Die Stimmen der Übriggebliebenen - Christian Discher - ebook

Die Stimmen der Übriggebliebenen ebook

Christian Discher

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Opis

Schicksalhafte Lebensumstände führen Christian Discher nach Ueckermünde in die umstrittene Psychiatrie im Osten Deutschlands. Medikamentöse Zwangsbehandlungen, abschätzende Bemerkungen des Fachpersonals und fragwürdige Therapien stehen im düsteren Haus 12 und im unsanierten Plattenbau Nr. 40 auf der Tagesordnung. Wieder in Freiheit sprechen ihm Ärzte seine Kompetenzen ab, Psychologen und Berater vom sozialpsychiatrischen Dienst setzen ihn unter Druck. Der 17-Jährige wehrt sich gegen den vorgezeichneten Lebensweg und ein System, das Menschen in unserer Gesellschaft abstempelt und jene vergisst, die besonders schutzbedürftig sind. Dabei folgt er dem Rat seiner engsten Verbündeten. In der tagebuchartigen Erzählung beschreibt er Jahre später eindringlich seine Begegnungen mit den Menschen, die in Ueckermünde zu unterschiedlichen Zeiten und in verschiedenen politischen Systemen behandelt wurden. Nach ihrem Aufenthalt haben sie nie wieder den Weg zurück in die Gesellschaft gefunden.

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Zum Autor:

Während seines Aufenthaltes in der Psychiatrie in Ueckermünde attestierten die Mediziner und Psychologen Christian Discher, unterdurchschnittlich intelligent zu sein. Das ärztlich dokumentierte Stigma schlägt ihm die Türen zurück ins Leben zu. Aufgrund der medikamentösen Zwangsbehandlung, die ihm anderthalb Jahre die Artikulationsfähigkeit raubte und ihn körperlich massiv einschränkte, war er dem Urteil des Fachpersonals hilflos ausgeliefert.

Nach dem im Buch beschriebenen Martyrium kehrte er seiner alten Heimat den Rücken und begab sich zur Bewältigung des erlebten Traumas in eine Spezialklinik in Westdeutschland. Er studierte Französisch und Englisch und schrieb seine Doktorarbeit im Bereich Linguistik mit dem Schwerpunkt Migration. Seine Studien führten ihn zu Auslandsaufenthalten nach Paris und Dublin. Als nunmehr zertifizierter Hochschullehrer ist er seit 2010 in unterschiedlichen Bildungseinrichtungen tätig. Er engagiert sich für Menschen, die in unserer Gesellschaft im Abseits stehen, und setzt sich mit dem Konzept der Inklusion auseinander, das nach seiner Auffassung einer kritischen Betrachtung unterzogen werden muss.

Dr. Christian Discher,»Die Stimmen der Übriggebliebenen«

© 2015 der vorliegenden Ausgabe: underDog

Verlagshaus underDog

www.underdog-verlag.de

© 2015 Dr. Christian Discher

Alle Rechte vorbehalten

Lektorat und Korrektorat: Dr. Barbara Münch-Kienast

ISBN: 978-3-946289-00-5

Die Stimmen der Übriggebliebenen

von Christian Discher

Wenn einflussreiche Instanzen Menschen zum Schweigen zwingen, nutzen wir unsere sprachlichen Möglichkeiten, um die Menschenrechte zu verteidigen. Mit Sprache gegen die Sprachlosigkeit. Das Geschriebene wird dokumentiert, so, wie in alten Zeiten Erinnerungen festgehalten wurden und uns mahnend begleiten.

Christian Discher, Juli 2015

Marén, ohne Dich hätte ich den Kampf gegen die übermächtig im System Psychiatrie Tätigen verloren und wäre meinen Wegbegleitern in den Tod gefolgt.

Vorwort

Wir sind eine Gesellschaft für alle.Unter diesem Motto setzen sich Akteure für Inklusion in der deutschen Gesellschaft ein. Universitäten erhalten beträchtliche Fördermittel, damit sie an ihren Instituten Projekte ansiedeln, um Inklusion zu fördern. Die Forschungsergebnisse erreichen aber häufig nicht die Praxis. Die Kluft zwischen Theorie und Wirklichkeit geht weit auseinander. Der gute Wille ist zu erkennen: Von einer inklusiven Gesellschaft sind wir dennoch weit entfernt.1In der Debatte um Benachteiligung und Ausgrenzung erhält die Öffentlichkeit kaum Informationen über die Schicksale derjenigen, die aufgrund von psychischen Erkrankungen in Psychiatrien eingewiesen werden. Medien berichten zwar regelmäßig darüber. Auf den Unterschied zwischen»[...] strafrechtlichen Unterbringungen nach dem Strafgesetzbuch (StGB) und den öffentlich-rechtlichen Unterbringungen nach den Psychisch-Kranken- bzw. Unterbringungsgesetzen«2wird in diesem Zusammenhang selten hingewiesen. Depressionen und Essstörungen sind mittlerweile als psychische Erkrankungen allseits bekannt, so wie die Psychose, nur mit einem Unterschied, dass die daran leidenden Menschen in unserer Gesellschaft nach dem Ausbruch der Erkrankung kaum noch einen Platz finden.3Unbestreitbar ist die Tatsache, dass es sich um eine Stoffwechselkrankheit im Gehirn handelt4, die als diagnostizierter Befund das Leben der Betroffenen und ihrer Angehörigen auf den Kopf stellt.5

