Eine dicke Dame - Klaus Möckel - ebook

Eine dicke Dame ebook

Klaus Möckel

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Opis

Berlin im Frühjahr 1990. Gauner aller Couleur versuchen bei dem sich ständig ändernden Wechselkurs von Ost- zu Westmark und umgekehrt Geschäfte zu machen. Gunther Krey, ehemaliger Kriminalist und seit kurzem Privatdetektiv, gerät mitten in diese Wirren, als er einer dicken "Dame" den Ehemann zurückbringen soll. In einer spannenden Handlung schildert der Autor nicht ohne Humor den ersten Fall seines Helden, der nur ein bisschen Geld verdienen will und unvermutet an eine Mordsache gerät. Durch die Darstellung jener schon historisch gewordenen aufregenden Wendezeit erhält der Kriminalroman seine ganz besondere Note. LESEPROBE: Der Wind in den Bäumen, Nässe, die von den kahlen Büschen troff, und ringsum kein Mensch! Rechts schloss sich ein ähnlich verwildertes Grundstück an, links waren stoppelige Wiesen, nach hinten zu erhob sich struppiger Wald. Ich ging den Kiesweg entlang und rief erneut nach Frau Iffka, doch nichts rührte sich. Dann hatte ich die Hütte erreicht, stand vor dem Eingang. Wie schon das Gartentor, ließ sich auch diese Tür ohne weiteres öffnen. Ich trat über die Schwelle, befand mich in einem Raum, der anscheinend das Kernstück des Häuschens darstellte. Einfache Möbel: ein Tisch, zwei Stühle, ein schmaler Schrank, eine Bank entlang der Rückwand. Da Licht lediglich durch das eine Fenster hereindrang, konnte ich die Gegenstände zunächst nur undeutlich ausmachen. Nicht zu übersehen war allerdings der kleine magere Mann, der hinter dem Tisch zurückgelehnt in einem Sessel mit hoher Lehne saß. Etwas schlaff, er hatte die Augen geschlossen, nahm keine Notiz von mir. Ich kannte diesen Mann, obwohl ich ihn außer auf einem Foto nur ein einziges Mal in meinem Leben gesehen hatte, und zwar vor zwei Tagen. »Schau an, Erik Iffka«, sagte ich. Er gab keine Antwort, seine Haltung blieb unverändert. Ich erschrak, war mit drei Schritten bei ihm, fasste nach seiner Hand, die über der Stuhllehne hing. Doch ich begriff es bereits, bevor ich die Leblosigkeit seiner Finger spürte: Der Mann vor mir war tot.

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Impressum

Klaus Möckel

Eine dicke Dame

Kriminalroman

ISBN 978-3-86394-174-1 (E-Book)

Die Druckausgabe erschien 1991 in der DIE-Reihe (Delikte, Indizien, Ermittlungen) bei: Eulenspiegel Das Neue Berlin Verlagsgesellschaft mbH.

Die kriminellen Sprüche wurden dem Buch "Wer zu Mörders essen geht..." von Klaus Möckel, erschienen 1993 bei Frieling & Partner GmbH Berlin, entnommen.

Gestaltung des Titelbildes: Ernst Franta

© 2012 EDITION digital®Pekrul & Sohn GbR Alte Dorfstraße 2 b 19065 Godern Tel.: 03860-505 788 E-Mail: [email protected] Internet: http://www.ddrautoren.de

1. Kapitel

Sie hatte eine topfartige Kappe auf dem Kopf, an der seitlich eine lila Feder steckte, trug ein dunkelblaues Kleid mit einem golden glitzernden Schmetterling quer überm Busen und war reichlich dick. Mittelgroß, aber massig, sie wogte gewissermaßen durch die Tür, nachdem sie kurz angeklopft und mein »Herein« gar nicht erst abgewartet hatte.

Eine dicke Dame, dachte ich unwillkürlich, obwohl Dame nicht recht stimmte. Klobige Schuhe an den Füßen, eine ockerfarbene Handtasche, die nicht zur sonstigen Garderobe passte - alles an ihr war eine Spur zu bunt. Zuviel Schminke auf dem porigen Gesicht, die Hände grob und nicht ganz sauber - in einem Lagerraum konnten sie bestimmt zupacken. Der Blick aber war hoheitsvoll. Und ein wenig abschätzig, sie ließ ihn missbilligend über mein zusammengestoppeltes Mobiliar gleiten. Über den Schreibtisch mit den Wasserflecken auf der Platte, den viel zu hellen Rollschrank, die beiden abgesessenen Stühle und die voll gestopften Regale. Auch den altmodischen Kleiderständer musterte sie, an dem mein Mantel hing. »Sie sind der Chef hier?«, fragte sie mit rauer Stimme.

