Drei Fälle für Dupin - Edgar Allan Poe - darmowy ebook

Drei Fälle für Dupin ebook

Edgar Allan Poe

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Was Edgar Allan Poe zwischen 1841 (“The Murders in the Rue Morgue”) und 1844 (“The Purloined Letter”) erschaffen hat, war nichts weniger als den modernen Detektiv, und um ihn herum das Narrativ des urbanen Kriminalromans. “Tales of ratiocination” nennt Poe selbst das Genre, in dessen Zentrum die auf den ersten Blick oft absurd und unglaublich erscheinenden Schlussfolgerungen des Chevalier C. Augste Dupin stehen, die — siehe die “Fallstudien” von Dr. James Watson — aus der Perspektive eines faszinierten Freundes, Mitbewohners und Berichterstatters erzählt werden. “Er liebt Rätsel, Geheimnisse und Hieroglyphen, und zeigt bei der Lösung eine Art von Scharfsinn, die gewöhnlichen Menschen übernatürlich erscheinen muß”, schreibt Poe im Vorwort zu “The Murders in the Rue Morge” über den Typus des “Analytikers”, der seinen Geist ähnlich trainiere wie ein physisch starker Mensch seine Muskeln. Dupin ist genau so ein genialer Kombinatoriker, und diente als Vorbild für alle späteren Detektive der Literaturgeschichte, allen voran Sherlock Holmes, Hercule Poirot und Lord Peter Wimsey. Viele Stilelemente des modernen Krimis treten überhaupt erstmals in “The Murders in the Rue Morgue” und den weiteren Kriminalgeschichten auf: vom exzentrischen Privatermittler selbst über den ebenso selbstgefälligen wie unfähigen Kriminalpolizisten (Polizeipräfekt “G–“) bis hin zum “Closed Room”-Rätsel, dessen Lösung am Ende vom Detektiv präsentiert wird.

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Edgar Allan Poe

Drei Fälle für Dupin

Die Morde in der Rue Morgue

Das Geheimnis um Marie Rogêt

Der entwendete Brief

Impressum
Copyright © 2016
ebooknews press
Verlag Dr. Ansgar Warner
Rungestr. 20 (V)
10179 Berlin
ISBN: 9783944953502
Herausgegeben &
mit Nachwort versehen
von Ansgar Warner
Überarbeitete Neuausgabe,
basierend auf:
Poe, Seltsame Geschichten
Übersetzt v. Alfred Mürenberg
Verlag W. Spemann
Stuttgart 1890

Die Morde in der Rue Morgue

What song the Syrens sang, or what name Achilles assumed when he hid himself among women, although puzzling questions are not beyond all conjecture. Sir Thomas Browne.
Die geistig-analytischen Fähigkeiten sind selbst der Analyse durch den Geist nur schwer zugänglich. Wir beurteilen sie ausschließlich über ihre Effekte. Stehen sie in einem ungewöhnlich hohem Maße zur Verfügung, sind sie für ihren Besitzer eine Quelle außerordentlicher Genüsse. So wie sich ein physisch starker Mensch an seiner Tüchtigkeit berauscht und sich an Übungen erfreut, die seine Muskeln in Tätigkeit versetzen, so hat der Analytiker Freude an geistiger Tätigkeit, die die Dinge entwirrt. Das gilt selbst für die einfachsten Beschäftigungen, so lange sie ihm nur ermöglichen, seine Talente ins Spiel zu bringen. Er liebt Rätsel, Geheimnisse und Hieroglyphen, und zeigt bei der Lösung eine Art von Scharfsinn, die gewöhnlichen Menschen übernatürlich erscheinen muß. Tatsächlich haben die Resultate, wenn sie auch auf methodischem Vorgehen beruhen, einen Anschein von Intuition.