Schicksalhafte Lebensumstände führten Christian Discher im Alter von 17 Jahren nach Ueckermünde in die umstrittene Psychiatrie im Osten Deutschlands. Traurige Berühmtheit erlangte diese Einrichtung 1993, als die ARD der Öffentlichkeit die Reportage von Ernst KleeDie Hölle von Ueckermünde – Psychiatrieim Ostenzugänglich machte. Die unmenschlichen Unterbringungsmaßnahmen in den Psychiatrien der ehemaligen DDR sorgten weltweit für Entsetzen. Verschüchtert und ängstlich blickten Menschen in die Kamera, die lange Zeit kein Licht zu Gesicht bekamen.

In diesem Zusammenhang blieb bisher unerwähnt, dass auch Jahre nach dem Erscheinen der Reportage Menschen medikamentös zwangsbehandelt wurden.6Die Diskussion um Ueckermünde ist längst verstummt.

In der tagebuchartigen Erzählung stellt Christian Discher die Erinnerungen an seinen Aufenthalt in der berüchtigten Psychiatrie dar. Durch die Dialoge der Protagonisten erhalten Sie Einblicke in das Seelenleben der Menschen, die Ueckermünde vor und nach 1989 erlebt haben. Aber auch die Arbeitsweise und das dominante Auftreten der Ärzte, der Therapeuten und der Umgang mit den Patienten in der Nachsorge an ihrem Heimatort werden durch die Stimmen der Figuren ans Tageslicht befördert.7

Das Buch steht in Angedenken an die Menschen, über die Ernst Klee 1993 berichtete. Es erinnert auch an Erkrankte, die nach dem Ausbruch ihres Leidens keine öffentliche Aufmerksamkeit bekommen und im Abseits der Gesellschaft stehen. Für die liebevolle Unterstützung während der Arbeit an diesem Buch bedanke ich mich bei meinem Lebenspartner Thomas Paulick. Meinem Patenkind Alexander danke ich herzlich für unsere schöne gemeinsame Zeit und meinen Freunden dafür, dass es Euch gibt.

Mila

Plötzlich betrat die Sozialarbeiterin das Wachzimmer: »Herr Discher, die Kosten für den Transport übernimmt die Krankenkasse. Es kann losgehen.« Ich lächelte und dachte, was soll das jetzt heißen? Im Beisein von Doktor Robin lösten die Schwestern die Fixierung. Die Sanitäter legten sie erneut auf der Rolltrage an. Mit dem Fahrstuhl fuhren sie mich nach unten. Im Raucherbereich standen allerhand Patienten, die mich anstarrten. Es ruckelte kräftig. Noch einen Blick in den blauen Himmel, bis sich die hinteren Türen des Krankenwagens öffneten. Die Schiebevorrichtung der Trage wurde ausgefahren, ich hineingeschoben und das Martinshorn angestellt. Es ging los in Richtung Ueckermünde.

Eigentlich kennt jeder diesen Ort nur vom Hörensagen. Wir Kinder hörten relativ früh davon und erfuhren, wer wieder dorthin gebracht worden war. Vom Küchentisch meiner Großeltern konnten wir beim gemeinsamen Mittagessen die Leute beobachten. Unser Blick schweifte an der Pappel vorbei auf den holprigen Betonweg, der zur Hauptverkehrsstraße führte. Hinter der Gardine blieb uns nichts verborgen. Jeder, der zur Neubausiedlung musste, lief an unserem Fenster vorbei.

»Kiek ma eens ut’m Finster«, verwickelte uns Großvater ins Gespräch.

»Is dat nicht de, den se nülich afholt hemm?« Neugierig schaute Oma nach draußen und stellte dabei ihre Kaffeetasse auf den Tisch.

»Joh, dat vertelln se sik im Doerp. De Müllersch de secht ümmer, dat he mit de Lüüd von dröven to doon hat.« Auch meine Mutter konnte sich einen Kommentar nicht verkneifen. »De kümmt noch nach Kükenmühl. De möt oppassen.«

Ein offenes Geheimnis, das ich noch nicht verstand. An jenem Tag nutzte ich die Gelegenheit und mischte mich ins Gespräch ein. Ich war daran gewöhnt, dass meine Großeltern mit meiner Mutter in ihrer Sprache redeten, obwohl ich meist auf Hochdeutsch antwortete.

»Wohin kommen sie denn und was heißt, mit denen von drüben zu tun haben?«

»Die Kinder kommen in den Jugendwerkhof, wenn sie nicht gehorchen. Die Erwachsenen nach Kükenmühl. Aber du bist zu jung, um das zu begreifen.«

Ich verstand Plattdeutsch, Kükenmühl wusste ich nicht zu übersetzen. Irgendwann leuchtete es auch mir ein. Für die Leute im Dorf war Kükenmühl nichts weiter als die geschlossene psychiatrische Einrichtung in Ueckermünde.

