Robert Habeck – Eine exklusive Biografie - Claudia Reshöft - ebook

Robert Habeck – Eine exklusive Biografie ebook

Claudia Reshöft

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Kanzlerinnendämmerung. Vertrauensverlust. Klimakrise. Angesichts der Lage weiß man gar nicht, wo man zuerst anpacken soll. In dieser Schockstarre braucht es jemanden, der einen Funken Hoffnung entzündet. Der kommt ausgerechnet in Gestalt eines Grünen daher: Robert Habeck. Erst Philosoph, Schriftsteller und Familienmensch. Dann Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Ein politisch spätberufener Senkrechtstarter, der heute gemeinsam mit Annalena Baerbock die Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen bildet. Das alternative Bündnis befindet sich seit Antritt des Duos im Höhenflug. Einst als Bewegung der "Müsli-Esser" und "Ökospinner" abgetan, gewinnt die Partei immer mehr Anhänger, selbst in der bürgerlichen Mitte. Und dabei spielt Robert Habeck eine, wenn nicht die zentrale Rolle. Aber wie kam es zu seinem kometenhaften Aufstieg? Welchen Personen und welchen Umständen verdankt er seine rasche Karriere? Und welchen Eigenschaften? Aus Gesprächen mit Weggefährten, Beobachtern, politischen Gegnern und umfangreichen Recherchen ist diese Annäherung an den smarten Revolutionär entstanden, der die politische Landschaft in Deutschland nachhaltig verändern könnte.

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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie. Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

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Originalausgabe, 1. Auflage 2020

© 2020 by FinanzBuch Verlag, ein Imprint der Münchner Verlagsgruppe GmbH

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Fax: 089 652096

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Redaktion: Daniel Bussenius

Korrektorat: Dr. Manuela Kahle

Umschlaggestaltung: Marc-Torben Fischer

Umschlagabbildung: Gettyimages.com/2018

Satz und E-Book: Daniel Förster, Belgern

ISBN Print 978-3-95972-291-9

ISBN E-Book (PDF) 978-3-96092-540-8

ISBN E-Book (EPUB, Mobi 978-3-96092-541-5

Weitere Informationen zum Verlag finden Sie unter

www.finanzbuchverlag.de

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Inhalt

Vorwort

Kapitel 1Der Anfang von allem

Kindheit am Meer

Das Unwahrscheinliche ist möglich

Mal so tun, als ob …

Himmel statt Höhle

Damit das Denken die Richtung ändern kann

Geteilte Wahrheit

Mehr als zwei

Es wird hyggelig

Kapitel 2Die Zeit ist reif

Mehr als die Summe des Privaten

Zufall oder Bestimmung?

Hinterm Horizont geht’s weiter

Das Private wird politisch

Zuhause sein und doch weit weg

Landeplatz: Realität

Solo für Habeck

Die grüne Plage

Realismus statt Dogma

Hauptsache, nicht lauwarm

Wat mutt, dat mutt

Woher der Wind weht

So kann es weitergehen

Kapitel 3Weiterdenken und Größer

Von den Spontis zu den Realos

Selbst, aber nicht glatt gestrickt

Macht oder Moral?

Trommeln hilft

Mehr Mut

Projekt Jamaika

Abschied auf Raten

Die Hauptstadt ruft

Nichts für schwache Nerven

Der Menschenfischer

»… und das ist erst der Anfang«

Kapitel 4Robert hebt ab

Angst vor dem Scheitern

Was Macht macht

Der Verführbare

Verliebt in Robert

Neue Worte braucht das Land

Recht und Freiheit

Kapitel 5Alles klar zur Wende

Die Frau an seiner Seite

Grün 4.0

Ein Sommermärchen

Der Osten lebt

Kann er Kanzler?

Vorwort

Verstörend. So ist die Nachrichtenlage im Sommer 2019. Ein Son­derbericht des Weltklimarats stellt der Menschheit in Sachen Nach­haltigkeit ein miserables Zeugnis aus. Die USA unter ihrem Präsidenten Donald Trump sind zu einer konfrontativen Außenpolitik zurückgekehrt. Rechtspopulisten haben Polen fest im Griff, Ungarn ist zur Autokratie mutiert. Großbritannien will der Europäischen Union den Rücken zukehren. Muslimfeindlichkeit und antisemitische Übergriffe finden in deutschen Gazetten immer wieder Eingang in die Schlagzeilen. Die SPD, die älteste im Bundestag vertretene demokratische Partei, hat sich durch ungeschickt agierendes Personal selbst zerlegt. Eine von leeren Versprechen enttäuschte Wählerschaft in den neuen Bundesländern protestiert mit einer Hinwendung zur extrem rechten AfD. Alles scheint in Aufruhr zu sein, auf nichts scheint mehr Verlass. Selbst nicht auf Bundeskanzlerin Angela Merkel und ihre Regierung, die den in Deutschland lebenden Menschen viele Jahre, die eine gefühlte Ewigkeit zurückzuliegen scheinen, in weiten Teilen Sorglosigkeit und wirtschaftlichen Aufschwung bescherte. Doch spätestens mit Einsetzen der Flüchtlingsbewegungen 2015 hat die treusorgende »Mutti« sich für viele als Mythos entpuppt.

