Die inoffizielle Rammstein Biografie - Michael Fuchs-Gamböck - ebook

Die inoffizielle Rammstein Biografie ebook

Michael Fuchs-Gamböck

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Opis

Sie polarisieren wie keine zweite deutsche Band. Entweder man liebt sie oder man hasst sie. Dazwischen scheint es nichts zu geben, wenn es um Rammstein geht. Und egal, wo sie auftreten, werden sie euphorisch gefeiert. Überall auf der Welt. Ihre Songtexte brechen Tabus, sie provozieren, sie haben einen ganz eigenen, oft sarkastischen Humor - und sie gehören zu den erfolgreichsten Bands, die deutschsprachige Songs weltweit auf die Bühnen und in die Charts bringen. Dieses inoffizielle Buch über das Gesamtkunstwerk Rammstein erzählt die Geschichte von den Anfängen bis zur neuen CD "Liebe ist für alle da" - ausführlich, vorurteilslos und niemals unkritisch.

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Michael Fuchs-Gamböck/Thorsten Schatz

Bis das Herz brennt

Die inoffizielleRammstein Biografie

Michael Fuchs-Gamböck / Thorsten Schatz

BIS DASHERZ BRENNT

Die inoffizielle RAMMSTEIN Biografie

Thorsten Schatz widmet dieses Buch Tim, Philip und Monika und dankt ihnen für ihre Geduld und immer wieder ihre Liebe.

Michael Fuchs-Gamböck dankt all seinen – bevorzugt weiblichen – Musen, die hoffentlich wissen, dass sie gemeint sind (ja, Mama, Du auch!). Ganz besonders aber dankt er seiner wunderbaren Tochter Pauline, die jeden Tag aufs Neue Quell höchster Inspiration ist.

Impressum

Heel Verlag GmbHGut Pottscheidt53639 KönigswinterTel.: 02223 9230-0Fax: 02223 [email protected]

© 2010 by Heel Verlag GmbHAlle Rechte, auch die des Nachdrucks, der Wiedergabe in jeder Form und der Übersetzung in andere Sprachen, behält sich der Herausgeber vor. Es ist ohne schriftliche Genehmigung des Verlages nicht erlaubt, das Buch und Teile daraus auf fotomechanischem Weg zu vervielfältigen oder unter Verwendung elektronischer bzw. mechanischer Systeme zu speichern, systematisch auszuwerten oder zu verbreiten.Autoren: Michael Fuchs-Gamböck und Thorsten Schatz

Lektorat: Petra HundackerSatz und Gestaltung: InterMedia, Ratingen– Alle Rechte vorbehalten –Printed in Czech RepublicISBN 978-3-86852-119-1

Dieses Buch ist ohne Mitwirkung der Band Rammstein entstanden.

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

1. Rammstein: Hassen oder lieben

2. Im Untergrund: Die Vorgeschichte in der DDR

3. Nach dem Mauerfall: Die Gründungsphase

4. Sechs Freunde sollt ihr sein: Die Bandmitglieder

5. Schwieriger Weg zum Erfolg: Rammsteins erste Tage

6. „Herzeleid“: Das schwere Debüt

7. Spiel mit dem Feuer: Rammstein live

8. Medienschelte: Neonazis, Brutalos und Sexisten?

9. „Links 2 3 4“: Rammsteins Antworten auf Kritik

10. Was darf Provokation?Der Musiksoziologe Jan Hemming über Rammstein

11. „Sehnsucht“: Der internationale Durchbruch

12. Der große Bildersturm: Die Rammstein-Ästhetik

13. Rammstein on Stage: Die perfekte Show

14. „Live aus Berlin“: Erste Krisen

15. „Mutter“: Die Etablierung der Provokation

16. „Rammstein machen Kasse“: Interview mit dem früherenChefredakteur des Metal Hammer, Robert Müller (1996–2001)

17. „Reise, Reise“: Neue Wege

18. „Schauer über den Rücken“: Die Rammstein-Fans

19. „Rosenrot“: Keine Atempause

20. „Völkerball“: Rammstein für zu Hause

21. Es geht weiter, immer weiter: Das sechste Studioalbum „Liebe ist für alle da“

Anhang: Diskografie, Charts, Preise, Solowerke, frühere Projekte, Literatur

Vorwort: Warum dieses Buch über Rammstein?

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK:

Ich weiß noch, dass es ein herrlicher Nachmittag im Sommer der Jahres 1995 war, als ich die sechs Herren von Rammstein das erste Mal zum Gespräch traf. Die Betreuerin ihrer Plattenfirma „Motor Music“, die ich seit etlichen Jahren kenne, hatte mir Musikjournalisten ins Telefon gesäuselt, man hätte da eine neue Band unter Vertrag, die auch wirklich neuartige Musik macht. Ja, mehr noch: Rammstein wären eine Art Gesamtkunstwerk.

Ich bekam fünf Titel aus dem einige Wochen später veröffentlichten Debütalbum „Herzeleid“ zugesandt, hörte sie mir einige Male an und war zunächst nicht außerordentlich beeindruckt. Trotzdem sagte ich das Interview mit der Band in meiner damaligen Heimatstadt München zu. So kam es zu jenem ersten Treffen an diesem herrlichen Sommernachmittag in einem klassischen bayerischen Biergarten.

Die sechs Rammsteiner waren mir vom ersten Moment an sympathisch. Beim Interview wirkten sie zwar ein wenig linkisch, gleichzeitig durchaus selbstbewusst, äußerst witzig und geistreich, und sie wussten definitiv, wohin ihre Reise (Reise …) ab sofort gehen würde – ganz nach oben. Ich war beeindruckt von diesem geballten Selbstbewusstsein, denn zumindest aus den fünf Titeln, die ich bis dahin von der Band kannte, war für mich das Hitpotenzial nicht unbedingt herauszuhören.

An demselben Abend spielten Rammstein in einem kleinen Club einen knapp 30-minütigen Set mit – nun ja – recht überschaubarem Publikum. Anschließend agierten sie im gleichen Club als Models für die neueste Kollektion einer jungen, avantgardistischen Münchner Hutmacherin und schritten gekonnt mit reichlich merkwürdiger Kopfbedeckung stolz erhobenen Hauptes über einen winzigen Laufsteg.

Nach diesem bizarren Auftritt war mir zwar weiterhin nicht bewusst, dass aus Rammstein schon bald Superstars werden würden. Aber mir wurde immerhin klar, dass dieses ostdeutsche Sextett eines der wenigen Musik-Kollektive der Nachkriegszeit war, das über eine ureigene künstlerische Vision verfügte, die sich an nichts und niemandem als an sich selbst orientierte.

Was der Neugierige zu hören und zu sehen bekam, war kompromisslos, provokativ, eindeutig zweideutig und höchst originell. Und nachdem ich Rammstein 1997 schließlich das erste Mal live bewundern durfte, war ich absolut überzeugt von diesem originären Phänomen. Schon damals reifte der Gedanke heran: „Die interessieren dich, über die willst du bald mal ein Buch schreiben – die werden es sich schon bald verdient haben, dass jemand das tut.“ Und mal ehrlich: Warum nicht ich?

THORSTEN SCHATZ:

Rammstein habe ich zum ersten Mal bewusst 1997 wahrgenommen, als ihr Hit „Engel“ im Radio rauf- und runterlief. Ich war überrascht, dass ein Lied mit dieser brachialen Wucht und diesem eigentümlichen Text in einem öffentlich-rechtlichen Sender eingesetzt wurde. Und als eingefleischter Ennio-Morricone-Fan begeisterte mich dabei die konträre Mischung aus melancholischer Western-Melodie einerseits und schwerer Gitarre und dunklem Gesang andererseits.