In meiner Kindheit waren Besuche bei meinen Großeltern in Leppin keine Seltenheit. Die Fahrt mit dem Auto war erholsam und am Wochenende die Krönung. Sie führte entlang der B 96, südöstlich von Neubrandenburg, unweit des gefürchteten Ortes.

Meine Großeltern erzählten mir aufregende Geschichten vom Schlosspark, in dem die Dorfkinder nicht ohne Aufsicht spielen durften. Dort war noch vor dem Krieg an einem kleinen Hügel unter den Tannen ein Schatz versteckt worden, hieß es. Der richtige Schauplatz für ein wildes Räuber und Gendarm. Ich erinnere mich sehr wohl an die mahnenden Worte, bevor ich das Haus verließ:

»Gehe niemals allein mit deinen Freunden zu den alten Tannen. Dort ist es sehr gefährlich.«

Magisch fühlten wir Kinder uns von dem Ort angezogen und machten uns heimlich auf den Weg. Dort begegnete ich Mila zum ersten Mal. Sie trug langes dunkelrotes Haar, hatte strahlend grüne Augen und war die Tochter des Schlossbesitzers. Mila kannte sich in Leppin besonders gut aus. Auch wenn ich mich wunderte, dass sich ein elfjähriges Mädchen allein im Wald aufhielt, war ich überglücklich, sie getroffen zu haben. Mila half mir, den Weg aus dem Dickicht nach Hause zu finden, als ich meine Freunde aus den Augen verloren hatte und umherirrte. Dankbar und stolz, eine neue Freundin gefunden zu haben, ließ ich mich von ihr bis vor die Haustür begleiten. »Erzähle niemanden von unserer Begegnung«, flüsterte sie mir zum Abschied ins Ohr. Bevor sie in der Dunkelheit verschwand, rief sie mir noch zu:

»Lass uns morgen wieder treffen!«

Ich wusste, dass zu Hause Ärger auf mich wartete. Immerhin hatte ich mich nicht an die Uhrzeit gehalten. Dennoch behielt ich mein Geheimnis nicht für mich. Aufgeregt ging ich ins Wohnzimmer zu meinen Großeltern. Noch bevor ich über Mila sprechen konnte, unterbrach mich meine besorgte Mutter:

»Wo bist du denn gewesen? Siehst du nicht, wie spät es ist?«

»De hürt nich, wenn wi em wat seggen. De hätt schon ümmer sien eegenen Kop hat«, mischte sich mein Großvater ein.

»Ich habe ein Mädchen getroffen, wir haben gespielt und dann war es dunkel.«

»Um diese Uhrzeit trifft man keine Mädchen beim Spielen. Wo sind die anderen Jungs?«

Eingeschüchtert guckte ich auf den Boden. »Die sind nach Hause gegangen.«

»Das nächste Mal kommst du gefälligst pünktlich! Ansonsten gehst du nicht mehr nach draußen!« Normalerweise mussten sich meine Großeltern und meine Mutter meinetwegen nicht sorgen. Eigentlich war ich meist rechtzeitig zu Hause und eher vorsichtig, wenn ich Ratschläge von Erwachsenen erhielt. Mila und ich blieben von diesem Tag an unzertrennlich. Mit zunehmendem Alter wurden die Spiele an den Tannen unwichtiger. Unsere Treffpunkte und Gesprächsthemen veränderten sich. Wir teilten zahlreiche Augenblicke, in denen Tränen flossen, und verstanden uns auch ohne Worte.

Wie alles begann

»Die Zeit verbindet und alles im Leben hat seinen Sinn. Man muss das Leben begreifen und für sich definieren«, sagte Mila zu mir, als wir über unser Dasein sinnierten. Sabine meinte einmal: »Wenn du über Mila sprichst, bist du auf einer anderen Ebene.«

Mir war das nie aufgefallen. Ich war nur glücklich, eine Freundin wie sie zu haben. In ihrer Nähe fühlte ich mich vollkommen befreit. Das zeichnete unsere Freundschaft aus. Eine besondere Verbindung, die nicht zu brechen war, aber von anderen mit Argwohn betrachtet wurde. Niemand begriff, dass ich sie für mich allein haben wollte. Und auch Mila hatte kein Interesse, Menschen aus meiner Umgebung kennenzulernen. Meine Familie zeigte überhaupt kein Verständnis. Zu Hause durfte ich nicht mehr über sie reden. Zu innig waren wir. Alle machten sich Sorgen, wenn ich über Mila sprach, obwohl ich bisher immer gut selbst auf mich aufgepasst hatte. Glücklicherweise musste ich nie für die Schule lernen. Ich hatte ein gutes Gedächtnis. Wenn es notwendig wurde, konnte ich den Stoff spielend verinnerlichen und abrufen. Dadurch hatte ich mehr Freizeit, trieb Sport und schmiedete erste Zukunftspläne.

In der Schule war ich ein Einzelgänger, obwohl ich lockere Kontakte pflegte. Ich hatte keinen Anlass, tiefe Freundschaften aufzubauen. Mila war ja meine engste Verbündete. Dennoch stand ich auf dem Schulhof nicht allein da. Die meisten hingen in der Raucherecke ab. In der berüchtigten Ecke trafen sich wie immer die üblichen Verdächtigen. Zu ihnen gehörte auch Anna, die ich aus Kindertagen kannte.