Kanzlerinnendämmerung. Vertrauensverlust. Klimakrise. Bil­dungsnotstand. Strukturwandel. Mietenwahnsinn. Angesichts der Lage weiß man gar nicht, wo man zuerst anpacken soll. In dieser Schockstarre braucht es jemanden, der einen Funken Hoffnung entzündet. Der eine Idee davon hat, wie sich die Menschen aus ihrer Depression und Ohnmacht lösen können. Der kommt ausgerechnet in Gestalt eines Grünen daher. Robert Habeck. Erst Philosoph, dann Schriftsteller und miterziehender Vater, der Beruf und Familie gleichberechtigt neben seiner Frau unter einen Hut bringt. Dann Umweltminister und stellvertretender Ministerpräsident von Schleswig-Holstein. Ein politisch spätberufener Senkrechtstarter, der heute gemeinsam mit Annalena Baerbock die Doppelspitze von Bündnis 90/Die Grünen bildet.

Das in früheren Zeiten chaotisch agierende alternative Bündnis befindet sich seit Antritt des Duos im Höhenflug. Einst als Bewegung der »Müsli-Esser« und »Ökospinner« abgetan, gewinnt die Partei immer mehr Anhänger, selbst in der bürgerlichen Mitte. Und dabei spielt Robert Habeck eine, wenn nicht die zen­trale Rolle.

Aber wie kam es zu seinem kometenhaften Aufstieg? Welchen Personen und welchen Umständen verdankt er seine rasche Karriere? Und welchen Eigenschaften?

Weil er so klug daherredet? Weil er so gut aussieht? Weil die Feuilletons ihn so sehr lieben? Weil er mit einem Mix aus Mut zu unbequemen Entscheidungen und einer guten Portion Pragmatismus selbst erbitterten Gegnern Respekt und Sympathien abringt? Oder weil er Macht will?

Aus Gesprächen mit Weggefährten, Beobachtern, politischen Gegnern und umfangreichen Recherchen ist diese Annäherung an den smarten Revolutionär entstanden, der die politische Kultur mindestens in Deutschland nachhaltig verändern könnte.

Claudia Reshöft,

Ostholstein, im November 2019

Kapitel 1 Der Anfang von allem

In den Sechzigerjahren gibt das Wirtschaftswunder in Deutschland wieder Hoffnung. Der Wohlstand, von dem große Teile der Bevölkerung profitieren, hat die Menschen großzügig gemacht. Im Geldausgeben. Und auch, wenn es darum geht, sich einstiger Überzeugungen zu entledigen oder sie zu verdrängen.

Doch die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs sind noch nicht vergessen, und gegen das Schweigen der bleiernen Zeit bildet sich Widerstand. Denn an vielen Schaltstellen der jungen Demokratie sitzen noch immer einstige Mitläufer und Mittäter des Nazi-Regimes, die mithilfe eines Persilscheins auf ihre Posten bei der Polizei, in der Justiz oder an die Universitäten zurückgekehrt sind. Vornehmlich die Studenten machen Rabatz. Linke Bewegungen fordern in außerparlamentarischer Opposition eine vollständige Entnazifizierung. Sie setzen ein Zeichen gegen die verbreitete Prüderie, indem sie freizügig ihre sexuelle Selbstbestimmung feiern. Und setzen dem Einfordern blinden Gehorsams eine antiautoritäre Erziehung entgegen. Angeheizt durch den gewaltsamen Tod des Studenten Benno Ohnesorg, der 1967 bei Protesten gegen den Schah von Persien von einem Polizisten erschossen worden war, und durch den Anschlag auf Rudi Dutschke, der zur Symbolfigur des Widerstands geworden war, lehnen sich die Studenten gegen das »spießige« Establishment auf, in teils gewalttätigen Demonstrationen und Aktionen.

In Deutschland rumort es also wieder, 24 Jahre nach Kriegsende. Und der Sozialdemokrat Willy Brandt, der von konservativen Kräften als Vaterlandsverräter diffamiert wird, wird mit einer sozialliberalen Koalition Bundeskanzler.

Im nördlichsten Bundesland scheinen die Studentenproteste weit weg. Auch in Lübeck, Brandts Heimatstadt. Die wohlstandssatten Endsechzigerjahre scheinen eine gute Zeit zum Kinderkriegen zu sein. Auch für den Apotheker Hermann Habeck und seine Frau Hildegard, die als Flüchtlinge aus dem Osten in der traditionsreichen Hansestadt vorübergehend eine neue Heimat gefunden haben. Am 2. September 1969 kommt ihr Sohn Robert zur Welt, zwei Jahre später folgt ein zweiter Sohn: Hinrich, schmaler und feingliedriger als der Erstgeborene. Ernster und stiller sagen die, die ihn kennen.1 Später in seinem Leben, aber weit vor dem älteren Bruder, wird Hinrich sich bei den Grünen engagieren, Naturwissenschaften studieren, sich mit den Prozessen und Strukturen von Lebewesen beschäftigen und ein Netzwerk bilden, das diese Erkenntnisse ingenieurwissenschaftlich umsetzen kann.2

Das bürgerlich-konservative Elternhaus schafft für die beiden Jungs den idealen Rahmen, um behütet und frei von materiellen Nöten den Weg ins Leben zu finden. Weder Robert noch seine Eltern ahnen, dass fast fünfzig Jahre später der Stern-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges ihn mit Willy Brandt vergleichen wird.