Ich hätte antworten können: Der Chef, die Sekretärin, mein einziger Angestellter, ganz wie Sie wollen, aber ich begnügte mich mit einem Nicken. Ich stand am Anfang meiner Laufbahn als Priva - so die Abkürzung, die meine Mutter für das Wort Privatdetektiv gebrauchte - und wurde nicht gerade mit Aufträgen überhäuft. Meist war es Kleinkram, die Leute hatten in diesem Frühjahr 90 anderes im Kopf, als ihresgleichen beobachten, suchen oder verfolgen zu lassen und noch Geld dafür zu bezahlen. Eine Kleinigkeit, um mehr wird es sich auch diesmal nicht handeln, sagte ich mir und war dennoch neugierig. Die Erscheinung dieser Frau fiel immerhin aus dem Rahmen.

»Etwas mickrig, Ihr Betrieb«, beliebte sie zu bemerken, »arbeiten Sie etwa allein?«

»So wie alle großen Detektive.« Es war ein mäßiger Scherz.

»Hm... Na meinetwegen. Für mich ist es sogar besser, wenn nicht so viele in der Sache herumpfuschen.«

»Sie sehen, Sie sind bei mir an der richtigen Adresse.«

»Das muss sich erst noch herausstellen.«

»Dürfte ich erfahren, worum es eigentlich geht?«, fragte ich nun langsam ungeduldig und unterließ es, ihr den Besuchersessel anzubieten, ein wuchtiges Lederstück aus der frühen DDR-Zeit; nach der Trennung von Ingrid war er endgültig in meinen Besitz übergegangen.

Sie ließ sich trotzdem hineinplumpsen. »Ich verlange unbedingte Verschwiegenheit.«

»Falls Sie meine Dienste in Anspruch nehmen, ist das im Preis inbegriffen.«

Sie nickte, gab aber keine Antwort. Unser eben erst begonnenes Gespräch schien schon ins Stocken zu geraten, doch ich hielt es für richtiger, sie nicht zu drängen. Meine langjährigen Erfahrungen gaben es mir ein. Sie wollte etwas und würde von selbst damit herausrücken.

»Da gibt es also wieder Privatdetektive bei uns«, sagte sie, »wer hätte das noch vor einem halben Jahr gedacht.«

»Vor einem halben Jahr hätte man so manches nicht gedacht. Nicht einmal geträumt, erahnt hätte man es... Sie haben meine Adresse aus der Zeitung?«

»Genau. Ich hab' Ihre Anzeige gelesen.«

Hatte sich die Ausgabe also doch gelohnt. Ich legte eine dicke Mappe, die allerdings nur mit Zeitschriftenartikeln und -ausschnitten gefüllt war, gewichtig von einer Seite auf die andere. Ich wartete ab.

»Wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, gerade diesen Job zumachen. Verdient man denn sein Leben damit?«

Ich dachte: Kaum, wenn man sich mit Leuten abgeben muss, die ewig nicht zur Sache kommen, erwiderte aber: »Es würde zu lange dauern, den ersten Teil der Frage zu beantworten. Und ob ich mich in dem Beruf behaupten kann, weiß ich noch nicht.«

»Jedenfalls haben Sie Erfahrungen, 'ne Ausbildung oder so was.«

»Das kann man sagen.«

»Etwa bei der 'Firma'?«

Langsam wurde ich sauer. »Wenn's so wäre, würde ich's Ihnen nicht gerade ins Ohr säuseln, oder?«

Sie begann in ihrer Handtasche zu wühlen, an der außer der Farbe noch eine große Messingschnalle auffiel, holte aber letztendlich nur ein Papiertaschentuch heraus. Sie entfaltete es und schnäuzte sich geräuschvoll die Nase. Ein paar bunte Zuckerkügelchen fielen in ihren Schoß. Während ich unwillkürlich nach dem Namen für das Zeug suchte, sagte sie: »Gut, gut, geht mich ja nicht direkt was an. Kommen wir zur Sache. Mein Mann hat sich verflüchtigt. Ich möchte, dass Sie ihn aufstöbern.«

Also doch jemand, der Geld für meine Spürnase ausgeben wollte. Kein gewaltiger Auftrag, aber wenigstens einer, den ich für meinen neuen Job als normal empfand.