Anna und ich zündeten uns eine Zigarette an.

»Eh Anna.« Mit einem schelmischen Grinsen pustete ich ihr den Qualm ins Gesicht. »Wer kommt denn da!?«

»Die dicke Viki geht zum Bäcker«, schrie ich über den Hof. Die Runde lachte sich kaputt und ich gackerte am lautesten.

Eingeschüchtert und den Kopf tief nach unten gesenkt lief sie im Eiltempo an uns vorbei. Viktoria hatte es nicht einfach. In der Schule war sie allseits bekannt und nicht die Beliebteste, was sie bei jeder Begegnung mit mir ordentlich zu spüren bekam. Sie war die Außenseiterin in der Oberstufe und ein leichtes Opfer, denn sie setzte sich nie gegen unsere Sprüche zur Wehr.

»Lass Viktoria doch in Ruhe!«, mischte sich Bea nicht zum ersten Mal ein. Viel zu oft hatten wir Viktoria in den letzten Jahren gehänselt. Auch wenn Bea mein Verhalten oft missfiel, verbrachten wir gelegentlich die Freizeit miteinander.

In der Schule hatten wir in den Pausen ausreichend Zeit, um den neuesten Klatsch und Tratsch auszutauschen. Äußerlichkeiten und neue Klamotten zählten zu den beliebtesten Themen. Auch die Pläne für die Zeit nach dem Abitur blieben nicht außen vor. Jeder wusste, dass ich nach Frankfurt ziehen wollte, um der Kleinstadt zu entkommen und ein Leben in der Metropole zu beginnen. Sogar über die klugen Ratschläge von Doktor Sommer wurde sich rege ausgetauscht. Bei solchen Gesprächen hielt ich mich jedoch lieber raus. Wenn es aber darum ging, sich über andere lustig zu machen, war ich wieder lautstark dabei.

Wir hatten uns gerade erst beruhigt, als ich Sandra hinter mir erblickte. Sorgsam steckte sie ihren Strohhalm in die Organgensaftpackung und setzte zum Trinken an. Ohne nachzudenken, noch euphorisch von den Lästereien über Viki, drückte ich impulsiv das Trinkpaket zusammen. Der komplette Inhalt ergoss sich daraufhin im hohen Bogen über Sandras Gesicht. Ein schriller Schrei. »Christian, du Sau!« Vor Lachen konnte ich mich kaum noch halten. Anna verkniff sich ihr fieses Grinsen und drehte sich zur Seite. Alle stimmten mit ein.

Als ich Sandras Enttäuschung in den Augen sah, verging mir das Lachen. Es tat mir plötzlich leid. Schon oft hatte ich sie in solche Situationen gebracht, obwohl ich sie eigentlich sehr mochte.

Sandra, ein hübsches und intelligentes Mädchen, das im Internat der Schule lebte und schon auf eigenen Füßen stand, war bei den Jungs sehr beliebt. Ihre langen schwarzen Haare wehten durch die Luft, wenn sie über den Schulhof lief. Obwohl sie von vielen begehrt wurde, suchte sie aus unerklärlichen Gründen immer meine Nähe. Auf Sandra konnte ich mich verlassen. Sie hatte ein freundliches Gemüt und fand schnell Zugang zu allen. Ich bemerkte schon früh, dass mein sportliches Aussehen gut bei den Mädchen ankam und sie leicht errötet die Köpfe hinter mir zusammensteckten und tuschelten, wenn ich an ihnen vorbeiging. Mein selbstsicheres Auftreten überspielte die Unsicherheiten, mit denen ich tagtäglich innerlich zu kämpfen hatte.

Sandra und ich verbrachten viel Zeit miteinander. Wir waren ein ziemlich gutes Gespann. Gern gingen wir gemeinsam ins Kino, plauderten über alles Mögliche oder hörten einfach nur Musik. Meiner Gefühle ihr gegenüber war ich mir nie ganz sicher, was auch erklärte, warum ich ihren zaghaften Versuchen, sich mir körperlich zu nähern, gekonnt auswich. Ich wusste, dass sie für eine echte Liebe leider nicht die Richtige war. Unsere gemeinsame Zeit wollte ich aber nicht einfach so aufgeben.

Von Gewissensbissen geplagt holte ich schnell Taschentücher heraus, um ihren Hals vom Orangensaft zu befreien. Wir liefen ins Schulgebäude auf die Toilette.

»Was sollte das schon wieder, Christian!? Hast du einen Vogel? Was hast du dir dabei gedacht?« Wie sehr sie doch Recht hatte. Warum habe ich mich wieder so leiten lassen?

»Sandra, es tut mir leid. Du weißt doch, wie ich bin. Warum hältst du das Trinkpäckchen auch in meine Richtung? Ich konnte einfach nicht anders.«

Ein liebevoller Blick reichte aus, um ihr ein Lächeln zu entlocken.

»Oh Mann, habe ich vielleicht einen Durst. Hast du noch Orangensaft?« Plötzlich platzte es aus uns heraus und wir lachten lauthals los. Sandra war einfach zu gut für mich.

Im Klassenzimmer angekommen wartete auch schon Bea, wütend mit dem Fuß wippend, um mich zur Rede zu stellen: »Was war das denn für eine Aktion? Du hast nur Scheiße im Hirn!«

»Ja, mach du mir noch ein schlechtes Gewissen. Ich fühle mich schon blöd genug. Außerdem habe ich mich bei Sandra bereits entschuldigt.«

»Ich spreche nicht nur von Sandra, sondern auch von deiner verletzenden Art Viki gegenüber. Weißt du eigentlich, dass sie Diabetikerin ist und niemanden hat, der sich um sie kümmert? Was kann sie dafür, dass sie so dick ist? Vielleicht fängst du langsam mal an, hinter die Fassade der Menschen zu schauen, über die du dich ständig stellst.«

»Bleib mal locker und entspann dich!« Es klingelte. Für Kritik war ich nach außen hin nicht empfänglich. Noch in Gedanken bei Beas Gespräch begann der Unterricht. Ich wusste auch nicht, warum ich so war und mich so unmöglich benahm. Bea hatte es auf den Punkt gebracht. Ich spürte, wie mein schlechtes Gewissen immer größer wurde. Ich musste unbedingt mit Mila reden. Nach dem Unterricht stürzte ich an Bea vorbei.

Zu Hause legte ich blitzschnell die Tasche ab, sprühte mir noch Parfüm an den Hals und machte mich gleich auf den Weg zum Tollensesee. Mila wartete schon ungeduldig am Wasser auf mich. Wir hockten uns ans Ufer und ich berichtete ihr ausführlich von den Ereignissen in der Schule.

»Christian, ich weiß, dass dir deine Umgebung nicht allzu viel bedeutet. Immerhin haben wir uns beide. Aber du solltest wirklich aufhören, dich über andere lustig zu machen.«

»Ich kann mir nicht erklären, warum ich das mache. Es passiert einfach. Hinterher fühle ich mich wirklich mies. Ich bin ein echt schlechter Mensch, aber ich verspreche dir, ab jetzt gebe ich mir Mühe, nicht mehr so gemein zu anderen zu sein.«

Irgendwie machte mir mein Verhalten zu schaffen. Ich hatte wahnsinnige Gewissensbisse, die mich tagtäglich verfolgten. Obwohl Mila mir Halt gab, wurde ich aus unerklärlichen Gründen immer ruhiger und zog mich in mein Zimmer zurück.

Mittlerweile hatte ich die Themen der Spätpubertierenden satt. Alles kreiste sich nur um das Aussehen und die Sexualität. Dazu der ewige Krach mit den nervenden Eltern und mein schlechtes Verhalten gegenüber den Menschen, die mich umgaben. Mein Blick in den Spiegel war unaufhörlich mit innerer Unzufriedenheit verbunden. Mein Drang nach körperlicher Perfektion war kaum noch auszuhalten. Ich begann, weniger zu essen, und trainierte täglich, um meinen Körper bedingungslos nach Bilderbuchvorgaben zu formen. Meine slawischen Wurzeln, die hohen Wangenknochen, sollten für jeden sichtbar werden. Mehrfach kontrollierte ich auf der Waage das Gewicht, trank Entwässerungstees in der Hoffnung, noch mehr abzunehmen. Ich wollte nur noch meinen eigenen Vorstellungen entsprechen und ein neues, unabhängiges Leben beginnen.

Vier Wochen vor den Sommerferien sprach mich Mila besorgt an: »Christian, ich erkenne dich gar nicht wieder.« Mit dem hohen Gewichtsverlust verschwanden auch mein Frohsinn und die Leichtigkeit, Eigenschaften, die Mila an mir bewunderte.

»Ich fühle mich so dick und hässlich.«

»Ach Quatsch, Christian, du bist Sportler und siehst bombastisch aus.«

Mittlerweile wog ich nur noch 72 Kilo bei einer Größe von 1,86. 13 Kilogramm weniger in zwei Monaten waren nicht spurlos an mir vorübergegangen. Doch ich hatte das Gefühl, meinem Wunschziel mit einer weiteren Diät näherzukommen.

»Die Models haben doch alle hohe Wangenknochen, Mila, oder nicht? Findest du mich zu dick?«

»Nein, auf keinen Fall. Höre auf zu hungern, du wirst immer dünner! Das ist alles andere als gesund. Wer will schon Model werden? Du hast ganz andere Potenziale.« Sie bemerkte, wie ich mich vor dem Spiegel freute, dass die Hosen an mir herunterrutschten.

Aus der Küche hatte meine Mutter einen direkten Blick auf den Wandspiegel, der auf dem Flur angebracht war. Ich war mit meiner Figur immer noch nicht zufrieden.

»Christian, komm und setz dich! Du siehst nicht mehr normal aus.«

Meine Mutter machte sich Sorgen und stellte mir Grießbrei mit Erdbeeren auf den Tisch. Um ihr etwas Gutes zu tun, fing ich an zu essen. Als sie die Küche verließ, schüttete ich die Reste in die Toilette. Ich fühlte mich abscheulich, etwas gegessen zu haben.