Kindheit am Meer

Robert ist fünf Jahre alt, als seine Eltern beschließen, von der Trave an die Kieler Förde zu ziehen.3 Nach Heikendorf. Das einstige Bauerndorf am Ostufer hatte sich nach Ende des Kriegs in den Schlafvorort der nahen und in weiten Teilen zerstörten Landeshauptstadt gewandelt. Und die Siedlung Möltenort, direkt am Fördesaum gelegen, hatte sich durch die Zuwanderung von mit ihren Booten geflüchteten Ostpreußen zu einem der größten Fischereihäfen Schleswig-Holsteins entwickelt.4 Die Anerkennung als Seebad tat ihr Übriges, damit Heikendorf sich zu einer prosperierenden Gemeinde entwickeln konnte.

Kalifornien und Brasilien liegen nicht weit entfernt. Zwei Strandabschnitte, denen irgendwann mal irgendjemand aus einer Laune heraus diese ewigen Sonnenschein verheißenden Namen gab. Sie klingen nach großer weiter Welt. Dahin wird es Robert ziehen, auch wenn es anfangs nicht danach aussieht.

Er wächst auf in der adretten Mittelklasse-Wohngegend von Alt-Heikendorf. Das weiß verputzte Elternhaus ist von einer dichten, grünen Hecke umgeben. Von hier aus sind es 750 Meter zu Fuß bis zur »Apotheke am Dorfplatz«, die Vater Hermann nun führt und sechs Jahre später, nach dem Bau des neuen Rathauses, in »Apotheke am Rathaus« umbenennen wird. Genauso viele Schritte sind es bis nach Möltenort, dessen Hafen mit seinen Kuttern und ihren strahlend weißen Bugen und bunten Kajüten, den Fischernetzen und Takelagen das Fernweh und die Romantik weckt. Kein Gedanke daran zeichnet sich ab, dass diese idyllische Szenerie ein paar Jahre später die Kulisse bilden wird, vor der Robert wortreiche Gefechte führen wird. Dann, wenn er in der Landeshauptstadt angekommen ist, die am gegenüberliegenden Fördeufer bei klarer Sicht deutlich zu erkennen ist.

Robert besucht das örtliche Gymnasium, die Heinrich-Heine-­Schule. Und er schreibt Tagebuch,5 um das emotionale Chaos der Pubertät zu sortieren, dem ein noch größeres folgen soll.

Das Unwahrscheinliche ist möglich

Im Mai 1986 führt die Schultheater-AG William Shakespeares’ Sommernachtstraum auf. Robert, der in der Zwischenwelt der Adoleszenz seinen Weg erkundet, ist »das Herumirren der Liebenden …, das Sich-Finden und Sich-Verlieren« der Protagonisten im Zauberwald nicht fremd.6 Er ist gerade dabei zu erforschen, wie ein Sich-immer-wieder-neu-erfinden gelingen kann.

Ein warmer Mairegen geht am Theaterabend über Heikendorf nieder und lässt die Zuschauer beim Verlassen der Aula schlagartig aus der liebestrunkenen Komödie erwachen. Denn was da vom Himmel tropft, birgt bedrohliches Potenzial. Eine Woche zuvor, in der Nacht zum 26. April, war in Block 4 des Kernkraftwerks Tschernobyl nahe der ukrainischen Stadt Prypjat ein Reaktor explodiert. Der GAU, vor dem die Atomkraftgegner immer gewarnt hatten, war eingetreten.

In den ersten zehn Tagen stieg über der Ukraine Radioaktivität von mehreren Trillionen Becquerel in die Erdatmosphäre auf. Und regnete dann andernorts nieder. Vor allem die Region nordöstlich von Tschernobyl sowie viele europäische Länder, darunter auch Deutschland, wurden radioaktiv kontaminiert.

Nach dem lauen Guss der Sommernachtstraum-Nacht ziehen am nächsten Tag wieder Schönwetterwolken über den Himmel. Doch nichts mehr ist wie zuvor. Eine gespenstische Stimmung liegt über der Republik. Die Informationen seitens der sowjetischen Regierung fließen spärlich und unzuverlässig, offizielle Stellen in Deutschland wissen selbst nichts Genaues. Wie gefährlich ist der Regen? Wie stark die Strahlung? Unsicherheit greift um sich. Spielplätze verwaisen. Blattgemüse vergammelt am Stängel. Kühe, die nun eigentlich auf die Sommerweide entlassen werden sollten, bleiben im Stall. Ihre Frischmilch versauert in den Kühlregalen, vor dem GAU produzierte H-Milch ist rasch vergriffen. Auch beim Fleisch von Weidetieren können die Verbraucher nicht sicher sein, ob es nicht ebenso belastet ist wie die wild geernteten Pilze, die für viele Jahre von den Speisenplänen verschwinden werden.