»Er ist mit einem Flittchen über alle Berge. Seit vier Tagen ist er schon weg. Doch so kommt er mir nicht davon, so nicht. Wenn er denkt, er kann sich alles mit mir erlauben, hat er sich getäuscht.«

»Er hat gesagt, dass er mit dieser anderen Frau weggeht?«

»Natürlich nicht, aber daran gibt's keinen Zweifel.« Sie walkte ein zweites Papiertaschentuch zwischen den Händen: das erste hatte sie in meinen Papierkorb geworfen, was ich nicht gerade hygienisch fand. »Sie hat ihn ganz geil gemacht, das Luder.«

Ich sagte: »Sie wussten also schon länger von seinem Verhältnis, Frau...«

»Iffka. Entschuldigen Sie. dass ich mich nicht vorgestellt habe. Ich wohne in Buchholz. Von Beruf bin ich Angestellte, jetzt allerdings Hausfrau.«

Ich fragte mich, was für eine Angestellte sie wohl gewesen sein mochte, erklärte jedoch: »Gut. Frau Iffka. Was ich meine, ist: Sie kennen die... Freundin?«

Die Dicke schnaufte verächtlich. »Das würde noch fehlen. Aus seinen Reden, sonst kein Stück. Wenn ich mich um jeden Rock kümmern wollte, hinter dem mein Alter...« Sie verstummte.

»Es handelt sich demnach nicht um das erste Verhältnis, das Ihr Mann mit einer anderen hat?«

»Natürlich nicht. Ihr Kerle seid doch so; wenn ein Flittchen euch die Waden zeigt, müsst ihr ranfassen. Aber diesmal war's anders.«

»Wie - anders.«

Sie stopfte das zweite, zerknüllte Tuch in die Tasche zurück. »Na, anders eben. Reineweg verrückt war er... Wollen Sie nun Geld verdienen oder nicht?«

Ich seufzte. Ja, ich will, dachte ich, von irgendwas muss der Mensch ja leben. »Siebzig Mark am Tag und Spesen«, sagte ich, »das ist der Mindestsatz. Bei erschwerten Bedingungen kann es teurer werden.«

Sie holte fünf Hunderter aus der Handtasche, steckte einen davon wieder zurück. »Reicht das als Anzahlung?«

»Ja, in Ordnung«, ich ließ mir nicht anmerken, dass ich weniger erwartet hatte. »Erzählen Sie mir bitte noch etwas von Ihrem Mann. Haben Sie ein Foto von ihm?«

Sie kramte auch das hervor, reichte es mir über den Tisch. »Was soll ich erzählen. Er heißt Erik mit Vornamen, ist Lagerverwalter. Na ja, er war es... früher. Er macht Verschiedenes.«

Ich betrachtete das Foto und konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Die Polaroidaufnahme in schon verblassten, bunten Farben zeigte einen mageren kleinen Kerl vor einem Rhododendronbusch. Er trug ein verwaschenes Kordhemd, Jeans und eine Jacke ohne Aufschläge. »Das ist Ihr Mann?«, fragte ich ungläubig.

Sie hatte meine Reaktion durchaus bemerkt und wohl auch erwartet. »Etwas dagegen?«

»Nein, nein, nur...«

»Das Mädchen, dem er nachgelaufen ist, heißt Rena, Rena Irgendwie. Sie arbeitet als Model, soviel ich weiß. Wenn sie arbeitet, sie scheint sich mehr in Kneipen herumzudrücken. Da gibt's eine Bar im Zentrum, in der Sie wahrscheinlich was erfahren können: die 'Hexenbar', der Name sagt schon genug. Dort hat mein Alter sie aufgegabelt. Oder sie ihn.«

»Könnte es nicht sein, dass sich Ihr Mann einfach in der Wohnung dieser Frau aufhält?«

»Glaub' ich nicht, dann wär' er zwischendurch mal zu Hause aufgetaucht. Aber gehn Sie hin, wenn Sie die Adresse rauskriegen, schaun Sie nach. Je schneller Sie ihn finden, desto besser. Das andre übernehme ich.«

Mir war nicht klar, was genau sie übernehmen wollte, etwa das Mädchen vertrimmen oder den Mann an der Hundeleine nach Hause führen. Doch ich bohrte nicht weiter, es brauchte mich nicht zu interessieren. »Haben Sie diese Rena schon mal gesehen?«, fragte ich noch. »Vielleicht von weitem. Können Sie mir eine Beschreibung geben?«

»Ich hab' sie nicht gesehen«, erwiderte die dicke Dame und stemmte sich aus meinem Sessel hoch, »aber dieser alte Trottel hat von ihr geschwärmt, als wäre er zwanzig. Kam mir zu lächerlich vor, als dass ich's ernst genommen hätte - mein Fehler. Schwarzhaarig muss sie sein, schlank, größer als er. Hat wohl meist knallenge Klamotten an, Pullis, Jeans, 'nen halben Zentimeter unter der Haut. Wie die jungen Dinger heute eben so gehn. Reicht das?«

»Ich hoffe«, sagte ich und dachte: Dieser spillrige Kerl muss ein Glückspilz sein. Wer kann es ihm in seiner Ehelage übel nehmen, wenn er mit solch einer Braut das Weite sucht.

