Erfurt - Rolf Schneider - ebook

Erfurt ebook

Rolf Schneider

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Opis

Der bekannte Schriftsteller Rolf Schneider unternimmt in diesem Buch einen Spaziergang durch die wechselvolle Historie Erfurts. Gekonnt und pointiert erzählt er bedeutende Ereignisse der Stadtgeschichte, die oft genug auch Weltgeschichte war – von der Gründung des Bistums durch Bonifatius bis zur deutschen Wiedervereinigung im Jahr 1990. Schneiders essayistischer Spaziergang, nicht zuletzt geprägt durch eigene Erlebnisse, verdichtet sich zu einem Stadtporträt der besonderen Art.

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Rolf Schneider

Erfurt

Ein Spaziergang durch Geschichte und Gegenwart

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte vorbehalten.

Dieses Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen, Verfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung auf DVDs, CDROMs, CDs, Videos, in weiteren elektronischen Systemen sowie für Internet-Plattformen.

ebook im be.bra verlag, 2016

© der Originalausgabe:

edition q im be.bra verlag GmbH

Berlin-Brandenburg, 2015

KulturBrauerei Haus 2

Schönhauser Allee 37, 10435 Berlin

[email protected]

Lektorat: Matthias Zimmermann, Berlin

Umschlaggestaltung: Therese Schneider, Berlin

ISBN 978-3-8393-2123-2 (epub)

ISBN 978-3-86124-689-3 (print)

www.bebraverlag.de

Inhalt

Das Erkerfenster

Ludowinger und Wettiner

Das Rad im Wappen

Isatis tinctoria

Kluge und törichte Jungfrauen

Einssein mit Gott

Kalmans Versteck

Der Blitz von Stotternheim

Administratoren

Altstadthäuser

Besitz der politischen Macht

Schöngeistiges

Das schreiben, was man will

Nebelfront

Das Erkerfenster

Der Bahnhofsvorplatz war schwarz von Menschen, die immer wieder riefen: Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster! Der Politiker folgte diesem Begehren. Er tat die Gardine beiseite, öffnete einen Fensterflügel, hob seine rechte Hand und winkte.

Manchmal wird die Frage gestellt, welche denn die schönste Stadt in Deutschland sei. Das Auskunftsbegehren ist müßig insofern, als die Feststellung von Schönheit ein weitgehend subjektives Urteil ist, gleichermaßen abhängig vom Kulturkreis des Urteilenden wie von seinem persönlichen Geschmack, und während bei einem Ebenmaß von Lebewesen oder Dingen noch gewisse objektive Kriterien mitwirken mögen, wird die Sache bei multiplen Objekten wie einer zivilisatorischen Agglomeration vollends bedeutungslos.

Gleichwohl, die Frage wird gerne gestellt und immer wieder.

Wir leben in einem Zeitalter der unentwegt aufgestellten Ranglisten. Auf die eingangs erwähnte Frage kommen Antworten wie Rothenburg ob der Tauber, Heidelberg, Meersburg, München, Görlitz, Hamburg oder Schwäbisch Hall. Eine Stadt aber ist, wenn ich es recht sehe, niemals dabei, obschon sie sich mit den bisher genannten in vielerlei Hinsicht messen kann. Ich rede von Erfurt.

Der heutige Regierungssitz des Bundeslandes Thüringen bringt allerlei mit, was andernorts als touristische Attraktion gilt: eine anmutige Landschaft, eine intakte Altstadt mit Gebäuden von großer kulturhistorischer Delikatesse, eine ebenso tüchtige wie umgängliche Bevölkerung. Dennoch werden, wenn von wichtigen Besucherzielen Thüringens die Rede ist, eher die Namen Weimar und Eisenach fallen.

Gibt es einen Grund, wieso im Falle Erfurts die Ästhetik so vergleichsweise wenig zählt? Sind andere Momente wichtiger?

Ich selbst verbinde mit Erfurt ein paar prägende Erlebnisse. Sie haben nicht mit Ästhetik oder Kulturgeschichte zu schaffen, sondern mit Politik.

Eine Woche vor der ersten und letzten freien Wahl zum Parlament der DDR, Volkskammer geheißen, war ich zu einer Podiumsdiskussion geladen. Es ging um die politische Zukunft Ostdeutschlands. Die Veranstalter hatten mich in Erfurts damals feinstes Hotel eingewiesen, den Erfurter Hof, gelegen gegenüber dem Hauptbahnhof. Der Zufall wollte es, dass ich in jenes Erkerzimmer geriet, in dem ziemlich genau zwanzig Jahre zuvor Willy Brandt logiert hatte bei seiner Begegnung mit dem damaligen DDR-Ministerpräsidenten Willy Stoph. Die Erfurter Bevölkerung hatte dem westdeutschen Bundeskanzler einen stürmischen, von den DDR-Sicherheitskräften so nicht vermuteten Empfang bereitet. Der Bahnhofsvorplatz war schwarz von Menschen, die immer wieder riefen: Willy Brandt ans Fenster! Willy Brandt ans Fenster! Der Politiker folgte diesem Begehren. Er tat die Gardine beiseite, öffnete einen Fensterflügel, hob seine rechte Hand und winkte. Frenetischer Jubel der Versammelten war die Antwort.

Exakt hinter diesem Fenster stand nun ich. Es war ein früher Sonntagmorgen. Ich blickte hinab auf den Platz, der leer war bis auf ein paar eilig dem Bahnhof zustrebende Fußgänger. Direkt unter mir war ein riesiges Plakat aufgestellt, das für die anstehenden Wahlen warb, und zwar nicht für die Sozialdemokratie des Willy Brandt, sondern für das konservative Bündnis Helmut Kohls. Im Frühstückssaal des Hotels bewegten sich Politiker, die gekommen waren, um in der sich auflösenden DDR ihre Claims abzustecken. Sie stammten aus Hessen und aus Bayern, ich kannte sie von Bildern des westdeutschen Fernsehens. Sie gehörten allesamt zu den Unionsparteien. Eine Woche später würde ich dem verkündeten Wahlergebnis entnehmen können, wie überaus erfolgreich ihr Wirken war.

Das Hotel Erfurter Hof gibt es nicht mehr. Sämtliche Versuche, nach der Wiedervereinigung einen verlässlichen gastronomischen Betreiber zu finden, schlugen fehl; das aktuelle Hotel in unmittelbarer Bahnhofsnachbarschaft heißt Intercity. Lediglich das Hotelgebäude selbst steht noch, wurde umgerüstet und beherbergt nunmehr allerlei Geschäfte und andere kommerzielle Einrichtungen. Über allem steht in Neon-Buchstaben unübersehbar der Name: Willy-Brandt-Fenster. Die Stelle, der er sich verdankt, war, als ich jetzt zu ihr empor sah, halboffen. Leute, denen die historischen Zusammenhänge nicht geläufig sind, werden weder mit dem Namen noch mit dem Erkerfenster irgendetwas verbinden können.

Mir schien die Sache paradigmatisch. Wer als Erfurt-Besucher aus dem Bahnhof tritt, stößt auf politische Geschichte und auf Kommerz. Beides prägt die Stadt auch sonst und macht die Ästhetik zu einem Beiwerk. Politik und Kommerz sind keine vorrangigen touristischen Argumente. Der Umstand, dass Erfurt in den eingangs erwähnten Rankings nicht vorkommt, dürfte hier seine Ursache haben.

Fassade des ehemaligen »Erfurter Hofs«

Ludowinger und Wettiner

Maßgeblich wurden die Wettiner. Der erste Thüringer Landgraf aus der Sippe hieß Heinrich. Unter seinen Nachfahren setzte sich die wettinische Herrschaft zwischen Unstrut und Werra fort, bis es 1485 zur Leipziger Teilung kam. Die Brüder Ernst und Albrecht splitteten das gesamte ererbte Territorium, Thüringen fiel an Ernst.

Hauptstädte existieren nicht für sich. Sie verwalten eine Region, sie sind mit ihr verbunden, sie empfangen Impulse von dort, um darauf zu reagieren. Erfurt ist die Landeshauptstadt von Thüringen. Mithin empfiehlt es sich, den Blick auf Thüringen zu richten.

Das Bundesland, sein offizieller Titel lautet wie im Falle Bayerns und Sachsens Freistaat, versammelt reichlich 2,2 Millionen Einwohner auf einer Fläche von sechzehntausend Quadratkilometern. Die Nachbarländer sind Sachsen, Hessen, Sachsen-Anhalt, Niedersachsen und Bayern. Geologische Mitte ist das fruchtbare Thüringer Becken, eingefasst von mehreren Mittelgebirgsregionen, deren bedeutendste der Thüringer Wald ist. Wichtige Flüsse sind im Osten Saale und Unstrut, im Westen die Werra. Ein Nebenfluss der Unstrut ist die Gera, zu deren beiden Ufern sich Erfurt ausbreitet.

Thüringen ist eine alte Kulturlandschaft. Die östlich der Saale gelegenen Regionen hatten sich nach der Völkerwanderung, also ab dem vierten nachchristlichen Jahrhundert, fast völlig entleert, womit Raum war für eindringende Westslawen; die wurden dann im Hochmittelalter von deutschen Heeren und deutschen Siedlern kolonisiert. Thüringen erlebte dergleichen nicht. Zwar erfolgte auch hier das Eindringen fremder Ethnien, immer wieder, doch die Sache blieb episodisch.

Der Name Thüringer wird erstmals im vierten nachchristlichen Jahrhundert erwähnt. Die Schreibweise lautet toringi, der spätrömische Autor Flavius Vegetius Renatus verwendet sie in einem Text, der von Strategie und Taktik der Kriegsführung handelt. Die derart bezeichnete Völkerschaft war vermutlich ein Zusammenschluss lokaler Gruppen von hermundurischer, anglischer und warnischer Herkunft. Ihr Siedlungsgebiet war das Thüringer Becken.

Dann gründete sich ein Königreich. Es bestand bis ins Jahr 531. Ein Eroberungskrieg der merowingischen Franken unterwarf sämtliches Gebiet westlich der Saale; ab 620 – das fränkische Reich expandierte immer weiter, was herrschaftliche Untergliederungen notwendig machte – gab es ein fränkischer Oberhoheit unterworfenes Herzogtum Thüringen.

Aus dem Ostfrankenreich ging später Deutschland hervor, hier regierten nach dem Ende der karolingischen Herrschaft die sächsischen Ottonen. Der thüringische Raum gehörte zu ihrem Kerngebiet, Regionalfürsten wurden die Angehörigen einer fränkischen Adelssippe, der Ludowinger.

Ihr bekanntester Vertreter hieß Ludwig der Springer. Historisch ist nicht viel von ihm verbürgt. Dafür hängten sich an ihn eine Reihe von Legenden und Sagen:

Im Zuge einer Eroberung soll er einen sächsischen Pfalzgrafen erstochen haben, wofür er eingekerkert wurde. Im dritten Jahr seiner Gefangenschaft drohte ihm die Hinrichtung. Er rettete sich, indem er aus dem Turm seines Kerkers in die unmittelbar darunter fließende Saale sprang. »Dort erwartete ihn bereits ein Diener mit einem Boot und seinem schneeweißen Lieblingspferd ›Schwan‹«, heißt es in der Überlieferung. Als Sühne habe er dann eine Kirche gebaut und ein Kloster gegründet: Reinhardsbrunn, das später das Familienmonasterium der Ludowinger war.

Ludwig soll außerdem Bauherr der Wartburg gewesen sein. Die Sage darum geht so: