Gedichte - Annette von Droste-Hülshoff - ebook

Opis

Die deutsche Schriftstellerin und Komponistin Annette von Droste-Hülshoff gilt als eine der bedeutendsten deutschen Dichterinnen. Dies sind die sorgsam gesammelten lyrischen Werke der Ausnahmekünstlerin: Zeitbilder, Ungastlich oder nicht?, Die Stadt und der Dom, Die Verbannten, Der Prediger, An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich, Die Gaben, Vor vierzig Jahren, An die Weltverbesserer, Alte und neue Kinderzucht, Die Schulen, Heidebilder, Die Lerche, Die Jagd, Die Vogelhütte, Der Weiher, Das Schilf, Die Linde, Die Wasserfäden, Kinder am Ufer, Der Hünenstein, Die Steppe, Die Mergelgrube, Die Krähen, Das Hirtenfeuer, Der Heidemann, Das Haus in der Heide, Der Knabe im Moor, Fels, Wald und See, Die Elemente, Luft, Wasser, Erde, Feuer, Die Schenke am See, Am Turme, Das öde Haus, Im Moose, Am Bodensee, Das alte Schloß, Der Säntis, Am Weiher, Ein milder und Ein harter Wintertag, Gedichte vermischten Inhalts, Mein Beruf, Meine Toten, Katharine Schücking, Nach dem Angelus Silesius, Gruß an Wilhelm Junkmann, Junge Liebe, Das vierzehnjährige Herz, Blumentod, Brennende Liebe, Der Brief aus der Heimat, Ein braver Mann, Stammbuchblätter, Mit Lauras Bilde, An Henriette von Hohenhausen, Nachruf an Henriette von Hohenhausen, Vanitas Vanitatum!, Instinkt, Die rechte Stunde, Der zu früh geborene Dichter, Not, Die Bank, Clemens von Droste, Guten Willens Ungeschick, Der Traum, Locke und Lied, An Levin Schücking, An Levin Schücking, An Elise, Ein Sommertagstraum, Das Autograph, Der Denar, Die Erzstufe, Die Musche, lDie junge Mutter, Meine Sträuße, Nach fünfzehn Jahren, Der kranke Aar, Sit illi terra levis!, Die Unbesungenen, Das SpiegelbildNeujahrsnacht, Der Todesengel, Abschied von der Jugend, Was bleibt, Scherz und Ernst, Dichters Naturgefühl, Der Teetisch, Die Nadel im Baume, Die beschränkte Frau, Die Stubenburschen, Die Schmiede, Des alten Pfarrers Woche, Sonntag, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande, Das Eselein, Die beste Politik, Balladen, Der Graf von Thal, Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Köln, Das Fegefeuer des westfälischen Adels, Die Stiftung Cappenbergs, Der Fundator, Vorgeschichte (Second sight), Der Graue, Die Vendetta, Das Fräulein von Rodenschild, Der Geierpfiff, Die Schwestern, Meister Gerhard von Köln, Die Vergeltung, Der Mutter Wiederkehr, Der Schloßelf, Kurt von Spiegel, Aus 'Letzte Gaben'Gemüt und Leben, Das Wort, Halt fest!, Carpe Diem!, Durchwachte Nacht, Mondesaufgang, Das Ich der Mittelpunkt der Welt, Grüße, DoppeltgängerIm Grase, Die Golems, Spätes Erwachen, Einer wie Viele und Viele wie Einer, Gemüt, Die tote Lerche, Unter der LindeMeine Steckenpferde, Der DichterAuch ein Beruf, Das Bild, SilvesterabendErzählende Gedichte, Das erste Gedicht, Gastrecht, Der Nachtwandler, Das verlorene Paradies, Der sterbende General, Volksglauben in den Pyrenäen, Silvesterfei, Münzkraut, Der Loup Garou, Maisegen, Höhlenfei, Johannistau, Denkblätter, Lebt wohl, Letzte Worte, Klänge aus dem Orient, Der Barmekiden Untergang, Bajazeth O Nacht!, Gesegnet, Der Fischer, Der Kaufmann, Das Kind, DerGreis, Geplagt, Getreu, Süß, FreundlichVerliebt, Verliebt, Verhenkert, Verteufelt, Verflucht, Herrlich, Unaussprechlich, Unbeschreiblich, Unerhört, Englisch, Unzählbar, Herzlich, Aus 'Geistliches Jahr in Liedern auf alle Sonn- und Feiertage, 'Am Neujahrstage, Am Feste der h. drei Könige, Am ersten Sonntage nach h. drei Könige, Am Feste vom süßen Namen Jesus, Am Allerheiligentage, Am Allerseelentage, Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten, Am ersten Sonntage im Advent, Am zweiten Sonntage im Advent, Am dritten Sonntage im Advent, Am vierten Sonntage im Advent, Am Weihnachtstage, Am zweiten Weihnachtstage (Stephanus), Am Sonntag nach Weihnachten, Am letzten Tage des Jahres (Silvester).