Schon seit Langem haben Atomkraftgegner vor Szenarien wie diesen gewarnt. Mit teils gewalttätigen Großdemonstrationen tobt der Widerstand gegen das 1986 in Betrieb genommene Atomkraftwerk im elbnahen Brokdorf. Zehn Jahre länger dauert bereits der Kampf der Anti-AKW-Bewegung im benachbarten Brunsbüttel. Und seit 1984 bremsen die Demonstranten mit Sitzblockaden die Castor-Transporte mit dem strahlenden Atommüll auf ihrem Weg in das Zwischenlager im niedersächsischen Gorleben aus. Robert hat davon gehört, doch erst mit der Havarie von Tschernobyl wird das hypothetisch beschworene Szenario auch für ihn zur konkreten Bedrohung.

Mit dem radioaktiv verseuchten Mairegen sickert die Ahnung in sein Leben, dass Gewissheiten sich von einem Moment zum nächsten auflösen können. Dass einem Schlimmeres als eine verpatzte Liebesgeschichte oder schlechte Noten zustoßen könne. Dass auch er nicht verschont bleiben würde von den Ereignissen in einer Welt, die größer ist als sein etwas über 8000 Seelen zählender Heimatort. Der Heikendorfer spürt, wie stark sein eigenes junges Leben von den Entscheidungen beeinflusst wird, die andere Menschen treffen. In der Bonner Politik und in den internationalen Schaltzentralen der Macht.7 Er begreift, dass er ein Teil dieser Welt ist, die nur zu ändern ist, wenn er etwas wagt: seine persönliche Freiheit gegen Willkür zu verteidigen und die Umstände zu ändern. Auf die ihm eigene Weise.

Robert ist bis zu den frühen Maitagen 1986 weit davon entfernt, ein Revolutionär zu sein.8 Er gehört nicht zu denen, die null Bock haben auf Schule und den ganzen anderen Kram, der einen daran hindert, das Leben zu genießen. Der nach Aussagen seiner Lehrer »eher angepasste, etwas verträumte, aber zuverlässige und hochengagierte« Gymnasiast aus dem behüteten Elternhaus interessiert sich plötzlich für Politik und Hintergründe.9 Er ist jetzt bald 17 und will die Instrumentarien der Macht und Willkür des Staats begreifen. In der Politik-AG im neuen Schuljahr diskutieren sie über das Vermummungsverbot bei Demonstrationen, den Sinn und das Für und Wider von Hausbesetzungen, über Rassentrennung. Seine Meinungen und Kommentare zur Bundeswehr, zum Einsatz von Gewalt und Töten von Menschen fließen in die Schülerzeitung Heulboje ein, deren Redaktion er gemeinsam mit Freunden leitet.

Seine Lehrer erinnern sich unisono an ihn als einen »bemerkenswert selbstbewussten« Jugendlichen.10 Rainer Petermann, der Robert als Neunt- und Zehntklässler unterrichtet hatte, ist einer von ihnen.

Der freundliche Pensionär lebt in einem Reihenhaus, so wie man sich eine Alt-68er-Wohnung vorstellt. Viel Holz, Bücherregale an den Wänden. Einen starken Kaffee in der Hand erzählt Petermann. »Im Mathe- und Physikunterricht habe ich Robert weniger wahrgenommen, denn meine Fächer zählten nicht gerade zu seinen Stärken.« Intensiv aufgefallen sei Robert ihm erst im Schuljahr 1986/87. »Ich war zu der Zeit Verbindungslehrer und Robert war Schülersprecher. Das ist eine herausfordernde Aufgabe, in die man viel Zeit investiert und in der ein vermittelnder Umgang mit Lehrern und Schülern gleichermaßen gefordert ist. Robert hat das ganz herausragend gemeistert. Er initiierte Abende, bei denen Schüler selbstverfasste Gedichte vortrugen, es wurden Filme gezeigt, auch politische – und Diskussionsabende zu bildungspolitischen Themen, wie etwa der Oberstufenreform, veranstaltet. Und er gründete gemeinsam mit anderen Aktiven ein Schülerradio, das während der Pausen die Mitschüler mit innerschulischen Informationen, aber auch mit den neuesten Hits versorgte. Kurz: Es war eine sehr schöne und außerordentlich erfreuliche Zusammenarbeit.«

Nicht nur Petermann zeigt sich beeindruckt von Roberts gewinnender, mäßigender Art. In diesem Schuljahr wird gleich das gesamte Kollegium der Heinrich-Heine-Schule auf den 17-Jährigen aufmerksam.

Engagiert wie er ist, darf Robert, dem die Lehrer neben dem »im positiven Sinne« ausgeprägten Selbstvertrauen eine außerordentliche Durchsetzungsstärke bescheinigen,11 als einziger Schüler überhaupt an der von Oberstudienrat Peter Wenners herausgegebenen Jahresschrift mitwirken. Sie trägt den Titel des Heine-Gedichts »Jetzt wohin«. Schreiben kann Robert, der gelegentlich an der Schreib-AG teilnimmt, ansonsten aber, von sich und seiner Qualität überzeugt, auf eigene Faust »arg innerliche« Gedichte schreibt.12 Diese wird er unter dem Titel Das Land in mir später, garniert mit Fotografien seines Freundes Jens, veröffentlichen.

Clever ist er auch. Und bei allem Selbstvertrauen, das Himmelstürmern seines Alters zu eigen ist, erstaunlich selbstkritisch.