Seither habe ich die Karriere von Rammstein konstant mitverfolgt – nicht durchgehend als Enthusiast, immer aber als faszinierter Beobachter. Denn Rammstein polarisieren, was sie gelegentlich schockierend, aber auf alle Fälle immer aufregend macht. Und genau deshalb war ich von der Idee begeistert, dass ich einer von zwei Autoren dieser Rammstein-Biografie sein würde.

MICHAEL FUCHS-GAMBÖCK / THORSTEN SCHATZ:

Wir beide, als ständige Co-Autoren immer auf der Suche nach originellem Stoff, haben die absolut erstaunliche, einzigartige Karriere von Rammstein über die Jahre hinweg und bis heute interessiert mitverfolgt. Wir haben uns massiv in Fan-Websites eingeloggt, haben jede Menge Titelgeschichten, Interviews und Informations-Schnipsel über die Band verschlungen, um uns eines Tages sicher zu sein: Eine Rammstein-Biografie muss geschrieben werden, daraus ergibt sich garantiert ein aufregendes Stück Zeitgeschichte, ja ein Thriller.

Jetzt hoffen wir nur, dass die geneigte Leserschaft zur Überzeugung kommt, dass wir mit „Spiel mit dem Feuer“ unserem Anspruch gerecht geworden sind. Unabhängig davon wollen wir Autoren uns beim HEEL-Verlag bedanken, dass er uns die Chance gegeben hat, einen seit Jahren gehegten Wunsch wahr werden zu lassen und dass dieser nun zwischen zwei Buchdeckeln in der Wirklichkeit angekommen ist.

Augsburg/Wennigsen – im Herbst 2009

DIE AUTOREN

1. Rammstein: Hassen oder lieben

Rammstein hat eine merkwürdige Karriere hinter sich, vielleicht sogar die merkwürdigste in der nationalen Pop-Szenerie, die es jemals gab. Denn nach einigen Anlaufschwierigkeiten entwickelte sich die Platte mit dem altertümlich anmutenden Titel „Herzeleid“ – das Debütalbum des Ostberliner/Schweriner Sextetts Rammstein – im Verlauf des Jahres 1996 zu einem wahren Megaseller. „Herzeleid“ hielt sich nicht nur für etliche Wochen in den Top 50 der nationalen Charts und stieg innerhalb der zwei Jahre nach Veröffentlichung fünf Mal in die Hitparaden ein, sondern verkaufte sich insgesamt mehr als eine halbe Million mal. Selbst im Herbst 1997 war die Scheibe noch in den Top Ten der deutschen Album-Hitparade zu finden – zu einem Zeitpunkt, als die Nachfolgeplatte des Sechsers, „Sehnsucht“ betitelt, in die Läden kam – und sofort von null auf eins in die Charts einstieg.

Rammstein hatten seit ihrem großen Durchbruch in Deutschland 1997 hierzulande für viele Kontroversen im Blätterwald gesorgt, denn ihr kommerzieller Erfolg war dermaßen auffällig, dass kein Medium mehr an ihnen vorbeikam. In dieser Zeit war im Zusammenhang mit dem Sextett häufig von „Neo-Nazi-Rock“ die Rede, von „gnadenloser Ästhetisierung des Faschismus“, von „absolut sinn- und inhaltloser Kraftmeierei“ – soweit Stern und Spiegel über eine Formation, welche die Gemüter bis aufs Äußerste erhitzte.

Die Gruppe selbst hat sich stets als „moderne Entertainer“ bezeichnet – wobei es bei dieser dermaßen kontrovers und enorm emotional diskutierten Gruppe nicht immer leicht fiel, „Entertainment“ zu assoziieren. Zu viel Gewalt war da in den Texten, zu der nicht eindeutig Stellung bezogen wurde, zu viel Liebäugelei gab es da mit wüsten Sexualpraktiken wie Pädophilie, Inzucht oder Nekrophilie, zu viel Blut wurde da vergossen. Sprich: Zu gern spielte diese Band mit dem Feuer (im metaphorischen Sinne wie – ganz real – auf der Bühne), das von der Apokalypse gewärmt zu sein schien.

Dann gab’s noch den Bandnamen, der an den unglückseligen pfälzischem Ort Ramstein erinnert, in dem während einer missglückten Flugübung im Jahre 1988 70 Menschen ums Leben kamen. Und zu guter Letzt war da noch jene Bühnenpräsentation, während der sechs halb nackte Männer mit ihren durchtrainierten Muskeln protzten, Feuerwerkskörper explodieren ließen und zu Beginn gar einen brennenden Menschen ans Mikro stellten, der Kryptisches von sich gab. War das Entertainment? Pure Show? Eine Koketterie mit dem „Bösen“, was immer das sein mag? Wie gesagt, Rammstein hatten sich von Beginn ihrer Gründung 1994 an nicht erklärt.

Und so boten und bieten sie Angriffsflächen für Kritik, präsentieren sich als Projektionsobjekte für die Fan-Verehrung und bleiben sich in ihrem Spiel mit der Provokation treu. Das verschaffte Rammstein nach mittlerweile fünf Studioalben, ausgedehnten Tourneen rund um den Globus und Verkaufszahlen, die sie in den USA zur erfolgreichsten deutschsprachigen Band überhaupt machten, einen sicheren Platz im Rock-Olymp – wobei man bei einer Band wie Rammstein von Etablierung, was ja auch immer Besänftigung heißt, nicht unbedingt sprechen mag und kann.

Rammstein ist ein einzigartiges Phänomen in der Musiklandschaft, das es verdient, näher betrachtet zu werden.

Das Sextett zeigt sich bislang, zumindest nach außen hin, von allen Anfeindungen weitgehend ungerührt. Stattdessen machen immer wieder Auflösungsgerüchte die Runde, obwohl die Gruppe seit ihrem Beginn in unveränderter Besetzung an die Öffentlichkeit tritt; vielmehr haben sie sich immer wieder in Arbeit gestürzt, sogar nach mehrjährigen Pausen, um den jeweils nächsten Teil ihrer so kontrovers diskutierten Erfolgshistorie akribisch vorzubereiten.

Es scheint, als ob es Rammstein stets um die Kunst der Provokation und die Provokation in der Kunst geht. Vieles dreht sich bei dem Sextett um Schizophrenie, Bedrohung, Obsession, kurz: die ganz persönliche Apokalypse. Mit diesen Themen setzten und setzen sich die ostdeutschen Extremrocker seit jeher auseinander. Provokation bereitet ihnen offensichtlich eine Menge Spaß.

