Hass - Klaus Möckel - ebook

Hass ebook

Klaus Möckel

0,0

Opis

Auf Roswitha Henneberg, Abteilungsleiterin in einem Großlager, wird ein Anschlag verübt: Sie erleidet einen Sturz mit dem Motorroller, weil heimtückisch eine Schnur über die Straße gespannt wurde. Als sie im Krankenhaus schwer verletzt zu sich kommt, erinnert sie sich nur an wenige Details. Doch sie hat ein hassverzerrtes Gesicht vor Augen, das sich über sie beugt und das sie keiner bestimmten Person zuordnen kann. Leutnant Kielstein nimmt sich des Falles an, kann aber nicht ahnen, dass ihn die Verunglückte absichtlich auf eine falsche Fährte lenkt, weil sie sich zunächst selbst ein Bild von dem Täter machen will. Ein Einbruch bei der Henneberg und eine mysteriöse Gestalt im Regenmantel verwirren die Fäden noch. Hass ist ein Roman der Selbstfindung und Abrechnung mit erstarrten Denk- wie Verhaltensweisen. Als die Verunglückte endlich begreift, wer es auf sie abgesehen hat, ist es für sie bereits zu spät. In der DAMENGANG finden sich vier Frauen zusammen, um durch Diebstahl und Hehlerei die eigenen Finanzen aufzubessern. Das Leben, meinen sie, kann angenehm sein, wenn man genügend Geld hat und von den Dingen, die einem gefallen, nicht nur träumen muss. Doch schon bald genügt ihnen die bescheidene Beute nicht mehr, und sie rüsten zum großen Coup. Kielstein, eigentlich mit Mordsachen befasst, bekommt den Fall aufgehalst. Zunächst fühlt er sich unter-, später aber überfordert. Als der Fall in einem Totschlag mündet, hat er den Ernst der Sache längst begriffen, aber nicht mit den Überraschungen gerechnet, die ihn am Ende erwarten. DIE DAMENGANG ist frei nach einem Fall gestaltet, der sich in den achtziger Jahren in Berlin zutrug.

Ebooka przeczytasz w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS
czytnikach certyfikowanych
przez Legimi
czytnikach Kindle™
(dla wybranych pakietów)
Windows
10
Windows
Phone

Liczba stron: 238

Odsłuch ebooka (TTS) dostepny w abonamencie „ebooki+audiobooki bez limitu” w aplikacjach Legimi na:

Androidzie
iOS



Impressum

Klaus Möckel

Hass

Kriminalroman

ISBN 978-3-86394-173-4 (E-Book)

Das Buch erschien erstmals 1981 in der DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) beim Verlag Das Neue Berlin.

Die kriminellen Sprüche wurden dem Buch "Wer zu Mörders essen geht..." von Klaus Möckel, erschienen 1993 bei Frieling & Partner GmbH Berlin, entnommen.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

DIE WICHTIGSTEN PERSONEN SIND:

Roswitha Henneberg: Abteilungsleiterin in einem Großlager, die nach einem Anschlag auf ihr Leben im Krankenhaus erwacht und sich verzweifelt mit der Erinnerung an ein hassverzerrtes Gesicht herumschlägt.

Jutta: ihre Tochter, an der sie hängt, die aber nach ihrer Meinung ein sehr missliches Leben führt.

Grollmann - Junghans - Braun – Polly - die Grenz: Kollegen, die das eine und andere an ihr schätzen, nicht jedoch ihre Art, mit den Leuten umzuspringen.

Margit Rösler: eine heftig befehdete Freundin.

die Gestalt im Regenmantel: die das Verbrechen beging, aber nicht bereut.

Leutnant Kielstein: der, obwohl er das Ende einer Angelschnur in den Händen hält, lange vergebens dem Fisch hinterher jagt.

1. Kapitel

Die schwarze... massive... Platte, die mich schon die ganze... Zeit niederdrückt... hebt sich schaukelnd... von meiner Stirn, wird grau... hellgrau, weiß. Sie... weicht zurück, und es ist keine... Platte mehr, es ist eher ein kalk... farbenes Tuch, ein... Leichentuch. Mein Leichentuch...

Denn mir, Roswitha... Henneberg, ist etwas... Schreckliches zugestoßen... und obwohl mich das Dunkel in meinem Kopf... am Überlegen hindert, beginne ich mich langsam... zu erinnern. Die Kurve... die Schnur... der Sturz, der Aufprall. Und das Gesicht... hinter der Brille, das hassverzerrte... Gesicht.

Vielleicht habe ich das... alles nur geträumt.

Aber da sind die Schmerzen... im Rücken, die sich sacht... regen, da sind die Stiche... im Bein.

Durchs Fenster fällt... fahles Sonnenlicht... Wieso hat dieses kalk... bleiche Tuch ein Fenster?

Weil es kein Tuch... ist, sondern eine... weiße Wand.

In einem weißen... Zimmer.

Wo ich... auf einem weißen Bett... liege.

Auf einem... Krankenhausbett.

Nein, ich habe nicht... geträumt, mir ist etwas sehr... Schlimmes passiert... und es war kein... Unfall. Ich sehe die... Straße vor mir, die Bäume... rechts und links... die Kurve hinter dem Hügel, den hellen... Strich der Schnur im Schein... werferlicht, ich durchlebe erneut den Sturz... verspüre den... Aufprall.