Die Begabung zur Problemlösung wird durch mathematische Studien gefördert, insbesondere durch das Studium der höchsten Mathematik, die man, wenn auch zu unrecht, wegen ihres rückwärts gerichteten Vorgehens Analysis nennt, gleichsam als sei es eine Analyse par excellence. Jedoch ist bloßes Rechnen noch nicht gleichbedeutend mit dem Analysieren. Ein Schachspieler zum Beispiel tut das eine, ohne sich im anderen Bereich zu bemühen. Demzufolge wird das Schachspiel, was seine Wirkungen auf den Intellekt betrifft, vollkommen falsch eingeschätzt.
Nun schreibe ich hier keine Abhandlung, sondern stelle lediglich einer merkwürdigen Erzählung einige eher zufällige Beobachtungen voran. Und so möchte ich allenfalls hinzufügen, daß die höheren Kräfte des reflektierenden Geistes durch das bescheidene Damespiel weitaus entschiedener wie auch gewinnbringender angestrengt werden als durch die anspruchsvollen Nichtigkeiten des Schachspiels.
Nehmen wir als Beispiel eine Partie Dame, bei der die Spielsteine sich bereits auf auf vier Könige reduziert haben, so daß kein Mangel an Überblick herrscht. Ganz offensichtlich kann hier der Sieg nur durch einen sehr geschickten Zug davongetragen werden, der auf einer besonderen geistigen Anstrengung beruht. Seiner üblichen Ressourcen beraubt, versetzt sich der Analytiker in sein Gegenüber, identifiziert sich mit ihm, und erkennt nicht selten auf einen Blick die einzige Methode (nicht selten eine absurd einfache), mit der er seinen Gegner in die Irre führen oder zu einem Fehlschluß verleiten kann.
Lange Zeit war das Kartenspiel Whist wegen seines Einflusses auf die Fähigkeit der Berechnung berühmt, und man kennt Männer von höchster Intelligenz, die ein scheinbar nicht zu erklärendes Vergnügen an diesem Spiel fanden, das Schachspiel jedoch als kleinlich verschmähten. Zweifellos gibt es nichts Ähnliches in der Art, was die analytischen Fähigkeiten so gründlich in Bewegung bringt. Der beste Schachspieler der gesamten Christenheit muß nichts weiter sein als eben der beste Schachspieler, die Tüchtigkeit beim Whist jedoch beinhaltet Fähigkeiten in allen anderen und wichtigeren Bereichen des Kampfes von Geist gegen Geist.
Mit “Tüchtigkeit” meine ich das umfasssende Verständnis aller Quellen, aus denen legitime Vorteile gezogen werden können. Diese sind nicht nur zahlreich, sondern auch äußerst vielfältig und verbergen sich in gedanklichen Gegenden, die dem durchschnittlichen Verstand kaum zugänglich sind.
Aufmerksam beobachten heißt, sich einzelner Details gut erinnern zu können, und diesbezüglich wird ein konzentrierter Schachspieler sich beim Whist sehr wohl hervortun, zumal die Regeln in ausreichendem Maße verständlich sind. Tatsächlich werden ein gutes Gedächtnis und die Einhaltung von Regeln im Allgemeinen sogar als die Summe aller Erfordernisse zu gutem Spiel angesehen.
Die Kunst des analytisch Denkenden erweist sich dagegen bei all jenem, was außerhalb der Regel liegt. Ganz in Ruhe macht er Beobachtungen und zieht daraus seine Schlüsse. Die Mitspieler werden es ihm gleichtun, und der Unterschied im Ausmaß der erhaltenen Informationen liegt nicht so sehr in der Gültigkeit der Schlußfolgerungen, als in der Qualität der Beobachtungen. Es geht darum zu wissen, was man beobachten soll. Unser Spieler legt sich hier keine Beschränkungen auf – nur weil das Spiel das Objekt seiner Beobachten darstellt, heißt das nicht, daß er seine Schlußfolgerungen nicht auch aus Dingen ziehen würde, die außerhalb des reinen Spiels liegen.
