Die Freikugel - Gustave Aimard - ebook

Die Freikugel ebook

Gustave Aimard

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Opis

Weltliteratur erleben – eine Wild-West- und Indianer-Saga voller Liebe und Leid, Tod und Intrigen: Der verurteilte Volkstribun Villaud Varenne flieht 1793 nach Amerika und wird vom Comanchenhäuptling Sperber vor dem Hungertod gerettet. Schwarzfußindianern nehmen ihn auf und er heiratet. Sein Sohn Natah-Otann, Weißer Bison genannt, wächst bei den Franzosen auf, wird jedoch schließlich ein gefürchteter Krieger, der eine Siedlerfamilie zu Tode martert. Die Tochter verschont und liebt er. Die Mutter, für tot gehalten und als böser Geist gefürchtet, entkommt und bekämpft die Indianer. Und auch Freikugel, ein kanadischer Trapper, soll nach dem Willen Natah-Otann am Marterfahl sterben, doch der Grafen de Beaulieu rettet ihn. Andererseits beabsichtigt Natah-Otann den Grafen als "wiedergekehrten Montezuma" für sich gewinnen und verkauft deshalb einer besiegten Siedlerfamilie Land ab. Deren Siedler-Tochter Diana verliebt sich in den Grafen. Der Graf, dessen Diener Ivon und Freikugel folgen Natah-Otann in sein Dorf. Der Franzose rettet bei der Jagd Lianenblüte vor einem Puma. Die beiden verlieben sich ineinander. Zum unbestrittenen Kanon der Weltliteratur gehört dieses Meisterwerk Gustave Aimards mit anhaltendem und vielfältigem Einfluss auf den lesenden Menschen und die Literaturgeschichte – bis heute. Spannend und unterhaltend, vielschichtig und tiefgründig, informativ und faszinierend sind die E-Books großer Schriftsteller, Philosophen und Autoren der einzigartigen Reihe "Weltliteratur erleben!".

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Gustave Aimard

Freikugel

Inhaltsverzeichnis
Freikugel
1 Ein Jägerlager
2 Die Entdeckung einer Fährte
3 Die Auswanderer
4 Natah-Otann, der Graue Bär
5 Die Unbekannte
6 Die Verteidigung des Lagers
7 Der indianische Häuptling
8 Der Geächtete
9 Lianenblüte
10 Der große Rat
11 Die amerikanische Gastfreundschaft
12 Die Wölfin der Prärien
13 Ankunft im Dorf der Kenhas • Indianer vom Blut
14 Der Empfang
15 Der Weiße Bison
16 Der Spion
17 Fort Mackenzie
18 Die Bekenntnisse einer Mutter
19 Die Jagd
20 Indianische Diplomatie
21 Mutter und Tochter
22 Ivon
23 Der Operationsplan
24 Das Lager der Schwarzfüße
25 Vor der Schlacht
26 Der Rote Wolf
27 Der Sturm
28 Jedem nach seinen Werken

1 Ein Jägerlager

Amerika ist das Land der Wunder! Alles gelangt dort zu einer so gewaltigen Entwicklung, daß die Phantasie davor erschrickt und der Verstand stillsteht. Die Berge, Flüsse, Seen und Ströme sind nach einem erhabenen Muster gebildet.

Hier erblicken wir einen Strom des nördlichen Amerika, der nicht mit der Rhône, der Donau oder dem Rhein zu vergleichen ist, deren Ufer mit Städten, Anpflanzungen oder alten, durch die Länge der Zeit verwitterten Schlössern bedeckt, deren Nebenflüsse unbedeutende Gewässer sind und deren in ein zu enges Bett gezwängte Strömung hastig dem weiten Weltmeer entgegenbraust. Sein Wasser ist tief und geräuschlos, seine Breite gleicht einem Meeresarm, sein Anblick ist stolz und streng wie die wahre Größe, und seine Fluten, die unzählige Nebenflüsse geschwellt haben, gleiten majestätisch dahin und benetzen sanft den Rand der tausend Inseln, die sich aus seinem Schlamm gebildet haben. Jene Inseln, die mit hohen Bäumen bedeckt sind, strömen einen würzigen und herrlichen Duft aus, den die Luft weiterträgt. Ihre Einsamkeit wird durch keinen anderen Laut als den sanften und klagenden Ruf der Taube oder das heisere und durchdringende Geheul des Jaguars unterbrochen, der sich unter den Schatten des Waldes lagert.

Hier und da sammeln sich die Bäume, die entweder durch die Zeit verwittert oder vom Sturm entwurzelt worden sind, auf dem Wasser; dort verbinden sie sich teils durch die Gewinde der Schlingpflanzen, teils durch den Schlamm, der sich dazwischen festsetzt, und bilden schwimmende Inseln; junge Bäumchen fassen auf ihnen Wurzel, der Peitia und die Wasserlilie öffnen ihre gelben Blüten dort, Schlangen, Vögel und Alligatoren wählen jene grünen Fähren zu ihrem Tummelplatz oder Ruhepunkt und werden mit ihm vom Weltmeer verschlungen. Jener Strom hat keinen Namen!

Andere, die unter derselben Breite liegen, heißen Nebraska, Platte, Jener Strom trägt einfach den Namen Mécha-Chébé, der alte »Vater der Wässer«, der Strom der Ströme, mit einem Wort: der Mississippi! Sein Lauf ist so ausgedehnt und unbegreiflich wie die Unendlichkeit; seinen Ruf umgibt wie den Ganges und den Irawadi ein geheimnisvolles, unheimliches Dunkel, doch ist er für die zahlreichen indianischen Volksstämme, die seine Ufer bewohnen, das Urbild von Fruchtbarkeit, Unendlichkeit, Ewigkeit!

Am 10. Juni des Jahres 1834 saßen zwischen zehn und elf Uhr morgens drei Männer am Ufer des Stromes, ein wenig unterhalb der Stelle, wo er sich mit dem Missouri vereinigt, und verzehrten ihr Frühstück, das aus einem Stück gebratenen Hirschfleisches bestand. Die Stelle, an der sie sich niedergelassen hatten, war eine der malerischsten, die man sich vorstellen kann. Der Strom bildete dort eine anmutig geschwungene Biegung, die von Hügeln eingefaßt war, die im reichsten Blumenschmuck prangten. Die Unbekannten hatten die Spitze des höchsten Hügels zum Ruhepunkt gewählt, von wo aus der Blick ein prachtvolles Panorama umfaßte. Zunächst breiteten sich dichtbewaldete Haine vor ihnen aus, die beim Hauch des Windes auf und ab zu wogen schienen; während sich auf den Inseln des Stromes unzählige Herden rotgeschwingter Flamingos auf ihren langen Beinen wiegten, Regenvögel und Kardinäle von Zweig zu Zweig hüpften und sich ungeheure Alligatoren träge im Schlamm wälzten. Zwischen den Inseln spiegelten sich die Sonnenstrahlen in den silbernen Fluten. Inmitten jenes blendenden Lichtscheins tummelten sich allerhand Fische auf der Oberfläche des Wassers und zogen schimmernde Furchen. Endlich zeigten sich, soweit der Blick reichen konnte, die Gipfel der Bäume, die Prärie einfaßten und die ihre dunkelgrünen Spitzen nur wenig am fernen Horizont zeigten.

Die drei Männer aber, die wir schon erwähnten, waren viel zu sehr damit beschäftigt, ihren heißhungrigen Jägermagen zu befriedigen, um sich im geringsten der Naturschönheiten zu erfreuen, die sie umgaben. Ihre Mahlzeit war übrigens nach wenigen Minuten beendet, und als die letzten Bissen verschlungen waren, zündete der eine seine indianische Pfeife an, während der andere eine Zigarre aus der Tasche zog. Hierauf streckten sie sich auf den Rasen und überließen sich mit jener Behaglichkeit, die den Rauchern eigen ist, dem Genuß einer guten Verdauung, indem sie mit träumerischen Blicken dem bläulichen Rauch folgten, der bei jedem Zug, den sie taten, in langen Säulen emporwirbelte. Der dritte hingegen lehnte sich mit dem Rücken gegen einen Baumstamm, Wir wollen die kurze Frist benutzen, die uns die Jäger lassen, um sie dem Leser vorzustellen und ihn näher mit ihnen bekannt zu machen. Der erste war ein Kanadier von gemischter Abkunft, der etwa fünfzig Jahre alt sein mochte; er nannte sich Freikugel. Er hatte sein ganzes Leben in der Prärie und unter den Indianern zugebracht und war mit allen ihren Schlichen genau vertraut.

Freikugel war wie die Mehrzahl seiner Landsleute von hoher Gestalt, denn er maß über sechs englische Fuß; seine Glieder waren hager und dürr, seine Arme großknochig, aber mit stahlharten Muskeln versehen. Sein knochiges gelbes, dreieckiges Gesicht trug den Charakter ungewöhnlicher Offenheit und Munterkeit, und seine kleinen grauen, blitzenden Augen leuchteten voll Verstand. Seine vorspringenden Backenknochen, seine Nase, die über den breiten Mund herabhing, aus dem lange und weiße Zähne schimmerten, und sein spitzes Kinn bildeten zugleich das seltsamste und ansprechendste Ganze, das sich denken läßt. In seiner Kleidung wich er in nichts von der Tracht der übrigen Waldläufer ab, d. h. sein Anzug bildete ein seltsames Gemisch indianischer und europäischer Mode, die sämtliche Jäger und weißen Trapper der Prärie angenommen haben.

Seine Waffen bestanden aus einem Messer, einem Paar Pistolen und einer amerikanischen Büchse, die gegenwärtig neben ihm im Gras, aber doch im Bereich seiner Hand lag.

