Der undankbare Herr Kerbel und andere kriminelle Geschichten - Klaus Möckel - ebook

Der undankbare Herr Kerbel und andere kriminelle Geschichten ebook

Klaus Möckel

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Opis

Zunächst finden sich Eddi und Heinzjörg beim Saufen, dann finden sie Herrn Kerbel, dem die Frau davongelaufen ist. Herr Kerbel hätte nichts dagegen, dem Liebhaber seiner Angetrauten eine Abreibung zu verpassen, und die beiden unterstützen ihn lebhaft. Doch in Wirklichkeit sieht besonders Eddi darin die Möglichkeit, eigene, wenig löbliche Interessen durchzusetzen. Obgleich gerade ihm aufgefallen ist, dass der enttäuschte Ehemann etwas Undankbares im Blick hat, drängt er ihn zu einem Rachefeldzug. Fünfzehn schwarzhumorige Geschichten sind in diesem Band vereint; sie handeln nicht nur von Dieben, Hochstaplern, Heiratsschwindlern oder verhinderten Mördern, sondern auch von sonstigen Fieslingen und Großsprechern, die Übles anrichten, ohne dass sie dafür gesetzlich belangt werden könnten. Mitunter wird das Opfer zum Täter, mitunter die Tat zur Befreiung. Heiterkeit und Ernst stecken in diesen Erzählungen, die über die Jahre hin nichts von ihrem Witz und ihrer Griffigkeit verloren haben. INHALT: Der undankbare Herr Kerbel Die Verfolgung Schwarze Späße Der Hund als Mensch Mord - aber wie? Die Frau des Schachspielers Das Stromzellverfahren Majestätsbeleidigung Das Schmuckkästchen Hahn im Sack Die Beerdigung Das Krokodil Liebesperlen Geiz Kriminelle Sprüche

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Impressum

Klaus Möckel

Der undankbare Herr Kerbel und andere kriminelle Geschichten

ISBN 978-3-86394-734-7 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1987 im Verlag Das Neue Berlin.

Die kriminellen Sprüche wurden dem Buch "Wer zu Mörders essen geht..." von Klaus Möckel, erschienen 1993 bei Frieling & Partner GmbH Berlin, entnommen.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

Der undankbare Herr Kerbel

Zunächst fanden sich Eddi und Heinzjörg beim Saufen, dann fanden sie gemeinsam Herrn Kerbel. Herr Kerbel, schmächtig und zerknittert, saß am Nebentisch vor seinem Bier und starrte ins Ungewisse. Heinzjörg, der kontaktfreudig war, konnte es nicht mit ansehn, wenn einer allein trank, und rief nachdrücklich: "He!"

"Lass den in Frieden", sagte Eddi, "der passt nicht zu uns, der hat was Undankbares im Blick."

"Was Undankbares? Versteh ich nicht. Traurig guckt er. Irgendwie zerknüllt. Der braucht Hilfe."

"Was ist denn mit dir los? Bist du'n barmherziger Bruder? Was mich angeht, so hab ich Mühe, mir selber zu helfen." Eddi schob drei Finger in die Tasche seiner Jeansjacke und holte einen Zwanzigmarkschein heraus. Es war der letzte.

Eddi war zweiunddreißig und von Beruf Polsterer. Von dieser Tätigkeit hatte er sich aber schon vor Jahren losgesagt. Fleiß und Zielstrebigkeit sollte man ihm nicht nachreden. Er hatte sich als Malergehilfe versucht und bei einem Gemüsefritzen ausgeholfen. Da er nichts von regelmäßiger Arbeit hielt und hochprozentige Trinkstoffe liebte, kam er mit dem Lohn nicht hin. Betrügerei mit Obstsäften brachten ihm eine Strafe auf Bewährung ein und einen Rausschmiss beim Petersilien-Franz. Er hatte sich als Transportarbeiter verdingt und eine Zeitlang gutes Geld gemacht. Aber dann war es ihm gelungen, für den eigenen Gewinn Tapeten abzuzweigen, die an eine Verkaufsstelle zu überführen waren, und das brachte ihm ein Jahr Ausschluss von der Öffentlichkeit. Seine bereits brüchige Ehe löste sich auf, die Frau zog mit ihren zwei Töchtern zu einem andern. Das lag nunmehr fünfunddreißig Monate zurück. Eddi lebte seither vorsichtiger und, wie er meinte, recht mäßig.

Anders Heinzjörg, der siebenundzwanzig war und in einer Druckerei beschäftigt. Er hatte in diesem Betrieb gelernt und war nach dem Armeedienst wieder dorthin zurückgekehrt. Er verdiente gut und betrank sich selten. Tat er es aber, und das war heute der Fall, weil ein neuer Wagen ins Haus stand, so geriet er aus den Fugen. Er traute sich viel zu, um nicht zu sagen alles, schloss mit jedermann Freundschaft und war bereit, die riskantesten Unternehmen zu starten. Was seine Mitmenschen nur zeitweise erfreute und ihm keineswegs zum Wohl gereichte.

"Ich hab noch 'nen Fünfziger, ich lad ihn ein", sagte Heinzjörg unbekümmert.

