Leergut (eBook) - Tommie Goerz - ebook

Leergut (eBook) ebook

Tommie Goerz

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Opis

Der Nürnberger Kriminalkommissar Friedo Behütuns durchlebt eine harte Zeit: Er hat aufgehört, Bier zu trinken, raucht nicht mehr, quält sich mit Dauerläufen. Und das alles, weil er sich zu dick fühlt. So hat er ständig schlechte Laune. Zu allem Überfluss lastet ein langer, harter und dunkler Winter auf Franken. Mit ihm kommt es zu einer Reihe rätselhafter Todesfälle im Kreis der Reichen und Schönen rund um Nürnberg. Was steckt dahinter? Nichts ergibt Sinn. Dann fällt auch noch das halbe Ermittlungsteam aus, eine Praktikantin aus Bremen muss einspringen. Es geht einfach nicht voran - bis es Frühling wird. Mit den ersten Sonnenstrahlen tut sich endlich eine Spur auf. Sie führt bis nach Bayreuth und in ein Wirtshaus mitten im Wald. Behütuns' dritter Fall - genauso fränkisch, hintersinnig, witzig und böse wie die ersten beiden.

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TOMMIE GOERZ

 

Leergut

 

Kriminalroman

 

 

ars vivendi

 

Vollständige eBook-Ausgabe der im ars vivendi verlag erschienenen Originalausgabe (Vierte Auflage Juli 2015)

 

© 2011 by ars vivendi verlag

GmbH & Co. KG, Bauhof 1, 90556 Cadolzburg

Alle Rechte vorbehalten

www.arsvivendi.com

 

Lektorat: Dr. Hanna Stegbauer

Umschlaggestaltung: ars vivendi verlag unter Verwendung eines Fotos von Annina Himpel

 

Datenkonvertierung eBook: ars vivendi verlag

 

eISBN 978-3-86913-397-3

 

Inhalt

1. Kapitel

2. Kapitel

3. Kapitel

4. Kapitel

5. Kapitel

6. Kapitel

7. Kapitel

8. Kapitel

9. Kapitel

10. Kapitel

11. Kapitel

12. Kapitel

13. Kapitel

14. Kapitel

15. Kapitel

16. Kapitel

17. Kapitel

18. Kapitel

19. Kapitel

20. Kapitel

21. Kapitel

22. Kapitel

23. Kapitel

24. Kapitel

25. Kapitel

26. Kapitel

27. Kapitel

28. Kapitel

29. Kapitel

30. Kapitel

31. Kapitel

32. Kapitel

33. Kapitel

34. Kapitel

35. Kapitel

36. Kapitel

37. Kapitel

38. Kapitel

39. Kapitel

40. Kapitel

41. Kapitel

Das muss gesagt werden:

Der Autor

 

»Ich bin reich!«

»Und, reicht’s dir?«

 

Es gibt im Bewußtsein großzügige Prozesse der Vereinfachung.

Arnold Gehlen, Urmensch und Spätkultur

1. Kapitel

Der Nürnberger Kommissar Friedo Behütuns war richtig gut drauf. Bombig sozusagen, und zwar kurz vor der Detonation. Hier der Fall von Professor Altenfurth, bei dem er seit Wochen nicht einen Schritt weiterkam, draußen der viele Schnee, die zwei Anrufe – und dann auch noch … nein, das passte jetzt überhaupt nicht. Gerade jetzt! Dass aber auch immer alles auf einmal kommen musste! Er war nur noch genervt. Restlos. Da musste jetzt auch noch dieser Typ zur Türe reinkommen!

»Machen Sie die Tür zu«, bellte er unter seiner Lampe hervor. Gereizt. Es war düster im Büro, beinahe trostlos, trotz des Vormittags. Das Deckenlicht hatte Behütuns nicht eingeschaltet, weil er Neonlicht hasste, und das Schneetreiben draußen schluckte das Tageslicht. Grau stand es vorm Fenster, und vom Gang zog es kalt herein, sobald die Tür offen stand. Das Gebäude war, klar, schlecht isoliert. Und hässlich von innen und außen. Typischer Sechzigerjahrebau. Man musste sich Tag für Tag dagegen wehren, dass das Grau dieses fürchterlichen Gebäudes nicht auf einen abfärbte, nach innen wanderte und tief im Innersten in Grauen umschlug.

Eigentlich hatte er überhaupt keine Zeit, im Grunde müsste er gleich los. Sofort. Musste sich nur noch entscheiden wohin, und wo er die Kollegen hinschicken sollte. P. A. und Dick. Erlenstegen oder Kornburg. In beiden Vororten lagen Leichen.

Das mit der Gereiztheit ging schon seit einer Woche so, und zwar ständig – seit er versuchte, einmal eine Rauch- und Trinkpause einzulegen. Trinken nicht, also kein gutes fränkisches Bier, und zwar kein einziges Dunkles, weil er so langsam immer fetter wurde, weil die Hosen zwickten und er sich nicht mehr wohl fühlte in seiner Haut. Selbst das tägliche Schuhebinden wurde schon zum Problem, denn es spannte, und er trug sich schon mit dem Gedanken, sich nur noch Slippers zuzulegen. Eigentlich eine völlig unmögliche Vorstellung. Als Nächstes käme dann wahrscheinlich Beige, die Non-plus-ultra-Non-Farbe des Alterns. Nein, Slippers kamen auf keinen Fall in Frage. Also nicht trinken wegen dem Fett. Und auch, weil er ständig schwitzte, was ja wahrscheinlich mit dem Fett zu tun hatte, irgendwie. Ja, und dann nicht rauchen, weil Rauchen blöd war. Schön zwar, aber blöd. Schön blöd. Außerdem stinkt es, wenn man raucht, und selber stinkt man auch. Kriegt gelbe Zähne und komische Haut. Ja, es war Zeit, das alles endlich einmal zu überwinden. Und trinken auch deshalb nicht, weil sonst wahrscheinlich die Lust auf eine Zigarette zu groß wurde. Zumindest hatte er die Befürchtung, dass er nach dem ersten Bier gleich wieder schwach würde. Aber das mit dem Rauchen wurde Zeit, außerdem durfte man inzwischen ja ohnehin fast nirgends mehr rauchen – außer in der Hersbrucker Bücherwerkstatt! Bei denen, da ganz hinten im Sozialraum, war Rauchen nicht nur erlaubt, sondern sogar ausdrücklich erwünscht! Da standen noch die Aschenbecher herum so wie früher, auf dem Tischchen und am Fensterbrett, selbstverständlich voll, und irgendeiner rauchte immer. So waren die eben. Immer und in allem dagegen. Immer schräg stellen gegen die herrschende Wirklichkeit. Oder wirkende Herrlichkeit? Wahrscheinlich war es eher Zweites.

Behütuns aber versuchte trotzdem, mit dem Rauchen aufzuhören. Zudem hatte er auch schon einmal probiert, einen kleinen Dauerlauf zu machen. Waldlauf hatte das früher geheißen, heute hieß es Joggen. Das gehörte mit zu dem selbst auferlegten Programm. Sport sollte ja gut sein. Unten am alten Kanal entlang war er gelaufen, gleich am ersten Tag. Eine Woche war das jetzt schon her, da hatte es noch nicht geschneit. War aber nicht weit gekommen. Immerhin, der Nürnberger Ober war ihm entgegengekommen, der Bürgermeister, und hatte ihn gegrüßt – ihn, Friedo Behütuns. Das ist doch etwas – aber wahrscheinlich grüßte der jeden. Jeden so Dahergelaufenen, wie er einer war. Das musste er ja, als Bürgermeister. Denn grüßte er einen nicht, war der als Wähler weg. Trotzdem: Unglaublich, wie leichtfüßig der lief! Neidisch konnte man werden, bis zur Wutgrenze. Behütuns aber tat nach diesem ersten Laufversuch nur alles weh. War Sport wirklich gesund? Sein Befinden sprach eindeutig dagegen.

Also: Schlechte Laune, Unausgeglichenheit, Muskelkater. Gereiztheit, Entzugserscheinungen, Schwitzen. Draußen die Stadt voller Schnee, richtige Berge, die kamen mit dem Räumen gar nicht mehr nach, und es sollte sich erst gegen Abend beruhigen. Zwei Tage hatte es geschneit, dann einen Tag nicht, dann wieder drei am Stück. Jetzt reichte es aber auch, so viel Schnee hatte es schon lange nicht mehr gegeben – und in diese Farblosigkeit hinein war noch ein Anruf gekommen. Als wenn nicht schon einer genügt hätte. Sie hätten eine Leiche gefunden, in einer Miete. Miete? Was sollte das denn sein? Wollten die ihn verarschen? Nein, die hatten keine Ahnung, wie sich dann herausstellte. Meinten ein Fahrsilo für Maissilage. Keine Ahnung haben, aber mit irgendwelchen Begriffen klugscheißen. Es war immer das Gleiche, man hatte es nur mit Idioten zu tun. Blödes Pack. Auf jeden Fall: Er wollte gerade zu dieser erfrorenen Frau, dem ersten Anruf. Die hatten sie gefunden und die musste er sich anschauen, weil das irgendwie unstimmig erschien, eine nackte Frau mitten im Winter auf einer Bank in ihrem Garten erfroren, da kam dieser Anruf mit dem Silo, mein Gott – und dann auch noch dieser Typ, der jetzt hier herumstand. Einer von der Streife, so wie er aussah. Klein, dick, die Mütze schief nach hinten. Die war dem doch viel zu klein! Sah ja unmöglich aus! Und so ließen die einen Beamten unter die Leute! Aber warum schwitzte der denn nicht, wenn er doch so dick war? Der müsste doch viel mehr schwitzen als ich, das gibt es doch gar nicht …

Wahnsinn, über was man sich alles aufregen konnte. Behüt­uns fühlte, wie es in seinem Innersten wühlte, wie es brodelte, wie der Druck wuchs. Und das setzte dem Ganzen noch die Krone auf: Wo er den Kommissar Friedemann Behüt­uns finden könnte, hatte der gefragt. Kam einfach so rein, ohne anzuklopfen, stellte sich frech hier hin mit seiner viel zu kleinen Mütze und sagte Friedemann! Frie-de-mann!!! Wo hatte der denn den Namen her? Und wie er den betont hatte – da war doch Spott dabei, das hatte er ganz deutlich herausgehört! Mit voller Absicht hatte der das so gesagt. Arschgesicht! Und dazu noch dieses Grinsen. Was wollte der hier?! Sollte ruhig noch ein wenig warten! Behütuns schaute vor sich hin, sah den Dicken nicht an und ließ seine Gedanken laufen. Und der Dicke? Stand einfach nur da, dem schien das alles nichts auszumachen.

Also. Was sollte er jetzt tun? Zu dieser Frau fahren oder zu der »Miete«? Aber egal was – es würde ohnehin schwierig genug werden. Man kam doch gar nicht vorwärts draußen, bei diesem vielen Schnee. Seit geschlagenen drei Tagen schneite es, und da draußen lagen jetzt bestimmt schon 40 Zentimeter, selbst mitten in der Stadt, und der bayerische Umweltgesundheitsminister Markus Söder, selbst Nürnberger und sich immer wieder sodbrennig in die Stadtangelegenheiten einmischend, war, wie es so seine Art war, schon wieder wadenbeißen beim SÖR, beim Servicebetrieb Öffentlicher Raum. Die hätten das nicht im Griff, hätten wohl nicht gewusst, dass der Winter kommt. Immer dieses Pinschergekläff. Aber einem Pinscher gibst du ’nen Tritt, dann quietscht er kurz auf und kläfft nicht mehr, jedoch dem Söder? Dabei schaufelten die doch, was sie schaufeln konnten. Vierzehn, sechzehn Stunden am Stück, in Sonderschichten, Tag und Nacht. Aber der Söder sagte nur, was alle dachten, nämlich dass immer alles flutschen müsse, dass überhaupt das Flutschen an sich der ganz normale Zustand sei. Die lebten doch nur in ihren Köpfen und im luftleeren Raum, nicht in der Welt. Nichts in der Welt flutscht! Nur in den Köpfen sind die Straßen frei, na klar, da ist ja auch nur Vakuum. In der Welt aber schneit es, da regnet es auch mal, da gibt es auch mal Sturm und Hochwasser. Die Welt besteht aus Masse und aus Fleisch, du brauchst nur mich anschauen, dachte Behütuns. Das hast du nicht im Griff, die Welt macht, was sie will. Das darf nicht sein!, schrien die dann, der Schnee muss hier weg! Immer dieses Rumgesöder. Der viele Schnee, der stört! Den wollen wir vielleicht auf der Piste, auch gern im Fernsehen, aber doch nicht auf der Straße und schon gar nicht in der Stadt! Wer ist dafür verantwortlich?! Dass das aber die Welt war, das begriffen die nicht und würden das auch nie begreifen können. Weil die das gar nicht denken konnten. Die dachten wissenschaftsverseucht und ahnungsfrei von der Natur in Idealzuständen, Ausnahmen kamen da nicht vor, allenfalls innerhalb der Regeln. Doch dass das alles Chaos ist, von früh bis spät, jahraus, jahrein, mit Ruhephasen zwischendrin, die dir was vorgaukeln, das hatten die nicht begriffen. So wie der Söder: nichts begriffen. Aber immer druff! Wadenbeißen, wo es geht. Pinschercharaktere. Fakt war: Da draußen lag jetzt jede Menge Schnee, und folglich lief die Welt nicht rund, sie eierte – was eigentlich normal war, alles andere war nur Illusion. Ich merke es doch schon an mir, dass alles unrund läuft, dachte sich Behütuns und war wieder bei seinem Unwohlsein und seiner schlechten Laune. Schönwetterwelt, das war das, was die Leute wollten und von der aus sie auch dachten. Bei fast 10 Regentagen pro Monat im Schnitt! Und nur vier Sonnenstunden täglich, aufs Jahr gerechnet. Das ist keine Schönwetterwelt, das ist fast nur beschissen. Der Typ stand immer noch vor ihm, stoisch oder wie selbstzufrieden, die Uhr zeigte auf kurz vor elf.

Einen Moment konnte er den Dicken noch warten lassen. Man schlief auch ganz anders, dachte er, wenn man nicht geraucht und nichts getrunken hat. Viel fester und viel tiefer – und wurde überhaupt nicht mehr wach. Eine Katastrophe war das seither jeden Morgen. Er war immer völlig zermatscht, fühlte sich wie erschlagen. Und dann noch diese vielen Träume! Albtraumgewitter. Ach, das trifft es ja gar nicht. Unsinnsgewitter schon eher. Er hatte immer so schön traumlos geschlafen nach zwei, drei, manchmal auch vier Dunklen oder Weizen, und jetzt? Dieser unsägliche Schmarrn, den einem das Hirn da zumutete! Unglaublich wirre Geschichten – aber die dann mit einer Intensität, die erschreckend war. Das Gehirn kotzte sich so richtig aus, so kam es ihm vor, kramte auch noch aus den hinterletzten Windungen heraus, was dort so herumlag. Aus verklebten und verkniesteten Falten, wo schon seit Jahrzehnten niemand mehr vorbeigekommen war und wo es Gerümpel hatte, das weiß Gott kein Mensch mehr gebrauchen konnte. Schauderhaft. Aber die Träume kratzten alles heraus – und servierten einem das dann auch noch alles. Dreckwäsche, stinkige Matratzen, schimmeliges Leergut. Kein Mensch will doch dieses alte Zeug haben, soll es doch bleiben, wo es ist und dort verrotten, vergammeln, vermodern! Und das Schlimmste ist ja: Du kannst dich nicht wehren. Das kommt, das spuckt dich von innen an, und du hast keine Chance. Außer nicht schlafen vielleicht. Es war einfach nicht zu ertragen, und um so mehr man darüber nachdachte, desto weniger.

Der Druck in Behütuns nahm spürbar zu. Friedemann! Das traute sich der zu sagen, einfach so! Kommt daher und nennt mich Friedemann! Rotzlöffel, wanstiger. Wer hatte ihm denn das gesteckt? Und dann auch noch dieses Grinsen im Gesicht. Behütuns spielte an der Innenseite seines Hinterkopfes einen Moment lang durch, wie es jetzt wäre, voll mit der flachen Hand auf den Tisch zu hauen, am besten gleich mit beiden, und »Raus!!!« zu brüllen, »Raaauuuusss!!!!!«. Wow, würde das jetzt guttun! Aber er knetete nur seine Finger, sonst keine Reaktion.

Die Frage nach dem Friedemann stand noch im Raum.

Der Dicke war immer noch da. Deutete jetzt auf ihn, nahm den Kopf leicht herunter, sah ihn von unten fragend an. Und wartete.

Behütuns schloss die Augen und dachte: »Nein! Nein! Nein! Nein! Nein!«

Und sagte tonlos: »Ja.«

»Haben Sie einen kurzen Moment Zeit?«

Herr im Himmel, nein! Nein! Nein! Nein! Nein!

Aber er antwortete nur tonlos: »Ja.«

»Kugler. Dagobert Kugler, Polizei Nürnberger Land«, stellte sich der Dicke vor, »darf ich mich setzen?«, und nahm sich auch schon einen Stuhl.

Kugler, dachte Behütuns, das trifft’s schon ganz gut – aber Kugel wäre noch viel besser, so voluminös wie du bist. Und Dagobert ist auch nicht der Hit … Doch dachte er das schon gar nicht mehr böse, beobachtete er an sich, sondern ohne jeden gehässigen Unterton. Wo war nur die schöne Wut? Er hatte doch gerade so herrlich gekocht? Das tobte doch gerade so wunderbar durch ihn hindurch? Stampede durch die innere Wüste. Bis zu den Ellenbogen ganz tief im Abfall und so richtig darin rühren. Dass der ganze Dreck einmal ans Licht kam. Aber: weg. Der Anfall war völlig verflogen.

Wow.

Behütuns atmete durch.

»Was gibt’s?«

Der Dicke wirkte angenehm, hatte eine gute Ausstrahlung. War das vielleicht ein Anfall gewesen gerade, eine Entzugserscheinung? Gehörte das mit zum Programm? Dann würde er nie mehr rauchen, nie mehr ein Bier trinken! Den Schwur würde er noch auf der Stelle leisten. Würde das wiederkommen? Wann? Ließ sich das vielleicht steuern? Verlängern? Oder abrufen, wenn man es wollte? Vielleicht zwischendurch einmal wieder einen draufhauen, ein paar Bier, ein paar Zigaretten, um den Entzug wieder zu reaktivieren, sollte er aussetzen? Wie positiv doch Negatives sein konnte, wie aufbauend Zerstörerisches, wie erquickend geistige Jauche. Jauchze, frohlocke! Ich werde nie wieder rauchen, nie wieder ein Bier … Wut kann so schön sein! Das pfleg ich mir, das bewahr ich mir!

Die Kugel Dagobert hatte es sich inzwischen bequem gemacht auf dem Stuhl gegenüber und ihre Mütze noch weiter nach hinten geschoben. Die musste ja schon fast auf dem Kragen aufstehen. Das konnte Kommissar Behütuns aber schon nicht mehr so richtig sehen. Die Augen. Auch das war so etwas, wo man sich trefflich drüber aufregen konnte. Auch diese Augen machten immer mehr, was sie wollten. Wurden von Tag zu Tag schlechter. Faulenzten, bummelstreikten, verweigerten einfach immer mehr ihren Dienst. Sendeten nicht mehr das, was sie sollten. Du machst sie auf, und was liefern sie dir? Verwaschenes und verschwommenes Zeug! Keinen Bock mehr, sich zu fixieren, sich zu konzentrieren auf den entscheidenden Punkt. Bist du hier der Herr oder die? Das ist Revolution, schleichend, das hast du nicht mehr im Griff. Es entgleitet dir einfach. Oder ist das vielleicht Demokratie? Dass da jetzt jeder mitreden darf? Und machen darf, was er will? Mit Demokratie hat das nichts zu tun, das ist Anarchie pur – die Anarchie des Alterns. Der Magen stößt auf und schickt dir öfter mal Saures, die Knochen tun weh, wenn du sie bewegst, die Haare gehen aus – wo gehen die eigentlich hin? –, die Luft fehlt dir immer öfter, und sehen tust du auch nichts mehr. Zumindest immer weniger. Liegst abends im Bett und willst lesen – aber die Buchstaben sind weg, lassen sich ums Verrecken nicht mehr fixieren. Tanzen, verschwimmen, machen sich fleckig – ah, herrlich, es geht wieder los! Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, bei den Augen, beim Lesen. Geliebte Wut, geheiligter Wutanfall! Liegst du im Bett abends, schlägst das Buch auf und siehst? Nichts. Die Buchstaben wie nach fünf oder sechs Bier. Tanzen, verschwimmen, machen, was sie wollen. Dabei hattest du nur zwei Dunkle. Das kann doch nicht sein, verträgst wohl nichts mehr? Ist es die Leber, ist’s das Gehirn, ist irgendetwas in dir schon kaputt gesoffen? Nein, es sind nur die Augen. Die Sicht wird schlecht auf die Idealwelt – die nie eine war. Aber bis du da drauf kommst, dass es die Augen sind, nicht das Bier … Dass die es sind, die dir die Welt vernebeln … Was wollte der Dicke? Auf diese Frage hatte der noch nicht geantwortet. Saß nur so abwartend da.

Behütuns sah ihn jetzt fragend an.

»Ja?«

Irgendetwas schien für den lustig zu sein.

»Darf ich was fragen?«

»?«

»Der Name ist ja schon toll.«

Toll. Das war doch keine Frage.

»Und die Frage?«, fragte Behütuns.

Der Dicke unterdrückte ein Glucksen. Irgendwie schien er ziemlich belustigt. Blödmann. Wie hieß der noch gleich? Kugel? Nein: Kugler! Und Dagobert, ha!

»Dagobert ist auch nicht besser«, konterte Behütuns, »und Kugler«, setzte er nach, »bei dieser Statur.« Dann lehnte er sich herausfordernd zurück.

Der Dicke aber wurde nicht pampig, ganz im Gegenteil. Jetzt ließ er seiner Belustigung freien Lauf.

»Meine Freunde nennen mich Kugel. Auch Kubik. Oder Raumschiff manchmal.«

»Okay, Raumschiff, haben Sie Zeit? Ich muss raus ins Gelände.«

»Ich hab keinen Dienst mehr.«

Der Kommissar schaute aus dem Fenster. Und was er da draußen sah, war mit Schneefall nicht richtig beschrieben. Es schüttete Schnee. Dann schaltete er sein Schreibtischlicht aus und stand auf.

»Wir werden eine Zeit lang brauchen.«

 

Die gesellschaftlich objektivierten Sinnstrukturen korrespondieren in hohem Maße

mit den subjektiven Relevanzstrukturen

der persönlichen Biographie.

Jürgen Habermas, Theorie des kommunikativen Handelns

2. Kapitel

Kommissar Behütuns hatte sich, bis die beiden Anrufe und schließlich auch noch der Dicke hereingekommen waren, auch an diesem Morgen wieder in die Reihe dicker Ordner und Unterlagen vertieft. Zum wer weiß wievielten Mal. Missmutig. Hatte geblättert, gesucht, überlegt. Und war frustriert. Sie kamen in dem Fall einfach nicht weiter.

Dieser Professor Altenfurth war ein cleverer Unternehmer. Unternehmensberater, besser gesagt. Also einer, der lieber die anderen etwas unternehmen lässt, dann von deren Profiten profitiert und dabei keine Verantwortung übernimmt. Aber der sich immerhin die Zeit nimmt, einmal über die Unternehmen der Unternehmer nachzudenken, denn diese Zeit hat ein Unternehmer vor lauter Unternehmen im normalen Tagesablauf nicht. Der hat in der Regel irgendwann einmal eine Geschäftsidee gehabt und setzt sie seither um, ist damit erfolgreich – das erst macht ihn ja zum Unternehmer, sonst wäre er längst pleite, also weg vom Fenster – und hat dann jahraus, jahrein den lieben langen Tag genug damit zu tun, sein Unternehmen im Markt zu halten. »Sein Zeug zu verkaufen«, könnte man einfach sagen. Also seine Produkte zu optimieren, günstiger einzukaufen, günstiger zu produzieren, sich die Konkurrenz vom Leib zu halten, die Kunden zu pampern, bessere Preise zu erzielen, neue Kunden zu finden – und über all dem vergisst er in der Regel die Zeit. Wobei »Zeit« in diesem Zusammenhang ganz einfach bedeutet, dass alles immer weitergeht, irgendwie. Man älter wird, Kinder kriegt, einem die Frau wegläuft oder Geld haben will, es schon wieder Weihnachten ist, sich die Technik verändert, die Moden, die Welt, das ganze Außenrum. Nichts bleibt ja so wie es ist, alles verändert sich ständig. Das eine verfällt, und daneben wächst etwas Neues. So ist nun mal die Welt. Stillstand gibt es nirgendwo, der ist nur ein Produkt unseres Denkens. Das alles und noch viel mehr hatten Behütuns und sein Team erfahren und aus verschiedenen Aussagen zusammengetragen, als sie in einem Fall aus dem Spätsommer ermittelt hatten. Klienten von Professor Altenfurth, die sie befragen mussten, hatten das erzählt, der eine dies, der andere das, sie hatten sich das alles sehr interessiert angehört und zusammengefügt. Es war nicht ihre Welt, aber sie schien spannend. Irgendwie ging es die ganze Zeit um Geld, das in bestimmten Kreisen reichlich da war, das zirkulierte und das man investierte, damit man es behalten konnte. So war die Logik, wie sie sich ihnen darstellte: Hast du kein Geld, dann kannst du auch keines halten – und kannst auch keines investieren, um Geld zu machen. Das kannst du nur, wenn du Geld hast. So bleibt das Geld beim Geld, es dreht sich fast ausschließlich in bestimmten Kreisen und anderen den Rücken zu. Dort reicht’s dann oftmals gerade für das Nötigste.

Das stand jetzt alles in den Akten: Professor Altenfurth wurde als clever angesehen, weil er Professor war. Kein richtiger, sondern Honorarprofessor. Das sagte er zwar nie dazu, war aber so. Ein Honorarprofessor bekommt diesen Titel dafür, dass er zwei Stunden pro Woche an einer Hochschule umsonst irgendetwas tut. Eine Vorlesung hält zum Beispiel. Das ist keine große Investition, das macht man so nebenbei, vielleicht 20 Mal im Jahr, den Rest lässt man dann ausfallen. Wichtige Termine. Die Zeiten setzt du von der Steuer ab, die Fahrtkosten auch. Mit dem Titel aber kannst du dick auftrumpfen – und vor allem hohe Honorare verlangen. Weil ein Professor per definitionem klug ist – klüger als alle anderen. Das ist ganz einfach so. Also kostet er auch mehr. Und der Rat, den man als Unternehmer von einem Professor bekommt, ist immer sehr viel wertvoller als der eines normalen, einfachen Beraters ohne Titel. Selbst der Rat von einem »Dr.« ist weniger wert – obwohl ein »Dr.« für seinen Titel richtig was tun muss. Eine dicke Arbeit schreiben bei richtigen Professoren, sich prüfen lassen, ausfragen lassen und so. Der Honorarprofessor muss das nicht, der kann sich das alles sparen. Er muss noch nicht einmal einen Doktortitel haben. »Professor« klingt einfach gut. Da schwingt immer Ehrfurcht mit und Achtung – genauso wie eine Spur Unterwürfigkeit. Jemanden mit »Herr Professor« anzusprechen ist wie eine tiefe Verbeugung. Außerdem denken die Leute bei einem Professor den »Dr.« gleich immer mit, wie wenn das selbstverständlich wäre. Dabei reicht es für den Titel schon, wenn man einfach clever ist. Und die richtigen Leute kennt, sonst kommt man an den Titel nicht ran.

