Ich war doch nur ein Kind - Jenny Tomlin - ebook

Ich war doch nur ein Kind ebook

Jenny Tomlin

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Opis

Als eines von fünf Kindern wächst Jenny in den 1960er Jahren im Londoner East End auf. Täglich werden die Kinder vom Vater gedemütigt, geschlagen und sexuell missbraucht. Es gleicht einem Wunder, dass die Geschwister das Elend und Grauen der Kindheit überleben und daraus sogar selbstbewusst hervorgehen. Mutig erzählt Jenny hier die ungeschminkte Wahrheit über ihre Vergangenheit.

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MOBI

Liczba stron: 360




Inhalt

Cover

Über dieses Buch

Über die Autorin

Titel

Impressum

Widmung

Danksagungen

Vorwort

1 Cherbury Street

2 Auntie

3 Neue Hoffnung, neue Ängste

4 Albträume

5 Auf uns allein gestellt

6 Der Tyrann

7 Babys

8 Heranwachsen

9 Krisen

10 Unabhängigkeit

11 Rebellischer Teenager

12 Erste Liebe

13 Ein Trauerfall

14 Triumph

Nachwort: Überlebende

Über dieses Buch

Als eines von fünf Kindern wächst Jenny in den 1960er Jahren im Londoner East End auf. Täglich werden die Kinder vom Vater gedemütigt, geschlagen und sexuell missbraucht. Es gleicht einem Wunder, dass die Geschwister das Elend und Grauen der Kindheit überleben und daraus sogar selbstbewusst hervorgehen. Mutig erzählt Jenny hier die ungeschminkte Wahrheit über ihre Vergangenheit.

Über die Autorin

Jenny Tomlin wurde am 15. März 1956 in London geboren. Sehr früh musste sie lernen, eigenständig zu sein: Schon mit sieben Jahren war sie fast ganz allein für ihre beiden jüngsten Geschwister verantwortlich. Erst als Jenny mit elf Jahren auf die Highschool wechselte, fühlte sie sich endlich unabhängig und mutig genug, sich zum ersten Mal gegen ihren brutalen Vater zur Wehr zu setzen.

Nach dem Tod des Vaters wurde sie von ihrer Schwester dazu ermutigt, den Bericht über ihre Kindheit aufzuschreiben. Die innige Vertrautheit zwischen den Schwerstern, die sich während der schweren Kindheitsjahre entwickelt hat, hält auch heute an. Unterstützung erfährt Jenny Tomlin vor allem auch von ihrer Tochter und ihrem Ehemann.

Jenny Tomlin

Ich war doch nur ein Kind

Mein Vater hat mir die Unschuld geraubt, aber die Hoffnung konnte mir keiner nehmen

Aus dem Englischen von Theresia Übelhör

Deutsche Digitalausgabe

Für die Originalausgabe:

© 2005 by Jenny Tomlin

Originalausgabe: »Behind closed Doors«

Erste deutsche Ausgabe:

© 2009 by Verlagsgruppe Weltbild GmbH, Augsburg

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Die Rechte an der Nutzung der deutschen Übersetzung von Theresa Übelhör liegen bei Weltbild GmbH & Co. KG, Augsburg

Umschlaggestaltung: Jeannine Schmelzer unter Verwendung von Motiven von © © ideabug/iStockphoto

E-Book-Erstellung: 3w+p, Rimpar (www.3wplusp.de)

ISBN 978-3-7325-7528-2

www.luebbe.de

www.lesejury.de

Dieses Buch ist dem Andenkenan Auntie gewidmet

Danksagungen

Meine tief empfundene Zuneigung und Dankbarkeit gilt folgenden Personen:

Martine, meiner Tochter und Freundin, die einer der besten Menschen ist, die ich kenne. Ich betrachte es als Privileg, dich in meinem Leben zu haben, und danke dir für all deine Unterstützung. Dein Glaube an mich ist nie ins Wanken geraten, und ich liebe dich bedingungslos.

Kim, meiner wunderbaren Schwester, meiner Stütze und Beraterin. Du hast es mir ermöglicht, Erinnerungen wachzurufen, und ohne dich wäre dieses Buch nie geschrieben worden. Vielen Dank für dein Lachen.

LJ, meinem lieben Sohn: Ich beobachte stolz, wie du heranwächst. Mum und Dad John haben dich sehr lieb.

Alan, der Liebe meines Lebens, meinem Felsen, wenn es einmal schwierig werden sollte. Einem fantastischen Ehemann und Freund.

Carrine, Howard und Lewis Batty: Ich habe euch lieb.

Jaine Brent, meiner Freundin und Agentin. Dein Glaube an mein Buch und deine Entschlossenheit, es auf den Markt zu bringen, waren bemerkenswert. Ich habe dich ins Herz geschlossen. Vielen Dank für die nächtlichen Unterhaltungen.

Dem ganzen Team von Hodder and Stoughton, meinem wunderbaren Verlag. Danke für die Chance, meine Geschichte zu erzählen. Meinem Rechtsanwalt Rhian Williams von Clinton’s, dafür, dass er sich um die rechtlichen Angelegenheiten und meine Sicherheit gekümmert hat, und Laura Holman, einer großartigen Buchhalterin.

Meinen wunderbaren Freunden, allen voran Antony Read: Du bist ein liebenswerter Mensch, der immer für mich da ist.

Sylvia Wales und ihrer Familie, Sherri Jeffrey und Miriam Ridsdale. Gina und Brian Parker und Ian Palmer (Klein-Ian).

Barry und John in Spanien, die mich gelehrt haben, zu verzeihen und weiterzumachen. Vielen Dank auch dem wunderbaren Russell Grant!

Karen und George und Kerry und der ganzen Clique in Hornchurch. Der bewundernswerten Norma Heyman. Eydie und Steve ... oben im Norden! Und John Falconer: Ich hoffe, du bist glücklich.

Und all jenen, die an meinem Leben teilhatten, im Guten wie im Schlechten. Ich danke euch. Warum? Weil wir durch die Erfahrungen in unserem Leben zu den Menschen werden, die wir sind, und ihr alle habt dieses Buch erst möglich gemacht.

Meine letzten Gedanken gelten natürlich Chris, meinem kleinen Bruder, einem wunderbaren Mann, der nur so kurz an unserem Leben teilhatte. Und natürlich Auntie, die ich immer im Herzen trage. Ich liebe euch beide.

Vorwort

Es ist nie einfach, sich tief in schmerzhafte Erinnerungen zu versenken. Aber nach dem Tod meines Vaters hatte ich den Eindruck, dass ich die Ereignisse der Vergangenheit niederschreiben müsse, um dem Einfluss, den sie noch immer auf mich hatten, zu entkommen. Dieses Buch ist das Ergebnis. Das Schreiben erwies sich als faszinierende, ereignisreiche Achterbahnfahrt der Gefühle. Ich habe gelacht, geweint, mich an Menschen und Orte erinnert, die ich ganz vergessen hatte, habe Freunde wiederentdeckt und so viel über mich selbst erfahren – darüber wer ich war und wer ich geworden bin. Ich hatte nicht die Absicht, irgendjemanden, ob verstorben oder noch am Leben, zu verletzen, sondern meine Geschichte wahrheitsgemäß zu erzählen – die guten, die schlechten ebenso wie die hässlichen Seiten einer Kindheit, die zwar ungeheuer hart war, die mich am Ende aber doch sehr stark gemacht hat.

In den ersten Lebensjahren fehlte es mir an all dem, was wir heute für selbstverständlich halten. Es gab keine Weihnachts- oder Geburtstagsgeschenke – zumindest keine, die mir nicht sofort wieder weggenommen und umgehend verkauft worden wären. Es gab wenig zu essen und weder Liebe noch Wärme oder Reinlichkeit – nur Gewalt, Missbrauch, Gier, Geilheit, Einsamkeit und Dreck. Als Kind hatte ich den Eindruck, dass kein Erwachsener sich je dafür interessierte, was ich zu sagen hatte. Ich wurde ignoriert, abgewiesen und weggestoßen, selbst von jenen Menschen, deren Aufgabe es von Amts wegen gewesen wäre, Kindern wie mir zu helfen und sie zu beschützen. Ich habe viele Male versucht, einen dieser Erwachsenen dazu zu bewegen, mir zuzuhören und zu helfen. Keiner hat es je getan.

Inzwischen hat sich viel gebessert. Der Kinderschutz ist besser organisiert, und man hört auf Kinder und respektiert sie viel mehr. Doch noch immer rutschen viele junge Menschen durch das Netz. Es gibt da draußen Kinder, die genauso leiden wie ich einst, die sich genauso einsam, vernachlässigt und ungeliebt fühlen, weil keiner der Erwachsenen, die ihnen helfen könnten, ihnen zuhört. Es ist die Aufgabe eines jeden von uns, diese Kinder ausfindig zu machen, ihnen zuzuhören und zu helfen. Während der Niederschrift meiner eigenen Kindheitserlebnisse dachte ich ständig an die vielen anderen, die ähnliche Qualen und Ängste ausgestanden haben, und an jene, die diese selbst heute noch erleiden müssen. Ich hoffe, dass jeder, der das erlitten hat, nach der Lektüre dieses Buches erkennt, dass er nicht allein ist.

Durch das, was ich durchgemacht habe, ist in mir die Entschlossenheit gereift, meinen eigenen Kindern zu geben, was ich nie hatte: Ich möchte sie in einer Atmosphäre der Geborgenheit, Herzlichkeit und Liebe aufwachsen lassen; sie sollen wissen, dass ich ihnen zuhöre, sie respektiere und ich will versuchen, ihnen das Gefühl zu vermitteln, geschätzt zu werden. Jedes Kind hat ein Recht darauf. Dieses Buch ist all jenen Kindern gewidmet, die still, einsam und verängstigt leiden. Ebenso wie all jenen, die mich kennen und die sich noch heute an das kleine Mädchen mit dem schmutzigen Gesicht erinnern, das keine Schuhe anhatte und so verzweifelt versuchte, irgendwo dazuzugehören. Das ist die Geschichte, die niemand je mitbekommen hat. Die Geschichte dessen, was sich hinter verschlossenen Türen abspielte.

1Cherbury Street

Eine meiner frühesten Kindheitserinnerungen ist die, dass ich frühmorgens durch einen dumpfen Knall aufwachte, weil meine Mutter im Nebenzimmer gegen die Wand geschleudert wurde, und dann die Stimme meines Vaters hörte, der sie anbrüllte. Während ich dem nur wenige Meter von mir entfernten Knallen, Wimmern und Gebrüll lauschte, lag ich still und völlig verängstigt in meinem Bett, rollte mich ganz klein zusammen und zog mir die Decke über den Kopf, um mich von all dem abzuschotten.

Durch die dünne Wand war zu hören, wie mein Vater meiner Mutter Beschimpfungen an den Kopf schleuderte. »Du blöde Ziege, du nutzloses Miststück, du glaubst wohl, du kannst Nein sagen, was? Ich bin dein Mann, und ich habe meine Rechte! Jetzt leg dich aufs Bett und tu, was ich verlange, sonst wirst du es büßen!«

Wieder ein Aufprall, gefolgt von einem Schmerzensschrei und dem Wimmern meiner Mutter. Einen Augenblick später erhob sie ihre schwache Stimme: »Du Bastard, du verdammter Bastard!« Wieder ein Knall, wieder ein Schrei. »Was hast du mich genannt? Meine Eltern sind verheiratet, du dumme Kuh!«

Mein Bruder Laurence neben mir, mit fünf ein Jahr älter als ich, kniete im Bett, seine schmalen Schultern bebten, und er hatte den Kopf unters Kissen geschoben, um die schrecklichen Geräusche zu dämpfen. Am anderen Ende des Zimmers weinte unsere kleine Schwester Kim in ihrem Gitterbettchen. Sie war zwei, zu jung, um zu verstehen, was sie da hörte, aber alt genug, um zu wissen, dass es beängstigend und schlimm war.

Diese Szene wiederholte sich jeden Morgen. So starteten wir in den Tag, und für uns war das normal. Aber das machte es nicht einfacher. Mein Magen krampfte sich zusammen, und ich betete immer wieder, meine feuchten kleinen Hände unter der Bettdecke gefaltet, dass das Gebrüll und Geprügel aufhören möge. Manchmal hielt Laurence es nicht mehr aus. Dann rannte er ins Schlafzimmer unserer Eltern und schrie: »Hör auf! Hör auf! Lass sie in Ruhe! Geh runter von ihr!«, und warf sich in dem verzweifelten Versuch, Mum zu beschützen, auf Dad. Doch Dad zischte nur: »Verpiss dich, du Zwerg!«, packte meinen Bruder mit einer Hand und warf ihn aus dem Zimmer. Laurence knallte auf den Boden und kam, böse zugerichtet und vor Schmerzen und Angst schluchzend, in unser Zimmer zurückgekrochen.

Was wir als Nächstes durch die Wand hörten, waren das Grunzen und das Stöhnen, weil unsere Eltern Sex hatten. Natürlich wussten wir in unserem Alter damals nicht, was diese Geräusche zu bedeuten hatten. Wir wussten, dass es um etwas ging, das Dad Mum antat und Mum nicht wollte, und wir wussten, dass dabei immer viel Gestöhne und Gegrunze im Spiel war. Außerdem wussten wir, dass es entsetzlich sein musste – aber zumindest hörte Dad dann auf, Mum zu schlagen.

Sobald es vorüber war, tauchte Mum aus dem Schlafzimmer auf, band den Gürtel ihres alten, verschlissenen Morgenmantels um ihren mageren Körper und hielt ihre kaputte Brille fest. Sie ging in die Küche und machte sich daran, den Wasserkessel zu füllen, ihn auf die kleine Herdplatte zu stellen und Tee zuzubereiten. Wir lauschten, bis wir hörten, dass sie Dad das Frühstück brachte, und wenn sie schließlich in die Küche zurückging, folgten wir drei ihr. Mum saß dann auf dem alten Holzstuhl an dem kleinen Tisch, und ihr Morgenmantel sprang vorne auf. Wir konnten die blauen Flecken und Striemen an ihrem Körper sehen, und häufig hatte sie Blut an ihrem Mundwinkel oder eine blutende Schnittwunde im Gesicht. Sie versuchte, ihre kaputte Brille mit Klebeband oder Pflasterstreifen notdürftig zu reparieren, während ihr Tränen über das Gesicht liefen und sie am ganzen Körper so zitterte, dass sie die Brille nicht ruhig halten konnte. Dann gingen wir zu ihr, streckten vorsichtig eine Hand aus, um sie am Arm zu berühren, oder wir sagten: »Nicht weinen, Mum.« Sie blickte zur Tür, um sich zu vergewissern, dass Dad uns nicht sah, scheuchte uns davon, indem sie uns sagte, dass wir gehen und uns anziehen sollten, und flüsterte: »Ihr solltet lieber aus dem Haus sein, bevor euer Vater aufsteht.«

Dann hoben wir unsere Kleider vom Boden auf, wo wir sie am Abend zuvor hatten fallen lassen. Wir schliefen immer in unseren Unterhemden und Unterhosen – die wechselten wir manchmal wochenlang nicht –, und der Rest wurde einfach wieder darübergezogen. Wir waren zu klein, um uns richtig anzuziehen, deshalb war alles falsch herum und nicht richtig zugeknöpft. Laurence und ich zogen Kim an, so gut wir eben konnten, dann gingen wir drei wieder in die Küche und hofften, irgendwas zum Frühstück zu bekommen.

Die Küche war wie der Rest der Wohnung schmutzig und muffig. Auf dem Tisch mit Resopalplatte stand ein altes, abgenutztes Tablett mit einer ramponierten braunen Teekanne und ein paar angeschlagenen Bechern. Bis auf eine Packung Tee, eine Zuckerdose und eine schon angebrochene Flasche Milch war unsere Speisekammer für gewöhnlich leer. Auf der Milch, die die ganze Nacht da stehen gelassen wurde, hatte sich gewiss eine Haut gebildet, und sie wurde bereits sauer. Die Zuckerdose war häufig leer, und an diesen Tagen goss Mum ein wenig heißes Wasser hinein, um die Reste, die unten am Boden festklebten, aufzulösen. Zu essen bekamen wir nur ein paar alte Brotkanten, doch das meiste davon wurde für Dads Lieblingsfrühstück aufbewahrt. Mum legte das Brot in eine Schale, streute so großzügig Zucker darüber, wie nur möglich war, und goss kochende Milch darüber. Es wurde ihm zusammen mit seiner Tasse Tee und der Zigarette ans Bett serviert. Für uns Kinder bestand das Frühstück in der Regel aus einer Tasse dünner Teebrühe. Die Milch war mit Wasser verdünnt, um sie zu strecken, deshalb taten wir, um den Geschmack zu verbessern, so viel Zucker hinein, wie noch vorhanden war. Wenn wir Glück hatten, bekamen wir ein »Knörzchen«, das knubbelige Ende des Brotlaibs vom Vortag, das wir uns teilten.

Nach dem Frühstück scheuchte Mum uns mit der Ermahnung, erst zur Teezeit wiederzukommen, hinaus, und wir schlugen uns bis dahin auf der Straße alleine durch. Wir wussten, dass Dad sich für den Rest des Tages mit seinen Zigaretten und seinen zahllosen Tassen Tee im Wohnzimmersessel vor dem Fernseher niederlassen würde. Sollten wir ihn stören, würden wir Ärger bekommen. Deshalb setzten wir uns mit unseren verschmierten Gesichtern, in unseren schmutzigen Kleidern und mit unseren verschrammten Schuhen wie eine kleine Reihe Orgelpfeifen auf die Bordsteinkante und warteten darauf, dass die anderen Kinder aus ihren Häusern kamen.

Das war in den 1960er-Jahren, und der Bauboom der Nachkriegszeit war noch nicht in unsere Gegend von London vorgedrungen. Wir wohnten in einer vernachlässigten und vergessenen Ecke des East End, in der die Zeit stillzustehen schien. Cherbury Street, im Stadtbezirk Shoreditch (der später zu Hackney wurde), war trostlos und hässlich, eine von mehreren identisch aussehenden und parallel verlaufenden Straßen. Sie war von baufälligen viktorianischen Häusern gesäumt, in denen lauter Familien unter unhygienischen Bedingungen zusammengepfercht wohnten. Es gab keine Bäume oder Büsche, die die Trostlosigkeit ein wenig verdeckt hätten, noch waren entlang der Straße irgendwelche Autos geparkt – keiner hätte sich je ein solches leisten können.

Wir bewohnten mit drei anderen Familien eines dieser großen, hässlichen Häuser. Wie alle übrigen in der Straße hätte es eigentlich schon vor Jahren abgerissen werden sollen, was dann später auch geschah, als die ganze Häuserzeile niedergerissen und neue Wohnblocks gebaut wurden. Aber als wir in der Cherbury Street wohnten, stank das ganze Haus nach Verfall, und im Eingang und auf den Treppen lag Müll verstreut. Unsere Wohnung, in der wir fünf uns zwei Zimmer und eine winzige Küche teilten, befand sich im Souterrain, und die Toilette war im Hinterhof. Durch die hohen, vergitterten Fenster fiel nur sehr wenig Licht herein, und die ganze Wohnung war feucht, schmuddelig und verdreckt. Wir Kinder schliefen im Wohnzimmer, Laurence und ich in einem Klappbett, das tagsüber zusammengeklappt und zur Seite geräumt wurde, und Kim in einem Gitterbettchen, das in der Ecke stand. Unsere Matratzen waren uralt und durchgelegen, und die Bettlaken und Decken, die dünn, fleckig und alt waren, boten weder Wärme noch Behaglichkeit. Unsere Möbel bestanden aus einem Durcheinander von Sperrmüllsachen. Wir hatten keine Vorhänge, nichts passte zusammen, und die wenigen Schränke und Kommoden, die wir besaßen, waren leer, weil ohnehin keiner von uns mehr besaß als die paar Kleidungsstücke, die er am Leib trug, und keiner machte sich die Mühe, sie zu waschen und wegzuräumen.