Er studiert den Gesichtsausdruck seines Vis-à-Vis, und vergleicht es sorgfältig mit dem der beiden Gegner. Er betrachtet sehr genau, wie die anderen ihre Karten in der Hand anordnen, nicht selten zählt er Trumpf um Trumpf, Honneur um Honneur allein über die einzelnen Blicke, die deren Besitzer darauf richten. Er verzeichnet jede Veränderung im Gesichtsausdruck, während das Spiel voranschreitet, und gründet seine Gedankengänge auf den vom Gesicht ablesbaren Ausdruck von Sicherheit, Überraschung, Triumph oder Bedauern.
Wie jemand einen Stich aufnimmt, verrät ihm, ob diese Person noch einen anderen in der selben Farbe aufnehmen kann. An der Mimik beim Abwerfen der Karten erkennt er zudem, ob ein Mitspieler eine Finte spielt. Ein zufälliges oder unabsichtlich hingeworfenes Wort, das versehentliche Ablegen oder Umdrehen einer Karte, zusammen mit der begleitenden Reaktion, das Zählen der Stiche, deren Anordnung, sowie Verlegenheit, Zögern, Eile, Bestürzung, alles dient der scheinbar intuitiven Erfassung des Spielzustandes.
Nachdem zwei oder drei Runden ausgespielt wurden, weiß er genau, was die anderen in der Hand haben, und legt von nun an seine Karten mit einer absoluten, so zielgerichteteten Präzision ab, als hätten die Mitspieler ihr Blatt offengelegt.
Die Befähigung zur Analyse sollte nicht mit schlichter Klugheit gleichgesetzt werden, denn während der Analytiker notwendigerweise klug sein muß, ist der kluge Mensch nicht selten in hohem Maße unfähig zur Analyse. Die konstruierende, kombinatorische Kraft, durch welche sich Klugheit normalerweise zeigt, und der die Phrenologen (meiner Meinung nach irrigerweise) ein bestimmtes Organ zuordnen, da sie diese für eine angeborene Fähigkeit halten, ist so oft an Menschen beobachtet worden, deren Verstand an Schwachsinnigkeit grenzte, daß diese Tatsache bereits zahlreichen Schriftstellern als Gleichnis gedient hat.
Der Unterschied zwischen Klugheit und der Fähigkeit zur Analyse ist weitaus größer als der zwischen Phantasie und Einbildungskraft, obwohl er zugleich einer strikten Analogie folgt. Man wird in der Tat immer finden, daß die klugen Menschen viel Phantasie besitzen, und die mit wirklicher Einbildungskraft begabten stets Analytiker sind.
Die nun folgende Erzählung dürfte dem Leser in mancherlei Hinsicht als ein Kommentar zu den gerade vorgebrachten Behauptungen erscheinen.
Während meines Aufenthalts in Paris im Frühjahr und Sommer 18 . . lernte ich dort einen gewissen C. Auguste Dupin kennen. Dieser junge Herr gehörte einer guten, ja einer hochberühmten Familie an, war aber durch allerlei Mißgeschick derartig verarmt, daß er alle Energie, alles Streben verloren hatte. Durch die Nachsicht seiner Gläubiger blieb ihm noch ein kleiner Rest seines Erbes, und seine außerordentliche Sparsamkeit machte es ihm möglich, von den Zinsen zu existieren. Sein einziger Luxus bestand in Büchern, und diese sind ja in Paris leicht und billig zu beschaffen. Wir trafen uns zum erstenmal in einer obskuren Leihbibliothek der Rue Montmartre, woselbst uns der Zufall, daß wir beide nach einem und demselben seltenen und wertvollen Buche fragten, näher zusammenführte. Seitdem sahen wir uns häufiger. Ich nahm warmen Anteil an der kleinen Familiengeschichte, welche er mir mit all der Offenherzigkeit eines Franzosen erzählte. Seine außerordentliche Belesenheit setzte mich in Erstaunen, und was die Hauptsache war, ich fühlte, wie an der lebendigen Frische, an der wilden Glut seiner Phantasie meine eigene Seele sich entflammte — ich fühlte, daß die Gesellschaft eines solchen Mannes für mich ein Schatz von unberechenbarem Wert sein würde, und gestand ihm dies offen ein. Schließlich kamen wir dahin überein, daß wir, so lange ich noch in der Stadt verweilte, zusammen wohnen wollten, und da meine Finanzen sich in besserer Ordnung befanden als die seinigen, so mietete ich in einem sehr abgelegnen Teile des Faubourg St. Germain ein altes, verfallenes Haus von groteskem Aussehen und möblierte dasselbe in einer Weise, wie sie unsrer phantastisch-düstern Gemütsstimmung zusagte.