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Annette von Droste-Hülshoff

   Gedichte

Inhaltsverzeichnis
Gedichte
Letzte Gaben
Gemüt und Leben
Das Wort
Halt fest!
Carpe diem!
Durchwachte Nacht
Mondesaufgang
Das Ich der Mittelpunkt der Welt
Grüße
Doppeltgänger
Im Grase
Die Golems
Spätes Erwachen
Einer wie Viele und Viele wie Einer
Gemüt
Die tote Lerche
Unter der Linde
Meine Steckenpferde
Der Dichter
Auch ein Beruf
Das Bild
I.
II.
III.
Silvesterabend
Erzählende Gedichte
Das erste Gedicht
Gastrecht
Der Nachtwandler
Das verlorene Paradies
Der sterbende General
Volksglauben in den Pyrenäen
I. Silvesterfei
II. Münzkraut
III. Der Loup Garou
IV. Maisegen
V. Höhlenfei
VI. Johannistau
Denkblätter
An Philippa
An Frau Professor Arndts
Das einzige Kind
Schloß Berg
An meine Mutter
An dieselbe
An Elise
An Kardinal Melchior Freiherr v. Diepenbrock
Lebt wohl
An Sophie, Frau v. Laserre
An Cornelia
An meinen verehrten Freund, den Freiherrn v. Madroux, bei Übersendung der »Gedichte«
Die Mutter am Grabe
An Luise
An Ludowine
An Joseph v. Laßberg
Letzte Worte
Klänge aus dem Orient
Der Barmekiden Untergang
Bajazeth
O Nacht!
Gesegnet
Der Fischer
Der Kaufmann
Das Kind
Der Greis
Geplagt
Getreu
Süß
Freundlich
Verliebt
Verliebt
Bezaubernd
Verhenkert
Verteufelt
Verflucht
Herrlich
Unaussprechlich
Unbeschreiblich
Unerhört
Englisch
Unzählbar
Herzlich
Annette von Droste-Hülshoff
Gedichte (1844)
Zeitbilder
Ungastlich oder nicht?
Die Stadt und der Dom
Die Verbannten
Der Prediger
An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich
Die Gaben
Vor vierzig Jahren
An die Weltverbesserer
Alte und neue Kinderzucht
I
II
Die Schulen
Heidebilder
Die Lerche
Die Jagd
Die Vogelhütte
Der Weiher
Das Schilf
Die Linde
Die Wasserfäden
Kinder am Ufer
Der Hünenstein
Die Steppe
Die Mergelgrube
Die Krähen
Das Hirtenfeuer
Der Heidemann
Das Haus in der Heide
Der Knabe im Moor
Fels, Wald und See
Die Elemente
Luft
Der Morgen, der Jäger
Wasser
Der Mittag, der Fischer
Erde
Der Abend, der Gärtner
Feuer
Die Nacht, der Hammerschmied
Die Schenke am See
Am Turme
Das öde Haus
Im Moose
Am Bodensee
Das alte Schloß
Der Säntis
Frühling
Sommer
Herbst
Winter
Am Weiher
Ein milder Wintertag
Ein harter Wintertag
Gedichte vermischten Inhalts
Mein Beruf
Meine Toten
Katharine Schücking
Nach dem Angelus Silesius
Gruß an Wilhelm Junkmann
Junge Liebe
Das vierzehnjährige Herz
Blumentod
Brennende Liebe
Der Brief aus der Heimat
Ein braver Mann
Stammbuchblätter
I.
II.
Nachruf an Henriette von Hohenhausen
Vanitas Vanitatum!
R.i.p.
Instinkt
Die rechte Stunde
Der zu früh geborene Dichter
Not
Die Bank
Clemens von Droste
Guten Willens Ungeschick
Der Traum
Locke und Lied
An Levin Schücking
An denselben
Poesie
An Levin Schücking
An Elise
Ein Sommertagstraum
Das Autograph
Der Denar
Die Erzstufe
Die Muschel
Die junge Mutter
Meine Sträuße
Das Liebhabertheater
Die Taxuswand
Nach fünfzehn Jahren
Der kranke Aar
Sit illi terra levis!
Die Unbesungenen
Das Spiegelbild
Neujahrsnacht
Der Todesengel
Abschied von der Jugend
Was bleibt
Scherz und Ernst
Dichters Naturgefühl
Der Teetisch
Die Nadel im Baume
Die beschränkte Frau
Die Stubenburschen
Die Schmiede
Des alten Pfarrers Woche
Sonntag
Montag
Dienstag
Mittwoch
Donnerstag
Freitag
Samstag
Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande
Das Eselein
Die beste Politik
Annette von Droste-Hülshoff
Das Geistliche Jahr
Am Neujahrstage
Am Feste der heiligen drei Könige
Am ersten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste vom süßen Namen Jesus
Am dritten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am vierten Sonntage nach Heilige Drei Könige
Am Feste Mariä Lichtmeß
Am fünften Sonntage nach Heilige Drei Könige
Fastnacht
Am Aschermittwoch
Am ersten Sonntag in der Fasten
Am zweiten Sonntag in der Fasten
Am dritten Sonntag in der Fasten
Am vierten Sonntag in der Fasten
Am fünften Sonntag in der Fasten
Am Feste Mariä Verkündigung
Am Palmsonntage
Am Montag in der Charwoche
Am Dienstag in der Charwoche
Am Mittwochen in der Charwoche
Am Gründonnerstage
Am Charfreitage
Am Charsamstag
Am Ostersonntag
Am Ostermontage
Am ersten Sonntage nach Ostern
Am zweiten Sonntage nach Ostern
Am dritten Sonntage nach Ostern
Am vierten Sonntage nach Ostern
Am fünften Sonntage nach Ostern
Christi Himmelfahrt
Am sechsten Sonntage nach Ostern
Pfingstsonntag
Pfingstmontag
Am ersten Sonntage nach Pfingsten
Am Fronleichnamstage
Am zweiten Sonntage nach Pfingsten
Am dritten Sonntage nach Pfingsten
Am vierten Sonntage nach Pfingsten
Am fünften Sonntage nach Pfingsten
Am sechsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebenten Sonntage nach Pfingsten
Am achten Sonntage nach Pfingsten
Am neunten Sonntage nach Pfingsten
Am zehnten Sonntage nach Pfingsten
Am elften Sonntage nach Pfingsten
Am zwölften Sonntage nach Pfingsten
Am dreizehnten Sonntage nach Pfingsten
Am vierzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am sechzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am siebzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am achtzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am neunzehnten Sonntage nach Pfingsten
Am zwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am einundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am zweiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am dreiundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am Allerheiligentage
Am Allerseelentage
Am vierundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am fünfundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am sechsundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am siebenundzwanzigsten Sonntage nach Pfingsten
Am ersten Sonntage im Advent
Am zweiten Sonntage im Advent
Am dritten Sonntage im Advent
Am vierten Sonntage im Advent
Am Weihnachtstage
Am zweiten Weihnachtstage
Am Sonntage nach Weihnachten
Am letzten Tage des Jahres
Annette von Droste-Hülshoff
Das Vermächtnis des Arztes
Widmung
An Sybille Mertens
Das Vermächtnis des Arztes
Anhang: Des Arztes Tod

Letzte Gaben

1862

Gemüt und Leben

Das Wort

Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil, Und ist es einmal deinem Bogen In Tändeln oder Ernst entflogen, Erschrecken muß dich seine Eil'.

Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand Entschlüpft; wer mag es wiederfinden? Und dennoch wuchert's in den Gründen Und treibt die Wurzeln durch das Land.

Gleicht dem verlornen Funken, der Vielleicht verlischt am feuchten Tage, Vielleicht am milden glimmt im Hage, Am dürren schwillt zum Flammenmeer.

Und Worte sind es doch, die einst So schwer in deine Schale fallen: Ist keins ein nichtiges von allen, Um jedes hoffst du oder weinst.

O, einen Strahl der Himmelsau, Mein Gott, dem Zagenden und Blinden! Wie soll er Ziel und Acker finden? Wie Lüfte messen und den Tau?

Allmächt'ger, der das Wort geschenkt, Doch seine Zukunft uns verhalten, Woll' selber deiner Gabe walten, Durch deinen Hauch sei sie gelenkt!

Richte den Pfeil dem Ziele zu, Nähre das Körnlein schlummertrunken! Erstick ihn oder fach den Funken! Denn, was da frommt, das weißt nur du.

Halt fest!

Halt fest den Freund, den einmal du erworben, Er läßt dir keine Gaben für das Neue; Läßt, wie das Haus, in dem ein Leib gestorben, Unrein das Herz, wo modert eine Treue; Meinst du, dein sei der Hände Druck, der Strahl Des eignen Auges arglos und voll Liebe? Drückst du zum zweiten-, blickst zum zweitenmal, Die Frucht ist fleckig und der Spiegel trübe.

Halt fest dein Wort, o fest wie deine Seele; So stolz und freudig mag kein Lorbeer ranken, Daß er das Mal auf einer Stirne hehle, Die unterm Druck des Wortes konnte wanken; Der ärmste Bettler, dem ein ehrlich Herz, Darf wie ein König dir genüber treten, Und du? du zupfst den Lorbeer niederwärts Und heimlich mußt du dein peccavi beten.

Halt fest den Glauben, laß ihn dir genügen! Wer möchte Blut um fremden Ichor tauschen! Verstößest du den Cherub deiner Wiegen, Aus jedem Blatt wird dir sein Flügel rauschen! Und ist dein Geist zu stark, vielleicht zu blind, In seiner Hand das Flammenschwert zu sehen, So zweifle nicht, er wird, ein weinend Kind, An deinem öden letzten Lager stehen.

Und dann die Gabe, gnädig dir verliehen, Den köstlichen Moment, den gottgesandten, O feßle, feßle seinen Quell im Fliehen, Halt jeden Tropfen höher als Demanten! Noch schläft die Zukunft, doch sie wacht dareinst, Wo deinem Willen sich die Kraft entwunden, Wo du verlor'ne schwere Tränen weinst In die Charybdis deiner toten Stunden!

Vor allem aber halt das Kind der Schmerzen, Dein angefochtnes Selbst, von Gott gegeben! O sauge nicht das Blut aus deinem Herzen, Um einen Seelenbastard zu beleben, Daß, wenn dir einstens vor dem Golem graut, Es zu dir trete nicht mit leisen Klagen: »So war ich, und so ward ich dir vertraut, Unsel'ger, warum hast du mich erschlagen?«

Drum fest, nur fest, nur keinen Schritt zur Seite! Der Himmel hat die Pfade wohl bezeichnet; Ein reines Aug' erkennt sie aus der Weite, Und nur der Wille hat den Pfad verleugnet; Und allen ward ein Kompaß eingedrückt, Noch keiner hat ihn aus der Brust gerissen: Die Ehre nennt ihn, wer zur Erde blickt, Und wer zum Himmel, nennt ihn das Gewissen.