Am Ende seiner Amtszeit als Schülersprecher beschreibt er in der Jahresschrift, wie er von den eigenen Gewissheiten und Überheblichkeiten abrücken musste. »Zu Beginn meiner Amtszeit war ich fest entschlossen, meine Ideen mit allen Mitteln durchzusetzen … Und obwohl das Wort ›Kompromiß‹ den verächtlichen Beigeschmack von ›Halbheit‹ und ›Verrat‹ hatte, war ich gezwungen, Kompromisse einzugehen … Diese ›Selbstverleugnung‹ bereitete mir anfangs große Sorgen, bis ich endlich einsah, daß Kompromiß nicht immer nur Verzicht auf eigene Vorstellungen ist, sondern auch Toleranz und Zugeständnis an andere Ansichten sein kann.« Schülerrechte zu wahren, in der Schülervertretung trotz Meinungsverschiedenheiten geschlossen aufzutreten und dabei die Balance zu finden zwischen »Verrat und Kompromiss, realem Ziel und Wunschdenken, Repräsentationsauftrag und Eigenverantwortlichkeit, zwischen notwendiger Ordnung und Veränderung abzuwägen«, sei nicht leicht für ihn gewesen, schreibt Robert weiter und schließt mit der Hoffnung, es sei ihm wenigstens annähernd gelungen.

Diese frühe, beinahe demütige Einsicht war sicher eine gute Vorschule für jemanden, der sich viel, wenn nicht sogar alles zutraut. Seine charakterliche Stärke, Einsicht zu zeigen und Schwächen zuzugeben, gegenüber sich selbst und vor anderen, trägt ihm Sympathien ein. Und er wird sie zu nutzen wissen.

Mal so tun, als ob …

Robert ist 17 Jahre jung. Die Theater-AG des Gymnasiums unter Leitung von Dr. Norbert Sieverding will die Dreigroschenoper von Bertolt Brecht aufführen. Ein politisches Musikstück mit einem Vorspiel und acht Bildern. Geschrieben für singende Schauspieler. Robert, der sich musischen Fächern und der Sprache eher zugeneigt fühlt als den Naturwissenschaften, hat Lust an der Darstellung.13

Obwohl Robert weder Noten lesen kann und seine gesanglichen Qualitäten im besten Fall als befriedigend einzustufen sind, traut er sich die Rolle des Bettlerkönigs Jonathan Jeremiah Peachum zu. Der ist der Kopf der Londoner Bettelmafia, ein zynischer, skrupelloser Machtmensch. Eine Rolle, die einem Halbstarken wie Robert gefallen muss. Ein Habitus, mit dem er sich im Lauf der Proben zunehmend selbst identifizieren wird.14

Was ihm an seinem dazustellenden Alter Ego gefällt, ist Peachums »durchdringende analytische Klarheit«, die entlarvt, dass Humanität ein Markt ist, Politik ein Geschäft, Liebe eine Ware und »Kapitalismus nicht die Herrschaft des Geldes …, sondern ein System, alles in eine Tauschbeziehung zu setzen«.15 So verstörend diese Erkenntnis für Robert auch sein mag, übersetzt er das Spiel versuchsweise ins wahre Leben. Doch die Mädels stehen nicht auf die ungewohnten Mackerallüren des sonst so gefälligen, sonnigen Robert, dem es mit seinem Charme gelingt, alle für sich zu begeistern.16

Die beliebtesten Jungs sind immer die, die bei Lagerfeuer Gitarre spielen und dazu noch singen. Ein bisschen was von Eric Clapton vielleicht oder Bob Dylan. Das macht sich immer gut. Robert aber kann nichts von beidem. Er trifft kaum einen Ton. Keine gute Ausgangslage für seine Rolle als selbstverliebter Peachum. Doch er will einen überzeugenden Auftritt hinlegen. Also kommen anstelle von Depeche Mode, den Senkrechtstartern Mitte der Achtzigerjahre, nun historische Aufnahmen von Kurt Weills Liedern vom Plattenteller. Robert Habeck hört genau hin und singt die Texte seiner Rolle nach. Er übt drei, vier Wochen lang,17 aber es klingt noch immer nicht besser. Weder der »Morgenchoral« noch der »Anstatt-dass-Song«.

Da erteilt ihm ein Mitspieler eine Lektion fürs Leben, an die Robert Habeck sich auch in seinem späteren Leben als Politiker oft erinnern wird. Auf der Bühne sind er und sein Freund Jan Konkurrenten, denn der hat die Rolle des unerwünschten Peachum-Schwiegersohns Mackie Messer übernommen. Doch im wahren Leben sind sie Freunde. Jan verfügt ebenfalls über kein nennenswertes Gesangstalent, doch offenbar merkt es ihm niemand an. Außer Robert. In einem Gespräch unter Jungs, die Bierflasche in der Hand, fragt er Jan: »Sag mal, du kannst doch eigentlich auch nicht singen …« »Ja, aber ich lass es mir nicht anmerken.«18 Jans selbstgewisses Strahlen täuscht die Zuhörenden über die kleinen, verzeihlichen Schwächen hinweg, die in den schiefen Tönen mitschwingen.

So tun, als sei er selbstbewusst … Wenn er nur fest genug da­ran glaubt, es verinnerlicht und sich auf seine Qualitäten verlässt, wird das schon klappen. Diese autosuggestive Kraft wird Robert in den kommenden Jahrzehnten ebenso nützlich sein wie die Ernsthaftigkeit, mit der er sich der Schauspielerei in der Oberstufe ­widmet.