Dabei fiel speziell bei den Texten ab dem zweiten Album „Sehnsucht“ trotz aller Provokation, Aggression und Tabulosigkeit auf, dass in ihnen häufig ein schwerer Hang zur Romantik steckt. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Sind die „Rammsteiner“ also tief im Inneren Romantiker? „Wir freuen uns natürlich“, sinnierte Flake bereits in einem Interview mit Zillo, Ausgabe 9/1997, „wenn Menschen in unseren Liedern einen Sinn für Romantik entdecken. Aber wir wollen niemandem vorgeben, wie er unsere Songs zu verstehen hat. Kunst ist nur dann frei, wenn sie nicht interpretiert wird und damit für jegliche Interpretation offensteht.“ Beispiel Albumtitel „Sehnsucht“, der nach erstem Hören romantisch klingt … „Muss nicht sein“, widersprach Flake ebenfalls in der Septemberausgabe der Zeitschrift Zillo aus dem Jahr 1997: „Wir haben den Titel vor allem deshalb gewählt, weil sich das Thema ‚Sucht‘ – das im Wort ‚Sehnsucht‘ drinsteckt – in den verschiedensten Formen wie ein inhaltlicher roter Faden durch unsere Lieder zieht. Also, da geht’s um Eifer-Sucht, Sex-Sucht, Kokain-Sucht, Todes-Sucht und so weiter. Nicht eindeutig romantisch, wie man sieht, oder täusche ich mich?“

Vielleicht ist exakt durch solche Statements bereits einiges gesagt über den Anspruch dieser Band und die mit ihr in der Öffentlichkeit seit 1995 verbundenen Missverständnisse. Denn Rammstein haben stets behauptet – und behaupten das bis heute –, dass sie sich nicht erklären wollen, so die Band in dem Magazin Musikexpress/Sounds, Ausgabe 05/1997: „Wenn sich Leute durch unsere Arbeit provoziert fühlen, bitteschön, sollen sie eben. Wenn sie uns als Romantiker betrachten, ist uns das natürlich auch recht. Und wenn sie uns einfach nur als Komödianten belächeln, geht das gleichfalls völlig in Ordnung. Wir würden uns wohl am ehesten als ‚moderne Entertainer‘ bezeichnen.“

Rammstein also, die Entertainer von heute und vielleicht auch von morgen: Sie sind skandalös, radikal, schockierend und manches Mal nichts weiter als bösartig. Aber, wenn man das so sehen will, steht ihre Arbeit in der Tradition der Schauergeschichte, der Nachtmahr, der klassischen schwarzen Romantik. Obsession, Gewalt, Leidenschaft, Paranoia, Perversion: All das wird in Rammsteins Liedern geboten – und doch schreit diese Musik geradezu nach der ewigen Sucht auf Erlösung.

Wenn man Rammstein-Stücke unter diesem Aspekt sieht, anstatt sie vorschnell als dümmliches Fascho-Gesinge abzutun, bekommen sie mit einem Mal eine geradezu apokalyptische Dimension, fernab von jeglicher schnöder politischer Ausrichtung. „Politik“, hat die Band im Interview mit dem Magazin Soundcheck, Ausgabe 6/2001 festgestellt, „interessiert uns einen Dreck. Doch wenn man uns schon politisch einordnen will, dann um Himmels Willen nicht rechts. Natürlich wollen wir mit unserer Arbeit provozieren. Doch ich denke, aufgrund der verqueren Umstände in unserer Zeit ist das nichts weniger als okay. Diese Ära ist so undurchschaubar, dass man nur mit Provokation darauf reagieren kann.“

2. Im Untergrund: Die Vorgeschichte in der DDR

Der Punk in der Deutschen Demokratischen Republik war noch weitaus mehr als im Westen eine zornige, rebellische Antwort auf den Staat. Richteten sich die West-Punks vor allem gegen die überkommene Hippie-Mentalität und gegen das gemütliche wie bewusstlose bundesdeutsche Spießertum, ging es den Ost-Punks in erster Linie um den lauten Widerspruch gegen Enge und Repression im sozialistischen Zwangssystem, kurz gesagt: um den Ruf nach Freiheit. Und den schrieen sie unverdrossen seit 1979 zehn Jahre lang bis zum Mauerfall 1989 hinaus.

Das DDR-Regime reagierte prompt und eisern, und es hagelte Auftrittsverbote für Punkbands. Dazu kam die Unterwanderung der Szene durch die Staatssicherheit, kurz Stasi genannt. Ihr gelang es, einige Spitzel aus den Reihen der Punk- und Rock-bands zu rekrutieren und eigene Schnüffler in die Szene zu schleusen. Aber der Staat griff ebenfalls offiziell ein – mit brutalen Methoden: Punks wurden aus fadenscheinigen Gründen ins Gefängnis gesperrt. Bei Konzerten errichteten Polizisten Straßensperren und rückten mit gezückten Schlagstöcken an, um das Publikum daran zu hindern, zur Bühne zu gelangen. Sie hielten die Punks fest, kontrollierten willkürlich ihre Ausweise und waren schnell dabei, sie nicht nur zu verhaften, sondern auch zuzuschlagen. Doch die Punks wehrten sich. Sie rissen sich los und liefen weg oder überrannten einfach die Barrieren. Das allerdings sah die Polizei als willkommenen Anlass, noch mehr drauflos zu prügeln.

Dennoch ging die Punkszene nicht unter. Im Gegenteil: Sie hatte im DDR-System Bestand und blühte trotz und wegen der Unterdrückung durch die Staatsmacht. Sie diente durch ihre Entwicklungsfähigkeit und Widerstandskraft vor allem Musikern, die ein besonderes künstlerisches Potenzial besaßen sowie die Energie und den kraftvollen Drang, die eigenen Ideen in Liedform nach außen zu tragen, als Plattform und künstlerischer Ausgangspunkt. Deshalb ist es kein Wunder, dass in dieser Underground-Kultur sechs Musiker ihre Karriere starteten und ihre ersten Banderfahrungen sammelten, die ihre musikalischen Vorstellungen verwirklichen wollten und später als Rammstein international populär wurden.

Dazu gehört Christian Lorenz – Spitzname: Flake –, für den als 16-jähriger Werkzeugmacherlehrling in Ostberlin 1983 der Einstieg in den Rockzirkus begann. Auf einem Schulkonzert hatte er Alexander Kriening kennengelernt, der Schlagzeug in einer Band namens Feeling Berlin spielte und der ihn dem charismatischen 35-jährigen Sänger und Lebenskünstler Alexander „Aljoscha“ Rompe vorstellte, dem Kopf der Gruppe. Flake, der schon Erfahrungen in Rhythm & Blues-Kombos gesammelt hatte, wollte endlich mal musikalisch etwas anderes probieren und stieg als Keyboarder ein. Er lernte bei einer Probe den 18-jährigen Paul Hirsche kennen, der sich später Paul Landers nannte und damals eine Lehre als Fernmeldemechaniker absolvierte. Paul spielte bereits als Gitarrist in der Punk-Kombo Die Firma, ließ sich aber ebenfalls von Alexander Kriening zum Einstieg bei Feeling Berlin überreden und bediente beide Formationen parallel.

Beim ersten Zusammentreffen war Flake von Paul, der einen imposanten Schnurrbart im Gesicht trug, ziemlich beeindruckt. Paul wiederum fand Flake merkwürdig. Er sah für ihn mit seiner Brille und seinem Halstuch sehr intellektuell und studentisch aus. Dennoch freundeten sie sich nach den ersten gemeinsamen Proben an und stiegen beide in die Band ein. Beim Namen Feeling Berlin wollten sie allerdings nicht bleiben, denn eine uralte verstaubte Tanzkapelle nannte sich ebenfalls so. Also wurde der Gruppenname zu Feeling B verkürzt.

Die musikalische Richtung war ihnen völlig unklar, sie wussten nur, dass es schnell, intensiv und rockig klingen sollte. Sie spielten einfach drauflos und wollten sehen, was daraus wurde. Flake ersetzte mit einer elektronischen Orgel der Marke „Weltmeister“ den fehlenden Bassisten und spielte selbst erfundene Melodien zu den Songs, die durch den steinzeitlichen Heim-Keyboard-Sound immer ein wenig wie Kinderlieder klangen. Aljoscha schrie dazu ins Mikrofon, Paul bearbeitete seine Gitarre, so laut es ging, und Alexander drosch auf das Drum-Set ein.

Die Musik der Gruppe war zunächst wie bei vielen Punkbands dilettantisch, schräg, aber immer lustig und vor allem laut. Dabei kristallisierte sich allmählich eine Art Fun-Punk heraus, der Feeling B schnell in die einschlägigen Punk-Kneipen und -Clubs trug. Die Band organisierte ihre Gigs in Eigenregie und erspielte sich an den Wochenenden manchmal 200 Mark, ihr Geld für den Alltag. Regelmäßig versetzten sie auf ihren Konzerten den Saal in hektische gute Laune, bis die Auftritte im Chaos versanken. Daran war auch der Alkohol nicht unschuldig, den das Publikum wie die Bandmitglieder selbst trinkfreudig und manchmal exzessiv konsumierten. „Mix mir einen Drink“ und „Wir wollen immer artig sein“, frühe Mitgröl-Songs der Band, wurden mit steigender Popularität zu Szene-Klassikern.

Die Stücke fielen langsam strukturierter aus, und die Band erspielte sich immer größere Bekanntheitsgrade, auch über den Untergrund hinaus. So waren sie dabei, als sich die Kulturoberen dem Treiben der Punkbands nicht mehr verschlossen, es aber kontrollieren wollten und deshalb einen Dokumentarfilm mit dem Titel „flüstern & SCHREIEN“ über Rockbands drehen ließen, der unter anderem Punk vorstellen sollte, allerdings als zwar wilde, aber harmlose Musikkultur. In dieser Dokumentation, die 1988 in den DDR-Kinos lief, tauchten neben Feeling B die Bands Silly, Chicoree, Sandow und kurz This Pop Generation und Die Firma auf. Gezeigt wurden natürlich nicht die unangepassten und unschönen Seiten des Punk-Rock, die zornigen Texte, die betrunkenen Musiker, das entfesselte Publikum. Solche Szenen wurden im Schneideraum sorgfältig entfernt, und über die Leinwand flimmerten dann nur noch brave Interviews und Konzertausschnitte. Damit zeigt der Film eine hochoffizielle verkürzte und verfälschte Ansicht des DDR-Rock in dieser Zeit.

In der Realität allerdings existierte gerade in der zweiten Hälfte der 1980er Jahre eine viel weitläufigere und sehr lebendige DDR-Musiklandschaft, in welcher der Underground mit seinen ungezählten Bands enorm verästelt und verzweigt war. Die Musiker spielten oft in mehreren Formationen gleichzeitig, halfen aus, wo immer gerade jemand ausgefallen war, und besuchten gegenseitig die Konzerte anderer Gruppen oder trafen sich auf Partys.

Auf diese Weise gelangte auch Till Lindemann Mitte der 1980er Jahre in die Punkszene. Ende 1985 bekam der spätere Rammstein-Frontmann ein Schlagzeug geschenkt, auf dem er allein und nur für sich ohne musikalische Kenntnisse trommelte. Ab und zu sang er auch bei seiner Arbeit als Korbflechter vor sich hin. Till kannte viele Jugendliche, die in Gruppen spielten, und er wollte selbst unbedingt Musik machen.

Am 04. 01. 1986 feierte er seinen 22. Geburtstag, lud sich ein paar Freunde und einige Amateurrock-Bands ein. Sie kamen vor allem aus Schwerin, wo Till einige Kontakte geknüpft hatte. Zu seinen Gästen gehörte Jörg E. Mielke, genannt Steve, der den Gruppen die Musikanlage besorgte. Till, der Steve erst nur flüchtig kannte, kam mit ihm ins Gespräch und erzählte ihm von seinen Drum-Versuchen. Steve schlug vor, dass sie einfach mal zusammen losjammen sollten, er an der Bassgitarre, Till am Schlagzeug und beide singend. Nach den ersten Treffen funktionierte das ganz gut, aber es fehlte zum Garagenbandglück noch ein Gitarrist. Doch der, für den sich die beiden entschieden, war ständig krank und zog dann auch noch in eine andere Stadt. Till und Steve verzichteten erst einmal auf einen festen Gitarristen und heuerten für die Proben und die ersten selbst organisierten Auftritte immer neue Kandidaten an. Allerdings holten sie sich Stefan Schröder als Sänger und beständiges Mitglied in die Band. Immer wieder schlossen sich andere Gastmusiker an, von denen auch mal einer Trompete blies. Das war für eine Punkband zwar nicht gerade üblich, aber die Truppe war für alle verrückten Einfälle und Späße offen, was ihnen den Status eines gefragten Geheimtipps verschaffte. Die Gruppe probte bei Steve oder Till zu Hause.

Der spätere Rammstein-Sänger lebte damals in einer Schilfkate in einem idyllischen Vogelschutzgebiet am Nordufer des Schweriner Sees, in der Nähe des Örtchens Hohen Viecheln. Das liegt rund 15 Kilometer südlich von Wismar entfernt und hat etwa 700 Einwohner. Dort, im Norden Mecklenburg-Vorpommerns, verknüpften sich die Wege der zukünftigen Rammstein-Mitglieder, als Paul und Flake mit Feeling B in Hohen Viecheln ein kleines ländliches Open-Air-Festival initiierten und als Hauptband Auftritte absolvierten, die für die Filmdokumentation „flüstern & SCHREIEN“ verwendet werden sollten.

Eine Woche hielt sich Feeling B bereits in Hohen Viecheln auf, als sie nach einer Kneipentour von einem Fotografen, der sich Poppke nannte und ihnen dort die Möglichkeit zum Spielen verschafft hatte, über einen unwegsamen Feldweg zu einem Haus gefahren wurden. Poppke wollte Feeling B einem Freund vorstellen. Die völlig alkoholisierten Musiker ließen laut und schrill eine Party steigen und kümmerten sich in ihrer Feierlaune gar nicht darum, dass weitere Menschen dort bei Kerzenlicht und Rotwein saßen. Der Hausherr war Till Lindemann, der auch anwesend war und die Jungs gewähren ließ.

Nach der feuchtfröhlichen Nacht besuchten sie das Häuschen, das Till sich zur Hälfte mit einer alten Dame teilte, immer wieder und freundeten sich mit dem zukünftigen Rammstein-Frontmann an.

Über Till lernten Paul und Flake noch ein weiteres späteres Rammstein-Mitglied kennen: Richard Kruspe, der von Till öfter mal als Gitarrist für First Arsch eingespannt wurde. Für Richard, der sich damals mit Gelegenheitsjobs über Wasser hielt, war das nicht der einzige Einsatz als Gitarrist. Er spielte hauptsächlich in der Punkband Das elegante Chaos.

Der Kontakt zwischen den nun schon vier späteren Rammstein-Musikern – Till, Paul, Flake und Richard – intensivierte sich. Sie standen ständig in Kontakt, und Paul und Flake, die mittlerweile zusammen in einer Wohngemeinschaft in Ostberlin lebten, fuhren regelmäßig zu Till, um bei ihm zu Hause Urlaub zu machen. Und sie spielten dort bereits zusammen Musik, denn auch Paul stieg zeitweise bei First Arsch ein.

Bei den ersten provokativen Auftritten auf der ersten kleinen First-Arsch-Tournee durch ein Dutzend DDR-Städte waren Richard und Paul als Aushilfe dabei. Beim Konzert wurden alte Autos verbrannt und die Bühne verwüstet. In der großen Trommel des Schlagzeugs befanden sich ein paar lebendige Hühner. Till sang immer die Zugaben und spielte dabei sogar Bass.