Sein Gefährte war ein Mann von dreißig, höchstens zweiunddreißig Jahren, der jedoch kaum fünfundzwanzig zu zählen schien und hochgewachsen und Wohlgestalt war. Seine blauen Augen, deren sanfter, träumerischer Blick etwas Weibisches hatte, sowie die dicken Locken blonder Haare, die sich unter den breiten Rändern seines Panamahutes hervorstahlen und nachlässig auf seine Schultern wallten, und die weiße Farbe seiner Haut, die gegen die olivenfarbene, sonnengebräunte Färbung des Jägers grell abstach, deuteten an, daß er nicht unter dem warmen Himmel Amerikas geboren war.

Jener junge Mann war ein Franzose, hieß Charles Eduard de Beaulieu und stammte von einem der ältesten Geschlechter der Bretagne ab. Die Grafen de Beaulieu haben zwei Kreuzzügen beigewohnt. Charles de Beaulieu verbarg aber unter der etwas weibischen Außenseite den Mut eines Löwen, der sich durch nichts abschrecken oder einschüchtern ließ. Er war nicht nur in allen Leibesübungen bewandert, sondern besaß überdies eine überraschende Kraft, und unter der feinen Haut seiner weißen, aristokratischen Hände schwellten sich eiserne Muskeln. In einem von jeder Zivilisation so abgeschnittenen Land hätte jedermann, der sich die Zeit genommen hätte, darüber nachzudenken, die Kleidung des Grafen sehr auffallend finden müssen. Er trug einen mit Tressen besetzten grünen Jagdrock nach französischem Schnitt, der über der Brust zugeknöpft war; safrangelbe, hirschlederne Hosen, die mittels eines Gürtels aus Glanzleder um die Hüften befestigt waren, in dem ein Paar prachtvolle Kuchenreutersche Pistolen, eine Patronentasche und ein Jagdmesser in einem Futteral von gebräuntem Stahl mit kunstvoll gearbeitetem Heft steckten; seine Reiterstiefeln reichten ihm bis über die Knie herauf. Seine Büchse mit gezogenem Lauf lag gleich der seines Gefährten auf Armeslänge neben ihm im Gras; jene reichverzierte Waffe war mit dem Namen »Lepage's« bezeichnet und mußte eine unermeßliche Summe gekostet haben.

Der Graf de Beaulieu, dessen Vater den Prinzen in die Verbannung gefolgt und ihnen vorerst in der Condéschen Armee und dann in allen royalistischen Umtrieben eifrig gedient hatte, die während der Kaiserzeit unablässig im Gang waren, bekannte sich seiner politischen Gesinnung nach zu den Ultraroyalisten. Frühzeitig verwaist und Herr eines bedeutenden Vermögens, trat er zuerst unter den Musketieren und später unter der Leibgarde in militärischen Dienst.

Nach dem Sturz Karls X. empfand der Graf, der seine Karriere vernichtet sah, eine tiefe Mutlosigkeit und einen unüberwindlichen Lebensüberdruß. Europa war ihm verhaßt geworden, und er beschloß, es auf immer zu meiden. Er übertrug einem zuverlässigen Mann die Verwaltung seines Vermögens und schiffte sich dann nach den Vereinigten Staaten Nordamerikas ein.

Aber das enge, egoistische, kleinliche Leben in Amerika sagte ihm nicht zu, und der junge Mann konnte ebensowenig die Amerikaner begreifen wie sie ihn. In seinem Durst nach Abenteuern und mit einem Herzen, das sich von den unzähligen Niederträchtigkeiten und Treulosigkeiten, die er die Nachkommen der Pilger von Plymouth täglich begehen sah, tief verletzt fühlte, beschloß er eines Tages, sich dem traurigen Schauspiel, das sich seinen Blicken stündlich bot, dadurch zu entziehen, daß er in das Innere des Landes eindrang und die ungeheuren Steppen und Prärien durchstreifte, aus denen die Ureinwohner vertrieben worden waren, die den Verrätereien und Bübereien ihrer ränkesüchtigen Eroberer weichen Der Graf hatte aus Frankreich einen alten Diener mit herübergebracht, dessen Vorfahren bereits seit Jahrhunderten im Dienste der Familie Beaulieu gestanden hatten. Ehe sich der Graf einschiffte, teilte er Ivon Kergollec seine Pläne mit und stellte ihm frei, ob er zurückbleiben oder ihm folgen wolle; der Diener schwankte nicht lange in seiner Wahl, sondern antwortete einfach, daß sein Herr das Recht habe, zu tun, was ihm beliebe, ohne seinen Diener deshalb zu befragen, und da es andererseits unzweifelhaft die Pflicht des letzteren sei, ihm überallhin zu folgen, werde er sich dieser auch nicht entziehen. Als aber der Graf beschloß, die Prärien zu durchstreifen, hielt er es für angemessen, seinen Diener davon in Kenntnis zu setzen; er erhielt aber dieselbe Antwort wie früher.

Ivon war ungefähr vierzig Jahre alt, und seine Erscheinung bot einen ziemlich vollendeten Typus des kecken, zugleich arglosen und schlauen Bauern aus der Bretagne. Sein Wuchs war klein und untersetzt, seine Glieder aber waren wohlgebildet, seine Brust breit, und sein Bau verriet überhaupt tüchtige Kraft. Sein ziegelrotes Gesicht wurde durch ein paar schlau blitzende Augen belebt, die wie Funken leuchteten. Ivon Kergollec, dessen Leben bisher in den glänzenden Räumen des Palastes der Familie Beaulieu friedlich verflossen war, hatte die ruhigen, regelmäßigen Sitten des Dieners eines vornehmen Hauses angenommen; und da er nie in die Lage gekommen war, Proben seines Mutes abzulegen, wußte er nicht, ob ihm diese Eigenschaft zu Gebote stehe. Obwohl er seinem Herrn bereits seit mehreren Monaten auf dessen Reisen folgte und sich mitunter in einer gefährlichen Lage befunden hatte, waren seine Zweifel noch keineswegs beseitigt; er zweifelte nämlich an sich selbst und war sogar fest überzeugt, daß er nicht mehr Mut habe als ein Hase. Es war daher merkwürdig genug zu sehen, wie Ivon nach einem Zusammentreffen mit den Indianern, bei dem er mit dem Mut eines Löwen gekämpft und wahre Wunder der Tapferkeit vollbracht hatte, sich demütig bei seinem Herrn entschuldigte, daß er sich so schlecht benommen habe, da er noch nicht daran gewöhnt sei, sich zu schlagen.

Es versteht sich von selbst, daß ihm der Graf unter ausgelassenem Gelächter verzieh und ihn damit zu trösten suchte, denn der arme Teufel fühlte sich über seine vermeintliche Feigheit ernstlich unglücklich, hoffend, daß er wahrscheinlich beim nächstenmal besser bestehen und sich mit der Zeit an ein Leben gewöhnen werde, das so verschieden von demjenigen sei, das er bisher geführt hatte.

Bei solchen Tröstungen schüttelte der würdige Diener traurig den Kopf und antwortete mit tiefer Überzeugung: »Nein, nein, Herr Graf, ich werde mir nie Mut aneignen können; ich fühle es, der Mangel an Mut ist mir angeboren, und ich bin ein unheilbarer Feigling, das weiß ich nur zu gut.« Ivon Kergollec trug eine vollständige Livree, doch war er in Anbetracht der Umstände ebenso vollständig bewaffnet wie seine Gefährten, und seine Büchse lag ebenfalls zur Hand neben ihm im Gras. Drei prächtige Pferde voll Feuer und Ungeduld standen wenige Schritte von den Reisenden, die wir eben geschildert haben, angepflockt und verzehrten sorglos ihre Mahlzeit, die aus grünen Erbsenblättern und dem jungen Bewuchs der Bäume bestand.

Wir haben vergessen, zwei seltsame Gewohnheiten zu erwähnen, die Herrn de Beaulieu eigen waren. Die erste bestand darin, daß er fortwährend ein niedliches Lorgnon, das an einer schwarzen Schnur um seinen Hals hing, im rechten Auge eingeklemmt trug; zweitens trug er ständig Glacéhandschuhe, die, wie wir bekennen müssen, zum großen Bedauern des jungen Herrn anfingen, bedeutend an Glanz und Frische zu verlieren.

Wie kam es, und welcher seltsame Zufall hatte es gefügt, daß Menschen, die sich durch Geburt, Gewohnheiten und Erziehung so bedeutend unterschieden, sich in einer Einöde, die über sechshundert Meilen von jedem zivilisierten Wohnort entfernt war, und am Ufer eines – wenn auch nicht völlig unbekannten, doch bisher noch unerforschten – Stromes freundschaftlich nebeneinander auf dem Rasen gelagert hatten und eine mehr als einfache Mahlzeit brüderlich miteinander teilten? Das wollen wir nun dem Leser mit wenigen Worten erklären, indem wir ihm einen Auftritt mitteilen, der sich sechs Monate früher, ehe unsere Erzählung beginnt, zugetragen hatte.

Freikugel war ein entschlossener Mann, der außer der Zeit, in der er im Dienst der Pelzwarengesellschaft stand, immer allein gejagt und getrappt hatte, denn er verachtete die Indianer zu tief, um sie zu fürchten, und es gewährte ihm einen Genuß, den der Tapfere begreifen wird, ihnen allein Trotz zu bieten, und ein unwillkürlicher Reiz trieb ihn immer wieder, sich ohne anderen Schutz als den des Allmächtigen immer neuen, noch unbekannten Gefahren auszusetzen.

Die Indianer kannten und fürchteten ihn seit langer Zeit. Häufig hatten sie sich mit ihm gemessen und sich seinen Händen fast immer mit schweren Verwundungen und unter Zurücklassung einer nicht unbedeutenden Anzahl von Toten entrissen. Sie hatten daher dem Jäger einen echt indianischen Haß, den nichts versöhnen kann, geweiht, und nur der qualvolle Tod des Opfers vermochte ihrer Rache zu genügen. Weil sie aber wußten, welch einen Mann sie vor sich hatten, und kein Verlangen trugen, die Zahl der Opfer zu vermehren, die unter seiner Hand bereits gefallen waren, beschlossen sie mit jener Geduld, die ihrem Volk eigen ist, auf einen günstigen Augenblick zu warten, um sich ihres Opfers zu bemächtigen, und sich bis dahin damit zu begnügen, seine Bewegungen zu beobachten, damit er ihnen auf keinen Fall entgehe. Freikugel jagte gegenwärtig längs der Küsten des Missouri. Weil er sich beobachtet wußte und unwillkürlich vor einem Hinterhalt auf der Hut war, traf er alle Vorsichtsmaßnahmen, die ihm sein erfinderischer Geist und seine neue Kenntnis der indianischen Hinterlist eingaben. Eines Tages, als er die Küste des Flusses durchforschte, schien es ihm, als ob in einem in geringer Entfernung stehenden Gebüsch eine unmerkliche Bewegung wahrzunehmen sei. Er blieb stehen, streckte sich auf den Boden und kroch langsam auf das Gebüsch zu. Plötzlich schien der Wald bis in seine innersten, unerforschten Tiefen zu erbeben, ein Schwarm Indianer schien aus dem Boden zu wachsen, sprang von den Gipfeln der Bäume, tauchte hinter den Felsen auf, und der Jäger, buchstäblich unter seinen Feinden begraben, sah sich zu vollständiger Wehrlosigkeit verdammt, ehe er eine Bewegung hatte machen können, um sich zu verteidigen. Freikugel wurde im Nu entwaffnet; hierauf trat ein Häuptling zu ihm, reichte ihm die Hand und sagte kaltblütig: »Mein Bruder kann aufstehen, die roten Krieger erwarten ihn.«

»Schon gut«, antwortete der Jäger brummend; »wir sind noch nicht zu Ende, Indianer, und ich werde mich zu rächen wissen.« Der Häuptling lächelte. »Mein Bruder gleicht dem Spottvogel«, antwortete er höhnend; »er redet zuviel.«

Freikugel biß sich auf die Lippen, um einen Fluch zu unterdrücken, der ihm auf der Zunge schwebte; er stand auf und folgte seinen Bezwingern. Er war der Gefangene der Piekanns, des kriegerischsten Stammes der Schwarzfüße. Der Häuptling, der sich seiner bemächtigt hatte, war sein persönlicher Feind.

Jener Häuptling nannte sich Natah-Otann, d. h. »Grauer Bär«. Es war ein Mann von höchstens fünfundzwanzig Jahren, und sein feines, intelligentes

Gesicht trug das Gepräge der Ehrlichkeit. Sein hoher Wuchs, seine wohlgebildeten Glieder und sein kriegerischer Anblick machten ihn zu einem bedeutenden Mann. Sein langes schwarzes, sorgfältig gescheiteltes Haar fiel nachlässig auf seine Schultern herab.

Er trug wie alle ausgezeichneten Krieger seines Volkes ein Hermelinfell am Hinterkopf und um den Hals ein Band aus Bärenklauen und Bisonzähnen – dieser sehr kostspielige Schmuck wird bei den Indianern in hohen Ehren gehalten. Sein Hemd bestand aus Bisonfell, hatte kurze Ärmel und war am Halsausschnitt mit einer Art Überschlag von scharlachrotem Tuch versehen, der mit Stacheln des Stachelschweins besetzt war; die Nähte jenes Kleidungsstückes waren mit Menschenhaaren, die den geraubten Skalps entnommen waren, bestickt; das Ganze vervollständigte eine Ausschmückung, die aus kleinen Streifen Hermelinpelz bestand. Seine Mokassins, von denen jeder eine andere Farbe hatte, prangten in der feinsten Stickerei. Sein Mantel aus Bisonfell war innen mit einer Unzahl buntfarbiger, ungestalteter Figuren bedeckt, die die Heldentaten des jungen Kriegers darstellen sollten. In der rechten Hand trug Natah-Otann einen Fächer, der aus dem vollständigen Flügel eines Adlers bestand, und am Handgelenk hing an einer Schlinge die kurze Peitsche mit langen Riemen, die den Indianern in der Prärie eigen ist; über der Schulter hingen sein Bogen und ein Köcher aus Jaguarfell, in dem seine Pfeile steckten; an seinem Gürtel hingen seine Jagdtasche, sein Pulverhorn, sein langes Jagdmesser und seine Streitaxt. Sein Schild hing über die linke Hüfte herab. Sein Flinte lag quer über dem Hals seines Pferdes, das statt des Sattels ein prachtvolles Jaguarfell trug. Das ungebändigte Kind der Wälder bot mit seinem wallenden Mantel und seinen langen, wehenden Federn auf dem ungezähmten Roß, das der Indianer gewandt zu tummeln verstand, einen ebenso ergreifenden wie großartigen Anblick.

Natah-Otann war der erste Sachem seines Stammes. Er winkte dem Jäger, ein Pferd zu besteigen, das einer seiner Krieger am Zügel hielt, worauf die ganze Truppe im Galopp nach dem Lager des Stammes davonsprengte. Natah-Otann jagte zu der Zeit den Bison in den Ebenen des Missouri. Er hatte die Dörfer seines Volkes nebst 150 auserlesenen Kriegern bereits vor zwei Monaten verlassen.

Der Weg wurde schweigend zurückgelegt. Der Häuptling schien sich keineswegs um seinen Gefangenen zu kümmern. Obgleich sich letzterer scheinbar unbeobachtet sah und ein vortreffliches Pferd ritt, versuchte er kein einziges Mal zu entfliehen. Er hatte seine Lage auf den ersten Blick erkannt und bemerkt, daß ihn die Indianer nicht aus den Augen verloren und ihn, wenn er flüchten wollte, sofort wieder einfangen würden. Die Piekanns hatten ihr Lager auf dem Abhang eines bewaldeten Hügels aufgeschlagen.

Während zweier Tage schienen sie ihren Gefangenen vollständig vergessen zu haben, den sie mit keinem Wort anredeten. Am Abend des zweiten Tages wandelte Freikugel gleichmütig auf und ab und rauchte gelassen sein Kalumet.

Natah-Otann trat zu ihm. »Ist mein Bruder bereit?« sagte er zu ihm. »Wozu?« antwortete der Jäger, indem er stehenblieb und eine gewaltige Rauchwolke von sich blies.

»Zu sterben«, erwiderte der Häuptling lakonisch.

»Vollkommen.«

»Gut, mein Bruder wird morgen sterben.«

»Meint Ihr?« erwiderte der Jäger sehr kaltblütig.

Der Indianer blickte ihn einen Augenblick verwundert an, dann wiederholte er: »Mein Bruder wird morgen sterben.«

»Ich habe es sehr wohl verstanden, Häuptling«, antwortete seinerseits der Kanadier lächelnd, »und ich wiederhole Euch: Meint Ihr?« »Mein Bruder kann sehen«, fügte der Sachem mit bedeutsamer Gebärde hinzu.

Der Jäger schüttelte den Kopf. »Bah!« sagte er gleichgültig. »Ich sehe wohl, daß alle Vorbereitungen getroffen – und zwar gewissenhaft getroffen – sind; was ist aber damit bewiesen? Vorläufig bin ich, wie mir scheint, noch am Leben.«

»Ja, aber bald wird mein Bruder tot sein.«

»Wir werden ja morgen sehen«, antwortete Freikugel achselzuckend. Hierauf ließ er den Häuptling verblüfft stehen, streckte sich in den Schatten eines Baumes und schlief ein.

Der Schlaf des Jägers war so wenig erheuchelt, daß die Indianer am anderen Tag gezwungen waren, ihn zu wecken. Der Kanadier öffnete die Augen, gähnte zwei- bis dreimal aus Herzensgrund und stand auf. Die »Nun«, wandte sich Natah-Otann hohnlachend zu ihm, »was denkt mein Bruder jetzt?«

»Wie?« versetzte Freikugel mit jener unerschütterlichen Zuversicht, die sich keinen Augenblick verleugnete. »Glaubt Ihr denn, daß ich schon tot bin?«

»Nein, aber in einer Stunde wird mein Bruder tot sein.« »Bah«, erwiderte der Kanadier gleichmütig, »in einer Stunde kann sich manches ereignen.«

Natah-Otann entfernte sich, innerlich entzückt über die unerschrockene Haltung seines Gefangenen. Nachdem er sich einige Schritte entfernt hatte, besann er sich anders und kehrte zu Freikugel zurück. »Mein Bruder höre«, sagte er; »ein Freund redet zu ihm.«

»Redet, Häuptling«, antwortete der Jäger, »ich bin ganz Ohr!« »Mein Bruder ist ein starker Mann, sein Herz ist groß«, fuhr Natah-Otann fort; »er ist ein furchtbarer Krieger.«

»Darüber könnt Ihr einigermaßen urteilen, nicht wahr?« antwortete der Kanadier.

Der Sachem unterdrückte eine Äußerung des Mißmuts. »Das Auge meines Bruders ist unfehlbar und seine Hand sicher«, fuhr er fort. »Sagt lieber gleich, was Ihr bezweckt, Häuptling, und ergeht Euch nicht in so vielen indianischen Umschweifen.«

Der Häuptling lächelte. »Freikugel ist allein«, sagte er mit sanfter Stimme; »seine Kämpfe sind einsam. Warum hat ein so großer Krieger keine Gefährtin?«

Der Jäger blickte sein Gegenüber durchdringend an. »Was kümmert es Euch?« antwortete er.