Himmel statt Höhle

Es ist das Werk Platons, das Robert animiert, sich für den Philosophie-Leistungskurs einzuschreiben. In dessen Werk Politeia diskutiert der griechische Philosoph Sokrates in einem fiktiven Kreisüber die Gerechtigkeit und ihre mögliche Verwirklichung in einem idealen Staat. Vor allem beim Höhlengleichnis wird Robert hellhörig.19 Denn die Metapher beschreibt die Befreiung des Menschen durch die Erkenntnis, dass es jenseits der rein sinnlichen Wahrnehmung eine geistige Wahrheit gibt: Die Menschen leben gefangen in einer unterirdischen Höhle. Sie sind so an Ketten gefesselt, dass sie sich nicht umdrehen, einander nicht anschauen und auch nicht den Ausgang aus diesem Gefängnis ausmachen können. Das Einzige, was sie erblicken, ist eine Felswand, auf der sich im Widerschein eines entfernt flackernden Feuers die Schatten von Gegenständen abzeichnen. Dazu nehmen sie durch ein Echo Stimmen wahr, deren Quelle sie aber nicht identifizieren. Stattdessen scheint es ihnen so, als könnten die Schattenbilder sprechen. Die Menschen halten also die bloße Projektion, die rein sinnliche Wahrnehmung, für die einzige Wirklichkeit. Die zweite Stufe der Erkenntnis könne erreicht werden, indem einem Gefangenen die Fesseln abgenommen würden. Er wäre wohl durch das Feuer geblendet, würde jedoch erkennen, dass das, was er für wahr hielt, nur das Abbild seiner subjektiven Wahrnehmung ist und es eine irdische Realität gibt, die es anzuerkennen gelte. Doch vermutlich zöge es ihn, weil es bequemer sei, wieder zurück ins Dunkel.

Um des Lernprozesses und der Erkenntnis willen müsse man ihn also zum weiteren Aufstieg zwingen. Denn in der Welt außerhalb der Höhle erblicke er wieder Abbilder, diesmal jedoch die der Realität. Erst wenn der Mensch die Augen zum Himmel und zur Sonne hebt und ihr gleißendes Licht aushielte, würde er die Idee des Guten erkennen.

Die meisten Menschen jedoch – und das ist keine exklusive Erkenntnis Platons – ziehen die Bequemlichkeit des Gewohnten den Unwägbarkeiten der Selbstverantwortung vor. Nicht so Robert Habeck. Er ist nach der Lektüre entschlossen, sich der Fesseln zu entledigen, aus der Höhle auszubrechen und zur »Idee des Guten« aufzusteigen.

Abseits der Schulpflichtlektüre vertieft sich Robert Habeck in die Essaysammlung Unter dem Zeichen der Freiheit von Albert Camus. Dieses Werk fällt bei ihm auf einen gut vorbereiteten Boden, auf dem neue Gedankenspiele möglich werden.

Nach dem Suizid eines Schülers an der Nachbarschule stellen sich für die Schüler existenzielle Fragen: Welchen Sinn hat ein Leben, wenn der Mensch sich nach Erfüllung sehnt und sie nicht findet? Lohnt sich »das Leben die Mühe, gelebt zu werden, oder nicht«? Genau diesen Fragen geht die Philosophie-AG der Heinrich-Heine-Schule mit einem Ausschnitt aus Camus’ Der Mythos des Sisyphos nach. Camus erzählt darin nach, wie der Titelheld, dem es durch skrupellose Schlauheit mehrfach gelungen war, trickreich den Tod zu überlisten, schließlich vom Gott Hermes in die Unterwelt gezwungen wird und zur Strafe einen großen Stein einen Berg hinaufwälzen muss, so lange, bis er dort liegenbleibt. Doch fast am Gipfel angekommen, rollt der Felsblock jedes Mal wieder ins Tal zurück. Dieses Gleichnis eines ebenso mühevollen wie aussichts- und hoffnungslosen Daseins übersetzt Camus in die moderne Zeit: Wir sind niemals fertig, es gibt immer etwas zu tun. Denn wenn wir fertig wären und nichts mehr zu tun hätten, dann wäre das für uns die Hölle auf Erden. Camus kommt zu dem Schluss, dass man sich Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen habe. Eine Anschauung, die Robert gefällt.

Existenzialistische Grundüberlegungen wie diese reizen den jungen Denker.20 Er will Philosophie studieren. Er will nicht auf das Eingreifen höherer Mächte warten oder auf andere, günstigere Zeiten. Er weiß, dass es ein starkes Rückgrat braucht, um allen Absurditäten standzuhalten. So wie Albert Camus es getan hatte, dessen »Freiheits«-Band auf seinem Nachttisch liegt, und der auf dem Buchcover mit Zigarettenkippe im Mundwinkel, den Blick ins Irgendwo gerichtet, dargestellt ist. Robert wünscht sich, ein wenig oder sogar ganz und gar zu sein wie der französische Philosoph, der sagte, »Der einzige Weg, in einer unfreien Welt zu bestehen, ist, so frei zu werden, dass die eigene Existenz ein Akt der Rebellion wird.« Doch um das Credo seines Idols zu verwirklichen, braucht es eine Menge Mut.