Trotz der zahlreichen Gespräche und Versuche, auf mich einzuwirken, wurde es nicht besser. Ganz im Gegenteil: Meine Stimmung sank in den Keller, ich fühlte mich schwach und leer. Ich sehnte mich nach Liebe und Geborgenheit. Mila hörte immer bedingungslos zu, behielt ihre eigenen Anliegen für sich, nur um mich zu unterstützen. Aber einen Freund konnte sie mir nicht ersetzen.

Stefan war drei Jahre älter und trainierte auf demselben Sportplatz. Ich war in ihn verliebt. Seine kurzen Haare, der muskulöse Körper brachten mein Herz zum Pochen. Nervös lief ich an ihm vorbei, musste meine Blicke vor den anderen verbergen und hoffte vergeblich auf ein Signal. Er war nicht schwul. Niemals hätte ich ihm gestehen können, wie ich empfinde. Ich wäre in der Schule zur Zielscheibe, zum Gespött der Leute geworden.

Ich hasste meinen Körper, verstand meine Gefühle nicht und hatte Angst, mich den Hänseleien der anderen aussetzen zu müssen. Für die anderen war Sandra meine Geliebte. Mit ihr als Alibifreundin war das Leben bedeutend leichter. Zwar ahnte sie nichts von meinen geheimen Sehnsüchten, merkte aber, dass irgendetwas mit mir nicht stimmte. Ich hatte keine Lust auf Nähe und schon gar nicht auf heiße Küsse mit ihr. Abends lag ich im Bett, dachte an meine Liebe zu Stefan, ließ mein Leben Revue passieren und fühlte mich zunehmend einsamer.

Nach meinen alltäglichen Spaziergängen mit Mila machte ich mich allein auf den Weg nach Hause.

»Christian, du bist nicht besser oder schlechter als all die anderen da draußen«, sagte sie mir zum Abschied. Mila war so weise. Wie ein Gebet wiederholte ich ihren Satz, als ich nachts nicht mehr einschlafen konnte.

»Ich bin nicht besser oder schlechter als all die anderen da draußen. Ich bin nicht besser oder schlechter.«

Der Glaube

Schuld und Sühne beschäftigten mich. Seit es Stefan gab, wusste ich sicher, dass ich schwul war. Und ich musste mir eingestehen, Menschen aufgrund ihres Aussehens verurteilt zu haben. In der Hoffnung, einen Ausweg zu finden, Läuterung zu erfahren, suchte ich das Zwiegespräch mit Gott.

»Lieber Gott, warum bin ich so hässlich und habe keinen Freund? Ich bin so gemein, habe über andere Menschen geurteilt und sie ausgelacht. Ich fühle mich allein, wäre am liebsten nicht mehr auf der Welt. Aber das kann ich Mila nicht antun. Warum hilfst du mir nicht? Was soll ich nur machen? Oma hat doch gesagt, dass ich immer mit dir sprechen soll, wenn ich keinen Ausweg finde!«

Eine Antwort bekam ich nicht. Ich beschloss: Eine Taufe würde mich zu einem reinen Menschen werden lassen. Danach, so hoffte ich, könnte ich ein neues Leben beginnen. Nach den nächtlichen Gesprächen traf ich eine Entscheidung.

Ich nahm Kontakt zu älteren Menschen auf, befragte sie zu ihren Erfahrungen mit Gott und stieß auf Verwunderung und Freude zugleich. Ich rief meine Oma an.

»Öming, wie geiht di dat?«, versuchte ich mich auf Plattdeutsch.

»Goot mien Jung. Wat gevt niest?«

»Ik wüll me döpen loten.« Kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung.

»Wie kümmt denn dat?« Die Reaktion meiner Oma wunderte mich.

»Mien Jung, wenn du an Gott glövst, ward es di beter gahn.« Hatte Gott ihr etwa von meinen Sorgen berichtet? Ich war sehr verwundert. Warum sollte es mir besser gehen? Für mich war das ein Zeichen. Nach einer Pause fuhr sie fort.

»Ik weer ümma alleen und bün hüüt 96 Johr. Wie hebb ik dat woll mookt?«

Oma war eine Persönlichkeit, hielt die Familie zusammen und schlichtete Streitigkeiten. Als Dorfälteste war sie eine Respektsperson. Niemand verlor auch nur ein böses Wort über sie. Sie erhob den Zeigefinger, wenn es notwendig wurde, und warnte mich, wenn etwas in der Luft lag.

»Överlegg di dat mit de Döp mien Jung. Gröt dien Mudding.«

Mit diesen Worten verabschiedete sie sich. Besessen und völlig euphorisch, etwas gefunden zu haben, was mir Kraft gab, holte ich nach dem Telefonat dieBibelaus dem Bettkasten hervor. Die Worte meiner Oma klangen noch in meinen Ohren. Voller Ehrfrucht öffnete ich das geheimnisvolle Buch und las die zehn Gebote:

»Du sollst nicht falsch Zeugnis reden wider deinen Nächsten.«

Schon nach dem ersten Lesen ergriff mich der Zweifel. Was hatte ich bloß getan? Er wird mich bestrafen. Ich musste mich bei den Menschen entschuldigen, über die ich mich lustig gemacht hatte. Zu ihnen gehörte natürlich auch Sandra. Seit Kurzem hatte sie eine Affäre mit einem Typen. Sie tat so, als wisse ich nichts davon. Dachte sie wirklich, ich sei blöd? Ab heute wollte ich nur noch ehrlich sein und mich mit Menschen umgeben, die auch ehrlich zu mir waren. Der Zeitpunkt war gekommen. Ich durfte nicht mehr der Christian von früher sein. Am nächsten Tag setzte ich mein Vorhaben gleich in die Tat um und sprach Sandra auf dem Schulhof an.