Und starre... in das Gesicht mit der... Motorradbrille, das dicht vor mir auf... taucht, aber sofort wieder verschwimmt... so dass ich mich vergeblich... bemühe, seine Konturen festzuhalten...

Dann stehen zwei Schatten neben meinem Bett, und auch sie... sind weiß: weiße Schatten, was... für ein Unsinn. Der eine Schatten, der... kleinere, beugt sich zu mir herab und sagt etwas. Eine... Stimme, auf- und abschwellend wie ein... ferner Sender, dringt an mein... Ohr. Laut... leise... leise... laut: "Sie scheint... sich zu kommen... Herr... oktor." Der größere... Schatten neigt sich leicht... nach vorn, wackelnd... schwankend, eine Panoptikumsfigur... und flüstert: "Na, wie...eht es uns, Fra... nneberg?"

"Uns", hat er gesagt... "uns", was mag er nur ... wollen? Ob noch mehr Leute in... diesen Sturz verwickelt sind... noch mehr in diesem Raum? Aber nein... ich war allein auf der Straße... liege... allein im Zimmer. Wie geht es... uns... eine... Floskel, eine ganz allgemeine... Frage, wie sie die Ärzte... stellen, ohne eine Antwort zu erwarten... Schlecht geht es... schlecht... wenn ich auch... brav... zu lächeln versuche... Er, der Doktor... lächelt zurück, bevor er wieder... zum Schatten wird... und dann... im Weggehn, flüstert er... kaum noch verständlich: "Lassen... ir sie schlafen, Schwes... Patient... aucht Ruhe."

 Allein in diesem... Krankenzimmer, durch dessen Fenster jetzt schmal die Sonne... fällt. Ein magerer Streifen, mager wie dieser ganze... verunglückte Sommer. Trotzdem gibt der Strahl Wärme, der nackte Raum wirkt... lebendiger, der bräunliche Fußbodenbelag beginnt... ein wenig zu glänzen, und gelänge es mir, die Hand auszu... strecken, könnte ich die plötzlich... flimmernde... Kante des Nachttischchens berühren.

Wie zu Hause... Sonnabend- oder Sonntagmorgen, wenn ich nicht zur Arbeit muss. Wenn ich mir die halbe Stunde Geruhsamkeit... vor dem Aufstehn gönne, das Nachdenken... über die vergangene Woche... das Vorausdenken bis zum Abend, das Nicht... denken... die Erinnerung an die wenigen schönen Augenblicke in meinem Leben, aber nie das Träumen... Träume führen zu nichts, ich habe sie mir seit langem abgewöhnt.

Die Kante des Nachttischs flimmert... doch ich kann die Hand nicht... nach ihr ausstrecken, ich bin zu schwach. Ich kann... das Bein nicht bewegen, das schmerzt... den Kopf nicht anheben, der einer großen, dumpf dröhnenden... Trommel gleicht. Den schweren Weih... Wasserbecken in den Kirchen... meiner Kindheit. Mutter... weshalb muss ich gerade jetzt... an dich denken... Du hast es gut gemeint... aber du hast zuviel verschwiegen. Glauben... und sich unterordnen. Beten, vertrauen, doch keine Fragen stellen. Die Kindheit... ich möchte sie fassen... aber ich liege hier, und alles... verschwimmt. Ich schwimme mit... auf einer Wolke, die mich umhüllt und weg... trägt. Der Fußboden... die Sonne... wo ist der magere Streifen... Wärme geblieben?

Schlafen... dahindämmern... nachdenken. Wie lange mag ich schon hier sein: eine Nacht... einen Tag... zwei Tage? Keine Sonne mehr im Zimmer, eher abendliches Dunkel, gestern... oder vorgestern... war es auch dunkel, ein grauer... verregneter Tag; morgens, als ich zur Arbeit fuhr, sah es noch so aus, als wollten die... Nässeschleier über den See nach Süden... abziehn, aber dann kamen neue Wolken, richtige Geschwader. Der Weg vorm Haus voller Pfützen, die Straße glitschig... am Fabriktor ein ganzer See, so dass die Leute... fluchend zurücksprangen, wenn ein LKW oder Barkas... zu forsch heranfuhr. Ich sprach mit dem Pförtner übers Wetter... das jetzt, im Oktober, genauso schlecht war wie schon im Juli und Au... gust, und später noch mal mit Gerd Grollmann... dem Ersten Lageristen der Elektroakustik. Dann verlief der Tag mit den üblichen Gesprächen und... Anweisungen, war mit Arbeit voll gestopft bis zum Gehtnichtmehr... Junghans rief dauernd an, weil die neuen Barometer nicht kamen, und ich schlug mich mit dem Leiter vom Fuhrpark herum, der den Unschuldigen spielte. Gegen elf hatten wir eine BGL-Sitzung, doch da Braun Urlaub macht und also keiner anwesend war, der am Stänkern Freude hat... spulte sich alles ohne Zwischenfall ab. Um den Planvorlauf drehte sich's... und um einen Neuerervorschlag. Hoffmann II aus der... Uhrenabteilung hat sich da was mit neuen Transportpaletten ausgeknobelt, aber ich befürchte, dass die Arbeits... erleichterung minimal ist und dass es ihm hauptsächlich um die Prämie... geht. Ich hab', wie üblich, nicht mit meiner Meinung hinterm Berg gehalten. Wenn wir seinerzeit... hätten alle unser Geld so leicht verdienen wollen... wo ständen wir heute?