Nun wurde der Mann am Nachbartisch aufmerksam. Er wandte den Kopf und schaute die beiden an. Mit traurigem oder undankbarem Blick - wer hätte das entscheiden wollen. "Lasst mal, ich geb einen für euch aus", murmelte er.

"Kommt nicht in Frage", behauptete Heinzjörg.

"Doch! Herr Ober, drei Bier, drei Korn!"

"Lass ihn, wenn er unbedingt will", sagte Eddi.

Der Fremde setzte sich an ihren Tisch, und beim Weitertrinken kam man ins Gespräch. Herr Kerbel - Eddi nannte ihn spöttisch "Herr", weil er in einem Planungsbüro arbeitete und einen Schlips trug - lag im Alter zwischen den beiden und hatte ein spezielles Problem wegzuspülen. Ihm war die Frau davongelaufen. Nach zwei Jahren Ehe. "Bei einem Individuum lebt sie", schimpfte er, "jawohl, einem Individuum. Verdient sein Geld mit Getrommel. In einer Band."

Also doch Trauer in seinem Blick, aber auch Wut. Seit einer Woche war sie weg, nachdem sie schon vorher verschiedentlich mit dem andern herumgehurt hatte. Er hatte gehofft, es würde sich wieder einrenken.

"Bloß nicht nachrennen", sagte Eddi, "das kenn ich. Lass sie laufen und Schluss. Schluck's mit Korn runter."

"Gestern, als ich zur Arbeit war, hat sie ausgeräumt. Zwei Schränke abgeholt, Geschirr und Besteck. Das wertvolle Zeug. Den Krempel hat sie dagelassen."

"Ist stark. Ein ganz schönes Luder", sagte Eddi beeindruckt.

"Und er profitiert davon. Ich komm nicht drüber weg."

"In 'ner Band?", fragte Heinzjörg. "Hat die 'nen Namen?"

"Rhythmus 80 oder so ähnlich. Spielen zur Zeit im 'Schoppen'."

Sie tranken, und Heinzjörgs Gedanken jagten am heftigsten durch die Hirnwindungen. Stießen sich, überschlugen sich fast. Ihm kam eine Idee: "Wie wär's, wenn wir hingehn. Uns den Trommler vorknöpfen."

Herr Kerbel schien nicht abgeneigt. Er hatte schon Ähnliches überlegt, sich bisher aber zu schwach gefühlt. Dem Kerl zeigen, dass man nicht allein war. Silke - so hieß die Frau -würde bestimmt auch da sein. Jeden Abend saß sie da. Vorausgesetzt, ihr Schlagzeuger war am Werk.

Sie leerten die Gläser, und Herr Kerbel zahlte. Das Trinkgeld war bedeutend, der Ober sah den Gast mit anderen Augen an. Auf der Straße aber, an der frischen Luft und im bleichen Licht eines runden Julimondes, kam Eddi ein neuer Einfall. Er war noch klar im Kopf und von den Erfahrungen früherer Jahre geprägt. Krawall in der Öffentlichkeit wegen so einem Herrn Kerbel - was sprang da für ihn heraus. Höchstens Ärger.

"Was wollen wir in der Kneipe. Davon kommt deine Alte auch nicht zurück."

"Aber das Gewissen wird ihr schlagen. Und ihm ebenfalls." Kerbel rückte energisch seinen Schlips zurecht.

"Ihr Silber behalten sie trotzdem."

"Silber?" Heinzjörg, mehr aufs Ideelle bedacht, schaltete nicht so schnell.

"Oder was sie sich sonst aus seiner Wohnung geholt hat", Eddi zeigte auf Herrn Kerbel.

"Das ist wahr", stimmte Kerbel entmutigt zu.

"Wir können ihn nicht im Stich lassen", sagte Heinzjörg.

"Will ich ja nicht."

"Ihr seid echte Freunde", murmelte Herr Kerbel.

"Wo wohnt der Schlagzeuger?"

"In der Meyerbeerstraße. Ich kenne das Haus."

"Dann gehn wir dorthin. Wir fangen ihn ab und verpassen ihm eins. Er muss das Silber rausrücken."

"Mir geht's um meine Frau", wandte Kerbel feierlich ein.

"Ja doch. Sie soll sehn, wie klein ihr Macker wird."

Sie zogen los. Herr Kerbel war der Meinung, dass die Band auf zwölf Schluss machte und die zwei dann spornstreichs ins Bett eilten. Da es erst elf durch war, hatten sie noch Zeit. Der Weg war zu Fuß in zwanzig Minuten zurückzulegen und zumindest in seinem ersten Teil gut durch rötlichgelbe Lampen ausgeleuchtet. Dann gelangten sie zu einer Kirche, die zwischen dichtbelaubten Lindenbäumen thronte. Ein Liebespaar hielt sich eng umschlungen, und Herr Kerbel stieß einen tiefen Seufzer aus. Heinzjörg gab ihm einen aufmunternden Hieb zwischen die Schulterblätter, doch Eddi sagte: "In ein paar Jahren wird sie ihm auch das Silber klaun."

"Und jetzt schwört sie ihm im Angesicht Gottes ewige Treue", unterstützte ihn Heinzjörg tiefsinnig.