Carpe diem!

Pflücke die Stunde, wär' sie noch so blaß, Ein falbes Moos, vom Dunst des Moores naß, Ein farblos Blümchen, flatternd auf der Heide; Ach, einst von allem träumt die Seele süß, Von allem, was, ihr eigen, sie verließ, Und mancher Seufzer gilt entflohnem Leide.

In Alles senkt sie Blutes Tropfen ein, Legt Perlen aus dem heilig tiefsten Schrein Bewußtlos, selbst in grauverhängte Stunden; Steigt oft ein unklar Sehnen dir empor, Du schaust vielleicht, wie durch Gewölkes Flor, Nach Tagen, längst vergessen, doch empfunden.

Wer, der an seine Kinderzeit gedenkt, Als die Vokabeln ihn in Not versenkt, Wer möchte nicht wieder Kind sein und sich grauen? Ja, der Gefangene, der die Wand beschrieb, Fühlt er nach Jahren Glückes nicht den Trieb, Die alten Sprüche einmal noch zu schauen?

Wohl gibt es Stunden, die so ganz verhaßt, Daß, dem Gedächtnis eine Centnerlast, Wir ihren Schatten abzuwälzen sorgen; Doch selten schickt sie uns des Himmels Zorn, Und meistens ist darin ein gift'ger Dorn, Der Moderwurm geheimer Schuld verborgen.

Drum, wer noch eines Blicks nach oben wert, Der nehme, was an Lieben ihm beschert, Die stolze wie die Stund' im schlichten Kleide; Der schlürfe jeden stillen Tropfen Tau, Und spiegelt drin sich nicht des Äthers Blau, So lispelt drüber wohl die fromme Weide.

Freu dich an deines Säuglings Lächeln, freu Dich an des Jauchzens ungewissem Schrei, Mit dem er streckt die lustbewegten Glieder. Wär' zehnmal stolzer auch, was dich durchweht, Wenn er vor dir dereinst, ein Jüngling, steht, Dein lächelnd Kindlein gibt er dir nicht wieder.

Freu dich des Freundes, eh zum Greis er reift, Erfahrung ihm die kühne Stirn gestreift, Von seinem Scheitel Grabesblumen wehen; Freu dich des Greises, schau ihm lange nach, In kurzem gäbst vielleicht du manchen Tag, Um einmal noch das graue Haupt zu sehen.

O, wer nur ernst und fest die Stund greift, Den Kranz ihr auch von bleicher Locke streift, Dem spendet willig sie die reichste Beute. Doch wir, wir Toren, drängen sie zurück, Vor uns die Hoffnung, hinter uns das Glück, Und unsre Morgen morden unsre Heute.

Durchwachte Nacht

Wie sank die Sonne glüh und schwer, Und aus versengter Welle dann Wie wirbelte der Nebel Heer Die sternenlose Nacht heran! – Ich höre ferne Schritte gehn – Die Uhr schlägt Zehn.

Noch ist nicht alles Leben eingenickt, Der Schlafgemächer letzte Türen knarren; Vorsichtig in der Rinne Bauch gedrückt, Schlüpft noch der Iltis an des Giebels Sparren, Die schlummertrunkne Färse murrend nickt, Und fern im Stalle dröhnt des Rosses Scharren, Sein müdes Schnauben, bis vom Mohn getränkt, Es schlaff die regungslose Flanke senkt.

Betäubend gleitet Fliederhauch Durch meines Fensters offnen Spalt, Und an der Scheibe grauem Rauch Der Zweige wimmelnd Neigen wallt. Matt bin ich, matt wie die Natur! – Elf schlägt die Uhr.

O wunderliches Schlummerwachen, bist Der zartren Nerve Fluch du oder Segen? – 's ist eine Nacht, vom Taue wach geküßt, Das Dunkel fühl' ich kühl wie feinen Regen An meine Wangen gleiten, das Gerüst Des Vorhangs scheint sich schaukelnd zu bewegen, Und dort das Wappen an der Decke Gips Schwimmt sachte mit dem Schlängeln des Polyps.

Wie mir das Blut im Hirne zuckt! Am Söller geht Geknister um, Im Pulte raschelt es und ruckt, Als drehe sich der Schlüssel um. Und – horch, der Seiger hat gewacht! s' ist Mitternacht.

War das ein Geisterlaut? So schwach und leicht Wie kaum berührten Glases schwirrend Klingen, Und wieder wie verhaltnes Weinen steigt Ein langer Klageton aus den Syringen, Gedämpfter, süßer nun, wie tränenfeucht Und selig kämpft verschämter Liebe Ringen; – O Nachtigall, das ist kein wacher Sang, Ist nur im Traum gelöster Seele Drang.

Da kollert's nieder vom Gestein! Des Turmes morsche Trümmer fällt, Das Käuzlein knackt und hustet drein; Ein jäher Windesodem schwellt Gezweig und Kronenschmuck des Hains; – Die Uhr schlägt Eins.

Und drunten das Gewölke rollt und klimmt; Gleich einer Lampe aus dem Hünenmale Hervor des Mondes Silbergondel schwimmt, Verzitternd auf der Gasse blauem Stahle; An jedem Fliederblatt ein Fünkchen glimmt, Und hell gezeichnet von dem blassen Strahle Legt auf mein Lager sich des Fensters Bild, Vom schwanken Laubgewimmel überhüllt.

Jetzt möcht' ich schlafen, schlafen gleich, Entschlafen unterm Mondeshauch, Umspielt vom flüsternden Gezweig, Im Blute Funken, Funk' im Strauch Und mir im Ohre Melodei; – Die Uhr schlägt Zwei.

Und immer heller wird der süße Klang, Das liebe Lachen; es beginnt zu ziehen Gleich Bildern von Daguerre die Deck' entlang, Die aufwärts steigen mit des Pfeiles Fliehen; Mir ist, als seh' ich lichter Locken Hang, Gleich Feuerwürmern seh' ich Augen glühen, Dann werden feucht sie, werden blau und lind, Und mir zu Füßen sitzt ein schönes Kind.

Es sieht empor, so fromm gespannt, Die Seele strömend aus dem Blick; Nun hebt es gaukelnd seine Hand, Nun zieht es lachend sie zurück; Und – horch, des Hahnes erstem Schrei! – Die Uhr schlägt Drei.

Wie bin ich aufgeschreckt, – o süßes Bild, Du bist dahin, zerflossen mit dem Dunkel! Die unerfreulich graue Dämmrung quillt, Verloschen ist des Flieders Taugefunkel, Verrostet steht des Mondes Silberschild, Im Walde gleitet ängstliches Gemunkel, Und meine Schwalbe an des Frieses Saum Zirpt leise, leise auf im schweren Traum.

Der Tauben Schwärme kreisen scheu, Wie trunken, in des Hofes Rund, Und wieder gellt des Hahnes Schrei, Auf seiner Streue rückt der Hund, Und langsam knarrt des Stalles Tür – Die Uhr schlägt Vier.

Da flammt's im Osten auf, – o Morgenglut! Sie steigt, sie steigt, und mit dem ersten Strahle Strömt Wald und Heide vor Gesangesflut, Das Leben quillt aus schäumendem Pokale, Es klirrt die Sense, flattert Falkenbrut, Im nahen Forste schmettern Jagdsignale, Und wie ein Gletscher sinkt der Träume Land Zerrinnend in des Horizontes Brand.

Mondesaufgang

An des Balkones Gitter lehnte ich Und wartete, du mildes Licht, auf dich. Hoch über mir, gleich trübem Eiskristalle, Zerschmolzen schwamm des Firmamentes Halle; Der See verschimmerte mit leisem Dehnen, Zerfloßne Perlen oder Wolkentränen? – Es rieselte, es dämmerte um mich, Ich wartete, du mildes Licht, auf dich.

Hoch stand ich, neben mir der Linden Kamm, Tief unter mir Gezweige, Ast und Stamm; Im Laube summte der Phalänen Reigen, Die Feuerfliege sah ich glimmend steigen, Und Blüten taumelten wie halb entschlafen; Mir war, als treibe hier ein Herz zum Hafen, Ein Herz, das übervoll von Glück und Leid Und Bildern seliger Vergangenheit.

Das Dunkel stieg, die Schatten drangen ein – Wo weilst du, weilst du denn, mein milder Schein? – Sie drangen ein, wie sündige Gedanken, Des Firmamentes Woge schien zu schwanken, Verzittert war der Feüerfliege Funken, Längst die Phaläne an den Grund gesunken, Nur Bergeshäupter standen hart und nah, Ein finstrer Richterkreis, im Düster da.

Und Zweige zischelten an meinem Fuß Wie Warnungsflüstern oder Todesgruß; Ein Summen stieg im weiten Wassertale Wie Volksgemurmel vor dem Tribunale; Mir war, als müsse etwas Rechnung geben, Als stehe zagend ein verlornes Leben, Als stehe ein verkümmert Herz allein, Einsam mit seiner Schuld und seinem Pein.

Da auf die Wellen sank ein Silberflor, Und langsam steigst du, frommes Licht, empor; Der Alpen finstre Stirnen strichst du leise, Und aus den Richtern wurden sanfte Greise, Der Wellen Zucken ward ein lächelnd Winken, An jedem Zweige sah ich Tropfen blinken, Und jeder Tropfen schien ein Kämmerlein, Drin flimmerte der Heimatlampe Schein.

O, Mond, du bist mir wie ein später Freund, Der seine Jugend dem Verarmten eint, Um seine sterbenden Erinnerungen Des Lebens zarten Widerschein geschlungen, Bist keine Sonne, die entzückt und blendet, In Feuerströmen lebt, in Blute endet – Bist, was dem kranken Sänger sein Gedicht, Ein fremdes, aber o! ein mildes Licht.

Das Ich der Mittelpunkt der Welt

Jüngst hast die Phrase scherzend du gestellt: »Wer Reichtum, Liebe will und Glück erlangen, Der mache sich zum Mittelpunkt der Welt, Zum Kreise, drin sich alle Strahlen fangen.« Dein Wort, mein Freund, war wie des Tempels Tür: Die Inschrift draußen und das Volksgedränge, Doch durch die Spalten blinkt der Lampen Zier, Ziehn Opferduft und heilige Gesänge.

Wie könnte jemals wohl des Glückes Born Aus anderm als dem eignen Herzen fließen? Aus welcher Schale wohl des Himmels Zorn Als aus der selbstgebotnen sich ergießen? O glücklich sein, geliebt und glücklich sein – Möge ein Engel mir die Pfade deuten! Da schwillt des Tempels Vorhang, zart und rein Hör' ich's wie Echo durch die Falten gleiten:

»Standest an einem Krankenbett du je, Nach wochenlangen selbstvergeßnen Sorgen, Hobst deine schweren Wimpern in die Höh', Zu heißem Dankgebet an dem Morgen, Und sahst um des Genesenden Gesicht Ein neuerwachtes Seelenschimmern schweben Und einen Liebesblick auf dich, wie nicht Ihn Freund und nicht Geliebte können geben?

»Hieltest du je den Griffel in der Hand Und rechnetest mit frohem Geiz zusammen Die Groschen, die du selber dir entwandt; Schien jeder Heller dir wie Gold zu flammen Des Schatzes für den fremden Sorgenpfühl, Um den du deine Freuden schlau betrogen, Und hast du deines Reichtums Vollgefühl Tief, tief den Odem in die Brust gezogen?

»Und der Moment, wo eine Rechte schwimmt Ob teurem Haupte mit bewegtem Segen, Wo sie das Herz vom eignen Herzen nimmt, Um freudig an das fremde es zu legen, Hast du ihn je erlebt und standest dann, Die Arme still und freundlich eingeschlagen, Selig berechnend, welche Früchte kann, Wie liebliche, das neue Bündnis tragen?

»Dann bist du glücklich, bist geliebt und reich, Ein Fels, an dem sich alle Blitze spalten; Dann mag dein Kranz verwelken, mögen bleich Krankheit und Alter dir die Stirne falten: Dann bist der Mittelpunkt du deiner Welt, Der Kreis, aus dem die Freudestrahlen quillen, Und was so frisch der Bäche Ufer schwellt, Wie sollte seinen Born es nicht erfüllen!

Grüße

Steigt mir in diesem fremden Lande Die allbekannte Nacht empor, Klatscht es wie Hufesschlag vom Strande, Rollt sich die Dämmerung hervor, Gleich Staubeswolken mir entgegen Von meinem lieben starken Nord, Und fühl' ich meine Locken regen Der Luft gcheimnisvolles Wort –

Dann ist es mir, als hör' ich reiten Und klirren und entgegenziehn Mein Vaterland von allen Seiten, Und seine Küsse fühl' ich glühn; Dann wird des Windes leises Munkeln Mir zu verworrnen Stimmen bald, Und jede schwache Form im Dunkeln Zur tiefvertrautesten Gestalt.

Und meine Arme muß ich strecken, Muß Küsse, Küsse hauchen aus, Wie sie die Leiber könnten wecken, Die modernden, im grünen Haus; Muß jeden Waldeswipfel grüßen, Und jede Heid' und jeden Bach, Und alle Tropfen, die da fließen, Und jedes Hälmchen, das noch wach.

Du, Vaterhaus, mit deinen Türmen, Vom stillen Weiher eingewiegt, Wo ich in meines Lebens Stürmen So oft erlegen und gesiegt; – Ihr breiten, laubgewölbten Hallen, Die jung und fröhlich mich gesehn, Wo ewig meine Seufzer wallen Und meines Fußes Spuren stehn.

Du feuchter Wind von meinen Heiden, Der wie verschämte Klage weint, Du Sonnenstrahl, der so bescheiden Auf ihre Kräuter niederscheint; – Ihr Gleise, die mich fortgetragen, Ihr Augen, die mir nachgeblinkt, Ihr Herzen, die mir nachgeschlagen, Ihr Hände, die mir nachgewinkt.

Und Grüße, Grüße, Dach, wo nimmer Die treuste Seele mein vergißt Und jetzt bei ihres Lämpchens Schimmer Für mich den Abendsegen liest, Wo bei des Hahnes erstem Krähen Sie matt die graue Wimper streicht Und einmal noch vor Schlafengehen An mein verlaßnes Lager schleicht.

Ich möcht' euch alle an mich schließen, Ich fühl' euch alle um mich her, Ich möchte mich in euch ergießen, Gleich siechem Bache in das Meer. O, wüßtet ihr, wie krank gerötet, Wie fieberhaft ein Äther brennt, Wo keine Seele für uns betet Und keiner unsre Toten kennt!

Doppeltgänger

Kennst du die Stunde, wo man selig ist In Schlaf und Wachens wunderlichem Segen? 's war eine Nacht, vom Taue wachgeküßt, Das Dunkel fühlt' ich kühl wie zarten Regen An meine Wange gleiten, das Gerüst Des Vorhangs schien sich schaukelnd zu bewegen – Rings tiefe Stille, der das Ohr erlag, Doch mir im Haupt war leises Summen wach.