Hätte die Welt erfahren, welche Art von Leben wir dort führten, sie würde uns für ein paar — allerdings harmlose — Verrückte gehalten haben. So aber bewahrten wir die strengste Abgeschiedenheit. Niemand besuchte uns; selbst meinen alten Bekannten blieb unser Wohnort unbekannt, und was Dupin betrifft, so war er schon seit Jahren für die Pariser verschollen. Kurz, wir lebten nur für uns selbst.
Zu den phantastischen Grillen meines Freundes — denn wie sollte ich es sonst nennen? — gehörte auch seine Schwärmerei für die Nacht, und ich, der ich mich mit vollständigem ,abandon' all seinen bizarren Launen hingab, teilte dieselbe bald mit ihm. Wollte die dunkle Göttin nicht aus freien Stücken allezeit bei uns weilen, so konnten wir sie doch auf künstlichem Wege herbeirufen. Beim ersten Morgengrauen schlossen wir sämtliche schwere Fensterläden des alten Bauwerks, zündeten ein paar parfümierte Kerzen an, welche nur ein mattes, geisterhaftes Licht gaben, und versenkten unsre Seelen in Träumereien — lasen, schrieben oder plauderten, bis die Uhr uns verkündete, daß die wirkliche Nacht gekommen sei. Dann schlenderten wir Arm in Arm hinaus auf die Straßen, wo wir die Gespräche des Tages fortsetzten oder stundenlang weit umherstreiften, um inmitten der gespenstischen Schatten und Lichter der Riesenstadt jene endlose Fülle geistiger Anregung zu suchen, welche ruhige Beobachtung zu bieten vermag.
Bei derartigen Ausflügen hatte ich wiederholt Gelegenheit, Dupins außerordentliches Analysier-Talent zu bewundern. Es schien ihm große Freude zu machen, wenn er dasselbe üben konnte, und er machte aus dieser Freude keinen Hehl. Unter leisem Kichern rühmte er sich, daß er den meisten Menschen, wie durch ein Fenster, in ihr Inneres blicken könne, und dann pflegte er alsbald den Beweis hierfür in der überraschendsten Weise zu liefern, indem er die Geheimnisse meines eigenen Herzens enthüllte. Zu solchen Zeiten schien er in tiefes Grübeln verloren — sein Blick war starr ins Innere gerichtet, seine sonst so vollklingende Tenorstimme verflog sich zu einem Diskant, welcher einen Anflug voll Mutwillen gehabt hätte, wenn die Worte nicht so bedächtig, so klar und deutlich gesprochen worden wären. Wenn ich ihn in solcher Stimmung beobachtete, dann kam mir oft die alte Philosophie von der zweiteiligen Seele in den Sinn, und ich ergötzte mich durch die Idee von einem doppelten Dupin — dem schaffenden und dem auflösenden. Ein Beispiel wird hier den Charakter, welchen seine Äußerungen zu solchen Zeiten trugen, am besten deutlich machen. Eines Nachts wandelten wir durch eine schmutzige Gasse in der Nähe des Palais Royal, und da wir beide unsern eigenen Gedanken nachhingen, so hatte während einer vollen Viertelstunde keiner von uns eine Silbe gesprochen. Da platzte Dupin ganz urplötzlich mit den Worten heraus:
“Es ist wahr, der Kerl hat eine sehr winzige Figur und würde besser auf das Théâtre des Variétés passen.”
“Ganz gewiß”, antwortete ich unwillkürlich; denn in meiner Zerstreutheit war mir anfänglich die wunderbare Art, in welcher seine Bemerkung zu meinen Grübeleien stimmte, gar nicht ausgefallen. Um so größer war mein Erstaunen, als ich mich einen Moment später gesammelt hatte.
“Dupin”, sagte ich sehr ernst, “das übersteigt meine Fassungskraft. Ich gestehe, daß ich starr bin vor Staunen und kaum meinen Ohren trauen mag. Wie in aller Welt konnten Sie wissen, daß meine Gedanken gerade in diesem Augenblick bei —”
Hier hielt ich inne, um über allen Zweifel festzustellen, ob er wirklich wisse, an wen ich gedacht hatte.
“Bei Chantilly waren”, sagte er. “Weshalb stocken Sie? Sie sagten sich soeben, daß seine kleine Gestalt ihn für die Tragödie untauglich mache.”
Das war genau mein Gedanke gewesen. Chantilly war ein ehemaliger Flickschuster aus der Rue St. Denis, der den Theatersparren bekommen und den Xerxes in Crebillons gleichnamiger Tragödie gespielt hatte, wofür er nun öffentlich verhöhnt wurde.
“Erklären Sie mir”, rief ich aus, “um des Himmels willen, welche Methode Sie anwenden, um derartig in mein Innerstes zu blicken!”
“Es war der Obsthändler”, versetzte mein Freund; “welcher Sie zu dem Schluß brachte, daß der einstige Flicker der Sohlen nicht die genügende Körperhöhe für Xerxes et id genus omne besitze.”
“Der Obsthändler? — ich verstehe Sie nicht; ich kenne gar keinen Obsthändler —”
“Der Mann, welcher gegen Sie rannte, als wir in diese Straße einbogen; es kann vor etwa einer Viertelstunde gewesen sein.” Jetzt besann ich mich in der Tat, daß ich beim Einbiegen aus der Rue — in die Gasse, wo wir uns eben befanden, von einem Obsthändler, welcher einen großen Korb mit Äpfeln auf dem Kopfe trug, beinahe umgerannt worden war. Was dies jedoch mit Chantilly zu tun haben sollte, vermochte ich nicht zu begreifen.
Dupin war jeder Art von Charlatanerie abhold. “Ich will es Ihnen erklären”, sagte er sofort; “und damit Sie alles ganz deutlich verstehen, wollen wir zuerst Ihren Gedankengang von dem Moment, in welchem ich zu Ihnen sprach, bis zu dem Rencontre mit dem Obsthändler rückwärts verfolgen. Die Hauptstationen desselben sind folgende: Chantilly — Orion — Dr. Nichols — Epikur — die Stereotomie — die Pflastersteine — der Obstmann.”
— Es dürfte wenige Personen geben, die sich niemalsdas Vergnügen gemacht haben, eine bestimmte Gedankenreihe Schritt für Schritt rückwärts zu verfolgen. Diese Bestätigung ist oft hochinteressant, und wer sich ihr zum erstenmal hingibt, staunt über die anscheinend maßlose Entfernung zwischen Ausgangs- und Endpunkt und über deren scheinbare Unvereinbarkeit. So war auch meine Verwunderung eine außerordentliche, als ich meinen Freund obige Worte sprechen hörte und mir doch eingestehen mußte, daß sie Wahrheit enthielten. Er fuhr fort:
“Wenn ich mich recht entsinne, hatten wir in der Rue — zuletzt über Pferde geplaudert. Dann bogen wir hierein, und ein Obsthändler mit einem großen Korbe auf dem Kopf, der hastig an uns vorübereilte, stieß Sie gegen einen Haufen Pflastersteine, die man, um den Fahrdamm an jener Stelle zu reparieren, dort zusammengetragen hatte. Sie traten auf einen der lose daliegenden Steine, rutschten aus, vertraten sich den Fuß ein wenig, machten ein verstimmtes Gesicht, murmelten etwas, sahen sich nach dem Haufen um und gingen dann schweigend weiter.
