Laramie-Saga (7): Roter Bruder - Roter Feind - Jessica G. James - ebook

Laramie-Saga (7): Roter Bruder - Roter Feind ebook

Jessica G. James

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Opis

Laramie-Saga (Band 7): Roter Bruder - Roter Feind: Auf Slim Tylers Ranch steht das Round up, das Kennzeichnen der jungen Rinder, an - ein gewaltiges Stück Arbeit. Sie wird nicht leichter, indem Slims Ziehsohn ausgerechnet jetzt die Forderung nach anderen Aufgaben stellt und mit Kündigung droht. Dann fällt auch noch Slims zweiter Vormann Kenneth Brown aus, der durch den Pfeil eines Cheyenne-Indianers schwer verletzt wird. Tyler macht sich auf den Weg zu seinem Blutsbruder »Flying Cloud«, dem Häuptling der Cheyenne, um den unglaublichen Zwischenfall zu klären. Was er dort erfahren muss, stellt ihn vor weitere Herausforderungen - und bringt nicht nur ihn in tödliche Gefahr.

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Jessica G. James

Laramie-Saga

Roter Bruder – Roter Feind

7. Buch

Engelsdorfer Verlag

Leipzig

2016

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Roter Bruder - Roter Feind

Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;

detaillierte bibliografische Daten sind im Internet überhttp://www.dnb.de abrufbar.

Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig

Alle Rechte beim Autor

Coverfoto rechts: American Indian warrior, chief of the tribe, sunset. man with fe © Fernando Cortés (Fotolia)

Coverfoto links: beautiful painting of a young indian warrior wearing a gorgeous © jozefklopacka (Fotolia)

Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)

www.engelsdorfer-verlag.de

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

Slim Tyler erwachte wie immer früh am Morgen. Er blickte auf seine Frau Diana, die noch ruhig schlief, und er ließ es zu, dass seine Gedanken für einen Augenblick lang fortschweiften von den Arbeiten, die auf seiner Ranch auf ihn warteten, sobald er nach einem kräftigen Frühstück im Sattel sitzen würde. Zärtlich glitt sein Blick über ihr schönes, entspanntes Gesicht mit den von seidigen, langen schwarzen Wimpern gezierten Lidern, die die wundervollen, jade-türkis-farbenen Augen bedeckten; glitt über ihr fast ebenholzschwarzes Haar, auf dem im ersten Licht des Tages mahagonifarbene Reflexe schimmerten. Dianas Decke war verrutscht, so dass ihre entblößte Schulter und der Ansatz ihres zauberhaften Dekolletés zu sehen waren. Einen Moment lang passierten die zärtlichen Stunden der letzten Nacht Revue und der große, blonde Mann konnte nur schwer der Versuchung widerstehen, diese wundervolle Frau wachzuküssen und noch einmal mit ihr hinabzutauchen in den Strudel der Leidenschaft. Doch dann gab er sich einen Ruck und stand auf.

Er wusch sich in der bereitstehenden Waschschüssel und zog sich an, um hinunterzugehen in die Küche. Dort entfachte er rasch ein Feuer im Herd und kochte guten, starken Kaffee. Vor einigen Monaten konnte der Rancher Violet Copperfield, die gute Seele der Ranch, dazu überreden, dass er und sein Freund und Partner, der Texaner Jess Yates, sich zu so früher Morgenstunde selber das Frühstück bereiteten – es würde für Violet später in Haus und Garten noch mehr als reichlich Arbeit geben. Slim war froh, dass ihr seit einiger Zeit wieder eine tüchtige Hilfe zur Seite stand – Josy, die Verlobte seines zweiten Vormanns Kenneth Brown. Kenneth, kurz „Ken“ genannt, Jess und er hatten das junge Mädchen unter dramatischen Umständen aus den Händen des brutalen Bordellbesitzers Clerk Cheller in Miners Hope befreit und mit zur Tyler-Ranch genommen. Miners Hope war eine jener Städte, die beinahe blitzartig aus dem Boden gestampft werden, sobald auch nur der Verdacht aufkommt, in der Gegend könnten lohnende Bodenschätze – besonders natürlich Gold – zu finden sein.

Ken und Josy bauten sich mit großer Liebe und Sorgfalt ein kleines Häuschen auf einem Stück von Tylers Land oben in den Bergen. Brown konnte von dort aus gut im nord-östlichen Gebiet arbeiten und Josy ritt zuverlässig jeden Morgen mit Buddy, ihrem kleinen, robusten Wallach, zum Hauptgebäude der Ranch. Slim schmunzelte ein wenig bei dem Gedanken. Eigentlich hatte er sich immer vorgestellt, eines Tages eine Frau zu heiraten, die all diese Hausarbeiten übernehmen würde – eine richtige Rancherfrau eben. Aber das Schicksal wollte es anders. Nachdem es Tyler einige glücklose Begegnungen mit dem weiblichen Geschlecht bescherte, schickte es dann schließlich ein paar wohlhabende, nein, ein paar wirklich reiche Leute aus den Südstaaten nach Wyoming: den Plantagenbesitzer Charles Carpenter mit seiner Frau Margarethe, seinem Sohn Jonathan und – ja, und seinen beiden zauberhaften Zwillingstöchtern Diana und Susan. Die Zwillinge verliebten sich in die Männer von der Tyler-Ranch und schließlich tat Jess etwas, was er nie tun wollte. Er heiratete. Susan faszinierte ihn durch ihre selbstbewusste Art und als sie ihm schließlich noch mit einem gekonnt-gezielten Gewehrschuss das Leben rettete, vergaß er seine allgegenwärtige Aussage, er fürchte sich vor nichts, außer davor, sein Pferd zu verlieren oder heiraten zu müssen.

Allerdings wussten nur sehr wenige Eingeweihte von dieser Heirat. Die Ehe der beiden klappte hervorragend, weil jeder vom anderen wusste, wie sehr er seine Freiheiten brauchte, und jeder dem anderen sie gewährte.

Und dann, einige Zeit später, nach vielen Irrungen und Wirrungen, heiratete Slim Diana. Es zeigte sich rasch, dass auch diese Ehe gut funktionierte, obwohl Diana alles andere als eine „richtige“ Rancherfrau war. Die Zwillingsschwestern waren an ein Leben in Luxus und Komfort gewöhnt, an ein Leben mit Personal, und beide liebten es, hin und wieder ein paar Tage auf der Carpenter-Ranch mit eben all jenen Annehmlichkeiten zu verbringen. Sie genossen die Zeit dort auf dem ganz im Stil der Südstaaten errichteten Anwesen mit seinen schneeweißen Gebäuden, seinem gediegen eingerichteten Haupthaus und den großen Stallungen. Sie genossen das gesamte Ambiente, die umfangreiche Bibliothek, die beiden Badezimmer. Besonders aber genossen sie die Gesellschaft ihres Bruders und ihrer Schwägerin Miriam, und glücklich schauten sie ihrer entzückenden Nichte, der kleinen Clarissa, so, wie sie es ausdrückten, beim Wachsen zu.

Gerade als der Rancher begann, sich mit dem Rest des heißen Wassers, das vom Kaffeekochen übrig war, zu rasieren, kam Jess Yates die Treppe hinab.

„Morning, Pard“, grüßte er freundlich und setzte mit einem schelmischen Blitzen in seinen stahlblauen Augen hinzu: „Du wolltest doch sicher nicht die ganze Arbeit, die auf uns wartet, alleine erledigen? Wenn ich dir allerdings dabei helfen soll, brauche ich auch Kaffee und dazu ein ordentliches Frühstück.“

Über Slims offenes, freundliches Gesicht glitt ein Lächeln. „Na gut, dann brate ich mal Eier mit Speck und anschließend machen wir uns über die anderen guten Sachen her, die Violet in der Speisekammer hat.“ Dabei dachte er an mehrere Scheiben Weißbrot, üppig belegt mit Käse, Wurst und Violets vorzüglicher Marmelade. So gestärkt, könnte der anstrengende Tag beginnen.

Der verführerische Duft des gebratenen Specks zog durchs Haus und er schien nahezu magisch Benny Wilders, den inzwischen fast siebzehnjährigen Ziehsohn von Slim und Jess, anzuziehen. Benny hatte sich zu einem kräftigen, hübschen Halbwüchsigen entwickelt, der oft von Leuten, die die ganze Geschichte seiner Herkunft nicht kannten, aufgrund seiner mittelblonden Haare und seiner hellblauen Augen für Tylers Sohn gehalten wurde – eine Tatsache, die Jess ein wenig verärgerte und ihm auch so eine Art kleinen Stich versetzte. Schließlich übertrug ihm damals der Bezirksrichter genauso gut wie seinem Freund das Sorgerecht und Benny hatte von beiden gleich viel gelernt und auch gleich viel angenommen. Und – er liebte es, sich ähnlich wie Jess zu kleiden – ein schwarzer Hut gehörte längst seit einiger Zeit zu seiner Ausstattung genauso wie eine mittelblaue Lammfellwinterjacke, und er entwickelte ebenso wie Jess ein Faible für – vorsichtig ausgedrückt – etwas auffällige Stiefel.

Bennys „Morning“ klang nicht ganz so forsch-fröhlich wie sonst und sein „Hm, das riecht hier aber nahrhaft“ auch nicht. Obwohl kaum ein Außenstehender den Unterschied bemerkt hätte, stutzte Slim, der ein sehr feines Gespür für solche Nuancen hatte. Er ließ sich aber nichts anmerken und erwiderte freundlich: „Morning, Benny. Na, gut geschlafen?“

„Ja. Danke.“

„Komm, nimm dir einen Teller. Die Eier und der Speck sind gerade fertig und es ist genug für uns alle drei da.“

Wortlos ging der Junge, der ja nun eigentlich schon ein junger Mann war, zum Schrank und kam mit einem Teller in der Hand zum Herd hinüber. Tyler schob ihm eine große Portion aus der schweren, gusseisernen Pfanne darauf. Ein leises „Danke“ murmelnd setzte Benny sich an den Tisch. Er tat es auf die gleiche Weise wie Slim und Jess, wenn sie zu Hause waren – ohne den Stuhl zu verrücken, mit einem großen Schritt über die Sitzfläche steigend. Schweigend begann er zu essen. Der Rancher wartete einen kurzen Moment, dann fragte er knapp: „What’s wrong?“

Den Blick fest auf den Teller geheftet, ohne Slim anzuschauen, erwiderte der Junge: „Wir müssen reden.“

Tyler war überrascht. Debatten oder Probleme, egal, welcher Art, waren das Letzte, wonach ihm der Kopf stand. Es gab mehr als genug Arbeit auf der Ranch; außerdem stand in ein paar Tagen auch noch das alljährliche Round up, das Zusammentreiben der Rinder, bei dem die Jungtiere ihr Brandzeichen bekamen, an. Eine harte Tätigkeit, die dazu noch ein gutes Maß an Vorbereitungen erforderte. Bald würden zu den eigenen, fest für Tyler arbeitenden Cowpunchern Männer hinzustoßen, die auf diese Arbeit spezialisiert waren. Zum Teil waren es Einzelgänger, zum Teil waren es Teams, die allein oder mit Unterstützung von Leuten der entsprechenden Ranch arbeiteten. Ein Zeitplan, erstellt durch die „Cattlemen’s Association“, bestimmte, wann wessen Tiere markiert würden. Sämtliche am Round up beteiligten Männer wollten verpflegt werden, und zwar gut, denn nur dann war auch gute Arbeit zu erwarten. Die Tyler-Ranch verfügte über einen eigenen Küchenwagen und der stand schon in der weiten Ebene, in welcher die gewaltige Herde zusammengetrieben würde, bereit. Auch für einen wirklich ausgezeichneten Koch war gesorgt – Ernest Brad, einer der fest eingestellten Cowpuncher. „Ernie“ verstand wirklich sein Handwerk im Umgang mit Tieren, aber er kochte auch sehr gerne und sehr gut, und der Gedanke, dass ein solch vertrauenswürdiger, zuverlässiger Mann die Aufgabe des „Küchenbullen“ übernahm, gab Slim ein gutes Gefühl.

Das Brennen der Tiere erledigte an sich der „Ironman“ des Round up-Teams, aber auf der Tyler-Ranch übernahmen Slim, Jess und Ken diese Arbeit überwiegend selber. Slim war sehr darauf bedacht, dass seine Tiere nicht durch zu langes, hartes Aufdrücken des glühenden Eisens unnötige Schmerzen erlitten; allerdings musste es andererseits aber doch so geschehen, dass das entsprechende Tier durch den Brand lebenslang seinem Besitzer zuzuordnen war.

Eigentlich war der Rancher im Moment trotz der vielen Arbeit sehr zufrieden mit allem – alles lief seinen gewohnten Gang. Und während des Round ups würde sich Benny in routinierter Weise um die alltäglichen Dinge auf der Ranch kümmern. Dazu gehörte auch das Wechseln der Teams der Postkutschenpferde, denn immer noch diente die Tyler-Ranch der Stagecoachline als Poststation. Auch wenn diese früher hoch willkommene Nebeneinnahme, die den mehr als einmal drohenden Ruin der damals noch eher ärmlichen Ranch verhinderte, nicht mehr notwendig war, stellte sich für Slim nie die Frage, diesen Dienst einzustellen. Die Tyler-Ranch gehörte als letzte Station auf der Fahrt von Cheyenne nach Laramie einfach dazu, und es war natürlich immer sehr interessant, von Kutschern und Passagieren Neuigkeiten aus anderen Regionen zu erfahren.

„Und über was müssen wir reden?“, erwiderte Tyler. Deutlich klang Unmut über die unerwartete Unterbrechung der Tagesroutine aus seiner Stimme.

„Über meine Arbeit.“

„Was gibt es darüber zu reden? Es läuft doch alles prima. Und ich glaube, du weißt, dass ich mit dir sehr zufrieden bin, sonst hätte ich es dir schon gesagt.“

Der Junge starrte noch immer auf seinen Teller. „Ja, DU bist zufrieden, Slim. Hast du dich schon je gefragt, ob ich auch zufrieden bin?“

Jess bemerkte mit ziemlichem Unbehagen, wie der eben noch freundliche Gesichtsausdruck des Ranchers einer Miene wich, die nichts Gutes verhieß. Und Jess musste zugeben, dass ihn Bennys Bemerkung genauso unangenehm berührte wie Slim. Yates wusste, wie aufbrausend sein Freund werden konnte, auch wenn er in solchen Situationen fast nie laut wurde. So war es auch jetzt: Tyler wurde nicht laut, aber seine Stimme bekam einen harten Unterton, als er erwiderte: „Was willst du damit sagen? Willst du mehr Lohn, oder was?“

Ohne den Blick zu heben, antwortete Benny: „Nein, Slim. Ich will nicht mehr Lohn. Ich will nur einfach nicht mehr immer nur den ‚Innendienst‘ hier machen. Ich will, genau wie ihr, die weit entlegenen Zäune kontrollieren, ich will bei der Herde arbeiten, ich will endlich meine Waffe auch in der Stadt tragen dürfen und vor allem: Ich will dieses Mal beim Round up dabei sein!“

Slim blähte die Flügel seiner scharf geschnittenen Nase und atmete hörbar aus. „Das ist eine ganze Menge von ‚ich will‘ auf einmal für einen Jungen“, erwiderte er und seine Stimme klang, ohne dass er lauter wurde, scharf und drohend, als er fortfuhr: „Jetzt will ich dir sagen, was ich will. Ich will, dass diese Ranch läuft. Ich will, dass das Leben wieder einen gewohnten Gang geht. Du erinnerst dich vielleicht – Jess und ich hatten vor gar nicht allzu langer Zeit mehr als genug Trouble in New Mexico und anschließend auch hier mit diesem El Rey. Und ich will und erwarte, dass jeder auf dieser Ranch exakt den Job erledigt, für den ich ihn eingeteilt habe.“

Über Yates’ Gesicht zog ein unmerkliches Feixen. Genau so und nicht anders hatte er Slims Reaktion erwartet und normalerweise wäre damit das Gespräch beendet gewesen – normalerweise, aber nicht in diesem Fall. Die Tatsache, dass Tyler nun noch weitersprach, und vor allem – wie er weitersprach, bewies, wie viel Benny ihm bedeutete. Mit erstaunlicher Ruhe und Gelassenheit fügte der große Mann hinzu: „Ich kann dich in gewisser Weise sogar verstehen. Aber versteh du auch, dass es im Moment nicht der richtige Zeitpunkt ist, darüber zu reden. Du hast gerade selber das Round up erwähnt und du weißt, dass jeder von uns noch mehr Arbeit hat als sonst. So ein Ranchbetrieb steht und fällt mit Leuten, auf die Verlass ist. Dazu gehört auch der Mann im – so, wie du es nennst – ‚Innendienst‘. Ohne den geht es genauso wenig wie ohne die anderen – jeder an seinem optimalen Platz.“ Dann setzte er in einem versöhnlichen Ton hinzu: „Und du hast dich doch wirklich bei deinen Arbeiten bewährt. Wer soll sie denn machen, wenn du nicht hier bist? Wo soll ich so schnell einen anderen zuverlässigen Mann hernehmen? Sie sind alle für das Round up eingeteilt.“

„Ja genau, Slim“, kam es nun von Benny. Er hob den Kopf und blickte Tyler voll in die Augen. „DU planst, DU teilst ein. Hättest du nicht vorher einmal sagen können: ‚Ben, du bist jetzt alt genug, du kommst dieses Mal mit zum Round up?‘“

Der Rancher sog scharf die Luft ein – ein untrügliches Zeichen nun wirklich aufkommenden Ärgers. Die Adern an seinem Hals schwollen und das Blau seiner Augen veränderte sich. Es schien beinahe so, als zögen dunkle Wolken in ihnen auf. Von der Versöhnlichkeit in seiner Stimme war nichts mehr zu spüren, als er scharf erwiderte: „Ja. ICH plane, ICH teile ein. Du erinnerst dich vielleicht – dies ist MEINE Ranch! Und ich habe dich dieses Mal noch nicht für das Round up eingeteilt – ganz bewusst nicht. Wie ich eben schon sagte – Jess und ich hatten eine ganze Menge Trouble in letzter Zeit und ich bin einfach froh, wenn jetzt mal eine Zeit lang alles routinemäßig läuft. Dazu gehört auch, dass man die Dinge so lässt, wie sie sich bewährt haben – dazu gehört eben auch ein zuverlässiger, bewährter Mann im ‚Innendienst‘. Aber wahrscheinlich kannst du dir das nicht vorstellen, sonst würdest du nicht ausgerechnet jetzt mit deinem ‚Ich will, ich will, ich will‘ kommen!“

„Slim“, entgegnete der Junge, „du hast schon recht. Aber wir könnten es doch einfach so machen, dass ich dieses Mal mit zum Round up komme. Ich bin mir sicher, dass sich für mich hier Ersatz findet. Und nach dem Round up bekomme ich andere Aufgaben auf der Ranch als eben nur den ‚Innendienst‘.“

Er kannte den Rancher lange, aber er kannte ihn wohl doch noch nicht lange genug und nicht gut genug, um zu wissen, dass es absolut keinen Sinn machte, ihm mit Vorschlägen zu kommen. Die Chance war vorbei und entsprechend fiel Tylers Antwort aus: „Wir machen es so, wie ich es geplant habe. No arguments, Benny.“

Wieder erhob Slim kaum die Stimme, aber sein Tonfall war so bestimmt, so bestimmend, dass es nun wirklich keine Diskussionen mehr geben konnte. Selbst Jess Yates hatte seine entsprechenden Erfahrungen damit und ein leichtes, angedeutetes Grinsen huschte erneut über das maskuline, markante Gesicht des Texaners. Umso mehr überraschte es Jess, als er noch einmal Bennys Stimme vernahm.

„Okay, Slim. Wo wir gerade beim ‚ich will‘ sind: Dann will ich meinen ausstehenden Lohn zum Monatsende, weil ich die Ranch verlasse. Und – mein Name ist Ben. Nicht Benny.“

Tyler und Yates erstarrten. Jess schaute Slim fragend und gespannt auf seine Reaktion an. Der blieb äußerlich ganz ruhig, als er erwiderte: „Ganz wie du meinst. Es ist dein Entschluss. Und bis dahin erwarte ich, dass du in der gewohnten Weise weiterarbeitest.“

Gerade in diesem Moment kam Violet Copperfield die Treppe hinab. Sie hatte den letzten Teil der Debatte mitbekommen und schaute fassungslos, den Tränen nahe, von einem zum anderen. „Das ist doch wohl nicht wahr, was ich da gerade höre“, meinte sie und ihre Stimme zitterte leicht. Wie um Hilfe suchend blickte sie zu Jess hinüber, der von den dreien, die für sie alle wie ihre eigenen Söhne waren, so eine Art „Lieblingssohn“ darstellte.

Yates bemerkte, wie alle Farbe aus Violets Gesicht wich und war auch schon bei ihr, um sie zu stützen, als sie begann leicht zu wanken. Behutsam geleitete er sie zum Tisch.

„Doch, es ist wahr, Violet“, meinte der Texaner. „Manches Mal kann man nicht verstehen, wie schnell sich die Dinge ändern.“

Nun kamen auch Susan und Diana hinunter. „Was ist passiert?“, fragten die beiden wie aus einem Mund – so, wie es eben nur Zwillinge können.

„Ich verlasse die Ranch zum Monatsende“, meinte Benny knapp, dann ging er hinaus, um sich seiner Arbeit zu widmen. Mit kurzen Worten erklärte Jess den Vorfall und sagte schließlich: „Ich muss nun auch los und mich um die Arbeiter kümmern. Eigentlich wollte ich ja ab heute draußen auf dem Weideland bleiben. Es gibt noch eine Menge für das Round up vorzubereiten und die Leute erwarten das auch so von einem Vormann. Aber ich komme heute Abend noch mal zurück und versuche mit Benny zu reden.“

Violet warf ihm einen dankbaren Blick zu.

Susan wandte sich an ihren Mann: „Jess, ich habe an sich geplant, heute zur Carpenter-Ranch zu reiten, eben weil du sagtest, du bleibst von heute an auf den Weiden, bis das Round up vorbei ist … Ich wollte nachsehen, ob Clarissa wieder gewachsen ist und auch ein bisschen in der Bibliothek herumstöbern.“

Über Yates’ Gesicht huschte für einen Moment lang so etwas wie Enttäuschung, aber er erwiderte rasch: „Na klar – okay, Susie. Komm, ich sattle dir Fairy.“

Eigentlich pflegte Jess in solchen Situationen zu sagen: „Komm, ich sattle dir Fairy und begleite dich noch ein Stück“, aber der Disput mit Benny setzte dem Texaner spürbar zu, so dass er für sich allein seinen Gedanken nachhängen wollte.

Susan ging zu Violet hinüber, um sich zu verabschieden. Dabei fragte sie: „Kann ich denn mit gutem Gewissen reiten oder soll ich lieber noch ein bisschen hierbleiben, bis es dir wieder besser geht?“

Violet schüttelte den Kopf und drückte Susan liebevoll. „Reite nur, Kind. Es geht schon. Außerdem ist Diana ja hier und gleich wird auch Josy kommen.“

Susan streichelte der Älteren liebevoll über die Wange. „Pass auf dich auf, Violet. Bis bald!“

Tyler meinte: „Ich schaue noch mal nach den Jungpferden auf der westlichen Koppel. Nach dem Mittagessen komme ich dann zum Round up-Gelände hinüber. Ich denke, bald kann dort alles wie geplant starten.“

So geschah es und gegen Abend ritten Slim und Jess zurück zur Ranch. Alles war problemlos verlaufen und Tylers Laune entsprechend gut. Der unschöne Vorfall mit Benny fand momentan keinen Platz mehr in seinen Gedanken. Als die beiden Freunde eintrafen, pflegte der Junge gerade die Hufe eines der Kutschpferde und alles schien so vertraut wie immer. Tyler und Yates grüßten kurz, dann stiegen sie ab. Der Rancher verschwand im Haus und Jess ging zu Benny hinüber.

„Na, Tiger, wie war dein Tag?“, fragte er freundlich. Seit dem ersten Tag, an dem Benny zu ihnen auf die Ranch kam, nannte der Texaner den Jungen oftmals so, und der liebte diesen Namen nahezu.

Nun aber erwiderte er kratzbürstig: „Jess, du weißt, wie sehr ich dich mag. Aber was ich heute Morgen versucht habe klarzumachen, ist: Ich bin kein Kind mehr. Ich heiße Ben, schlicht und einfach Ben. Nicht Benny, nicht Kiddy, nicht Tiger.“

„Okay“, erwiderte der Texaner, „ich werde versuchen, mich daran zu gewöhnen. Ich kann dir allerdings nicht versprechen, dass es mir gelingt. Nicht sofort jedenfalls. Aber nun ein paar Worte zu heute Morgen. Ich kann, genau wie Slim auch, verstehen, was du möchtest. Aber ich bin, genau wie Slim, der Meinung, dass du den Zeitpunkt, uns das zu sagen, nicht gerade günstig gewählt hast. Klar kannst du demnächst beim Round up helfen. Erfahrungen im calf roping hast du genug, wie ein Flanker arbeitet, weißt du ebenfalls, und du bist in beidem wirklich geschickt. Aber dieses Mal war die Zeit einfach zu knapp, um neu zu planen. Slim hat völlig recht – wo soll er so schnell jemanden als Ersatz für deine übliche Arbeit hier herbekommen?“

Jess hatte gehofft, seinen an sich recht großen Einfluss auf Benny einbringen zu können – vergebens. Der Junge blieb stur und wortkarg. Die Unterhaltung endete mit Bennys Worten: „Jess, gib dir keine Mühe. Wenn ich nicht dieses Mal beim Round up dabei bin, verlasse ich zum Monatsende die Ranch.“

Yates wandte sich ab. Er wusste, dass Benny gehen würde, denn der Junge hatte eine Menge von seinen beiden Ziehvätern in seinem Verhalten übernommen – dazu gehörte auch manches Mal eine gewisse Dickköpfigkeit, die sehr an Slim erinnerte. Und Jess wusste auch, Slim ließ sich ganz sicher nicht erpressen. Fazit – Benny würde gehen, müsste gehen. Der Gedanke daran verursachte so etwas wie einen Krampf in seiner Magengegend.

In einem günstigen Moment vor dem Abendessen erzählte Yates Tyler den Verlauf des Gespräches mit dem Jungen. Die Züge des Ranchers verhärteten sich und er erwiderte scheinbar emotionslos: „Wie ich heute Morgen schon sagte: Es ist sein Entschluss. Er will es so. Und glaube mir, Jess – ich hasse es, ihn gehen zu lassen, und es versetzt mir mehr als einen Stich ins Herz. Aber ich lasse mich nicht erpressen.“

Yates wusste, dass es keinen Sinn machte, das Gespräch fortzuführen. Zu genau kannte er Slims Sturheit – er wusste, wie der Rancher auf Kränkungen reagierte, und die Antwort, die er gerade bekam, hatte er genau in dieser Form erwartet.

Die Stimmung beim Essen war gedrückt; nichts von der üblichen lockeren Unterhaltung und den Erzählungen des Alltagsgeschehens kam auf. Josy und Violet deckten bald den Tisch ab und Josy machte sich gleich nach dem Abwasch auf den Rückweg zu ihrem Häuschen. Violet zog sich mit einer Strickarbeit in ihr Zimmer zurück, Benny verschwand mit einem Buch.

Diana meinte: „Slim, ich würde auch gerne morgen zur Carpenter-Ranch reiten. Ich denke, du bist während des Round ups mehr als beschäftigt, da merkst du gar nicht, wenn ich nicht da bin.“

Der Rancher stand auf. Normalerweise blitzte in solchen Situationen meist ein wenig von seinem Charme auf und es folgte eine Bemerkung wie: „Du weißt gar nicht, wie nahe du mir in jeder Sekunde bist – immer und überall – auch beim Round up. Und du hast recht – es wird eine anstrengende Zeit, da sollten wir lieber zeitig zu Bett gehen.“

Dieses Mal war es anders. Slim antwortete einfach nur: „Ja, Liebes. Das kann ich verstehen. Wenn du magst, geh ruhig schon zu Bett. Ich schaue noch mal kurz in die Journale für die Stagecoachline – während des Round ups werde ich keine Gelegenheit dazu haben.“

Die Frau spürte, wie nahe dem Rancher die Sache mit Benny ging, aber auch sie wusste, dass nichts und niemand ihn zu einem Einlenken bewegen konnte.

Früh am nächsten Morgen machten sich die beiden Freunde wieder auf den Weg zum Round up-Gelände und bald lag die endlos scheinende, weite Grasebene – ein Teil des besten „Wyoming Cattle Land“ überhaupt – vor ihnen. Die Zahl der schon eingetriebenen Rinder war beachtlich – die Tyler-Herde zählte inzwischen zu einer der größten Wyomings und ihre Qualität und Gesundheit genossen den besten Ruf. Auf einem Hügel hielten die Männer kurz an und ließen ihren Blick über das Bild schweifen, das sich ihnen bot. Ja, ihre harte Arbeit hatte sich ausgezahlt. Zufrieden ritten sie das letzte kleine Stück des Wegs.

Die Cowpuncher, zu denen inzwischen auch von Round up zu Round up ziehende Spezialisten für diese Arbeiten gestoßen waren, hatten gerade ihr Frühstück beendet und tranken noch einen Kaffee, bevor die tägliche Arbeit begann. Slim und Jess stiegen von den Pferden, um die Männer zu begrüßen – besonders herzlich einen, der mit Abstand deutlich älter war als die übrigen. Er hieß Joshua Hendricks und galt als einer der geschicktesten als „Flanker“ arbeitenden Leute, denen sie jemals begegneten. Tyler kannte ihn schon seit Kindertagen – bereits bei der Herde seines Vaters war Hendricks als Helfer beim Round up nicht wegzudenken und seitdem Jahr um Jahr dabei.

„Schön, dass du auch wieder mit von der Partie bist, Josh“, meinte Slim und klopfte ihm zur Begrüßung leicht auf die Schulter.

„Ja, ich freue mich auch, Junge“, erwiderte Joshua. „Besonders freut es mich jedes Mal zu sehen, wie deine Herde und deine Ranch wachsen. Mann, wenn das deine Eltern noch erlebt hätten!“

Obwohl der Tod seiner Eltern nun schon ein paar Jahre her war, spürte Slim bei dieser Bemerkung so etwas wie einen Kloß im Hals. Ja, seine Eltern wären sicherlich stolz auf ihn gewesen und er selber war es auch. Allerdings erfüllte ihn keine Art von überheblichem Stolz, sondern eher eine tiefe innere Zufriedenheit.

„Kommt, wir trinken noch einen Kaffee zusammen, dann fangen wir an“, meinte Tyler, „das Feuer sieht ja schon gut aus.“ Dann wandte er sich an Jess: „Ich bin mal gespannt, wann Ken und Joe Winters mit den Tieren von der nördlichen Koppel kommen. Eigentlich hatte ich schon gestern mit ihnen gerechnet, und spätestens heute gegen Mittag müssten sie hier sein.“

„Yeah“, dehnte Jess, „aber auch ohne die haben wir Arbeit genug. Ich denke, wir haben alleine mit den Tieren hier gut drei Tage oder auch mehr zu tun.“

Slims Antwort war eines seiner kurzen, typischen, knappen Jas. Das Frühstück auf der Tyler-Ranch glich an diesem Morgen in keiner Weise dem sonst dort üblichen. Zwar bereitete Violet es gewohnt liebevoll, aber weder Benny noch Diana zeigten besonderen Appetit – und auch der lieben Seele der Ranch selber mundete es nicht sonderlich. Die Stimmung schien irgendwie sehr gedämpft. Daran änderte sich auch nichts, als Josy dazukam und die täglichen Arbeiten in Angriff genommen wurden. Meist entwickelten sich zwischen den Frauen in gelöster Laune rasch Gespräche um alle Dinge dieser Welt, aber an diesem Tag kam nichts davon auf. Der Ärger des Vortages hing nahezu greifbar im Raum und Diana spürte so etwas wie Erleichterung, als sie endlich gegen Mittag in Spellbound Snowflakes Sattel saß, um in Richtung Carpenter-Ranch zu reiten. In der Atmosphäre dort und in der angenehmen, fröhlichen Gesellschaft ihrer Familie käme sie sicher bald auf andere Gedanken.

Sie genoss den Ritt dorthin, genoss die Strahlen der milden Spätsommersonne auf ihrem Rücken, die die Landschaft in ein weiches Licht tauchten. Vor ihr lag der geradezu einladende Weg, gesäumt von weiten, nur ab und zu durch ein paar Büsche oder Baumgruppen unterbrochenen Grasflächen, die es dem Blick erlaubten, nahezu ungehindert bis hin zu den Bergketten zu schweifen. Diana atmete tief durch und sie spürte einmal mehr, wie sehr sie dieses Land inzwischen liebte, das so ganz anders war als Tennessee – wilder, ursprünglicher, freier. Und so sehr sie sich auch auf die Carpenter-Ranch freute – irgendwie wünschte sie sich, dieser Ritt würde noch endlos weitergehen.

Nach einiger Zeit veränderte sich die Landschaft – die Bergketten begannen die Weite der Ebene einzuengen. Bald käme sie an eine Stelle, an der sie durch eine tiefe Schlucht reiten würde, um danach wieder hinausstürmen zu können in die erneut weiter werdenden Plains.

Eine Bewegung an einer der Bergflanken riss sie aus ihren Gedanken. Gespannt schaute sie hinüber. Über einem Geröllhang, der am Talboden in einer sachten Fläche in das Gras der Plains überging, zogen mächtige dunkle Vögel ihre Kreise – Geier. Einige von ihnen saßen bereits in einer Baumgruppe, andere hüpften mit federnden Sprüngen am Boden umher, um sich wohl an einem ziemlich großen verendeten Tier ihre Mahlzeit zu holen. Diana wurde neugierig. Nein, sie war keine richtige Rancherfrau, aber sie teilte doch alles, von dem sie glaubte, dass es Slim interessierte, mit ihm. Und sie wusste – es würde ihn sicher interessieren, was für ein Tier dieser Größe dort verendet lag. So ganz behagte ihr der Gedanke an den Anblick eines Kadavers, an dem die Geier sicherlich schon ihre Arbeit begonnen hatten, natürlich nicht, und so beschloss sie, eben nur so weit dort hinzureiten, bis sie erkennen konnte, was es war. Details würde sie sich ersparen.

Als die dunklen Vögel Diana entdeckten, flogen sie auf und ließen sich, ihre Beute genau im Auge haltend, in ein paar Bäumen nieder.

Aufgrund der Fellfarbe des Kadavers glaubte die Frau zunächst, es sei ein Wapiti, doch rasch wurde ihr klar, dass es Wapitis dieser Größe nicht gab. Inzwischen war sie so nahe, um Details, die sie eigentlich gar nicht sehen wollte, erkennen zu können, und sie zuckte zusammen. Was da lag, war ein Pferd – ein kräftiger Palomino. Obwohl es ihr widerstrebte, schaute sie genauer hin – und nun erschrak sie heftig. Diana kannte das Tier nur zu gut. Kein Zweifel, dort lag Columbus, der Wallach Ken Browns. Seine Gliedmaßen und auch sein Hals schienen seltsam verdreht. Fragen über Fragen schossen der Frau durch den Kopf. Wie kam Columbus hierher? Warum trug er weder Sattel noch Zaumzeug noch einen Ausrüstungsgegenstand? Wollte Ken nicht zusammen mit Joe Winters einen Teil der Herde zum Round up-Gelände treiben?

Diana atmete tief durch. Sie blickte den Geröllhang hinauf. Slim hatte sie gelehrt, Spuren zu lesen, aber das wäre gar nicht nötig gewesen, um die breite Spur, die ein den Hang hinabrutschendes Pferd hinterließ, zu erkennen. Was war geschehen?

Da blieb ihr Blick an irgendetwas Ungewöhnlichem, das Grau des Gerölls Unterbrechendem hängen. Sie traute ihren Augen nicht – dort oben lag ein Mensch. Dianas Herz tat einen gewaltigen Sprung. Wenn hier unten Columbus lag, dann wäre … Sie wagte es nicht, diesen Gedanken zu Ende zu denken. Rasch trieb sie ihre falbfarbene Stute Spellbound, die sie zärtlich wegen des kleinen weißen Abzeichens auf der Stirn auch „Snowflake“ nannte, voran. Die Frau wusste, dass nicht weit von der Stelle, an der sie sich gerade befand, ein schmaler Pfad nach oben in die wild zerklüfteten, unwegsamen Berge führte. Vielleicht war Columbus von dort aus, aus welchem Grund auch immer, den Hang hinuntergestürzt, und vielleicht konnte sie von dort aus besser zu dem Menschen, der dort oben im Geröll lag, gelangen als von hier unten her …

Rasch erreichte Diana den Anfang des steil nach oben führenden Pfades. Als sie sah, wie schmal er war, verhielt sie einen Moment. Die Männer von der Tyler-Ranch erzählten manches Mal von diesem engen Weg in die Berge hinauf, und aus ihren Erzählungen klang Respekt vor der Wildnis der Natur und ihrer schroffen Unnahbarkeit hier oben. Die Frau überlegte fieberhaft. Dort oben lag offensichtlich ein Mensch, der, falls er noch lebte, sicherlich rasch Hilfe benötigte. Sollte sie es aber selber wagen, hinaufzureiten, oder sollte sie lieber so schnell wie möglich Hilfe von der Carpenter-Ranch holen? Sicher, sie war eine ausgezeichnete Reiterin und sie war schon oft mit Slim auch in den unwegsamen Teilen seines Landes unterwegs – aber nun – so ganz alleine? Doch dann vergegenwärtigte sie sich, dass Spellbound Snowflake ein Mustang war, ein äußerst trittsicheres Pferd mit allen Instinkten eines Wildtieres und einem unglaublichen Gespür für Gefahr. Die Wahrscheinlichkeit, dass es vom Weg, und sei er noch so eng, abkommen würde, war sehr gering, wenn sie selber keinen Fehler beging. Und so lenkte sie schließlich beherzt Spellbound auf den schmalen Pfad, trieb sie vorsichtig, langsam, ohne sie mit den Zügeln zu dirigieren, voran. Und Spellbound spürte, was von ihr verlangt wurde. Ohne zu zögern, aber auch ohne besondere Eile, folgte sie sicher dem Weg.

Nach einer Weile erreichte Diana die Stelle, von der aus Columbus wohl abgestürzt war. Sie hielt an, stieg vom Pferd, näherte sich vorsichtig der steil abfallenden Wegkante und blickte hinab. Sofort entdeckte sie den Menschen, den sie von der Talsohle aus gesehen hatte. Die Frau zuckte zusammen – dort lag tatsächlich Ken und er war – bis auf sein Unterzeug – unbekleidet! Gedanken schossen ihr durch den Kopf. Was war passiert? Wenn Columbus von hier aus abgestürzt war, während Brown ihn ritt – warum trug das Pferd dann weder Sattel noch Zaumzeug und warum hatte Ken nur sein Unterzeug an?

Ein paar Tage später machte sich der Rancher noch einmal auf in das Gebiet der Cheyenne. Erstens wollte er sich nach dem Zustand seines roten Bruders erkundigen und zweitens wollte er gerne die ihm gestohlenen Rinder wiederhaben. Ja, und natürlich hatte er Jonathan versprochen, ihm Braveheart zurückzubringen.

Es war wie immer, wenn er das Indianerland erreichte – plötzlich, wie aus dem Boden gestampft, umzingelten ihn die Cheyenne. Der Griff nach dem Totem auf der Brust war ebenso obligatorisch wie das Zeichen der indianischen Krieger, dass es nicht notwendig war, es ihnen zu zeigen. Und dieses Mal war wirklich alles so wie früher – sämtliche Cheyenne waren Tyler wohlgesonnen und geleiteten ihn rasch zum Tipi ihres Häuptlings.

Slims Herz tat einen freudigen Hüpfer, als er „Flying Cloud“ in gewohnter Weise vor dem Zelt sitzen sah. Der Häuptling stand auf, um seinen weißen Bruder überaus freundlich zu begrüßen, dann lud er ihn mit einer Geste ein, sich gemeinsam mit ihm niederzulassen.

Nach dem üblichen Austausch von Höflichkeiten sagte Tyler: „Mein Bruder, ich freue mich, dich so guter Dinge und wohl auch gesund zu sehen!“

„Ja, mein Bruder“, erwiderte „Flying Cloud“, „unser Medizinmann hat mich geheilt. Und auch das Böse ist von unserem Stamm gewichen. Ich bin dir sehr dankbar dafür, dass du einmal mehr das Leben meines Sohnes und auch das meine gerettet hast. Ganz besonders aber danke ich dir von Herzen, dass du mein Volk vor der Verblendung durch ‚Morning Star‘, den ich nicht mehr länger als meinen Bruder bezeichne, bewahrt hast. Sage mir, wie ich mich erkenntlich zeigen kann – ich erfülle dir jeden Wunsch, den ich dir erfüllen kann.“

„Nun“, erwiderte Slim ruhig, „das, was ich getan habe, war für mich selbstverständlich. Aber ‚Morning Star‘ und seine Leute haben dem weißen Mann viel gestohlen. Vieh – und auch zwei Pferde. Eines gehörte einem meiner Arbeiter, den sie getötet haben, das zweite meinem Freund Jonathan Carpenter. Außerdem haben sie das Pferd meines zweiten Vormanns getötet und seinen wertvollen Sattel gestohlen … All das möchte ich zurückhaben.“

„Flying Cloud“ nickte bedächtig. „Mein Bruder, die Schande, die der Mann mit Namen ‚Morning Star‘ über den Stamm der Cheyenne brachte, ist groß. Selbstverständlich bekommst du dein Vieh zurück – ich habe es schon in die Richtung deines Landes treiben lassen, und natürlich helfen dir meine Krieger, es zurückzubringen. Was die Pferde und den Sattel betrifft … ‚Morning Star‘ und seine Getreuen haben sehr schnell unseren Stamm verlassen und ausgerechnet diese Pferde und auch den Sattel mitgenommen. Ich weiß, dass ich all den Schaden und auch das Leid nicht wiedergutmachen kann, aber nimm als Zeichen des guten Willens der Cheyenne zwanzig unserer besten Pferde – oder auch mehr. Dazu kannst du Decken und Felle haben … oder was immer du gebrauchen kannst!“

„Ich danke dir für dein Angebot, mein Bruder“, erwiderte Slim freundlich. „Ich will nicht mehr, als mir zusteht. Gib mir drei gute Pferde, ein paar Felle und vielleicht etwas Silberschmuck für die Braut des Mannes, dessen Sattel gestohlen und der durch ‚Morning Stars‘ Pfeil schwer verletzt wurde.“

„Was immer du willst“, gab der Häuptling zur Antwort. „Lass uns zu der Weide reiten, auf der unsere Pferde stehen. Such dir aus, was dir gefällt – und wie gesagt, du kannst zwanzig oder auch mehr bekommen! Und warte noch einen Moment!“

Mit diesen Worten verschwand „Flying Cloud“ in seinem Tipi, um mit reichlich Silberschmuck zurückzukommen. Tyler wählte eine apart gearbeitete Halskette aus.

Dann ritten die beiden Blutsbrüder zu der Stelle, auf der die Pferde der Cheyenne weideten. Die Indianer besaßen wirklich ausnehmend gute Tiere und sie besaßen sie in vielen Farben. Dem Rancher fiel direkt ein herrlicher, kräftiger Wallach in der seltenen Farbe „blue roan“ auf, und sofort sah er vor seinem geistigen Auge seinen zweiten Vormann Ken Brown dieses Pferd reiten.

„Könnte ich auch das da bekommen?“, fragte Tyler.

„Du kannst jedes von ihnen bekommen – du hast mein Wort.“

***

Als der Arbeiter der Carpenter-Ranch Josy vor ein paar Tagen die Nachricht von dem Verbrechen an Ken überbrachte, war das für sie ein tiefer Schock. Selbstverständlich bestand Violet darauf, dass die junge Frau sofort zu ihm reiten und sich um ihn kümmern sollte. Josy hetzte Buddy, ihren zierlichen Wallach, geradezu zu dem kleinen Häuschen in den Bergen und stürmte hinein. Der zweite Vormann der Tyler-Ranch lag, sorgfältig zugedeckt, in der Schlafkammer auf dem kuscheligen Doppelbett. Wasser, Milch und ein paar belegte Brote auf dem Nachttisch zeugten davon, dass Mick wirklich bestens für Ken gesorgt hatte. Josy eilte zu ihm, setzte sich vorsichtig neben ihn und ergriff seine Hand.

„Ken, Liebling. Was machst du denn für Sachen!“, sagte sie liebevoll und fügte besorgt hinzu: „Hast du schlimme Schmerzen?“

„Ich habe zwar ziemliche Schmerzen, aber es lässt sich aushalten, wenn ich ruhig liege“, erwiderte Ken.

„Ach, Liebster, ich bin so froh, dass du noch lebst. Kannst du – willst du mir erzählen, was passiert ist? Ich habe bisher nur Andeutungen gehört. Natürlich nur, wenn du dich kräftig genug fühlst und wenn es dich nicht zu sehr belastet …“

Ein Klopfen an der Tür hinderte Brown daran, den Vorfall zu schildern. Es war tatsächlich schon Doc Brewster, der mit einem freundlichen „Hallo, ihr beiden!“ eintrat. „Na, Ken, du machst ja Sachen“, meinte er. „Dann lass mal sehen. Zuerst schaue ich mir dein Bein an, anschließend die Pfeilwunde.“

Er untersuchte seinen Patienten und hielt ihm dann eine flache Flasche mit einer bräunlichen Flüssigkeit entgegen.

„Komm, Junge, nimm einen Schluck Laudanum. Ich muss ein bisschen in der Pfeilwunde herumpuhlen, und das Zeugs hier macht es erträglicher“, meinte er lächelnd.

Brown fragte: „Darf ich, wenn der Laudanumrausch vorbei ist, aufstehen, um … nun ja, um notwendige Dinge zu erledigen?“

Doc Brewster verstand, was Ken meinte, und erwiderte lächelnd: „Ja, das darfst du. Du musst auch nicht großartig Bettruhe halten. Du kannst jederzeit, wenn du dich kräftig genug fühlst, aufstehen. Allerdings solltest du es nicht übertreiben und auf deinen Körper hören. Lass dich schön von Josy pflegen, dann wird es schon wieder. Sollte sich aber die Wunde verschlimmern, dann schickt sofort nach mir!“

Die letzten Worte hörte Brown schon nicht mehr – er war in eine Art Dämmerzustand hinübergeglitten. Das Laudanum zeigte seine Wirkung.

Der Arzt reinigte die Pfeilwunde gründlich und meinte dann zu Josy: „Wenn es keine Infektion gibt, bin ich sehr zufrieden mit seinem Zustand. Das Wichtigste, was Ken nun braucht, ist Ruhe. Er muss sich schonen, auch wenn ihm das schwerfällt. Ich will nichts versprechen, aber wenn er ganz großes Glück hat, kann er bald wieder arbeiten und sich vielleicht sogar schon beim Round up der Carpenters nützlich machen.“

„Oh, Doc, das wäre ja wunderbar“, erwiderte Josy dankbar. „Darüber wird er sich bestimmt freuen.“

Der Arzt verabschiedete sich freundlich.

Josy holte einen Stuhl und rückte ihn neben das Bett. Zärtlich nahm sie Kens Hände, schmiegte ihren Kopf auf seine Brust und schlummerte ein wenig, bis bei ihm die Wirkung des Betäubungsmittels nachließ.

Brown bemerkte erfreut ihre Nähe und streichelte Josy liebevoll übers Haar.

Die junge Frau fragte: „Wie fühlst du dich?“

„An meinem Körper spüre ich nicht viel, das Laudanum wirkt wohl noch“, kam es – ein wenig schwach – von Ken. Dann fuhr er fort: „Das, was mich wirklich schmerzt, ist die Sache mit Columbus. Er war etwas ganz Besonderes – für mich gab es keinen Besseren als ihn.“ Der Blick des Mannes verschleierte sich. Dann fügte er – durch die Wirkung des Laudanums immer noch in einer Art realitätsfernem Dämmerzustand – leise hinzu: „Und ich wollte wenigstens noch einmal bis zum Yellowstone-Park mit ihm.“

Damit schlief er wieder ein.

Josy zuckte zusammen. Sollte das der Grund für Browns Veränderung sein – der Grund dafür, dass er nicht mehr von Heirat sprach? Die junge Frau erinnerte sich daran, dass sie vor nicht allzu langer Zeit zufällig Zeuge eines Gesprächs zwischen ihm und Jess wurde, in dem sich die beiden darüber unterhielten, wo sie schon überall waren. Ken meinte damals, dass er vielleicht doch noch einmal völlig frei durch das weite Land ziehen wollte. Und Josy wusste auch, dass Ken damals, als er sie in Miners Hope fand, auf dem Weg zum Yellowstone-Park war …

Nachdenklich stand sie auf und ging in die Küche, um ein paar Dinge zu erledigen. In den nächsten Tagen verhielt sie sich Brown gegenüber still und reserviert, aber das fiel ihm nicht weiter auf, weil er viel ruhen musste, um zu genesen.

***

Es dauerte in der Tat nicht lange, bis Ken wieder gesund war. Die Pfeilwunde heilte schnell und ohne Komplikationen, lediglich sein Bein schmerzte, wenn er zu lange im Sattel war. Gegen Ende des Carpenter-Round ups war er so weit wieder fit, dass er sich dort nützlich machte, wo er nur konnte, und bald war auch dort diese Arbeit erledigt. Kenneth ritt während seiner Arbeiten eines seiner eigenen Pferde, einen ausdauernden Braunen namens Filou, und er war auch wirklich zufrieden mit ihm. Allerdings hatte er nun einmal ein Faible für Pferde mit ausgefallenen Farben, und so sagte er eines Abends zu Josy, als sie vor dem Schlafengehen noch ein wenig gemütlich zusammensaßen: „Immer wenn ich Filou absattle, denke ich an Columbus. Ich vermisse ihn so.“

Josy konnte sich gut in Browns Lage versetzen und wagte sich kaum vorzustellen, wie es ihr ginge, wenn sie ihren Buddy verlöre. Wirklich mitfühlend erwiderte sie: „Es tut mir auch sehr leid um Columbus. Er war in der Tat etwas ganz Besonderes. Aber du wirst irgendwann einen würdigen Nachfolger finden. In Slims Herde gibt es doch genug Auswahl, und wenn du Freude an einem speziellen Tier hast, dann werden wir es uns schon leisten können.“

Ken nickte zustimmend und meinte „Ich will morgen Früh mit Jess ohnehin zur Südweide, dort stehen ja die besten Tyler-Pferde – auch Sunset. Das ist mein absoluter Favorit. Vielleicht verkaufen Slim und Jess ihn mir ja.“

Josy erwiderte: „So, wie ich aber vor allem Jess verstanden habe, will er Sunset für sich selber behalten.“ Und dann fügte sie, ein wenig übermütig, ein wenig provokant, hinzu: „Sunset soll zur Zucht auf der Ranch bleiben. Ich glaube nicht, dass er ihn dir gibt, um zum Yellowstone zu reiten …“ Die junge Frau hoffte auf eine ganz bestimmte Antwort von Ken. Sie wollte hören, was sie denn da für einen Unsinn rede und wie sie auf die Idee mit dem Yellowstone käme.

Kens Antwort fiel jedoch völlig anders aus als erwartet, denn der Mann lachte leicht auf und sagte: „Mal sehen, was Slim für ihn haben will.“ Dann fügte er schelmisch lächelnd hinzu „Ich werde ziemlich lange für ihn arbeiten müssen. Da wird es wohl noch ein Weile dauern, bis ich den Yellowstone sehe.“

Den letzten Satz hatte Ken wirklich nur im Scherz gemeint; er wollte Josy ein wenig foppen. Brown wusste überhaupt nichts mehr von seiner Äußerung unter dem Einfluss von Doc Brewsters Laudanum, aber die junge Frau zuckte heftig zusammen. Hätte er einen Eimer mit Eiswasser über sie geschüttet – die Wirkung wäre keine andere gewesen.

Noch vor wenigen Augenblicken, als Ken mit ihr so kameradschaftlich über ein neues Pferd sprach, schoss ihr der Gedanke durch den Kopf, dass das eventuell die passende Gelegenheit wäre, ihm die ganz große, die wirklich ergreifende Neuigkeit zu berichten, die ihrer beider Leben verändern würde und von der sie hoffte, Ken wäre darüber genauso glücklich wie sie: Sie erwartete ein Kind …

Josy schluckte betreten und meinte: „Lass uns schlafen gehen. Es wird morgen wieder ein anstrengender Tag.“

Ken dachte sich nichts bei ihren Worten. Er spürte nicht ihre Veränderung und er spürte auch nicht, dass die junge Frau keinen Schlaf fand.

In Josys Kopf jagte ein Gedanke den anderen und raubte ihr die Ruhe. Sie dachte an ihr bisheriges Leben und daran, wie sie auf die Tyler-Ranch gekommen war …

Aufgrund ihrer Kindheit bei einer Tramp-Familie, die sie als kleines Mädchen als einzig Überlebende in den Trümmern eines Wagentrecks fand und wie ihre eigene Tochter aufzog, war sie ein freies, unabhängiges Leben gewöhnt. Schon früh wurde sie in die alltäglichen Arbeiten eingebunden und schon früh lernte sie den Umgang mit Schusswaffen und Messern. Sie lernte fischen, jagen, Fallen stellen und schlachten. Natürlich lernte sie auch, die gefangenen oder erjagten Tiere zu einer schmackhaften Mahlzeit zuzubereiten – selbstverständlich über einem Feuer, welches sie selbst anlegte und entfachte. Kurzum, sie konnte viel mehr als andere Mädchen und sogar mehr als mancher Junge. Und ihre Zieheltern meinten es gut mit Josy, als sie sie damals – in dem Glauben, sie bekäme eine Anstellung als Zimmermädchen – in Miners Hope jenem skrupellosen Kerl namens Clerk Cheller anvertrauten. Der wollte allerdings alles andere, als dass sie Zimmermädchen würde – er wollte sie in seinem Bordell zur Prostitution zwingen und dazu noch ihre Unschuld meistbietend versteigern. Zum Glück trieb das allgegenwärtige Schicksal Ken, Slim und Jess gerade noch rechtzeitig nach Miners Hope … Aber das ist eine andere Geschichte.

Jedenfalls war Josy ein unabhängiger und auch seine Freiheit liebender Mensch, und irgendwie konnte sie plötzlich Kens Wunsch, den Yellowstone zu sehen, verstehen. Natürlich hatten die beiden, seitdem er sie zur Frau machte, über Heirat gesprochen, und natürlich gingen alle Bewohner der Tyler- und der Carpenter-Ranch davon aus, dass es bald eine Hochzeit geben würde, aber nun wurden Josy deutlich Kens Gefühle klar, sie wusste mit einem Mal den Grund für seine Bedenken und sein Zögern. Es stand außer Frage, dass er sie selbstverständlich sofort heiraten würde, wenn er von ihrer Schwangerschaft erführe. Es gab nur wenige Menschen, die so hochanständig und ehrbar waren wie er. Nie ließe er sie in ihrem Zustand alleine. Aber – würden sie beide glücklich sein? Wäre er glücklich mit dem Bewusstsein, nun wirklich für ganz und für den Rest seines Lebens an einem Ort zu leben? Könnte sie glücklich sein mit diesem Wissen?

Ihre Antwort für sich selber war ein klares Nein, und verzweifelt suchte Josy nach einer Lösung. Da erinnerte sie sich an eines der Gespräche mit Ruby und Chelsey, den beiden Prostituierten aus Lucilles Etablissement. Die beiden Frauen hatten Lucilles Bordell in Rawlins verlassen, um in Miners Hope besser verdienen zu können. Sie ahnten nicht, auf was sie sich einließen, und als schließlich Slim und Jess ordentlich in der Stadt aufräumten, nutzten die beiden zusammen mit Josy die Gelegenheit zur Flucht. Auf dem langen Weg zurück nach Rawlins sprachen die Frauen natürlich viel mit dem Mädchen, und Josy wusste natürlich längst, wie die beiden ihr Geld verdienten. Obwohl sie bei ihrer Tramp-Familie viel gelernt hatte – über die Tätigkeit einer Prostituierten wusste sie bis zu ihrer Ankunft in Miners Hope nichts. Genau genommen wusste sie bis dahin nicht einmal, dass es solche Frauen gab. Und nun, durch die langen Gespräche mit Ruby und Chelsey, erwachte ihre Neugier. Sie stellte den beiden – zunächst sehr zaghaft, doch dann immer offener – Fragen, die ihr wiederum sehr offen beantwortet wurden. Je mehr Josy erfuhr, umso erleichterter war sie, dass die Männer von der Tyler-Ranch sie gerade noch rechtzeitig befreit hatten. Und eines Tages stellte Josy den Frauen die Frage, die das junge Mädchen, seit es Näheres über die Tätigkeit der beiden wusste, sehr beschäftigte. Es fragte, wie es denn wäre mit Schwangerschaften …

Ruby und Chelsey sahen sich vielsagend an, und dann erfuhr Josy wirklich alles. So erfuhr sie, dass es Mittel und Wege gab, um Schwangerschaften zu verhindern, und sie erfuhr auch, dass Hebammen durchaus in der Lage wären, Kindern nicht nur auf die Welt zu helfen, sondern dass sie, sofern es früh genug dazu sei, das auch verhindern konnten …

Die Gedanken in Josys Kopf schwirrten und kreisten und schließlich fasste die junge Frau einen Entschluss. Nein, sie wollte das Kind nicht. Sie wollte Ken nicht unglücklich machen, denn dieses Bewusstsein würde auch ihr eigenes Unglück bedeuten. Und so sehr sie sich noch bis vor kurzer Zeit über ihren Zustand freute, so stand nun ihr Entschluss fest. Doch welche Frau könnte ihr helfen? Josy dachte zuerst an Violet. Die gute Seele der Tyler-Ranch hatte schon vielen Kindern auf die Welt geholfen, aber Violet hatte eine strenge Auffassung von solchen Dingen wie Moral. Nein, bei ihr wäre sie sicher an der völlig falschen Adresse. Da schoss ihr eine Idee durch den Kopf. Natürlich. Warum sollte sie lange suchen? Wenn ihr jemand helfen könnte, dann die Frauen in Lucilles Bordell!

Der neue Tag kam, und das erste Licht riss sie aus ihren Gedanken. Ken wünschte ihr zärtlich einen guten Morgen, und sie küsste ihn wie immer und ließ ihn nichts spüren von ihren Überlegungen.

Brown meinte: „Wir können heute zusammen zur Tyler-Ranch reiten, ich will ja mit Jess zur Südweide. Vielleicht lässt er doch mit sich über Sunset reden.“

Josy holte tief Luft und es gelang ihr tatsächlich, in ganz normalem Ton zu sagen: „Reite schon vor. Ich habe noch ein paar Dinge hier im Haus zu erledigen – bitte entschuldige mich bei Violet und sage ihr, dass ich später komme!“

Ken schöpfte bei ihren Worten keinerlei Verdacht, auch wenn er gerne mit ihr gemeinsam in den Morgen geritten wäre.

So machte er sich allein auf den Weg zur Tyler-Ranch. Er begrüßte die Leute dort herzlich und sagte zu Violet: „Josy kommt auch bald. Sie wollte noch ein paar Dinge in unserem Häuschen erledigen – sie bittet dich um Verständnis.“

Dann machte Brown sich gemeinsam mit Jess auf den Weg zur Südweide. Unterwegs fragte er ihn wegen Sunset. Yates schaute den zweiten Vormann der Tyler-Ranch mit einem Blick an, der jede Antwort überflüssig machte. Ken verstand, und noch bevor Jess eine ablehnende Antwort geben konnte, enthob Brown ihn einer Erwiderung mit den Worten: „Na, ich schau mich mal um. Es sind ja genug Pferde da.“

Yates knurrte etwas unwillig: „Eigentlich sollte es eine Überraschung sein … Slim hat nämlich von den Cheyenne als Ausgleich für den erlittenen Schaden ein paar Pferde mitgebracht. Es sind wirklich erstklassige Tiere, und eines davon ist für dich. Du kannst dir eins aussuchen. Allerdings sind Slim und ich uns sicher, welches du nimmst … Wir kennen ja deinen Geschmack.“ Ein leichtes Grinsen begleitete die Worte des Texaners.

Ken strahlte. „Ehrlich?“, meinte er und setzte hinzu: „Das ist ja wirklich eine gelungene Überraschung!“

Ein wenig schneller als vorher ritten die Männer weiter und bald erreichten sie ihr Ziel. Natürlich hatte Jess absolut recht – die Pferde, die Slim mitgebracht hatte, waren erstklassig. Ken war völlig begeistert, als er sie sah. Es waren sechs prachtvolle Tiere, eines schöner als das andere. Der Häuptling hatte darauf bestanden, dass sein Blutsbruder mindestens diese sechs mitnehmen sollte. Ja, sie waren alle prachtvoll, aber eines von ihnen traf genau den Geschmack von Kenneth Brown. Es war ein muskulöser Wallach in der seltenen Farbe „blue roan“ …

Begeistert rief er: „Wow! Einen solch herrlichen Blue Roan habe ich noch niemals gesehen! Was sagst du? Ich kann mir wirklich eines der Tiere aussuchen?“

„Slim hat es gesagt“, kam die Antwort und Yates freute sich über die gelungene Überraschung. Dann meinte er mit einem breiten Feixen: „Well?“

Ken zeigte ganz offen seine Freude und Jess schmunzelte. Genau so hatte er Browns Reaktion erwartet. Dann meinte er: „Du kannst ihn übrigens gleich hier satteln, wenn du willst. Slim und ich haben die Indianerpferde schon an Sattel und Zaumzeug der Weißen gewöhnt und auch ein bisschen an die Arbeit, die sie hier tun müssen. Und gerade der hier hat sehr, sehr rasch gelernt. Ich denke, du wirst ganz schnell ein brauchbares Cowboy-Pferd aus ihm machen.“

Nun geriet Brown beinahe vor Freude aus dem Häuschen.

„Und Slim hat ihn wirklich für mich mitgebracht? Ich kann es noch gar nicht glauben!“

„Nope. Es war nur ein Scherz.“

Geschickt wich der Texaner dem spielerisch in seine Richtung platzierten leichten Hieb Kens aus und schaute dann interessiert zu, wie Brown zu dem Blue Roan hinüberging. Der blieb ganz ruhig stehen und schaute erwartungsvoll. Ohne Hast legte der zweite Vormann der Tyler-Ranch dem Tier mit einer beinahe zärtlichen Geste das Lasso um den Hals und tätschelte es leicht, dann führte er es von der Koppel und band es am Zaun fest.

„Wie nennst du ihn denn?“, fragte Yates.

„Ich denke ‚Bullet‘.“

„Das passt“, erwiderte der Texaner.

Brown wechselte Sattel und Zaumzeug von seinem Braunen auf den Blue Roan. Dabei strahlte er wie ein Kind unter dem Weihnachtsbaum. Jess hatte sich derweil auf einen Geröllbrocken gesetzt, kaute zufrieden auf einem Grashalm und schaute Ken zu.

Ganz beiläufig meinte er: „Josy hat vor ein paar Tagen Violet erzählt, dass du in deinem Laudanumrausch etwas vom Yellowstone gesagt hast. Willst du wirklich immer noch dorthin? Ich dachte, die Sache hätte sich mit deiner Rückkehr aus Rawlins, damals, als wir Josy gerettet haben, erledigt?“

Brown streichelte Bullet sacht über die Nüstern und ließ seinen Blick über dessen wohlproportionierten, kraftvollen Körper gleiten, dann antwortete er bedächtig: „Ach, Jess, du weißt selber, dass ich mir damals gut vorstellen konnte, dort als Ranger zu arbeiten. Und ich habe auch in der Tat mit dem Gedanken gespielt, mir den Wunsch, das Gebiet wenigstens einmal zu sehen, zu erfüllen. Ich habe überlegt, nach dem nächsten Viehtrieb nach Rawlins von dort aus weiter nach Nord-Westen zu reiten, denn dann hätte ich ja schon ein Stück des Wegs hinter mir. Aber irgendwie geht es mir wie dir – ich fühle mich hier auf der Tyler-Ranch heimisch, und so langsam gewöhne ich mich auch an den Gedanken, verheiratet zu sein. Es war wie so eine Art Panik vor der Ehe, die mich gepackt hat, aber das ist nun vorbei – glaube ich jedenfalls. Ich hatte einfach Angst, dass ich den Erwartungen einer so jungen, schönen Frau nicht gerecht werden kann. Aber nun denke ich, dass es bald eine Hochzeit gibt – falls Josy mich will.“ Bei diesen Worten lächelte Ken breit über sein nettes, jungenhaftes Gesicht.

„Na, das ist doch mal ein Wort“, grinste Jess. Dann fügte er lachend hinzu: „Und ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Ehe auch wirklich nicht wehtut! Früher habe ich immer gesagt, ich fürchte nichts mehr, als mein Pferd zu verlieren oder heiraten zu müssen. Slim war stets bemüht, mir einzureden, dass ich meine Meinung ändere, wenn wirklich die Richtige kommt, und ich habe es nie geglaubt. Aber good ol’ Slim hatte recht. Er hat ja immer recht. Und ich musste keinesfalls heiraten – ganz im Gegenteil. Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis Susan endlich meinem Drängen nachgegeben hat.“ Ein Augenzwinkern begleitete Yates letzte Worte.

Schließlich waren Sattel und Zaumzeug gewechselt, und mit einem liebevollen Klaps legte Ken Filou das Lasso um den Hals. Dann schwang er sich auf das neue Pferd und sagte, zu Jess gewandt: „So, wir können zur Ranch zurück. Schließlich muss ich noch ein paar Dollars für meine Hochzeit verdienen.“

Jess schmunzelte. Er erinnerte sich an seine eigene, ganz besondere und so ganz anders als übliche Hochzeit mit Susan. Immer wieder drängte er sie auf dem Weg von Arcola zurück nach Laramie, seine Frau zu werden, und immer weigerte sie sich mit der Begründung, sie wolle ihm seine Freiheit nicht nehmen – sie wolle „den Puma, nicht den Hauskater“. Und sie wolle selber ihre Freiheit auch nicht verlieren … Doch irgendwann gab sie seinem Drängen schließlich nach und sie heirateten in einer verschlafenen, winzigen Stadt … Yates gelang es, einen wunderschönen Blumenstrauß zu organisieren, und Susan gab ein vorzügliches Essen in Auftrag. Das war alles. Jess trug seine elegante Jacke, die er am Spieltisch zu tragen pflegte, und Susan ihren Reitdress … So einfach konnte alles gehen. Ein mildes Lächeln zog über sein markant-männliches Gesicht, als er an jenen Tag zurückdachte …

Browns „Wollen wir reiten oder machen wir noch Pause?“ riss Yates aus seiner Erinnerung. Er stand auf und schwang sich in den Sattel.

„Wir reiten“, meinte er, „aber nicht direkt zurück zur Ranch. Dein Geld kannst du auch hier verdienen. Wenn wir schon hier sind, checken wir gleich, ob auf den Koppeln alles okay ist. Dann haben wir diese Arbeit erledigt und brauchen den Weg nicht doppelt zu machen. Wir sind schließlich nicht nur hierhergekommen, um Bullet zu holen.“

„Klar“, erwiderte Ken. Das, was Yates da sagte, war eigentlich selbstverständlich. Trotzdem war Brown ein wenig enttäuscht, dass sie nicht gleich zur Ranch zurückritten. Zu gerne hätte er so schnell wie möglich Josy und auch den anderen voller Stolz sein neues Pferd gezeigt. Aber natürlich hatte Jess recht – wenn sie schon hier waren, sollten sie auch gleich Arbeiten, die hier getan werden mussten, mit erledigen.

Es gab mehr zu tun als erwartet und es wurde ziemlich spät, bis sie schließlich auf der Tyler-Ranch eintrafen. Enttäuscht stellte Ken fest, dass Josys Pferd nicht im Corral stand, und nachdem er ins Haus getreten war und die Anwesenden begrüßt hatte, fragte er mit einer Stimme, die ziemlich frustriert klang: „Hat Josy schon Feierabend?“

Violet blickte ihn ernst an und erwiderte: „Josy ist gar nicht gekommen. So etwas kenne ich überhaupt nicht von ihr.“

„Das ist ja merkwürdig“, meinte Ken irritiert. „Dann hab bitte Verständnis dafür, dass ich nicht zum Abendessen bleibe, Violet. Ich muss schauen, was mit ihr los ist.“

Brown beeilte sich, aufs Pferd zu kommen, und mit einem ziemlich unguten Gefühl ritt er so schnell er konnte nach Hause. Irgendetwas musste geschehen sein!

Es dämmerte, als er das kleine Haus in den Bergen erreichte. Die Tatsache, dass sich Buddy weder im Corral noch an der Anbindestange vor der Veranda befand, verstärkte Kens Gefühl. Irritiert eilte er in das kleine, gemütliche Heim. Drinnen war es schon ziemlich dunkel und so entzündete er rasch die Petroleumlampe auf dem Esstisch. Ihr Schein fiel direkt auf den Brief, der dort lag. Eine düstere Ahnung erfasste Ken, als er sich auf einen der selbst gezimmerten Stühle setzte und das Schreiben aufnahm.

Geliebter Ken,

der Schritt, den ich nun gehe, ist sehr schmerzhaft für mich. Es fällt mir unendlich schwer, dich zu verlassen und damit auch alles, was wir uns gemeinsam geschaffen und aufgebaut haben. Es war das erste Mal in meinem Leben, dass ich erfahren habe, was Geborgenheit bedeutet, zum ersten Mal, was ein Zuhause ist, und, was mich betrifft, auch zum ersten Mal, was es heißt, jemanden zu lieben. Ich bin sehr glücklich gewesen und ich dachte, du wärst es auch, bis – ja, bis ich gespürt habe, wie sehr dich das Bewusstsein belastet, dich nun voll und ganz zu binden, deine Freiheit voll und ganz aufzugeben. Ich kann mit dem Gedanken nicht leben, dich unglücklich zu sehen, und darum habe ich beschlossen, aus deinem Leben zu verschwinden. Bitte – such nicht nach mir, du wirst mich nicht finden, weil ich nicht gefunden werden will. Natürlich entdeckst du Buddys Spuren, aber du weißt, dass ich mich mit dem Leben da draußen gut auskenne – dazu gehört auch das Legen falscher Fährten. Und glaube mir eins – auch wenn dir mein Fortgehen im ersten Augenblick wehtut, so ist es doch für uns beide das Beste. Du willst dich nicht binden und ich will nicht Schuld sein an deinem Unglück.

Ich wünsche dir alles Glück der Welt!

In Liebe

Josy

Kens Hand zitterte und die Buchstaben begannen vor seinen Augen auf und ab zu tanzen. Etliche Situationen, in denen Josy versuchte, mit ihm über Heirat zu sprechen und in denen er schnell das Thema wechselte, stiegen in seiner Erinnerung empor. Langsam begriff er, dass der einzige und wahrhaftige Grund, aus dem Josy ihn verlassen hatte, tatsächlich ihre Liebe zu ihm war. Er fühlte sich mies und elend, und so etwas wie eine kalte Faust umklammerte sein Herz. Tränen stiegen ihm in die Augen, und er spürte, wie tief er für Josy empfand. Sie war so rein, sie war so herzensgut. In seinem Gehirn begann es fieberhaft zu arbeiten, und zunächst fand nur ein Gedanke noch Platz in seinem Kopf: Er musste Josy finden! Mit dem ersten Morgenlicht würde er jeder ihrer Fährten folgen und irgendwann fände er die richtige! Doch rasch wurde ihm klar, wie sinnlos dieses Unterfangen war. Die junge Frau verstand es nicht nur gut, falsche Fährten zu legen, sie verstand sich auch darauf, gar keine oder wenigstens kaum Spuren zu hinterlassen. Sie kannte alle Tricks. Es schoss Brown durch den Kopf, wie lange es wohl dauern würde, bis er Josy finden würde – falls es ihm überhaupt jemals gelänge.

Dann schweifte sein Blick durch das kleine Haus, blieb an dem einen oder anderen Teil hängen – besonders an Dingen, die Josy und er gemeinsam liebten und die dieses Haus zu einem Heim machten – zu ihrem