Um drei eine Unterhaltung mit der Grenz... fast freundschaftlich, weil sie endlich mal was Gutes gemacht hat, sich in der letzten Zeit überhaupt ein bisschen mehr am Riemen reißt... um vier Feierabend... dann der Abstecher in den Konsum - da hatte es mal kurz zu regnen aufgehört. Ein paar blaue Stellen am Himmel... so ein blasses, falsches Blau, als Kinder sagten wir Magermilchhimmel dazu, doch bald war wieder alles in Schwarz getaucht, und als ich mein bisschen... Wurst und Käse eingekauft hatte, begann es erneut zu strippen. Natürlich hatte ich den... Regenumhang dabei, die Kapuze noch feucht vom Morgen, und wenn mich das viele Wasser auch nicht beglückte, das an mir... herunterlief, es war weiß Gott nicht das erste Mal. Als ich bei Margit vorbeifuhr, hatte ich Lust... zu hupen, obwohl ich das seit Jahren nicht mehr getan hatte... Wir sehn uns im Betrieb, das lässt sich nicht vermeiden... wir grüßen uns sogar - anfangs, nachdem sie mir Siegfried weggenommen hatte, war sie Luft für mich -, aber das ist auch alles. Und natürlich hupte ich nicht, weshalb sollte ich einen solchen Schritt tun? Selbst wenn sie von sich aus käme, mich... einladen würde: "Schau doch nach der Arbeit mal vorbei, Witha, ich hab' mich damals... schäbig benommen, aber seither ist so viel Zeit vergangen... wir zwei waren doch gute Freundinnen", selbst dann müsste ich mich überwinden. Es ist der Stolz... der nein sagt. Und woran hätte ich mich all die Jahre halten sollen, wenn nicht an meinen... Stolz.

Ich fuhr also durchs Robert-Koch-Viertel, an der neuen Schule vorbei... und nahm dann, wie stets, die... Abkürzung hinterm Stadion. Dort ist die Durchfahrt eigentlich untersagt, doch hat mich mit dem Roller noch nie... jemand angehalten. Weshalb auch... der Weg ist übersichtlich, und ich nehme mir Zeit. Selbst wenn es so regnet wie gestern, das gehört sich einfach... Manchmal kommen einem trotz allem Kinder entgegen... Später, auf der Landstraße, hab' ich dann Tempo aufgemacht. Und nachdem ich den Abzweig Fichtengrund erreicht hatte, wo es kaum noch Verkehr gibt... war ich wohl bei sechzig Sachen angelangt. Gewiss, der Asphalt ist dort voller Löcher und, wenn's regnet... unangenehm seifig, aber ich kenne ja jeden Meter. Ich könnte die Strecke blind fahren, so oft bin ich da entlanggekutscht... Erst der Hügel, dann die scharfe Kurve... Ich fuhr aber nicht blind, ich habe wegen des Wetters und der anbrechenden Dunkelheit den Scheinwerfer angemacht. Doch ob nun Scheinwerfer oder nicht... niemals bisher, nie ist etwas passiert.

2. Kapitel

"Die Patientin ist noch sehr schwach", flüstert die Schwester, "und spricht kaum. Deshalb war ich ja so erschrocken. Ich erwähnte nur, dass sie nach ihrem Unfall schön still liegen müsse, da fuhr sie mich an, das sei kein Unfall gewesen. Wirklich, sie fuhr mich richtiggehend an; sie sprach zwar leise, aber mit einer unwahrscheinlichen Schärfe, und dabei riss sie die Augen auf. Ich sagte: 'Na na, Frau Henneberg, was erzählen Sie denn da, beruhigen Sie sich bitte', aber sie wurde bloß noch aufgeregter. 'Es war ein Anschlag, Schwester, eine Schnur war quer über die Straße gespannt, und sein Gesicht hassverzerrt.' Also, ich dachte, ich hör nicht recht. 'Sein Gesicht?', fragte ich, und bestimmt hat sie meine Verblüffung mitgekriegt, 'wessen Gesicht?' Sie aber gab keine Antwort, ich konnte nichts weiter aus ihr herauskriegen. Obwohl sie noch mehrmals davon anfing. Ich weiß nicht, ob sie sich das alles nur einbildet. Jedenfalls dachte ich, es sei besser, wenn ich das der Polizei mitteile."

Die Schwester ist klein, rotblond und hat runde dunkelblaue Augen. Eine Samariterseele, wie man sie auch in Krankenhäusern nicht mehr so häufig antrifft. Sie macht ein schuldbewusstes Gesicht - der Arzt hat das eigenmächtige Gespräch mit dem VP-Amt offenbar missbilligt, er hält die Aussage der Patientin für Spintisiererei. Kielstein jedoch, der infolge dieses Anrufs in die Klinik gekommen ist, setzt seine Schuljungenmiene auf, lächelt ihr aufmunternd zu. "Es war durchaus richtig, sich an uns zu wenden. Um solchen Dingen nachzugehen, sind wir ja da."

In Wirklichkeit gibt es freilich besondere Gründe, dass er sich der Sache angenommen hat. Er kann den Arzt verstehen, wenn er die wirren Behauptungen einer noch halb benommenen Patientin nicht allzu ernst nimmt. Was ihn dennoch bewogen hat, selber hier herzufahren (und nicht Felsch, Andreesen oder sonst wen zu schicken), das ist der Name der Verunglückten. Eine Roswitha Henneberg hat Kielstein vor zwei Jahren bei einem Gerichtsprozess als Schöffin kennen gelernt. Eine mittelgroße, energische Frau mit herben Gesichtszügen, Anfang der Fünfzig und recht intelligent. In dem Prozess ging es um ein größeres Wirtschaftsverbrechen: Einige leitende Mitarbeiter eines Transportbetriebes hatten über ein privates Fuhrunternehmen Treibstoff verschoben. Solche Straftaten mehrten sich in den letzten Jahren beängstigend, und die Urteile waren demzufolge nicht gerade milde ausgefallen. Kielstein, in der Verhandlung nur Beobachter - an der Aufdeckung des Vergehens hatte er allerdings großen Anteil gehabt -, wurde anschließend vom Staatsanwalt im Wagen mitgenommen. Zusammen mit eben jener Frau Henneberg. Dabei war er ins Gespräch mit ihr gekommen, hatte erfahren, dass sie in einem Großlager arbeitete, in verantwortlicher Stellung, und auch noch eine Gewerkschaftsfunktion bekleidete. Die Persönlichkeit dieser Schöffin hatte sich ihm eingeprägt. Bündig formulierte Gedanken, eine entschiedene Sprechweise, Selbstsicherheit. Aber auch eine Strenge in Worten und Gesten, die ihm nicht so ganz gefiel. Nun ja, es war eine andere Generation. Jedenfalls hat er sich bei dem Anruf aus dem Krankenhaus gleich an sie erinnert. Diese Frau würde wohl kaum irgendeinen Unsinn erfinden, nur um sich interessant zu machen.

Die Schwester ist zu der Patientin gegangen, um sich von ihrem Befinden zu überzeugen, jetzt steht sie wieder in der Tür des Besucherzimmers. "Sie ist aufgewacht, Sie können mit ihr reden", sagt sie. "Aber bitte nicht länger als vier Minuten, der Doktor hat es mir ausdrücklich aufgetragen."

Vier Minuten, warum gerade vier, denkt Kielstein, erwidert jedoch nichts. Er lächelt erneut, nickt und schaut zum Zeichen des Einverständnisses auf seine kürzlich erstandene Quarzuhr. Dann folgt er der Rotblonden. Er ist groß gewachsen, überragt sie um Kopfeslänge, doch im Kielwasser ihres etwas zu breit geratenen Hinterteils fühlt er sich durch den Korridor geleitet wie von einem Lotsenboot.

Roswitha Henneberg liegt in einem Einzelzimmer, das Kielstein in seiner Kahlheit trostlos vorkommt. Ein Nachttisch, ein Bett, ein Stuhl, ein Blechschrank in der Ecke, ein mit Plast abgedeckter Rollstuhl neben dem Fenster. Doch vielleicht ist das normal und hauptsächlich das bleiche, spitze Gesicht der Patientin an diesem Eindruck schuld. An das sich der Kriminalist nicht konkret, aber doch irgendwie anders erinnert. Was hab' ich denn erwartet, denkt er ärgerlich und zieht sich mit eckiger Bewegung den Stuhl ans Bett. Die Rotblonde schließt leise die Tür hinter ihm.

"Die Kripo", sagt die Patientin, und Kielstein erkennt ihre eigenartig kratzende Stimme wieder, "ich... hab' Sie nicht gerufen... doch es ist gut, dass Sie kommen." Sie versucht sich in ihren Kissen aufzurichten, sie schafft es nicht.

"Bitte bleiben Sie liegen, strengen Sie sich nicht an. Es genügt, wenn Sie mir ein paar Fragen beantworten. Ich bin Leutnant Kielstein, vielleicht erinnern Sie sich an unsere Begegnung vor zwei Jahren nach dem Benzin-Prozess. Sie nahmen damals als Schöffin teil. Hinterher saßen wir beide im Wagen von Doktor Paters."

Ein Funken leuchtet in ihren Augen auf. "Der Benzin-Prozess... Richtig... Sie sind das. Es ist mir recht, dass gerade Sie sich... meines Falles annehmen. Obwohl ich Sie natürlich lieber unter anderen Umständen... wieder getroffen hätte. Gewiss sehe ich schrecklich aus, nach meinem entsetzlichen... Sturz."

Kielstein gibt keine Antwort auf diese halbe Frage; ja, sie sieht schlecht aus, und er will nicht heucheln. Er denkt aber, dass diese Geschichte vorläufig kein Fall ist und hoffentlich nie einer werden wird. Er zieht den Stuhl noch zwei Zentimeter näher ans Bett, beugt sich vor und sagt vorsichtig-umständlich: "Frau Henneberg, die Schwester teilte mir mit, dass Sie nicht, wie von der Verkehrspolizei bisher angenommen, an einen selbstverschuldeten Unfall glauben."

Die Frau erwidert mit leiser, doch ziemlich erregter Stimme: "Es war kein Unfall und schon gar kein selbstverschuldeter... Ich kenne die Strecke wie meinen... Küchenschrank, ich lege sie täglich zweimal zurück. Früher mit dem Fahrrad... seit einigen Jahren mit dem Motorroller. Ich passe auf, ich... beteilige mich nicht an der Erhöhung der Unfallquote."

Warum muss diese Frau mit dem Motorroller fahren, denkt Kielstein, sie könnte sich doch bestimmt einen Trabant leisten. Ob sie ihre Hunderter lieber zur Sparkasse bringt? Er wendet ein: "Die Straße war glitschig am betreffenden Tag, Sie stürzten, als Sie aus der Kurve herauskamen und das Tempo beschleunigten. Es ging auf den Abend zu. Zwischen den Bäumen war es dunkel."

"Ich stürzte, weder weil es... glatt noch weil es... dunkel war. Ich beschleunigte, wie ich... an dieser Stelle immer beschleunige. Auch bei Regenwetter... Ich hatte das Licht angeschaltet. Das Unglück war nur, dass ich die Schnur zu spät sah." Sie lässt den Kopf, den sie zuletzt etwas angehoben hat, ins Kissen zurückfallen.

"Sie bleiben also dabei, dass über die Straße eine Schnur gespannt war?"

"Ja", sagt die Frau und starrt ihn an, "sie war wie ein... Strich, wie ein Messer. Ich... ich nahm instinktiv die Beine zurück. Obwohl ja das Schutzblech davor war... Ich raste mitten in diese Schneide hinein."

Sie dreht das Gesicht leicht zur Seite, wohl die einzige Bewegung, zu der sie nun noch die Kraft findet, und schließt die Augen. Kielstein begreift, wie sehr das Sprechen sie ermüdet, und schaut unwillkürlich zur Uhr. Drei Minuten sind vergangen: Der Arzt weiß Bescheid.

Doch die Patientin erholt sich und fragt: "Sie... glauben mir nicht?"

"Wir werden Ihre Aussage überprüfen. Es müssten sich Spuren finden lassen."

"Bestimmt finden Sie... Spuren, bestimmt."

"Sie haben der Schwester dann noch etwas von einem Mann erzählt, der sich über Sie beugte, bevor Sie das Bewusstsein verloren?"

Sie schweigt einen Augenblick. "Ein Mann", sagt sie, "ich weiß nicht... Das hab' ich nicht gesagt. Vielleicht ein Mann, vielleicht... Es war ein Gesicht, verstehen Sie, ein Gesicht mit einer Motorradbrille. Wie in einem Alptraum. Ganz nahe... ganz hassverzerrt. Es... es war entsetzlich."

Sie wendet den Kopf erneut zur Seite, behält jedoch die Augen offen. Sie scheint jetzt außerordentlich erregt. Der Leutnant nimmt das zur Kenntnis, ist aber keineswegs überzeugt, dass es sich bei ihren Worten um die Wahrheit handelt. Möglicherweise doch nur eine Fieberphantasie. Die Frau hat einen Schock erlitten, eine Menge Blut verloren, sie ist operiert worden, hat fast zwei Tage ohne Bewusstsein gelegen und ist auch jetzt alles andere als gesund. Man wird sehen, was die Untersuchung des Motorrollers ergibt, den die Verkehrspolizei sichergestellt hat. Und die Besichtigung des Unfallortes, wenn auch nach einer halben Woche schlechtem Wetter dort kaum noch etwas zu entdecken sein dürfte.

"Dieses Gesicht, ich meine, kam es Ihnen bekannt vor?", fragt Kielstein.

Die Frau schaut ihn an und erwidert nichts. Dann, nach einigen Sekunden, formen ihre Lippen ein tonloses Nein.

"Haben Sie vielleicht irgendeinen Verdacht, wer die Schnur gespannt haben könnte, Frau Henneberg?"

Die Tür hinter ihm öffnet sich, und die Rotblonde steckt den Kopf durch den Spalt: "Die vier Minuten sind um, Herr Leutnant, die Patientin ist erschöpft, Sie müssen Schluss machen."

Kielstein nickt und erhebt sich zögernd; die Frau auf dem Krankenbett scheint bereits zu schlafen. Er trägt den Stuhl an seinen alten Platz zurück, verlässt den Raum. "Haben Sie denn noch etwas erfahren?", kann sich die Schwester nicht enthalten zu fragen.

"Etwas erfährt man immer", murmelt Kielstein weise wie Salomon und fügt versöhnlich hinzu: "Es ist schon in Ordnung, dass Sie uns benachrichtigt haben."

3. Kapitel

Er nimmt den Bus in die Stadt zurück und versucht sich während der Fahrt ein erstes Bild zu machen. Aber er sieht immer nur das blasse, kantige Gesicht der Frau im Krankenbett vor sich, ihre großen Augen, das strähnige, von der Schwester wahrscheinlich am Morgen recht und schlecht gekämmte Haar. Ihre Stimme, ja, die hat noch den einstigen schroffen Klang gehabt, dieses Kratzen, die Härte. Aber sonst? Wie anfällig wir doch alle sind, denkt er, ein unvermuteter Schlag wirft uns aus den stabilsten Gleisen. Er spürt die Lust zum Philosophieren in sich - der Mensch, ein denkendes Schilfrohr, wie hieß gleich der französische Gelehrte, der das Wort geprägt hatte. Aber er ruft sich schnell zur Ordnung. Diese Frau Henneberg würde wieder auf die Beine kommen und genauso selbstsicher darauf wandeln wie ehedem. Im Straßenverkehr hielt sie sich ja anscheinend jetzt noch für unfehlbar. Wie schön, wenn die Schnur, das hassverzerrte Gesicht dennoch bloß in ihrer Einbildung existierten. Doch er hat das unangenehme Gefühl, dass sein Wunsch nicht in Erfüllung gehen wird.

Er steigt am Platanendreieck aus, spendiert sich am Kiosk eine Currywurst mit Brot sowie einen Becher Brühe und hastet dann mit großen Schritten in die Dienststelle. Von seinem Zimmer aus, das kürzlich renoviert worden ist (endlich einmal!), telefoniert er mit Brenner von der Verkehrspolizei. Sie beide kennen sich schon lange, haben auch den gleichen Dienstrang.

"Der Vorgang Henneberg?", sagt der andere. "Klar ist mir das ein Begriff. Ich hab' ihn noch auf dem Tisch, und das Fahrzeug steht unten im Hof. Die Besitzerin liegt ja im Krankenhaus, und nähere Verwandte scheinen nicht da zu sein, wenigstens nicht hier im Ort." - Ob den Genossen etwas aufgefallen sei, will Kielstein wissen, und Brenner fragt ganz erstaunt: "Wieso? Die Sache ist doch eindeutig. Überhöhte Geschwindigkeit auf unübersichtlicher, regennasser Fahrbahn. Bedauerlich ist der schwere Sturz selbstverständlich, aber bestimmt kein Wunder. Da predigt man und predigt, warnt die Leute über Presse, Funk und Fernsehen, führt Belehrungen durch und gründet Verkehrsaktivs. Man schreckt nicht vor empfindlichen Geldstrafen zurück und entzieht die Fahrerlaubnis, aber all das nützt nur wenig. Und so schlimm dieser Unfall sein mag, er ist nur ein kleiner Stein auf einem Berg, der das ganze Jahr über wächst."

Brenner ist in seinem Element, doch Kielstein, der sich auf die Schreibtischecke gesetzt hat, rutscht immer ungeduldiger hin und her. "Gut, gut", ruft er ins Telefon, "du hast ja Recht, nach eurer Meinung ist es eine klare Sache. Ich komm' trotzdem mal 'rüber und schau' mir die Karre an, den Bericht hätt' ich auch gern auf dem Tisch. Bothe wird dir morgen sicherlich erklären, weshalb."

Er legt auf. Felschs Boxernase schaut zur Tür herein, was Kielstein durchaus in den Kram passt: "Komm, wir müssen 'rüber zum Verkehr."

Der Kriminalmeister ist wie meist die Gelassenheit in Person. Er fragt nicht viel, legt die Mappe mit der Diebstahlsgeschichte, die ihn gerade beschäftigt, aus der Hand und folgt dem Leutnant. Auf dem kurzen Weg, den sie zu Fuß zurücklegen, lässt er sich den Sachverhalt erläutern. "Nein, ich weiß noch nicht, ob wir uns da wirklich reinhängen", erklärt Kielstein, "aber Bothe ist einverstanden, dass wir dem Verdacht erst mal nachgehen, und wenn die Aussage der Henneberg stimmt, haben wir schon eine Menge Zeit verloren." Er versetzt einer leeren Sprayflasche vor seinen Füßen einen Tritt, der dem Fußballstar Streich Ehre gemacht hätte.

Felsch geht einer Pfütze aus dem Weg und sagt ruhig: "Eine Schnur über die Straße spannen, wer tut so was? Irgendein Lausebengel? Ich kann mich nicht erinnern, dass mir in meiner Laufbahn je eine solche Gemeinheit begegnet wäre!"

"Hoffen wir", gibt Kielstein zur Antwort, "dass der Täter nur in der Phantasie der Verunglückten existiert."

Der "Troll" steht unter einem Schuppendach und ist mit einer Plane abgedeckt. Er sieht verbogen und verbeult aus, der Lenker sitzt schief, die vordere Schutzverkleidung ist halb gelöst, der Lack an verschiedenen Stellen abgeschrammt. Doch genau genommen ist dem Roller weniger passiert als seiner Fahrerin.

"Na, dann wollen wir mal", sagt Kielstein, "aber Vorsicht, damit wir nicht noch mehr zudecken, als es die Ahnungslosen taten, die hier vor uns am Werk waren." Er holt ein Vergrößerungsglas aus der Tasche und hockt sich hin. Ohne etwas zu berühren, untersucht er Zentimeter um Zentimeter den Vorderreifen, das vordere Schutzblech, die Lenkung. Felsch geht um das Fahrzeug herum und gleichfalls in die Hocke. So geduckt ist er fast breiter als hoch, ein Steinquader. Er tastet das Rad mit dem bloßen Auge ab. Verkrusteter Schmutz, kleine Steine, Laubreste. "Ob hier wirklich was zu entdecken ist", sagt er zweifelnd.