»Würdest du auch gern wissen, was im Kopf deines Gegenübers vor sich geht?« Sie kannte meine Eigenheiten und lächelte mich freundlich an.

»Wie kommst du darauf?«, fragte sie.

»Ich kann das.«

»Ja, ja, Christian.« Wir lachten beide, obwohl ich mich ziemlich schlecht fühlte. Immerhin musste ich ihr etwas beichten und wollte, dass sie mir von ihrer heimlichen Affäre berichtet.

»Seit wann weißt du denn, dass du so etwas kannst?«

»Schon länger. Deswegen weiß ich auch, ob ein Mensch die Wahrheit sagt oder nicht.«

»Klappt es nur, wenn du den Menschen gut kennst oder auch bei flüchtigen Bekanntschaften?«

»Bei allen. Natürlich gibt es Ausnahmen.«

»Was bringt es dir eigentlich, über das Innenleben anderer Menschen Bescheid zu wissen?«

»Ob ich ihnen vertrauen kann oder nicht.«

Unsicher, aber im Bewusstsein, das Richtige zu tun, nahm ich ihre Hand. Noch bevor ich etwas sagen konnte, entgegnete sie mir:

»Sprichst du mich damit an? Wenn ja, möchte ich dir nur sagen, dass du mir vertrauen kannst, auch wenn ich manchmal verrückt bin oder sage, dass ich keine Zeit für dich habe. Es tut mir leid und ich bin so froh, dass es dich gibt. Ich schätze es sehr, dich zu kennen.« Fassungslos über ihre Unaufrichtigkeit nahm ich ihre Lüge entgegen, schaute sie an und sagte ihr:

»Entschuldige bitte, dass ich mich manchmal über dich lustig mache. Oft habe ich dich nur angerufen, wenn kein anderer Zeit hatte.«

»Schön, dass du dich entschuldigst. Aber du willst mich doch wieder nur verarschen. Was ist denn heute los mit dir?«

Sichtlich aufgewühlt von meiner Offenheit ließ sie mich stehen. Und ich dachte nur an Stefan. Genauso wenig wie sie brachte auch ich die ganze Wahrheit über die Lippen. Fand sie mich wirklich so toll, wie sie es mir eben gestanden hatte? Ich fühlte mich schuldiger denn je. Ich hatte es nicht geschafft, mich ihr gegenüber ganz zu öffnen.

Die Taufe, so glaubte ich, war der einzige Ausweg, um mein Leben zu verändern. Telefonisch kontaktierte ich die örtliche Kirchengemeinde und berichtete von meinem Wunsch, Gottes Sohn zu werden. Zum vorgeschlagenen Taufunterricht ging ich allerdings nicht. Viel zu lange hätte ich auf Vergebung warten müssen.

In Gebeten und Gesprächen versuchte ich weiterhin, meinen Kummer loszuwerden. Tagsüber besuchte ich die Schule. Danach machte ich mich auf den Weg in die Kirche. Selbst am Wochenende hielt mich nichts mehr davon ab, das Zwiegespräch mit Gott zu suchen. Die Kirche war der einzige Ort, an dem ich irgendwie zur Ruhe kam. Jeden Tag aufs Neue beschäftigten mich dieselben Fragen. Auf dem Weg dorthin lief ich die Stargarder Straße entlang. Ich achtete nicht mehr auf die Menschen, die mir begegneten, hatte nur noch ein Ziel vor Augen. Selbst die vorbeifahrenden Autos nahm ich nur im Hintergrund wahr. Ich versank immer tiefer in Gedanken.

Erst nachdem die schweren Kirchentüren hinter mir zugefallen waren, verspürte ich eine tiefe Ruhe. An diesem Ort war jeder mit sich selbst beschäftigt, ich konnte ungestört in mich hineinhören, ohne auf jemanden Rücksicht nehmen zu müssen. Routiniert ging ich zum Altar und zündete eine Kerze an. Gedankenverloren starrte ich in die Flamme, atmete tief durch und sank erschöpft auf eine Bank. Das Licht der bunten Kirchenfenster erfüllte den Raum.

»Wieso bist du eigentlich immer so gemein?«, gingen mir Beas Worte durch den Kopf. »Du hast doch gar keinen Grund dazu. Nicht jeder kann so gut aussehen wie du. Versetze dich mal in Vikis Lage.« War ich wirklich so ein schlechter Mensch? Wenn Bea gewusst hätte, dass mein Selbstbewusstsein nur gespielt war. Dieser ständige Druck, mit anderen mithalten zu müssen. Das tägliche Hinterfragen meines Spiegelbildes, die Sehnsucht nach wahrer Liebe. Nur Mila und Sabine wussten, dass ich in Stefan verliebt war. Eine unerreichbare Liebe. Wie gern hätte ich all das mit ihm geteilt, was ich mit Sandra nicht ausleben konnte. Ich zündete zwei weitere Kerzen an, darunter eine für Viktoria, und betete. Leise bat ich sie um Verzeihung.

