Ikarus - Jürg Amann - ebook

Ikarus ebook

Jürg Amann

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Opis

In seinem "Logbuch"-Roman erzählt der Schweizer Autor Jürg Amann die grandiose und zugleich tragisch-lächerliche Geschichte der menschlichen Flugversuche. Genau wie im Mythos von Dädalus und Ikarus gibt es zwei Figuren: Vater und Sohn. Beide begleiten wir auf ihrer weiten Reise durch Zeiten und Räume - von der mythischen Frühzeit bis in unsere von der Technik beherrschte Gegenwar

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Jürg Amann

Ikarus

Jürg Amann

Ikarus

RomanHAYMON

Der Autor dankt der Zuger Kulturstiftung Landis & Gyr, dem Kanton Zürich und der Stadt Winterthur für die Unterstützung dieser Arbeit.

© 2013HAYMON verlagInnsbruck-Wienwww.haymonverlag.at

Originalausgabe: Arche Verlag AG, Zürich, Hamburg, 1998

Alle Rechte vorbehalten. Kein Teil des Werkes darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, Mikrofilm oder in einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlages reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet, vervielfältigt oder verbreitet werden.

Abhängig vom eingesetzten Lesegerät kann es zu unterschiedlichen Darstellungen des vom Verlag freigegebenen Textes kommen.

ISBN 978-3-7099-7316-5

Umschlag: hœretzeder grafische gestaltung, Scheffau/Tirol

Meinem Vater

»Daidalus aber verfertigte für sich

und seinen Sohn Flügel und gab diesem

beim Aufstieg den Rat, den Flug nicht

zu hoch zu nehmen, damit nicht der

Leim durch die Sonne weich werde und

die Flügel sich lösten, doch auch nicht

zu nahe über dem Meer, damit nicht

die Feuchtigkeit sie unbrauchbar mache.

Aber Ikarus achtete nicht auf den

väterlichen Rat und ließ sich verleiten,

hoch und immer höher zu steigen.«

Bibliothek des Apollodoros,1. Jahrhundert n. Chr.

VÖGEL

Am Anfang war die Beobachtung des Vogelflugs. Der Ein- und Ausflug der Schwalben, die ihre Nester unter dem Vordach des Nachbarhofs hatten, die nie von der Erde aus starteten, weil ihre Flügel nach unten schlugen. Der Anflug der Amseln ans Fensterbrett, auf das die Mutter im Winter die Brotreste legte. Der Irrflug der Meisen, die in der warmen Jahreszeit bei offenem Fenster bis in die Zimmer hereinflogen, um sich etwas zum Fressen zu schnappen, und die in der Aufregung den Weg ins Freie nicht wiederfanden. Die Tauben im Taubenschlag unter dem eigenen Dach, deren Gurren die Luft über dem Hof wie vor einem Sommergewitter auflud. Die Rotkehlchen, die Goldammern, die Grün- und die Blaufinken. Das Geflatter der Spatzen im Futterneid unter dem Gartentisch. Die Elstern mit ihren langen Federn, die paarweise, von Baum zu Baum, vom Waldrand bis in die Obstgärten herunterkamen. Die Krähen, die im Herbst oder Winter in Scharen auf die umgepflügten schwarzen oder schneeweißen Acker einfielen. Die Lerchen, die sich über den Feldern einzeln in den blauen Frühlings- und Sommerhimmel hinaufschraubten. Das Kreisen und Glänzen des Habichts hoch oben am Mittag im Sonnenlicht.

Dann brachte der Vater an einem Sonntag nach seinem Umgang um unser Land einen kleinen Sperling ins Haus, der draußen aus seinem Nest in der Buchenhecke gefallen war und auf der Erde gelegen hatte. Ich baute ihm im Keller aus Kisten einen Käfig, ich setzte ihn hinein, fütterte ihn, päppelte ihn auf und machte, als er größer und stärker geworden war, mit ihm, zunächst in der Stube, dann im Garten, die ersten Flugversuche. Ich setzte ihn auf meine Hand und drehte mich mit ihm so lange im Kreis, bis er, vom Fahrtwind dazu verführt, mit seinen kleinen, flaumigen Flügeln dagegen anzuflattern begann. Noch klammerte er sich mit seinen Krallen an meinem Finger fest. Ich spüre bis heute den winzigen Schmerz, den seine Angst mir zufügte. Aber ich sah, wie er vom Luftstrom angehoben wurde, wie er den Hals streckte, wie er sich lang machte. Bis er zum erstenmal aufflog und sogleich zu Boden wirbelte. Ich wiederholte das Ganze, bis er mutiger wurde. Dann setzte ich ihn auf den untersten Ast unseres Fliederstrauchs, der gerade dunkelblau aufzublühen begann; aber da konnte er nicht einmal mehr die Flügel zu einem Flugversuch spreiten: Ein schwarzer Schatten schnellte aus dem Gebüsch hervor, schon hatte ihn die Katze des Nachbarn gefressen.

Ich war trostlos. Ich hörte erst wieder zu weinen auf, als mir die Eltern versicherten, daß den Vögeln nicht nur auf der Erde, sondern auch im Himmel der Himmel gehöre.

Mich selber rettete kurz darauf mein Schutzengel vor dem vorzeitigen Abgang in den Himmel, als ich, ohne zu schauen, auf die Straße hinausrennen wollte. Während von links ein Wagen heranbrauste, stand er rechts hinter mir und hielt mich an der Schulter zurück. Jedenfalls sagte das meine Mutter. In Wirklichkeit war es eine Nachbarin gewesen. Mein Vogel hatte keinen Schutzengel gehabt. Vögel mußten sich, weil sie selbst Flügel hatten, selber beschützen.

Ich bekam einen Wellensittich geschenkt, aber er starb, nachdem er zum erstenmal hatte frei in der Stube herumfliegen und von unserem Tellerrand essen dürfen. Safranreis und Blumenkohl. Tagelang saß er noch, zitternd und mit aufgeplusterten Federn, so daß der Kopf kaum zu sehen war, in der hintersten Ecke des Käfigs. Bis sein Atmen, das immer schneller und flacher geworden war, aufhörte. Ich begrub ihn im Garten, unter dem Quittenbaum, und auf die Stelle, wo er begraben war, setzte ich einen Stein.

Danach bekam ich einen Kanarienvogel, der wunderbar sang; aber er entflog, als ich bei offenem Wohnzimmerfenster den Käfig aufmachte, um ihm frisches Wasser zu geben.

FEDERLESEN

Dann kam das Sammeln der Federn. Ich hob jede auf, die vom Himmel zu uns auf die Erde herabfiel. Kleine und große, weiße, schwarze und bunte, ob Flug- oder Schwanzfeder, Flaum oder Kiel. Ich benutzte sie zum Zeichnen und Schreiben. Ich steckte sie mir als Kriegsschmuck ins Haar. Mein Vater fügte sie mir wieder zu Flügeln zusammen.

Ich baute mir selber Flügel. Mein Vater half mir dabei. Ich band sie mir auf den Rücken und lief mit ihnen in der Stube oder im Garten herum. Aber wie sehr ich auch mit ihnen flatterte, wie sehr ich die Arme dabei auch auf und ab bewegte, wie schnell ich auch lief und wie hoch hinauf von der Wiesenfläche oder wie tief hinunter von einer Wiesenböschung ich auch sprang mit meinen langen, dünnen Knabenbeinen, die Flügel trugen mich nicht. Sie kamen gegen die Schwerkraft der Erde nicht an. Statt zu fliegen, flog ich nur auf die Nase.

Ich weinte. Der Vater, der dabeistand und zuschaute, lachte. Er half mir zurück auf die Beine.

Gib nicht auf, sagte er, mach weiter, versuche es immer wieder.

Und ich versuchte es, immer wieder, wie er es gesagt hatte, unermüdlich, bis ich es doch müde wurde, bis ich dann doch müde wurde. Ich bekam den Struwwelpeter geschenkt. Ich mußte, wie alle Kinder, erzogen werden. Die Geschichten erschreckten mich. Die brennende Pauline. Die ins Tintenfaß getauchten Buben. Konrads abgeschnittene Daumen. Hanns Guck-in-die-Luft, der, den Kopf in den Wolken, den Vögeln nachschaut und über den Hund oder ins Wasser fällt. Das war ja ich.

Die Geschichte vom fliegenden Robert aber zog mich unwiderstehlich an. Ich sehe die Bilder noch vor mir, als sei es gestern gewesen. Wie er im Sturm durch den Regen geht. Wie ihm der Hut fortfliegt. Wie der Wind unter seinen Schirm greift und ihn hochhebt. Wie er nicht losläßt und mit dem Schirm hinter dem Hut her über den Baum und über die Kirche und über den Regen und die Wolken hinaus davonfliegt. Das war ich auch, in meiner kindlichen Vorstellung. Daß er dabei über die Welt hinausflog, fiel mir nicht auf. »Schirm und Robert fliegen dort durch die Wolken immerfort. Und der Hut fliegt weit voran, stößt zuletzt am Himmel an. Wo der Wind sie hingetragen, ja, das weiß kein Mensch zu sagen.«

Ich versuchte es mit dem Regenschirm meines Vaters. Ein altmodisches schwarzes Modell mit kunstvoll verziertem Griff und mächtiger Spannweite. Er war von seinem Vater auf ihn gekommen. Beim nächsten Unwetter stellte ich mich auf einen Hügel in der Nähe des Hofes und spannte ihn auf. Ich wartete. Nichts geschah, außer daß um mich herum die Blitze in die Kronen der Bäume schlugen. Ich rannte, den offenen Schirm schräg über und hinter mir hertragend, gegen den Sturm, wie ich es bei den großen Vögeln beobachtet hatte, die sich vom Gegenwind in den Himmel hinaufheben ließen, den Hügel hinab. Wieder geschah nichts. Außer daß das Schirmdach von den Windböen gepackt und umgestülpt und das nasse schwarze Tuch zwischen den nackt in die Luft über mir stechenden Speichen in wild flatternde, knatternde Fetzen zerrissen wurde. Und daß der Vater, den die Mutter nach mir geschickt hatte, um mich aus dem Gewitter herauszuholen, plötzlich vor mir stand und mir mit dem Rest seines Schirms, den er mir aus der Hand genommen hatte, einen Klaps auf den Hintern gab. Bevor er mich auf die Schultern lud und nach Hause trug.

Lesen Sie weiter in der vollständigen Ausgabe!

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