Natah-Otann fuhr fort: »Das Volk der Schwarzfüße ist mächtig; die jungen Frauen des Stammes der Piekanns sind schön.«

Der Kanadier fiel ihm lebhaft ins Wort: »Genug, Häuptling!« sagte er. »Trotz der Winkelzüge, deren Ihr Euch bedient habt, um mir Euren seltsamen Antrag zu machen, habe ich Euch doch durchschaut.« Der Jäger fuhr fort: »Ich werde niemals eine indianische Frau zu meiner Gefährtin wählen. Ihr könnt Euch daher fernere Anträge ersparen, die doch zu keinem befriedigenden Resultat führen würden.« Der Häuptling stampfte zornig mit dem Fuß und schrie: »Hund von einem Bleichgesicht! Heute abend sollen meine jungen Leute Kriegspfeifen aus deinen Knochen machen, und ich selbst will Feuerwasser aus deinem Schädel trinken!«

Nach dieser furchtbaren Drohung verließ der Häuptling den Jäger, der ihm achselzuckend nachblickte und in sich hineinmurmelte: »Das entscheidende Wort ist noch nicht gesprochen! Es ist nicht das erstemal, daß ich mich in einer verzweifelten Lage befinde, und bis jetzt bin ich stets davongekommen; ich wüßte nicht, weshalb ich diesmal weniger glücklich sein sollte! Ich will es mir zur Lehre dienen lassen und ein andermal vorsichtiger sein!«

Der Häuptling hatte unterdessen Befehl gegeben, die Vorbereitungen zur Todesmarter zu betreiben, und diese schritten ihrer Vollendung entgegen. Freikugel folgte den Bewegungen der Indianer so neugierig und unbefangen, als handle es sich um jemand ganz anderen als ihn. »Jaja, ihr Burschen«, sagte er, »ich sehe euch wohl; ihr bereitet alle Marterwerkzeuge vor: dort ist das grüne Holz, das bestimmt ist, mich einzuräuchern wie einen Schinken; jetzt schnitzt ihr die kleinen Pflöcke, die ihr unter meine Nägel zwängen wollt. Aha«, fügte er mit vollkommen befriedigter Miene hinzu, »ihr wollt mit dem Flintenschießen anfangen; laßt sehen, ob ihr geschickt seid! Was wird das für ein Fest für euch! Wie werdet ihr euch unterhalten, einen wackeren weißen Jäger zu Tode zu martern! Der Teufel mag wissen, welche verrückten Einfälle euch noch durch den Kopf fahren werden. Beeilt euch aber, sonst könnte es sein, daß ich euch entwischte!«

Während dieses Monologs hatten einige der geschicktesten Krieger des Stammes ihre Flinten erfaßt und sich ungefähr zwanzig Schritte vom Gefangenen entfernt aufgestellt. Das Schießen begann. Sämtliche Kugeln schlugen wenige Linien vor dem Gefangenen auf den Boden, und der Jäger schüttelte nach jedem Schuß den Kopf wie ein durchnäßter Pudel, was den Anwesenden zum besonderen Vergnügen gereichte.

Diese Unterhaltung währte bereits einige Minuten und versprach sich noch viel länger auszuspinnen, denn die Schwarzfüße fanden zu entschiedenes Vergnügen daran; plötzlich aber sprengte ein Reiter in die Mitte der Waldlichtung und zerstreute die Indianer, die ihm in den Weg traten, mit Peitschenhieben. Hierauf nützte er die durch seine unerwartete Ankunft entstandene Bestürzung, eilte auf den Gefangenen zu, sprang vom Pferd, zerschnitt ruhig seine Fesseln, gab ihm ein Paar Pistolen und stieg wieder auf sein Tier. Das alles hatte sich in wesentlich kürzerer Zeit ereignet, als wir gebraucht haben, um es zu erzählen.

»Bei Gott«, rief Freikugel vergnügt aus, »ich wußte wohl, daß ich diesmal noch nicht sterben würde!«

Die Indianer lassen sich durch kein Gefühl – welcher Art es auch sein mag – lange beherrschen; nachdem sich der erste Schrecken gelegt hatte, umringten sie die beiden Männer mit Geschrei, geschwungenen Waffen und wütenden Gebärden.

»Platz gemacht! Fort mit euch Schurken!« rief der Neuangekommene in befehlendem Ton, indem er diejenigen scharf mit der Peitsche züchtigte, die unvorsichtig genug waren, in seinen Bereich zu kommen. »Kommt jetzt!« fügte er, zum Jäger gewandt, hinzu. »Ich bin zufrieden«, antwortete dieser; »doch scheint mir die Sache nicht eben leicht.« »Bah! Versuchen wir unser Heil«, erwiderte der Unbekannte, indem er gelassen das Lorgnon ins rechte Auge klemmte.

»Versuchen wir unser Heil!« antwortete Freikugel. –

Jener Unbekannte, der von der Vorsehung bestimmt zu sein schien, den Jäger zu befreien, war kein anderer als der Graf Charles Eduard de Beaulieu, den der Leser ohne Zweifel bereits erkannt hat. »Holla!« rief der Graf mit lauter Stimme aus. »Komm hierher, Ivon!« »Hier bin ich, Herr Graf!« antwortete eine Stimme aus dem Wald. Ein zweiter Reiter kam hierauf in die Waldlichtung gesprengt und stellte sich kaltblütig neben den ersten. Der zuletzt Angekommene war Ivon Kergollec, der Kammerdiener des Grafen.

Die drei Männer, die kaltblütig in der Mitte der Indianer standen, die sie heulend umringten, boten einen seltsamen Anblick. Der Graf saß mit dem Lorgnon im Auge stolz aufgerichtet auf seinem Pferd, und indem er einen hochmütigen Blick um sich warf und die Oberlippe verächtlich aufwarf, untersuchte er das Schloß seiner Büchse. Freikugel hielt in jeder Hand eine Pistole und war entschlossen, sein Leben teuer zu verkaufen, während der Diener gelassen auf den Augenblick wartete, wo er Befehl erhalten würde, auf die Wilden einzustürmen.

Die Indianer, die die Unerschrockenheit der Weißen zur höchsten Wut reizte, forderten sich gegenseitig durch Gebärden und Geschrei auf, eine schnelle Rache an den Unbesonnenen zu nehmen, die sich so unvorsichtigerweise in ihre Hände geliefert hatten.

»Die Indianer sind ausnehmend häßlich«, bemerkte der Graf. »Jetzt sind Sie frei, mein Freund, wir haben folglich nichts mehr hier zu suchen und können gehen.« Er schickte sich an, sich Bahn zu brechen. Die Schwarzfüße schritten vor.

»Sehen Sie sich vor!« rief Freikugel aus.

»Was fällt Ihnen ein?« erwiderte der Graf achselzuckend. »Die Schlingel werden es sich doch nicht etwa einfallen lassen, mir den Weg versperren zu wollen?«

Der Jäger blickte ihn auf eine Weise an, die auszudrücken schien, daß er Zweifel habe, ob er einen Verrückten oder ein mit Vernunft begabtes Wesen vor sich habe, so unerhört kam ihm die Äußerung des Grafen vor. Der Graf gab seinem Pferd die Sporen.

»Zum Teufel!« brummte Freikugel in sich hinein. »Er wird sich umbringen lassen; aber er ist trotzdem ein unerschrockener Patron, und ich werde ihn gewiß nicht verlassen.« Der Augenblick war allerdings entscheidend, denn die Indianer hatten sich in dichten Massen zusammengeschart und waren im Begriff, einen verzweifelten Angriff auf die drei Männer zu wagen. Ein solcher Angriff wäre auf jeden Fall entscheidend gewesen, denn die Europäer entbehrten jeden Schutzes und mußten sich vollständig den Hieben ihrer Feinde preisgeben, denen zu entkommen sie nicht hoffen konnten.

Seit der Ankunft des Grafen schien der indianische Sachem wie vor Schreck gelähmt zu sein, denn er hatte sich nicht gerührt, sondern starrte vor sich hin und schien heftig bewegt zu sein. Plötzlich, als die Schwarzfüße teils ihre Flinten anlegten, teils ihre Bogen mit Pfeilen versahen, schien Natah-Otann einen Entschluß gefaßt zu haben; er stürzte vor, schwang seinen Bisonmantel in der Luft und schrie mit lauter Stimme: »Halt!«

Die Indianer leisteten dem Befehl ihres Häuptlings augenblicklich Folge. Hierauf trat der Sachem drei Schritte vor, verneigte sich ehrerbietig vor dem Grafen und sagte in unterwürfigem Ton: »Mein Vater wolle seinen Kindern vergeben, sie kannten ihn aber nicht; mein Vater ist groß, seine Macht ist unermeßlich, seine Güte unendlich, und er wird vergessen, was Beleidigendes in ihrem Benehmen gelegen hat.«

Freikugel hörte die Anrede verwundert an und verdolmetschte sie dem Grafen, indem er unumwunden gestand, daß ihm die Sache unbegreiflich wäre.

»Es wird nichts weiter sein«, antwortete der Graf lächelnd, »als daß sie Furcht bekommen haben.«

»Hm«, brummte der Jäger, »das ist nicht wahrscheinlich, dahinter steckt etwas anderes. Wie dem auch sei – wir müssen eine List gebrauchen.« Er wandte sich hierauf zu Natah-Otann und sagte: »Der große bleiche Häuptling ist mit der Ehrerbietung zufrieden, die seine roten Kinder für ihn hegen, und verzeiht ihnen.«

Natah-Otann legte seine Freude an den Tag.

Die drei Männer schritten durch die Reihen der Indianer, die bereitwillig zur Seite traten, und begaben sich in den Wald, ohne daß man ihren Rückzug zu hindern suchte.

»Gott sei Dank!« rief Freikugel aus, sobald er sich in Sicherheit sah. »Aber«, fügte er kopfschüttelnd hinzu, »darunter steckt etwas, das ich nicht begreifen kann.«

»Jetzt, mein Freund«, sagte der Graf, »steht es Ihnen frei, zu gehen, wohin Sie wollen.« Der Jäger bedachte sich einen Augenblick. »Hören Sie«, antwortete er nach einer Weile, »ich verdanke Ihnen das Leben; und obwohl ich Sie nicht kenne, scheinen Sie doch ein guter Kamerad zu sein.« »Sie beschämen mich«, erwiderte der Graf lächelnd.

»Wahrlich nicht; ich sage, was ich denke. Wenn es Ihnen recht ist, wollen wir wenigstens so lange beisammen bleiben, bis ich meine Schuld abgetragen und Ihnen gleichfalls das Leben gerettet habe.« Der Graf reichte ihm die Hand und antwortete bewegt: »Ich danke Ihnen, mein Freund, und nehme Ihr Anerbieten an.«

»Es gilt!« rief der Jäger vergnügt aus, indem er die dargereichte Hand herzlich drückte. Der Bund war geschlossen.

Freikugel, der sich anfangs aus Dankbarkeit dem Grafen angeschlossen hatte, empfand bald eine wahrhaft väterliche Zuneigung für ihn, doch war ihm das Benehmen des jungen Mannes, der stets so handelte, wie er es in Frankreich getan haben würde, auch in der Folge ebenso unbegreiflich wie am ersten Tag, und die kecke Entschlossenheit und kräftige Handlungsweise des jungen Grafen spotteten der alten Erfahrung des Jägers. Ja es ging so weit, daß der Kanadier, der wie alle rohen Naturen abergläubisch war, sich schließlich für überzeugt hielt, daß das Leben des jungen Grafen gefeit sei, weil er wohlbehalten aus Gefahren hervorging, in denen jeder andere untergegangen wäre. Infolgedessen dünkte ihm in Begleitung eines solchen Gefährten kein Ding unmöglich, und die seltsamsten Vorschläge des Grafen erschienen ihm um so einfacher, als unbegreiflicherweise und wider alle Erwartung alle ihre Unternehmungen glückten.

Die Indianer schienen sich stillschweigend entschlossen zu haben, nicht nur nicht mehr gegen sie zu kämpfen, sondern sogar jede Begegnung mit ihnen zu vermeiden. Sooft sie einem Wilden begegneten – gleichviel, von welchem Stamm – , erschöpfte er sich in Äußerungen der Ehrerbietung vor dem Grafen, den sie nur mit einer Mischung von Schrecken und Liebe anredeten. Den Grund dafür suchte der Jäger vergebens zu erforschen, weil sich nie eine Rothaut dazu verstanden hätte, ihm Rede zu stehen. – So standen die Dinge bereits sechs Monate vor dem Tag, wo wir die drei Männer am Ufer des Mississippi beim Frühstück getroffen haben. Wir nehmen den Faden unserer Erzählung wieder an der Stelle auf, wo wir ihn verlassen haben, und schließen hiermit die eingeschaltete Erklärung, die zum Verständnis der folgenden Ereignisse unerläßlich war. 

2 Die Entdeckung einer Fährte

Unsere drei Jäger würden wahrscheinlich ihre beschauliche Ruhe noch lange genossen haben, wenn nicht ein leises Geräusch, das vom Fluß herkam, sie plötzlich und etwas unsanft an die notwendige Wachsamkeit gemahnt hätte, die ihre Lage erforderte.

»Was ist das?« fragte der Graf, indem er mit den Fingerspitzen die Asche von seiner Zigarre stieß.

Freikugel schlich ins Gebüsch, schaute sich kurze Zeit um und nahm dann gelassen seinen früheren Platz wieder ein. »Nichts«, sagte er, »als zwei Alligatoren, die im Schlamm miteinander schäkern.«

Es folgte eine Pause, während der der Jäger stillschweigend die Länge der Schatten, die Bäume auf den Boden warfen, berechnete. »Es ist zwölf Uhr vorüber«, sagte er.

»Glauben Sie?« erwiderte der Graf.

»Ich glaube es nicht, sondern bin dessen gewiß, Herr Graf.« Herr de Beaulieu richtete sich auf. »Lieber Freikugel«, sagte er, »ich habe Sie schon wiederholt gebeten, mich weder ›Herr‹ noch ›Graf‹ zu nennen. Wir stehen hier doch wahrlich nicht in Paris oder in einem Salon des Faubourg Saint-Germain. Wozu sind wir in der Wildnis, umgeben von jener großartigen Natur, wenn mich der aristokratische Titel bis hierher verfolgen soll? Wenn mich Ivon Herr Graf nennt, so finde ich es natürlich, denn einem so alten Diener würde es schwerfallen, eine so langjährige Gewohnheit abzulegen. Mit Ihnen ist es aber etwas anderes, Sie sind mein Freund und Genosse; nennen Sie mich daher Charles oder Eduard, nach eigener Wahl; nur verbitte ich mir künftig zwischen uns den Grafen.« »Gut«, antwortete der Jäger, »ich werde mir Mühe geben, Herr Graf.« »Hol Sie der Teufel! Da fangen Sie schon wieder an!« rief der junge Mann lachend aus. »Sie können, wenn es Ihnen zu schwer fällt, mich bei meinem Taufnamen zu rufen, mich auch so nennen, wie es die Indianer tun.« »Welcher Einfall!« versetzte Freikugel abwehrend.

»Wie heißt denn gleich der Ehrentitel, den sie mir beigelegt haben, Freikugel? Ich habe es schon vergessen.«

»Ach, Herr, ich werde mir nie erlauben – «

»Was?«

»Eduard, wollte ich sagen – «

»Gut, das klingt schon besser«, erwiderte der junge Mann lächelnd; »ich bestehe aber auf jenem Beinamen.«

»Man nennt Sie ›Gläsernes Auge‹.«

»Richtig, Gläsernes Auge«, antwortete der junge Mann mit herzlichem Lachen. »Man muß gestehen, daß jene Indianer ganz originelle Einfälle »Die Indianer«, erwiderte Freikugel, »sind nicht so arglos, wie Sie glauben, sondern besitzen eine wahrhaft teuflische Arglist.«

»Ach, schweigen Sie doch, Freikugel; ich habe Sie stets im Verdacht gehabt, eine kleine Schwäche für die Rothäute zu hegen.« »Können Sie das von mir behaupten, der ich ihr unversöhnlichster Feind bin und bereits seit beinahe vierzig Jahren mit ihnen kämpfe?« »Das ist ja, weiß Gott, der einfache Grund, weshalb Sie Ihre vierzigjährigen Feinde in Schutz nehmen.«

»Wie meinen Sie das?« fragte der Jäger, den diese Antwort überraschte, die er keineswegs erwartet hatte.

»Mein Gott, der Grund ist einfach genug! Will doch niemand mit einem Feind zu tun haben, der seiner unwürdig ist; und es ist daher natürlich, daß Sie die Ehre derjenigen retten wollen, die Sie Ihr Leben lang bekämpft haben.«

Der Jäger schüttelte den Kopf. »Mein Herr Eduard«, sagte er bedächtig, »die Rothäute sind Leute, die man erst nach langen Jahren kennenlernt. Sie vereinigen in sich nicht nur die Schlauheit des Opossums ihrer Wälder, sondern auch die Vorsicht der Schlange und den Mut des Jaguars; in einigen Jahren werden Sie sie nicht mehr verachten.«

»So Gott will, Kamerad«, entgegnete der Graf lebhaft, »habe ich die Prärie vor Ablauf des Jahres verlassen. Jaja, ich bin ein Freund der Zivilisation und sehne mich nach den Pariser Boulevards, Bällen, Festen und der großen Oper. Die Wildnis ist keineswegs für mich gemacht.« Der Jäger schüttelte wieder den Kopf und fuhr in einem schwermütigen Ton, der dem Grafen unwillkürlich auffiel, fort, mehr mit sich selbst redend als dem Grafen antwortend. »Jaja, so sind die Europäer; sobald sie in der Wildnis anlangen, sehnen sie sich nach dem Leben der zivilisierten Welt, denn die Vorzüge der Einöde lernt man erst allmählich schätzen; wenn man aber den Wohlgeruch der Steppen eingeatmet, während langer Nächte das Geflüster der hundertjährigen Bäume und das Geheul der wilden Tiere in den Urwäldern gehört, die unerforschten Pfade der Prärie betreten und die großartige Natur bewundert hat, die keiner Kunst ihren Reiz verdankt, sondern allenthalben das Gepräge der Hand Gottes trägt, dessen Walten sich in unauslöschlichen Zügen ausspricht; wenn man endlich den erhabenen Schauspielen beigewohnt hat, die sich dem Auge hin und wieder darbieten, faßt man allmählich eine Zuneigung zu jener geheimnisvollen Welt voll seltsamer Abenteuer, die Augen öffnen sich für die Wahrheit, und man wird unwillkürlich gläubig; und nachdem man die Lügen der Zivilisation abgestreift, durch alle Poren die reine Luft der Berge und Prärien eingesogen hat und völlig umgewandelt ist, lernt man Gefühle kennen, die einen bisher unbekannten Reiz besitzen, erfreut sich berauschender Genüsse und erkennt keinen anderen Herrn an als den Gott, vor dessen Größe man so klein erscheint. Man vergißt alles, um für immer ein Wanderleben zu führen und in der Wildnis bleiben zu können, denn nur dort fühlt man sich frei und glücklich, wird mit einem Wort zum Menschen! Ja, reden Sie, was Sie wollen, Herr Graf; was Sie auch immer tun – Sie sind jetzt der Wildnis verfallen. Sie haben deren Freuden und Leiden empfunden und können ihr nicht mehr entfliehen! Sie werden weder Frankreich noch Paris so bald wiedersehen, denn die Wildnis hält Sie wider Willen gefangen.«

Der junge Mann hörte die lange Rede des Jägers mit einer Bewegung an, deren er sich nicht erwehren konnte. Er erkannte innerlich, daß der Waldläufer zwar übertreibe, im Grunde aber doch recht habe, und war fast erschrocken, das so unbeschränkt einräumen zu müssen. Er wußte nicht, was er antworten sollte, und mußte sich stillschweigend für besiegt erklären; er brach daher den Gegenstand der Unterhaltung plötzlich ab. »Sie sagten, mein Freund«, bemerkte er, »daß es zwölf Uhr vorüber sei.« »Ungefähr ein Viertel auf eins«, antwortete der Jäger.