“Im Fortschreiten blieb Ihr Blick auf den Boden geheftet und Sie betrachteteten die Löcher und ausgefahrenen Stellen noch immer mit trotziger Miene, bis wir an der kleinen, nach Lamartine benannten Seitengasse anlangten, welche man versuchsweise mit den neuen Blöcken gepflastert hat, die Übereinandergreifen und sich so gegenseitig festhalten. Hier klärte Ihre Miene sich auf — ich sah, daß Ihre Lippen sich bewegten, und war überzeugt, daß Sie das Wort ,Stereotomie' murmelten, denn diesen Namen hat man ja unberechtigterweise der neuen Pflasterung gegeben.
“Nun wußte ich, daß Sie das Wort ,Stereotomie' nicht aussprechen könnten, ohne von diesem auf ,Atome' und dadurch auf die Atomenlehre des Epikur zu kommen — um so weniger, als wir erst unlängst über dessen Theorien debattiert hatten. Damals nun hatte ich Sie darauf aufmerksam gemacht, in wie hohem Maße die Vermutungen jenes edeln Griechen durch die neuere Kosmogenie, namentlich durch die Untersuchungen des Dr. Nichols über Nebelflecke, ihre Bestätigung gefunden, und ich erwartete jetzt, daß Sie den Blick alsbald zu dem großen Ihnen bekannten Nebelfleck im Orion aufschlagen würden. Das taten Sie denn auch wirklich, und ich sah, daß ich bis dahin Ihrem Gedanken Schritt für Schritt gefolgt war. In jener bitterbösen Rezension aber, welche im gestrigen Musée über Chantilly erschien, hatte der Kritiker einige boshafte Anspielungen darauf gemacht, daß der Schuhmacher, als er selbst den Kothurn anzog, seinen Namen verändert habe, und bei der Gelegenheit einen lateinischen Vers zitiert, über welchen wir mehrfach miteinander gesprochen haben. Ich meine den Vers:
,Perdidit antiquum litera prima solum'
“Ich hatte Ihnen damals erzählt, daß mit diesem ersten Buchstaben, der seinen alten Laut verlor, das erste O in Orion gemeint sei, weil man anfänglich Urion geschrieben habe. Somit stand es für mich fest, daß Sie die Begriffe Orion und Chantilly miteinander verbinden mußten, und daß Sie es wirklich taten, ersah ich aus dem Lächeln, welches Ihre Lippen umspielte — Sie dachten an die literarische Abschlachtung des armen Schusters.
“Bisher waren Sie nachlässig und gebückt einhergeschritten; jetzt aber richteteten Sie sich in Ihrer ganzen Höhe empor, und nun wußte ich sofort, daß Sie an die zwerghafte Gestalt Chantillys dachten, und weckte Sie durch die Äußerung aus Ihren Grübeleien, daß er allerdings ein sehr kleiner Kerl sei und sich besser für das Théâtre des Variétés eignen würde.”
— Bald nach diesem Vorfall fesselte beim Durchlesen des Abendblattes der “Gazette des Tribunaux” der hier folgende Artikel unsere Aufmerksamkeit: “Ein Doppelmord unter ganz außergewöhnlichen Umständen. — Diesen Morgen gegen drei Uhr wurden die Bewohner des Quartier St. Roch durch anhaltendes, entsetzliches Geschrei aus dem Schlafe geschreckt, welches anscheinend aus dem vierten Stock eines Hauses in der Rue Morgue drang, das nur von einer Madame L'Espanaye und deren Tochter, Fräulein Camille L'Espanaye, bewohnt wird.