Sobald wir drei aus dem Haus geworfen waren, konnten wir nirgendwo sonst spielen als ringsherum auf den Trümmerfeldern, die noch nicht bebaut waren. Eigentlich war uns das Betreten strikt verboten, doch wie die anderen Kinder aus unserer Straße spielten wir meistens zwischen den Haufen aus Schutt, Backsteinen und zerbrochenen Glasscheiben. Allerdings waren wir bei den anderen Kindern nicht beliebt. Selbst in so ärmlichen Verhältnissen gab es eine Hackordnung, und wir wussten genau, dass unser Platz ganz unten war. Schon von dem Augenblick an, als wir in die Straße gezogen waren, waren wir stigmatisiert. Wir waren noch keine fünfundzwanzig Minuten da gewesen, und schon hatten unsere Eltern eine Szene heraufbeschworen. Mum hatte angefangen, mit der Nachbarin von nebenan zu plaudern, und Dad, der wütend war, weil sie herumstand, anstatt ihm seinen Tee zu machen, war herausgekommen und hatte angefangen, sie zu schlagen und zu treten. Mit Flüchen und Schlägen hatte er sie in die Wohnung gezerrt und dabei den mit offenem Mund dastehenden Beobachtern lachend erklärt, sie sei eine Frau, die eine harte Hand bräuchte. Innerhalb weniger Wochen wussten alle, dass Ronald Ponting seine Frau Lilian fast täglich verprügelte. Es sprach sich schnell herum, wenn in unserer Wohnung ein Streit ausbrach, und dann versammelten sich die Kinder vor dem Haus, lachten und schrien Beleidigungen.

Waren wir drei draußen, wenn unsere Eltern zu streiten anfingen, versuchten wir immer, uns zu verstecken. Wir sehnten uns so danach, dass die anderen Kinder uns mögen würden, aber mit unseren Eltern, die ein öffentliches Spektakel veranstalteten, das alle Nachbarn entsetzte, standen unsere Chancen schlecht. Von Anfang an empfanden wir uns als andersartig, kamen wir uns als die Minderwertigsten der Minderwertigen vor und konnten daran nichts ändern. Selbst als kleines Kind schämte ich mich dafür, wie sich meine Eltern aufführten. Ich wünschte mir inständig, dass sie aufhören und sich normal verhalten würden wie die Eltern der anderen Kinder, aber es bestand wenig Hoffnung – sie stritten sich unentwegt und schienen sich nicht darum zu scheren, wer sie dabei hörte.

Am Anfang hatten die Nachbarn Mitleid mit Mum, und einige versuchten, einzugreifen und ihr zu helfen; ein paar riefen sogar ein oder zwei Mal die Polizei. Aber Dad schickte sie bald fort und zischte ihnen zu, dass sie sich da herauszuhalten hätten. Den Polizisten erklärte er, es handele sich um eine reine »Familienangelegenheit« und sie würden nicht gebraucht. Am Ende gewöhnten sich alle daran, Lilians Kreischen und Schreien zu jeder Tages- und Nachtzeit zu hören, und das Mitleid machte der Resignation Platz. »Warum schaut sie denn nicht zu, dass sie da rauskommt?«, war eine der Bemerkungen, die mir häufig zu Ohren kamen.

Den anderen Eltern taten vor allem wir Kinder leid. Hin und wieder legte eine der Mütter tröstend den Arm um uns und drückte uns, oder ich bekam von einem der Männer gesagt: »Kopf hoch, Blondie.« Doch meistens schauten sie nur zu und tuschelten an ihren Wohnungstüren. Ich glaube, wir wurden zur Zielscheibe des Gespötts. Nur wenige Leute besaßen einen Fernseher, und ich erinnere mich, wie eines Tages eine Nachbarin sagte: »Wer braucht schon einen Fernseher, wenn die Pontings nebenan wohnen? Die bieten ja Unterhaltung genug.«

Die Kinder waren genauso unfreundlich wie einige der Erwachsenen. Sie wussten, dass wir noch schlimmer dran waren als sie, und unser schmutziges und verwahrlostes Erscheinungsbild stigmatisierte uns genauso wie die schrecklichen Szenen, die unsere Eltern aufführten. In unserem Haushalt gab es weder Seife noch Shampoo, die Kleider waren selten sauber, und jede Art von Waschen war ein seltenes Vorkommnis. Wir stanken nach Schmutz und Moder, unsere Haare waren immer verfilzt und unsere Gesichter rotz- und dreckverschmiert. Die anderen Kinder beschimpften uns: »Die stinkenden Pontings!«, war ihr Lieblingsspott, und das riefen sie uns immer und immer wieder nach. Dann gingen wir davon, taten so, als würde es uns nichts ausmachen, und bemühten uns, trotzig dreinzublicken, aber die ständige Zurückweisung und die Sticheleien waren schrecklich.

Wir sehnten uns danach, akzeptiert zu werden und bei den Spielen der anderen Kinder mitmachen zu dürfen, aber das kam nur selten vor. Der kostbarste Besitz eines Kindes in unserer Straße war ein Ball. Hätten wir einen eigenen Ball gehabt – sorgfältig gehütet und mit dem eigenen Namen versehen –, wären die Kinder angerannt gekommen, um mit uns zu spielen. Aber wir besaßen keinen Ball, es war gar nicht daran zu denken, dass wir je einen bekommen würden, und keiner forderte uns auf, mit ihm Ball zu spielen. So blieb uns nichts anderes übrig, als neidisch zuzuschauen, wie die anderen Fangen, Schlag- oder Treffball spielten. Treffball war ein riskantes Spiel: Wenn man verlor, musste man durch das Spalier der anderen Kinder gehen, die einen boxten und traten. Bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen wir mitspielen durften, sorgten sie dafür, dass wir verloren und ordentlich getreten wurden. Für ein anderes beliebtes Spiel brauchte man alte Kinderwagen, die als Seifenkisten genutzt wurden. Weil dabei viele Mitspieler gebraucht wurden, durften wir manchmal mit den anderen mitmachen – aber natürlich waren wir nie diejenigen, die in den Kinderwagen sitzen durften und geschoben wurden.

Ein Dauerproblem für uns drei Kinder war der Hunger. Da wir meistens bis abends nichts zu essen hatten, entwickelten wir uns schon früh zu kleinen Bettlern. Wir hingen an den Wohnungstüren der anderen Leute herum, und hin und wieder bekam eine der Mütter Mitleid mit uns und gab uns ein Stück Schmalzbrot. Allerdings nicht oft, weil hier keiner viel übrig hatte.

Wir verbrachten viele Stunden damit, die Trümmerfelder, die nahen Straßen und Abflussgräben nach leeren Bier- oder Limonadenflaschen abzusuchen, um ein paar Pennys Pfand zu ergattern. An guten Tagen, wenn wir genügend Pennys beisammenhatten, kauften wir uns Köstlichkeiten, nämlich Eis in kleinen Flaschen, und zwar bei Rutter’s, dem nächstgelegenen Lebensmittelladen. Für uns war das ein magischer Ort. Am Ende der Straße zwischen einem Bagwash-Shop – dem Vorläufer des Waschsalons – und einem Zeitschriftenladen gelegen, war er voller Wunder. Der Boden war mit Sägespänen bedeckt, und eine riesige Kühltruhe nahm den meisten Platz ein. Hinter der Theke, vor den Regalen mit ordentlich aufgereihten Dosen, stand der Besitzer, ein großer, dunkler Mann, der immer ein frisches weißes Hemd mit bis zu den Ellenbogen hochgekrempelten Ärmeln anhatte. Um die Taille hatte er sich eine schwere blauweiße Leinenschürze gebunden, in der immer ein Geschirrtuch steckte, an dem er sich stets, nachdem er einen Kunden bedient hatte, die Hände abwischte.

Mitten auf der Theke lag ein riesiger Schinken. Manchmal standen wir da und schauten zu, wie der Ladenbesitzer für irgendeinen wohlhabenden Kunden dicke Scheiben Schinken abschnitt, sie auf ein großes Stück Pergamentpapier legte, bevor er sie wog und dann in eine braune Papiertüte steckte – und uns lief das Wasser im Mund zusammen, wenn wir den herrlichen Duft rochen. Hinten im Laden standen in einem alten Kühlschrank kleine Glasfläschchen mit verdünntem Orangensaft. Das war die Köstlichkeit, unsere Lieblingsleckerei. An den Tagen, an denen wir genügend Pfand zusammenbekommen hatten, reichten wir unsere Pennys über die Theke, und dann trugen wir dieses Fläschchen mit dem Eis ganz vorsichtig die Straße entlang, bevor wir drei uns vor unserem Haus auf den Randstein setzten, den gefrorenen Orangensaft mit einem Löffel herauslöffelten und ihn uns in den Mund schoben.

An Regentagen mussten wir irgendwo einen Unterstand finden. Häufig schlichen wir in unserem Haus die Treppen hinauf, um der kleinen Mrs Casey einen Besuch abzustatten. Sie war Witwe und bewohnte im ersten Obergeschoss nur ein Zimmer, umgeben von Bildern ihres verstorbenen Mannes. Sie besaß lediglich ein Bett, ein kleines Sofa und einen Tisch mit zwei Stühlen. Aber sie war nett und kam uns oft zu Hilfe, indem sie uns zu sich hereinbat, uns Toast hinstellte und uns den ganzen hiesigen Klatsch erzählte.

Am späten Nachmittag sahen wir dann, wie die anderen Kinder sich am Ende der Straße versammelten und darauf warteten, dass ihre Väter von der Arbeit nach Hause kamen. Die Männer begrüßten sie mit einem Lächeln, schwangen die Kleinsten auf ihre Schultern und wuschelten den anderen durch die Haare. Wir drei konnten uns das nur ansehen und uns fragen, warum unser Vater nie zur Arbeit ging oder uns durch die Haare wuschelte. Warum verbrachte unser Dad seine Tage vor dem Fernseher? Warum war er nicht wie die anderen Väter, die freundlich aussahen und ihre Kinder allem Anschein nach gernhatten? Wenn wir am späten Nachmittag in die Wohnung kamen, wurde nicht etwa freundlich geplaudert, über den Tag geredet oder gemeinsam ferngesehen. Das, was immer es zu essen gab, nahmen wir in der Küche zu uns – häufig nur Marmeladenbrote oder Schmalzstullen, mit viel Salz bestreut, damit es nach etwas schmeckte. Wir konnten nur hoffen, die Zeit bis zum Schlafengehen ohne Schläge zu überstehen, was bedeutete, Dad aus dem Weg zu gehen.

Unser Vater verprügelte uns fast so oft, wie er Mum verdrosch. Er beschimpfte uns und schlug oder trat aus keinem anderen Grund nach uns, als dass ihm gerade danach war. Waren wir mit ihm zusammen in der Wohnung, dann glichen wir drei schweigsamen kleinen Schatten und versuchten, uns in der kläglichen Hoffnung, seinem Zorn zu entgehen, unsichtbar zu machen. Aber das war unmöglich. Aus dem geringsten Anlass stürzte er sich auf uns. Wenn es einem von uns misslang, ihm schnell genug die Zigaretten zu bringen, wenn einer eine Tasse auf seine Zeitung stellte oder ihm lediglich nicht rechtzeitig aus dem Weg ging, wurde er garantiert verprügelt. Dazu benutzte er seine Hand, seinen Gürtel, seinen Schuh und alles, was gerade in Reichweite war, und hieb auf uns ein, bis seine Wut verflogen war. Schläge gehörten bei uns zum täglichen Leben, und keiner von uns hatte auch nur den Hauch einer Chance, sich gegen ihn zur Wehr zu setzen. Wir rannten in dem Versuch, ihm zu entkommen, durchs Zimmer, aber es war aussichtslos. Wenn die Hiebe auf mich herabprasselten, kam ich mir wie eine willenlose Stoffpuppe vor, deren Füllmaterial herausgeklopft wird, oder wie ein aufgeblasener Luftballon, den man gegen die Wand schlägt.

War die Tracht Prügel schlimm, kam irgendwann der Punkt, an dem alles in einem einzigen großen Schmerz verschwamm, der, so dachte ich, nie enden würde. Instinktiv versuchte ich, mich auf dem Boden zusammenzurollen und meinen Kopf mit den Armen zu schützen, während Dad sich über mir auftürmte, aber das half auch nicht viel. Sobald Dad seine Wut ausgetobt hatte, ging er einfach davon und ließ uns als weinende, zitternde kleine Häuflein Elend auf dem Boden zurück, setzte sich, als wäre gar nichts geschehen, in seinen Sessel und rief Mum zu, dass sie ihm eine Tasse Tee machen solle.

Nach einer Tracht Prügel tat mir immer alles weh. Aber Dad war clever. Obwohl er uns verletzte, landeten wir so gut wie nie im Krankenhaus. Wir trugen heftige Blutergüsse, Schnittwunden und Prellungen davon, aber gewöhnlich hörte er auf, bevor es noch schlimmer wurde. Die Verletzungen, die er uns zufügte, wurden einfach ignoriert. Manchmal, wenn es wirklich schlimm war, holte Mum uns ein Pflaster oder ein kaltes feuchtes Handtuch, das wir auf die schmerzende Stelle drückten, doch selbst das kam selten vor. Weinten wir, dann spottete Dad, wir würden uns nur aufspielen, und befahl uns, ruhig zu sein.

Wenn irgendjemand eine Verletzung an uns bemerkte, hielten wir den Mund. Dad hatte uns Stillschweigen schwören lassen – das Letzte, was er wollte, war, dass irgendwelche Leute vom Kinderschutz herumschnüffelten. Er drohte, wenn wir etwas verraten sollten, würden wir ins Kinderheim geschickt, wo das Leben viel schlimmer sei als zu Hause. So schwer man sich das auch vorstellen kann, wir glaubten ihm und hielten den Mund. Heutzutage würde jeder Arzt, der solche Blessuren zu Gesicht bekommt, aufgrund möglicher Kindesmisshandlung das Jugendamt einschalten. Sollten die folgenden Nachforschungen diesen Verdacht erhärten, würde das Kind höchstwahrscheinlich zu Pflegeeltern kommen. Aber vor vierzig Jahren war das noch nicht der Fall: Keiner stellte Fragen, und bei den seltenen Gelegenheiten, bei denen doch einer von uns ins Krankenhaus kam, wurden wir versorgt und dann einfach wieder nach Hause entlassen, um dort weiter misshandelt zu werden.

Weil das Einkommen meiner Eltern hauptsächlich aus den Zahlungen des Sozialamts bestand, waren sie bei allem auf Zuwendungen angewiesen – mit Ausnahme von ein paar wenigen Luxusdingen wie beispielsweise dem Fernseher, den sie durch Ratenkauf erworben hatten. Wir Kinder wünschten uns, die Sendungen sehen zu können, die sich die anderen Kinder anschauten, zum Beispiel Fireball XL5, ein tolles Puppenspiel von Gerry Anderson, Hoppity oder den Zauberer David Nixon mit seinen Kartentricks, doch Dad erlaubte es uns nie. Nachdem wir unseren Tee getrunken hatten, wurden wir meist, bis es Zeit wurde, ins Bett zu gehen, wieder nach draußen geschickt. An den wenigen Abenden, an denen Dad uns erlaubte, uns ins Wohnzimmer zu setzen und mit ihm fernzusehen, waren das die Sendungen seiner Wahl, das heißt Dixon of Dock Green, Z Cars oder Scotland Yard. Als kleines Kind hatte ich natürlich keine Ahnung, dass diese Filme reine Fiktion waren. Indem ich sie mir anschaute, kam ich zu dem Schluss, die Polizei sei wohl mit Raubüberfällen und Morden so beschäftigt, dass sie keine Zeit hatte, zu uns zu kommen und Dad davon abzuhalten, Mum oder uns Kinder zu verprügeln.

Nicht zu Unrecht war Ratenkauf als etwas verpönt, worauf man sich niemals einlassen sollte. Jede Woche stand ein Mann wegen der Zahlungen für den Fernseher vor der Tür, und fast jedes Mal wurden wir Kinder mit irgendeiner Ausrede vorgeschickt. Als ich an der Reihe war, stotterte ich herum, dass meine Eltern nicht da seien, und dann zog der Mann die Augenbrauen hoch, seufzte und sagte: »Tja, dann richte ihnen aus, dass sie jetzt mit drei Raten im Rückstand sind – ich komme wieder.« Ich nickte und hastete zurück, froh, ihn losgeworden zu sein, weil das bedeutete, dass Dad vielleicht bessere Laune haben würde.

Blieb der Mann aber hartnäckig und drohte, hereinzukommen und den Fernseher an sich zu nehmen, dann befahl Dad unserer Mutter, ihm etwas zu zahlen, in der Hoffnung, mit einem symbolischen Betrag sei die Sache geritzt. Musste Dad Geld rausrücken, dann war er für den Rest des Tages schlechter Stimmung, und das bedeutete immer Prügel für Mum oder uns Kinder oder für alle zusammen.

Dad gab den größten Teil des Familienunterhalts für Zigaretten und eigene Dinge aus. Er kaufte gedankenlos und ohne Logik. So kam er plötzlich zu dem Schluss, dass er irgendwelche neumodischen Elektrogeräte haben wollte, irgendwelche neuen Apparate, die er gesehen hatte, wie beispielsweise ein Gerät zur Herstellung geriffelter Chips oder einen Fotoapparat, und schon war das Geld für eine ganze Woche weg. Für Essen blieb nie viel übrig. Sämtliche Lebensmittel mussten jeden Tag frisch besorgt werden, hauptsächlich deshalb, weil wir, wie die meisten unserer Nachbarn, nie wussten, wo wir die nächsten Pennys zusammenkratzen konnten, aber auch, weil wir keinen Kühlschrank besaßen. Frische Lebensmittel wurden im Laden an der Ecke gekauft und noch am gleichen Tag verzehrt, und das war der Grund, warum wir so selten etwas für das Frühstück am nächsten Morgen übrig hatten. An guten Tagen schmauste Dad abends Schweinekoteletts, während der Rest der Familie Hackfleisch oder ein billiges Stück Fleisch, Salzkartoffeln und Kohl vorgesetzt bekam. An schlechten Tagen gab es Porridge oder Schmalzbrot. Es waren jedoch viel mehr schlechte als gute Tage.

Die Lage wurde durch die Tatsache, dass Mum als Hausfrau hoffnungslos versagte, auch nicht gerade besser. Sie konnte nicht kochen, deshalb schmeckte alles, was sie zubereitete, scheußlich, und sie hatte keine Ahnung, wie man mit einem kleinen Haushaltsbudget klarkommt. Sie kümmerte sich so gut wie nie ums Putzen oder um die Wäsche, und sie wusch sich oder uns Kinder nur höchst selten. Ihr ganzes Leben drehte sich einzig und alleine darum, zu versuchen, Dad zufriedenzustellen. Ihre Aufgabe bestand hauptsächlich darin, uns Dad vom Hals zu halten und ihm zu bringen, was immer er haben wollte. Und was er mehr als alles andere haben wollte, war Geld. Immer wieder brüllte er sie an, dass sie Geld auftreiben solle, und schob sie aus der Wohnungstür. Dann kam sie Stunden später erschöpft mit einem Fünf-Pence-Schein in der Hand zurück (50 Pence in heutigem Geld, und selbst in den 1960er-Jahren nicht einmal so viel wert). Wir hatten keine Ahnung, wo sie ihn herhatte. Erst viel später begriffen wir, was sich da abspielte.

Doch Mum ging nicht immer aus dem Haus, wenn sie Geld beschaffen musste; manchmal kamen auch Männer vorbei, um sie zu besuchen. Dad ignorierte sie und blieb im Wohnzimmer vor dem Fernseher sitzen. Mum bezeichnete die Männer als »Onkel«, und dann sagte sie: »Der Onkel und ich gehen eben mal ins Zimmer nebenan, um uns zu unterhalten.« Häufig zwinkerte der Onkel uns sogar noch zu oder tätschelte uns den Kopf, und manchmal gaben uns die ganz netten sogar etwas Süßes. Dann verschwanden die beiden. Nach einer Weile kamen sie wieder, und der Onkel ging. Damals kam es uns gar nicht in den Sinn, darüber nachzudenken oder das infrage zu stellen. Wir wussten nur, dass Mum Geld aufgetrieben hatte, und waren froh, weil das bedeutete, dass Dad heute seine Zigaretten bekam und Tee auf dem Tisch stand.

Dad, der groß, untersetzt und stark war, hatte schwarze Haare, die nach hinten gekämmt und mit viel Pomade beschmiert waren. Er hatte eine lange Hakennase, die er sich früher einmal irgendwie gebrochen hatte, und fast immer einen mürrischen Ausdruck im Gesicht. Bei den seltenen Gelegenheiten, wenn er lächelte, entblößte er seine verfärbten, abgebrochenen Zähne, die seit Jahren nicht geputzt worden waren.

Dad war mit einem verkürzten Zungenbändchen auf die Welt gekommen – seine Zunge war durch ein spezielles Hautstück zu eng mit dem Boden der Mundhöhle verbunden, sodass er sie nicht richtig bewegen konnte. Dadurch entwickelte er einen Sprachfehler; er stieß die Wörter undeutlich und grunzend aus, und er nuschelte. So konnte er beispielsweise unsere Namen nicht richtig aussprechen. Bei Kim klang es immer wie »Tim«, Laurence war »Orence« und ich war »Enny«. Diese Behinderung führte außerdem dazu, dass er immer Spucke am Mund und eine feuchte Aussprache hatte.

Unser Vater machte nie den Mund auf, ohne eine Reihe von Schimpfwörtern auszustoßen. Uns schnauzte er immer nur an, und meistens nannte er uns sowieso nicht beim Namen – wir waren »ihr kleinen Fotzen«. Bis wir in die Schule kamen, hielten wir es für normal, in jeden Satz eine Reihe von Flüchen und Schimpfworte einzustreuen, und wir taten das dort ebenso, bis ein paar Klapse von unseren Lehrkräften uns beibrachten, in ihrer Anwesenheit den Mund zu halten.

Neben seinen Sprachproblemen hatte Dad Anfälle. Laut der Geschichte, die man mir erzählte, als ich älter war, hatte er, als er mit der Armee in Indien stationiert war, bei einem Gefecht einen Schädelbruch erlitten und einen Hirnschaden davongetragen. Dads Kopfverletzung musste als Entschuldigung für alles herhalten: dass er von der Sozialhilfe lebte, kaum je etwas arbeitete und sich wie ein brutaler Tyrann aufführte. Als wir klein waren, fanden wir diese Anfälle beängstigend, doch mit der Zeit wurde uns klar, dass Dad diese nur vortäuschte. Er konnte diese Anfälle absichtlich herbeiführen, wann immer es ihm gerade passte. Wurde ein Gläubiger zu hartnäckig oder fing jemand an, unangenehme Fragen zu stellen, warf er sich plötzlich auf den Boden und hatte Schaum vor dem Mund. Wir wussten, dass er nur so tat, weil er sich zu vorsichtig fallen ließ und weil wir beobachteten, wie er zu den Betreffenden hinaufschielte, um zu sehen, ob sie darauf hereinfielen. Erstaunlicherweise taten sie das häufig. Entsetzt über Dads plötzlichen »Anfall« traten sie für gewöhnlich schnellstens den Rückzug an. Doch bis auf diese Gelegenheiten, die nach einem Anfall verlangten, erfreute Dad sich bester Gesundheit. Nicht ein einziges Mal hatte er einen Anfall, wenn nur die Familie anwesend war.

Seinem Täuschungsgeschick war es also zu verdanken, dass Dad die meiste Zeit mit der Pension der Armee, die er wegen seiner Kriegsverletzungen erhielt, und den Zuwendungen des Sozialamts, die eigentlich für den Unterhalt seiner Familie gedacht waren, durchkam. Doch hin und wieder zwang ihn die Armut, sich nach einer Arbeit umzuschauen, und dann fand er einen Job in einer Fertigungsanlage oder am Fließband. Als Laurence auf die Welt kam, arbeitete er in einer Bäckerei, und als ich geboren wurde, arbeitete er eine Zeit lang als Möbelpacker. Doch stets gab er den Job nach wenigen Wochen wieder auf mit der Behauptung, dass er ihm nicht zusage oder dass er schikaniert würde, und kehrte zu seinem alten Tagesablauf zurück, saß in seinem Sessel und rauchte eine Zigarette nach der anderen. Nach ein paar Jahren gab er es ganz auf, so zu tun, als suche er Arbeit, und richtete sich darauf ein, nur von staatlichen Zuwendungen zu leben.

Trotz seines jetzigen mürrischen Erscheinungsbilds war er als junger Mann recht attraktiv gewesen, und er konnte, wenn es ihm passte, noch immer charmant sein. Er nutzte seine »Kriegsverletzung« aus, und viele Menschen drückten in dem Glauben, dass er seinem Land gedient habe und ein vergessener Held sei, gegenüber seinem haarsträubenden Verhalten ein Auge zu. Selbst die Sozialarbeiter, die von Zeit zu Zeit auftauchten, ließen sich von ihm täuschen. Dad machte dann eine große Schau daraus, den liebevollen Vater zu spielen, der darum kämpfte, seine ihn zum Behinderten machenden Anfälle zu überwinden und seine Kinder großzuziehen. Sie kauften ihm die Geschichte ab und rückten gewöhnlich sogar mit irgendwelchen Sonderzahlungen oder Zuschüssen heraus, um ihm zu helfen.

Im Gegensatz zu Dad war Mum ein zarter Mensch. Mit ihren kastanienbraunen Haaren und dunkelbraunen Augen, ihrem dunklen Teint, einem ordentlichen Busen und langen Beinen war sie in ihrer Jugend hübsch gewesen. Sie war gertenschlank, brauchte kaum mehr als Kleidergröße 38, aber sie hatte Kurven und zog mit ihrer Figur bewundernde Blicke auf sich. Unter anderen Umständen hätte sie eine Schönheit sein können, aber auf Dads Drängen hin hatte sie sich die Haare kurz schneiden lassen – er schnitt sie ihr immer selbst –, und ihr Gesicht verschwand hinter einer hässlichen Brille mit breiter Fassung. Wenn sie aus dem Haus ging, hielt sie den Kopf gewöhnlich gesenkt, um die Schnittwunden und die blauen Flecken auf ihrem Gesicht zu verbergen und den neugierigen, mitleidvollen Blicken ihrer Nachbarinnen auszuweichen.

Manchmal trug sie, als ich klein war, Minikleider – selbst nach mehreren Kindern hatte sie noch eine gute Figur, und die Männer drehten sich nach ihr um. Aber irgendwann hörte sie auf, sie zu tragen, und begnügte sich mit einer Uniform aus Nylonhosen und einem Pullover, flachen Plastiklatschen und einer schmutzigen kleinen Schürze mit einer Tasche, in der sie ihren geheimen Vorrat an Zigaretten aufbewahrte. Wie Dad war sie eine starke Raucherin, und sie lief stets mit einer an ihrer Unterlippe klebenden Zigarette herum. Oft brannte die Zigarette herunter, ohne dass sie daran einen Zug gemacht hatte, und die Asche wurde immer länger, fiel aber seltsamerweise nie herunter.

Mum hatte Dad kennengelernt, als sie neunzehn und er etwa vierundzwanzig war. Sie arbeiteten damals in der gleichen Fabrik, und er hatte sie über einen Freund fragen lassen, ob sie mit ihm ausgehen würde. Damals hatte sie langes Haar und Kontaktlinsen getragen, und viele der jungen Männer in der Fabrik schwärmten für sie. Aber sie entschied sich für Dad, und innerhalb von zehn Tagen hatte er sie überredet, sich die Haare kurz schneiden zu lassen, die Kontaktlinsen gegen eine Brille zu tauschen und ihn zu heiraten. An der Hochzeit nahm niemand teil außer Dads bestem Freund – ihre Familien erfuhren davon erst im Nachhinein.

Das frisch vermählte Paar, das mittel- und obdachlos war, zog in ein feuchtes, heruntergekommenes Hausboot, und dreizehn Monate später kam Laurence auf die Welt. Ein Jahr später wurde ich geboren, am 15. März 1956, im städtischen Krankenhaus von London. Mir wurde der Name Jeanette Lilian Ponting gegeben, und ich war ein gesundes Baby von fast 3700 Gramm – das, was man damals als »prächtiges Baby« bezeichnete. Ich habe nur ein einziges Foto von mir als Baby ausfindig machen können; andere Fotos, die möglicherweise gemacht wurden, müssen verloren gegangen sein. Dieses erste Bild ist ein kleiner Schwarz-Weiß-Schnappschuss von meinem Bruder und mir: Ich muss etwa acht Monate alt gewesen sein, Laurence einundzwanzig Monate. Meine Mutter ist nicht zu sehen, aber ich bin mir sicher, dass sie diejenige auf dem Foto ist, die uns auf dem Schoß hält. Irgendjemand hat ihren Kopf abgerissen; ich konnte nicht herausfinden, wer es getan hat und warum. Auf einem anderen Bild bin ich ein bisschen älter, trage einen kurzen zweireihigen Mantel, weiße Söckchen und braune Sandalen. Meine Frisur ist der typische Topfschnitt jener Zeit – gerader Pony, kurzer Bob. Laurence steht neben mir, seine blonden Locken sind ordentlich gekämmt, er hat den Arm um mich gelegt und gibt schon ganz den großen Bruder.

Kimberley wurde zwei Jahre nach mir geboren. Die Eltern meines Vaters, Sidney und Florence, organisierten für uns drei die Taufe in der örtlichen Methodistenkirche. Von der Familie meiner Mutter nahm niemand daran teil – sie waren irische Katholiken, und die Pontings hatten ihnen klargemacht, dass sie nicht willkommen waren.

Von Anfang an befand sich Mum völlig in Dads Bann. Er kontrollierte sie auf Schritt und Tritt. Es war, als sei sie in dem Augenblick, in dem sie sich kennengelernt hatten, zu seinem Besitz geworden und als würde er mit ihr machen können, was immer er wollte. Egal, wie oft er sie verprügelte oder demütigte, sie verließ ihn nie. Als kleine Kinder hörten wir sie, nachdem sie wieder einmal geschlagen worden war, vor Schmerzen schluchzen, und nur wenig später kicherte sie im Schlafzimmer mit ihm herum wie ein verliebter Teenager. Selbst in so jungen Jahren passte das in meinen Augen nicht zusammen. Warum lachte sie mit ihm, wo er ihr doch so häufig wehtat?

Rückblickend habe ich mich oft gefragt, ob Mum irgendeine Art von Lernschwäche hatte. Ich mag mich täuschen, doch wenn es so gewesen wäre, ließe sich leichter erklären, warum es Dad gelang, seine Allmacht über sie zu bewahren, und warum sie ihm seine Grausamkeiten immer wieder verzieh. Mum war auf jeden Fall in vielerlei Hinsicht wie ein Kind. Sie konnte weder lesen noch schreiben – bis auf ihre Unterschrift –, und nahm alles für bare Münze. Altweibergeschichten nahm sie sehr ernst. Ohrenklingeln und ein Vogel im Haus bedeuteten jeweils, dass mit einem Todesfall zu rechnen war, Blasen auf dem Tee verhießen Geldsegen, und drei Zigaretten mit einem Streichholz anzuzünden, brachte Unglück. Ständig warf sie Salz über ihre Schulter, um sich vor Pech zu schützen – eigentlich eine traurige Geste, wenn man bedenkt, dass ihr ganzes Leben eine einzige lange Pechsträhne zu sein schien. Sie war überzeugt davon, mit Geistern reden zu können. Eines Tages, als wir ein bisschen älter waren, kletterte Kim auf einen Ast, und als Mum unter dem Baum vorbeiging, flüsterte sie: »Lil Ponting ... Lil.« Jeder andere hätte erraten, dass das ein Trick war, aber Mum wollte es glauben, und selbst nachdem Kim ihr erzählt hatte, dass sie es gewesen war, war Mum davon überzeugt, eine besondere Gabe zu besitzen.

Ich denke, Mum kümmerte sich auf ihre eigene Weise um uns, aber Dad hatte bei ihr immer eine Vorrangstellung. Als ich klein war, sehnte ich mich nach ihrer Zuneigung. Ich wollte mich auf ihren Schoß kuscheln und ihren warmen, beruhigenden Geruch einatmen. Aber das war ein Ding der Unmöglichkeit. Wenn ich auch nur versuchte, sie zu umarmen oder ihr gar einen Kuss zu geben, schob sie mich sanft, aber bestimmt von sich oder sagte mir, ich solle spielen gehen. Bald gab ich diese Versuche auf. Zu Zärtlichkeiten kam es zwischen uns nur, wenn sie gerade verprügelt worden war und wir versuchten, sie zu trösten und sie uns kurz in die Arme schloss. Abgesehen davon nahm sie uns manchmal an der Hand, wenn wir eine Straße überquerten, oder sie gab uns einen kurzen flüchtigen Abschiedskuss auf die Wange, bevor sie aus dem Haus ging, aber das war schon alles.