Daran mangelt es Robert nicht. Seine Abiturprüfung legt er mit 19 Jahren über Immanuel Kants transzendentale Ideen ab. Die fordern einen wachen, streitbaren Geist, der nicht müde wird, die Hintergründe von Behauptungen durch Fragen zu erkunden, und besagen, dass man »Unvernunft mit Vernunft stellen kann«.21

Weil Robert auch kriegerische Auseinandersetzungen für unvernünftig hält, wird er den Wehrdienst verweigern. Das ist seine Antwort auf die Frage nach dem Gewissen. Und er will jetzt endlich weg aus Heikendorf, »so weit wie möglich«.22 Auch von Deutschland, das für »feste Regeln, Erwartbares« steht, kurz der »Gegenbegriff zu Freiheit« ist.23 Diese Höhle will er hinter sich lassen. Europa heißt sein Ziel – mit einem Interrail-Ticket in der Tasche, das ihn unter anderem durch Griechenland und Jugoslawien führen und seine Begeisterung für ein Europa ohne Grenzen wecken wird.

Damit das Denken die Richtung ändern kann

Nach einem Sommer, angefüllt von den Eindrücken seiner Interrail-Tour, geht Robert Habeck nach Hamburg. Statt in einer Kaserne Gewehrläufe zu putzen, betreut er als Zivildienstleistender Schwerstmehrfachbehinderte in einer Wohngruppe des Hamburger Spastikervereins, der sich 1996 in »Leben mit Behinderung Hamburg Elternverein e.V.« umbenennen wird. Habeck, der »bis dahin ein unbekümmertes Surferleben geführt hat«,24 wechselt Windeln, wäscht von Spasmen steife Körper, bringt die Bewohner ins Bett, putzt, macht die Wäsche – eine Herausforderung für den Sohn aus gutem Haus, die ihm Respekt abringt gegenüber jenen, die sich in sozialen Berufen Tag für Tag um andere kümmern. Jahre später wird er, der durch sein protestantisches Elternhaus geprägt ist, sich in der Zeit als »säkularer Christ« bezeichnen. Als solcher glaube er nicht an Gott und gehöre keiner Kirche an. Er teile aber sehr wohl die Werte des Christentums, das der absoluten Macht das Mitgefühl und die Barmherzigkeit entgegenstelle. Ein Grundgedanke, von dem er sagt: »Das ist noch immer revolutionär und beeindruckt mich bis heute!«25

In Hamburg drängt es Habeck, seine Einsichten literarisch darzulegen. In seinem ersten Roman Traumblind. Ein Gefühl wie Freiheit, der 1990 erscheint, soll es wieder um das ihn beherrschende Thema Freiheit gehen. Er beschreibt darin die Sehnsucht seines Helden Ole, eines Abiturienten, Grenzen auszuloten und dabei seinem Verantwortungsgefühl gerecht zu werden.26 Um jedoch Albert Camus’ »Geistigkeit, die Denktiefe« zu erlangen,27 muss er die Welt und die menschliche Existenz, die Grundlage ihres Denkens und Handelns erforschen. Und er will für sich eine Richtung finden, die seine Gedanken zu einer Wirklichkeit formt.

Die Suche nach Antworten zieht ihn zum Studium der Fächer Germanistik, Philosophie und Philologie an die Albert-Ludwigs-Universität in Freiburg im Breisgau. Das ist gewiss keine Entscheidung, die auf eine steile, geradlinige Karriere hinausläuft, sondern eher einen Selbstzweck erfüllt. Sprache verstehen und verfeinern. Mehr begreifen, Perspektiven wechseln und daraus eigene Antworten auf die großen Herausforderungen des Lebens abzuleiten – Habeck ist angespornt von diesen Gedanken. Und die Eltern lassen ihn gewähren.

Für den nun 22-Jährigen ist die Politik noch weit weg. Wie die meisten Kinder der 1989er-Generation ist er im relativen Wohlstand weitgehend unbelastet groß geworden. Die 68er-Generation hatte die größten Hindernisse und gesellschaftlichen Ungerechtigkeiten bereits aus dem Weg geräumt. Auch der Kalte Krieg war vorüber. Hehre Ideale, grundlegende Veränderungen, für die es sich zu kämpfen lohnt? Nach denen muss die satte Generation erst einmal suchen. Robert Habeck wird sie finden. Mit dem Studium von Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Karl Popper, Paul Celan und Wilhelm von Humboldt wächst seine Lust am Denken weiter. Oft mit einer Intensität,28 die von anderen bewundert, doch zugleich als verstörend wahrgenommen wird.29

Freiburg, die in Weinberge und Hügel eingebettete Studentenstadt am Rand des Schwarzwalds, ist ein sonnenverwöhnter und überschaubarer Flecken. Um hier Spaß zu haben, braucht man nicht viel Geld auszugeben. Und wer Lust an der Schauspielerei hat, braucht nicht lange nach Gleichgesinnten zu suchen.

Habeck, der seit der Schulzeit die Bühne liebt und das Pu­blikum, sucht über das Schwarze Brett der Uni nach Leuten, die Interesse haben, bei einer Theatergruppe mitzumachen.