Richard stieg zusätzlich bei Die Firma ein, der Band, in der Paul neben Feeling B spielte und die zum Anknüpfungspunkt für ein weiteres späteres Rammstein-Mitglied werden sollte: Christoph Schneider. Der zukünftige Rammstein-Drummer gehörte von Anfang an seit 1983 zum treuen Publikum von Feeling B, das die Band über die Jahre hinweg begleitete. Christoph, damals ein junger Lehrling für Nachrichtentechnik, gründete 1984 mit 16 Jahren selbst eine Band mit Namen Sam’s Dice Group, benannt nach einem alten Jimi-Hendrix-Titel. Als ein Gruppenmitglied die DDR verließ und in den Westen abwanderte, fiel die Formation auseinander. Christoph ging danach drei Jahre als einziger der späteren Rammstein-Musiker zur Nationalen Volksarmee. In dieser Zeit wurde bei Christoph die Wut auf das DDR-System immer stärker genährt und es entstand sein Wunsch, dieses Gefühl nach außen zu tragen. Also rief er nach der Militärzeit 1988 die Punkband Keine Ahnung ins Leben und trommelte daneben für die Formation Frechheit. In dieser Phase ging Schneider, wie er oft kurz genannt wird, weiterhin zu den Konzerten von Feeling B und lernte schließlich die Musiker und ihr Umfeld kennen. Das bestand u. a. aus der befreundeten Punkband Die Firma, über die er Paul Landers kennenlernte. Die Formation war Ende der 1980er Jahre auf der Suche nach einem neuen Drummer, und Christoph stieg in die Band ein. Er kannte Paul bereits flüchtig und lernte ihn durch das Spielen in der Gruppe richtig kennen.

Und damit standen fünf der späteren Rammstein-Musiker bereits seit 1987 in Kontakt und spielten zusammen in Bands. Nur der Sechste im Bunde, Oliver Riedel, der ebenfalls aus Schwerin stammt und der Jüngste bei Rammstein ist, hatte damals – noch – keinen Zugang zur Musikszene und auch keine Verbindung zu seinen späteren Bandkollegen. Er lernte in der zweiten Hälfte der 1980er als Teenager den Beruf des Stukkateurs, den er nach seiner Ausbildung kurz ausübte, dies aber nur mit Widerwillen, denn die Musik fand er spannender. In den Jahren vor dem Fall der Mauer war Oliver aber noch vollauf mit Fassaden, Wänden und Gips beschäftigt. Zu seinem späteren Instrument, dem E-Bass, griff er erst kurz nach dem Ende der DDR.

Die anderen fünf hatten sich jedoch in ihren Bands eingerichtet und etablierten sich als Musiker. Besonders erfolgreich gelang das Flake und Paul, denn Feeling B war am Ende des Jahrzehnts eine in der ganzen DDR bekannte Band – die sich mit der Anerkennung durch die staatlichen Kulturinstanzen durch das sogenannte „Einstufen“ von ihren subkulturellen Wurzeln immer mehr entfernte. Um überhaupt öffentlich und offiziell Konzerte spielen und Schallplatten veröffentlichen zu können, was den meisten DDR-Untergrundbands nicht vergönnt war, musste sich Feeling B der Prozedur des Einstufens unterwerfen. Dazu stellten die Interpreten oder Bands vor der staatlichen Kulturbehörde ihre Songs vor. Eine Kommission beurteilte die Lieder nach ästhetischen und inhaltlichen Kriterien und entschied über eine Einstufung etwa als „Amateurtanzmusiker“, „Berufsmusiker“ oder „Kapellensänger“. Wurden Gruppen als „Musiktanzkapelle“ deklariert, war sie als Band offiziell anerkannt und genoss neben dem Recht zur öffentlichen Verbreitung der Musik Vergünstigungen, die anderen Musikgruppen verwehrt blieben. Zum Beispiel bekamen eingestufte Formationen problemlos Instrumente.

Genauso erging es Feeling B, die von der Kommission schon 1983 einen Ausweis als „Band der Sonderstufe“ bekamen, beim zweiten Vorspielen in die „Oberstufe“ aufstiegen und 1988 die „Sonderstufe mit Konzertberechtigung“ erreichten. Die Band nutzte ihre Möglichkeiten, tourte durch die sozialistische Republik und nahm 1989 mit „Hea Hoa Hoa Hoa Hea Hoa Hea“ auf dem alles beherrschenden Staats-Platten-label Amiga das erste offizielle Punkalbum der DDR auf.

Damit sammelten Flake und Paul mit Feeling B genauso wie Till, Richard und Christoph mit First Arsch, Das Elegante Chaos und Die Firma nicht nur wertvolle Erfahrungen als Musiker, sondern hatten gleichzeitig die Möglichkeit, die alltäglich erlittenen Frustrationen der DDR-Enge auszugleichen. Allerdings wurden diese Band-Kontexte, so gut sich die fünf auch immer darin eingelebt haben mochten, bald zu eng. Sie stießen an ihre künstlerischen Grenzen, und es brodelte in ihnen, sich weiterzuentwickeln. Am stärksten spürte Richard Kruspe dieses Gefühl, nicht weiterzukommen und seine musikalischen Ideen entwickeln zu können. Deshalb zog er 1988 mit 21 Jahren von Schwerin nach Ostberlin in den Bezirk Prenzlauer Berg. Richard fand dort keinen Anschluss. Er wohnte in einem kleinen Hinterhof in der Lychener Straße und übte nur einsam in seiner Wohnung auf seiner Gitarre vor sich hin.

Nach kurzer Zeit bekam Richard am 10. 10. 1989 heftig die Zeit der Wende zu spüren, die sein Leben und das der anderen zukünftigen Rammstein-Musiker in ungeahnte Bahnen lenken sollte. Richard geriet an diesem Tag durch Zufall in Ostberlin in eine der vielen damaligen Demonstrationen gegen das DDR-Regime. Polizisten kreisten ihn ein und brachten ihn auf einem LKW zu einer Polizeistation in Berlin-Weißensee, wo er grundlos drei Tage festgehalten wurde. Als Richard schließlich entlassen wurde, flüchtete er kurz vor dem Fall der Mauer am 09. 11. 1989 über die damalige Tschechoslowakei und Ungarn nach Österreich.

Zwei Tage vor Richards Verhaftung wäre auch Flake in Ostberlin fast Opfer der Polizei geworden. Er nahm mit Freunden Anfang Oktober 1989 an einer Demonstration an der Gethsemane-Kirche teil. Die Polizei kesselte seine Kumpel unter der U-Bahn in der Schönhäuser Allee ein. Alle wurden verhaftet, nur Flake nicht, der flüchten konnte, bevor es zur Eskalation kam. Als er zwei Tage danach mit seiner Band proben wollte, waren seine Freunde inhaftiert, und er stand allein im Proberaum.

Flake und Richard hatten hautnah erlebt, wie in diesen Wochen des Jahres 1989 die DDR-Regierung verzweifelt und brutal versuchte, ihre Staatsmacht aufrechtzuerhalten. Aber das System war ausgehöhlt und am Ende. Die Verschlechterung der wirtschaftlichen Lage und die Unfähigkeit der Regierung unter Erich Honecker, der Erneuerungspolitik des Ostblocks, die Sowjet-Chef Michail Gorbatschow federführend realisierte, zu folgen und den Bürgern mehr Freiheiten zu gewähren, hatten den Ärger der Menschen des Arbeiter- und Bauernstaates in gefährliche Höhen katapultiert. Der Unmut entlud sich allerdings nicht in Gewalttaten, sondern in unzähligen friedlichen Protestdemonstrationen gegen den DDR-Staat und für Meinungs-, Reise- und Pressefreiheit. Wie Richard Kruspe nutzten die Bürger zu Zehntausenden massenhaft das Schlupfloch Ungarn, das ab dem Sommer 1989 seine Grenze zu Österreich geöffnet hatte, um aus dem Land zu flüchten. Oder sie gelangten über deutsche osteuropäische Botschaften wie z. B. in Prag in die Freiheit des Westens.