Nachdem man zuerst vergeblich versucht hatte, auf dem gewöhnlichen Wege Einlaß zu erlangen, wurde die Haustür mittelst eines Brecheisens erbrochen, und acht bis zehn von den Nachbarn drangen, von zwei Gendarmen begleitet, ein. Inzwischen hatte jenes Geschrei aufgehört; während aber die Leute die unterste Treppenflucht hinaufstürzten, konnten sie zwei oder mehrere rauhe, anscheinend mit einander streitende Stimmen unterscheiden, die gleichfalls von oben kamen. Sobald das zweite Stockwerk erreicht war, verstummten auch diese und alles blieb ruhig. Nun verteilten sich die Leute und eilten von Zimmer zu Zimmer. Als sie schließlich in einem geräumigen, nach hinten hinausliegenden Schlafgemach des vierten Stockes anlangten, dessen Tür von innen mittelst Schlüssels verschlossen war und ebenfalls aufgesprengt werden mußte, bot sich ihnen ein ebenso entsetzlicher wie staunenerregender Anblick.
“Das Zimmer befand sich in der wildesten Unordnung. Die Möbel waren zerbrochen und nach allen Richtungen umhergeworfen. Es stand nur eine einzige Bettstelle darin; das Bett war herabgerissen und mitten auf den Flur geworfen. Auf einem Stuhl lag ein mit Blut beschmiertes Rasiermesser. Im Kamin lagen zwei oder drei lange Strähnen grauen menschlichen Haares, die gleichfalls mit Blut befleckt und mit den Wurzeln ausgerissen worden waren. Auf den Dielen fand man vier Napoléons, einen Ohrring von Topas, drei große silberne Löffel, drei kleinere von Metall d'Alger, und zwei Beutel, die nahezu viertausend Francs in Gold enthielten. Die Schubfächer einer in der Ecke stehenden Kommode waren herausgezogen und allem Anschein nach teilweis geplündert, obwohl sich noch viele Gegenstände darin vorfanden. Unter dem Bette — nicht unter der Bettstelle — entdeckte man einen kleinen Kasten von Eisen; er war offen und der Schlüssel steckte noch darin; das Kästchen enthielt jedoch nichts weiter, als einige alte Briefe und andere wertlose Papiere.
“Von Madame L'Espanaye war keine Spur zu finden; da man aber auf der Feuerstelle eine ungewöhnliche Quantität von Ruß gewahrte, so untersuchte man den Schornstein und — entsetzliche Entdeckung! — zog den Leichnam der Tochter aus demselben hervor, welcher mit dem Kopf nach unten eine ziemliche Strecke weit in die enge Öffnung hineingezwängt worden war. Die Leiche war noch warm, die Haut, ohne Zweifel durch das gewaltsame Hinaufzwängen und Herabreißen, vielfach zerschunden. Das Gesicht war stark zerkratzt, und am Halse fanden sich dunkle Flecke und tiefe Eindrücke von Fingernägeln, als ob eine Erwürgung vorhergegangen sei.
“Nachdem die Leute, ohne mehr entdecken zu können, das ganze Haus durchsucht hatten, gelangten sie in einen kleinen gepflasterten Hof an der Rückseite des Gebäudes und fanden hier die Leiche der älteren Dame, welcher der Hals so vollständig durchschnitten war, daß beim ersten Versuch, sie aufzuheben, der Kopf abfiel. Kopf und Rumpf waren in so fürchterlicher Weise verstümmelt, daß sie kaum noch einen menschenähnlichen Anblick boten.
Bis jetzt fehlt, so viel uns bekannt, noch jeder Schlüssel zu diesem entsetzlichen Geheimnis.”
Die nächste Nummer des Blattes brachte noch folgende Einzelheiten: “Das Trauerspiel in der Rue Morgue. — Viele Zeugen sind bezüglich dieses außerordentlichen Vorfalles vernommen worden, ohne daß dadurch mehr Licht in das rätselhafte Dunkel desselben gekommen wäre. Wir lassen hier die Aussagen im wesentlichen folgen: