einem Kadetten nicht melden; er soll bald erfahren, wer ich bin.“

Der Kellner stieg, gefolgt von Herrn Sawbridge, die Treppe hinauf und öffnete die Thür zu Herrn Freimuts Zimmer.

„Ein vornehmer Herr wünscht Sie zu sprechen, Sir“, meldete er.

„Lasst ihn hereinkommen“, sagte Jack, „und merkt’s Euch, Bursche, dass der Punsch diesmal besser sein muss, als gestern. Ich habe noch zwei Herren zum Essen eingeladen.“

Unterdessen war Herr Cambridge, der keine Uniform trug, hereingetreten; er fand Jack allein im Zimmer, aber einen für acht Personen elegant gedeckten Mittagstisch, als sei die Tafel eher für einen Oberbefehlshaber, als für den Kadetten einer Korvette ausgerüstet.

„Darf ich mir erlauben, Sie zu fragen“, fing Jack an, der stets äusserst höflich und artig in seinen Anreden war, „womit ich Ihnen dienen kann?“

„Ja, das können Sie, junger Mann, dadurch, dass Sie augenblicklich auf Ihr Schiff gehen. Und dürfte ich meinerseits mir erlauben, Sie zu fragen, weshalb Sie drei Wochen am Land bleiben, ohne auf Ihr Schiff zu kommen?“

Jack, dem der entschiedene Ton des Herrn Sawbridge nicht sehr behagte, nahm einen Stuhl, kreuzte seine Beine, spielte mit der goldenen Kette, an welcher seine Uhr befestigt war, und fragte nach einer kleinen Pause ganz kaltblütig:

„Und darf ich fragen, wer Sie sind?“

„Wer ich bin, Sir?“ entgegnete Sawbridge, von seinem Stuhle aufspringend, „mein Name ist Sawbridge, Sir, und ich bin der erste Leutnant auf der ‚Harpy‘.“

Sawbridge, der sich einbildete, der Name des ersten Leutnants würde einem strafbaren Kadetten Schrecken einjagen, warf sich wieder auf einen Stuhl und nahm eine wichtige Miene an.

„In der That, Sir“, erwiderte Jack, „meine Unkenntnis des Dienstes lässt mich durchaus nicht erraten, was Ihre Stellung an Bord sein mag, aber aus Ihrem Benehmen darf ich wohl den Schluss ziehen, dass Sie keine geringe Meinung von sich selbst haben.“

„Hören Sie mich wohl an, mein junger Mann; Sie mögen allerdings nicht wissen, was ein erster Leutnant ist, und nach Ihrem Benehmen zu urteilen, will ich das auch gern glauben; aber verlassen Sie sich darauf, Sie sollen es sehr bald erfahren. Einstweilen bestehe ich übrigens darauf, Sir, dass Sie sofort an Bord gehen.“

„Ich bedaure sehr, dass ich Ihrem äusserst bescheidenen Verlangen nicht entsprechen kann“, erwiderte Jack kaltblütig. „Ich werde an Bord gehen, wann es mir beliebt, und bitte Sie, in betreff meiner sich durchaus nicht weiter zu bemühen.“

Jack zog die Klingel; der Kellner, der aussen gehorcht hatte, erschien sogleich, und ehe noch Herr Sawbridge zu einer Antwort Zeit fand, antwortete Jack:

„Kellner zeigt diesem Herrn den Weg die Treppe hinunter.“

„Beim Gott des Krieges!“ rief der erste Leutnant, „warten Sie nur, ich will Ihnen bald den Weg zum Boot hinunter zeigen, Sie junger Bengel. Wenn ich Sie nur einmal an Bord habe, will ich Sie schon den Unterschied zwischen einem Kadetten und einem ersten Leutnant kennen lehren.“

„Ich kann bloss Gleichheit gelten lassen, Sir“, entgegnete Jack; „wir sind alle gleich geboren, das werden Sie hoffentlich zugeben.“

„Gleichheit! Man sollte fast meinen, Sie übernehmen den Befehl des Schiffes. Übrigens, Sir, wird Ihre Unwissenheit nach und nach verschwinden. Ich werde mich jetzt auf die Korvette begeben und Ihr Benehmen dem Kapitän Wilson melden; und das sage ich Ihnen, wenn Sie bis heute abend nicht an Bord sind, so werde ich morgen in aller Frühe einen Sergeanten nebst einigen Marinesoldaten schicken, um Sie zu holen.“

„Verlassen Sie sich darauf, Sir“, antwortete Jack, „auch ich meinerseits werde nicht ermangeln, dem Kapitän Wilson zu sagen, dass ich Sie für einen höchst streitsüchtigen impertinenten Gesellen halte, und ihm deshalb dringend anempfehlen, Sie ja nicht länger an Bord zu lassen.“

„Er muss verrückt sein — ganz verrückt“, rief Sawbridge, bei dem die Verwunderung über den Zorn Meister wurde. „Toll, wie ein Märzhase!“ —

„Nicht doch, Sir“, entgegnete Jack, „ich bin nicht toll, aber ein Philosoph.“

„Ein — was?“ schrie Sawbridge, „und was noch mehr? Gut, mein Spassmacher, um so besser für Sie, ich werde Ihre Philosophie auf die Probe stellen.“

„Gerade aus diesem Grunde, Sir“, antwortete Jack, „habe ich den Entschluss gefasst, zur See zu gehen; und wenn Sie an Bord bleiben, so hoffe ich, Ihnen den Punkt zu beleuchten und Sie zur wahren Lehre der Gleichheit und Menschenrechte zu bekehren.“

„Beim Gott, der uns beide erschaffen hat, ich will Sie bald zu den sechsunddreissig Kriegsartikeln bekehren — das heisst, wenn Sie an Bord bleiben. Jetzt will ich übrigens zum Kapitän gehen und Ihr Benehmen melden, Sie selbst aber dem Essen überlassen, zu dem Sie Appetit, soviel Sie nur wollen, haben mögen.“

„Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Sir. Wegen meines Appetites brauchen Sie jedoch keine Sorge zu haben: ich bedaure nur, dass ich Sie, obwohl Sie zu demselben Schiffe gehören, aus schuldiger Rücksicht gegen die gebildeten jungen Leute, die ich erwarte, nicht wohl einladen kann mitzuspeisen.“

„Er ist toll; offenbar ganz toll“, mit diesen Worten stürzte der erste Leutnant zum Zimmer hinaus.

Jack war selbst ein wenig verwundert. Wäre Herr Sawbridge in Uniform erschienen, so würde es vielleicht anders gegangen sein; aber dass ein schlicht aussehender Mann mit schwarzem Backenbart, einem alten blauen Frack und einer gelben Kasimirweste es wagen sollte, ihn so anzureden, war ihm ganz unerklärlich. Er nennt mich toll, dachte Jack, aber ich will dem Kapitän Wilson meine Meinung über seinen Leutnant sagen.

Unterdessen hatte sich Sawbridge nach des Kapitäns Wohnung begeben und diesem einen getreuen Bericht über das Vorgefallene erstattet, den er in grosser Wut mit dem Verlangen schloss, unseren Helden Jack entweder sofort zu entlassen oder aber vor ein Kriegsgericht zu stellen.

„Warten Sie einmal“, erwiderte Kapitän Wilson, „setzen Sie sich; wie Herr Freimut sagt, müssen wir diesen Punkt beleuchten. Was das Stellen vor ein Kriegsgericht anbelangt, so wird das nicht wohl gehen, denn erstens war Herr Freimut noch nicht auf dem Schiffe eingetroffen, und zweitens konnte man, da Sie nicht in Uniform kamen, nicht voraussetzen, dass er in Ihnen den ersten Leutnant oder überhaupt einen Offizier erkannte.“

„Ganz richtig, Sir“, entgegnete Sawbridge, „das habe ich ganz vergessen.“

„Was sodann seine Entlassung, oder vielmehr die Versagung des Eintritts betrifft, so bitte ich Sie, zu beachten, dass Herr Freimut auf dem Lande auferzogen wurde und vielleicht in seinem Leben vom Wasser nie mehr gesehen hat, als einen Fischteich. Was ferner den Dienst und dessen Wesen anbelangt, so glaube ich, dass er davon so wenig weiss, als ein Kind von einem Jahre — ich zweifle sogar, ob er nur den Rang eines Leutnants kennt.“

„Das meine ich auch“, antwortete Sawbridge trocken.

„Ich bin deshalb nicht der Ansicht, dass eine aus Unwissenheit hervorgegangene That so streng bestraft werden soll. — Herr Sawbridge, ich wende mich an Ihr eigenes Urteil.“

„Nun ja, Sir, Sie haben vielleicht recht — aber er sagte doch zu mir, er sei ein Philosoph, und sprach von Gleichheit und Menschenrechten. Er sagte mir ferner, er könne bloss Gleichheit zwischen uns gelten lassen, und verlangte, diesen Punkt mit mir zu beleuchten. Wenn nun ein Kadett jedesmal, so oft ihm ein Befehl erteilt wird, den Punkt beleuchten will, so wird es mit dem Dienste schlecht vorwärts gehen.“

„Das ist ganz wahr, Sawbridge, und jetzt erinnern Sie mich an etwas, das mir damals nicht einfiel, als ich versprach, Herrn Freimut in mein Schiff aufzunehmen. Ich entsinne mich, dass sein Vater, der ein entfernter Verwandter von mir ist, einige unsinnige Gedanken im Kopfe trägt, wie die, welche sein Sohn beim Zusammentreffen mit Ihnen ausgesprochen hat.

„Ich habe bisweilen bei ihm gespeist, und Herr Freimut stellte fortwährend die Grundsätze über natürliche Gleichheit und Menschenrechte auf, zum grossen Vergnügen seiner Gäste, und wie ich gestehen muss, auch zu dem meinigen. Ich erinnere mich noch, wie ich ihm eines Tages sagte, ich glaube nicht, dass er je in dem Dienste, zu dem ich gehöre, seine Ansichten einzuführen vermöchte, denn sonst würde es bald mit aller Manneszucht ein Ende haben. Damals dachte ich nicht daran, dass sein einziger Sohn je mit mir segeln und diese Grundsätze auf ein Schiff mitbringen würde, über welches ich den Oberbefehl führe. Es ist schade, jammerschade.“

„Er hätte nie seine Säue auf einen schlechteren Markt bringen können“, bemerkte Sawbridge. „Vielleicht haben diese Ideen bei dem jungen Manne tiefe Wurzel gefasst, und wir werden sie nicht leicht ausrotten können?“

„Das glaube ich gerade nicht; bedenken Sie aber, dass sie ihm vielleicht von der frühesten Kindheit an eingeprägt worden sind, und zwar aus einem Munde, aus dem sie mit dem grössten Vertrauen vernommen werden mussten — vom Vater dem Sohne, und dass sich dieser Sohn bis jetzt noch nicht genug in der Welt umgesehen hat, um sich von der Unrichtigkeit solcher Grundsätze zu überzeugen.“

„Ganz schön, Sir“, entgegnete Sawbridge, „würde es aber für den jungen Mann und für den Dienst nicht besser sein, wenn er wieder nach Hause geschickt würde? Als Offizier wird er sich selbst wenig Freude bereiten, wohl aber anderen viel schaden.“

„Lieber Sawbridge“, erwiderte Kapitän Wilson, nachdem er zweimal im Zimmer auf und ab gegangen war, „wir traten miteinander in den Dienst, waren jahrelang Tischgenossen, und Sie müssen also wissen, dass es nicht bloss alte Freundschaft, sondern aufrichtige Anerkennung Ihrer Verdienste ist, die mich bestimmte, Sie zu bitten, als erster Leutnant mit mir zu segeln. Nun will ich Ihnen eine Frage vorlegen, und Sie sollen entscheiden; ja noch mehr, ich will nach Ihrer Entscheidung handeln.

„Angenommen, Sie wären Befehlshaber eines Schiffes, wie ich, mit Frau und sieben Kindern, und sähen sich, nachdem Sie sich jahrelang abgequält, Ihre Familie zu ernähren, allmählich trotz der grössten Sparsamkeit in Schulden gestürzt; Sie wären nach langen und vielfachen Bemühungen so glücklich, durch Ernennung auf eine schöne Korvette eine Anstellung zu erhalten, die Ihnen durch das Prisengeld und den erhöhten Sold alle Aussicht böte, von Ihrer misslichen Lage sich zu erholen und vielleicht noch für die Ihrigen ein hinlängliches Vermögen zu erwerben — angenommen dann, alle diese Aussichten und Hoffnungen wären sozusagen in den Grund gebohrt dadurch, dass Sie kein Geld besässen, um sich aufzutakeln, keinen Kredit, keine Mittel, die Schulden zu bezahlen, und es wäre Ihnen nicht möglich, genügende Summen zum Unterhalte Ihrer Familie während Ihrer Abwesenheit zurückzulassen — angenommen, ferner, Sie würden in dieser hilflosen Lage als letzten Ausweg einen Mann ansprechen, mit dem Sie nur entfernt verwandt, nur oberflächlich bekannt wären — Sie hätten diesem Manne Ihre Bitte um ein Anlehen von zwei- oder dreihundert Pfund vorgetragen, im entschiedenen Vorgefühle einer abschlägigen Antwort — angenommen endlich, dieser grossmütige Mann würde Ihnen zu Ihrem Erstaunen eine Anweisung auf seinen Bankier im Betrage von tausend Pfund überreichen, ohne Zinsen, ohne eine gerichtliche Sicherheit zu verlangen, und sogar mit der Aufforderung, diese Schuld nach Bequemlichkeit wieder heimzuzahlen — welche Gefühle, Sawbridge, frage ich, würden Sie gegen einen solchen Mann hegen?“

„Ich würde für ihn in den Tod gehen“, antwortete Sawbridge mit Rührung.

„Und angenommen, der Sohn dieses Mannes würde durch blossen Zufall oder durch eine Laune des Augenblickes unter Ihren Schutz gestellt?“

„Ich würde Vaterstelle an ihm vertreten.“

„Aber wir müssen noch ein wenig weitergehen. Angenommen, Sie fänden, der Bursche wäre nicht ganz so, wie Sie es wünschten — er hätte falsche Lehren eingesogen, die wahrscheinlich, wenn sie nicht ausgerottet würden, von üblen Folgen für sein Wohl und Glück sein könnten — würden Sie ihm da Ihre Unterstützung entziehen und ihn der Gnade anderer überlassen, die nicht durch die Bande der Dankbarkeit verpflichtet wären, ihn auf den rechten Pfad zu führen?“

„Ganz gewiss nicht, Sir; ich würde diesen Sohn im Gegenteil nicht von meiner Seite lassen, bis ich ihn durch Lehren und Mittel jeder Art gebessert sähe und so die Schuld meiner Dankbarkeit gegen den grossmütigen Vater so weit wie möglich abgetragen hätte.“

„Nach dem Vorgefallenen habe ich wohl kaum nötig, Ihnen zu sagen, Sawbridge, dass der junge Mensch, von dem Sie eben herkommen, dieser Sohn, und Herr Freimut in Forest-Hill der Vater ist.“

„Dann, Sir, kann ich Ihnen nur sagen, dass ich nicht bloss Ihnen zu Gefallen, sondern auch aus Achtung für einen Mann, der eine solche freundliche Bereitwilligkeit gegen einen unserer Flottenoffiziere an den Tag legte, alles, was zwischen mir und dem jungen Manne vorgekommen ist, sowie alles, was sich wahrscheinlich noch zutragen wird, ehe wir das aus ihm gemacht haben, was er werden soll, von Herzen gern vergebe.“

„Vielen Dank, Sawbridge, das erwartete ich allerdings und habe mich auch in meiner Meinung von Ihnen nicht getäuscht.“

„Und was soll nun geschehen, Kapitän Wilson?“

„Wir müssen ihn an Bord bekommen, aber nicht durch eine Abteilung Marinesoldaten; das würde mehr schaden, als nützen. Ich will ihm ein Billet schreiben und ihn einladen, mit mir zu frühstücken; dann will ich ihm schon das Geeignete bemerken. Ich habe nicht im Sinne, ihn abzuschrecken, denn er würde ohne Bedenken nach Forest-Hill zurückeilen, während ich ihn doch zu behalten wünsche, wenn ich irgend kann.“

„Sie haben vollkommen recht; Sir. Ich will somit für jetzt von dem Vorgefallenen keine Notiz nehmen und die ganze Sache lediglich Ihnen überlassen.“

„Thun Sie das, Sawbridge. Sie haben mich durch Ihre freundliche Güte in dieser Angelegenheit unendlich verpflichtet.“

Sawbridge entfernte sich, und Kapitän Wilson sandte ein Schreiben an unseren Helden ab, worin er sich das Vergnügen seiner Gesellschaft zum Frühstück auf morgen früh um neun Uhr erbat. Jack sagte zu.

Drittes Kapitel.

An Bord der „Harpy“.

Am anderen Morgen würde Jack Freimut die ganze Einladung des Kapitäns vergessen haben, wenn ihn nicht der Kellner erinnert hätte; dieser glaubte, nach dem Empfang, den unser Held dem ersten Leutnant geschenkt hatte, würde es jedenfalls geraten sein, wenn er sich gegen den Kapitän nicht unehrerbietig bezeige. Jack hatte bis jetzt seine Uniform nicht angelegt; er hielt dies somit für eine passende Gelegenheit in derselben zu erscheinen. Jack war gar nicht erfreut über seinen Kleiderwechsel. Es kam ihm vor, als ob er jetzt seine Unabhängigkeit aufopfere; übrigens gab er dem Entschlusse des ersten Augenblickes, sie wieder abzulegen, keine Folge, sondern er nahm seinen Hut, den der Kellner gebürstet hatte und ihm überreichte, und begab sich nach des Kapitäns Wohnung.

Kapitän Wilson empfing ihn, als ob er von der Verzögerung in seinem Eintritt auf das Schiff und von der Unterredung mit dem ersten Leutnant gar nichts wüsste; aber noch ehe das Frühstück vorüber war, hatte Jack die Geschichte in wenigen Worten erzählt.