Der Graf zog seine Uhr. »Ganz recht«, erwiderte er.

»Ja«, fuhr der Jäger fort, indem er mit dem Finger auf die Sonne deutete, »das ist die einzig untrügliche Uhr, die nie vorgeht oder zurückbleibt, denn Gott selbst hat sie geordnet.«

Der junge Mann nickte bejahend mit dem Kopf. »Wollen wir wieder aufbrechen?« fragte er.

»Warum denn jetzt?« antwortete der Kanadier. »Es drängt uns ja nichts.« »Das ist wahr; sind Sie aber auch gewiß, daß wir uns nicht verirrt haben?« »Verirrt?« rief der Jäger verwundert aus und hatte fast Lust, sich zu ereifern. »Nein, nein, das ist unmöglich, und ich stehe Ihnen dafür, daß wir den Itascasee noch vor acht Tagen erreichen werden.« »Entspringt der Mississippi wirklich aus jenem See?«

»Ja, denn trotz aller Gegenbehauptungen ist der Missouri nur der Hauptarm des Stromes, und die Gelehrten würden besser getan haben, sich zuvor selbst davon zu überzeugen, ehe sie aussprengten, daß der Missouri und der Mississippi zwei verschiedene Ströme seien.« »Wir werden es nicht ändern können, Freikugel«, antwortete der Graf lachend, »daß sich die Gelehrten aller Zeiten und Länder stets gleichbleiben werden. Da sie alle von Natur sehr bequem sind, verläßt sich fortwährend einer auf den anderen, und daraus entstehen die unzähligen Albernheiten, die sie mit bewunderungswürdiger Zuversicht verbreiten. Wir müssen uns drein ergeben.«

»Die Indianer lassen sich nicht täuschen.«

»Ganz recht; die Indianer sind aber keine Gelehrten.«

»Nein, sie begnügen sich, selbst nachzusehen, und behaupten nur, was sie wissen.«

»Das meine ich eben«, antwortete der Graf.

»Wenn Sie meinem Rat folgen, Herr Eduard, so bleiben wir noch einige Stunden hier, um die stärkste Hitze abzuwarten, und brechen erst wieder auf, wenn die Sonne anfängt zu sinken.«

»Vollkommen einverstanden; fahren wir also fort zu ruhen. Ivon scheint übrigens unsere Ansicht zu teilen, denn er hat sich noch nicht von der Stelle gerührt.«

Der Bretone schlief in der Tat tief und fest.

Der Graf war aufgestanden, und ehe er sich wieder hinstreckte, warf er unwillkürlich einen Blick auf die Ebene, die sich still und majestätisch zu seinen Füßen ausbreitete. »Schau«, rief er plötzlich aus, »was geht denn da unten vor sich? Sehen Sie doch, Freikugel!«

Der Jäger stand auf und blickte nach der vom Grafen angedeuteten Richtung.

»Nun? Sehen Sie nichts?« fuhr der junge Mann fort.

Freikugel legte die Hand vor die Augen, um die Sonnenstrahlen abzuwehren, und blickte, ohne zu antworten, aufmerksam in die Ferne. »Nun?« fragte der Graf wieder nach einer Weile.

»Wir sind nicht mehr allein«, entgegnete Freikugel; »es sind Menschen »Wieso Menschen? Wir haben ja keine indianische Fährte gefunden.« »Ich habe nicht gesagt, daß es Indianer wären«, antwortete Freikugel. »Nun, auf solche Entfernung dürfte es Ihnen vermutlich schwerfallen, zu sagen, wer es ist.«

Freikugel lächelte. »Sie legen fortwährend Ihren Maßstab aus der zivilisierten Welt an, mein Herr Eduard«, antwortete er. »Was soviel heißt...?« fragte der junge Mann, der sich durch die Bemerkung innerlich verletzt fühlte.

»Was soviel heißt, als daß Sie sich fast immer irren.«

»Bei Gott, lieber Freund, Sie werden mir – abgesehen von meinem Unglauben – wohl zugestehen, daß es auf eine solche Entfernung unmöglich ist, irgendeinen Gegenstand zu unterscheiden; besonders wenn man nichts sieht als etwas weißlichen Rauch!«

»Und ist das nicht genug? Glauben Sie denn, daß der Rauch immer das gleiche Ansehen habe?«

»Das scheint mir ein subtiler Unterschied zu sein, und ich muß bekennen, daß in meinen Augen jede Rauchwolke der anderen gleicht.« »Darin liegt eben der Irrtum«, antwortete der Kanadier mit großer Kaltblütigkeit. »Und wenn Sie erst einige Jahre in der Prärie verlebt haben werden, lassen Sie sich gewiß nicht mehr auf solche Weise täuschen.« Herr de Beaulieu blickte ihn scharf an, denn er war überzeugt, daß sich der Jäger über ihn lustig mache.

Jener fuhr gelassen fort: »Was wir dort unten sehen, ist weder ein Indianer- noch ein Jägerfeuer, sondern rührt von Weißen her, die an das Leben der Prärie noch nicht gewöhnt sind.«

»Das werden Sie mir erklären, nicht wahr? Denn es klingt unglaublich.« »Ich bin zufrieden, und Sie werden bald zugeben müssen, daß ich recht habe. Merken Sie wohl auf, Herr Eduard, denn der Gegenstand ist wichtig.«

»Es wird Ihnen jedenfalls bekannt sein«, fuhr der Jäger mit unerschütterlicher Ruhe fort, »daß das, was man die Wildnis nennt, sehr bevölkert ist.«

»Gewiß«, antwortete der junge Mann lächelnd.

»Nun wohl, aber die schlimmsten Feinde in den Prärien sind nicht die reißenden Tiere, wohl aber die Menschen. Die Indianer und die Jäger wissen das auch so gut, daß sie eifrig bemüht sind, die Spuren ihrer Gegenwart zu vertilgen und ihre Nähe zu verbergen.«

»Das gebe ich zu.«

»Wohlan; wenn also die Rothäute oder die Jäger genötigt sind, ein Feuer anzubrennen – entweder um ihre Nahrungsmittel zu bereiten oder sich vor der Kälte zu schützen – , so wählen sie sorgfältig das Holz, dessen sie sich bedienen wollen, und gebrauchen die Vorsicht, nur trockenes Holz zu verbrennen.«

»Warum das lieber als jedes andere, das sehe ich nicht ein.« »Sie werden es sogleich begreifen. Das trockene Holz gibt nur einen bläulichen Rauch, der sich leicht mit dem Blau des Himmels verbindet, wodurch er selbst in geringer Entfernung unsichtbar bleibt. Das nasse Holz hingegen entwickelt einen weißlichen, dicken Rauch, der die Nähe derjenigen, die es angezündet haben, schon von weitem verrät; daher konnte ich aus dem bloßen Rauch bestimmen, wie ich es eben getan habe, daß jene Leute dort unten Weiße sind, und zwar solche Weiße, die Prärie nicht kennen, sonst hätten sie nicht versäumt, sich des trockenen Holzes zu bedienen.«

»Das ist wahrlich merkwürdig genug, und ich muß mich selbst davon überzeugen.«

»Was denken Sie zu tun?«

»Nun, ich will ganz einfach sehen, welche Leute das sind, die jenes Feuer angezündet haben.«

»Weshalb sollten Sie sich die Mühe geben, da ich es Ihnen sage?« »Wohl möglich; ich tue es aber zu meiner eigenen Überzeugung, denn seitdem wir beisammen sind, mein Freund, erzählen Sie mir so ungewöhnliche Dinge, daß ich ein für allemal wissen möchte, was ich Ohne die Einwände des Kanadiers anzuhören, weckte der junge Mann seinen Diener. »Was wünschen Sie, Herr Graf?« fragte dieser, sich die Augen reibend.

»Die Pferde! Schnell, Ivon!«

Der Bretone stand auf und sattelte die Pferde. Der Graf schwang sich in den Sattel, der Jäger folgte kopfschüttelnd seinem Beispiel, und alle drei sprengten rasch den Abhang hinunter.

»Sie werden sehen, Herr Eduard«, sagte Freikugel, »Sie werden sehen, daß ich recht hatte.«

»Das soll mich freuen; doch bin ich neugierig, mit eigenen Augen zu schauen.«

»Tun wir das, da Sie es wünschen. Erlauben Sie mir nur, vorauszureiten; denn da wir nicht wissen, welche Leute wir vor uns haben, ist es geraten, auf der Hut zu sein.« Damit stellte sich der Kanadier an die Spitze des kleinen Zuges.

Das Feuer, das der Graf von der Anhöhe aus bemerkt hatte, war keineswegs so nahe, wie er gemeint hatte; der Jäger war fortwährend genötigt, kreuz und quer im hohen Gras zu gehen, um den Büschen und dem Gestrüpp auszuweichen, die ihnen den Weg von allen Seiten versperrten, wodurch der Weg verlängert wurde und sie fast zwei Stunden zubrachten, ehe sie das Ziel ihrer Wanderung erreichten. Als sie endlich in geringer Entfernung des Feuers angekommen waren, das die Neugierde des Herrn de Beaulieu so lebhaft erregt hatte, blieb der Kanadier stehen und winkte seinen Begleitern, ein Gleiches zu tun. Diese gehorchten.

Freikugel sprang nun vom Pferd, reichte Ivon den Zügel seines Tieres, ergriff die Büchse mit der Rechten und sagte: »Ich gehe auf Entdeckung aus.«

»Gehen Sie«, antwortete der junge Mann kurz.

Herr de Beaulieu war ein Mann von bewährtem Mut, doch hatte er, seitdem er sich in der Prärie aufhielt, eingesehen, daß einem Feind gegenüber, der sich nur der Hinterlist und des Verrats bedient, der Mut ohne Vorsicht Torheit wäre. Er entsagte daher allmählich seinen früheren ritterlichen Ansichten und fing an, den Brauch der Wildnis anzunehmen, denn er hatte einsehen gelernt, daß bei einem Hinterhalt derjenige im Vorteil ist, der die Gegner, die ihm der Zufall zuführt, zuerst entdeckt. Der Graf erwartete also geduldig die Rückkehr des Jägers, der sich geräuschlos in das Gebüsch geschlichen hatte und nach der Richtung des Feuers verschwunden war. Er mußte ziemlich lange warten.

Endlich entstand nach ungefähr einer Stunde eine Bewegung in den Zweigen, und Freikugel trat von der entgegengesetzten Seite als der, von der er eingedrungen war, aus dem Gebüsch.

Jenes Feuer in der Ferne hatte den alten Waldläufer sehr beschäftigt, sobald es ihm der Graf von der Höhe des Hügels aus zeigte. Er war kaum allein, als er – dem alten Sprichwort gemäß, das lautet: »Von einem gegebenen Punkt zu einem anderen ist die krumme Linie die kürzeste«, dessen Wahrheit sich in der Prärie nie verleugnet – einen weiten Bogen machte, um womöglich die Spur der Leute zu entdecken, die er beobachten wollte, um daraus ungefähr schließen zu können, welche Art von Menschen er vor sich habe.

In der Wildnis fürchtet man nichts so sehr als das Zusammentreffen mit Menschen. Jeder Unbekannte wird auf den ersten Blick als Feind betrachtet; man redet sich daher in der Regel schon aus der Entfernung an, während man die Flinte anlegt und den Hahn spannt. Freikugel bemerkte mit jenem sicheren Blick, den er sich durch sein Leben in den Steppen erworben hatte, einen Kreis im Rasen, wo das Gras verwelkt und niedergetreten war, und er durfte daraus den gewissen Schluß ziehen, daß es die Stelle sei, wo die unbekannten Reisenden vorübergekommen waren.

Bald stand der Jäger, der sich fortwährend gebückt hielt, um nicht aufgespürt zu werden, am Rand einer etwa vier Fuß breiten Furche, deren anderes Ende sich in einem nahen Urwald verlor. Nachdem sich der Kanadier die nötige Zeit gegönnt hatte, um ein wenig zu verschnaufen, stemmte er den Kolben seiner Büchse auf den Boden und fing an, die tief in die Erde gedrückte Spur ernstlich zu betrachten.

Die Musterung währte ungefähr zehn Minuten, worauf er lächelnd den Kopf hob, seine Büchse über die Schulter warf und gelassen zu der Stelle zurückkehrte, wo er seine Gefährten verlassen hatte, ohne sich nur die Mühe zu nehmen, bis zu dem Feuer hinzugehen. Die kurze Untersuchung war hinreichend gewesen, ihn vollkommen zu unterrichten; er wußte alles, was er zu wissen verlangte.

»Nun, Freikugel, was bringen Sie Neues?« fragte der Graf, als er ihn erblickte. »Die Leute, deren Feuer wir gesehen haben, sind amerikanische Auswanderer, Schanzgräber, die ihr Zelt in der Wildnis aufschlagen. Es ist eine Familie, die aus sechs Personen – vier Männern und zwei Frauen – besteht. Sie haben einen Wagen bei sich, der ihr größeres Gepäck enthält, und eine ziemlich bedeutende Anzahl Vieh.«

»Steigen Sie wieder aufs Pferd, Freikugel, wir wollen die wackeren Leute willkommen heißen in der Wildnis!«

Der Jäger blieb unbeweglich stehen und stützte sich nachdenklich auf seine Büchse.

»Nun, mein Freund, haben Sie mich nicht verstanden?« fuhr der Graf fort. »Gewiß, Herr Eduard, ich habe Sie vollkommen verstanden; doch habe ich neben den Spuren der Auswanderer andere bemerkt, die mir verdächtig vorkommen, und ich würde vorschlagen, erst die Gegend zu durchspähen, ehe wir uns in ihr Lager wagen.«

»Was sind das für Spuren, mein Freund?« fragte der junge Mann eifrig. »Nun«, antwortete der Jäger, »Sie wissen doch, daß sich die Rothäute mit Recht oder Unrecht die Könige der Wildnis nennen und die Anwesenheit der Weißen auf keine Weise dulden wollen.«

»Ich muß gestehen, daß ich Ihnen darin nicht unrecht geben kann. Seit der Entdeckung Amerikas sind sie durch die Weißen aus allen ihren Ländereien vertrieben und in die Wildnis gedrängt worden. Sie haben daher vollkommen recht, wenn sie diesen letzten Zufluchtsort verteidigen.«

»Ich bin vollkommen Ihrer Meinung, Herr Graf, und finde, daß die Wildnis nur von den Indianern und den Jägern betreten werden sollte; die Amerikaner sind unglücklicherweise anderer Ansicht und verlassen fortwährend ihre Städte, um in das Innere einzudringen, sich bald hier, bald dort niederzulassen und die fruchtbarsten und am reichsten mit Wildbret gesegneten Landstriche an sich zu reißen.«

»Was können wir dagegen tun, mein Freund?« erwiderte der Graf lächelnd. »Es ist ein unabwendbares Übel und muß eben ertragen werden. Aber bis jetzt sehe ich nicht, was Sie mit jenen gewiß sehr treffenden, aber gegenwärtig etwas fern liegenden Betrachtungen bezwecken, und ich werde mich freuen, wenn Sie sich deutlicher aussprechen wollen.« »Das soll sogleich geschehen: An den Spuren habe ich erkannt, daß ein Indianertrupp der Fährte nachspürt und wahrscheinlich nur auf eine »Teufel! Das klingt ja bedenklich«, entgegnete der junge Mann. »Wahrscheinlich haben Sie die wackeren Leute vor der Gefahr gewarnt, die ihnen droht?«

»Ich? Keineswegs; ich habe nicht mit ihnen gesprochen, ja sie nicht einmal gesehen.«

»Wie? Sie haben sie nicht gesehen?«

»Nein; sobald ich die Fährte der Indianer erkannt hatte, bin ich eiligst umgekehrt, um mich mit Ihnen zu beraten.«

»Sehr schön; aber wenn Sie nicht bis zum Lager gegangen sind, wie konnten Sie wissen, daß es amerikanische Auswanderer, daß es sechs Personen – vier Männer und zwei Frauen – wären, kurz, wie haben Sie mir eine so genaue und bestimmte Beschreibung geben können?« »Das war leicht genug, glauben Sie mir«, antwortete der Jäger bescheiden. »Die Wildnis ist ein Buch, das die Hand Gottes geschrieben hat; und für denjenigen, der es zu lesen versteht, enthält es keine Geheimnisse. Ich habe die Spuren nur kurze Zeit prüfen müssen, um alles zu wissen, was ich Ihnen gesagt habe.«

Herr de Beaulieu blickte den Jäger verwundert an, denn obwohl er bereits seit sechs Monaten in der Prärie lebte, begriff er doch die Art Sehergabe noch nicht, die den Jäger in die Lage versetzte, alles zu enträtseln, was ihm dunkel blieb. »Aber«, sagte er, »vielleicht sind jene Indianer, deren Spur Sie entdeckt haben, ganz harmlose Jäger?«

Freikugel schüttelte den Kopf. »Unter den Indianern gibt es keine harmlosen Jäger«, sagte er. »Besonders dann nicht, wenn sie die Fährte der Weißen verfolgen. Jene Indianer gehören drei Raubstämmen an, und ich bin verwundert, sie beisammen zu finden. Wahrscheinlich haben sie etwas Ungewöhnliches vor, und das Niedermetzeln der Auswanderer wird wahrscheinlich nur Nebensache sein.«

»Was sind es für Indianer? Glauben Sie, daß es deren viele sind?« Der Jäger bedachte sich eine Weile. »Der Trupp, den ich entdeckt habe, ist wahrscheinlich nur die Vorhut einer größeren Anzahl«, antwortete er. »Soviel ich glaube, sind es deren höchstens vierzig; aber die Krieger der Rothäute marschieren mit der Geschwindigkeit einer Antilope; es ist unmöglich, sie genau zu zählen. Der gegenwärtige Trupp besteht aus Komantschen, Schwarzfüßen und Sioux oder Dakotas – das sind die drei »Ja«, bemerkte der Graf nach einigem Nachdenken, »wenn es jene Satane wirklich auf die Auswanderer abgesehen haben – wie es allerdings den Anschein hat – , scheinen mir die armen Amerikaner in einer unerfreulichen Lage zu sein.«

»Wenn kein Wunder geschieht, sind sie verloren«, versicherte der Jäger. »Was ist zu tun? Wie sollen wir sie warnen?«

»Sehen Sie sich vor, Herr Eduard, was Sie beginnen.«

»Wir können aber doch nicht zugeben, daß Menschen unserer Farbe beinahe unter unseren Augen abgeschlachtet werden; das wäre niederträchtig!«

»Ja, es wäre aber eine unverantwortliche Torheit, wenn wir uns zu ihnen gesellen wollten. Bedenken Sie doch, daß wir nur drei sind.« »Ich weiß es wohl«, erwiderte der junge Mann nachdenklich; »trotzdem werde ich nicht zugeben, daß wir jene armen Menschen verlassen, ohne wenigstens zu versuchen, ihnen beizustehen.«

»Hören Sie, wir können nur eins tun, und vielleicht wird uns Gott helfen.« »Heraus damit, und fassen Sie sich kurz, mein Freund, denn die Zeit drängt!«

»Aller Wahrscheinlichkeit nach haben uns die Indianer noch nicht ausgewittert, obwohl sie sich nicht weit von uns aufhalten müssen. Wir wollen vor allen Dingen nach der Stelle zurückkehren, wo wir gefrühstückt haben, weil man von dort aus die ganze Prärie überblicken kann. Die Indianer überfallen ihre Feinde nie vor vier Uhr morgens. Wir müssen uns ruhig verhalten und sie, sobald sie die Auswanderer angreifen, im Rücken anfallen. Wahrscheinlich werden sie über die unerwartete Hilfe, die Amerikaner erhalten, so verwundert sein, daß sie die Flucht ergreifen; denn die Dunkelheit der Nacht wird ihnen nicht gestatten, uns zu zählen, und sie werden niemals glauben, daß drei Männer unsinnig genug sind, sie auf solche Weise anzufallen.« »Das ist bei Gott ein guter Einfall«, antwortete der Graf lachend, »und eines so tapferen Jägers wie Freikugel vollkommen würdig. Kehren wir also auf unseren Posten zurück, und halten wir uns auf alle Fälle bereit.« Der Kanadier schwang sich wieder in den Sattel, worauf die drei Männer den Rückweg antraten. Freikugel nötigte sie aber, seiner Gewohnheit gemäß unzählige Umwege zu machen; wahrscheinlich in der Absicht, ihre Verfolger irrezuführen für den Fall, daß sie ihre Fährte aufspüren sollten. Sie erreichten den Gipfel der Anhöhe in dem Augenblick, wo die Sonne eben am Horizont verschwand. Beim Schein der letzten Strahlen der Abendsonne schimmerten alle Gegenstände in wechselnden Reflexen, die allmählich schwächer wurden. Der Wind hatte sich erhoben und fing an, die schlanken Wipfel der hohen Bäume zu bewegen. Das Geschrei der Hirsche, das Gebrüll der Bisons und das kurze Gebell der gelben Wölfe, deren dunkle Gestalten hier und da am Ufer des Stromes auftauchten, waren bereits mit dem dumpfen Knurren der Jaguare vermischt. Der Himmel verdunkelte sich mehr und mehr und fing bereits an, sich mit funkelnden Sternen zu schmücken.

Die drei Jäger setzten sich auf den Gipfel des Hügels und wählten dieselbe Stelle, die sie vor wenigen Stunden verlassen hatten, um nicht wieder dahin zurückzukehren, und trafen die Vorbereitungen zu ihrer Abendmahlzeit. Die Vorbereitungen waren bald beendet, denn die Vorsicht gebot ihnen, kein Feuer anzuzünden, da dieses den unsichtbaren Augen, die sicher in ihrer Nähe lauerten, ihre Nähe sofort verraten haben würde. Während sie einige Bissen Pemmikan (das getrocknete und pulverisierte Fleisch des Bisons) genossen hatten, hefteten sie ihre Blicke auf das Lager der Auswanderer, deren Feuer in der Dunkelheit vollkommen sichtbar war.

»Was meinen Sie?« fragte Freikugel. »Sind es nicht Leute, die vom Leben in der Wildnis nicht das geringste verstehen? Sie würden sich sonst wohl hüten, ein Feuer anzuzünden, das den Indianern auf zehn Meilen im Umkreis sichtbar ist.«

»Dieses Leuchtfeuer wird dazu dienen, uns zu leiten, wenn wir ihnen zu Hilfe kommen«, bemerkte der Graf.

»Gebe Gott, daß es nicht vergeblich sei!«

Nach beendeter Mahlzeit forderte der Jäger den Grafen und seinen Diener auf, einige Stunden zu schlafen. »Für den Augenblick haben wir nichts zu fürchten; lassen Sie mich für alle wachen, meine Augen sind daran gewöhnt, die Dunkelheit zu durchdringen.«

Der Graf ließ es sich nicht zweimal sagen; er wickelte sich in seinen Mantel und streckte sich auf den Boden. Zwei Minuten später waren beide – Freikugel setzte sich unter einen Baum und zündete seine Pfeife an, um sich die Langeweile der Nachtwache auf seine Weise zu vertreiben. Plötzlich neigte er sich vor, drückte das Ohr an den Erdboden und schien aufmerksam zu lauschen. Sein geübtes Ohr hatte einen fast unmerkbaren Laut vernommen, der aber allmählich näher zu kommen schien. Der Jäger lud geräuschlos seine Büchse und wartete.

Nach ungefähr einer Viertelstunde ließ sich ein leises Rauschen im Gebüsch vernehmen, die Zweige teilten sich, und ein Mann trat heraus. Jener Mann war Natah-Otann, der Sachem der Piekanns. 

3 Die Auswanderer

Als der Jäger auf Entdeckung ausging, hatte ihn seine alte Erfahrung nicht getrogen, und die Spuren, die er entdeckt hatte, rührten wirklich von einer Familie Auswanderer her. Da diese berufen ist, in unserer Erzählung eine gewisse Rolle zu spielen, wollen wir den Leser mit ihr bekannt machen und so kurz wie möglich erklären, durch welche Verkettung von Ereignissen sie gegenwärtig ihr Lager in den Prärien des oberen Mississippi oder, um mit den Gelehrten zu sprechen, an den Ufern des Missouri aufgeschlagen hat.

Die Geschichte eines Auswanderers ist die Geschichte aller. Es sind alles Leute, die eine zahlreiche Familie zu erhalten haben und sich in Verlegenheit befinden, wie sie ihren Kindern eine selbständige Existenz gründen sollen; entweder wegen der schlechten Beschaffenheit des Bodens, den sie bebauen, oder weil die Bevölkerung in solchem Grad zunimmt, daß jener Boden nach wenigen Jahren sehr bedeutend im Preis steigt.

Seit einigen Jahren ist der Mississippi zur Hauptverkehrsstraße für die Reise nach und von allen Marktplätzen der Alten und der Neuen Welt geworden. Jedes Schiff, das vorüberfährt, bietet den neuen Ansiedlern Gelegenheit, sich entweder durch Tausch oder gegen Geld die unentbehrlichsten Bequemlichkeiten des Lebens verschaffen zu können. Die Ansiedler haben sich daher zu beiden Seiten des Stromes ausgebreitet, der die Wasserstraße der Auswanderer ist, da diese die Aussicht haben, an den Ufern nicht nur gutes Land zu finden, sondern dieses auch eine Reihe von Jahren steuerfrei behalten zu können.

Für den Nordamerikaner hat das Wort Heimat in dem Sinne, wie wir es verstehen, keine Bedeutung, denn er ist nicht wie unsere Bauern seit Jahren an dieselbe Scholle gefesselt, die der ganzen Familie als Wohnort gedient hat. Der Boden hat nur in dem Grad Wert für ihn, als er Nutzen daraus zieht; sobald aber dessen Kraft erschöpft ist und sich der Kolonist vergebens bemüht hat, ihm die frühere Fruchtbarkeit wiederzugeben, ist sein Entschluß sofort gefaßt. Er entledigt sich der zu umfangreichen oder zu schwer zu transportierenden Gegenstände, behält an Dienern, Pferden und Hausgeräten nur das Allernötigste, nimmt Abschied von seinen Nachbarn, die ihm die Hand drücken – als ob eine solche Reise das einfachste Ding der Welt wäre -, und bricht an einem schönen Frühlingsmorgen beim Aufgang der Sonne munter auf, nachdem er der Stelle, wo er nebst seiner Familie so lange gelebt hat, einen letzten gleichgültigen Blick zugeworfen hat. Seine Gedanken schweifen bereits in die Ferne; er weiß von keiner Vergangenheit mehr, denn nur die Zukunft lächelt ihm verheißungsvoll entgegen und stärkt seinen Mut. Man kann sich nichts Einfacheres, Malerischeres und Ungekünstelteres denken als die Abreise einer Auswandererfamilie: Die Pferde sind an die Karren gespannt, auf denen die Betten und die kleinsten Kinder aufgeladen sind, während an den Seiten das Spinnrad und der Webstuhl befestigt sind und hinten ein Eimer voll Talg oder Teer hängt. Quer über den Wagen liegen die Beile, und in der Krippe der Pferde klappern Kessel und Kasserolle bunt durcheinander. Unter dem Wagen sind die Zelte und die Mundvorräte an Stricken befestigt. Darin besteht das Mobiliarvermögen des Auswanderers.

Der älteste Sohn oder ein Diener setzt sich auf das vorderste Pferd und die Frau des Auswanderers auf das andere. Der Familienvater schreitet mit seinen Söhnen, die Flinte über der Schulter tragend, bald vor, bald hinter dem Wagen und wacht nebst den nachfolgenden Hunden über das Vieh und die Sicherheit der Familie im allgemeinen. So reisen sie langsam durch ein unerforschtes Land, auf abscheulichen Straßen, die sie sich größtenteils selbst bahnen müssen; so trotzen sie der Kälte, der Hitze, dem Regen und dem Sonnenschein, kämpfen mit Indianern und reißenden Tieren, sehen bei jedem Schritt fast unüberwindliche Hindernisse vor sich, lassen sich aber durch keine Gefahr aufhalten, durch keine scheinbare Unmöglichkeit entmutigen.

Fast immer müssen sie monatelang wandern, doch hegen sie im Grunde ihres Herzens den unerschütterlichen Glauben an ihren Glücksstern, bis sie endlich einen Ort entdecken, der ihnen die Bedingungen des Gedeihens bietet, die sie so lange suchen. Aber ach! Wie viele Familien haben die amerikanischen Städte voll Hoffnung und Mut verlassen und sind verschwunden, ohne eine andere Spur ihrer Gegenwart zu hinterlassen als ihr gebleichtes Gebein und die Trümmer ihrer Geräte. Die Indianer liegen stets am Eingang der Wildnis auf der Lauer, überfallen die Karawanen, hauen die Auswanderer erbarmungslos nieder und schleppen Frauen und junge Mädchen in die Sklaverei. Auf solche Weise rächen sie sich an den Auswanderern für die Schändlichkeiten, deren Opfer sie seit undenklichen Zeiten gewesen sind, und setzen zu ihren Gunsten den mörderischen Kampf fort, den die Weißen bei ihrer Ankunft in Amerika begonnen haben und der seither ununterbrochen fortgedauert hat.