Nachts raubten mir die ewigen Grübeleien den Schlaf. Das konnte auch meine sonnengebräunte Haut nicht mehr verbergen. Meine Konzentration ließ nach und der Gang in die Schule wurde zur Qual. Selbst Mila gelang es nicht, meine Verzweiflung aufzubrechen.

»Du musst dir Hilfe suchen. Am besten gehst du zu einer Beratungsstelle und sprichst dich aus.«

»Nein, auf keinen Fall. Ich bin doch nicht verrückt. Was sollte ich denn mit denen besprechen?«

»Christian, ich mache mir ernsthaft Sorgen.«

»Das musst du nicht. Ich werde mir schon allein helfen.« Labil und wackelig auf den Beinen vereinbarte ich einen Termin bei meinem Hausarzt Doktor Block, zu dem ich in den vergangenen Jahren Vertrauen gefasst hatte. Mila sagte ich nichts davon.

»Christian, geht es Ihnen nicht gut?«

»Doch. Mir geht es gut. Ich bin nur müde. In der Schule ist es momentan stressig. Sie wissen doch, das Abitur steht vor der Tür.«

»Lassen Sie mich kurz Ihren Blutdruck messen.120/80. So jung müsste man sein.«

Trotz meines Zustands war er sichtlich zufrieden mit meiner körperlichen Verfassung.

»Was bedrückt Sie denn?« Ich wusste nicht, wie ich anfangen sollte. Verlegen schaute ich an ihm vorbei.

»Könnten Sie mir Tavor aufschreiben?«, platzte es dann aus mir heraus.

Sein kritischer Blick prüfte mich eingehend.

»Woher kennen Sie denn dieses Medikament?«

»Vor meiner letzten Flugreise habe ich es als Angstlöser bekommen.«

Er atmete erleichtert auf und sein Lächeln kehrte zurück.

»Wohin soll es denn diesmal gehen?«

»Auf die Kanaren.«

»Was sich die Jugend heutzutage alles leisten kann. Haben Sie denn immer noch Flugangst?«

»Irgendwie schon.«

»Na gut, ausnahmsweise schreibe ich Ihnen eine kleine Packung auf. Nehmen Sie nicht zu viele davon, die machen abhängig!«

Mit einem aufmunternden, freundschaftlichen Lächeln verabschiedete er mich. Auch in dieser Situation gelang es mir hervorragend, meine Gefühle zu beherrschen. Dass die Flugangst eine Ausrede war, ich das Medikament von Sabines Tochter Anna kannte, erzählte ich dem Arzt natürlich nicht.

Trotz der dämpfenden Wirkung der Tabletten war an Schlaf nicht zu denken. Morgens kam ich kaum aus dem Bett und hatte keine Lust zu duschen. In der Schule fing ich an, Mitschüler zu beobachten, und zog mich mehr und mehr aus jeglichen Gesprächen zurück. Als Außenstehender bemerkte ich ihre Oberflächlichkeit. Sie wollten nur hübsch aussehen, über Klamotten quatschen und über Außenseiter lästern. So wollte ich einfach nicht sein. Alles, was mir vorher so wichtig war, spielte nun keine Rolle mehr.

Meine Konzentration im Unterricht hatte deutlich nachgelassen und der Wunsch nach innerer Veränderung beanspruchte mich mehr denn je. Nur schwer konnte ich den Erklärungen meiner Lehrerin folgen. Oft schweifte mein Blick aus dem Fenster und ich erwartete sehnsüchtig das Ende der Unterrichtsstunde. Wie immer machte sich schon zehn Minuten vor Stundenschluss eine allgemeine Unruhe breit. Die Jungs in der hinteren Reihe hatten seit einer Viertelstunde ihre gesamte Energie auf das Basteln kleiner Papierkügelchen verwandt. Was bisher unbemerkt geschah, löste jedoch einen kleinen Radau aus, als sie anfingen, damit umherzuspucken. Sichtlich erbost ergriff Viki ihre Federtasche und zielte gekonnt in die hinterste Reihe, wo sie auch gleich den Richtigen traf. Ein Riesengeschrei erfüllte nun den Raum und mittendrin Frau Doktor Schmidt, die händeringend versuchte, uns zu disziplinieren. Viki bemerkte, dass ich ruhig und unbeteiligt in der Ecke saß, ohne meine üblichen Kommentare abzugeben. Endlich, das erlösende Pausenklingeln.

Während alle aus dem Raum stürzten, passte mich meine Klassenleiterin Frau Doktor Schmidt ab, drückte mir mein Studienbuch in die Hand und sagte besorgt: »Christian, wende dich bloß von schwachen Menschen ab!« Verdutzt sah ich sie an, nickte kurz unvermittelt und ging irritiert nach draußen.