"Leider sieht's ganz danach aus", Rudolf Kielstein geht mit dem Glas noch einen Zentimeter näher an die Kante des Schutzblechs heran. "Da, schau dir das an, ich glaube, ich bin fündig geworden."

Felsch beugt sich vor und nimmt das Vergrößerungsglas. Vorn auf der linken Seite des Rollers ist das Blech hochgebogen und leicht eingerissen. Auf den ersten Blick ist daran nichts Auffälliges, es ist einfach beim Sturz passiert, beim Aufprall. Ein lehmiger Klumpen klebt festgebacken an dieser Stelle. Beim zweiten Hinschaun jedoch nimmt Felsch das dünne Ende wahr, das aus dem Klumpen hervorsieht und zu einem winzigen Stück Dederonschnur zu gehören scheint. Offenbar hat es sich in dem eingerissenen Blech festgeklemmt.

Kielstein erhebt sich, zieht an seinen Fingern, das sie knacken, und sagt mit missmutigem Gesicht: "Verdammter Dreck! Jetzt scheint's tatsächlich ein Fall zu werden, an dem mir gar nichts liegt. Aber es hilft ja nichts. Bleib du hier und bewach das geschundene Ross, ich versuch Bothe zu kriegen und die Spezialisten. Nachdem die sich hier vergnügt haben, fahren wir mit ihnen zum...", er zögert, "Unfallort. Wo eine Schnur gespannt war, müsste sich ja was gerieben haben. Das wäscht der kräftigste Regen nicht ab."

4. Kapitel

"Kam Ihnen... das Gesicht bekannt vor, haben Sie einen Verdacht, wer die Schnur... gespannt haben könnte?"

Er dachte, ich hörte nicht mehr zu, der Leutnant, ich sei schon weggetreten, und er... zweifelte überhaupt daran, dass in meinem Setzkasten da oben noch alles... zueinander passt. Anders als wir, die jungen Leute heute... immer an allem herumkratzen, immer alles in Frage stellen... Gewiss, bei dem ist das Beruf, man muss das berücksichtigen, er scheint ja anständige Arbeit zu leisten... im Gegensatz zu manchen anderen, die Aufklärung in der Benzin-Sache war vor allem sein Verdienst... hat sich damals ziemlich abgerackert. Und dennoch... bei uns im Betrieb die Jungen - das gleiche Kaliber. Alles bekritteln, alles besser wissen, und dann, wenn man aufs Grundlegende zu sprechen kommt: "Ach, ihr immer mit euren... Moralpredigten."

Man kann nicht alles... ständig... von Grund auf neu machen wollen!

Nicht heute, nicht jetzt. Fünfundvierzig, ja, da war das was anderes, als alles am Boden lag... im Dreck, niedergetrampelt, nieder... gebombt, als keiner mehr richtig wusste, wie's weitergeht, und sich das, woran man geglaubt hatte, als maßlose Schweinerei erwies.

Woran auch ich geglaubt hatte mit meinen neunzehn Jahren, wenngleich nicht so fanatisch wie Mutter und nicht so... schwärmerisch wie Gotthard.

Gotthard... wie fern sein Bild heute ist, und doch denk' ich, seit ich hier liege, wieder öfter an ihn. Wenn ich erst zu Hause bin, muss ich... das Foto aus der Truhe holen, den Trauerflor hab' ich damals abgemacht... als es wieder aufwärts ging. Das Altgedächtnis bleibt mit fortschreitenden Jahren am besten erhalten, hat mir irgendwann mal ein Psychologe erzählt.

Gotthard war meine große Liebe. Meine Leidenschaft, das sag' ich heute, wo diese Wörter in Büchern und Filmen so lächerlich strapaziert werden, wo alles auf Sex und ständigen... Partnerwechsel hinausläuft und wo man in der Pille das beste Mittel sieht, die Beziehungen zwischen Mann und Frau zu regeln.

Obwohl ich natürlich nicht gegen den Fortschritt bin... Deshalb bauen wir das hier ja schließlich auf. Ich war achtzehn Jahre alt, er neunzehn, er wollte so gern... Soldat werden, für die Neuordnung der Welt kämpfen, aber wegen seines Nierenleidens nahmen sie ihn nicht, das heißt, sie hätten ihn möglicherweise trotzdem... genommen, wäre sein Vater nicht dagegen gewesen, und der saß irgendwo in der Gauleitung.

Gotthard studierte Jura, manchmal frag' ich mich, ob das vielleicht damals, als ich mich für die Schöffen... kandidatur aufstellen ließ, untergründig eine Rolle... spielte. Sein Hobby aber war der Schiffsmodellbau, stets saß er über irgendwelchen Bastelbogen. Segelschiffe, Kreuzer, Torpedoboote; in den ersten Nachkriegsjahren war mein Zimmer noch voll davon, und alle hatte er sie... Roswitha getauft.

Dann, vierundvierzig, wurde er doch eingezogen, er hatte sich da gar nicht mehr so sehr bemüht.

Wir hatten noch nicht zusammen geschlafen, Mutter war streng katholisch und achtete genau darauf, dass ich meine Unschuld mit... in die Ehe brachte. Eine Ehe, aus der nichts wurde.

Wir versuchten es trotz des mütterlichen... Verdikts; ich täuschte einen BDM-Einsatz vor und schlich mich mit auf sein Zimmer. Ich erinnere mich an nichts mehr, außer an das dunkel gebeizte harte Bett... Er war noch ängstlicher und ungeschickter als ich, wir brauchten drei... Anläufe, und es war zunächst keine rechte Freude.

Dann fuhr er los, und ich besuchte ihn vierzehn Tage später in seinem Ausbildungslager. Er hatte ein paar Stunden frei, wir gingen in ein Wäldchen, wo alle Rekruten ihre... Mädchen mit hinnahmen und - sofern sie Sold oder ein schönes Fresspaket von zu Hause gekriegt hatten - auch mal eine von den Gewerbsmäßigen. Wir fanden einen Platz, der uns günstig schien.

Vielleicht hatte Gotthard die Stelle schon ausprobiert, er kam mir plötzlich so... erwachsen vor.

Wir liebten uns zum ersten Mal... richtig, ich war sehr glücklich, als ich nach Hause zurückfuhr.

Ich schrieb ihm jeden Tag, bis zum Oktober, bis der Brief... mit dem schwarzen Kreuz... aus Polen kam.

5. Kapitel

Ich war weich seinerzeit, mit neunzehn Jahren, und wer mir jetzt im Betrieb Härte und Unduldsamkeit nachsagt, hat mich nicht gekannt. Ich war nachgiebig... hätte es auch nie gewagt, mich offen gegen meine Mutter aufzulehnen... nur innerlich tat ich das... denn sie versuchte, mich in ihren Rahmen zu pressen, nach ihren engen Glaubenssätzen zu erziehn. Sie hatte ihren Mann gleichfalls jung verloren, an einer Herzkrankheit, deshalb sah sie meine Verbindung mit Gotthard nicht gern. Ihre Prinzipien waren falsch, das ist aus heutiger Sicht leicht zu begreifen, doch ich verstehe jetzt, dass sie sich an etwas festhalten musste...

"Ihr Alten wollt nichts mehr verändern", schrie mich viel später einmal meine Tochter Jutta an, bei einer unserer Auseinandersetzungen; dabei ging es ihr nur um die Launen und angeblich so neuartigen Einfälle ihres Freundes. "Ihr Alten", lachhaft. Damals war ich dreiundvierzig... oder vierundvierzig. Aber wie oft haben mir "wohlmeinende" Bekannte seither zugetragen, dass mich vor allem die jüngeren Mitarbeiter im Betrieb für jemanden halten, der zwar genau, aber höchst unflexibel sei. Ohne Phantasie, dogmatisch... Modeworte haben sie ja sehr schnell bei der Hand.

Ich versuche mich im Bett aufzurichten, es gelingt noch nicht, doch es geht mir schon besser als gestern, beim Besuch dieses Kielstein. Das Bein gibt Ruhe, der Kopf dröhnt nicht mehr so. Der Arzt, ein hagerer... trockener Typ, der vom Alter her durchaus mein Sohn sein könnte, sagte heute morgen, ich solle nicht so viel grübeln, das wäre der Genesung abträglich. Er hat vielleicht Recht... nur wie soll ich das zuwege bringen. Nach so einer... furchtbaren Sache. Etwa indem ich die Wände anstarre, die Rillen im Putz zähle? Wenn ich Schach spielen könnte wie Siegfried, würde ich im Geist die Meisterpartien durchgehn, er hat wenigstens immer behauptet, dass ihm das möglich sei. Aber ich hab's nie weiter als bis zu den Anfangszügen gebracht. Dabei wollte er mir's oft erklären. Für manche Dinge... kann ich eben nicht die Geduld aufbringen. Und warum soll ich jetzt in diesem Zimmer mit dem Nachdenken aufhören, wo ich endlich einmal genügend Zeit dafür habe.

Einen Verdacht, einen Verdacht... da gibt es manchen im Betrieb, den ich nicht gerade samtweich anfassen konnte, manchen aus meiner Zeit als Schöffin, der vielleicht ein milderes... Urteil erwartet hatte, manchen Nachbarn und lieben Bekannten, der auf das Haus im Grünen scharf ist. Ob wohl jemand fähig wäre, mir aus Gewinnsucht so hinterhältig aufzulauern, oder weil er wütend auf mich ist? Verzerrt war das Gesicht, hassvoll... verzerrt, aber das ist auch alles, woran ich mich erinnere. Ich habe immer nur das Gerechte und Gute gewollt, wer könnte mir das mit solchem... Hass vergelten.

Ich liege und denke nach; draußen tobt heftiger Wind, Sturm geradezu, er fährt ums Haus, rüttelt am Fenster... ich wäre gern ein Windrad, das sich treiben lässt. Träume, Schäume, Schluss damit. Die Grenz hat mich einmal mit einem ähnlichen hasserfüllten Blick bedacht, als ich ihr sagte, sie dürfe nicht so oft fehlen. Wenn ihr Kind immer und ewig krank sei, müsse sie sich eben eine Heimarbeit suchen. Na und? Jutta strotzte in diesem Alter auch nicht vor Gesundheit, aber man hätte mich... rausgeschmissen, wäre ich der Arbeit ständig ferngeblieben.