Kurz vor Pfingsten versammeln sich ein paar Gleichgesinnte in einer Kneipe.30 Darunter auch ein Mädchen, das ihm schon auf dem Campus aufgefallen war. Denn während er sich lustlos, aber pflichtbewusst durch die »Ästhetik des Widerstands« von Peter Weiss kämpfte, genoss die junge Frau, auf jegliche »professorale Autorität« pfeifend, die Sonne.31 Die Haare fransig, der Pony zur Hälfte abrasiert.32 Das Gesicht fein geschnitten, mit einer langen schmalrückigen Nase unter schmalen, blitzenden Augen. Ein Gesicht, in dem Selbstbehauptung, Entschlossenheit und Güte nah beieinanderliegen zu scheinen.

So viel äußere und innere Unangepasstheit faszinieren ihn. Ohne sie zu kennen, habe er sich bei diesem Anblick in sie verliebt, wird er später einräumen.

Dieses Mädchen sitzt ihm in der Kneipe direkt gegenüber. Zufall oder inszenierte Absicht? Denn auch ihr war der dunkelblonde junge Mann auf einer Erstsemesterparty aufgefallen. Sie sah ihn tanzen, und so wie er »die Welt anlachte«, musste sie sich einfach in ihn verlieben, erinnert sie sich 2016 in einem Paar-Interview mit den Kieler Nachrichten.33

Dieses Mädchen heißt Andrea Paluch. Sie studiert Germanistik und Anglistik. Und wie die beiden bald feststellen, gibt es Gemeinsamkeiten: Sie ist in Langenhagen bei Hannover geboren und im benachbarten Garbsen aufgewachsen. Er stammt ebenfalls aus dem Norden.

Geteilte Wahrheit

Wird aus der gegenseitigen Anziehung zwischen dem offenen, zugewandten, wissbegierigen Habeck und der selbstbewussten Andrea Paluch eine Liebelei? Oder vielleicht sogar mehr?

Während Habeck sich in späteren Jahren wortreich mit romantischen Ausschmückungen an das Kennen- und Liebenlernen erinnern wird, klingt ihre Version nüchterner, frecher. Andrea Paluch meint, ihre Geschichte sei »kürzer und besser« als die seine: »Wir haben uns beim Theaterspielen kennengelernt, ich habe den Henker gespielt und Robert den Verurteilten. In der ›Panne‹ von Friedrich Dürrenmatt.«34

Der Schlagabtausch, den das Paar führt, wird sich auch in weiteren Interviews wiederfinden. Ein flapsiger Ton, der typisch ist für zwei, die sich gut kennen. Und mögen.

Im ersten gemeinsamen Italienurlaub sieht jedenfalls alles danach aus, als hätten zwei Temperamente mit unterschiedlichen Sichtweisen zueinander gefunden, die sich in den kommenden Jahren immer wieder um die klügeren Einfälle streiten und dabei befruchten werden.

Doch statt die junge Liebe und das Studentenleben in den Straßen und Gassen Freiburgs zu genießen und sich auf dem Augustinerplatz oder in Kneipen zu treffen, zieht Habeck sich zeitweise komplett zurück. Die Universitätsbibliothek wird zu seiner Höhle und Martin Heidegger, der in Freiburg gelehrt hatte und an dem seither niemand vorbeikam,35 zum flackernden Widerschein des Feuers. Denn die Lektüre von dessen Werk Sein und Zeit verführt den jungen Studenten mit dem sonst so sonnigen Gemüt dazu, sich »radikal asozial« zu verhalten. Ein Dasein, das so gar nicht zu Habeck passen will.

Wieder einmal greift ein selbstregulierender Automatismus, eine Art innere moralische Instanz, die ihn dazu bringt, sein Verhalten zu überprüfen. Denn wie er später in seiner politischen Biografie Wer wagt, beginnt gesteht, zeigen ihm »die Tränen, die in der Wirklichkeit flossen, wie … weltverachtend ein Gedankenuniversum ist, das nur um sich selbst kreist«.36

Aus dieser festgefahrenen Situation befreit er sich mit einem Neustart an einem anderen Ort. »Ich floh mit einem Erasmus-Stipendium von Freiburg nach Dänemark«, verrät Habeck 2016 in einem Interview mit dem Zeit-Magazin für die Porträtreihe »Das war meine Rettung«.37 In Kopenhagen, genauer gesagt am Abend seines 23. Geburtstags, habe er sein Leben wieder auf die Spur gebracht. Das Leben in Dänemark habe ihm gezeigt, dass man alles auch anders sehen könne und nicht glücklich werde, wenn man andere Sichtweisen ignoriere. War damit die gesellschaftliche Grundorientierung der liberalen, entspannten Bewohner des Nachbarlandes gemeint? Oder war es das Zusammenraufen eines Paares, das Festigen einer Liebesbeziehung, der Robert Habeck bisher ausgewichen war?

Die Flucht nach Dänemark endet jedenfalls nicht in Einsamkeit. Sein »Mädchen« geht mit, sie studiert International Cultural Studies in Roskilde. Die beiden teilen sich eine kleine Wohnung in Kopenhagen und erproben das Zusammenleben. Es funktioniert. Gut sogar. Dieses gemeinsame Jahr, vor allem der skandinavische Gemeinschaftssinn prägt ihn nachhaltig. Ebenso wie die sich festigende Beziehung.