2. Kapitel

Mein Mittag bestand aus gelben Erbsen mit Bauchspeck, entnommen einer Blechbüchse vom noch volkseigen genannten Betrieb Ogema/Seehausen; es war preiswert, weil subventioniert, und ich wärmte es in einem kleinen grünen Emailletopf auf. Während ich die Erbsen löffelte und Brot dazu aß, dachte ich zunächst über das griechisch klingende Wort Ogema nach - mit detektivischem Scharfsinn vermutete ich. dass es sich um eine Abkürzung von Obst- und Gemüseanbau handeln könnte. Dann nahmen meine Überlegungen eine andere Richtung... dass ich mit meinen sechsunddreißig Jahren allein in dieser Zweizimmeraltbauwohnung hockte und meine Existenz fristen wollte, indem ich für dicke Damen die entlaufenen Männer aufspürte, zeugte nicht gerade von berauschenden Erfolgen. Nun gut, ich war endlich mein eigener Herr, niemand konnte mir mehr dreinreden. Ich hatte die Hälfte meiner Wohnung zum Büro umgemodelt und ein Schild an der Tür angebracht: »DETEKTEI GUNTHER KREY« - die Reimerei mochte albern sein, doch ich hoffte, dass sie sich mit der Zeit den Kunden einprägte. Ich baute auf die Zukunft. Aber baute ich nicht vielleicht erneut falsch? In manchen Augenblicken schien mir nichts auf dieser Welt mehr sicher.

Andererseits, was hätte ich sonst tun sollen. Alles war zwangsläufig so gekommen, die Trennung von Ingrid, die ihrem Handballtrainer den Vorzug gab. und der Krach mit Mellheimer, meinem Chef. Mein Ausscheiden aus der Kripo, als im Land schon alles drunter und drüber ging, war vorprogrammiert. Ja - ich hatte an diesen Staat geglaubt, in den ich hineingeboren wurde und an dem mein Vater, Emigrant während des Krieges, mitgebaut hatte. So fest glaubte ich an ihn und die mir vermittelten Ideale, dass ich lange Zeit die Argumente seiner Gegner für bloße Propaganda hielt. Die wirtschaftlichen Schwierigkeiten, die Beschränkungen für den Normalbürger sah ich als notwendig und vorübergehend an, und als ich Einblick in die Akten eines hohen Parteifunktionärs bekam, der Schiebereien mit Baumaterial betrieb, betrachtete ich das als unrühmliche Ausnahme. Doch der Funktionär ging straffrei aus, und das war kein Einzelfall. Während wir die kleinen Diebe und Schieber mit der Härte unserer Gesetze verfolgten, konnten sich Leute in bestimmten Positionen mit allem versorgen, was ihnen gefiel. Nach eigenem Recht. Da war Münzer, ein Bezirkssekretär, der gegen ein lächerliches Entgelt wertvolle Hölzer für den Eigenbedarf bezog und auch seine Kinder damit versorgte. Ein Prozess stand an, er wurde niedergeschlagen. Eine Schweinerei - ich besprach das mit Mellheimer, bekam privat auch Recht, wurde jedoch, als ich keine Ruhe gab, zum Schweigen vergattert. Ich nahm das nicht hin, redete mit Kollegen darüber, versuchte, einen mir bekannten Reporter zu interessieren. Es gelang nicht, er hob sofort beide Hände, sah keine Möglichkeit, die Sache an die Öffentlichkeit zu bringen. Damals gab ich noch klein bei und kam im Dienst mit einem Verweis davon. Doch der Frust, meine Unzufriedenheit wuchsen. Den Mut zur Kündigung fand ich allerdings erst später, erst im vorigen November...

Nach dem Essen telefonierte ich mit Mutter und stellte danach ein paar Daten für einen Bericht zusammen, den ich einem anderen Kunden versprochen hatte. Zum Abend hin machte ich mich dann auf. Ich wollte in der »Hexenbar« ein bescheidenes Berliner Pils trinken.