Nun ging Kapitän Wilson im einzelnen auf die Pflichten und den Rang eines jeden an Bord des Schiffes Dienenden über, wobei er Jack bedeutete, es sei da, wo Manneszucht erfordert werde, unmöglich, dass mehr als einer befehle, wenn der Dienst vorwärts gehen solle; dieser eine sei der Kapitän, der in seiner Person den König und damit das Land vertrete. Da die Befehle vom Kapitän durch den Leutnant gingen und vom Leutnant an die Kadetten, die sie dann ihrerseits der ganzen Schiffsmannschaft eröffneten, so sei es eigentlich der Kapitän allein, der Befehle erteile, und jeder ohne Ausnahme sei gleichmässig verpflichtet, zu gehorchen. Da übrigens der Kapitän ebenfalls den Befehlen seiner Vorgesetzten, des Admirals und der hohen Admiralitätsbeamten, Folge zu leisten habe, so könne man wohl sagen, dass alle an Bord zu gleichmässigem Gehorsam verpflichtet seien. Kapitän Wilson legte einen starken Nachdruck auf das Wort gleichmässig, während er nämlich Jack auseinandersetzte, dass er jetzt in einen Dienst trete, in welchem Gleichheit selbst nicht für einen Augenblick bestehen könne, wenn der Dienst bestehen solle, bemühte er sich, zu zeigen, wie gewissermassen alle Rangunterschiede dadurch aufgehoben wären, dass alle gleichmässig verbunden seien, ihren Pflichten gegen das Land nachzukommen, und wie somit in der That ein Seemann, ob er nun seinen Befehlen, oder denen seines vorgesetzten Offiziers gehorche, eigentlich nur den Befehlen des Landes folge, welche durch diese Verbindungswege erteilt würden.

Jack war im ganzen genommen mit dieser Beleuchtung des Gegenstandes nicht unzufrieden, und der Kapitän hütete sich, zu lange dabei zu verweilen. Er ging jetzt zu den Einzelheiten über, von denen er wusste, dass sie Jack noch besser gefallen würden. Er setzte ihm auseinander, die Kriegsartikel seien die Regel, nach denen der Dienst gehandhabt werden müsse, und jeder, vom Kapitän bis zum untersten Schiffsjungen, habe sich gleichmässig danach zu richten — jedem Manne an Bord sei eine bestimmte Ration an Speisen und Getränken bewilligt, und diese Ration sei für alle die gleiche — für den Kapitän wie für den Schiffsjungen die gleiche in Quantität und Qualität, und jeder gleichmässig zu dieser Portion berechtigt; es seien ferner, obschon es notwendigerweise Abstusungen im Dienste geben und jeder Befehl des Kapitäns von allen beachtet und befolgt werden müsse, alle Offiziere, welches auch immer ihr Rang sein möge, gleichmässig als Gentlemen zu betrachten. Kurz und gut, Kapitän Wilson, der die Wahrheit sagte, und nur die Wahrheit, aber nicht die ganze Wahrheit, machte unseren Jack in der That glauben, er habe endlich die Gleichheit gefunden, die er am Lande vergebens gesucht. Unser Held erinnerte sich der Ausdrücke, deren sich Herr Sawbridge abends zuvor gegen ihn bedient hatte, und fragte den Kapitän, warum sich dieser Mensch so benommen habe. Da nun die Sprache des Herrn Sawbridge gar nicht wie angewandte Gleichheit gelautet hatte, geriet Kapitän Wilson in einige Verlegenheit. Indessen stellte er Jack erstens vor, der erste Leutnant sei damals, als der älteste Offizier an Bord, an des Kapitäns Stelle gewesen, wie das auch bei Jack der Fall sein würde, wenn er einmal der älteste Offizier an Bord wäre, und der Kapitän oder älteste Offizier vertrete, wie schon gesagt, das Land. Ferner mache sich nach den Kriegsartikeln jeder, der sich von seinem Schiffe entferne, eines Vergehens oder Verbrechens gegen diese Artikel schuldig, und wenn ein solches Vergehen oder Verbrechen von einem der zur Schiffsmannschaft gehörenden Leute begangen werde und der älteste Offizier keine Notiz davon nehme, so begehe dieser selbst ein Verbrechen gegen die Artikel und setze sich der Strafe aus, wenn er nicht beweisen könne, dass er wirklich Notiz davon genommen habe, Herr Sawbridge sei somit um seiner selbst willen verpflichtet gewesen, dieses Vergehen zu rügen, und wenn er sich dabei scharfer Ausdrücke bedient habe, so zeuge dies nur von seinem Eifer für sein Land.

„Wenn das so ist“, erwiderte Jack, „kann auf Ehre kein Zweifel über seinen Eifer obwalten; denn wäre das Wohl des ganzen Landes bedroht gewesen, so hätte er nicht in heftigere Aufregung geraten können.“

„Somit that er seine Schuldigkeit; aber seien Sie überzeugt, es machte ihm keine Freude, und ich stehe dafür, wenn Sie ihn an Bord treffen, wird er so freundlich gegen Sie sein, als ob nichts vorgefallen wäre.“

„Er sagte, er wollte mich bald lehren, was ein erster Leutnant sei: was wollte er denn damit sagen?“ fragte Jack.

„Purer Eifer.“

„Schön; aber er sagte auch, sobald er mich an Bord habe, wolle er mir den Unterschied zwischen einem ersten Leutnant und einem Kadetten zeigen.“

„Purer Eifer.“

„Er sagte ferner, meine Unwissenheit werde nach und nach schon vergehen.“

„Purer Eifer.“

„Und er wolle einen Sergeanten und Marinesoldaten schicken, um mich zu holen.“

„Purer Eifer.“

„Er wolle meine Philosophie auf die Probe stellen.“

„Purer Eifer, Mr. Freimut. Eifer wird sich stets so aussprechen, und wir dürfen im Dienste nichts ohne diesen thun. Merken Sie sich’s, dass ich darauf rechne und hoffe, auch in Ihnen eines Tages einen eifrigen Offizier zu sehen.“

Hier stellte Jack ernstliche Betrachtungen an und gab keine Antwort.

„Ich bin gewiss“, fuhr Kapitän Wilson fort, „Sie werden in Herrn Sawbridge einen Ihrer besten Freunde finden.“

„Ist möglich“, antwortete Jack; „ich bin übrigens von unserem ersten Zusammentreffen nicht sehr erbaut.“

„Es wird Ihnen vielleicht später zur nicht ganz angenehmen Pflicht werden, ebenso viele Fehler an sich selbst zu finden; wir müssen alle den Obliegenheiten gegen unser Vaterland gleichmässig nachkommen. Übrigens habe ich Sie kommen lassen, Herr Freimut, um Ihnen zu sagen, dass wir morgen unter Segel gehen, und da ich meine Effekten heute abend noch an Bord schicke, so werden Sie gut daran thun, die Ihrigen auch zu senden. Um acht Uhr werde ich an Bord gehen, und wir können beide in demselben Boote hinfahren.“

Hiergegen machte Jack keinerlei Einwendung; er bezahlte seine Rechnung im „Springbrunnen“, schickte seinen Koffer durch einige Leute von der Bootsmannschaft an Bord und erwartete nun den Befehl des Kapitäns zur Einschiffung. Um neun Uhr abends befand sich unser Held ganz wohlbehalten an Bord von Sr. Majestät Korvette „Harpy“.

Als Jack eintraf, war es dunkel, und er wusste nicht, was er mit sich anfangen sollte. Der Kapitän wurde von den Offizieren auf dem Deck empfangen; sie lüfteten ihre Hüte, ihn zu begrüssen. Er erwiderte den Gruss, und auch Jack that dies ganz höflich; hierauf liess sich der Kapitän in ein Gespräch mit dem ersten Leutnant ein, und nun blieb Jack für einige Zeit sich selbst überlassen. Es war zu dunkel, um die Gesichter zu unterscheiden, und für einen, der noch nie an Bord eines Schiffes gewesen war, zu dunkel, um heruntergehen zu können. Jack stand übrigens nicht lange, als das Offizierboot an den hinteren Jütten eingehängt wurde und der Hochbootsmann rief:

„Zieht straff an, meine Jungen.“

Ein schrilles Pfeifen, und der Ruf „Weg damit“ liess sich hören. Die Leute mit den Tauen trieben und drängten sich nun eilends vorwärts; sie warfen unseren guten, im Dunkeln stehenden Jack zu Boden, und ein halbes Dutzend Marinesodaten fielen auf ihn. Die Leute, welche nicht daran dachten, dass sich unter den Gestürzten ein Offizier befinde, machten sich über den Spass lustig und hüpften auf denen, welche da lagen, so lange herum, bis diese aus dem Wege rollten. Jack, der gar nicht wusste, was das sein sollte, kam schlecht dabei weg; erst als die Pfeife zum Belegen rief, konnte er wieder auf seinen Beinen stehen. Er schwankte einer Karronadeschleife zu, als ihn die Offiziere, welche so gut wie die Schiffsmannschaft über den Spass gelacht hatten, sahen; unter ihnen befand sich Sawbridge, der erste Leutnant, welcher freundlich fragte:

„Sind Sie beschädigt, Herr Freimut?“

„Ein wenig“, erwiderte Jack, schwer Atem holend.

„Es wurde Ihnen ein rauher Empfang zu teil“, antwortete der erste Leutenant, „aber zu gewissen Zeiten heisst es an Bord eines Schiffes: ‚Jeder für sich, Gott für alle‘ — Harpur“, fuhr er zum Doktor gewendet fort, „bringen Sie Mr. Freimut in die Konstabelkammer, wo ich mich sobald als möglich auch einfinden werde. Wo ist Mr. Jolliffe?“

„Hier, Sir“, erwiderte Jolliffe, ein Steuermannsgehilfe, der von der Spiere her nach hinten kam.

„Da ist ein junger Mann, der mit dem Kapitän an Bord eintraf. Befehlen Sie einem von den Schiemännern, eine Hängematte aufzuschlingen.“

Unterdessen war Jack in die Konstabelkammer hinab gekommen, wo er sich durch den Genuss von einem Glase Wein wieder etwas erholte. Er blieb da übrigens nicht lange und wagte auch nicht viel zu sprechen. Sobald seine Hängematte bereit war, freute er sich, zu Bett gehen zu können, und da er starke Quetschungen empfangen hatte, so wurde er am anderen Morgen erst nach neun Uhr gestört. Nun zog er sich an und kam aufs Verdeck, wo er sah, dass die Korvette eben an den Nadeln vorüberfuhr; da er aber ein ganz sonderbares Gefühl empfand und schliesslich die Wirkungen der Seekrankheit verspürte, so wurde er von einem Marinesoldaten hinuntergebracht und wieder in seine Hängematte gelegt. Hier verblieb er während eines dreitägigen starken Windes, wobei es ihn nicht wenig verwirrte und in Verlegenheit brachte, dass er seinen Kopf jeden Augenblick gegen das Gebälke stiess.

„Das heisst also zur See gehen“, dachte Jack; „kein Wunder, dass hier keiner sich um den anderen bekümmert oder von Übertretung auf seinen Boden spricht. Das ist gewiss, jeder kann meinen Anteil am Ozean mit Vergnügen haben, und komme ich nur wieder ans Land, meinetwegen der Teufel, wenn er ihn will.“

Kapitän Wilson und Herr Sawbridge hatten unserem Jack während seiner Krankheit grössere Vergünstigungen eingeräumt, als dies sonst geschah. Zur Zeit, da der Sturm vorüber war, befand sich die Korvette auf der Höhe von Finisterre. Am anderen Morgen ging die See ziemlich niedrig, und nur noch eine leichte Brise flog über die Wellen hin. Die verhältnismässige Ruhe der vorigen Nacht hatte unseren Helden wieder ganz hergestellt; als zum Emporwinden der Hängematten gepfiffen wurde, trat Jolliffe, der Steuermannsgehilfe, zu ihm und fragte, „ob er aufstehen und anbeissen, oder aber ob er zwischen seinen Decken stecken bleiben wolle bis nach Gibraltar.“

Jack, der sich wie neugeboren fühlte, verliess seine Hängematte und kleidete sich an. Ein Marinesoldat, der auf des Kapitäns Befehl unserem Helden während seiner Krankheit aufgewartet hatte, ging ihm beim Anziehen an die Hand; er öffnete seinen Koffer und brachte ihm alles, was er bedurfte, denn sonst würde er, wie man sagt, nicht rechts und nicht links gewusst haben.

Hierauf fragte Jack, wohin er gehen müsse; denn obgleich schon fünf Tage an Bord, war er doch noch nie in der Kadettenkajütte gewesen. Der Marinesoldat zeigte ihm diese, und Jack, der grossen Hunger verspürte, kletterte über Kisten und Koffer hin, bis er glücklich in eine Höhle gelangte, die unendlich ärmlicher war, als die Hundeställe auf dem Besitztum seines Vaters.

„Nicht nur den Ozean“, dachte Jack, „und meinen Teil daran, sondern auch meinen Anteil an der „Harpy“ überlasse ich gern jedem anderen, der ihn nur irgend will. Da herrscht freilich Gleichheit genug, denn jeder scheint gleich elend daran zu sein.“

Während er sich diesen Gedanken hingab, sah er, dass sich noch jemand in der Kajütte befand — Herr Jolliffe, der Steuermannsgehilfe, der sein Auge auf Jack gerichtet hatte, und dessen Gruss nun Jack erwiderte. Das erste, was Jack bemerkte, war, dass Herr Jolliffe ein sehr blatternarbiges Gesicht und nur ein Auge, aber ein durchbohrendes hatte; es glich einem kleinen Feuerballe, und in der That entströmte diesem einsamen Leuchtpunkte mehr Licht, als die Kerze gab.

„Dein Blick behagt mir nicht“, dachte Jack, „wir werden nie gute Freunde werden“, verfiel übrigens hierbei, wie sich später zeigen wird, in den gewöhnlichen Irrtum, nach dem Scheine zu urteilen.

„Freut mich sehr, Sie wieder auf zu sehen, junger Herr“, frag Jolliffe wieder an. „Sie sind länger als gewöhnlich auf dem Schragen gelegen, aber freilich, die Stärksten packt es am heftigsten — Sie haben sich spät entschlossen, zur See zu gehen; vielleicht nach dem Sprichwort: ‚Besser zu spät, als gar nicht.‘“

„Ich fühle mich sehr geneigt, die Wahrheit dieses Satzes zu beleuchten“, erwiderte Jack, „aber es ist jetzt nutzlos. Ich bin entsetzlich hungrig — wann werde ich ein Frühstück bekommen?“

„Morgen früh um halb neun Uhr“, war Jolliffes Antwort, „für heute ist das Frühstück schon seit zwei Stunden vorbei.“

„Aber soll ich denn gar nichts erhalten?“

„O nein, das sag’ ich nicht, denn bei Ihrer Krankheit müssen wir einige Vergünstigungen eintreten lassen; aber kein Frühstück wird es sein.“

„Nennen Sie es, wie Sie mögen“, entgegnete Jack, „befehlen Sie nur gefälligst dem Aufwärter, mir etwas zu essen zu geben. Mürbe Kuchen oder Plattsemmel — nur irgend etwas, doch würde ich Kaffee vorziehen.“

„Sie vergessen, dass Sie auf der Höhe von Finisterre sind und in einer Kadetten-Kajütte. — Kaffee haben wir nicht — Plattsemmeln sehen wir mit keinem Auge — mürbe Kuchen können wir nicht machen, da wir keinen Teig haben; aber eine Tasse Thee mit Schiffszwieback und Butter kann ich Ihnen durch den Steward sogleich kommen lassen.“

„Thun Sie das“, antwortete Jack, „ich werde Ihnen sehr viel Dank dafür wissen.“

„Seesoldat“ — rief Jolliffe, „lassen Sie Mesty kommen.“

„Mesty soll kommen“, schrie der Seesoldat — und so gingen die zwei Silben von Mund zu Mund, bis sie endlich auf das Vorderteil des Fahrzeuges gelangten.

Mesty, ein merkwürdig sonderbarer schwarzer Mann, der als Sklave nach Amerika gebracht und dort verkauft worden war, erschien sehr schlank und schmächtig gebaut, aber er hatte eine muskulöse Gestalt und ein bei seinem Völkerstamme keineswegs gewöhnliches Gesicht, einen langen und mageren Kopf, hohe Backenknochen, von denen sich das Gesicht bis zum Kinn fast haarscharf zuspitzte; eine sehr kleine, aber ziemlich gerade und fast römische Nase; auch sein Mund war ungewöhnlich klein und die Lippen für einen Afrikaner durchaus nicht dick; er hatte blendend weisse, scharf zugespitzte Zähne. Er machte Anspruch auf fürstliche Abkunft in seinem Baterlande; ob dies jedoch richtig war, konnte nicht ermittelt werden. Sein Herr hatte sich in New York niedergelassen. Alle eingewanderten Arbeiter in New York sind Irländer, und von diesen hatte Mesty den stark gebrochenen und eigentümlichen Dialekt der Schwester-Insel, vermischt mit ein wenig Yankismus, gelernt.

Nachdem er gehört, dass man in England keine Sklaven halte, verbarg er sich an Bord eines englischen Kauffahrteischiffes und entfloh auf diese Weise seinem Herrn. Bei seiner Ankunft in England begab er sich an Bord eines Kriegsschiffes. Da er keinen Namen hatte, so war es nötig, ihn zu taufen, um ihn in die Schiffsbücher eintragen zu können, man nannte ihn Mephistopheles Faust, was dann zu Mesty verstümmelt wurde. Dieser Mesty besass einen excentrischen Charakter; wenn er sich seiner Abkunft erinnerte, war er stolz bis zum Übermass, in der anderen Minute aber wieder ernst und fast mürrisch — aber wenn ihm im Lauf der täglichen Geschäfte nichts Unangenehmes begegnete oder nichts Widriges in den Sinn kam, zeigte er jenes drollige Benehmen, mit dem Beigeschmack irischen Humors, das wir bei seinem Volke so häufig finden.

Mesty erschien bald, aber fast in der Gestalt eines Frosches, denn er kroch unter dem Gebälke durch und machte mit seinen nackten Füssen grosse Schritte.

„Bei der Allmacht, Mafia Jolliffe, es ist nicht an der Zeit, just jetzt nach mir zu schicken: seht doch, dass die Kartoffel im Kessel und so viele Spitzbuben bereit sind, ein anderes Netz hineinzuthun und sich zu nutze zu machen das Versehen — hol’ sie der Teufel!“

„Mesty, du weisst, dass ich dich nie rufe und durch andere nie rufen lasse, wenn es nicht notwendig ist“, erwiderte Jolliffe, „aber dieser arme junge Mann hat nichts gegessen, seit er an Bord ist und ist nun recht hungrig — du muss ihm ein wenig Thee bringen.“

„Was meinen Sie, Sir? Um Thee zu machen, muss ich zuerst Wasser haben und zunächst muss haben Raum in der Küche, den Kessel ans Feuer zu stellen. — Aber wenn Sie nur die Spitze Ihres kleinen Fingers hineinstecken wollten, fänden Sie jetzt in der Küche keinen Platz dazu.“

„Aber er muss doch irgend etwas haben, Mesty.“

„Lassen wir also den Thee beiseite“, bemerkte hier Jack; „ich will etwas Milch trinken.“

„Meinen Massa Milch, und ist das Milchweib an der anderen Seite der Bucht?“

„Wir haben keine Milch, Mr. Freimut. Sie vergessen, dass wir auf den blauen Wogen sind“, entgegnete Jolliffe. „Es thut mir in der That leid; aber Sie müssen bis zur Mittagsessenszeit warten. Mesty sagt die volle Wahrheit.“

„Sagen Ihnen was, Massa Jolliffe, eben sieben Glockenzüge und, wenn der junge Herr statt Thee etwas aus dem Kessel nehmen wollte, so möcht’s ihm gut bekommen. ’s ist nur ein kleiner Unterschied zwischen Theebrühe und Erbsensuppe. Eine Schüssel davon, mit einigen Nüssen und etwas Pfeffer, wird ihm jedenfalls gut thun.“

„Das Beste vielleicht, was er kriegen kann, Mesty, hol’ es so schnell als möglich herbei.“

Nach einigen Minuten brachte der Schwarze eine Schüssel mit Suppe, in der ganze Erbsen herumschwammen, und stellte vor unseren Helden eine zinnerne Frühstücksschüssel voll kleiner Zwiebackstücke, Kadettennüsse genannt, sowie die Pfefferdose. Jacks Traumgebilde von Thee, Kaffee, Plattsemmeln, mürbem Kuchen und Milch verschwanden, als er diese Suppe sah; aber er war sehr hungrig und fand sie somit über alles Erwarten gut; auch war es ihm, nachdem er sie verschlungen hatte, viel wohler, und als die sieben Glockenzüge ertönten, ging er mit Herrn Jolliffe aufs Verdeck.

Viertes Kapitel.

Jacks erster Erfolg.

Als Jack auf das Verdeck kam, sah er, wie die Sonne heiter schien, ein leichtes Lüftchen vom Lande her wehte und das ganze Takelwerk und jede sonstige geeignete Stelle des Schiffes mit Matrosenkleidern und Weisszeug behangen war, das der Sturm durchnässt hatte und nun getrocknet werden sollte. Auch sämtliche nassen Segel waren an den Masten ausgebreitet oder an der Takelung aufgeholt, und das Schiff strich langsam durch das blaue Wasser. Der Kapitän und der erste Leutnant standen im Gespräch miteinander auf der Laufplanke, während die meisten der Offiziere um Mittagszeit mit ihren Quadranten und Sextanten die Breite aufnahmen. Die Verdecke waren soeben sauber und rein gemacht worden und die Leute damit beschäftigt, die Taue herunterzuringeln. Es war eine Scene voll Leben, Thätigkeit und Ordnung, welche unseres Helden Herz, nach viertägigem Unwohlsein und Bettliegen in dumpfer Luft, der er nun soeben entronnen war, höchlich erfreute.

Der Kapitän, der ihn sah, winkte ihn zu sich und fragte ihn liebreich nach seinem Befinden; auch der erste Leutnant lächelte ihm zu, und viele der Offiziere sowie seine sämtlichen Tischgenossen wünschten ihm Glück zu seiner Wiedergenesung.

Später trat des Kapitäns Steward zu ihm, lüftete seinen Hut und bat um das Vergnügen seiner Gesellschaft bei dem Mittagsessen in der Kajütte. Jack, welcher die Höflichkeit selbst war, lüftete seinen Hut und nahm die Einladung an. Er stand auf einem Tau, das ein Matrose herabringelte; der Matrose lüftete seinen Hut und bat ihn, er möchte so gefällig sein, den Fuss in die Höhe zu ziehen. Jack seinerseits zog gleichfalls den Hut ab und den Fuss vom Taue weg. Der Steuermann lüpfte seinen Hut und meldete dem ersten Leutnant „zwölf Uhr“ — der erste Leutnant that das gleiche und meldete dem Kapitän „zwölf Uhr“ — der Kapitän erwiderte das Kompliment und sagte dem ersten Leutnant, es sei recht. Der Offizier langte an seinen Hut und fragte den Kapitän, ob zum Mittagsessen gepfiffen werden solle — der Kapitän lüftete seinen Hut und sagte: „Wenn’s Ihnen gefällig ist.“

Der Kadett empfing seine Befehle und lüftete den Hut, teilte sie hierauf dem Hochbootsmannsgehilfen mit, der ebenfalls den Hut lüftete, und nun schrillte die Pfeife munter.

Nun ja, dachte Jack, Höflichkeit scheint hier an der Tagesordnung und jeder vor dem anderen gleichen Respekt zu haben. Er stand auf dem Verdeck, guckte durch die offenstehenden Luken in das tiefblaue Wasser hinab, richtete seine Augen in die Höhe hinauf und beobachtete, wie die hohen Spieren mit ihren Spitzen, den Bewegungen des Schiffes folgend, hin und her schwankten, als ob sie selbst in den klaren Horizont hineinreichten; er sah vorwärts auf die Karronadenreihe hin, welche an den Seiten des Deckes aufgestellt war, kletterte sodann auf eines der Geschütze und lehnte sich über die Hängematten, um nach dem fernen Lande hinauszulngen.

„Sie, junger Herr, fort da von den Hängematten“, rief der Steuermann, der wachthabender Offizier war, in mürrischem Tone.

Jack blickte sich um.

„Hören Sie nicht, Sir? Ich spreche mit Ihnen“, sagte der Steuermann von neuem.

Jack fühlte sich hierüber sehr entrüstet und dachte, Höflichkeit müsse doch nicht so allgemein sein, als er geglaubt habe.

Zufällig war Kapitän Wilson auf dem Verdeck.

„Kommen Sie zu mir, Mr. Freimut“, sagte er; „es ist Regel im Dienste, dass niemand sich auf die Hängematten begibt, wosern es nicht die dringendste Notwendigkeit erheischt. — Ich thue das nie — ebenso wenig der erste Leutnant oder irgend einer von den Offizieren oder der Mannschaft — also dürfen auch Sie nach dem Grundsatze der Gleichheit es nicht wieder thun.“

„Gewiss nicht, Sir“, erwiderte Jack; „aber dabei sehe ich doch nicht ein, warum dieser Offizier mit dem glänzenden Hut so mürrisch und nicht in einem freundlichen Tone mit mir spricht, als ob ich ihm gleich wäre.“

„Das habe ich Ihnen schon auseinandergesetzt, Herr Freimut.“

„Ach ja, jetzt erinnere ich mich, es ist Eifer; aber dieser Eifer scheint mir das einzig unbehagliche im Dienste zu sein. Es ist schade, dass der Dienst, wie Sie sagen, nicht ohne denselben bestehen kann.“

Kapitän Wilson lachte und ging weg; als er jedoch hernach mit dem Steuermann auf dem Verdeck hin und her lief, bedeutete er diesem, er solle nicht so hart mit einem jungen Mann reden, der aus Unkenntnis ein so unbedeutendes Versehen begangen habe. Daraufhin beschloss Smallsole, der unfreundliche Steuermann, bei der ersten passenden Gelegenheit es unserem Jack zu vergelten.

Jack speiste in der Kajütte und war sehr erfreut, zu sehen, dass jedermann mit ihm Wein trank und dass alles an des Kapitäns Tische sich im Zustande der Gleichheit zu befinden schien.

Der heutige Tag konnte als der erste für das Erscheinen Jacks an Bord betrachtet werden, an dem er auch zum erstenmal an des Kapitäns Tisch seine besonderen Ansichten auskramte. Wenn die Mittagsgesellschaft, welche aus dem zweiten Leutnant, dem Zahlmeister, Herrn Jolliffe und einem der Kadetten bestand, darüber erstaunt war, dass solche ganz ordonnanzwidrigen Ansichten im Beisein des Kapitäns ausgesprochen wurden, so war sie im gleichen Masse verwundert über das kaltblütige, gutgelaunte Gelächter, mit welchem Kapitän Wilson den ganzen Vortrag anhörte. Im allgemeinen lebte die Schiffsmannschaft der Ansicht, unser Held werde nach der Ankunst in der Bucht von Gibraltar entweder dem Dienste lebewohl sagen, wo nicht durch ein Kriegsgericht zum Tode verurteilt oder kassiert und schmählich ans Land geschickt werden. Andere freilich, welche mehr Schlangenklugheit besassen und von Herrn Sawbridge wussten, dass unser Held eines Tages ein grosses Vermögen erben würde, machten ganz andere Schlüsse und dachten, Kapitän Wilson werde sehr gute Gründe haben, warum er so milde sei — und unter diesen befand sich der zweite Leutnant, Asper. Es waren überhaupt nur vier Personen an Bord, welche freundliche Gesinnungen für Jack hegten — nämlich der Kapitän, der erste Leutnant, Herr Jolliffe, der einäugige Steuermannsgehilfe, und Mephistopheles, der Schwarze, der unseren Helden von ganzem Herzen liebte.

Wir haben von dem zweiten Leutnant, Herrn Asper, gesprochen. Dieser junge Mann hatte eine sehr hohe Meinung vom Stammbaume und besonders vom Gelde, von dem er nur sehr wenig besass. Er war der Sohn eines bedeutenden Kaufmannes, der ihm während seiner Kadettenzeit mehr Geld zu seinen Ausgaben bewilligte, als nötig oder nützlich war; und während seiner Laufbahn hatte er gefunden, dass ihm seine volle Tasche natürlicherweise nicht bloss unter seinen Tischgenossen, sondern auch bei manchen Offizieren der Schiffe, auf welchen er segelte, Ansehen verschaffte. Aber gerade, als Herr Asper seine Ernennung und Anstellung erhielt, machte sein Vater Bankrott, und die Quelle, aus welcher er so reichliche Zuschüsse erhalten hatte, war nun verstopft. Er besass nicht mehr die Mittel, das bisherige Leben fortzuführen. Da er nicht länger eigene Hilfsquellen besass, so war er immer sehr erfreut, jemand aufzufischen, auf dessen Kosten er feinem ausserordentlichen Hange zum Wohlleben nachkommen konnte Nun wusste Herr Asper, dass unser Held sehr reichlich mit Geld versehen war, und er wartete deshalb auf dem Verdeck, bis Jack herauf kam, um desfen treuester und vertrautester Freund zu werden. Asper wünschte, dass Jack des Beistandes bedürfen und dafür dankbar sein werde; er hatte deshalb auch eine Gelegenheit ergriffen, Herrn Sawbridge den Vorschlag zu machen, er wolle Jack in seine Wache nehmen. Sawbridge war damit einverstanden, und Jack wurde, als er nun den Dienst antrat, befehligt, Wache unter Leutnant Asper zu halten.

Dies war jedoch nicht nur der erste Tag, an dem Jack im Dienste erschien, sondern zugleich der erste, an welchem er die Kadettenkajütte betrat und mit seinen Kameraden bekannt gemacht wurde.

Wir haben bereits Herrn Jolliffe, den Steuermanusgehilfen, genannt, müssen aber denselben noch näher vorfuhren.