Die DDR-Regierung reagierte hilflos und unschlüssig. Auf der einen Seite ließ sie Demonstranten niederknüppeln. Andererseits lockerte das sozialistische Regime die Zügel. Durften bereits Jahre zuvor gestandene Rockbands zu Konzerten in den Westen reisen, war das im Frühjahr 1989 auch unbekannteren Bands erlaubt. Vermutlich wollte die DDR-Führung unbequeme Musiker an den Westen loswerden, um die brodelnde Unzufriedenheit im Staate wenigstens ein wenig einzudämmen.

Jedenfalls wechselte Feeling B am 26. 05. 1989 zu einem Gig in Westberlin die Stadtseite und seitdem immer öfter, denn die Band hatte ein Visum bekommen, das ihr ermöglichte, für Konzerte in die Bundesrepublik zu reisen. Während die DDR langsam zusammenbrach, schmeckten Flake, Paul und die anderen Feeling-B-Mitglieder auf einer kleinen Tournee durch Westdeutschland schon die Freiheit.

Sie spielten ab und zu in Westberlin, wie auch am 09. 11. 1989 im Stadtteil Kreuzberg in einem Musikschuppen namens „Pike“. Von der Öffnung der Berliner Mauer wussten sie noch nichts, bis ein paar Ostberliner Musikerkollegen von der Band Die Skeptiker auf einmal in der „Pike“ standen. Die Band war wie vor den Kopf gestoßen, so unfassbar war diese Nachricht. Sie konnten sich noch gar nicht bewusst machen, dass die Mauer tatsächlich geöffnet worden war. Nach dem Konzert hatten sie das Bedürfnis, schnell wieder in den östlichen Teil Berlins zu gelangen. Aber die Grenzübergänge waren dermaßen mit Menschen überfüllt, dass ihnen nichts anderes übrig blieb, als in Westberlin mit reichlich Alkohol die neue Freiheit zu feiern.

Der dramatische Zusammenbruch der Deutschen Demokratischen Republik und ihr Beitritt zur Bundesrepublik Deutschland am 03. 10. 1990 waren Ereignisse von weltpolitischer Dimension, die das Leben der ehemaligen DDR-Bürger grundlegend veränderten. Die Freude über die Vereinigung zu einem deutschen Staat war natürlich im ersten Augenblick im wahrsten Sinne des Wortes grenzenlos. Doch bald stellten sich Fragen ein, weil nun Unsicherheiten mit den noch unbekannten neuen Einflüssen der westlichen Welt auftauchten. Wie würde es weitergehen? Welche Veränderungen setzten jetzt ein? Wie alle Menschen der ehemaligen DDR bewegten diese Fragen und Ängste auch Till, Flake, Richard, Oliver, Christoph und Paul.

Für sie bedeuteten die ersten Jahre nach der Wende vor allem, dass sie sich zu der Band verbündeten, in der sie bis heute zusammenspielen: Rammstein.

3. Nach dem Mauerfall: Die Gründungsphase

Der Untergang der DDR und damit die Öffnung nach Westen war für die Bürger des ehemaligen Arbeiter- und Bauernstaates eine schwer fassbare Situation. Nach 40 Jahren hatte sich die Gewissheit zementiert, dass sie wohl ewig im sozialistischen System ihr Leben fristen müssten. Dennoch hatten sie sich darauf verlassen können, und diese Sicherheit war jetzt verschwunden. Deshalb reagierten viele Ex-DDR-Bürger nach der ersten Euphorie zurückhaltend und verunsichert – wie auch Flake, Paul und Till, die ihre neuen Möglichkeiten noch gar nicht richtig einschätzen konnten. Viele DDR-Bürger merkten, dass mit dem Fall der Mauer eine Zäsur geschah, deren Tragweite sie in den ersten Wochen noch gar nicht richtig begreifen konnten. Schließlich veränderte sich ihr ganzes Leben. Auch für Till Lindemann waren die neuen Lebensumstände mit mulmigen Gefühlen verbunden, wie das Wom-Magazin in der Ausgabe 9/2004 meldete: „Ich hatte Angst und dachte, jetzt geht alles den Bach runter. Dadurch, dass man so eingesperrt war, fühlte man sich ja auch sicher.“ Er kaufte sich für sein Begrüßungsgeld im Westen, das jeder DDR-Bürger bekam, der zum ersten Mal nach der Grenzöffnung bundesrepublikanischen Boden betrat, sehr zurückhaltend und bescheiden lediglich Joghurt und Gummibärchen und fuhr dann lieber schnell wieder in seine Schweriner Heimat zurück.

Am schnellsten hatte Richard Kruspe die neue Situation verdaut. Er nutzte die gewonnene Freiheit sofort und war ruhelos aktiv. Nachdem er aus der DDR über Ungarn nach Österreich geflohen war, ging er kurz nach der Maueröffnung nach Westberlin. Aber er entdeckte dort keine künstlerischen Anknüpfungspunkte. Er fand keine Musiker, mit denen sich seine Ideen realisieren ließen. Schließlich zog er nach einem Jahr des Haderns und Zweifelns wieder nach Schwerin und kam bei Till Lindemann unter. Der spätere Rammstein-Gitarrist schloss sich als Bass-Mann kurzzeitig der Rockband Das Auge Gottes an, die von 1989 bis 1998 bestand. Aber das war für Richard nur eine Übergangslösung. 1991 schließlich gründete er die Formation Orgasm Death Gimmick und spielte dort Gitarre. Im Jugendmagazin NM!Messitsch berichtete Richard, der sich damals nur Sven Kruspe nannte, 1992 über die Gründung der Band: „Ich habe irgendwann auf der Suche nach Leuten für eine eigene Band Sascha, der jetzt bei uns Schlagzeug spielt, und Franziska von den Inchtabokatables getroffen. Wir haben so ein bissel rumgespielt, und Franzi fand das nicht so doll. Genau an dem Tag, als sie keine Lust mehr hatte, kam Martin (jetzt Bassist). Wir probierten und es funktionierte. Dietmar (Trompeter und Sänger der Band) hat ein gutes Jahr rumgehangen und Bücher gelesen … einfach übers Leben nachgedacht. Dann fing er aber an zu singen, und als Martin ihn fragte, ob er nicht einen guten Sänger kennen würde, sagte er, dass es eigentlich keinen guten Sänger gibt – bis auf einen natürlich. Und damit war die Band komplett.“

Orgasm Death Gimmick wurde Richards zentrale Band, doch er hatte weiterhin auch noch Kontakt zu Paul und Flake, die in Ostberlin auf dem Prenzlauer Berg in der Fehrbelliner Straße seit Mitte der 1980er Jahre zusammen in einer WG wohnten. Dort lebten sie in der Nachwendezeit mitten in der alternativen Szene, unter Künstlern, Hausbesetzern – und mussten oft fürchten, von neonazistischen Skinheads überfallen zu werden. Ihre Band Feeling B hatte ebenfalls in diesem Bezirk im „Wydoks“-Studio in der Schönhäuser Allee 5 seit Anfang 1990 ihre musikalische Zentrale. Zusammen mit Paul baute Richard dort ein 16-Spur-Studio auf, in dem Orgasm Death Gimmick im Winter 1991 ihre ersten Tapes aufnahmen, allerdings ohne Paul, der keine Zeit hatte.

Aus den Songs dieser Sessions entstand zwar keine CD, aber einige Textteile sind später bei Rammstein-Liedern eingeflossen, wie zum Beispiel „Sex is a battle, love is a war“. Das wurde auf dem ersten Album „Herzeleid“ in dem Lied „Wollt ihr das Bett in Flammen sehen“ wörtlich übersetzt zu: „Sex ist eine Schlacht, Liebe ist Krieg.“ In dieser Phase schrieb Richard auch Musikpassagen, die später in das Stück „Sehnsucht“, den Titelsong des zweiten Albums, integriert wurden.

Das Tape von Orgasm Death Gimmick verschickte Richard an einige Plattenfirmen, welche die Musik aber ablehnten. Ein zweites Band folgte später im Jahr 1993, wieder erfolglos. Vielleicht war den Labels die Mixtur aus Metal, Jazz, Grunge, Funk, Reggae, die Orgasm Death Gimmick angerührt hatten, zu ungewöhnlich. Für Richard war die Band durch diese vielen Quellen, aus denen sich die Songs speisten, ein Feld, auf dem er mit Sounds experimentieren konnte.

Damit er diese musikalischen Erfahrungen besser ausweiten konnte, probierte es Richard nach einem Jahr in Schwerin 1992 noch einmal mit Berlin und zog zu Christoph Schneider – der damals einen weiteren Mitbewohner hatte: Oliver Riedel.

Olli hatte mittlerweile seine Arbeit als Stukkateur aufgegeben und endlich, mit 20 Jahren, sein Interesse an der Musik verfolgt und zum elektronischen Bass gegriffen, auf den er sich spezialisierte. Als sich Oliver genügend Erfahrung zusammengespielt hatte, bekam er die Chance bei den Inchtabokotables einzusteigen, einer Ostberliner Band, die 1992 gerade ihr erstes Album „Inchtomanie“ auf den Markt gebracht hatte. Sie sorgt mit ihrer Stilmischung aus Folk, Punk, Hardrock, Industrial und Mittelalter-Rock für einige Furore in der deutschen Rocklandschaft. Die Inchtabokatables – der Name ist ein australischer Slangausdruck für „Zechpreller“ – gründeten sich 1991 und hatten eine für eine Rockgruppe merkwürdige Besetzung. Die Bandmitglieder spielten zwei Geigen, ein Cello, einen Bass und das Schlagzeug. E- und Konzertgitarren fehlten völlig. Die Inchies oder Inchties, wie sie von ihren Fans wegen des Zungenbrechernamens oft nur kurz genannt wurden, entlockten ihren Instrumenten virtuos eine wilde Musikmischung, sodass sie schnell von den Medien Etikette wie „Die geigenden Derwische“, „Fetziger Keltenpogo“ oder „Diabolisches Virtuosentum“ aufgedrückt bekamen.

Nach „Inchtomanie“ stieg die Bassistin Franzi Underdrive, mit bürgerlichem Namen Franziska Schuber, aus, weil sie schwanger war. Für die Zeit ihrer Babypause suchten die Inchtabokatables einen Ersatz und fragten Oliver Riedel, der zögerlich in die Band einstieg. Er machte von Anfang an klar, dass er nur ein Jahr dabei sein wollte – was auch so geschah. Oliver spielte zusammen mit den Inchies 1993 das Album „White Sheep“ und ein Jahr später „Ultra“ ein und sammelte dazu auf vielen Konzerten Live-Erfahrungen mit der Band, die auf der Popularitätsleiter immer weiter nach oben kletterte. So hätte es weitergehen können.

Aber es sollte anders kommen, denn Oliver bemerkte nach einiger Zeit, dass er lieber andere Musik machen wollte, als die Inchies ihm hatten bieten können. Er merkte, dass er künstlerisch in einer Sackgasse angekommen war – und er war damit nicht allein, denn fast jeden der späteren Rammstein-Musiker befiel in dieser Zeit dieses Gefühl der Stagnation.

Auch Paul und Flake spürten, dass es mit Feeling B nicht weiterging. Schon seit dem Ende der 1980er Jahre hatten die beiden musikalische Ideen und eine Experimentierlust, die sie mit der Band nicht ausleben konnten. Sie gründeten in dieser Zeit der Vor-Wende als Zweiergespann die Magdalene Keibel Kombo, in der sie zusammen mit einem immer wieder wechselnden Gast-Drummer Texte improvisierten und Lieder spielten wie „Graf Zahl“, bei dem sie einfach zählten, bis es dem Publikum zu viel wurde. Mit solchen kreativen Nebenprojekten ging es munter bis 1993 weiter. Paul und Flake spielten im Verbund überall mit, wo sie sich kreativ austoben konnten. Sie waren zum Beispiel bei Doom Desaster, bei Tacheles, Kashmir, New Affaire, Stoffwechsel, Frigitte Hodenhorst Mundschenk, B. R. O. N. X., den anderen, den Happy Straps, Freygang und bei Die drei von der Tankstelle dabei. Paul produzierte viele dieser Bands, und er und Flake spielten neben Keyboard und Gitarre auch mal das Schlagzeug.

Beide interessierten sich seit Ende der 1980er und Anfang der 1990er Jahre mehr und mehr für elektronische Klänge wie Dub-Musik oder Techno und brachten, wenn sie zu Till Lindemann an den Schweriner See fuhren, die ersten Acid-House-Klänge aus Berlin in die ländliche Idylle mit, die sie von einem Freund in London geliefert bekamen. Diese Sounds waren damals brandneu und setzten bereits einen kleinen Anker im musikalischen Gedächtnis der Musiker. Bei Feeling B führten sie aufgrund dieses Einflusses Anfang der 1990er Jahre einen Drum-Computer ein.

Hinzu kam, dass Paul und Flake dank einer Tour durch die USA im Februar und März 1993 mit der damals aktuellen US-Musik in Berührung gekommen waren – aber nicht nur sie, denn es war ein neuer Drummer dabei, der den alten Schlagzeuger Winfried Knoll ersetzte: Christoph Schneider.

Knoll selbst hatte Christoph seit 1990 als seinen Nachfolger vorgeschlagen und war immer wieder von ihm vertreten worden. Schließlich wechselte Christoph von den Bands Die Firma, Keine Ahnung und der italienischen Formation Quatered Shadows als Drummer hinüber zu Feeling B.

Und so war er dabei, als die Band 1993 in den USA bei ländlichen Festivals und Club-Auftritten auf wenig Interesse und eine große Portion Unverständnis stieß und eine für alle Beteiligten schreckliche Reise erlebte. Positiv an dem Trip war allerdings, dass sie mit einer Menge neuer Musik in Berührung kamen wie Grunge und vor allem elektronischer Musik. Paul, Flake und Schneider öffneten die Ohren weit und sogen die neuen Einflüsse begierig auf. Mehr und mehr wollten sie ihre musikalischen Möglichkeiten ausloten und waren endgültig dabei, den charmanten Punk-Dilettantismus der frühen Tage weit hinter sich zu lassen.

Genau das passte dem Bandchef Aljoscha Rompe nicht. Er wollte weitermachen wie bisher und mit Mitte 40 allmählich ein bürgerlicheres Leben führen. Deshalb lehnte er großartige Veränderungen ab. Also nahmen Flake und Paul immer mehr das künstlerische Ruder von Feeling B in die Hand und arbeiteten Ende 1993 eine Vorproduktion des mittlerweile vierten Albums von Feeling B aus. Sie präsentierten die neuartig klingenden Songs mit Aljoscha, der von einer Ägyptenreise zurückgekommen war, im November dieses Jahres. Für die neuen Sounds hatten sie sich einen Sampler mit einem internen Sequenzer zugelegt. Sie konnten damit Tonfolgen oder Breakbeats ablaufen lassen und dazu spielen. Die neuen Ideen waren richtungsweisend für die Zukunft. Feeling B arbeiteten zum ersten Mal mit Computern. Paul zupfte die Gitarre, Schneider mischte Loop-Sequenzen und Drums dazu. In dieser Zeit entstanden einige Stücke, die teilweise später bei Rammstein verwendet wurden.

Feeling B wollten den musikalischen Kurs der Band ändern, aber das wollte ihr Sänger Aljoscha nicht. Er konnte mit den maschinellen und eingängigeren Klängen nichts anfangen und weigerte sich, Texte für die Stücke zu schreiben und zu der Musik zu singen. Paul Landers versuchte, ihn umzustimmen, doch das gelang nicht.

Hinzu kam, dass Flake und Paul sahen, dass sie mit Feeling B nach der Vereinigung beider deutscher Staaten nicht mehr denselben Erfolg haben konnten wie noch zu DDR-Zeiten. Weder in Westdeutschland und schon gar nicht auf internationalen Bühnen war die ehemalige DDR-Formation gefragt.

Weihnachten 1993 gaben Feeling B ein Konzert, bei dem Paul, Flake und Christoph das Gefühl hatten, dass sie eigentlich aufhören müssten. Sie brachen den Gig ab. Als Erster sagte Schneider, dass er keine Lust mehr habe. Für Flake und Paul war es schon schwieriger, aus der Band zu gehen, immerhin hatten sie ein Jahrzehnt Feeling B hinter sich.

Allerdings half ihnen bei der Entscheidungsfindung eine gute Ausweichmöglichkeit, die ihnen Richard Kruspe bot. Er hatte ebenfalls langsam genug von seiner Band Orgasm Death Gimmick. Er war unzufrieden, denn Richard stocherte bei der Suche nach einem passenden Sound immer noch im Nebel. Neue Impulse erhoffte er sich durch die Beschäftigung mit US-amerikanischer Musik.

Schließlich reiste er zusammen mit Till Lindemann und Oliver Riedel nach Nordamerika. Die drei kamen zum ersten Mal in ein Land, das für Richard nach den Erfahrungen mit dem einengenden totalitären DDR-System ein Symbol für Freiheit in jeglicher Hinsicht bedeutete. Im Bildband „Rammstein“ berichtet er, dass der USA-Besuch ihm deutlich vor Augen führte, welche Musik er machen wollte: „Dort habe ich aber eigentlich erst begriffen, wie wichtig es ist, dass man seine eigene Identität sucht, findet, entdeckt und sie festhält für sich … Mir wurde klar, dass die Musik, die ich bis dahin gemacht habe, nichts mit mir zu tun hat. So bin ich nach Deutschland zurückgekehrt, und mir kam die Idee, ein Projekt zu schaffen, das mit deutscher Musik zu tun hat. Ich wollte versuchen, Maschinen und Gitarren zusammenzubringen, harte Gitarren. Das war die Grundidee.“1

Allein wollte und konnte Richard seine Vorstellung einer neuen Musik nicht realisieren und fragte deshalb erst Oliver Riedel, ob er dabei sein wollte, dann Christoph Schneider. Der zurückhaltende Olli überlegte, denn bis dato war er ja bei den Inchtabokatables und verdiente gutes und regelmäßiges Geld. Was würde ihn bei dem Projekt erwarten, das im Gegensatz zu seiner aktuellen Hauptband noch auf sehr wackeligen Füßen stand und leicht kippen konnte? Aber Oliver ging das Risiko ein und entschied sich für den Einstieg in die neue Gruppe und den Ausstieg bei den Inchtabokotables. Christoph Schneider musste nicht lange überredet werden, er war sofort mit Feuereifer dabei, und das Dreiergespann fing Ende 1993 an, erst mal draufloszurocken und dann allmählich die ersten Songs einzuspielen.

Sie sahen das Unterfangen zunächst als einen vorsichtigen Versuch an, der aber sehr gut funktionierte – bis auf die Schwierigkeit, Worte und Töne zur selben Zeit für ein Lied zu finden. Richard beschloss deshalb, sich nur auf das Komponieren und Spielen zu konzentrieren. Ein anderer sollte die Texte schreiben und sie auch singen.

In Frage kam dafür Till Lindemann, der seit etwa 1990 begonnen hatte, Gedichte zu schreiben – und vielleicht auch singen konnte. Richard erinnerte sich daran, dass er eines Tages am Schweriner See Till Lindemanns Stimme lauschte. Er kam auf die Idee, dass er als Sänger zu ihm und Schneider dazustoßen könnte. Till besaß zu jener Zeit eine kleine Werkstatt, in der er Körbe anfertigte. Er sang dann und wann bei der Arbeit. Richard hörte das und war von der Stimme des späteren Rammstein-Frontmanns fasziniert. Er nahm den Gesang auf, einige Wochen später rief er Till an und fragte ihn begeistert, ob er nicht Lust hätte zu singen. Till zögerte lange, aber schließlich gelang es Richard, ihn zu überreden, nach Berlin zu kommen und gemeinsam zu proben.

Christoph Schneider empfand diese ersten Gesangsversuche als katastrophal. Aber Till gab nicht auf, wie Schneider in der Bandbiografie „Feeling B – Mix mir einen Drink“ erzählt: „Danach ließ er sich ein Tape mitgeben und hat zu Hause englisch draufgesungen. Man konnte damals eigentlich nicht dran glauben, dass er mal ein guter Sänger wird.“2

Für das neue Projekt hörte Till bei First Arsch auf, denn auch er kam mit der Band nicht weiter. Sie hatte 1992 das englischsprachige Album „Saddle up“ aufgenommen, bei dem Tatjana Besson von Die Firma Flöte mitspielte, die in jenem Jahr als Ex-Stasi-Informantin enttarnt wurde, wodurch sich die alte Besetzung ihrer Band auflöste. Auch Paul Landers war mit der Gitarre an dem Album beteiligt. Till übernahm einige Gesangsparts und spielte ansonsten seine Drums. Er fing in dieser Zeit sogar an, Schlagzeugunterricht zu nehmen, weil er sich musikalisch entwickeln und Erfolg haben wollte, denn „Saddle up“ verkaufte sich nicht gut. Also ließ er sich doch auf das neue Projekt zusammen mit Richard, Oliver und Schneider ein und zog sogar nach Berlin, damit sie dort besser zusammenarbeiten konnten.

Die Vier spielten trotz Tills erster schrecklicher Gesangsleistungen weiter zusammen, und es entstanden erste Aufnahmen. Damals wurde in Berlin ein Contest für Newcomer-Bands namens Metrobeat-Festival initiiert. Der Preis für den Sieger war eine Woche Aufnahmezeit in einem professionellen Studio. Die Voraussetzung der Teilnahme war die Einsendung eines Demo-Tapes.

Das damals noch namenlose Quartett nahm in Richards Wohnung lediglich mithilfe eines Vier-Spur-Aufnahmegeräts und einem Drum-Computer vier englischsprachige Lieder auf, die noch sehr nach zeitgemäßem US-Metal klangen. Zu jener Zeit musste Till tagsüber arbeiten, sodass er nur nachts seine Texte intonieren konnte. Die Aufnahmen kamen sofort sehr gut an: Richard, Till, Schneider und Olli gewannen auf Anhieb den Metrobeat-Wettbewerb. Also bekam die Formation vom Berliner Senat als Preis die Möglichkeit, die vier eigenen Songs eine Woche in einem gut ausgestatteten Studio aufzunehmen.