Ich war noch nie dort gewesen, kannte eigentlich nur die Lokalitäten in den nördlichen Randbezirken, wo ich zu Beginn der achtziger Jahre einige Monate Streifendienst getan hatte. Diese Bar dagegen befand sich im Stadtinnern, in der Nähe der Volksbühne. Als ich ankam, hätte ich sie fast übersehen. Sie machte äußerlich nicht viel her, wirkte eher abgewrackt. Innen allerdings war sie vornehm hergerichtet. Die Wände nicht holzverkleidet, wie man das jetzt ständig sah, sondern mit einer Art Leder bespannt und mit allerlei Lampen bestückt. Ovale Tische und Stuhlsessel in Rotbraun, ein Tanzpodest, auf dem später am Abend wohl auch Vorführungen stattfanden; Striptease war dabei nicht mehr ungewöhnlich. Ein Tresen mit Hockern, Vitrinen und Bords mit den üblichen Flaschenbatterien und Zigarettenmarken. Gläser, Nippes, irgendwelcher Schnickschnack aus der plötzlich weit gewordenen Welt.

Das Licht ein bisschen schummrig, aber nicht zu dunkel, der Raum lang gestreckt. Allerdings schien es vorn größere Nischen zu geben. Eine davon war besetzt, offenbar Wessis, die ein preiswertes Abendbrot einnahmen.

An der Bar saß ein großer Kerl mit Fuchsgesicht: rötliches Haar, schräge Augen und Backenknochen, die eng beieinander lagen. Er schlürfte einen Cocktail, dabei betrachtete er interessiert den Hintern der Bardame, die Pralinenpackungen in eine der Vitrinen räumte. Ich ging an einem weinnuckelnden Pärchen vorbei zum Tresen, schwang mich auf einen Hocker. Die in Silbergrau gehüllte Schankfrau wandte mir ihren Busen und ihre Aufmerksamkeit zu.

»Ein Pils«, forderte ich freundlich, »nicht so kalt.«

Das Fuchsgesicht, drei Hocker entfernt, entließ den Trinkhalm aus dem Mund und sah mich überrascht an.

»Bier servieren wir nur an den Tischen«, erläuterte die Schankfrau. »Zum Essen.«

Nobel, nobel, dachte ich, aber das wird sich bald ändern. Die nahende Vereinigung der deutschen Lande und das harte Geld werden schon für einen kundenfreundlichen Service sorgen. Doch ich sagte höflich: »Wie wär's mit einer Ausnahme. Solange sich in diesem Etablissement noch nicht die Gäste drängen.«

Sie schien unschlüssig. Ich streichelte mit meinem Blick ihren Deltaausschnitt und schaute ihr in die Augen. Sie fragte: »Nehmen Sie einen Whisky dazu?«

»Einen Wodka Gorbatschow.«

»Sie haben Humor, was? Aber die Sorte ist zur Zeit nicht vorrätig.«

»Na gut, dann einen Korn.«

Sie stellte mir das Bier und den Schnaps hin und widmete sich wieder ihrer Vitrine.

Der Fuchsgesichtige machte das Maul auf: »Zum ersten Mal hier, stimmt's?«

»Das kann ich nicht leugnen. Man muss ab und zu was Neues ausprobieren.«

»Mit dem Bier hast du Glück, das hätte sie nicht jedem gegeben.«

Ich nippte am Glas. »Den ersten Schluck auf die nette Bedienung«, murmelte ich.

»Schon recht, kratz dich nur ein bei ihr.«

Die Silbergraue, ohne sich umzudrehen, bemerkte: »Quatsch nicht so kariert, Ulli. Du weißt, dass nicht ich die Regeln hier erfunden hab'.«

»Ich würd' mich noch mehr einkratzen«, erwiderte ich, »aber ich hab" in diesem Lokal eine Verabredung.«

Sie bekundeten beide ein gewisses Interesse an meinen Worten, es war klar, dass sie sich um diese Stunde langweilten und für jede Ablenkung dankbar waren.

»Mit 'nem Mädchen namens Rena«, fügte ich träumerisch hinzu.