Heinzjörg hatte eigentlich keinen Grund, den Frauen skeptisch zu begegnen, ihn hatte noch keine enttäuscht. Im Gegenteil, er war's, der schnell das Mädchen wechselte, wenn ihm plötzlich ein anderes gefiel. Er sprach diesen Satz deshalb auch weniger aus Überzeugung als aus Solidarität mit Herrn Kerbel. Einigen Sinns schritten sie weiter ihrem Ziel entgegen.

Der Schlagzeuger wohnte in einem leicht ramponierten Mietshaus in einer Nebenstraße. Obwohl mitten in der Stadt, trug die Gegend ländlichen Charakter, Gartenzäune und Buschwerk umgaben die dreistöckigen, meist im Dunkel liegenden Gebäude.

Sie waren zu zeitig dran. Vor einer niedrigen Mauer machten sie halt. Eddi holte Zigaretten aus der Tasche und steckte sich eine an. Auch Heinzjörg rauchte. Herr Kerbel, der Nichtraucher war, ließ sich auf der Mauer nieder. Sein Mut war bereits verflogen, sein Stimmungsbarometer fiel zusehends.

"Dreiviertel zwölf", sagte Heinzjörg, "sie müssten bald eintrudeln. Oder?"

"In einer halben Stunde, denk ich."

"In welchem Stock wohnt er?", fragte Eddi.

"Im zweiten. Dort." Herr Kerbel zeigte auf zwei dunkle Fenster, von denen eins halb offen stand.

Eddi paffte schweigend. Die Rauchwölkchen stiegen in den klaren Himmel. Dann meinte er: "Ist vielleicht gemütlicher, wenn wir sie drin erwarten, im Haus."

"Hier draußen ist aber die Luft besser", sagte Herr Kerbel schüchtern.

"Ach was. Drinnen ist die Überraschung größer."

"Die Haustür wird zu sein", wandte Heinzjörg ein.

Eddi verzichtete auf eine Antwort, überwand die niedrige Mauer und drei Meter Vorgarten, klinkte an der Tür. Sie war nicht abgeschlossen. "Na los, rein", er winkte energisch.

Die beiden folgten ihm ins Haus. Heinzjörg ertastete den Lichtknopf. Ein schmaler Hausflur eröffnete sich dem Blick, eine altertümliche, enge Treppe führte nach oben. Es roch nach Farbe, irgendwo wurden Türen oder Fenster gestrichen.

"Was wollen wir tun, wenn sie kommen?", flüsterte ängstlich Herr Kerbel.

"Das müsstest du am besten wissen", erwiderte Eddi, "dir hat sie doch die Hörner aufgesetzt."

"Ich? Ja, nein... eigentlich..."

"Wir geben ihm 'ne Abreibung", sagte fröhlich Heinzjörg.

"Und sie soll das Silber rausrücken", ergänzte Eddi.

"Es ist gar nicht so viel Silber. Alpaka und ein bisschen Porzellan. Sie hat es mit in die Ehe gebracht. Von ihrer Großmutter."

"Was in die Ehe gebracht wird, gehört beiden Partnern." Heinzjörg glaubte sich auszukennen.

Herr Kerbel schüttelte den Kopf. "Nur, was in der Ehe angeschafft wird."

"Kein Silber? Sieht aus, als wollte er uns übers Ohr haun." Eddi sah Herrn Kerbel missbilligend an.

"Was denn? Wieso übers Ohr haun?"

Eddi ließ sich darüber nicht aus, beachtete auch den fragenden Blick Heinzjörgs nicht, sondern marschierte zielstrebig die Treppe zum zweiten Stock hoch. Erstaunlicherweise ziemlich geräuschlos.

An der rechten Tür stand E. Hempel, an der linken, auf einem Messingschild hinter einem stilisierten Notenschlüssel, schlicht Evan. "Da haben wir ja den Musikus", äußerte sich erfreut Eddi.

Heinzjörg setzte sich auf die Treppe, die weiter nach oben führte, Herr Kerbel, der etwas zögernd hinter den beiden hergetrottet war, stand eine Stufe unterhalb des Podests. Das Licht ging aus, Eddi schaltete es sofort wieder ein.

Im Haus war es still. Die Leute waren im Urlaub, oder sie schliefen. Eddi schaute sich aufmerksam die Tür an. Er drückte oben dagegen, wo sich ein Sicherheitsschloss befand: Die Tür gab an dieser Stelle etwas nach. "Der hat bloß unten zugeschnappt", murmelte er,

"Sie wollen doch nicht etwa da rein?" Herr Kerbel ging erschrocken zum Sie über.

"Sollen wir hier bleiben und uns die Hacken in den Bauch treten? Wer weiß, wann die kommen."

"Aber das geht nicht. Es ist ungesetzlich."

Heinzjörg unterstützte ihn flau, auch er hatte Bedenken. "Wär vielleicht wirklich besser, wenn wir hier auf sie warten."

Ungerührt holte Eddi eine kurze Metallhülse aus der Tasche, die an beiden Enden zugepfropft war. Er stöpselte sie auf: Sie enthielt einige Drähte und Haken. Es war kein Problem, den Schnapper zurückzudrehn und die Tür zu öffnen.

"Kann ich was für den Leichtsinn der Leute? Wir wollten Herrn Evan besuchen, er hat die Tür offen gelassen, da sind wir rein. Wird bestimmt 'ne tolle Überraschung, wenn sie angeturtelt kommen, und wir sitzen in ihren Sesseln."

Heinzjörg war nun überzeugt, er besaß ein plastisches Vorstellungsvermögen. Herr Kerbel hatte noch Zweifel, aber das Wort von dem turtelnden Paar stimulierte ihn. Er ballte die Fäuste.

Sie schlossen die Tür von innen und machten Licht. In einem mit Postern tapezierten Korridor standen ein alter Schrank und ein Garderobenständer. Auf den Postern waren Musiker an verschiedenen Instrumenten dargestellt oder unbekleidete Mädchen.

"Tolle Sammlung", sagte Heinzjörg.

"Hast du deiner Dame nicht zu bieten, was", knurrte Eddi und knuffte Herrn Kerbel in die Rippen. Sein Blick ruhte auf dem braunen Busen einer rassigen Südländerin.

"Dass ihr so was imponiert", ächzte Herr Kerbel.

Sie betraten einen größeren Raum mit Liege- und Sitzmöbeln, auf denen unordentlich Kleidungsstücke lagen. Auch eine Art Pauke stand herum. In einem Regal befanden sich Bücher, daneben lockte eine volle Whiskyflasche. Heinzjörg langte sie herunter. "Damit können wir uns die Zeit verkürzen."

"Ich schau mich mal nach Gläsern um", sagte Eddi, dem es sonst nichts ausmachte, aus der Flasche zu trinken. Er verschwand, und man hörte ihn im Nebenraum rumoren.

Heinzjörg öffnete die Flasche und tat einen tiefen Zug. Er bot Kerbel davon an, der aber lehnte ab. Nervös schaute er stattdessen auf seine Quarzarmbanduhr. "Jetzt müssten sie bald auftauchen."

Plötzlich drang ein lautes Gepolter aus dem Nebenraum, und als die beiden hinüberstürzten, in ein Zimmer mit weiteren Postern an den Wänden, mit einem Fernsehapparat und mehreren Schränken, sahen sie Eddi auf dem Fußboden sitzen. Vor ihm war eine Tischdecke ausgebreitet, auf die er allerlei Krimskrams gehäuft hatte. Besteck, Messingvasen, eine Uhr. Aus einem Schrank war eine Schublade herausgefallen und hatte den Lärm verursacht.

"Ich hab schon mal angefangen und dein Zeug zusammengepackt", sagte Eddi zu Herrn Kerbel. Er nahm Heinzjörg die Flasche weg und trank.

"Aber das meiste davon gehört uns gar nicht!"

"Na und? Hat sie etwa lange gefragt, was ihr gehört und was nicht? Hat er danach gefragt, ob's deine Alte ist? Sie sollen schön still sein."

Heinzjörg hatte die Flasche zurückgenommen und einen weiteren tiefen Zug getan. Er ließ sich auf einen Stuhl fallen, brach ob dieses Arguments in lautes Lachen aus. Nebenan wurde an die Wand geklopft.

Herr Kerbel wurde bleich, das Manöver überstieg seine Kräfte und seinen Verstand. "So geht das doch nicht", flüsterte er.

"Wir werden ihnen schon klarmachen, dass es geht."

"Nein, nein, das war nicht verabredet, ich mach da nicht mit."

Eddi erhob sich, sein Gesicht nahm eine dräuend dunkle Färbung an. Dann kam er auf seinen Gedanken von vorhin zurück. "Ich habe wirklich den Eindruck, du willst uns übers Ohr haun."

Herr Kerbel setzte zu einer Erwiderung an, unterließ sie jedoch. Er sah sich gehetzt um und startete plötzlich einen Fluchtversuch. Unvermittelt rannte er los, aus dem Zimmer. Zu seinem Pech war ihm eine Gitarre im Weg. Sie brachte ihn zu Fall, wobei sich ein tönender Akkord zur Wohnungsdecke schwang.

An die Wand zur Nachbarwohnung wurde erneut geklopft, und eine Stimme zeterte: "Müsst ihr denn jetzt sogar um Mitternacht Musik machen."

Eddi packte Herrn Kerbel am Schlafittchen, hob ihn hoch und versetzte ihm einen Katzenkopf, dass dem Männlein die Augen auf und zu klappten. "Hör mal zu, du Gauner..."

"Ein Gauner ist er nicht", wandte Heinzjörg ein, "nur ein... Angsthase."

Er wollte Herrn Kerbel aus Eddis Griff befrein, hatte aber einerseits die Whiskyflasche in der Hand, andererseits Mühe, die Balance zu halten. Der Alkohol in seinem Kopf zwang ihn zu leichten Schwimmbewegungen. Er setzte sich auf einen Hocker.

"Hör auf mit Saufen, du hast genug", verlangte Eddi. Dann klebte er Herrn Kerbel mit sanftem Druck gegen den Türpfosten. "Also hör zu, du Esel. Das alles geschieht ja nur in deinem Interesse. Rache an deiner Schnepfe und ihm, verstehst du. Bisschen was muss für mich natürlich auch rausspringen."

"Das ist aber ungesetzlich", hauchte unverbesserlich Herr Kerbel.

"Höchstens von dir. Du hast uns hergeführt, um dein Zeug zurückzuholen. Wenn ich's recht bedenke, hast sogar du die Tür aufgemacht. Er wird's bezeugen."

Heinzjörg bezeugte nichts, legte aber auch keinen Protest ein. Er hatte erneut die Flasche angesetzt. Er trank mit zurückgelegtem Kopf. Es sah aus, als passe er sich der Umgebung an und blase Trompete.

In diesem Augenblick standen Frau Kerbel und der Schlagzeuger Evan in der Tür. Sie war ein sanftes Pflänzchen im schwarzen Spitzenkleid mit großen braunen Augen und weichen, ihr Gesicht umfließenden Haaren. Er war groß und hager. Auffallend die langen sehnigen Arme.

"Was ist denn hier los, wie sind Sie in die Wohnung gekommen?" Evan schaute Herrn Kerbel an, den er als einzigen von den dreien kannte.

"Wir warten auf dich, mein Junge. Der da möchte seine Dame zurück." Eddis Tonfall war fast gemütlich.

"Das geht doch wohl nur Silkes Mann und mich etwas an. Und ist letztendlich Silkes Entscheidung." Evan zog die Frau näher zu sich heran.

"Da ist er aber anderer Meinung. Los, erklär's ihm, Kerbel!"

Herr Kerbel blickte verschreckt von einem zum andern und stotterte: "Das sind Freunde... Wir haben hier auf euch gewartet, weil... Das ist ganz gemein von dir, Silke. So darfst du nicht mit mir umspringen."

Silke zuckte empört die nackten Schultern. "Was? Schöne Freunde hast du dir ausgesucht. Zwischen uns ist's aus, das hab ich dir oft genug erklärt." Dann fügte sie anklagend hinzu: "Sie saufen unsern Whisky, Bernd."

Heinzjörg fühlte sich angesprochen. Er bemühte sich um Haltung, doch es blieb beim Bemühen.

"Ich seh's", sagte Bernd. "Und noch mehr seh ich." Er starrte auf die Tischdecke mit den Schmuck- und Wertgegenständen. "Sie wollen unsre Sachen klaun!"

Eddi fasste blitzschnell die Decke an den Zipfeln, so dass sie zum Bündel wurde. Er hob den Packen an. "Wir nehmen nur zurück, was sie ihm gestohlen hat."

"Das könnte euch so passen. Gib das her und verschwinde, oder ich hol die Polizei." Der Schlagzeuger ging auf Eddi los.

Es entstand ein Handgemenge, bei dem der Schlagzeuger im Nachteil war, weil er in diesen Dingen weniger Übung hatte. Aber seine langen, sehnigen Arme konnten nicht nur die Trommelschlegel führen, und so erwies er sich als hartnäckiger Gegner. Die Decke mit dem Messing und Alpaka fiel zu Boden, ein Stück Porzellan ging zu Bruch. Silke, recht wendig, griff ein. Sie schleppte zunächst die Schätze zur Seite, dann packte sie einen Schemel und hieb ihn Eddi mit einer Kraft, die man ihr nicht zugetraut hätte, in die Beine. Heinzjörg wollte sich gleichfalls einschalten, setzte sich aber mit einem Haken ins Leere selbst außer Gefecht. Vom Schwung getragen, landete er mit dem Kopf an einer Schrankkante. Niemand bemerkte, dass sich Herr Kerbel inzwischen aus dem Staub gemacht hatte.

Einige weitere Nachbarn erwachten und reagierten gereizt. Sie drängten in Morgenmänteln aus ihren Wohnungen, und einer lief zum Telefon, um die Polizei zu alarmieren. Ein in der Nähe pirschender Streifenwagen wurde zum Tatort befehligt, was den Eindringlingen zum Nachteil gereichte. Herr Kerbel konnte zwar entkommen, aber der denkunfähige Heinzjörg und auch Eddi, zu sehr darauf aus, wenigstens einen Teil des Beuteguts zu sichern, wurden gefasst. Bernd Evan erstattete Strafanzeige wegen Ein- und Hausfriedensbruch, versuchtem Diebstahl und Körperverletzung.

Silkes Mann, den ohnehin aus dem Feld geschlagenen Rivalen, wollte der Schlagzeuger aus der Sache heraushalten - es gelang nicht ganz. Herr Kerbel konnte schlecht leugnen, dass er die anderen beiden zum Haus geführt hatte und mit ihnen in die Wohnung gegangen war. In den Vernehmungen der folgenden Tage schob er alle Schuld auf Eddi. "Es stimmt, ich habe versucht, meine Frau zurückzuholen", klagte er. "Aber ich wollte auf keinen Fall, dass wir gegen das Gesetz verstoßen, ich hab's ihnen immer wieder gesagt."

Heinzjörg und Eddi wurden getrennt vernommen, sie sahen sich in den folgenden Tagen nicht. Doch als es zur Verhandlung kam, begegneten sie sich im Korridor, und auch Herr Kerbel tauchte ein Stück entfernt von ihnen auf, schaute bekümmert herüber. Da schüttelte Eddi entschieden den Kopf und sagte laut zu Heinzjörg: "Wir Esel. Uns mit dem einzulassen. Wo doch von Anfang an klar war, dass er was Undankbares im Blick hatte."

Die Verfolgung

Silvia Pratt bemerkte den Fremden zum ersten Mal in der Kosmetikabteilung. Sie stand links neben der Kasse und hielt ein Parfumfläschchen in der Hand, als ihr Blick in den Spiegel fiel. Zunächst sah sie darin nur die Waren in den Regalen hinter ihr: Cremebüchsen, Spraydosen und alle möglichen Schächtelchen, vom Neonlicht mit bläulichem Glanz umhüllt. Sie liebte diese Atmosphäre, diesen Duft von Mandelmilch und Kölnischwasser im Widerschein der Lampen, der durch die verschiedenartig geformten und geschliffenen Flakons etwas Glitzernd-Verführerisches bekam. Sie liebte auch die Geräusche ringsum, die sie umflossen, berührten, ohne wirklich in sie einzudringen, Füßescharren, murmelnde Stimmen der Kunden und Lautsprecheransagen. Silvia ging gern ins Warenhaus, und sie war gern in der Kosmetikabteilung. Sie brauchte nichts zu kaufen, es genügte, dass sie sich umschaute, den einen oder anderen Gegenstand in die Hand nahm, um sich wohl zu fühlen.

Auch heute hätte es so sein können, sie hatte sogar gehofft, dass es so wäre, denn der Tag im Betrieb war anstrengend gewesen, und sie brauchte Ablenkung. Vor allem wegen des Schuldgefühls, das sie noch immer plagte, wenn sie es sich auch nicht eingestehen wollte. Es betraf die Frau, der sie zu einem gehörigen Überpreis die alte Nähmaschine verkauft hatte. Was hab ich schon getan, dachte Silvia gereizt, jeder macht das so. Jeder sieht zu, wo er bleibt. Doch damit war die .Angelegenheit nicht bereinigt. Ihr Gewissen murrte. Die Frau gehörte keineswegs zu den Leuten, die mit Zwanzigmarkscheinen um sich werfen konnten, das sah und merkte man ihr an. Sie brauchte die Maschine, musste das Geld dafür aber zusammenkratzen. Dennoch hatte sie - von einem ersten kläglich anmutenden Versuch abgesehen - nichts von der Summe abgehandelt. Sie besaß ihren Stolz. Doch sie hatte in zwei Raten bezahlt. Und Silvia, ihren Gewinn fest vor Augen, war hart geblieben.

Erst heute Morgen hatte sie die letzten zwei Hunderter erhalten, und die brannten in ihrer Tasche. Sie fand es seihst lächerlich, konnte ihre Unruhe aber nicht abschütteln. Dumme Sentimentalität. Und nun noch der Fremde im Spiegel. Er tauchte neben einem der hinteren Regale auf und blickte her zu ihr. Verstohlen, aber hartnäckig, seine Augen folgten ihr, als sie den Standort wechselte.

Einen Augenblick lang hielt Silvia den Mann für einen Verehrer, einen jener schüchternen Einzelgänger, die sich auf der Straße oder im Kaufhaus ein weibliches Wesen aus der Menge herauspicken und es mit Blicken verfolgen, ohne je den Versuch zu wagen, einen Kontakt herzustellen. Oder es war ein Draufgänger, der sie kühl taxierte, dabei überlegend, ob sich eine Attacke lohne. Sie fühlte sich fast geschmeichelt bei diesem Gedanken, denn sie war nicht mehr ganz jung und nicht sonderlich attraktiv, die meisten Männer schauten über sie hinweg. Deshalb bezweifelte sie auch, dass der Fremde solche Gründe hatte. Sein Blick war anders, wenngleich sie nicht erklären konnte, wie.

Soll er sein, wer er will, sagte sich Silvia, ich werde mich verhalten, als existiere er nicht. Sie stellte das Fläschchen auf den Glastisch zurück, schlenderte an der Kasse vorbei und verließ die Abteilung. Sofort geriet sie in einen Menschenstrom, der zu den Ständen mit preiswerten Pullovern und Blusen drängte. Es gab ein Sonderangebot, jugoslawische Ware, Blusen mit großen bunten Blumen auf Rücken und Brust. Silvia, die das Geld in der Handtasche wusste, suchte nach der passenden Größe. Aber sie war ein bisschen korpulent und das da für sehr schlanke Damen gedacht. Vergeblich kehrte sie auf dem Wühltisch das Unterste nach oben. "Für Sie wird sich hier leider nichts finden", sagte bedauernd die Verkäuferin.

Silvia glaubte Ironie aus ihren Worten herauszuhören, nickte aber trotzdem. Irgendwie war es beruhigend, das Geld unangetastet zu lassen. Obwohl ihr ja zumindest ein Teil davon ohne moralischen Abstrich zustand. Sie blickte auf und zuckte zusammen. Ihr genau gegenüber, nur etwa vier Meter entfernt, hinter dem Tisch, hinter der Verkäuferin auch und einem weiteren Tisch, um den sich nur wenige Frauen scharten, stand der Mann von vorhin, musterte sie. Für Sekunden begegneten sich ihre Blicke, dann schaute sie schnell weg. Er hatte gelächelt, doch davon ließ sie sich nicht täuschen. Dass er jetzt langsam zielstrebig um das Tischgeviert auf sie zukam, erschreckte sie.

Sie hätte stehen bleiben und ihn erwarten können - sie brachte es nicht fertig. Nein, das war kein Verehrer, in seinem Lächeln hatte etwas Abschätziges gelegen, eine verhüllte Feindseligkeit. Oder hatte sie das nur so empfunden. Während sie von dem Stand mit den Blusen zurücktrat, sich zwischen zwei älteren Frauen hindurchwand und schnell auf eine Rolltreppe zustrebte, versuchte sie sich umzuschauen. Er war durch eine Gruppe Jugendlicher abgedrängt worden und ein Stück zurückgeblieben. Aber er kam hinter ihr her, sie sah, dass er sich beeilte. Er rempelte sogar ein Mädchen zur Seite, das sich ihm ungewollt in den Weg schob. Er war ungehobelt und ziemlich kräftig, vielleicht vierzig Jahre alt und hatte einen dunkelbraunen, leicht abgetragenen Mantel an. Von der Rolltreppe aus, die Silvia in gleichmäßigem Tempo ins erste Geschoss trug, konnte sie ihn genauer beobachten. Um ihr weiter zu folgen, musste er dasselbe Transportmittel benutzen. Doch nun kam er nicht mehr schneller voran als sie: Die Leute zwischen ihnen standen dicht an dicht.

Silvia überlegte krampfhaft, ob sie den Mann trotz allem kannte. Das eckige Gesicht mit den rötlichen Flecken auf den Wangen rief unbestimmte Erinnerungen in ihr wach. Keine angenehmen Erinnerungen - war das etwa der aufdringliche Bauleiter, mit dem sie sich kürzlich gestritten hatte. Der Chef war in einer wichtigen Sitzung gewesen, er aber wollte den Raum nicht verlassen, bevor er ihn gesprochen hatte. Wegen irgendeiner lächerlichen Zementbestellung. Sie hatte ihm gesagt, dass es im Augenblick nicht ginge, war sogar etwas heftig geworden, was ihr nur selten passierte. Aber am meisten geschrien hatte er. Und wenn es einen Grund gab, empört zu sein, dann für sie.

Silvia war in der ersten Etage angelangt, sie wollte in der Schuhabteilung untertauchen, wo sich viele Menschen drängten, doch als sie den Korb in der Hand hielt, überlegte sie, dass ihr Verfolger sie dort gewiss zuerst vermuten würde, und dass sie in diesem abgeschlossenen Bereich gefangen wäre. Aus- und Eingang lagen dicht beieinander, er brauchte sich nur zwischen beiden aufzuhalten, um sie letztlich zu fassen. So stellte sie den Korb zurück und hastete aufs Geratewohl durch die Gänge. An Sportartikeln und Campingausrüstungen vorbei. Als sie von einem Regal mit Spielzeug eine Gummipuppe herunterriss, der zum Glück nichts geschehen konnte, nahm sie sich kaum die Zeit, sie aufzuheben. Sie blieb erst stehen, als sie am Ende des weitgedehnten Verkaufsraums in der Männermode stand. Ausgerechnet. Sie hatte nicht darauf geachtet wohin, sie rannte.

Sie drehte sich vorsichtig um - keine Spur von dem Fremden. Diesmal hatte sie ihn abgehängt, möglicherweise suchte er sie auf der anderen Seite der Rolltreppe. Oder er glaubte, sie sei höher hinaufgefahren. Nein, jener Bauleiter war es nicht, der hatte dunkleres Haar und trug eine Brille. Dass sie daran nicht gleich gedacht hatte. Ich bin ein dummes Huhn, dachte Silvia, ich bilde mir sonst was ein, bloß weil mir einer ein paar Schritte hinterherläuft. Früher, als es Günter noch gab, war ich nicht so ängstlich. Da sagt man, dass viele Frauen nach der Scheidung selbstbewusster werden, erst richtig zu sich finden. Ich nicht, ich nehme ihm übel, dass er mich verlassen hat, seine Gründe waren lächerlich, aber die Trennung hat mich nur unsicherer gemacht. Wenn einer mir gegenüber auftrumpft, weiche ich zurück. Auch wenn ich im Recht bin. Der Chef meinte neulich, ich solle ihm nicht mit jeder Kleinigkeit kommen, die einfachen Dinge selbst entscheiden. Wenn er wüsste, wie schwer mir neuerdings jede Entscheidung fallt. Vielleicht hab ich mich deswegen beim Verkauf der Nähmaschine so hart gezeigt. Gegenüber einer, die schwächer war!

Silvia ging um einen Ständer mit Anzügen herum und wollte sich der Damenkonfektion zuwenden, als sie zurückwich. Sie sah den Fremden erneut, er kam vom Haushaltsgeschirr her, nach allen Seiten Ausschau haltend, auf die Herrenmode zu. Sein Gesicht wirkte verärgert, sie bemerkte erst jetzt, dass er etwas hinkte. Und in diesem Moment glaubte sie endlich zu begreifen. Das war der Kraftfahrer, dem sie vorhin die Vorfahrt geschnitten hatte. Versehentlich, aber so, dass es fast gefährlich geworden wäre. Sie war bei einer nach rechts abbiegenden Hauptstraße geradeaus gefahren und hatte nicht auf den Gegenverkehr geachtet. Der rote Wartburg hatte mit quietschenden Bremsen gestoppt, und sie hatte heftig aufs Gaspedal getreten. Passiert war nichts, sie war mit ihrem Trabant davongesaust, was hätte sie auch machen sollen. Aber sie hatte im Rückspiegel das wütende Gesicht des Mannes gesehen, seine erregten Gesten. Er hatte ihr mit der Faust gedroht. Offenbar war er ihr gefolgt, um sie zur Rede zu stellen. Oder er war zufällig vor dem Kaufhaus auf ihren Wagen gestoßen, dessen Nummer er sich gemerkt hatte.

Silvia kroch in sich zusammen, versteckte sich, so gut es ging, hinter Anzügen und Mänteln. Bevor ihr diese Erkenntnis gekommen war, hatte sie einen Augenblick lang daran gedacht, den Fremden zur Rede zu stellen, einfach auf ihn zuzutreten und zu fragen, was er von ihr wollte. Sie hätte die Verkäuferinnen um Hilfe bitten können, erklären, dass sie sich verfolgt und belästigt fühlte - das wagte sie nun nicht mehr. Sie hoffte nur noch, dass er vorbeilief, ohne sie zu entdecken. Rückwärts, den Gegner im Auge behaltend, entfernte sie sich durch die Mützenabteilung.

Sie hatte es fast geschafft, war seitlich an der Fensterfront angelangt, so dass sie freien Raum vor sich hatte, da stieß sie einen Hutständer um. Mit erheblichem Geklirr, Mützen und Hüte rollten über den Boden, und natürlich wandten sich ihr alle Gesichter zu. Zwei Verkäuferinnen stürzten herbei. Silvia stammelte ein paar Entschuldigungen, bückte sich, half mit fahrigen Bewegungen beim Einsammeln der Kopfbedeckungen.

Die eine Verkäuferin sagte: "Wie haben Sie denn das fertig gebracht, der steht doch wie eingerammt."

Doch da war Silvia schon weg. Sie lief jetzt geradenwegs zur Treppe. In Panik. Ihr Verfolger war hinter ihr, daran zweifelte sie nicht. Er war keiner von denen, die es auf sich beruhen ließen, wenn man ihnen die Vorfahrt schnitt.

Silvia wandte sich nach oben - vielleicht verlor er die Spur, glaubte, sie würde runterrennen, zum Auto. Sie nahm zwei Stufen auf einmal, das war sie nicht gewohnt, sie kam außer Atem. Als sie auf halber Höhe war, tauchte er bereits auf. Und sie begriff, dass sie einen Fehler gemacht hatte. Im Gegensatz zur Rolltreppe wurde dieser Aufgang weniger benutzt, und er konnte sie sofort entdecken. Tatsächlich sah er auch zu ihr hoch, sein Gesicht war noch mehr gerötet als vorher: "Junge Frau", rief er, "ja Sie dort, bleiben Sie doch stehen!" Gleichzeitig hastete er trotz seines Gehfehlers die Treppe hoch. Er schien keine Atemnot zu kennen.

Silvia hetzte weiter, gelangte ins zweite Geschoss, in ein Gewirr von Lampen und Lichtbögen, das sie unter anderen Umständen gefesselt, für längere Zeit festgehalten hätte. Neben gelblichen Decken- und Wandleuchten, neben rötlich schimmernden Stehlampen und blaugrauen Neonröhren gab es hier kunstvoll geschmiedete Kandelaber, die man bewundern konnte, vor allem aber kristallene Lüster, aus Hunderten von Glaszapfen zusammengefügt, in denen sich das Licht vielfältig brach und die bei der geringsten Berührung hell zu sirren begannen. In diesem von leisen Tönen und sanftem Glanz erfüllten Raum streiften die meisten Leute Hast und Unruhe ab, gaben sich gelassener. Silvia allerdings beruhigte sich nicht. Im Stil einer Slalomfahrerin eilte sie zwischen den Stehlampen hindurch. Plötzlich entdeckte sie eine Türöffnung, die nur mit einem Vorhang verhängt war. Einer Eingebung folgend, schlüpfe sie hindurch, blieb stehen und lehnte sich keuchend an die holzverkleidete Wand.

Hinter dem Vorhang befand sich ein Gang, von dem einige Türen abgingen. Sie waren nicht fürs Publikum bestimmt, dienten dem Personal. Von hier aus unbemerkt zum Ausgang gelangen, wie Silvia gehofft halte, konnte man offenbar nicht, doch es war still und im Augenblick kein Mensch zu sehen. Jetzt muss der Kerl schon irgendwo draußen sein, ich geh nicht wieder 'raus, bevor er weg ist, entschied sie bei sich. Sie zog den Vorhang eine Winzigkeit zurück, spähte hinaus. Sie sah ihn sofort, er stand noch an der Treppe, tastete mit den Augen die Etage nach ihr ab. Und dann geschah das Unerwartete. Nach einer ärgerlichen Geste mit der Hand, einem Abwinken, drehte er sich auf dem Absatz um und verließ das Geschoss.