Mir war so wohl und federleicht zu Mut, So schwimmend, und die Wimper halb geschlossen; Verlorne Funken zuckten durch mein Blut, Von leisen Lauten wähnt' ich mich umflossen; 's war eine Stunde, wo der Zeiger ruht, Die Geisterstund' verschollner Traumgenossen. 's war eine Nacht, wo man am Morgen fragt: Hat damals, oder hat es jetzt getagt?

Und immer heller ward der süße Klang, Das liebe Lachen; es begann zu schwimmen Wie Bilder von Daguerre die Deck' entlang, Es wisperte wie jugendliche Stimmen, Wie halbvergeßner, ungewisser Sang; Gleich Feuerwürmern sah ich Augen glimmen, Dann wurden feucht sie, wurden blau und lind, Und mir zu Füßen saß ein schönes Kind.

Das sah zu mir empor, so ernst gespannt, Als quelle ihm die Seele aus den Blicken, Bald schloß es, schmerzlich zuckend, seine Hand, Bald schüttelt' es sie, funkelnd vor Entzücken, Und horchend, horchend klomm es sacht heran Zu meiner Schulter – und wo blieb es dann? –

O, wären's Geisterstimmen aus der Luft, Die sich wie Vogelzwitschern um mich reihten! Wär' Grabesbrodem nur der leise Duft, Der mich umseufzte aus verschollnen Zeiten! Doch nur mein Herz ist ihre stille Gruft, Und meine Heil'gen, meine einst Geweihten, Sie leben alle, wandeln allzumal – Vielleicht zum Segen sich, doch mir zur Qual.

Im Grase

Süße Ruh', süßer Taumel im Gras, Von des Krautes Arome umhaucht, Tiefe Flut, tief tief trunkne Flut, Wenn die Wolk' am Azure verraucht, Wenn aufs müde, schwimmende Haupt Süßes Lachen gaukelt herab, Liebe Stimme säuselt und träuft Wie die Lindenblüt' auf ein Grab.

Wenn im Busen die Toten dann, Jede Leiche sich streckt und regt, Leise, leise den Odem zieht, Die geschloßne Wimper bewegt, Tote Lieb', tote Lust, tote Zeit, All die Schätze, im Schutt verwühlt, Sich berühren mit schüchternem Klang Gleich den Glöckchen, vom Winde umspielt.

Stunden, flücht'ger ihr als der Kuß Eines Strahls auf der trauernden See, Als des ziehenden Vogels Lied, Das mir nieder perlt aus der Höh', Als des schillernden Käfers Blitz, Wenn den Sonnenpfad er durcheilt, Als der heiße Druck einer Hand, Die zum letzten Male verweilt.

Dennoch, Himmel, immer mir nur Dieses Eine mir: für das Lied Jedes freien Vogels im Blau Eine Seele, die mit ihm zieht, Nur für jeden kärglichen Strahl Meinen farbig schillernden Saum, Jeder warmen Hand meinen Druck, Und für jedes Glück meinen Traum.

Die Golems

Hätt' ich dich nicht als süßes Kind gekannt, Mit deinem Seraph in den klaren Blicken, Dich nicht leitend in der Märchen Zauberland, Gefühlt der kleinen Hände zitternd Drücken: Ich möchte wohl dich mit Behagen sehen, Du wärst mir eine brave, hübsche Frau, Doch ach, jetzt muß ich unter deiner Brau', Muß stets nach dem entflohnen Engel spähen.

Und du, mit deinem Wort, bedacht und breit, Dem klugen Lächeln und der Stirne Falten, Spricht dir kein armer Traum von jener Zeit, Wo deine Glut die Felsen wollte spalten? Ein braver Bürger bist du, hoch zu ehren, Ein wahrer Heros auf der Mittelbahn; Allein mein Flammenwirbel, mein Vulkan – Ach, daß die Berge Mäuse nur gebären!

Weh ihm, der lebt in des Vergangnen Schau, Um bleiche Bilder wirbt, verschwommne Töne! Nicht was gebrochen, macht das Haar ihm grau, Was Tod geknickt in seiner süßen Schöne, Doch sie, die Monumente ohne Toten, Die wandernden Gebilde ohne Blut, Die leeren Tempel ohne Opferglut Die gelben Haine ohne Frühlingsboten!

's gibt eine Sage aus dem Orient Von Weisen, toter Scholle Formen gebend, Geliebte Formen, die die Sehnsucht kennt, Und mit dem Zauberworte sie belebend; Der Golem wandelt mit bekanntem Schritte, Er spricht, er lächelt mit bekanntem Hauch, Allein es ist kein Strahl in seinem Aug', Es schlägt kein Herz in seines Busens Mitte.

Und wie sich alte Treu ihm unterjocht, Er haucht sie an mit der Verwesung Schrecken, Wie angstvoll die Erinnrung ruft und pocht, Es ist in ihm kein Träumender zu wecken –; Und tief gebrochen sieht die Treue schwinden, Was sie so lang und heilig hat bewahrt, Was jetzt nicht Lebens, nicht des Todes Art, Nicht hier und nicht im Himmel ist zu finden.

O kniee still an deiner Toten Gruft, Dort magst du milde, fromme Tränen weinen, Mit ihrem Odem säuselt dir die Luft, Mit ihrem Antlitz wird der Mond dir scheinen. Dein sind sie, dein, wie mit gebrochnen Augen, Wie dein sie waren mit dem letzten Blick; Doch fliehe, von den Golem flieh zurück, Die deine Tränen nur wie Gletscher saugen.

Spätes Erwachen

Wie war mein Dasein abgeschlossen, Als ich im grün umhegten Haus Durch Lerchenschlag und Fichtensprossen Noch träumt' in den Azur hinaus.

Als keinen Blick ich noch erkannte, Als den des Strahles durchs Gezweig, Die Felsen meine Brüder nannte, Schwester mein Spiegelbild im Teich.

Nicht rede ich von jenen Jahren, Die dämmernd uns die Kindheit beut; Nein, so verdämmert und zerfahren War meine ganze Jugendzeit.

Wohl sah ich freundliche Gestalten Am Horizont vorüberfliehn; Ich konnte heiße Hände halten Und heiße Lippen an mich ziehn;

Ich hörte ihres Grußes Pochen, Ihr leises Wispern um mein Haus Und sandte schwimmend, halbgebrochen, Nur einen Seufzer halb hinaus.

Ich fühlte ihres Hauches Fächeln, Und war doch keine Blume süß; Ich sah der Liebe Engel lächeln, Und hatte doch kein Paradies.

Mir war als habe in den Noten Sich jeder Ton an mich verwirrt, Sich jede Hand, die mir geboten, Im Dunkel wunderlich verirrt.

Verschlossen blieb ich, eingeschlossen In meiner Träume Zauberturm, Die Blitze waren mir Genossen Und Liebesstimme mir der Sturm.

Dem Wald ließ ich ein Lied erschallen, Wie nie vor einem Menschenohr, Und meine Träne ließ ich fallen, Die heiße, in den Blumenflor.

Und alle Pfade mußt' ich fragen: Kennt Vögel ihr und Strahlen auch? Doch keinen: wohin magst du tragen? Von welchem Odem schwillt dein Hauch?

Wie ist das anders nun geworden, Seit ich ins Auge dir geblickt! Wie ist nun jeder Welle Borden Ein Menschenbildnis eingedrückt!

Wie fühl' ich allen warmen Händen Nun ihre leisen Pulse nach, Und jedem Blick sein scheues Wenden, Und jeder schweren Brust ihr Ach!

Und alle Pfade möcht' ich fragen: Wo zieht ihr hin? wo ist das Haus, In dem lebend'ge Herzen schlagen, Lebend'ger Odem schwillt hinaus?

Entzünden möcht' ich alle Kerzen Und rufen jedem müden Sein: Auf ist mein Paradies im Herzen, Zieht alle, alle nun hinein!

Einer wie Viele und Viele wie Einer

Ich klage nicht den Mann, der fällt Ein Markstein dem erkämpften Land, Der seines Schicksals Becher hält, Ihn mischend mit entschloßner Hand, Nicht, der entgegentritt dem Sturm Und weiß, daß er die Eiche bricht; Wer war so reich wie Götz im Turm, Wie Morus vor dem Blutgericht?

Ich klage nicht den Mann, der stirbt, Von Welt und eigner Glut verzehrt, Ihn, dem des Halmes Frucht verdirbt Und den des Himmels Manna nährt; Correggio nicht, der siech und falb Die Kupferheller heimgebracht, Cervantes, der verhungert halb Ob seines Pansa noch gelacht.

Sie sind des Unglücks Fürsten, sind Die Mächtigen im weiten Blau, Sie fühlen, daß ihr Odem rinnt Entzündend um der Erde Bau; Daß aus der Grabesscholle gern Die Ernte freudig schießt und voll, Und daß zerfallen muß der Kern, Wenn sich die Ceder strecken soll.

Ihn klag' ich, dessen Liebe groß Und dessen Gabe arm und klein, Den, wie die Glut das dürre Moos, Zehrt jener Strahlen Widerschein; Ihn, der des Funkens Irren fühlt Verheerend in der Adern Bau, Und den die Welle dann verspült, Ein Aschenhäuflein, dünn und grau.

O, Eure Zahl ist Legion! Ihr Halbgesegneten, wo scheu Ins Herz der Genius geflohn, Und öde ließ die Phantasei; Ihr, die Euch möchtet flügellos Erchwingen mit des Sehnens Hauch, Und wieder an der Erde Schoß Sinkt wie ein kranker Nebelrauch.

Nicht klag' ich Euch, weil Ihr gering, Nicht weil ihr ärmlich und versiecht; Ich weiß es, daß der Zauberring Euch unbewußt am Finger liegt; O, reich seid Ihr und wißt es nicht, Denn reich ist nur der Träume Land; O, stark seid Ihr und wißt es nicht, Denn stark ist nur der Liebe Hand.

Wenn Ihr an Eurem Pulte neigt An Eurer öden Staffelei, Um Euch des Himmels Odem steigt Und in Euch der Beklemmung Schrei; Wenn zitternd nach dem Ideal Ihr Eure heißen Arme streckt, Und kaum für Euer täglich Mahl Den Halm die nächsten Furche weckt:

Dann seid als der Poet Ihr mehr, Der seines Herzens Blut verkauft, Mehr als der stolze Künstler, der Zur Heiligen die Hetäre tauft; Was Ihr verschweigt, ist lieblicher, Als je des Dichters Glut genährt, Was Ihr begrabt, ist heiliger, Als Farb' und Pinsel je verklärt.

Mir gab Natur ein kühnes Herz, Ich senke nicht so leicht den Blick; Mich drückt nicht Größe niederwärts, Drängt keine fremde Hand zurück; Nie hat des Ruhmes Strahlenkranz An fremder Stirne mich gegrämt; Doch vor so stiller Augen Glanz Hab' ich mich hundertmal geschämt.

Weinende Quellen, wo sich rollt Das Sonnenbild im Wellenbann, Glühende Stufen, wo das Gold Nicht aus der Schlacke scheiden kann, Ich klag' um Euch, weil Ihr betrübt, Weil Euch das Herz von Tränen schwillt, Unwissend Sel'ge, weil Ihr liebt Und zweifelt an der Gottheit Bild.

Wacht, wacht ob Eurem stillen Schatz, Laßt uns das sonnenöde Land, Laßt uns den freien Bühnenplatz Und sterbt im Winkel unbekannt; Einst wißt Ihr, was in Euch gelebt, Und was in dem, der Euch gehöhnt; Einst, wenn der Strahlengott sich hebt Und wenn die Memnonssäule tönt.

Gemüt

Grün ist die Flur, der Himmel blau, Doch tausend Farben spielt der Tau: Es hofft die Erde bis zum Grabe. Gewährung fiel dem Himmel zu; Und sprich, was ist denn deine Gabe, Gemüt, der Seele Iris du?

Du Tropfen Wolkentau, der sich In unsrer Scholle Poren schlich, Daß er dem Himmel sie gewöhne An seinem lieblichsten Gedicht, Du, irdisch heilig wie die Träne, Und himmlisch heilig wie das Licht!

Ein Tropfen nur, ein Widerschein, Doch alle Wunder saugend ein, Ob, Perle, dich am Blatte wiegend Und spielend um der Biene Fuß, Ob, süßer Traum, im Grase liegend Und lächelnd bei des Halmes Gruß.

O, Erd' und Himmel lächeln auch, Wenn du, geweckt vom Morgenhauch, Gleich einem Kinde hebst den weichen Verschämten Mondesblick zum Tag, Erharrend, was die Hand des Reichen Von Glanz und Duft dir geben mag.

Lächle nur, lächle für und für, Des Kindes Reichtum wird auch dir; Dir wird des Zweiges Blatt zur Halle, Zum Sammet dir des Mooses Vließ, Opale, funkelnde Metalle Wäscht Muschelscherbe dir und Kies.

Des kranken Blattes rötlich Grün Drückt auf die Stirn dir den Rubin, Mit Chrysolithes goldnen Flittern Schmückt deinen Spiegel Kraut und Gras, Und selbst des dürren Laubes Zittern Schenkt dir den bräunlichen Topas.

Und gar, wenn losch das Sonnenlicht Und nun dein eigenstes Gedicht Morgana deines Seees gaukelt, Ein Traum von Licht um deinen Ball Und zarte Schattenbilder schaukelt, Gefangne Geister im Kristall:

Dann schläfst du, schläfst in eigner Haft, Läßt walten die verborgene Kraft, Was nicht dem Himmel, nicht der Erden, Was deiner Schöpfung nur bewußt, Was nie gewesen, nie wird werden, Die Embryone deiner Brust.

O lächle, träume immer zu, Iris der Seele, Tropfen du! Den Wald laß rauschen, im Gewimmel Entfunkeln laß der Sterne Reihn; Du hast die Erde, hast den Himmel, Und deine Geister obendrein.

Die tote Lerche

Ich stand an deines Landes Grenzen, An deinem grünen Saatenwald, Und auf des ersten Strahles Glänzen Ist dein Gesang herabgewallt. Der Sonne schwirrtest du entgegen, Wie eine Mücke nach dem Licht; Dein Lied war wie ein Blütenregen, Dein Flügelschlag wie ein Gedicht.

Da war es mir, als müsse ringen Ich selber nach dem jungen Tag, Als horch' ich meinem eignen Singen Und meinem eignen Flügelschlag; Die Sonne sprühte glühe Funken In Flammen brannte mein Gesicht; Ich selber taumelte wie trunken, Wie eine Mücke nach dem Licht.

Da plötzlich sank und sank es nieder, Gleich toter Kohle in die Saat, Noch zucken sah ich kleine Glieder Und bin erschrocken dann genaht; Dein letztes Lied, es war verklungen; Du lagst, ein armer kalter Rest, Am Strahl verflattert und versungen Bei deinem halbgebauten Nest.

Ich möchte Tränen um dich weinen, Wie sie das Weh vom Herzen drängt, Denn auch mein Leben wird verscheinen, Ich fühl's, versungen und versengt; Dann du, mein Leib, ihr armen Reste, Dann nur ein Grab auf grüner Flur, Und nah nur, nah bei meinem Neste, In meiner stillen Heimat nur!

Unter der Linde

Es war an einem Morgen, Die Vöglein sangen süß, Und übern Rasen wallte Das schönste Blumenvließ. Das Börnlein mir zur Seite Sprang leise, leise fort, Mit halbgeschloßnem Auge Saß ich und lauschte dort.

Ich sah die Schmetterlinge Sich jagen durch das Licht, Und der Libelle Flügel Mir zittern am Gesicht; Still saß ich, wie gestorben, Und ließ mir's wohlig sein, Und mich mit Blütenflocken Vom Lindenzweig bestreun.

Mein Sitz war dicht am Wege, Ich konnte ruhig spähn; Doch mich, verhüllt vom Strauche, Mich hat man nicht gesehn; Wenn knarrend Wagen rollten, Dann drang zu mir der Staub, Und wenn die Vöglein hüpften, Dann zitterte das Laub.

Und nahe mir am Hange 'ne alte Buche stand, Um die der ernste Eppich Sich hoch und höher wand. Sein düstres Grün umrankte Noch manchen kranken Zweig; Doch die gesunden spielten Wie doppelt grün und reich.

Es war im Maienmonde, Die Blätter atlaszart; Wie hast du, alter Knabe, So frisches Herz bewahrt? Auf einer Seite trauernd Und auf der andern licht, Zeigst du auf grauer Säule Ein Janusangesicht.

Und eines Freundes dacht' ich, Deß Locken grau und lind, Ein armes Wrack sein Körper Und ach, sein Herz ein Kind; Mich dünkt', ich sah ihn starren Mit Tränen in ein Grab, Und seitwärts Blumen streuen In eine Wieg' hinab.

Da weckten Rinderglocken Mich aus den Phantasein; Ein wüster Staubeswirbel Drang durchs Gebüsch hinein, Und mit Geschrei und Schelten Riß Ast und Efeustab Der Treiberknecht vom Baume Und trieb sein Vieh bergab.

Ich hörte lang sein Toben Und seinen wüsten Schrei; Doch horch, was trabt so neckend, So drall und knapp herbei? Das Ränzel auf dem Rücken, Barett im blonden Haar, Kam ein Student gepfiffen, Ein lustiger Scholar.

» O pescator dell' onde!« Es gellt mir dicht am Ohr; Nun stand er an der Buche, Er hob den Arm empor, Verbrämt sein schlichtes Käpplein Mit Lindenzweiges Zier, Und pfeifend trägt er weiter Sein flatterndes Zimier.

Glück auf, mein frischer Junge, Gott gönn' dir Luft und Raum! Wie gern die schmucke Flagge Dir gönnt der heitre Baum; Er ist kein schlimmer Alter, Dem in verdorrter Brust Das Herz vor Ärger zittert Bei blanker Jugend Lust.

Doch still, was naht sich wieder? Ein Husten, kurz und hohl, Es schlürft den Anger nieder – Die Schritte kenn' ich wohl! Es ist der Buche Zwilling, Mein greiser, siecher Freund, Auf dessen Haupt so flammend Die Maiensonne scheint.

Nun stand er an dem Baume, Lugt' unterm Zelt hinaus, Wie roch er so behaglich An seinem Veilchenstrauß. Nun sucht' er an der Rinde, Er spähte um und um Und lachte ganz verstohlen Und sah verschüchtert um.

Dort fand ich tiefe Risse Und dachte Frostes Spalt; Doch wären's Namenszüge, Vermorscht und adamsalt? Nun schlägt er einen Nagel, Er hängt sein Kränzchen auf, Mich dünkt, ich sah erröten Ihn an die Stirn hinauf.

O, konntest du mich ahnen, Mein grauer Lysias, In deinem ganzen Leben Wärst du nicht wieder blaß. Doch wer dein spotten könnte, Du Herz voll Kindessinn, Das wär' gewiß kein Mädchen Und keine Dichterin.

Meine Steckenpferde

O, die Bevölkerung überall! O, unsre gesegneten Zeiten! In Roßpalästen und Menschenstall Wie Flocken sieht man es gleiten; Von Bettlern wimmelt das ganze Land, Von Künstlergesindel die Erde, Doch keine Rasse nahm überhand, Wie jene der Steckenpferde.

Der eine reitet den Tschernebock, Der andre, Himmel! den Goethe, Und jener holpert über Stein und Stock Auf einer alten Muskete. Ein Tonnenbacher rutscht dieser mit Auf hochgetriebnem Pokale, Und der macht gar den bedenklichen Ritt Auf einem elektrischen Aale.

Das war vorzeiten ein anderes Ding: Kam mal 'ne Möwe geflogen, Fing einer im Netze den Schmetterling, Schier hätt' man die Glocken gezogen; Und wer vom Pegasus nur geträumt, Des staunten Freund' und Verwandte; Jetzt steht im Narrenstalle gezäumt Für jeden die Rosinante.

Meine Steckenpferdchen sind glatt und rund, Sind blank gefütterte Schimmel, Ihr Trab ein Flüstern von Frauenmund, Ihr Wiehern ein zartes Gebimmel. Dort sprengen sie an der Longe hinaus, Meine Silbergrauen und Fahlen, Sechs Kreuzer dem, der sie lobt zu Haus, Und zwölf, der sie lobt in Journalen!

Der Dichter

Die ihr beim frohen Mahle lacht, Euch eure Blumen zieht in Scherben Und, was an Gold euch zugedacht, Euch wohlbehaglich laßt vererben, Ihr starrt dem Dichter ins Gesicht, Verwundert, daß er Rosen bricht Von Disteln, aus dem Quell der Augen Korall' und Perle weiß zu saugen;

Daß er den Blitz herniederlangt, Um seine Fackel zu entzünden, Im Wettertoben, wenn euch bangt, Den rechten Odem weiß zu finden: Ihr starrt ihn an mit halbem Neid, Den Geisteskrösus seiner Zeit, Und wißt es nicht, mit welchen Qualen Er seine Schätze muß bezahlen.

Wißt nicht, daß ihn, Verdammten gleich, Nur rinnend Feuer kann ernähren, Nur der durchstürmten Wolke Reich Den Lebensodem kann gewähren; Daß, wo das Haupt ihr sinnend hängt, Sich blutig ihm die Träne drängt, Nur in des schärfsten Dornes Spalten Sich seine Blume kann entfalten.

Meint ihr, das Wetter zünde nicht? Meint ihr, der Sturm erschüttre nicht? Meint ihr, die Träne brenne nicht? Meint ihr, die Dornen stechen nicht? Ja, eine Lamp' hat er entfacht, Die nur das Mark ihm sieden macht; Ja, Perlen fischt er und Juwele, Die kosten nichts als seine Seele.

Auch ein Beruf

Die Abendröte war zerflossen, Wir standen an des Weihers Rand, Und ich hielt meine Hand geschlossen Um ihre kleine kalte Hand. »So müssen wir denn wirklich scheiden? Das Schicksal würfelt mit uns beiden, Wir sind wie herrenloses Land.

»Von keines Herdes Pflicht gebunden, Meint jeder nur, wir seien grad' Für sein Bedürfnis nur erfunden, Das hilfbereite fünfte Rad. Was hilft es uns, daß frei wir stehen, Auf keines Menschen Hände sehen? Man zeichnet dennoch uns den Pfad.

»Wo dicht die Bäume sich verzweigen Und um den schlanken Stamm hinab Sich tausend Nachbaräste neigen, Da schreitet schnell der Wanderstab. Doch drüben sieh die einzle Linde, Ein jeder schreibt in ihre Rinde, Und jeder bricht ein Zweiglein ab.

»O hätten wir nur Mut, zu walten Der Gaben, die das Glück beschert! Wer dürft uns hindern? wer uns halten? Wer kümmern uns den eignen Herd? Wir leiden nach dem alten Rechte, Daß, wer sich selber macht zum Knechte, Nicht ist der goldnen Freiheit wert.

»Zieh hin, wie du berufen worden, In der Campagna Glut und Schweiß, Und ich will ziehn in meinen Norden, Zu siechen unter Schnee und Eis. Nicht würdig sind wir beßrer Tage, Denn wer nicht kämpfen mag, der trage, Dulde, wer nicht zu handeln weiß.«

So ward an Weihers Rand gesprochen, In Zorne halb und halb in Pein; Wir hätten gern den Stab gebrochen Ob all den kleinen Tyrannein. Und als die Regenwolken stiegen, Da bahnten wir erst mit Vergnügen Uns in den Ärger recht hinein.

Solang die Tropfen einzeln fielen, War's Naphthaöl in unsern Trutz; Auch eins von des Geschickes Spielen, Zum Schaden uns und keinem nutz! Doch als der Himmel Schloßen streute, Da machten wir's wie andre Leute Und suchten auch der Linde Schutz.

Dort hockt ein Häuflein dicht beisammen, Sich schauernd unterm Blätterdach; Die Wolke zuckte Schwefelflammen Und jagte Regenstriemen nach. Wir hörten's auf den Blättern springen, Jedoch kein Tropfen konnte dringen In unser laubiges Gemach.

Fürwahr, ein armes Häuflein war es, Was hier dem Wettersturm entrann: Ein hagrer Jud' gebleichten Haares, Mit seinem Hund ein blinder Mann, Ein Schuladjunkt im magern Fracke Und dann mit seinem Bettelsacke Der kleine hinkende Johann.

Und alle sahn bei jedem Stoße Behaglich an den Stamm hinauf, Rückten die Bündelchen im Schoße Und drängten lächelnd sich zuhauf; Denn wie so hohler schlug der Regen, So breiter warf dem Sturm entgegen Der Baum die grünen Schirme auf.

Wie kämpfte er mit allen Gliedern, Zu schützen, was sich ihm vertraut! Wie freudig rauscht' er, zu erwidern Den Glauben, der auf ihn gebaut! Ich fühlte seltsam mich befangen; Beschämt, mit hocherglühten Wangen, Hab' in die Krone ich geschaut

Des Baumes, der, keines Menschen Eigen, Verloren in der Heide stand, Nicht Früchte trug in seinen Zweigen, Nicht Nahrung für des Herdes Brand; Der nur auf Gottes Wink entsprossen Dem fremden Haupte zum Genossen, Dem Wandrer in der Steppe Sand.

Zur Freundin sah ich, sie herüber, Wir dachten Gleiches wohl vielleicht, Denn ihre Mienen waren trüber Und ihre lieben Augen feucht. Doch haben wir kein Wort gesprochen, Vom Baum ein Zweiglein nur gebrochen Und still die Hände uns gereicht.

Das Bild

I.

Sie stehn vor deinem Bild und schauen In dein verschleiert Augenlicht, Sie prüfen Lippe, Kinn und Brauen Und sagen dann: »Du sei'st es nicht; Zu klar die Stirn, zu voll die Wange, Zu üppig in der Locken Hange, Ein lieblich fremdes Angesicht.«

O wüßten sie es, wie ein treues Gemüt die kleinsten Züge hegt, Ein Zucken nur, ein flüchtig scheues, Als Kleinod in die Seele legt; Wie nur ein Wort, mit gleichem Klange Gehaucht, dem Feinde selbst das bange, Bewegte Herz entgegen trägt

Sie würden besser mich begreifen, Sehn deiner Locken dunklen Hag Sie mich mit leisem Finger streifen, Als lüft' ich sie dem jungen Tag; Den Flor mich breiten dicht und dichter, Daß deiner Augen zarte Lichter Kein Sonnenstaub verletzen mag.

Was fremd, dahin will ich nicht schauen, Ich will nicht wissen, wo sie brennt, Ob an der Lipp', ob an den Brauen, Die Flamme, die dein Herz nicht kennt; Ich will nur sehn in deine Augen, Den einen reinen Blick nur saugen, Der leise meinen Namen nennt.

Ihn, der wie Äther mich umflossen, Als in der ernsten Abendzeit Wir saßen Hand in Hand geschlossen Und dachten Tod und Ewigkeit; Ihn, der sich von der Sonne Schwinden Heilig gewendet, mich zu finden, Und lächelnd sprach: ich bin bereit.

II.

Und wär' es wahr auch, daß der Jahre Pflug Dir Furchen in die klare Stirn getrieben, Nicht so elastisch deiner Lippen Zug Bezeichne mehr dein Zürnen und dein Lieben, Wenn dichter auch die Hülle dich umschlingt, Durch die der Strahl, der gottbeseelte, dringt: Mir bist die immer Gleiche du geblieben.

Wenn minder stolz und edel die Gestalt, Ich weiß in ihr die ungebeugte Seele; Wenn es wie Nebel deinen Blick umwallt, Ich weiß es, daß die Wolke Gluten hehle; Und deiner weichen Stimme tiefrer Klang, Verhallend, geisterhaft wie Wellensang. Ich fühl' es, daß kein Liebeswort ihm fehle.

O Fluch des Alters, wenn das beßre Teil Mit ihm dem Gottesbilde müßte weichen! Wenn minder liebewarm ein Lächeln, weil Der Kummer ihm gelassen seine Zeichen, Ein Auge gütig nur, solange leicht Und anmutsvoll die Träne ihm entschleicht, Und ros'ge Wangen zücht'ger als die bleichen.

Und dennoch hält sie alle uns betört, Die Form, die staubgeborne, wandelbare, Scheint willig uns ein Ohr, das leise hört, Kühn einer frischen Stimme Siegsfanfare; Wir alle sehen nur des Pharus Licht, Die Glut im Erdenschoße sehn wir nicht, Und keiner denkt der Lampe am Altare.

III.

Ich weiß ein beßres Bild zu finden Als jenes, das dir ferner weicht, Wie tiefer deine Wurzeln gründen Und reifer sich die Ähre neigt; Ein beßres, als zu dessen Rahmen, Wenn Jahre schwanden, Jahre kamen, Man wie sein eigner Schatten schleicht.

Lausch' ich am Strande ob der lauen Entschlafnen Flut mit scheuer Lust, Wird unterm Flore dann, dem blauen, Lebendig mir die ernste Rust, Ich seh' am Grunde die Korallen, Ich seh' der Fischlein goldig Wallen Und schaue tief in deine Brust.

Und wieder an der Grüfte Bogen Seh' ich der Mauerflechte Stab Mit tausend Ranken eingesogen In des Gesteines Herz hinab, Von Taue schwer die grünen Locken, Leuchtwürmer in der Wimper Flocken Das ist dein Lieben übers Grab.

Und wenn an der Genesung Bronnen Im Saale tafeln Stern und Band Sich mittags kranke Bettler sonnen, Begierig schlürfen überm Rand Und emsig ihre Schalen schwenken Dann muß ich an dein Geben denken, An deine warme, offne Hand.

O, jener Quell, der glüh und leise, Ein Sprudel deiner Brust entquillt, Der nichts von Flocken weiß und Eise, Mit Segen seine Steppe füllt, Ihm kann nur gleichen, wessen Walten Nie siechen kann und nie veralten, Und die Natur nur ist dein Bild.

Silvesterabend

Am letzten Tage des Jahres, Da dacht' ich, wie mancher tot, Den ich bei seinem Beginne Noch lustig gesehen und rot; Wie mancher am Sargesbaume Gelacht unterm laubigen Zelt, Und wie vielleicht auch der meine Zur Stunde schon sei gefällt.

Wer wird dann meiner gedenken, Wenn ich nun gestorben bin? Wohl wird man Tränen mir weihen, Doch diese sind bald dahin; Wird wohl man Lieder mir singen, Doch diese verweht die Zeit;