Die Bardame drehte sich nun wieder um. Lässig, sie warf mir einen prüfenden Blick zu, als wollte sie meine Fähigkeit im Verhalten bei Rendezvous abschätzen. Das Fuchsgesicht sagte: »Schön, wie du uns das mitteilst. Du singst es ja geradezu.«

»Weil die Frau einfach Musik ist. So 'ne Schlanke, Schwarzhaarige. Model von Beruf. Vielleicht kennt ihr sie?«

»Schlanke, Schwarzhaarige gibt's viele«, erwiderte Ulli. »Hab' schon mancher 'nen Martini spendiert. Rena, sagst du? Weshalb sollten wir sie kennen?«

»Ich glaub', sie ist öfter hier.«

»So, hat sie das erzählt? Wo hast du sie denn aufgerissen?«

»Hab' sie auf der Straße getroffen. Wir kamen ins Gespräch.«

Die Bardame mischte sich ein. »Ich könnte mir schon denken, wen Sie meinen. Sie trinkt nicht gerade Martini, eher einen guten Weinbrand. Rena heißt sie, stimmt, Vorwitz, Vorweg oder so ähnlich. Wundert mich aber, dass sie sich mit Ihnen verabredet hat. Sie war eine Weile nicht bei uns.«

»Weshalb sollte sie sich nicht mit ihm in der Bar verabreden , bloß weil sie eine Weile nicht hier war?«, fragte das Fuchsgesicht.

»Jemand hat gesagt, sie sei mit einem Bekannten weggefahren. Wann haben Sie Rena denn getroffen?«

»Vor drei Tagen«, erwiderte ich vorsichtig, »nein, vor vier. Das kann nicht sein, dass sie mit 'nem Bekannten weg ist. Davon hat sie nichts erzählt. Wer soll der Mann sein, und wohin ist sie gefahren?«

»Tut mir leid, das weiß ich nicht.« Die Schankfrau hob bedauernd die Schultern. »Vielleicht handelt sich's doch um eine andere.« Sie wandte sich einem Pärchen zu, das mittlerweile an der Bar Platz genommen hatte.

Ich kippte meinen Korn und trank mein Bier zu Ende. Ich hatte die Sache nicht gerade geschickt angefangen, hätte vielleicht direkter fragen sollen. Aber ich wollte nicht jedem auf die Nase binden, wer ich war. Scheinbar nervös, schaute ich mehrfach auf meine Uhr und zur Tür. Neue Gäste kamen, diejenige, auf die ich angeblich wartete, war natürlich nicht dabei. Das Fuchsgesicht griente schadenfroh. »Sie hat dich versetzt, die Hübsche, hat dich auf den Arm genommen.«

»Ich kann es mir einfach nicht vorstellen«, murmelte ich scheinheilig.

»Mach dir nichts draus, die Weiber sind so. Wenn du meine Erfahrung hättest...«

Er mochte etwas älter sein als ich, aber nicht viel. Offenbar ein kleiner Angeber. Auf seine Erfahrung konnte ich im Augenblick verzichten. Ich bat die Schankfrau: »Wer hat Ihnen das mit dieser Rena erzählt? Vielleicht ist es doch meine.«

»Tino, der Kellner dort drüben. Er kennt sie besser als ich.«

Ich glitt vom Hocker und wandte mich an den Kellner. Er wusste nicht viel, bestätigte aber immerhin den Namen: Rena Vorweg. Außerdem war er der Meinung, dass sie in der Nähe wohnte. Im Telefonbuch, das er mir im Austausch gegen einen Fünfmarkschein für ein paar Minuten zur Verfügung stellte, fand ich die genaue Adresse. Ich durfte auch anrufen, doch es meldete sich niemand. Dennoch beschloss ich, bei ihr vorbeizuschauen. Es war noch nicht allzu spät, und ich wollte sichergehen.

3. Kapitel

Ich zahlte und verließ das anheimelnde Lokal mit leichtem Bedauern. Ein paar attraktive Girls waren eingetroffen, auch schaute mir die Silbergraue mit nicht ganz unbeteiligtem Blick hinterher. Recht flott, die Dame, nun ja, vielleicht ließ sich die Bekanntschaft erneuern. Draußen war ich versucht, mir eine Zigarette anzuzünden, ich hatte eine angefangene Schachtel Juwel in der Jackentasche, aber ich unterließ es. Ich wollte mir das Rauchen abgewöhnen und hatte schon bemerkenswerte Fortschritte gemacht. Nur in schwierigen Situationen griff ich noch zum Glimmstängel; ich baute darauf, dass sie möglichst selten eintraten. Im Augenblick jedenfalls gab es keinen Grund, die guten Vorsätze über Bord zu werfen.

Der Kellner hatte mir die Richtung gewiesen, in die ich gehen musste, die Gegend war abseits von den großen Straßen, wohltuend still. Allerdings auch dunkel - rechts eine Häuserlücke, ein schwarzer Schlund mit einer Funzel, offenbar von einer Baubude im Hintergrund, links der finstere Hof einer Kohlenhandlung. Ich lief durch eine Gasse mit alten, hohen Häusern, in die offensichtlich jahrzehntelang kein Pfennig gesteckt worden war, querte eine Straße mit komfortableren Neubauten. Dann war ich da. Eine Laterne vor dem Eingang, überhaupt war diese Ecke gut ausgeleuchtet. Die Gebäude hier waren kürzlich renoviert worden, sie sahen ordentlich aus, man roch noch die Farbe. Einige Meter von der Laterne entfernt türmte sich allerdings ein übrig gebliebener Sandhaufen.

Das Haustor, sehr solide, war unverschlossen. Zum Glück, denn es gab unten keine Klingeln. So wie in vielen Ostberliner Häusern musste sich der Besucher, der abends nach acht Uhr unangemeldet auftauchte, hier sonst durch lautes Rufen bemerkbar machen oder darauf hoffen, dass ihn jemand im Erdgeschoss einließ.

Auf der Orientierungstafel im Flur war Rena Vorwegs Wohnung im zweiten Stock links ausgewiesen. Ich bemühte mich also nach oben. Im Grunde war ich gar nicht so scharf darauf, sie jetzt schon zu Hause anzutreffen. Wenn sie nämlich vorhin absichtlich nicht ans Telefon gegangen war und Erik Iffka vielleicht mit einem Bierchen in der Hand vor ihrem Fernseher lümmelte, hatte ich meine Mission erfüllt. Dann konnte ich meiner dicken Dame Mitteilung machen und drei Viertel der angezahlten vierhundert Mark an sie zurückreichen.

Vor der Tür mit dem Namensschild R. Vorweg angelangt, drückte ich den Klingelknopf und wartete ab. Drinnen ertönte ein Bimmeln, hallte wider, als sei die Wohnung ausgeräumt, aber sonst blieb alles still. Ein zweiter Versuch war gleichfalls erfolglos, gab mir lediglich die Muße, den lindgrünen Wandanstrich und den hellbraunen Fußbodenbelag von Treppe und Podest zu betrachten. Keine besonders geschmackvolle Zusammenstellung, wenn auch neu.

Offenbar war niemand da, und ich durfte das Honorar meiner dicken Dame weiterhin abarbeiten. Fragte sich bloß, auf welchem Weg ich vorankam. Ich beschloss, bei den Nachbarn gegenüber Erkundigungen einzuholen. Diesmal näherten sich auf mein Läuten hin drinnen schnelle Schritte. Ein Mädchen Anfang der Zwanzig öffnete.

»Entschuldigen Sie die Störung, ich wollte zu Frau oder Fräulein Rena Vorweg.«

»Das bin ich nicht«, erwiderte das Mädchen, das blond war und etwas pummelig. »Die wohnt nebenan.«

»Natürlich. Ich dachte nur... Vielleicht können Sie mir sagen, wo sie ist und wann sie wiederkommt.«

»Sind Sie von drüben? Gehören Sie zu dieser Agentur?«, fragte die junge Dame.

»Nein... das heißt, in gewisser Weise doch.« Ich hatte gemerkt, dass ihr Interesse an meiner Person nach meiner Verneinung sofort erlosch, und bemühte mich, es durch ein bisschen Schwindelei wieder anzufachen.

»Was bedeutet in gewisser Weise?«

»Dass ich eine Art Vermittler bin. Nicht direkt zur Agentur gehöre, aber mit ihr zusammenarbeite.« Ich stotterte horrenden Unsinn.

»Und weshalb kommen Sie so spät abends?«

Ich war der Detektiv und musste mich einem Verhör unterziehen, ich kam mir albern vor. »Ich rufe seit zwei Tagen an und kann Fräulein Vorweg nicht erreichen«, sagte ich. »Es ist etwas spät geworden, aber ich hatte in der Nähe zu tun.«

»Rena ist schon seit ein paar Tagen weg. Wohin, weiß ich nicht. Auch nicht, wann sie wiederkommt.«

Wir wurden unterbrochen. Ein Kerl mit Brille und wallender Mähne kam die Treppe herunter, tastete mich mit seinem Blick ab. Er hatte etwas betont Künstlerisches an sich, trug karierte Baumwollhosen, einen knallgelben Rollkragenpullover und rechts einen großen Ohrring. Das Mädchen sprach ihn an: »Der Mann hier will zu Rena. Vielleicht können Sie ihm sagen, wo sie steckt.«

»Was wollen Sie von Rena?«, fragte der »Künstler« in einem fordernden Ton, der ihn mir unsympathisch machte.

»Sind Sie ein Bekannter von ihr?«

»Er ist Designer«, erläuterte das Mädchen, »er entwirft tolle Kleider. Manchmal hat mir Rena eins vorgeführt.«

Aus unverständlichem Grund schien dem Langmähnigen diese Auskunft nicht zu passen. Er brummte: »Du sollst nicht soviel schwatzen, Jeanette. Rena hat in letzter Zeit kaum für mich gearbeitet, das weißt du doch.«

»Ist ja gut, Herr Kehl, ich wollt's bloß erklären.«

Als sei sie Luft, wandte sich der Designer von ihr ab und starrte wieder mich an. Musterte mich erneut von Kopf bis Fuß. Dann bemerkte er: »Wo Fräulein Vorweg ist, kann ich Ihnen beim besten Willen nicht sagen. Aber wenn es sich um etwas Wichtiges handelt...«

Das Mädchen Jeanette war beleidigt, sie verschwand in ihrer Wohnung und zog geräuschvoll die Tür hinter sich zu. Der Mann, den sie »Herr Kehl« genannt hatte, nahm keine Notiz davon.

Ich musste grienen. Dann entschloss ich mich und holte das Foto Erik Iffkas aus der Brieftasche. »Eigentlich bin ich seinetwegen hier«, erklärte ich. »Ich dachte, der da könnte sich bei Fräulein Vorweg aufhalten.«

Kehl warf einen Blick auf das Foto. »Dieser Mann? Wie kommen Sie darauf? Hat er was ausgefressen? Sind Sie etwa von der Polizei?«

»Nein, nein, es ist eine private Ermittlung. Die Familie macht sich Sorgen, Sie verstehen.«

»Gehören Sie zu seiner Familie?«

»Das nicht, ich bin Privatdetektiv. Gunther Krey.« Es war das erste Mal, dass ich meinen neuen Beruf bei Nachforschungen ins Feld führte.

Er schaute mich geradezu missbilligend an. »Ich kann Ihnen leider gar nicht weiterhelfen«, sagte er steif. »Ich habe den Menschen auf dem Foto nie gesehen.«

4. Kapitel

Der Designer setzte sich in Bewegung, und da ich hier nichts mehr verloren hatte, folgte ich ihm. Schweigend gingen wir fast nebeneinander die Treppe hinunter. Im Hausflur fragte ich ihn noch, ob er eine Ahnung habe, wann Fräulein Vorweg zurückkäme, aber er verneinte auch das. Draußen stieg er in einen hellgrünen Lada mit allerhand Aufklebern und fuhr ohne einen Gruß davon.

Manche Leute sind so. Er hatte keinen Grund gehabt, mir auf Wiedersehen zu sagen oder zuzunicken, und hatte es folglich nicht getan. Ich stand einen Augenblick lang auf der Straße und überlegte, was ich nun erreicht hatte. Offensichtlich nicht allzu viel. Immerhin wusste ich jetzt: Iffka hielt sich nicht bei Rena auf. Wenn der Verdacht meiner dicken Dame stimmte, und weshalb sollte ich daran zweifeln, machten die beiden eher eine kleine Vergnügungsreise. Ob der Designer wirklich so wenig Ahnung davon hatte, wie er vorgab?

Ich ging auf die andere Straßenseite, wo von der Wahl her noch allerlei Plakate an den Häuserwänden klebten, außerdem Werbung für neugegründete Klubs und Videotheken. Ich schaute hoch zu den Vorweg-Fenstern. Sie lagen im Dunkeln, nur nebenan, bei dieser Jeanette, brannte Licht. Ein Schatten - stand sie selbst hinterm Vorhang, oder war es jemand anderes? Ich hob die Hand, winkte nach oben. Die Gestalt trat ins Zimmer zurück.

Es kam auf einen Versuch an. Ich kehrte in das Haus zurück, nahm erneut die beiden Treppen, klingelte an der Tür mit dem Schild »Nebentaler«. Das Mädchen öffnete ein zweites Mal. »Sie? Was wollen Sie noch?«

»Bitte entschuldigen Sie, wir wurden vorhin unterbrochen. Dieser Herr Kehl war nicht gerade freundlich zu Ihnen.«

»Manchmal ist er ein richtiger Stiesel, er kann aber auch nett sein.« Eine leichte Röte überzog ihr Gesicht.