Auch das macht den »Professor« übrigens wertvoll: Die Leute wollen einen Professor kennen, sie wollen mit ihm gesehen werden oder wollen zumindest, dass die anderen wissen, dass sie einen kennen und der sie auch. Das wertet sie auf. Auch deshalb ist es clever, einen »Professor« vor dem Namen zu haben. Als Professor wird man wie auf einem Schild durch die Welt getragen.

Professor Altenfurth aber war auch sonst recht clever, beruflich. Er hatte ganz speziell für sich den ABC entwickelt, den »Altenfurth Business Check«. Und dazu auch ein Buch geschrieben. Denn wenn man Professor ist und ein Buch geschrieben hat, dann ist das kaum mehr zu toppen. Dann fressen dir die Leute aus der Hand, laden dich ein und hofieren dich, dann kommen die Aufträge von selbst – und zwar von erfolgreichen Unternehmern, also von Unternehmern ohne Geldsorgen. Die sich von Professor Altenfurth bestätigen lassen wollten, wie erfolgreich sie waren, und sich mit seinem Namen schmückten. Der Vorteil für Professor Altenfurth: In solchen Unternehmen konnte er nichts kaputt machen, denen schadete seine Beratung nicht. So hatte letztlich jeder etwas davon, und die Welt war in bester Ordnung.

Doch nochmal zum ABC. Er nannte diesen Check auch »System Altenfurth«. Es war sein System. Die Logik zentraler Unternehmensgesetze, unwiderlegbar, zu denen jeder nur »Ja« sagen konnte. Es waren die berühmten »Altenfurth’schen GEKUEs« die »General-Kräfte des unternehmerischen Erfolgs«. Er sprach das »Geküss« aus, und die Unternehmen, die er beraten hatte, bezeichnete er als »vom ABC geküsst«, und dafür bekamen sie ein Zertifikat. Ein Stück Papier für die Wand, das adelte, am besten im Chefzimmer oder im Eingangsbereich. Damit es alle sehen. Das wirkte. Und »Geküss« konnte man sich auch gut merken, es wurde Professor Altenfurths Markenzeichen. Immer mehr Unternehmen wollten dieses Zertifikat. »Von Professor Altenfurth geküsst«. In Gold geprägt, mit Siegel, gerahmt und hinter Glas. Spötter sagten zwar immer »vom alten Furz geküsst«, also von Altenfurth, das wollte aber niemand hören. Es war auch nicht sehr anständig.

Die Theorie des ABC war einfach und logisch aufgebaut. Satz eins: »Es kann immer nur einer gewinnen.« Woraus zwingend folgte, dass man als Unternehmen gewinnen muss. Logisch danach auch Satz zwei: »Es gewinnt immer nur der Beste.« Was nichts anderes hieß als: Man muss der Beste sein, wenn man gewinnen will. Der Folgesatz ging dann richtig tief an die Substanz: »Wer nicht überleben kann, stirbt.« Das war schon fast philosophisch und ein Naturgesetz, aus dem für die Unternehmen gefolgert wurde: »Auf Dauer überleben nur die Besten.« Das ging dann so weiter mit Sätzen wie »Alles verändert sich ständig« und »Wer sich nicht verändert, steht still«, »Wer stillsteht, wird überholt«, »Jede Krise ist eine Chance«, »Wer nicht anders ist, wird schnell verwechselt«, »Man kann nur Eines auf einmal«, »Man muss auch Dinge lassen können« oder »Wer sich nicht konzentriert, verliert.« Wer in diese Gedankenwelt einmal eintauchte, kam so schnell nicht wieder heraus. Diese Logik war einfach fesselnd.

Und clever war Professor Altenfurth auch hier: Er beriet nur Unternehmen, die im Familienbesitz waren und von den Familienmitgliedern geführt wurden. Darauf hatte er sich spezialisiert. Und das war ganz klares Kalkül: Ein Angestellter hat immer Freizeit, ein angestellter Manager auch. Der kann auch einmal denken. Nicht gesagt, dass er es dann auch tut, aber er könnte es. Ein Unternehmer aber, der sein eigenes Unternehmen führt und dessen Familie davon leben muss, für den ist das Unternehmen sein Lebenswerk, und deshalb hat der nie Zeit. Er muss immer etwas unternehmen. Also kommt er auch nie zum Denken – nie mal so richtig grundsätzlich. So ein Unternehmer macht entweder etwas falsch – dann geht er Pleite und hat kein Geld mehr für einen Professor. Und bald auch kein Unternehmen mehr. Dann ist es für ihn zu spät und mit irgendeinem seiner Sätze hat der Professor dann recht gehabt. Oder er macht alles richtig, hat aber immer ein schlechtes Gefühl, weil er nicht zum Denken kommt. Und immer ein schlechtes Gewissen, weil er Angst hat, er mache etwas falsch – was dann sein Unternehmen, also sein Lebenswerk, gefährden könnte. Weil er aber bisher alles richtig gemacht hat, hat er auch die nötigen Mittel – und kann sich Professor Altenfurth leisten. Der kuckt dann in das Unternehmen, unterzieht es seinem ABC und stellt eine dicke Rechnung.

Weil alles so gut lief, hatte Professor Altenfurth sich gerade dazu entschieden, noch weniger zu tun. Die Arbeit auf zwei Schultern zu verteilen. Besser: die Arbeit machen zu lassen. Er hatte sich für sein »Office«, wie er das nannte, einen Partner gesucht. Mit Titel. Der sollte die Arbeit machen, er würde dafür mehr repräsentieren. Und er hatte auch den Richtigen gefunden: Dr. Schwartz. Seit vier Wochen nun arbeitete er mit Dr. Schwartz zusammen, und er konnte für sich nur sagen: Es lief gut.

Professor Altenfurth war auch ein kleiner Stenz. Trug Anzüge nach Maß, fuhr einen dicken Porsche – und niemand fand das obszön, Erfolg muss man doch schließlich zeigen dürfen, man hat ihn sich doch verdient! –, besaß inzwischen mehrere Häuser, und er hatte vor allem eines: Einblick in viele Unternehmen. Bis unter den Teppich, in die Unterwäsche oder hinters Sofa. Er kannte dort jeden weißen und jeden Dreckfleck, er wusste, was sich in den Unternehmen tat und auch, was sich da in der nächsten Zeit tun würde. Das war ein riesiges Kapital. Denn während ein Unternehmer das nur von seinem eigenen Unternehmen wusste – und meistens wusste er nicht einmal das –, waren Professor Altenfurth die Innereien von vielen Unternehmen bekannt. Dieses Wissen war unbezahlbar.

Bei Licht besehen sind ja Unternehmensberater eigentlich nichts viel anderes als Schnüffler, hatte sich Behütuns irgendwann später einmal gedacht. Sie durchforsten dir, wenn du Unternehmer bist, deine Bücher und unternehmerischen Hinterzimmer, graben sich durch dein gesamtes Fundament, drehen jeden Teppich um und schauen hinter jedes Bild, schnüffeln in jedem Kellerloch herum und unter jedem Bett – und kein Mensch garantiert dir, dass sie dir alles sagen und zeigen, was sie gefunden haben. Am Schluss wissen sie viel mehr über dein Unternehmen als du, und du kannst ihnen nur vertrauen – und dafür lassen sie sich gut bezahlen. Die Logik dahinter lautet doch ungefähr so: Bitte lass mich dich fürstlich entlohnen, damit ich dir vertrauen darf. Also: Lass dir was schenken, und ich schenk dir was dafür. Ziemlich clever gestrickt.

Wie kommt man nur dazu, so quer zu denken, hatte sich Behütuns gefragt – und war auf eine genauso verquere Logik gestoßen. Was ihm das ganze System schon wieder sympathisch gemacht hatte. Denn der Unternehmer, der um Vertrauen bittet und den Berater dafür fürstlich zu entlohnen verspricht, beruft sich dabei auf wieder andere Unternehmer: Die hätten das ja ganz genauso gemacht – also den Berater gebeten, ihm ihr Vertrauen schenken zu dürfen und ihm versprochen, ihn dafür zu bezahlen. Und was die dürfen, darf ich ja auch. Ich bezahle auch mehr. So konnte Professor Altenfurth seine Tarife ständig erhöhen.

 

Vielleicht zweieinhalb Stunden bevor man ihn fand, fuhr Professor Altenfurth an einem frühen Morgen mit seinem Neunhundertelf die schmale Straße zum Golfplatz hinauf – einem riesigen Park weit vor der Stadt, abseits und ruhig gelegen, hineingelegt ins fränkische Land. Hügeliges Gelände mit alten, knorrigen Kirsch- und Apfelbäumen und weiten Blicken von den Höhen in das Umland und die Fränkische Schweiz. Bis Nürnberg konnte man sehen. Fernsehturm, Businesstower, Burg – das alles lag einem im Dunst am südlichen Horizont wie zu Füßen. Und auf der anderen Seite im Rund die ersten Berge der Fränkischen Schweiz, der Hetzles und der Lindelberg, das Städtchen Gräfenberg am Hang des Kasbergs, drüben der Hienberg und der Rothenberg und in den Tälern rundherum die Dörfer. Traumhafte Fairways fand man auf dem Golfterrain, oftmals durch Waldstreifen und Schlehenhecken, dann wieder durch Obstbaumreihen oder Bacheinschnitte getrennt.

Schon die Zufahrt stimmte einen richtig ein. Kaum bog man von der Landstraße ab auf einen einspurig geteerten Weg, umfing einen ganz tiefe Ruhe. Beinahe als Hohlweg führte diese Zufahrt, sich in leichten Kurven schlängelnd, durch den Grund eines schmalen Taleinschnittes leicht bergan, links gleich der steile Böschungshang hinauf, rechts kopfweidengesäumt ein Bach, dahinter ein schmaler Wiesenstreifen, dann Büsche, Wald den Gegenhang hinauf. Die Kopfweiden pflegte der Verein. So gelangte man, immer unter überhängenden Bäumen, schließlich zu einem Parkplatz. Hier öffnete sich das Tal. Altenfurth fuhr diese Zufahrt langsam, denn seinen Porsche hatte er tieferlegen lassen, und der Weg war stellenweise gewölbt. Schon einmal hatte er, nur wenig zu schnell unterwegs, mit dem Chassis aufgesetzt. Ein unangenehmes Geräusch, das verdammt nach Werkstattbesuch klang. War dann aber nichts gewesen, er hatte Glück gehabt. Ob er der Erste war an diesem Tag? Deshalb war er hinausgefahren. Er liebte es, als Erster noch im Tau zu spielen, vor allem auf den Greens. Wenn man im nassen, kurz geschnittenen Gras auch später noch verfolgen konnte, wie der Ball beim Putten auf dem Weg zum Loch seine kurvige Spur hinterließ.

Er hatte das Dach seines Neunhundertelfers noch geschlossen. Turbo S Cabrio, schlappe 190.000 Kröten. Was ist schon Geld, wenn man es hat. Dann kann man es auch zeigen, und so ein Porsche macht ja Spaß. Die Leute schauen, und das ist es schon wert. Wer dreht sich denn heute noch nach einem BMW um, nach einem Volvo oder einem Benz? Kein Mensch, denn das sind alles Firmenwägen. Professor Altenfurth lauschte dem Sound. Er klang nach Kraft, nach Aufdemsprungsein eines Panthers, nach Ichtippegleichanundfahrdiekrallenaus. Nur geiler Sound. Bewusst verhaltenes Röhren, Blubbern, tief, das jederzeit zum Brüllen werden kann, wenn man es will, zu Aufschrei und Gedröhn. Mit offenem Wagen klang das besser, sicher, da hat man dann auch mehr davon – aber um offen zu fahren war es noch zu kühl, es war gerade Morgengrauen, früh, kurz nach halb sechs. Erst auf der Heimfahrt würde er das Dach öffnen, am Vormittag, dann wäre es warm genug.

Doch Altenfurth wurde enttäuscht: Er war nicht der Erste am Golfplatz, ein Wagen stand schon dort, er kannte ihn. Der Benz des Kollegen Brädl. »Doc« Brädl, Unternehmensberatung Dr. Leo Brädl aus Nürnberg, der Berufsbezeichnung nach ein Konkurrent, doch Chef eines viel größeren Ladens mit über 20 Spezialisten und den Schwerpunkten Finanzierungen und internationale Steuer- und Rechtsberatung. Auch Brädl spielte gern am frühen Morgen, und manchmal zogen sie auch gemeinsam über den Platz. Brädl hatte sein Geld schon gemacht, sich in der letzten Zeit mehr und mehr aus dem Tagesgeschäft zurückgezogen und verbrachte seine Tage lieber mit seiner jungen Frau. Oder, überlegte Altenfurth, hatte Brädl seinen Wagen stehen gelassen gestern Abend? Nein, sicher nicht. Der Golfplatz lag viel zu weit abseits, und es waren hier auch schon Autos gestohlen worden, erst letzthin zwei, und das am helllichten Tag. Der Professor war sich sicher: Kollege Brädl war schon »on the flight«.

Er parkte seinen Porsche gleich neben Brädls Benz, stieg aus und sah sich um. Die Morgenluft war frisch, überall glänzte Tau. Der Benz knackte ganz leise unter seiner Haube, er stand also erst kurz geparkt. Neben dem Parkplatz plätscherte leise ein Bach, ansonsten hörte man nur die Vögel bei ihrem Morgengesang. Hätte er sie gekannt, so hätte er die klaren Rufe der Pirole aus den Baumwipfeln und auch die Nachtigallen drüben aus dem Unterholz vernommen, doch für ihn waren es nur Vögel, laut und schön.

Professor Altenfurth packte sein Bag aus und seinen Trolley und sah hinauf zum Clubhaus, das am Hang dort oben stand, inmitten von Obstbäumen und Wiesen. Dahinter der Himmel im Osten leuchtend hellblau. Bis Sonnenaufgang würde es noch dauern, eine halbe Stunde vielleicht, knapp, schätzte Altenfurth. Um sechs Uhr dreizehn sollte er sein, so hatte er es im Internet gelesen, gestern auf dem Flug.

Das Clubhaus war ein altes Bauernhaus. Damals hatten die Menschen noch ein Gespür für das, was wo und wie in die Landschaft passt, dachte sich Altenfurth gerade und sog ganz tief die kühle, klare Luft ein. Das Sandsteinhaus stand wie gemalt. An ihm war einfach alles stimmig. Da kam von oben dieses »Pling«, dieses metallische des Drivers, wenn er den Ball voll trifft. Brädl schlug wohl gerade ab, dachte sich Altenfurth, und hatte den Ball ganz gut getroffen. Er war also erst an Loch eins. Ein Fasan krächzte von drüben aus dem tiefen Gras und über das Fairway oben hoppelten zwei Hasen, kein bisschen scheu. Professor Altenfurth konnte Dr. Brädl nicht sehen, der Abschlag war von Bäumen verdeckt. Jetzt hörte er auch die Schafe blöken aus dem Stall, der dort oben auf der Höhe stand. Oder standen die Schafe auf der Weide? Sollte er hinauf zu Brädl und mit ihm über den Platz? Einen kurzen Moment nur hatte er diesen Gedanken, dann schüttelte er wie für sich den Kopf. Er wollte lieber alleine spielen, in den Sonnenaufgang hinein. Den Tag für sich genießen. Und wollte jungfräuliche Greens, noch mit dem frischen Tau. Also nahm er seinen Caddie und schob den Weg hinauf, jedoch nicht den zum Clubhaus, sondern den auf die andere Seite des Areals. Auch wenn das nicht erlaubt, zumindest nicht gerne gesehen war: Er begänne heute an Loch sieben. Es war ja auch sonst niemand da.

Auf seinem Weg hinauf sah er dann drüben Dr. Leo Brädl, auf der anderen Seite des Tals. Er nannte ihn immer »Doc«, der nannte ihn »Prof«, das war so in diesen Kreisen. Der Doc lochte gerade ein. Sie winkten sich noch aus der Ferne zu, dann verloren sie sich aus dem Blick. Sie spielten in verschiedene Richtungen.

Professor Altenfurth hielt sein Spiel zügig, nur selten blieb er stehen, hielt für Momente inne. Dann ließ er seinen Blick auch einmal schweifen und genoss die Welt. Tief sog er den Duft von nassem Gras ein. Dunst lag noch in den Tälern, die Dörfer drunten noch in Schattenfeldern wie verkrochen, einzelne Rauchfahnen, gleich aber würde die Sonne kommen. Ganz weich war jetzt die Welt, ganz weit. Die Gräfenbergbahn tutete dort drüben, weit entfernt, durchs Tal, der erste Zug wohl in die Stadt. Ein Motorrad fuhr irgendwo, dann war es wieder still. Die ersten Flieger schwenkten oben nach Nürnberg ein, die Triebwerke im Sinkflug leise. Die Vögel machten ihm Musik. Man könnte ihnen, dachte er gerade, ewig lauschen – da kam die Sonne übern Horizont, der neue Tag brach an. Gleißendes Licht sofort und lange Schatten. Gold flutete die Wiesen und brachte das Grün zum Leuchten, unbeschreiblich satt. Professor Altenfurth teete den Ball auf und schlug ab.

Kaum eine Stunde später schob er den Trolley durch den Wald. Es roch nach Moos und Holz, Spinnfäden schwebten in den Sonnenstrahlen, die durch die Bäume brachen. Er kam jetzt zu Loch dreizehn. Der Abschlag lag im Wald eng zwischen Büschen und führte erst durch eine lange, schmale Schneise, dann hinaus aufs Fairway und schließlich einen leichten Hang weit bis hinunter. Das Green lag, noch nicht sichtbar, ganz unten, hinter einem Teich. Er teete seinen Ball auf und zog sein Cap weit über seine Augen. Die Sonne kam direkt von vorn und stand sehr niedrig. Es würde schwierig werden, den Flug des Balles zu verfolgen. Er musste ihn ja direkt in die Sonne schlagen. Professor Altenfurth stellte sich zum Ball, nahm Maß und machte einen Probeschwung – da schlug etwas in seinen Rücken, knapp unterhalb des Schulterblatts. Klein, hart, mit ungeheurer Kraft. Er torkelte. Es war doch niemand da! War das ein Stein? Ein Golfball? Der Professor rang nach Luft, die Atmung wie gelähmt. Er drehte sich nach hinten, sah sich um – und sah den Golfball kommen. Er schlug ihm mitten ins Gesicht.

 

Das war Professor Altenfurth gewesen. Um kurz nach sieben Uhr war er tot, lag dort im schönsten Morgenlicht. Die Fliegen hatten ihn auch gleich gefunden, krabbelten auf seinem offenen Kopf. Der Prof lag auf dem Bauch, Gesicht im Gras, der Körper leicht verkrümmt. Ein Bein war angezogen, die Arme längs zum Körper. Zum Hinterkopf quoll Hirn aus, auch vorn zum Auge, das Hirn verklebte, hing im Gras – das Hirn, das ABC erfunden hatte. Man sah ihm das nicht an. Es war nur grau und blutig. Kein schönes Bild.

Um acht fand ihn Dr. Brädl. Vom Waldweg aus schon hatte er Altenfurths Trolley stehen sehen und sich gewundert. Nicht, dass der Trolley dort stand, wo er stand. Das war ja durchaus üblich. Man nahm ihn nicht mit bis hinauf zum Abschlag, man ließ ihn hier und nahm ihn dann erst auf dem Weg zum Fairway wieder mit, nach seinem Abschlag. Er wunderte sich jedoch, dass der Trolley noch dort stand. Professor Altenfurth hatte doch mindestens acht Löcher Vorsprung, also eine Stunde. Und der spielte schnell. Was machte denn der noch hier? Wartete er? Auf ihn, auf Dr. Brädl? Wollte er ihm vielleicht etwas sagen? Ein Auftrag gar, vielleicht Kooperation? Sie hatten schon einmal, vor nicht allzu langer Zeit, das Thema angesprochen. Doch Brädl hielt nichts von dem ABC, er dachte und beriet anders, mehr juristisch und auch andere Unternehmen. Auch machte er Beteiligungen und Fusionen, Übernahmen.

Brädl trat aus dem Wald und sah nach links in die Richtung, wo der Abschlag war – und sah ihn auch schon liegen. So wie der lag, war klar: Der Mann war tot. Das sah man schon aus vierzig Metern. Ein Herzinfarkt vielleicht? Das durfte nicht wahr sein, der Mann war doch im besten Alter!

Doc Brädl ließ den Trolley stehen und hastete hinüber. Vielleicht war doch alles nicht so schlimm, nur ein Schwächeanfall, oder ein Scherz? Ein frommer Wunsch. Der Mann war tot, da gab es nichts zu deuteln. Im Hinterkopf ein golfballgroßes Loch, aus dem das Hirn quoll. Und Fliegen überall, schon früh am Morgen. Doc Brädl tastete mit langem Arm den Hals des Profs und spürte. Es würgte ihn, er suchte, hoffte.

Doch da war nichts. Kein Pulsschlag mehr. Er nahm sein Handy, rief die Polizei.

Das passte ihm jetzt gar nicht in den Kram. Das gibt jetzt richtig Scherereien, kostet mich Zeit und Nerven, dachte er. Doc Brädl sah für sich den kompletten Film ablaufen. Mit Polizei, Befragungen, Verdächtigungen gar, wenn es ganz dumm lief. Und das Gerede hier im Club! Das konnte er gerade noch gebrauchen! Dabei hatte der Tag doch so schön angefangen.

Es dauerte fast eine Stunde, bis die Polizei da war.

 

Denn ohne Zweifel folgten die Eingeborenen,

mit denen ich hier zusammen lebte,

einem bestimmten Plan.

Claude Lévy-Strauss, Traurige Tropen

3. Kapitel

Der Fall war rätselhaft und blieb es auch. Und ungelöst bis heute. Fest schien zu stehen: Professor Altenfurth war nicht nur ganz gezielt ermordet, sondern hingerichtet worden. Das schloss man aus dem »dritten Schuss«: Ein erster Golfball hatte ihn am Rücken, knapp neben der Wirbelsäule und unterhalb des Schulterblatts getroffen. Er hatte Knochen von der Wirbelsäule abgesplittert, Stücke der Querfortsätze der Brustwirbel Th4 und 5. Hier fand sich auch ein großes Hämatom. Ein zweiter Golfball traf ihn mitten ins Gesicht, knapp unterhalb des rechten Auges. Schon dieser Ball war durch die Augenhöhle bis tief in den Kopf des Opfers eingedrungen. Der Augapfel war dabei regelrecht zerplatzt. Ein dritter Golfball schließlich war dem Mann, da lag er schon auf dem Bauch am Boden, aus allernächster Nähe in den Hinterkopf geschossen worden. Eiskalt, ein Todesschuss, final geplant und durchgeführt zur Sicherheit. Da war der Mann schon nicht mehr lebensfähig, hatte wohl nur noch geröchelt. Der letzte Schuss hatte die Schädeldecke glatt durchschlagen, das zeugte von seiner Kraft.

Als Mordwerkzeug vermutete man so etwas wie eine Schleuder. Wie eine Zwille, mit der Kinder gern auf Vögel schießen – oder schossen, früher –, nur sehr viel größer. Stärker. Es musste ein Eigenbau gewesen sein, war die Vermutung, denn Steinschleudern in dieser Größe und auch Stärke bekam man nicht im Handel, auf jeden Fall nicht hier, also in Deutschland und im engeren Europa. In den Randbezirken waren sie vielleicht zu haben, etwa in Albanien, Kroatien, Russland oder der Ukraine. Hieraus aber einen Hinweis auf den Täter abzuleiten, ginge zu weit, das reichte, ohne wenigstens ein einziges weiteres – und sei es ein noch so mageres – Indiz, nicht einmal für Vermutungen. Hier kam man mit den Überlegungen und Recherchen nicht weiter, brach ab. Doch dass es eine solche Schleuder war, schien sicher: Man hatte an den Golfbällen, und zwar an allen dreien, molekulare Spuren von Leder nachweisen können. Minimal zwar, aber da. Und das schien ganz eindeutig Zwille zu bedeuten. Die Franken sagen Zwieserla.

Man hatte Kommissar Friedo Behütuns und seinem Team im Rahmen einer neuen Einheit »Metropolregion«, aber auch im Sinne einer Amtshilfe für das kleine Nachbarstädtchen Erlangen, die Ermittlungen übertragen. Die Begründungen waren wie immer fadenscheinig, aber das sind Begründungen für den, dem man Arbeit aufhalst, immer; für den, der sie verteilt, sind sie das nie. Weil der, der oben sitzt, eine andere Logik hat. Es hieß ganz einfach, die Erlanger Kollegen seien übervoll, der Golfplatz läge ohnehin gleich vor den Toren Nürnbergs, das Opfer sei ein Nürnberger, und, wie sich dann auch noch herausstellte, zunächst aber »oben« nur gemutmaßt worden war, sei auch das Gros der Mitglieder des Golfclubs in der Frankenmetropole angesiedelt. Vier schwache Argumente, die auch nicht stärker wurden, wenn man sie zusammenzählte. Denn jedes Argument für sich war schwach. Doch der, der oben sitzt und ansagt, hat eine völlig andere Logik als der, der unten sitzt und arbeitet. Es ist der Unterschied zwischen Einbrocken und Auslöffeln. Wer einbrockt, der summiert, schon einfach, weil er etwas hergibt. Da wird aus schwach plus schwach plus schwach dann plötzlich etwas Starkes. Fünf Bröckchen sind da wie ein großer Brocken, um im Bild zu bleiben. Von unten sieht das anders aus, beim Auslöffeln. Denn da schmeckt jedes noch so kleine Bröckchen ekelhaft. Und das summiert sich nicht banal, das potenziert sich, und zwar absolut, exponentiell. Da wird aus schwach mal schwach mal schwach nicht stark, aus wenig mal wenig mal wenig auch nicht mehr, sondern nach den ganz einfachen Gesetzen der Mathematik mit jedem Bröckchen rasant weniger. Und das geht immer weiter und rapide gegen Null, je mehr man schwache Argumente bringt. Doch sag das einmal einem, der oben sitzt und anschafft. So kamen Behütuns und sein Team an diesen Fall.

 

Der Kommissar und auch sein Team hatten zwar und sowieso nichts Besseres zu tun, saßen nur rum und kratzten sich am Hintern oder sahen zum Fenster hinaus und popelten und hatten keinen Plan, wie sie die lange Zeit verkürzen könnten, doch sie ermittelten. Als Rumpfteam, muss man korrekterweise sagen. Nur Kommissar Friedo Behütuns und die Kollegen Peter Abend, Peter Dick. Denn Peter Jaczek hatte sich verabschiedet: Vaterschaftsurlaub. Für die volle Zeit.

»Der macht sich jetzt ’nen Lenz«, lästerte P. A., »und wir baden das aus.«

»Ich will nicht mit ihm tauschen«, winkte Dick ab, der diese Zeit mit den kleinen, meist kotzenden und schreienden Fratzen gerade abgeschlossen hatte. »Dass man da Zeit hat, wenn man zu Hause ist, das denkt man nur. Die fordern dich von früh bis spät, da hast du keine Ruhe.«

»Dann hast du etwas falsch gemacht«, konterte P. A. »Die Wänste schlafen doch die ganze Zeit.«

Dick hatte darauf nichts erwidert, sondern nur still in sich hineingelächelt. Mit einem, der das nicht erlebt und nicht gemacht hat, brauchst du gar nicht reden, bedeutete das Lächeln, und ich warte nur, bis du den ersten Hosenscheißer hast. Dann sprechen wir uns wieder. Ein gnadenloses Beispiel für den Unterschied von Vorstellung und Wirklichkeit.

Man hatte ihnen zwar Ersatz versprochen für den Ausfall Jaczeks, doch das zog sich hin. So wie das immer ist, man kennt das. Und die Befürchtung wuchs bei Kommissar Behütuns und dem Team, dass die »da oben« zu dem Schluss kommen könnten, dass drei ja auch den Arbeits- und Ermittlungsaufwand von bisher vier Personen schafften – und vielleicht sogar noch mehr. Auch dass der Ruf nach Unterstützung und Verstärkung nur ein Ruf gespeist aus Faulheit sei, aus Schlendrian, Bequemlichkeit, Gemütlichkeit. Entsprechend konsequent und engagiert gestaltete sich dann auch die Planung für die Untersuchungen. Und lustvoll auch – doch für das Team eher geprägt von destruktiver Lust, nicht konstruktiver.

Golfplatz! Was ist denn das Perverses! Dick tobte richtig los. Das hatte ihm in seiner Laune gleich richtig gut geschmeckt. Da bei den Schnöseln und Reichen, dem »Gschwerdl«, wie er trocken und auch wütend kommentierte, mal so richtig reinzuleuchten. Ist das nicht so ein schweineteurer Sport? Wo die fetten Ärsche ihre fetten Ärsche in ihren fetten Autos hinfahren, weil sie sonst nichts zu tun haben? Sind das nicht alles die, die selbst nichts arbeiten und nur für sich arbeiten lassen? Die überall nur den Rahm abschöpfen und ihre Kohle dann in die Schweiz, auf die Kaymans, nach Liechtenstein oder sonstwohin schaufeln?

»Ja, da hab ich richtig Lust drauf!« Dick hatte geschimpft wie ein Rohrspatz, als sie im Auto saßen und hinausfuhren. Behütuns erkannte ihn gar nicht wieder. Wo kam dieser Zorn nur her, so ungebremst? Es konnte nur die Arbeitsüberlastung sein. Behütuns und P. A. hatten sich angesehen, als Dick so schimpfte, und beide insgeheim gegrinst. Weil es schön ist, wenn sich einer ärgert – denn dann muss man es nicht selber tun.

»Naja, ist doch ein bisschen sehr pauschal, oder?«, hatte Behütuns ihn eingebremst.

»Allein was dem seine Kiste gekostet hat, überleg doch mal«, hatte Dick gesagt. »Das verdiene ich doch in drei Jahren nicht – vor Abzug der Steuern. Da läuft doch etwas schief, oder?«

Obszön fand Behütuns es auch, aber das half ja nichts. Seine Devise war immer: Lern erst einmal die Leute kennen, die Menschen. Mit Vorurteilen kommt man nicht sehr weit, es sei denn weit ins Abseits. Im Grunde war das ja das Gleiche wie mit seinen Fällen. Oder wie mit den kleinen Kindern vorher. Am Schreibtisch oder in der Theorie, da löst du überhaupt nichts. Das Wissen aus der reinen Vorstellung, das ist nichts wert. Das kannst du in der Pfeife rauchen. Zum Leben und zum Verstehen musst du immer raus, direkt in die Wirklichkeit, musst immer die Umstände kennenlernen und die Leute. Erst dann ergibt sich eine Lösung. Das Denken spielt dir manchen Streich, vor allem über das, was du nicht kennst.

Obwohl er manchmal auch so dachte wie Dick. Ein Lehrgang war ihm eingefallen, als sie darüber diskutiert hatten, auf dem er einmal war. Im letzten – oder war das schon vorletzten? – Jahr. Zum Thema Wirtschaftskriminalität. Die großen Unternehmen hatten dazu eingeladen, Areva, Siemens, Puma, adidas und so, in die Franconian International School. Kriminalbeamte aus der ganzen Region. Wie blöd schon das »Franconian« klang. Und »Franconian« und »International« zusammen, das passte irgendwie gleich gar nicht. Und erst »Frängouniän Indernäschenäl«, satt englischfränkisch. Egal. Bevor es bei dem Lehrgang in die Inhalte gegangen war, hatten sie ihnen auch die Schule vorgestellt und sie hindurchgeführt, ein lichter und moderner Neubau in der kleinen Nachbarstadt. Und das Modell klang gut, es war erdacht für die Schüler. Denn deren Eltern, alle bei den großen Unternehmen, waren nie für lange Zeit an einem Ort. Sie wechselten berufs- und karrierebedingt oft quer über die ganze Welt. Mal Deutschland, dann mal Argentinien, ein Jahr Shanghai oder Dubai, ein halbes Jahr New York, Moskau, Ohio, nach Montreal, Rio und Ouagadougou, im Grunde war das egal. Nur für die Kinder war das Wechseln schwer. Mal hier zur Schule, dann mal da, dann wieder irgendwo. Das zerstört die Seele, wenn du keine Heimat hast. Hier trat das Modell der internationalen Schule auf den Plan, dadurch fiel der Wechsel leichter. Denn diese Schulen gab es überall, und dort war für die Schüler wenigstens der Lehrplan weltweit gleich. Es war egal, von wo nach wo du wechseltest bzw. deine Eltern, der Stoff ging einfach nahtlos weiter. Auf Englisch, sowieso. Dass du dann zwar immer noch deine Freunde verlierst, und damit deine Basis, deine Seelenheimat, das war egal, Hauptsache, du kommst weiter. Was wird denn hier gezüchtet, hatte sich Friedo Behüt­uns gedacht, was sind denn das für Menschen, die da hinten rauskommen? Sicher nur Heimatlose und sozial Entwurzelte, das kann doch gar nicht anders sein. Gut nur: Die richten hier keinen Schaden an, hatte er sich im ersten Moment gedacht, denn Aussage der Schulleitung bei der Führung war gewesen: Keiner der Schüler bliebe hier vor Ort, kein einziger hätte zum Beispiel bisher hier in Erlangen, also vor Ort, studiert. Die gingen alle in die weite Welt, nach Oxford, Cambridge, Massachusetts und machten danach Karriere. Dann sind die weg, ist gut, dachte Behütuns.

Und dann saß er im Lehrgang, geschlagene drei Tage. Ein schöner, heller Raum, gedeckte Farben mit Akzenten, das roch stark nach Konzept. Und eine breite Glasfront bis hinunter auf den ausgesuchten Holzfußboden. Hier war alles Design. Und unter ihnen, ihrem Lehrgangsraum, war der Haupteingang der Schule, man sah, wer alles kam und ging von früh bis spät. Große und Kleine, Männlein und Weiblein, Braune, Gelbe, Rote, Weiße, ein herrliches Gemisch, die ganze Welt in einer Schule, unter einem Dach und ohne Schranken. War das nicht genial? Im Grunde ja, nur gab ihm das zu denken: Das ist die reine Welt des Geldes, das sah man jeden Tag. Nicht nur, dass diese Schule bis zu tausend Euro kostete, für jeden Schüler, jeden Monat neu, was niemand, der normal verdiente, auch nur annähernd berappen konnte. Was sich ihm aufdrängte, war das: Hier blieb man unter sich, und ganz gezielt. Das war das erste, was ihn störte. Und während dann die Referenten irgendetwas faselten von Spionage in der Industrie und auch den Schäden, die das alles anrichtete und wie man sich dagegen wehrte, sah er hinaus zum Fenster. Da fuhren Frauen vor im Maybach, vier Mal am Tag. Brachten das Gör um acht, holten es mittags ab, brachten es am Nachmittag und warteten dann abends wieder. Und nicht nur eine dieser Frauen, sondern fünf, nein sechs, und jede mit einem Maybach. Doch das war nur ein Beispiel. Was er hier sah und was da unten täglich vorfuhr, war die größte Dichte fetter Autos – und auch die größte Dichte kleiner, blonder, hübscher, schlanker Frauen –, die ganz Franken bieten konnte. Doch das war immer noch nicht der Punkt. Das war es, was er dachte: Was ist denn das für eine Wirklichkeit, in die die Kinder wachsen? Was die als Wirklichkeit erfahren, Tag für Tag als ungebrochene Selbstverständlichkeit und international, hat mit der Welt doch nichts zu tun. Gehen die denn auch mal auf die Straße, ganz normal wie 99,999 Prozent der ganzen Welt? Mitnichten. Die Welt, in der die leben und die sie als Welt erfahren, als Wirklichkeit, also als das, was wirkt, hat mit der Welt, so wie sie ist, doch nichts gemein. Das ist gemein gedacht, vielleicht, doch richtig. Und diese Kinder sind dann morgen die Elite in der Industrie, in Unternehmen, in Regierungen. Die stellen dann die Weichen für die Welt – für ihre Welt, für die der Reichen. Und das wird ihnen dann auch schwerlich zu verdenken sein, man kann es ihnen auch nicht vorwerfen, sie kennen es ja gar nicht anders. Sie halten ihre Welt für die Welt. Welch ein Irrtum! Sozial Heimatlose, die aus einem vakuumgefüllten Wirklichkeitsnirvana heraus dann etwas steuerten, das sie gar nicht kannten. Da konnte es einem schon grausen.

Von der Schulung war bei ihm nicht sehr viel hängen geblieben, wenn er so zurückdachte. Da fuhren sie gerade durch das Industriegebiet von Eckental und suchten ihren Weg.

»Also, Leute«, hatte er gesagt, »ohne Wut dahin, ohne Ressentiments, ohne Vorurteile, verstanden?« Im Grund hätte er sich das sparen können, das wusste er, denn er kannte Dick sehr gut. Auch konnte er sehr wohl unterscheiden zwischen dem, was man als Dampfablassen bezeichnen musste und dem, was man tatsächlich dachte und auch lebte. Behütuns hatte viel Verständnis für den Druck, der durch die viele Arbeit auf seinem Rumpfteam lastete, und war entsprechend nachsichtig. Mit Jaczek wäre das Gespräch ohnehin so nicht verlaufen, dachte er für sich, und zwar gleich zweifach nicht: Der hätte einmal sehr viel früher und egalisierend eingegriffen und gemosert – und dann wäre es wahrscheinlich gar nicht erst zu so einem Gespräch gekommen, weil die Arbeit ja auf vier und nicht auf drei Schultern gelastet hätte. Was ist eigentlich aus dem versprochenen »Ersatz« für Jaczek geworden, fragte sich Behütuns. Ich muss da einmal nachhaken.

Auch P. A. war dann noch beschwichtigend auf den Wutausbruch von Dick eingegangen. Beim Golf sei es so, wie es beim Tennis in den 1970er Jahren gewesen sei, hatte er vorsichtig eingewendet, der Sport sei gerade dabei, sich zu demokratisieren. Er wandere von den reichen Schichten in die Mittelschicht.

»Das Bild in deinem Kopf ist schätzungsweise 20 Jahre alt und für jetzt falsch. Heute spielen doch viel mehr Menschen Golf als früher«, hatte er gesagt.

»Dann fahr mal in den Reichswald«, hatte Dick zurückgekläfft.

»Der Reichswald ist ein Sonderfall«, gab Peter Abend zu, »ein Club vom alten Schlag. Die sehen sich als Eliteclub, da spielt der Geldadel von Nürnberg. Die pflegen das und lassen auch nicht jeden rein.«

»Ha! Sag ich doch!«, triumphierte Dick. Er hatte sich auf seine Position versteift und spielte sie jetzt konsequent weiter. Im Grunde aber nahm die Diskussion schon länger keiner mehr so richtig ernst, sie ließ sich nur nicht so einfach abbrechen.

»Der Reichswald ist aber heute die Ausnahme und Clubs wie der, wo wir hin müssen, sind eher die Regel. Da ist das wirklich anders«, hatte P. A. noch nachgeschoben, was Peter Dick zum letzten Angriff blasen ließ:

»Und wo weißt du das her?! Herr Abend spielen wohl selber Golf? Am Ende heimlich, hinter unserem Rücken?«

So war schließlich herausgekommen, dass Peter Abend ein paar Freunde hatte, die dort Mitglied waren, und er dort nicht nur schon einmal einen Schnupperkurs gemacht hatte, sondern mit seinen Freunden auch schon über diesen Platz gezogen war …

Dann kamen sie auf dem Golfplatz an – auf dem Peter Abend recht bekam, nicht Peter Dick.

Das begann schon auf dem Parkplatz.

»Das sind ja ganz normale Autos hier«, stellte Dick maulend fest, als sie auf den Parkplatz fuhren, ausstiegen und er sich umsah. »Ich dachte, wir sehen hier einmal etwas Gescheites!« Er dachte wohl an Porsches, Maybachs, Maseratis, Lamborghinis. Und was standen da? Skodas, Renaults, Hondas, Kias, Fiats. Ja, natürlich auch die obligaten Benze und BMWs, doch kaum anders sah es in jeder Vorstadtsiedlung oder auf dem Aldiparkplatz aus.

»Das ist doch alles Understatement und nur Tarnung«, unkte Dick. »Die dicken Schlitten haben sie daheim in der Garage.«

»Doppelgarage«, foppte P. A.

»Dreifachgarage«, toppte das Dick, »und videoüberwacht.«

Behütuns sagte nichts. Er dachte nur an die Garagen, die sich manche Leute bauten. Häuser, so groß wie die Wohnhäuser, die daneben standen. »Ich glaube, wir müssen da hoch«, sagte er dann und zeigte den steilen Weg hinauf, wo oben zwischen Obstbäumen das Clubhaus stand.

Überall auf den Wiesen und Hängen waren kleine Gruppen Menschen unterwegs, die kleine Bälle suchten, mit langen Schlägern kleine Bälle schlugen und große Wägen schoben oder zogen, aus denen Schläger ragten. Und die die Arme hoben, auch von Weitem, und sie grüßten. Der Weg hinauf zum Clubhaus war steil.

»Wo sind jetzt deine Bekannten?«, provozierte Dick P. A.

Da löste sich aus einer Gruppe rechts am Hang ein Spieler und kam auf sie zu, von Weitem schon ein breites Grinsen im Gesicht. P. A. blieb stehen, grinste genauso breit zurück und sagte nur: »Da!«

Dick war baff.

»Mensch, Sternhausen! Du hast wohl nichts zu tun, oder?« P. A. schüttelte den Kopf in Richtung zu den anderen. »Da spielt der hier am helllichten Wochentag Golf! Urlaub, oder was?«

Was darauf folgte, war nur mit männlich-herzlicher Begrüßung halbwegs passend zu beschreiben. Die beiden kannten sich, gar keine Frage. Und ziemlich gut sogar, so wie es schien, bei so robustem Einsatz ihrer Körper.

»Darf ich vorstellen?«, klärte Abend dann die anderen auf. »Mister Neunfinger Hans Sternhausen, der Schrecken der Handballmannschaft und der Schreck der Liga.«

Sternhausen war ein Teamkollege von P. A., sie spielten beide in derselben Handballmannschaft. P. A. war ja noch aktiv, trotz seines Alters. Denkolympics nannte sich die Mannschaft, Bezirksoberliga. Lauter altgediente Cracks, die meisten schon jenseits der vierzig. Spielten aus Spaß und mischten Jahr für Jahr die Liga auf. Zeigten den Youngsters, wo der Barthel den Most holt, so sagte man in Franken. Also wo die Trauben hängen. Sternhausen hatte sogar Bundesliga gespielt in seiner großen Zeit.

»Ihr kommt wegen Prof Altenfurth?«

»Können Sie sich denken. Und jetzt sorgen wir hier mal für Wirbel«, rieb sich Dick provokativ die Hände, »unter dem ganzen neureichen Gesindel hier.«

»Da bin ich auch einer davon«, lachte Sternhausen, »und nicht im Urlaub, wie Sie vielleicht denken, sondern bei der Arbeit!« Dazu zückte er einen Handheld oder Organizer und deutete darauf. »Bereitschaft, wenn Sie verstehen.«

Er sei, informierte er sie, im Service tätig und auf Abruf.

»Den Job möchte ich auch haben«, stöhnte Peter Abend, »am Golfplatz rumtreiben während der Arbeit.«

»Du hast ihn ja«, lachte Sternhausen.

»Was hab ich?«

»Den Job, von dem du träumst. Du bist doch hier am Golfplatz – und du bist auf Arbeit.«

Was stimmte, ohne Frage.

»Okay, wenn ihr mir täglich einen Toten liefert, komm ich öfters«, gab P. A. zurück.

So ging das hin und her, während sie zu viert hinauf zum Clubhaus stiegen.

»Hier wohnt unsere grüne Fee, die müsst ihr fragen«, verabschiedete sich Hans Sternhausen, am Clubhaus oben angekommen. »Die weiß auch, wo der Vorstand ist. Mich findet ihr dann drüben, wenn noch etwas ist«, und dabei zeigte er hinüber auf ein zweites Haus und dort auf die Terrasse. Das Clubcafé, so wie es aussah. Dort saßen Menschen bei Getränken in der Sonne, plauderten und rauchten und überall am Weg dorthin parkten die Trolleys. »Ich lade euch ein und zeig euch, wie man Golf spielt«, rief er noch. »Ihr kommt?«

Am Clubhaus, wo die Polizisten standen, hing an der Wand ein Hinweispfeil, darauf stand »Greenfee« und »Büro«. Dort ging es zu der grünen Fee. Die Leute von der Terrasse schauten. Als ob man ihnen ansähe, dass sie Polizisten waren. Sie sprachen über sie und über Altenfurth, das war deutlich zu sehen.

Im Büro war nur die Sekretärin. Groß, schlank und blond, wie sonst. Und hübsch, gar keine Frage. Und nett und sehr zuvorkommend. Die Polizisten hatten eine Liste dabei, von der Gerichtsmedizin, die legten sie dem Fräulein vor. Es waren Angaben zu den Golfbällen, mit denen Professor Altenfurth getötet worden war. Marken und Signaturen.

»Wir müssen jede Spur verfolgen«, entschuldigte sich Kommissar Behütuns, der am Tresen stand. »Das heißt noch lange nicht, dass wir jemanden verdächtigen. Wir müssen nur das alles hier erst einmal annähernd verstehen.«

Dick probierte währenddessen Handschuhe an, die neben Schlägern, Caps, T-Shirts und anderem hier zum Kauf geboten wurden.

»Gibt es denn die bloß einzeln?«, fragte er und hielt so einen Handschuh hoch.